Den Fußball gibt es nicht mehr

Science World in Vancouver during 2026 FIFA World Cup
Quintin Soloviev, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Höher, schneller, weiter: Die Weltmeisterschaft der Superlative geht grandios in die Hose.

Schon wieder Trinkpause. Sie ist obligatorisch vorgeschrieben. Der Fußballweltverband FIFA hat diese Regelung hinter Fürsorglichkeit versteckt. Die Spieler sollen bei der Hitze keinen Schaden nehmen. Anordnung daher: Zwei Trinkpausen pro Halbzeit. Diese Pause gilt auch, wenn die Sonne nicht brennt. Dass die Unterbrechung als Werbepause genutzt werden kann, ist angeblich nur ein Nebeneffekt. Es geht den Funktionären selbstredend um die Gesundheit. Die FIFA liebt doch alle Menschen.

Die eingeschobene Werbung ist ein Ärgernis für den noch interessierten Zuschauer. Wesentlicher ist allerdings die Spielunterbrechung, die dem Spiel eine künstliche Atempause verschafft und Spielverläufe auf den Kopf stellt. Der Cooling Break nimmt die Dynamik aus dem Spiel. Oder dreht sie um. Unter spielstrategischen und taktischen Gesichtspunkten ist eine solche Spielpause ein radikaler Einschnitt. Sie unterbricht die Struktur, die jedem Spiel zu eigen ist und schadet gerade auch Mannschaften, die spielerisch unterlegen, aber gerade in einer beflügelten Spielphase stecken. Man opfert die Spielkultur und den Zufall der Werbung.

Verschiedene Spiele

Das ist keine neue Entwicklung. Seit vielen Jahren unterwerfen die Verbände das Spiel wachstumsrelevanten Aspekten. Sie nehmen Einfluss auf die Regularien, haben sogar ein ganz neues Spiel geschaffen. Hier könnte man mal die Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko mit dem Ereignis vergleichen, das im Augenblick in den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada stattfindet. Ist das noch derselbe Sport? Ein Tor, erzielt mit der Hand Gottes, kann es heute nicht mehr geben. Und einen atemberaubenden Tanz mit dem Ball über das halbe Spielfeld, wie Diego Armando Maradona es damals vollbrachte, wäre vielleicht einem Cooling Break zum Opfer gefallen.

Das Spiel hat sich stark an das amerikanische Pendant des Footballs angenähert. Einerseits ist es athletischer und schneller geworden, andererseits strotzt es vor Unterbrechungen. Der Videobeweis führt das Spielgeschehen ad absurdum, die Anhänger jubeln auf Verdacht. Erzielte Tore werden wegen eindeutiger Abseitsstellung zurückgenommen, wobei Eindeutigkeit oft nur Millimeterauslegung meint und nur durch technologische Mittel eindeutig zu bewundern sind.

Der weltweite Erfolg dieser Sportart gründete von Beginn an auf zwei Prämissen. Die erste ist so banal wie nachvollziehbar: Fußball konnte jeder überall und immer spielen. Man braucht nur ein Feld, eine Markierung für zwei Tore und einen Ball oder etwas, das dem nahekommt. Millionen von Kindern oder erwachsenen Laien wussten, sobald sie auf ein Spielfeld traten, dass sie dasselbe Spiel spielten wie die Großen dieses Sports. Zwischen Beckenbauer oder Cruyff und dem kickenden Laien gab es nur ein Unterscheidungskriterium: bessere Technik, mehr Kondition und höhere Spielintelligenz, anders gesagt: die höhere Güte des Spiels. Aber das Spiel selbst war dasselbe, man stürmte und verteidigte nach denselben Regeln, egal ob auf einer Wiese im Park oder im Nou Camp.

Heute spielt der Profibetrieb ein anderes Spiel. Dort ist das Spielfeld bis in den letzten Millimeter hinein ausgemessen und ausgeleuchtet. Der moderne Platz ist ein Überwachungsregime. Auf den Amateurfeldern geht es aber noch zu wie im Sommer 1986 in Mexiko, als der kleine Maradona hochsprang und mit seiner Hand nachhalf, um den Ball am englischen Torhüter Shilton vorbeizubugsieren. Abseitsfallen müssen dort nicht auf Millimeter justiert werden, denn das Spiel muss sich dort nur am menschlichen Auge orientieren.

Weniger Zufälligkeiten

Bevor wir zur zweiten Prämisse kommen, noch ein Wort zum Jungen aus Villa Fiorito, einer armen Stadt südlich von Buenos Aires. Heute wäre einer wie dieser geniale Spielmacher nicht mehr vorstellbar. In Nachwuchsleistungszentren hätte ein Maradona wegen Disziplinlosigkeit keine Chance. Seine Neigung zur Körperfülle würde ihn ebenfalls disqualifizieren. Die kommenden Stars werden heute so vermessen, wie der moderne Platz auch. Sie werden taktisch vorgeschult und ihre Spontanität hat dabei zurückzustehen. Genialität kann man damit nicht erzeugen, dafür aber Planbarkeit. Die Cheftrainer großer Klubs mögen es, wenn sie sich in den Nachwuchsabteilungen wie von der Stange bedienen können.

Maradona war ein Enfant terrible und ein Exzentriker. Aber der Fußball bot ihm dennoch eine Möglichkeit und eine Heimat. Das Spiel war damals noch nicht gentrifiziert. Man mutete dem Publikum noch Figuren zu, die es im echten Leben vielleicht mied. Seine Trainer wussten, dass dieser Spieler kaum zu zügeln ist. Taktischen Anweisungen folgte er je nach Laune. Der heutige Fußball hätte Maradona schon ausgesiebt, bevor er überhaupt Profi geworden wäre.

Die andere Qualität, die den Fußballsport so groß werden ließ, kann man mit einem Wort erklären: Zufall. Fußball war von Anfang an, als noch zwei gegnerische Reihen wie in einer epischen Schlacht aufeinander zu liefen, ein Spiel des Zufalles. Hält man den Fuß nur um einen halben Grad anders, bekommt der Ball eine andere Drehung und das Spiel lässt sich von den Füßen auf den Kopf stellen. Die taktische Versiertheit, die über Jahrzehnte den Fußball immer wieder neu formte, hat den Zufall nie abschaffen können. Jede Taktik, die sich Fußballlehrer im Laufe der Jahrzehnte ersonnen hatten, war auch immer der Versuch, die eigene Mannschaft vor leidigen Zufällen bewahren zu wollen.

