
Höher, schneller, weiter: Die Weltmeisterschaft der Superlative geht grandios in die Hose.
Schon wieder Trinkpause. Sie ist obligatorisch vorgeschrieben. Der Fußballweltverband FIFA hat diese Regelung hinter Fürsorglichkeit versteckt. Die Spieler sollen bei der Hitze keinen Schaden nehmen. Anordnung daher: Zwei Trinkpausen pro Halbzeit. Diese Pause gilt auch, wenn die Sonne nicht brennt. Dass die Unterbrechung als Werbepause genutzt werden kann, ist angeblich nur ein Nebeneffekt. Es geht den Funktionären selbstredend um die Gesundheit. Die FIFA liebt doch alle Menschen.
Die eingeschobene Werbung ist ein Ärgernis für den noch interessierten Zuschauer. Wesentlicher ist allerdings die Spielunterbrechung, die dem Spiel eine künstliche Atempause verschafft und Spielverläufe auf den Kopf stellt. Der Cooling Break nimmt die Dynamik aus dem Spiel. Oder dreht sie um. Unter spielstrategischen und taktischen Gesichtspunkten ist eine solche Spielpause ein radikaler Einschnitt. Sie unterbricht die Struktur, die jedem Spiel zu eigen ist und schadet gerade auch Mannschaften, die spielerisch unterlegen, aber gerade in einer beflügelten Spielphase stecken. Man opfert die Spielkultur und den Zufall der Werbung.
Verschiedene Spiele
Das ist keine neue Entwicklung. Seit vielen Jahren unterwerfen die Verbände das Spiel wachstumsrelevanten Aspekten. Sie nehmen Einfluss auf die Regularien, haben sogar ein ganz neues Spiel geschaffen. Hier könnte man mal die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko mit dem Ereignis vergleichen, das im Augenblick in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada stattfindet. Ist das noch derselbe Sport? Ein Tor, erzielt mit der Hand Gottes, kann es heute nicht mehr geben. Und einen atemberaubenden Tanz mit dem Ball über das halbe Spielfeld, wie Diego Armando Maradona es damals vollbrachte, wäre vielleicht einem Cooling Break zum Opfer gefallen.
Das Spiel hat sich stark an das amerikanische Pendant des Footballs angenähert. Einerseits ist es athletischer und schneller geworden, andererseits strotzt es vor Unterbrechungen. Der Videobeweis führt das Spielgeschehen ad absurdum, die Anhänger jubeln auf Verdacht. Erzielte Tore werden wegen eindeutiger Abseitsstellung zurückgenommen, wobei Eindeutigkeit oft nur Millimeterauslegung meint und nur durch technologische Mittel eindeutig zu bewundern sind.
Der weltweite Erfolg dieser Sportart gründete von Beginn an auf zwei Prämissen. Die erste ist so banal wie nachvollziehbar: Fußball konnte jeder überall und immer spielen. Man braucht nur ein Feld, eine Markierung für zwei Tore und einen Ball oder etwas, das dem nahekommt. Millionen von Kindern oder erwachsenen Laien wussten, sobald sie auf ein Spielfeld traten, dass sie dasselbe Spiel spielten wie die Großen dieses Sports. Zwischen Beckenbauer oder Cruyff und dem kickenden Laien gab es nur ein Unterscheidungskriterium: bessere Technik, mehr Kondition und höhere Spielintelligenz, anders gesagt: die höhere Güte des Spiels. Aber das Spiel selbst war dasselbe, man stürmte und verteidigte nach denselben Regeln, egal ob auf einer Wiese im Park oder im Nou Camp.
Heute spielt der Profibetrieb ein anderes Spiel. Dort ist das Spielfeld bis in den letzten Millimeter hinein ausgemessen und ausgeleuchtet. Der moderne Platz ist ein Überwachungsregime. Auf den Amateurfeldern geht es aber noch zu wie im Sommer 1986 in Mexiko, als der kleine Maradona hochsprang und mit seiner Hand nachhalf, um den Ball am englischen Torhüter Shilton vorbeizubugsieren. Abseitsfallen müssen dort nicht auf Millimeter justiert werden, denn das Spiel muss sich dort nur am menschlichen Auge orientieren.
