„Debakel von Boston“?

Deutschland - Curacao, WM 2026
TheG3NERAL John 3:16, CC0, via Wikimedia Commons

Nach dem WM-Aus für Deutschland dachte man schon, dieser patriotische Zirkus sei vorüber. Dabei fing er da erst an, bierernst zu werden. Wenigstens für ein paar Tage. Eine Erklärung dafür und ein Angebot, die zugrunde liegende Sache anders zu sehen.

Es ist wohl so, dass ein nationales WM-Erleben, hier und anderswo, hinsichtlich der ansteckenden Gemeinschaftsrituale und der clownesken Kriegsbemalung Affinitäten zum kindlichen Gemüt aufweist. Ein SZ-Kolumnist belegt das während des deutschen ‚Sommermärchens‘ von 2006 so: „Deutschland gegen Schweden: Ich sah es auf einem Kindergeburtstag. Eltern und Kinder versammelten sich vor dem Fernseher. Dann die deutsche Hymne. Die Zehnjährigen erhoben sich langsam, legten einander die Arme auf die Schultern und sangen mit zarten Stimmen: ‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘. Ein anrührender Moment. Und wissen Sie was? Ich habe mitgesungen.“ (SZ vom 11.7.06) Der kindliche Patriotismus, den er in die „Zehnjährigen“ hineinliest, weil er ihn heraushören will, jagt dem guten Mann einen Schauer über den Rücken, welche er bei den ebenfalls rührenden Bräuchen ostdeutscher Pimpfe in Einheitsblau nie verspürt hätte. (Bei denen handelte es sich bekanntlich um eine Indoktrination Minderjähriger.) Beim WM-Sieg über Argentinien 2014 durften die Kleinen sich dann beim Tanz der Nationalelf amüsieren, der kindgerecht vorführte, wie gramgebeugt „die Gauchos“ und wie stolz erhoben „die Deutschen gehen“.

Wenn patriotisches Erleben vergeigt wird

Seitdem wurde die patriotische Erbauung von Alt und Jung allerdings dreimal vergeigt. Die WM in Russland von 2018 ließ einen Kommentator der BILD in dieser Hinsicht trostlos zurück: „Meine Nationalmannschaft ist gestorben. Der Verstorbene war Weltmeister, er nannte sich ‚Die Mannschaft‘. Wer will von ihr noch Autogramme, Trikots kaufen? Welcher Junge in Deutschland sagt noch: Ich bin Kroos, ich bin Marco Reus? Keine Deutschlandfähnchen an den Autos, die Liebe ist weg.“ Den Fähnchen, Trikots und dem kindlichen Heldenkult blieb der Liebesbeweis ans Vaterland verwehrt, während es „Putin“ gelang, ein „Spektakel“ als „Opium“ zu „instrumentalisieren“ (FAZ). Der BILD-Mann gab sich den „Verstorbenen“ gegenüber noch versöhnlich, als er fragte, wie wir sie „nach ihrem Ausscheiden in Deutschland empfangen“ sollten. Er „hoffe ohne Hass. Auch Verlierer gehören zu uns.“

Ein fünfzigjähriger Autor geht auf ntv.de mit den Losern von 2026 unter Berufung auf den nationalen Nachwuchs dann schon deutlich härter ins Gericht: „Wenn man in die Gesichter der eigenen Kinder schaut, wird einem erst bewusst, was für einzigartige Jahre und Jahrzehnte wir erleben durften. Es hinterlässt eine tiefe Traurigkeit, wenn man nun erkennt, dass man mit seinen Kindern all diese wunderschönen Erlebnisse, die man [selbst] bei den Spielen der Nationalmannschaft hatte, nie erleben wird. Das sind Erinnerungen, die unwiederbringlich verloren sind.“ Auch künftige deutsche Kicker scheinen ihm dieses herbeigewünschte Kindheitserleben – wie und warum auch immer – ex ante bereits verspielt zu haben.