Die Fans liebten es, dass das nie völlig gelang. Noch immer konnte der TSV Vestenbergsgreuth den großen FC Bayern bezwingen. Ein Torschuss konnte genügen und die Sensation war perfekt. Im Basketball fiel eine solche Außenseiterchance von jeher viel geringer aus, auch weil die Ergebnisse höher ausfallen und der Zufall sich im Gesamtergebnis amortisiert. Ein Spiel, bei dem vielleicht ein Treffer entscheiden kann, ist von Natur aus weniger zufallsresistent. Außerdem begünstigt der Fuß den Zufall, mit den Händen sind Bewegungsabläufe präziser. Griechenland wurde 2004 überraschend Europameister, weil Trainer Otto Rehhagel es verstand, den Griechen eine Spielweise anzuerziehen, die einerseits den Zufall gegen sie eindämmen und den Zufall gegen den Gegner gnadenlos ausnutzen sollte. Überraschungen dieser Art sind selten geworden, weil die großen Vereine bei den Verbänden längst Gehör gefunden haben.

Stabilität vor Attraktivität

Vereine sind Unternehmen. Auch wenn diese nicht in einem klassischen Markt operieren, so wollen sie Stabilität. Je größer ein Klub, desto mehr davon ist nötig, um die wachsenden Kosten weiterhin bewerkstelligen zu können. Für Vorstände solcher Vereine ist die Vorstellung grauenhaft, in einem wichtigen Turnier schon früh auszuscheiden. Daher mögen sie das K.O.-System nicht. Sie haben eine Vorliebe für lange Gruppenphasen, in denen mehrere Heimspiele fest eingeplant werden können. Der europäische Verband UEFA hat deswegen im Laufe der letzten Jahrzehnte die Champions League, später auch die Europa League und dann die neu erfundene Conference League mit verschiedenen Liga-Modi ausgestattet. Ziel war es, den großen Vereinen die Stabilität zu geben, die sie für ihre Finanzplanung benötigen.

Danach setzte man auf einen Kampf für die Nettospielzeit. Zum Repertoire kleiner Teams gehörte es, auf Zeit zu spielen. Das war eine der vielen Kunstformen auf dem Platz. Zeitspiel war nicht schön anzusehen, aber für kleinere Teams effektiv und Garant für einen Zufallssieg. Die Big Player wurden fast verrückt bei dem Gedanken, dass sie um ihre Millionen gebracht werden können, nur weil nicht genug Spielzeit übrig ist. Mittlerweile gewinnen Mannschaften oft in den 100. Minute, obwohl das Spiel nur 90 Minuten dauert.

Die Ausmessung des Spielfeldes mit technologischen Mitteln, die Torlinientechnik und der Video-Schiedsrichter gehören ebenfalls zu dieser Entwicklung. Als sich Deutschland 1966 im Wembley ein Tor einfing, das vermutlich keines war, gaben sich die deutschen Kicker nobel. Sie wollten 20 Jahre nach dem Krieg keine schlechten Verlierer sein. Jedem Vereinsboss plagt aber der Alptraum, eines Tages ein wichtiges und millionenschweres Spiel durch so eine Fehlentscheidung zu verlieren. Sollte ein Linienrichter einem Verein Millionen kosten dürfen? Natürlich nicht, daher hat der moderne Fußball solche Zufälle durch menschliches Versagen ausgedünnt.

Der ganze Sport lebte aber von Diskussionen über solche Fehlentscheidungen und Zufälle. Über 1986 sprechen Fans noch heute. Werden im Jahr 2054 Anhänger dieses Nachfolgespiels des Fußballs noch auf 2026 blicken und sich an etwas erinnern können, was sich von Einheitsbrei dieses modifizierten Spiels abhob? Diese aktuelle Weltmeisterschaft geht in die Hose, weil es keinen Fußball mehr zeigt, sondern eine Kirmes muskulöser Waden und stylischer Trikots, bei der es keine neuen taktischen Innovationen mehr auf dem Platz geben kann. Der Fußball von früher war auch ein Spiel mit dem Geld. Das war dieser Sport schon immer. Aber auf dem Feld lag dennoch Variation, Überraschung und das Unorthodoxe. Fußball konnte eine Wundertüte sein. Heute ist das, was aus dem Fußball wurde, ein Verhütungsmittel.

Hermann Stuhlfauth

Hermann Stuhlfauth war jahrelang Bundesliga-Manager. Dann stürzte sein Anstoss-3-Spielstand ab. Sport ist nur gut, wenn man zuschaut. Fußball ist belanglos. Aber oft sind unwichtige Themen die wichtigsten.
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35 Kommentare

  1. Fussball ist Kommerz, schon seit langem.
    Die Leute werden sich dran gewöhnen, wie bei allem vorher.
    Ich hab immer gern Fussball gespielt aber nie gern im Fernsehen geguckt.

  2. Mit einigem Mitgefühl lese ich das jähe Erwachen von Herrn Stuhlfauth, der die immanente Wahrheit, die dem Fußball seit der Bildung von vorselektierten Teams innewohnt, seitdem es Länder- & Nationalteams gibt, erkannt hat. Selbst zu spielen ist Sport, sobald eine Eintrittskarte gekauft wird (dazu gehört TV), ist es Show.
    Die Show verschiebt sich immer weiter vom „mit Zufall ausgestattetem Entertainment“ zur wirtschaftlichen und natürlich politischen (Selbst-) Inszenierung. Das ist nicht überraschend oder neu und für alle, die mal ein „großes Sportereignis“ intensiv mit Auge und Geist verfolgt haben, nicht weiter erwähnenswert.
    Dennoch ist es nicht schön, mitanzusehen, wie jemandem etwas, das als besonderes, höheres, gar heiliges Ereignis umarmt wurde, genommen wird. Allerdigs würde ich mit einem Augenzwinkern wetten, dass Hermann Stuhlfauth auch zukünftig »Verhütungsmittel« nehmen wird.

  3. Als die USA die letzte WM ausrichteten fragten sie allen Ernstes an, ob man statt zwei Halbzeiten nicht drei Drittel spielen könnte, um nehr Werbung schalten zu können. Damals lachte man sie dafür sus. Jetzt werden sogar Viertel gespielt….