Weniger Zufälligkeiten
Bevor wir zur zweiten Prämisse kommen, noch ein Wort zum Jungen aus Villa Fiorito, einer armen Stadt südlich von Buenos Aires. Heute wäre einer wie dieser geniale Spielmacher nicht mehr vorstellbar. In Nachwuchsleistungszentren hätte ein Maradona wegen Disziplinlosigkeit keine Chance. Seine Neigung zur Körperfülle würde ihn ebenfalls disqualifizieren. Die kommenden Stars werden heute so vermessen, wie der moderne Platz auch. Sie werden taktisch vorgeschult und ihre Spontanität hat dabei zurückzustehen. Genialität kann man damit nicht erzeugen, dafür aber Planbarkeit. Die Cheftrainer großer Klubs mögen es, wenn sie sich in den Nachwuchsabteilungen wie von der Stange bedienen können.
Maradona war ein Enfant terrible und ein Exzentriker. Aber der Fußball bot ihm dennoch eine Möglichkeit und eine Heimat. Das Spiel war damals noch nicht gentrifiziert. Man mutete dem Publikum noch Figuren zu, die es im echten Leben vielleicht mied. Seine Trainer wussten, dass dieser Spieler kaum zu zügeln ist. Taktischen Anweisungen folgte er je nach Laune. Der heutige Fußball hätte Maradona schon ausgesiebt, bevor er überhaupt Profi geworden wäre.
Die andere Qualität, die den Fußballsport so groß werden ließ, kann man mit einem Wort erklären: Zufall. Fußball war von Anfang an, als noch zwei gegnerische Reihen wie in einer epischen Schlacht aufeinander zu liefen, ein Spiel des Zufalles. Hält man den Fuß nur um einen halben Grad anders, bekommt der Ball eine andere Drehung und das Spiel lässt sich von den Füßen auf den Kopf stellen. Die taktische Versiertheit, die über Jahrzehnte den Fußball immer wieder neu formte, hat den Zufall nie abschaffen können. Jede Taktik, die sich Fußballlehrer im Laufe der Jahrzehnte ersonnen hatten, war auch immer der Versuch, die eigene Mannschaft vor leidigen Zufällen bewahren zu wollen.
Die Fans liebten es, dass das nie völlig gelang. Noch immer konnte der TSV Vestenbergsgreuth den großen FC Bayern bezwingen. Ein Torschuss konnte genügen und die Sensation war perfekt. Im Basketball fiel eine solche Außenseiterchance von jeher viel geringer aus, auch weil die Ergebnisse höher ausfallen und der Zufall sich im Gesamtergebnis amortisiert. Ein Spiel, bei dem vielleicht ein Treffer entscheiden kann, ist von Natur aus weniger zufallsresistent. Außerdem begünstigt der Fuß den Zufall, mit den Händen sind Bewegungsabläufe präziser. Griechenland wurde 2004 überraschend Europameister, weil Trainer Otto Rehhagel es verstand, den Griechen eine Spielweise anzuerziehen, die einerseits den Zufall gegen sie eindämmen und den Zufall gegen den Gegner gnadenlos ausnutzen sollte. Überraschungen dieser Art sind selten geworden, weil die großen Vereine bei den Verbänden längst Gehör gefunden haben.
Stabilität vor Attraktivität
Vereine sind Unternehmen. Auch wenn diese nicht in einem klassischen Markt operieren, so wollen sie Stabilität. Je größer ein Klub, desto mehr davon ist nötig, um die wachsenden Kosten weiterhin bewerkstelligen zu können. Für Vorstände solcher Vereine ist die Vorstellung grauenhaft, in einem wichtigen Turnier schon früh auszuscheiden. Daher mögen sie das K.O.-System nicht. Sie haben eine Vorliebe für lange Gruppenphasen, in denen mehrere Heimspiele fest eingeplant werden können. Der europäische Verband UEFA hat deswegen im Laufe der letzten Jahrzehnte die Champions League, später auch die Europa League und dann die neu erfundene Conference League mit verschiedenen Liga-Modi ausgestattet. Ziel war es, den großen Vereinen die Stabilität zu geben, die sie für ihre Finanzplanung benötigen.
Danach setzte man auf einen Kampf für die Nettospielzeit. Zum Repertoire kleiner Teams gehörte es, auf Zeit zu spielen. Das war eine der vielen Kunstformen auf dem Platz. Zeitspiel war nicht schön anzusehen, aber für kleinere Teams effektiv und Garant für einen Zufallssieg. Die Big Player wurden fast verrückt bei dem Gedanken, dass sie um ihre Millionen gebracht werden können, nur weil nicht genug Spielzeit übrig ist. Mittlerweile gewinnen Mannschaften oft in den 100. Minute, obwohl das Spiel nur 90 Minuten dauert.