So weit drei Beispiele der letzten 20 Jahre, wie eine patriotische Gesinnung den größten der nationalstaatlich geförderten Sportwettkämpfe aufnimmt, für die dieselben veranstaltet werden. In solchen Veranstaltungen geht es ersichtlich um einen zwischenstaatlichen Wettbewerb, aber nicht um den gewöhnlichen mit seinem Gerangel um Handelsvorteile und politische Zuständigkeiten, sondern um einen, bei dem der sportlich „Beste gewinnen möge“. In dieser Meta-Konkurrenz legen die einschlägigen Staaten Wert auf den Anschein, weit mehr zu sein als ein Wirtschaftsstandort mit Gewaltmonopol. Im körperlichen Kräftemessen wollen sie von den anderen Nationen und vom eigenen Volk auch auf einer Ebene anerkannt und im Erfolgsfall bewundert werden, die als eine des Stolzes und der Ehre ganz angemessen bezeichnet ist. Diese Übersetzung sportlicher Leistungen in nationale Ansprüche, Taten oder Eigenschaften ist der Sache nach ein Unding. Im Fall der zweimal elf Balltreter auf gut 7000 Quadratmetern Rasenfläche werden zwar Training, Talent oder Torglück unterhaltsam in Szene gesetzt, was gegebenenfalls eine gespannte Anteilnahme sowie eine mehr oder minder spielkundige Kritik hervorruft, mehr aber auch nicht. Sepp Herberger, der erste Bundestrainer, deutete das in seinem Lehrsatz noch an, wonach der Ball rund sei und das Spiel 90 Minuten habe. Die Interpretationen darüber hinaus, für welche die drei Exempel sowie die noch folgenden Zitate stehen, stellen in abstrahierender und assoziativer Weise das Spielgeschehen in einen nationalen Zusammenhang, der ohne patriotische Brille unerkennbar bzw. absurd erschiene.

Deshalb sind die vaterländischen Spielbetrachter sehr geneigt, den Spruch von den Besten, die gewinnen mögen, hintan- und den Anspruch in den Vordergrund zu stellen, dass ihrer Mannschaft und Nation der Erfolg einfach zustehe. Bei Siegen tut sich diese Sicht leicht. Bei Niederlagen, die vom Fan oft als persönliche Kränkung genommen werden, fallen Schuldfragen an, Spieler, Trainer, Gegner, Schiedsrichter, Publikum, Verband oder das Fußballgeschäft überhaupt betreffend, mit denen man Zeitungen füllen und viel Zeit verbraten kann.

Was sich darin „widerspiegeln“ soll

Diese ‚normalen‘ Begleitumstände im Auf und Ab der zwischenstaatlichen Fußballkonkurrenz erfahren seit dem Sieg von Paraguay eine erklärungsbedürftige Zuspitzung. Darin, dass die patriotische Sicht auf das deutsche Ausscheiden über die gewohnte Schuldsuche im Umkreis des professionellen Balltretens hinausgeht. Diesmal geht es vernehmlich um mehr als den verfehlten Dienst der Profikicker, die Tüchtigkeit der Nation und den Stolz darauf elementar zu repräsentieren. Die derzeitige Deutung der Niederlage stellt einen etwas ungewöhnlichen Zusammenhang von Fußball und Vaterland her, dergestalt, dass sich in ihr der vermeintliche Zustand von aktueller Politik und heutiger Gesellschaft widerspiegle. Nicht im Sinne einer zufälligen Koinzidenz, sondern quasi ursächlich. Dazu eine kleine Auswahl aus entsprechenden Verlautbarungen von den ersten zwei Tagen nach dem K.-o.:

Die Frankfurter Allgemeine fragt rhetorisch an: „Spiegelt sich im deutschen Fußball die deutsche Krise?“ Von der Frankfurter Rundschau (die einen Artikel der Newsweek übernimmt) kommt die prompte Antwort: „Die jüngste Demütigung ist das Zeichen eines breiteren, unübersehbaren Niedergangs, der weit über den Fußball hinausreicht. […] Wie [Wirtschaftsforscher] Fuest erklärt, ‚spiegelt der Niedergang der Fußballmannschaft den Rückgang der wirtschaftlichen Leistung und der politischen Kohäsion in Deutschland wider‘. […] Die wirtschaftliche Orientierungslosigkeit wird von einer politischen Fragmentierung begleitet [namentlich vom] Aufstieg der rechtspopulistischen AfD. […] Als der Elfmeter von Jonathan Tah in Boston über die Latte segelte, war die Symbolik kaum zu übersehen.“

Ingo Zamperoni interviewt einen Sportsoziologen: „Frieden, Wohlstand sind in Gefahr, Wirtschaftswandel, Klimakrise, KI – und jetzt löst sich auch die Gewissheit auf, dass deutsche Mannschaften im Elfmeterschießen gewinnen können. Ist das symptomatisch für den Zustand unseres Landes?“ Der Experte bejaht: „Das geht [über die verschossenen Elfer hinaus] in die Tiefe. […] Wir befinden uns in vielen Bereichen der Gesellschaft in Entscheidungssituationen und wir wissen nicht, ob wir sie bewältigen können oder ob die, denen wir die Entscheidung anvertraut haben, in der Lage sind, das zu tun. […] Wenn man morgens in den Spiegel guckt, kann man einen Schrecken kriegen und sich fragen: Wie kriege ich jetzt den Tag hin, wie kriegen wir die Zukunft hin?“ Dem Spiegelbild diesen Schreckmoment zu nehmen, sei dann die langwierige Aufgabe der Politik.

Ulf Poschart, bis eben Herausgeber der WELT, macht zunächst auf abgeklärt: „Es gibt nichts Langweiligeres, als Fußball, Gesellschaft und Politik miteinander zu verrechnen“, um im nächsten Satz genau dem nachzugehen und den zu verrechnenden Sack komplett zuzumachen: „Aber diese Niederlage und der Umgang der Verantwortlichen damit ist ein Symbol für ein tiefsitzendes Problem in Deutschland. Und gleichzeitig gibt dieses einen Hinweis darauf, was in diesem Land passieren muss. Wir sind international eine Lachnummer geworden, die Energiewende, unsere moralisierende Außenpolitik, unsere Zerstörung der deutschen Autoindustrie, unsere Universitäten […] – das ist alles lächerlich. Wir brauchen eine Politik, die sich ausschließlich und hundertprozentig nur um Erfolg kümmert. Schluss mit sozialer Gerechtigkeit und Gewerkschaftsgewäsch, wir wollen nur noch Erfolg. Deutschland ist nur dann akzeptabel und liebenswert, wenn es Erfolg hat. Und so eine Nationalmannschaft und so ein Land, wie wir es im Augenblick darstellen, ist provinziell und peinlich.“

Was daran Unsinn ist

Mal wohlwollend gefragt: Ist der hier versammelte Galimatias, der dann noch die ‚Lusche‘ Nagelsmann mit der ‚Niete‘ Merz gleichsetzt und konstruktiv beider Rücktritt vorschlägt, nicht seinerseits peinlich bzw. zum Lachen? Jedenfalls intellektuell gesehen. Die assoziierten hochdramatischen Zusammenschlüsse wären doch in einem Prozentsatz nahe 100 unterblieben bzw. aufgeschoben worden, wenn der marokkanische Schiedsrichter mit gleicher Wahrscheinlichkeit das Führungstor anerkannt hätte und dies mit etwas Fortune der Endstand geblieben wäre. Dann hätte auch der gescholtene Tweet des Kanzlers verfangen, in dem er den „Einsatz und Teamgeist“ der deutschen Elf seiner Konkurrenzgesellschaft zum Nacheifern andient. Mit England im Achtelfinale kommt dort die Idee, die Politik spiegele sich im nationalen Ballspiel wider, schlicht nicht auf – obwohl sich dort die Premierminister die Klinke in die Hand geben, die Wirtschaft lahmt, der Brexit umstritten ist etc.