  4. Jetzt wird der seichte Overton-Empörungsboulevard auch schon auf Fussball ausgeweitet. Oh je. Früher war alles besser, auch dem unfairen Zeitspiel von damals (Ball zurück zum Torhüter in die Hände, Auswurf, wieder zurück in die Handschuhe) wird gehuldigt. Und nur schon im 4. Satz eine falsche Aussage (zwei Trinkpausen pro Halbzeit). Da heult der Schreibende auf sehr tiefen Niveau rum. Nun gut, die ewigen Fussballromantiker haben’s halt schwer heutzutage. und ganz ernst ist es ja nicht gemeint. Trotzdem viel Erfolg der deutschen Mannschaft.

    Und Fussball ist sowieso ein Rumheulsport. Gibt’s den VAR heulen die Romantiker, gibt’s den VAR nicht heulen alle anderen rum, aber natürlich nur, wenn es zum Nachteil des eigenen Teams ist. Sonst ist der VAR dann plötzlich doch ok.

    Jegliche Kritik an der Überkommerzialisierung der FIFA sind mehr als berechtigt, die Preise eine Sauerei und die Heuchelei sowieso.

    1. Werter Herr Gamser, was bitte ist daran „seicht“?

      Diesen „seichten Empörungsboulevard“ den Fußball und viele andere Themen betreffend wünsche ich mir von ARD, BILD, RTL, FAZ, SZ, WELT, ZDF und den anderen Mainstream-Propaganda-Medien. Dort bekomme ich

      keine Gesellschaftskritik,
      keine Kritik an der asozialen Politik der Regierung,
      keine Kritik an Kriegstreibern,
      keine Kritik an der obszönen Schere zwischen Arm und „Superreich“,
      keine Kritik an Steueroasen,
      keine Kritik am Sozial(staats)abbau,
      keine Kritik an Politikern, die Geringverdiener gegen Arbeitslose aufhetzen, weil die Mainstream-Propaganda-Medien das selbst machen, und
      keine Kritik an korrupten Politikern, die sich die Taschen auf Kosten der Allgemeinheit vollstopfen, aber von den Normalverdienern fordern, den Gürtel enger zu schnallen.

      Früher war nicht alles besser. Wer behauptet denn so was? Wenn man in der Geschichte der Menschheit ganz weit zurückgeht, dann haben die Gladiatoren früher in der Arena zur Bespaßung des Volkes nicht mit dem Ball aka „rundes Leder“, sondern mit dem scharfen Schwert, der spitzen Lanze oder dem spitzen Speer bis zum Tode gekämpft bzw. kämpfen müssen. Sogar bei den Ritterspielen im Mittelalter kam es manchmal zu tödlichen Zwischenfällen. Das will doch heute, von ein paar rechten Extremisten abgesehen, fast niemand mehr.

      Der Umkehrschluss gilt allerdings auch nicht. Nicht alles, was heute als modern, als „woke“, als „Reform“, als Neugestaltung und als Fortschritt verkauft wird, ist auch ein Fortschritt für alle Menschen. Manche Politiker, Wähler, Bürger usw. schreiten mit ihren Designer-Schuhen für 1.290 Euro drei Schritte vorwärts, aber intellektuell, kulturell, sozial und demokratisch zwei Schritte zurück.

      Oder sehen Sie das anders?

      1. „keine Gesellschaftskritik,
        keine Kritik an der asozialen Politik der Regierung,
        keine Kritik an Kriegstreibern,
        keine Kritik an der obszönen Schere zwischen Arm und „Superreich“,
        keine Kritik an Steueroasen,
        keine Kritik am Sozial(staats)abbau,
        keine Kritik an Politikern, die Geringverdiener gegen Arbeitslose aufhetzen, …“

        Respekt… Sie verfügen offenbar exklusiv über einen Zugang für Auserwählte, die exakt mit den von Ihnen gewünschten Themen „beglückt“ werden?
        Der Rest schaut und schaut, und schaut in die seichte Röhre.

        Übrigens:
        „Gladiatoren …mit dem scharfen Schwert, der spitzen Lanze oder dem spitzen Speer bis zum Tode gekämpft bzw. kämpfen müssen. Sogar bei den Ritterspielen im Mittelalter kam es manchmal zu tödlichen Zwischenfällen.“
        Man sollte dabei nicht vergessen, dass es Brot für die Zuschauer UND Spiele zur „Unterhaltung “ gab, bei denen aber keine obszönen Einkünfte für „Spielendinnen“ und Rest generiert wurden. Die ausgehungerten Löwen und fußlahmen Christen hatten sicher auch weniger Spaß.

        Und Ritterspiele – der frühe Vorgänger von Polo – waren weder Show für den Pöbel, noch geeignet zum monetären Zugewinn, sondern Selbstdarstellung zum Zwecke der Erhöhung innerhalb der eigenen Kaste.
        Kollateralschäden sind dabei eingepreist.

        „Das will doch heute… fast niemand mehr.“
        Dafür sollte man nicht leichtfertig sein Hand ins Feuer legen!
        Seit Menschengedenken ist es ein erprobtes öffentliches Vergnügen, ANDERE leiden zu sehen.
        Ob beim Opfern, Verbrennen von Hexen, öffentlichen Hinrichtungen, Denunziationen oder die (noch) verbalen Aussetzer auf Blinddärme etc.
        Bei entsprechender Vorbereitung und Vermarktung lassen sich definitiv viele Liebhaber des öffentlichen Spektakels finden – garantiert!

  5. Die totale Kommerzialisierung eben. Wie immer im Kapitalismus. Kann man das beim Public Viewing zur Sprache bringen? Besser nicht.
    Das einzige Mittel, das man hat, ist anarchistische Unterminierung. Etwa, indem man sich erkundigt, um was für eine Sportart es sich handelt. Fußball? Ach! Danke.
    Oder über den Nagelsmann schimpf, welcher noch kein einziges Tor geschossen hat.

    Sowas. Das muss genügen.

    1. Einfach nicht hingehen. Keine überteuerten Trikots oder anderen Klimbim kaufen und auch die überteuerten Getränke meiden. Mit Boykott trifft man den Kommerz dort wo es weh tut. Stattdessen kann man mal beim örtlichen Kickerverein fragen ob man helfen kann und wann das nächste Spiel ist.

  6. Ja genau: Haltung zeigen – und dabei im eigenen Frust absaufen… So ändert ihr die Welt! Und keinen interressiert’s. Dieses Problem wurde selbst im Mainstream zur Genüge thematisiert.