Die Ausmessung des Spielfeldes mit technologischen Mitteln, die Torlinientechnik und der Video-Schiedsrichter gehören ebenfalls zu dieser Entwicklung. Als sich Deutschland 1966 im Wembley ein Tor einfing, das vermutlich keines war, gaben sich die deutschen Kicker nobel. Sie wollten 20 Jahre nach dem Krieg keine schlechten Verlierer sein. Jedem Vereinsboss plagt aber der Alptraum, eines Tages ein wichtiges und millionenschweres Spiel durch so eine Fehlentscheidung zu verlieren. Sollte ein Linienrichter einem Verein Millionen kosten dürfen? Natürlich nicht, daher hat der moderne Fußball solche Zufälle durch menschliches Versagen ausgedünnt.
Der ganze Sport lebte aber von Diskussionen über solche Fehlentscheidungen und Zufälle. Über 1986 sprechen Fans noch heute. Werden im Jahr 2054 Anhänger dieses Nachfolgespiels des Fußballs noch auf 2026 blicken und sich an etwas erinnern können, was sich von Einheitsbrei dieses modifizierten Spiels abhob? Diese aktuelle Weltmeisterschaft geht in die Hose, weil es keinen Fußball mehr zeigt, sondern eine Kirmes muskulöser Waden und stylischer Trikots, bei der es keine neuen taktischen Innovationen mehr auf dem Platz geben kann. Der Fußball von früher war auch ein Spiel mit dem Geld. Das war dieser Sport schon immer. Aber auf dem Feld lag dennoch Variation, Überraschung und das Unorthodoxe. Fußball konnte eine Wundertüte sein. Heute ist das, was aus dem Fußball wurde, ein Verhütungsmittel.
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Fussball ist Kommerz, schon seit langem.
Die Leute werden sich dran gewöhnen, wie bei allem vorher.
Ich hab immer gern Fussball gespielt aber nie gern im Fernsehen geguckt.
Mit einigem Mitgefühl lese ich das jähe Erwachen von Herrn Stuhlfauth, der die immanente Wahrheit, die dem Fußball seit der Bildung von vorselektierten Teams innewohnt, seitdem es Länder- & Nationalteams gibt, erkannt hat. Selbst zu spielen ist Sport, sobald eine Eintrittskarte gekauft wird (dazu gehört TV), ist es Show.
Die Show verschiebt sich immer weiter vom „mit Zufall ausgestattetem Entertainment“ zur wirtschaftlichen und natürlich politischen (Selbst-) Inszenierung. Das ist nicht überraschend oder neu und für alle, die mal ein „großes Sportereignis“ intensiv mit Auge und Geist verfolgt haben, nicht weiter erwähnenswert.
Dennoch ist es nicht schön, mitanzusehen, wie jemandem etwas, das als besonderes, höheres, gar heiliges Ereignis umarmt wurde, genommen wird. Allerdigs würde ich mit einem Augenzwinkern wetten, dass Hermann Stuhlfauth auch zukünftig »Verhütungsmittel« nehmen wird.
Als die USA die letzte WM ausrichteten fragten sie allen Ernstes an, ob man statt zwei Halbzeiten nicht drei Drittel spielen könnte, um nehr Werbung schalten zu können. Damals lachte man sie dafür sus. Jetzt werden sogar Viertel gespielt….
Jetzt wird der seichte Overton-Empörungsboulevard auch schon auf Fussball ausgeweitet. Oh je. Früher war alles besser, auch dem unfairen Zeitspiel von damals (Ball zurück zum Torhüter in die Hände, Auswurf, wieder zurück in die Handschuhe) wird gehuldigt. Und nur schon im 4. Satz eine falsche Aussage (zwei Trinkpausen pro Halbzeit). Da heult der Schreibende auf sehr tiefen Niveau rum. Nun gut, die ewigen Fussballromantiker haben’s halt schwer heutzutage. und ganz ernst ist es ja nicht gemeint. Trotzdem viel Erfolg der deutschen Mannschaft.
Und Fussball ist sowieso ein Rumheulsport. Gibt’s den VAR heulen die Romantiker, gibt’s den VAR nicht heulen alle anderen rum, aber natürlich nur, wenn es zum Nachteil des eigenen Teams ist. Sonst ist der VAR dann plötzlich doch ok.
Jegliche Kritik an der Überkommerzialisierung der FIFA sind mehr als berechtigt, die Preise eine Sauerei und die Heuchelei sowieso.