Fast scheint es wie ein Lichtblick, wenn ausgerechnet das Handelsblatt kommentiert: „In einem WM-Spiel spiegelt sich nicht der Zustand eines Landes wider. Die Südamerikaner haben einfach ihre Chancen besser genutzt und hatten am Ende das Quäntchen Glück, das es in einer K.-o.-Runde braucht.“ „Was wäre, wenn Deutschland das Elfmeterschießen gewonnen hätte? […] An der Wettbewerbsfähigkeit hätte das nichts geändert.“ (Am Ende kriegt der Kommentar dann doch die Kurve zum Kicken darin, dass „der Kanzler sein Regierungsteam in ein grundsätzlicheres K.-o.-Spiel [führen müsse], bei dem es um Deutschlands Weiterkommen geht.“)

Eine letzte Einladung zum Mitdenken: Als kämpferischer Mannschaftssport mit Massenwirkung lässt der Fußball ein anderes Kaliber nationalistischer Instrumentalisierung zu als zum Beispiel der Eurovision Song Contest, obwohl sich auch dort die teilnehmenden Staaten in Gestalt von Kulturnationen herausputzen und vergleichen. Man würde sich allerdings als Person mit einem mittelschweren Vogel outen, wenn man den drittletzten Platz für Deutschland in 2026 auf ein politisches und gesellschaftliches Versagen zurückführen wollte. Bei der WM geht das aber völlig in Ordnung.

Warum der Unfug verfängt

Und die nicht einfache Frage dazu lautet: Warum? Warum wird der Unfug nicht nur von den Meinungsprofis aufgeschrieben und vorgetragen, sondern auch flächendeckend diskutiert und geglaubt? Dazu das Angebot einer Antwort. Das Phänomen lässt sich nur als Echo kritischer, besorgter und unzufriedener Patrioten auf die Definition einer Krisenlage erklären, wie sie von der politischen Klasse in Regierung, Opposition und Verbänden unter Beihilfe der ‚vierten Gewalt‘ erfolgreich vorgenommen wird. Das Echo hat seine Bandbreite, die einen setzen auf die Lernfähigkeit der verantwortlichen Macher, die anderen erwarten von den überkommenen Parteien nichts mehr oder nicht mehr viel, es wird angemahnt, auch auf die Stimmen des DGB und der Wohlfahrtspflege zu hören, während die Gegenposition das „Gewerkschaftsgewäsch“ (s.o.) satt hat usw. Entsprechend aufgefächert fällt die Projektion dieser Auffassungen auf die ‚Gurkentruppe‘ aus, die einmal ‚Die Mannschaft‘ hieß.

Gemeinsam ist allen Beiträgern zur nationalen Lagebesprechung, dass sie die offizielle Krisendiagnose zum fraglosen Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und zur fixen Größe ihrer privaten Lebensbedingungen machen. Dass ‚es‘ ‚so‘ mit ‚uns‘ nicht weitergehen kann, wird in seiner dreifachen Unbestimmtheit zum präzisen Resümee, in dem die Sorgen der staatlichen und gesellschaftlichen Anführer vom Fußvolk als auch die ihrigen geteilt werden. Trumps Zölle, Chinas ‚strategische Überkapazitäten‘, die fortschreitende ‚Deindustrialisierung‘, der ‚unfinanzierbare‘ Sozialstaat, die kostentreibende ‚Work-Life-Balance‘, dazu die Last der Verteidigungsausgaben, die ‚Putins Kriege‘ und Amerikas ‚Treulosigkeit‘ uns aufbürden – da kann ‚uns‘ ja der morgendliche Blick in den Spiegel nur mit der Frage erschrecken, wo dies alles enden soll.