    1. „Haltung“ ist das Wichtigste außerhalb des Lebens selbst.
      Denn nur die „Haltung“ hält das Gewissen rein und verleiht dem Tag Struktur die der Mensch braucht.
      Wenn wir mehr Haltung in unserem Dasein hätten, wäre es nie soweit gekommen.

      1. Kommt auf die Haltung an; auf jene, welche uns von den Medien täglich mit Nachdruck eingebläut werden soll, kann ich verzichten.

        1. Eben, aber es erklärt warum die Spaltung immer bestehen bleiben wird, weil jeder von seiner Haltung überzeugt ist.
          Die Masse sind einfach ganz gemeine Opportunisten oder auch Mitläufer die nichts zu sagen haben.
          Ich kenne beide Seiten, weil ich immer zwischen den Stühlen gesessen habe.
          Bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir klar wurde welchen Weg ich gehen muss um meine Seele rein zu halten.

          1. Nur bezog sich mein Kommentar nicht auf dich und schon gar nicht ausschliesslich auf dich! Das es auch anders geht, als Spaltung & Haltung als alternativlos hinzunehmen, lässt sich folgendem Gespräch mit der Chefredakteurin für den Bereich Politik der Berliner Zeitung entnehmen:

            https://m.youtube.com/watch?v=_DV3HvhG9oE&pp=QAFIAdIHCQmoAp4VBgUm4g%3D%3D#

            Die eigene im Laufe eines langen Lebens ausgebildete Meinung zu überdenken, zumindest in Teilen, kann jedenfalls nicht schaden. Nicht alle sind komplett lernresistent, aber hör‘ & schau selbst! LG

            1. Boah…über 3 Stunden …hab reingehört, sehr authentische Dame, aber so einen richtigen Bezug auf unser Thema hab ich nicht rausgehört.

              1. Kurz: Kritisch bleiben, aber mit dem Versuch verbunden, sich nicht zu bekriegen, weil man meint die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben. LG

                1. Irgendwann, in nicht all zu weiter Ferne, wird es heißen wir oder die, aber bis dahin wird es gar kein wir mehr geben.

  7. Wirklich Fußballfans interessieren sich für den eigenen Verein, die WM geht ihnen am A. vorbei. Mein Verein spielt in der 3 österreichischen Liga, oft vor 3000 bis 4000 ZuseherInnen. Ohne Videobeweis und Trinkpausen. Die Stimmung ist toll, auch wenn man fast eine viertel Stunde ums Bier angestellt ist. Wiener-Sportclub heißt der Verein. Pflicht bei jedem Wienbesuch! Und Karten bekommt man vor dem Spiel am Schalter, Stehplatz um 12 Euro.

  8. Mein Essay von 2012

    Ich bin der Meinung, dass diese Fußball verrückten, die es seit Dekaden durch die breite Masse jeglicher Couleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen.
    Hier geht es um eine Form der “Solidarisierung mit dem Deutschen Volk”, die mit der Realität leider nichts mehr zu tun hat.
    Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg.
    Die völlig korrupte FIFA, die Trainer, Manager und sonstigen Sponsoren, erfüllen alles andere als eine Vorbildfunktion in dieser Gesellschaft.
    Es vergeht kaum ein Tag da Fußball, das Zugpferd im Sport des kapitalistischen Betriebs nicht ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks von sich reden macht.
    Um dann solchen Leuten auch noch ein Bundesverdienstkreuz zu verpassen. (Sepp Blatter). Auch ein Herr Hoeneß ist eben kein Vorbild in unserer neoliberalistischen Gesellschaft, war aber auch nicht wirklich anders zu erwarten.
    Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz-Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert.
    Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000″ Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”. Das sollte euch zu denken geben….

    Panem et circenses.

  9. Dieser ganze kommerzielle Dreck der sportlichen Tüchtigkeit und ihre Fördere, gehören in die Tonne getreten
    Da dieser „Sport“ und jegliche anderen Sportarten komplett unterwandert sind.
    Sport oder Gesundheitsfördernde Massnahmen sind wichtig, aber alle diese täglichen Ivents, sind komplett ausser Rand und Band.
    Vor ein paar Jahren lebte ich auf Bali, sah, zwischen 0400-0600 jeden Morgen eine kleine Gruppe von älteren Damen und Herren, die ihre chinesischen Traditionen praktizierten und ich meine durchgeführt hatte.
    Der Mensch ist heut zutage mit zu viel ‚Müll‘ konfrontiert, anstatt sich auf seines zu besessen.
    Je mehr WIR uns besinnen als Menschen, desto mehr Menschlichkeit werden wir. erfahren.
    Und das ganz ohne Politik der Grausamkeiten….

  10. Musste letztens in der Bar nebenan eine WM-Übertragung erdulden. Das war sofort klar, dass die „Hydrierungspausen“ schlicht für Unterbrecherwerbung da waren. Ansonsten völlig langweilig, ein ständig wiederholtes drehendes güldenes „FIFA“ im Bild bei ¨Ruckblenden eine ständige Erinnerung daran wie tief die FIFA in Trumps Hintern steckt. Diese Bar besuch ich so schnell nicht wieder.

  11. Fussball, immer diese Randsportarten! 😉
    Vor 20 Jahren hab ich das auch noch gerne geschaut. Und was haben wir gespielt … auf dem Platz und an der Konsole.
    Aber da gab es wenigstens noch Charaktere.
    Ja, das waren noch Zeiten … *träum*
    Heute sehen alle Fussballer gleich aus, bis auf die Frisur vielleicht und reden auch den gleichen weichgespülten Unsinn.
    Ich für meinen Teil habe jedenfalls die Lust auf Bundesliga, EM, WM und Ähnliches verloren.
    Kein Interesse zu sehen wie sich 22 Millionäre um einen Ball streiten.
    Aber das gilt selbstverständlich nur für mich. 😉

  12. Ich kann hier praktisch allen Kommentaren im Großen und Ganzen zustimmen.
    Da hat jeder ein paar brauchbare Aspekte beigetragen, auch Monsieur TM 1974.

    Aber im Grunde genommen ist es doch ganz einfach: Alles was der Kapitalismus maximal infiziert hat und dann auch noch national ausgebauscht wird, wie so eine WM, verliert jedwede Schönheit und echte Freude, die es ganz früher vielleicht einmal hatte.

    Zu der Werbung habe ich noch eine ganz einfache Fantasie: Man stelle sich einfach nur mal vor, man würde Werbung komplett verbieten, nur diese eine Maßnahme…. Das würde die Welt schon auf eine kaum verstellbare Weise zum Positiven verändern.

    1. Es hat auch niemals jemand behauptet, dass Kapitalismus schön sein oder Freude bereiten soll – außer für die Kapitalinhaber… Auch immer wieder interessant, wer in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jh. damit begonnen hat, die Gründung von Fußball- & sonstigen Sportvereinen zu fördern, damit die Arbeiter sich auf dem Ascheplatz beschäftigen, statt sich einer aufmüpfigen Arbeiterbewegung anzuschließen.

      »Werbung komplett verbieten« klingt erstmal plausibel, doch dann fallen einem die Folgen ein: Angefangen bei den ganzen arbeitslosen und desorientierten Creatives auf der Suche nach dem nächsten Kick der seichten Selbstbegeisterung. Man würde ständig auf der Straße angesprochen werden:

      „Hey, ich hab da eine Idee für dich.“
      „Ne, Danke, hier hast du einen Euro.“
      „Ich will kein Euro, ich muss meine Ideeeen loswerden, dringend, bitte!“

      Und die Konsumjunkies, die kaufen wollen, aber nicht wissen was. Es wäre sicherlich eine anstrengende Übergangsphase, bis sich alles ausbalanciert hat.

  13. „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“ (Franz Bdckenbauer, WM 1990) war einmal und wird nie wieder sein. Das ganze Elend hört und sieht man bei den Pressekonferenzen, wo Trainer und Spieler mit Leichenbittermiene und Sprechroboterstimme Sätze stammeln, die frei sind von Freude am Spiel, Spontaneität oder gar Witz, weil sie von den Mediencoaches bis auf die Unterhose gebrieft werden. Man erinnert sich wehmütig an Giovanni Trapattoni …

  14. Ach Herr Stuhlfauth, übrigens ein Pseudonym, dass dem legendären Club-Torhüter nicht gerecht wird.
    Ich verstehe solche Artikel und viele Kommentare nicht. Der Profifußball ist nun mal Geschäft! Übrigens weltweit! Gehypt von den Medien, die wiederum das gesamte Eventpublikum in die Stadien und bei Großereignissen vor das TV bringen.
    Es geht um sehr viel Geld, im übrigen aufgebracht von Leuten durch das Buchen von TV-Abos, Merchandisingkäufen und überteuerten Stadionbesuchen. Das ist die eine Seite.
    Die andere Seite ist die technische Entwicklung. Wer den Fußball gerechter und besser findet, wenn ein Tor zurückgenommen weil das Hinterteil eines Stürmers dem Tor 5 cm näher ist, als die große Zehe des Abwehrspielers oder die Handspiel- oder Abseitsregeländerungen gut findet, dem sei das Vergnügen gegönnt. Wobei die kalibrierte Linie, anders als immer behauptet, auch einem relativ großem Spielraum unterliegt und nicht cm-genau dargestellt werden kann. Aber das passt nicht ins altuelle Fußballweltbild.
    Ich muss nicht ins Stadion gehen und ich muss den Fernseher nicht einschalten.
    Zur Glorifizierung des Amateurfußballs und dem früher so einfachem Spiel, ist zu sagen, dass es auch in dem Bereich in den Stadt- und stadtnahen Vereinen schon lange um Geld geht. Außerdem haben sich die Prioritäten längst verschoben. Für die Spieler ist mittlerweile vieles wichtiger als das Spiel ihrer Mannschaft am Wochenende. Für eine Mannschaftsportart wie Fußball nicht förderlich. Eventpublikum eben. Dazu kommt die häufig fehlende realistische Selbsteinschätzung der Spieler. Mit den Schiedsrichterentscheidungen muss oder darf man dort aber immer noch leben.
    Was früher wirklich besser war, war die Gemeinschaft. Egal in welcher Liga ist man nach dem Training oder Spiel noch etwas zusammen gesessen, egal wie weit die Heimfahrt war.

  15. Das zeitaktuelle Geschehen um den Fußball auf den Punkt gebracht. Danke dafür, Hermann.
    (Und für die schöne Erinnerung an eine Zeit, als der große Heiner Stuhlfauth, dem eigentlich die Ehre gebührt, Inventor des sweeper keeper zu sein, die Menschen mit seiner Torwart-Interpretation begeisterte.
    Und schon wenige Jahrzehnte später, als meine Straßenkicker-‚Karriere‘ begann, erntete ich nur Unverständnis, wenn ich als Identifikationsfigur nicht Sepp Maier benannte, sondern Heiner Stuhlfauth. Ich hatte mir sogar extra eine Schiebermütze gewünscht, wollte ich dem Original doch möglichst ähnlich sein; auch fliegend, wie auf dem Avatarfoto. So hat dieser Tag ein Licht aufgesteckt.)

    1. Lieber Matthias, der Heiner Stuhlfauth gehörte zu den Ersten in D, der als Spieler und anschließend als Trainer auf das Geld oder entsprechende Sachbezüge geschaut hat. Seine Leistung als Keeper, die ich leider nur vom Erzählen damaliger Zeitgenossen und Mitspieler kenne, soll das aber nicht schmälern.

  16. Alles richtig , alles nicht schön aber…
    Ich bin dann halt doch ein Junkie, angefixt seit dem ersten Spiel. Das müsste im Jahr 1967 gewesen sein. Dann die erste WM 1970, wahrlich kein Turnier, um rechtzeitig „von der Nadel wegzukommen “ und die Mannschaft, die ich mir wünschte , hat gewonnen. Das hat dann noch ein paar mal geklappt. Die Titel von Spanien, Frankreich und besonders auch der letzte von Argentinien vermochten mein Herz in jeder Hinsicht zu erfreuen. War übrigens eine richtig gute WM mit zahlreichen gescheiten Spielen. Direkt schade, dass die Kommentatoren unserer Öffentlichen sie nicht nicht gesehen haben.
    Sonst sehe ich nur noch Spiele unserer 4. und 5.Liga. Macht mehr Spaß, wenn es nicht grad ein Hochrisikospiel – im ernst, das hat es in der Regionalliga immer öfter – ist.
    Die heimische Simulation einer Meisterschaft in der langweiligsten Liga der Welt brauche ich nicht und die vielen Zuschauer in den Stadien brauchen die auch nicht mehr. Die inszenieren sich selbst, besonders die Ultras, die generell nur gruppenweise erscheinen, um wenigstens gemeinsam die Intelligenz einer Handvoll Speisekartoffeln zu erreichen.