Dieser Blick, der den patriotischen Staatsbürger umtreibt, ist ein verlässlicher Beitrag zu einem Schulterschluss mit der Führung, die das Volk so zur Manövriermasse ihrer Politik macht. (Und deren Farbspektrum, passend zur Wucht der Krisendiagnose, demnächst um eine blaue Komponente erweitert werden könnte.) Der dem Blick zugehörige Unverstand verfabelt nicht nur ein WM-Aus. Er verfehlt vor allem die tatsächlichen Gründe der staatlichen Ansagen zur Abwehr des ‚Niedergangs‘. Deshalb ein paar abschließende Hinweise auf das, was Bürger verpassen, wenn sie sich diese Ansagen zu eigen machen.

Worüber wirklich nachzudenken wäre

Am Staatsziel der „Sicherung von Freiheit, Frieden und Wohlstand“ wäre zu bemerken, dass seine Praxis darin besteht, Wirtschaft, Gesellschaft und Bevölkerung als tragfähige Basis für die Fortschritte deutscher Macht herzurichten. Dieses Bemühen entstammt vor allem der Verlegenheit, in die Deutschland geraten ist, seit es aus eigener Kraft seine bisherigen Ambitionen nicht weiterverfolgen kann, nachdem die amerikanische Rückendeckung dafür kritisch geworden und das russische Einlenken dabei entfallen ist.

An den Staatsausgaben wäre festzuhalten, dass sie nicht aus einem Topf aus Steuern und Krediten stammen, der zur Neige gehen könnte. Ihr Löwenanteil besteht vielmehr aus nach oben offener Verschuldung, bei der dem Geldmarkt signalisiert werden muss, dass er sie getrost in steigendem Maß finanzieren kann. Dieser ‚Schuldentragfähigkeit‘ steht der Beweis gut an, dass der Staat bei den notwendig anfallenden Sozialkosten seiner Gesellschaft sehr ‚haushälterisch‘ verfährt.

Bei den anstehenden Reformen der Renten- oder Krankenversicherung geht es folglich um etwas anderes als um „Demographie und Mathematik“ (Merz). Der Sozialstaat widmet sich der Brauchbarkeit einer Arbeitsbevölkerung, die die zugehörigen Momente Krankheit und Alter mit den individuellen Löhnen gar nicht bezahlen kann. Also nimmt der Gesetzgeber (nicht etwa die gesellschaftliche Wertschöpfung, die dem ‚Wachstum‘ vorbehalten ist, sondern) die nationale Lohnsumme in Beschlag, von der er Anteile zwangserhebt und verwaltet. Und der mit den dennoch nötigen Zuschüssen aus seinem Haushalt belegt, dass auch der Nationallohn nicht hergibt, was die Entgelte der Einzelnen nicht tragen. Daher die Dauerbaustelle aus Eintreiben, Einsparen und Umschichten, die jetzt erledigt werden soll.

Zu Wachstum und Arbeitsmarkt hält der Staat übereinstimmend mit den Unternehmern unzufrieden fest, dass die Kosten des abhängig beschäftigten Volks zu hoch und seine Leistungen zu gering sind, um damit im internationalen Wettbewerb zu reüssieren. Als sei der Wirtschaftserfolg in einer Anarchie von Produktion und Konkurrenz ein nationales Anrecht, das sich mit geeigneten Mitteln planen und garantieren ließe. Als sei das Mittel der Wahl aus wirtschaftlicher Vernunft – und nicht nach kapitalistischer Systemlogik – die Erhöhung der Ausbeutungsraten. Und zwar, wie es heißt, gerade auch zur „Sicherung des Wohlstands“ eben dieser Arbeitsleute.

Um abschließend und in leichter Abwandlung Renate Dillmann hier auf Overton zu zitieren: Statt sich dem „Debakel von Boston“ zu widmen, sollten die Menschen lieber mehr als „fünf Minuten Geduld aufbringen, sich über die Gründe ihres meist wenig erfolgreichen Lebenskampfs klar zu werden“.

Georg Schuster

Georg Schuster (Pseudonym) verbrachte sein Berufsleben als Lehrkraft. Von 2013 bis Ende 2019 schrieb er für das GEW-Magazin „Auswege“. Nach dessen Einstellung war er bis Anfang 2023 Autor bei „Telepolis“. Seither schreibt er für „Overton“.
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6 Kommentare

  1. Ein ganzer Roman darüber, dass angeblich irgendwer der Fußball-WM zu viel Bedeutung beimisst, erscheint mir ein wenig selbstwidersprüchlich.