    Mag Two Moon spotten, mag mir jede Einblendung von Infantino Übelkeit bereiten, mag diese Übelkeit angesichts der grausamen Moderatorenleistungen mich nahezu an die Kotzgrenze führen, mag mich die Tyrannei der Rattenamis gegen die iranischen Fußballer empören – ich schalte nachher wieder an.

    Aber im Prinzip könnte ich jederzeit aufhören. Gleich höre ich auf. Oder morgen. Morgen ganz bestimmt .

      1. Dafür ich!

        Zitat: „Die Titel von Spanien, Frankreich und besonders auch der letzte von Argentinien vermochten mein Herz in jeder Hinsicht zu erfreuen.“

        Gerade Spanien und Argentinien liefern für mich Fußball zum Abgewöhnen. Diese Form der rituellen Dauerzirkulation geht mir einfach nur auf die Nerven. Bei derart viel Ballschieberei bin ich immer versucht, ihnen Keulen und Bänder zu reichen. Wenn schon Rhythmische Gymnastik, dann doch bitte konsequent.

        Wirklich brillanten Fußball spielte aus meiner Sicht vor allem die Sowjetunion. In den 1960ern standen wir bei Europameisterschaften praktisch im Abonnement auf die Finalrunde. 1968 scheiterten wir bekanntlich am Losentscheid – eine der kurioseren Episoden der Fußballgeschichte. 1966 und 1974 scheiterten wir an der FIFA – zumindest spricht wenig dagegen, das so zu sehen. Havelange meinte später ja selbst, bei den Weltmeisterschaften 1966 und 1974 sei zugunsten der Gastgeber gedeichselt worden.

        Wenn es um schönen Fußball geht, ist natürlich auch Italien zu nennen. Das 3:2 gegen Brasilien 1982 war für mich das Jahrhundertspiel. (Wobei auch das 1:1 der Sbornaja gegen Frankreich vier Jahre später für diesen Titel infrage käme.) 1970 und 1990 wäre ein Titel für die Squadra Azzurra jedenfalls mehr als verdient gewesen. In den letzten Jahren hat sie sich allerdings ein Stück weit von ihren traditionellen Tugenden entfernt. Der Zauber von 2021 ließ sich leider nicht dauerhaft konservieren.

        Eine WM ohne Italien und Russland hat für mich ungefähr denselben Charme wie Grünkohl und Pinkel ohne Rote Grütze: Man kann es machen, aber der Sinn erschließt sich mir nicht.

        1. Da haben Sie aber einen sehr speziellen Blick. Das Ziel des spanischen Spiel ist nicht Ballgeschiebe, sondern den Gegner durch dieses Passspiel aus der Ordnung zu bringen um dann den Ball in die Tiefe vor das Tor zu spielen, was Ihnen dank genialer Mittelfeldspieler und entsprechender Zielspieler am Strafraum auch gelungen ist. Die Erfolge der letzten zehn Jahre sprechen für sich. Deutschland fehlen schon immer diese genialen Mittelfeldspieler. Wenn man das Ballgeschiebe ohne wirklichen Zug zum Tor anprangert, muss man Deutschland mit seinen Quer- und Rückpasskönigen im Mittelfeld und Angriff wohl als erstes nennen. Tuchel, Flick und Nagelsmann sind anders als Klopp typische Vertreter dieses langweiligen Fußballs. Ich erinnere mich auch sn wunderbare Spiele bei Turnieren in den 60er bis 90er Jahren , aber an keines mit Russland. Russlands Fussball war immer durch Arhletik geprägt. Vielleicht verwechseln Sie da etwas mit Eishockey 😉. Zudem ist es schwierig den Fußball von damals mit dem heutigen zu vergleichen.
          Und den Catenaccio der Italiener von damals als Zauberfußball zu beschreiben verwundert mich sehr. Destruktiveren Fussball hat es selten gegeben. Und die schauspielerischen Einlagen der Spieler bei vermeintlichen Fouls waren legendär und nervig und wurden nur von Spanien und einigen südamerikanischen Mannschaften übertroffen.
          Aber so sind wir beide wohl ein gelungenes Beispiel für die Faszination Fussball. Es gibt immer Gesprächsstoff wegen unterschiedlicher Beobachtungen, Erwartungen und Sichtweisen. Ob man sich dabei kennt oder nicht spielt keine Rolle. Störend sind eigentlich nur die teilweise gewaltbereiten Fanatiker, aber denen geht es auch nicht um den Fussball.
          Um das Thema Ballgeschiebe abzuschließen sehe ich das aktuell bei Deutschland. Welchen Spielplan der Bundestrainer mit seinen Aufstellungen erreichen will erschließt sich mir nicht. Im Angriff lässt er immer die gleichen formschwachen Spieler wie Wirtz und Musiala auflaufen, die an der Seite dann noch Spieler wie Havertz und Sane haben. Havertz ist kein Unterschiedaspieler und Sane hat auf diesem Niveau nichts verloren. Das Mittelfeld ist physisch und psychisch viel zu langsam und es fehlt an Spielintelligenz. Die Abwehr ist ein Hühnerhaufen, erhält aber auch wenig bis keine Unterstützung vom defensiven Mittelfeld. Mir erschließt sich nicht, was die vielen Mitarbeiter und Co-Trainer hier erarbeiten, auch nicht in der Gegneranalyse. Und das eigentümliche Torhüterthema zeigt auch, dass der Bundestrainer anscheinend viel zu sehr den Medien entgegenkommt, was auch die nach ein oder zwei guten Bundesligaspielen immer wieder auftauchenden „Neulinge“ beweisen. Und wenn der Ausfall von Spielern wie Brown und Schlotterbeck schon als Fiasko gesehen werden, sagt das viel über den aktuellen Zustand der deutschen Nationalmannschaft.

          1. Feiner Kommentar, dem ich mich mit einer kleinen Einschränkung anschließe. Nicht, dass mir was am aktuellen Bundestrainer liegt, aber ich wüsste nicht, mit wem er was anderes spielen lassen könnte. Es bedrückt mich allerdings auch nicht besonders.

            Zum spanischen Fußball des letzten Jahrzehnts ein netter Spruch des großartigen Iniesta: „Ich bin und werde kein Weltfußballer. Ich mache sie“

            1. Doch, einige Alternativen gäbe es schon noch. Und Nagelsmann ist ja kein Anfänger. Er stellt den Kader und die Aufstellung natürlich so zusammen wie er sich seinen Matchplan vorstellt. Wir alle und auch die sogenannten Experten werden nie wirklich erfahren, was er wirklich plant und umgesetzt haben möchte. Ich zweifle eben aufgrund meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Spieler und Trainer, dass diese Spielweise aktuell die Richtige ist, vor allem mit formschwachen Spielern, an denen er aber mit Nibelungentreue festhält. Bedrücken tut mich das auch nicht. Meine Erwarungshaltung war von Anfang an maximal Viertelfinale. Aber so wie es momentan aussieht scheint ihnen der Turnierbaum gut gewillt zu sein. Sprechen wir mit dem Kaiser: „ Schaun wir mal!“

          2. Herrlich, ein Fußballaustausch!

            Dass mein Blick „sehr speziell“ sein soll, wäre aber zunächst einmal zu zeigen. Woran machst du das fest? Bis dahin gehe ich von einer trivialen Erklärung aus: Neben der Physik wird selten etwas so gründlich missverstanden wie der Fußball.

            Zitat: „Das Ziel des spanischen Spiel ist nicht Ballgeschiebe, sondern den Gegner durch dieses Passspiel aus der Ordnung zu bringen“

            Das Ballgeschiebe bringt tatsächlich viel aus der Ordnung, darunter regelmäßig das Spiel selbst. Das halte ich für kaum bestreitbar.

            Zitat: „Die Erfolge der letzten zehn Jahre sprechen für sich.“

            Welche Erfolge meinst du genau? Das Vorrundenaus in Brasilien – samt des herrlich herausgespielten 5:1 der Niederländer (van Persie!)? Danach drei Mal Achttelfinalaus, inklusive der Euro 2016? Die Unentschiedenmeisterschaft 2021 vielleicht? Oder der mehr als diskussionswürdige Titel von 2024? Deine These erscheint mir wenig überzeugend.

            Und schon 2010 hatten doch die Schweizer gezeigt, wie man jener Mannschaft erfolgreich den Zahn zieht. Die Niederlande wären damals – wie bereits 1974 und 1978! – auf jeden Fall der deutlich angemessenere Weltmeister gewesen. Für mich lässt sich das mit einiger Zwangsläufigkeit aus den Turnierverläufen ableiten.

            Nein. Die spanischen Auswahlen des 21. Jahrhunderts zählen für mich zu den mit Abstand überschätztesten Nationalmannschaften überhaupt. Dafür spricht doch einiges. Vermarktet wurden sie hingegen exzellent. Und in den Videospielen laufen sie ohnehin jedes Jahr Gefahr, stärker zu sein als auf dem Platz.

            (Robbens Fehlschuss 2010 schmerzt mich übrigens bis heute. Manche Wunden schließen sich einfach nie. Dieses Jahr dürfte es leider wieder nichts werden. Marokko ist eine ausgesprochen harte Nuss. Dabei wäre ein niederländischer Weltmeister ungefähr so überfällig wie ein belgischer es 2018 gewesen wäre.)

            „Wenn man das Ballgeschiebe ohne wirklichen Zug zum Tor anprangert, muss man Deutschland mit seinen Quer- und Rückpasskönigen im Mittelfeld und Angriff wohl als erstes nennen. Tuchel, Flick und Nagelsmann sind anders als Klopp typische Vertreter dieses langweiligen Fußballs.“

            Ich hoffe, du hast nicht irgendwo versteckte Lobs für die gelesen. Das wäre ein Missverständnis. Mit Barca oder Bayern Meister zu werden, halte ich nun wirklich nicht für eine außergewöhnliche Trainerleistung. Über das Menschliche möchte ich mich lieber gar nicht erst auslassen. Das wäre ein Kategorienfehler.

            Ansonsten umweht drei der vier deutschen Weltmeistertitel ein gewisser Hauch des Anrüchigen. 1990 nehme ich ausdrücklich aus. Aber 1954: die Vitaminspritzen. 1974: die Wasserschlacht von Frankfurt. 2014: …

            Der deutsche Fußball hat nicht einmal ein eigenes Spielsystem hervorgebracht. „Panzerfußball“ ist schließlich kein taktisches Konzept, sondern lediglich ein Urteil.

            „Ich erinnere mich auch sn wunderbare Spiele bei Turnieren in den 60er bis 90er Jahren , aber an keines mit Russland.“

            Also wenn dir Kachalins Zaubertruppe mit Jaschin, Iwanow, Metreweli, Woronin oder Ponedelnik kein Begriff ist, erklärt das vermutlich schon viel. Die spielten Anfang der 60er einen Fußball, der heute fast völlig vergessen ist. Für mich völlig zu Unrecht.

            Ebenso viel, wenn dir Namen wie Bessonow, Raz oder Dassajew nichts sagen sollten. Zum Reinschnuppern genügt vielleicht dieses kleine Zeitdokument:

            https://www.youtube.com/watch?v=4uNEIWX5-z8

            Die Verwirrung könnte übrigens daher rühren, dass es damals gar keine „russische“ Nationalmannschaft gab. 1960 trug die Auswahl sogar die geheimnisvoll anmutende Aufschrift „CCCP“ auf dem Trikot. Dazu fällt mir immer Stan Libuda ein:

            Dortmund liegt in einem Testspiel in Moskau zur Halbzeit mit 0:3 zurück, was in kyrillischen Buchstaben auf der Anzeigetafel zu sehen ist: 1:0 „Mockba“, 2:0 „Mockba“, 3:0 „Mockba“. Als Libuda aus der Kabine zurückkehrt, macht er seinem Ärger gegenüber Horst Trimhold Luft: „Also wenn den Mockba nicht bald mal einer deckt, haut der uns noch mehr rein!“

            „Und den Catenaccio der Italiener von damals als Zauberfußball zu beschreiben verwundert mich sehr. Destruktiveren Fussball hat es selten gegeben.“

            Fußball ist nun mal ein Ergebnissport. Er kennt am Ende genau zwei Zustände: gewonnen oder verloren. Es handelt sich also um ein ausgesprochen binäres Spiel. Der Zweck einer taktischen Aufstellung hat folglich darin zu bestehen, Spiele zu gewinnen. Erfüllt sie diesen Zweck zuverlässig, kann sie per definitionem nicht schlecht sein!