  2. Also, manchmal macht mir „der Deutsche“ richtig Spaß!
    Da ist mal wieder was, worüber man sich so richtig aufregen kann.
    Der öffentliche Debattenraum lässt klar den Eindruck entstehen, das das wichtigste Amt für einen Großteil „der Deutschen“ nicht das des Bundeskanzlers, sondern des Bundestrainers der Fußballnationalmannschaft ist, die Nationalmannschaft der Männer wohlgemerkt!
    Panem et circenses haben die alten Römer schon gewusst.
    Hier allerdings gewinne ich den Eindruck, das die Regierung versucht, durch immer mehr circenses vom immer weniger werdenden panem abzulenken.
    Aber das man sich mal Gedanken über die wahren Ursache seiner Misere macht, nun, ich bin mir sehr sicher, das ich das nicht mehr erleben werde.

  3. Insgesamt hast du ja mit vielem Recht, Georg. Aber der erste Kommentator hatte ebenfalls einen Punkt: Warum zwanzig Minuten damit verbringen, den Irrtum anderer zu katalogisieren? Geht lieber raus und spielt Fußball!

    Denn ob man das Spektakel feiert oder zerredet – man kann sich gleichermaßen darin verlieren. Leute, ihr nennt euch freie Menschen. Aber wenn ein Plastikball einen Aluminiumpfosten auf der falschen Seite passiert, ist euer Sonntag ruiniert. Ernsthaft?

    Und diese Identifikation mit einem übergeordneten »Wir«? Habt ihr letzten Montag einen Pass gespielt? Habt ihr mittrainiert? Standet ihr in Boston auf dem Rasen? Nein? Warum sprecht ihr dann von »wir«?

    Natürlich verstehe ich, dass Menschen dazugehören und gemeinsam etwas feiern wollen. Daran ist nichts auszusetzen. Aber verwechselt ein Spiel nicht mit eurem Leben.

    Wenn jemand behauptet, das Elfmeterschießen spiegele den Zustand Deutschlands wider, bleibt eigentlich nur ein schlichtes: Nein. Es spiegelt höchstens den Zustand der Fantasie dessen wider, der so etwas schreibt. Wären die Renten sicher gewesen, wenn Deutschland Paraguay 5:0 geschlagen hätte? Wäre der Klimawandel verschwunden? Würde ein Drittel des Bundeshaushalts plötzlich nicht mehr in Waffen fließen? Natürlich nicht. Menschen erzählen gern große Geschichten, weil sie Unsicherheit schlecht aushalten.

    Besonders hübsch ist das deutsche Verliererzipperlein. Das Fachblatt „Kicker“ über sich nach dem Achtelfinale im Nachtreten:

    „Mit Respekt und Sportsgeist hat das nichts zu tun – Dass Paraguay gegen die Franzosen sportlich klar unterlegen ist, war klar. Was der Außenseiter allerdings für Mittel wählte, ist einer Weltmeisterschaft nicht würdig.“

    Als wäre Fußball je ein höflicher Debattierclub gewesen! Fußball ist ein Wettkampf. Fußball ist unerquicklich einfach: Einer gewinnt, einer verliert. Und wer gewinnen will, kämpft mit den Mitteln, die das Regelwerk zulässt.

    Der französische Torschütze brachte das nüchterner auf den Punkt:

    „Jeder kämpft mit seinen Waffen, es gibt keine gute oder schlechte Art, um Fußball zu spielen (…) Wenn wir uns die Hände schmutzig machen müssen, machen wir uns die Hände schmutzig. Damit haben wir kein Problem.“

    Das ist bemerkenswert frei von Moralismus und Selbstmitleid.