            Ich habe auch einfach eine gewisse Schwäche für Systeme, die funktionieren. Ob sie dabei ästhetischen Beifall hervorrufen, gehört nicht zu den entscheidenden Parametern. Schönheit ohne Ergebnis ist nämlich so wertvoll wie eine elegante Brücke, die gleich nach der Eröffnung schon wieder einstürzt.

            Und Catenaccio ist für mich einfach angewandte Spieltheorie. Wer die gegnerische Wahrscheinlichkeit eines Tores gegen Null tendieren lässt, hat bereits den wesentlichen Teil der Aufgabe gelöst. Wenn jemand dieses Prinzip also konsequent umsetzt, empfinde ich das nicht als destruktiv, sondern als ausgesprochen zauberhaft.

            Wer lieber „konstruktiv“ spielen und tanzen möchte, dem steht selbstverständlich die rhythmische Sportgymnastik offen.

            Zitat: „Zudem ist es schwierig den Fußball von damals mit dem heutigen zu vergleichen.“

            Völlig richtig – allerdings nicht unbedingt in dem Sinne, den du meinst. Die spielerische Klasse des viermaligen Weltmeisters Uruguay, der ungarischen Wunderelf (der der Weltmeistertitel bekanntlich durch Doping und allerlei Merkwürdigkeiten verwehrt wurde) oder eben Kachalins Sbornaja ist meines Erachtens bis heute nicht wieder erreicht worden.

            Spielsysteme altern schließlich nicht. Der Schalker Kreisel ist eine der Mütter dessen, was Jahrzehnte später unter dem Namen „Tiki-Taka“ weltberühmt wurde. Der Schweizer Riegel wiederum war der Ahnherr des italienischen Catenaccio. Ideen verschwinden nicht – sie wechseln lediglich den Namen und gelegentlich die Trikotfarbe.

            Wer Catenaccio wirklich versteht, wird damit auch künftig erfolgreich sein. Da bin ich mir sicher. Rehakles‘ Griechen haben 2004 im Grunde auch nichts anderes bewiesen. Für manche war das ein Wunder, für mich nichts als die saubere Anwendung fußballerischer Logik. Selten hat ein Team seine eigenen Möglichkeiten so vollständig ausgeschöpft. Erst als man glaubte, dieselbe Formel ohne Überraschungsmoment beliebig oft wiederholen zu können, wurde sie berechenbar.

            Der eigentliche Unterschied zu früher liegt ohnehin weniger auf dem Platz als daneben. Der Fußball ist längst kein Sport mehr, sondern ein milliardenschweres Anlageprodukt. Und wo enorme wirtschaftliche Interessen bestehen, sollte man zumindest nicht überrascht sein, wenn gelegentlich auch sportliche Ergebnisse erstaunlich gut zu finanziellen Interessen oder gar bestimmten Wetten passen. Ob es nun das 5:4 von PSG gegen Bayern ist oder das WM-Finale 2022 – manches erscheint mir mehr als fragwürdig. Auch Elye Wahi dürfte kaum ein Einzelfall gewesen sein.

            Zitat: „Im Angriff lässt er immer die gleichen formschwachen Spieler wie Wirtz und Musiala auflaufen, die an der Seite dann noch Spieler wie Havertz und Sane haben.“

            Wenn das Wort „überteuert“ nicht längst erfunden worden wäre, hätte man es vermutlich für Wirtz, Havertz und Woltemade kreiren müssen. Umso vernünftiger war es aus meiner Sicht, dass Bayern am Ende keinen dreistelligen Millionenbetrag für diese Herren überwiesen hat. Das dürfte sowohl der Mannschaft als auch der Bilanz auf Jahre hinaus gutgetan haben.

            Musiala bewerte ich anders. Er ist kein Olise – das hat man deutlich gesehen – liegt aber qualitativ klar über den drei Genannten. Bemerkenswert ist außerdem, dass seine fußballerische Ausbildung eben stark in England erfolgte. Vielleicht erklärt das den Unterschied.

            Dass man ihn nach längerer Verletzung gleich wieder in die Startelf wirft, erschließt sich mir allerdings nicht. Andererseits besitzt man in Deutschland auf diesem Gebiet Tradition. Schon Beckenbauer schleppte 1986 bekanntlich ein halbes Lazarett nach Mexiko und bemerkte hinterher völlig zutreffend, es sei ein Wunder gewesen, mit dieser Mannschaft überhaupt das Finale erreicht zu haben. In diesem Punkt dürfte ihm schwerlich zu widersprechen sein. Und immerhin zeigte man dort sehr eindrucksvoll, wie man einer damals hoffnungslos überschätzten Équipe Tricolore den Zahn zieht.

            Zu Sané: Der ist ein Systemspieler. Funktioniert das Umfeld, funktioniert meist auch er. Dann stellt sich irgendwann sogar Konstanz ein. Die öffentliche Kritik halte ich hingegen für deutlich überzogen; teilweise überschreitet sie sogar die Grenze zum offen Rassistischen. Der Umgang erinnert mich in vielem an Mesut Özil.

            Zitat: „Die Abwehr ist ein Hühnerhaufen, erhält aber auch wenig bis keine Unterstützung vom defensiven Mittelfeld.“

            Früher verfügte Deutschland immerhin regelmäßig über gute Abwehrspieler, den ein oder anderen Unterschiedsspieler und fast immer über einen Weltklasse-Torhüter. Heute fehlt es an Außenverteidigern, Außenläufern, Denkspielern, Mittelstürmern – inzwischen sogar an Torleuten. Eigentlich mangelt es an allem außer an Balllupfern, Tänzelgöttern und Querpasskönigen.

            Der Bundestrainer kam nun auf die bemerkenswerte Idee, den gut geölten Bayernmotor zu zerlegen und Kimmich aus dem defensiven Mittelfeld abzuziehen. Stattdessen vertraut er dort lieber auf den evangelikalen Mittelkreisbeter. Seine Gründe wird er haben.

            Sportlich weit kommen wird man damit hoffentlich nicht. Das käme auch meiner Nachtruhe zugute. Die nächtliche Katzenmusik der Erfolgsfans zählt zu jenen deutschen Traditionen, denen ich ganz sicher keine Zukunft wünsche.

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