    Der deutsche Sportjournalismus klingt dagegen oft wie ein Kind, das sich darüber beschwert, dass die anderen beim Fangen zu schnell gelaufen sind. Wirklich schade! Aber bei dieser Weltmeisterschaft spielte – anders als in der Geopolitik – einfach niemand mit, der den Deutschen die »Drecksarbeit« abnahm.

    Ach, was soll man zu dem Ganzen noch schreiben? Man kann eigentlich nur lachen. Menschen, die sich „erwachsen“ nennen, leiten aus einem Ballspiel den Zustand einer Nation, den Charakter eines Volkes oder gar den Sinn ihres Sonntags ab. Leute, das Tor steht in der Mitte. Der Ball ist rund. Zweiundzwanzig Menschen laufen ihm hinterher. Danach setzen sich andere an den Laptop und erklären, was das alles über Deutschland, den Westen und den Lauf der Welt verraten soll.

    Hundertzwanzig Minuten Fußball. Drei Tage nationale Selbstdeutung. Das eigentliche Schauspiel beginnt erst nach dem Schlusspfiff!

    1. Yepp, ob im Beruf oder in der Politik, häufig sehe ich Leute an den Schaltstellen sitzen, die für solche Positionen charakterlich (und oft auch fachlich) einfach nicht geeignet sind. Krankhaftes Misstrauen, infantiler Trotz und bodenlose Borniertheit richten dieses Land zugrunde, nicht eine missglückte WM-Teilnahme. Ersatzschuldige sind ja so leicht benannt, so dass asoziale Aussagen „wie Schluss mit sozialer Gerechtigkeit und Gewerkschaftsgewäsch, wir wollen nur noch Erfolg“ den wirklichen VersagerInnen gerade recht kommen.

  4. Kapitalismus halt nichts weiter.

    Mein Essay von 2012 gilt noch immer.

    Ich bin der Meinung, dass diese Fußballverrückten, die es seit Dekaden durch die breite Masse jeglicher Couleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen.
    Hier geht es um eine Form der “Solidarisierung mit dem Deutschen Volk”, die mit der Realität leider nichts mehr zu tun hat.
    Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg.
    Die völlig korrupte FIFA, die Trainer, Manager und sonstigen Sponsoren, erfüllen alles andere als eine Vorbildfunktion in dieser Gesellschaft.
    Es vergeht kaum ein Tag da Fußball, das Zugpferd im Sport des kapitalistischen Betriebs nicht ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks von sich reden macht.
    Um dann solchen Leuten auch noch ein Bundesverdienstkreuz zu verpassen. (Sepp Blatter). Auch ein Herr Hoeneß ist eben kein Vorbild in unserer neoliberalistischen Gesellschaft, war aber auch nicht wirklich anders zu erwarten.
    Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz-Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert.

    Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000″ Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”. Das sollte euch zu denken geben….

    Panem et circenses.

  5. Zitat:“ Mal wohlwollend gefragt: Ist der hier versammelte Galimatias, der dann noch die ‚Lusche‘ Nagelsmann mit der ‚Niete‘ Merz gleichsetzt und konstruktiv beider Rücktritt vorschlägt, nicht seinerseits peinlich bzw. zum Lachen? Jedenfalls intellektuell gesehen.“

    Kienzle: Was für ein Wort?
    Hauser: Welches Wort meinen Sie denn, lieber Kienzle?
    Kienzle: Werter Hauser, welches Wort könnte das denn sein?
    Hauser: Etwa Galimatias?
    Kienzle: Nein Hauser, das meine ich nicht. Ich meine das Wort „intellektuell“.

    Das ist ein Wort aus längst vergangenen Tagen, aus den Zeiten der Dichter und Denker, aus den Zeiten von Marcel Reich-Ranicki: „Ich nehme diesen Preis nicht an. […] Ich gehöre nicht in diese Reihe.“ oder ein Heinrich Böll, ein Herrmann Hesse, ein Georg Bernhard, ein Aldous Huxley, ein Heinrich Mann (mit seiner genialen Charakterstudie „Der Untertan“ als den typisch Deutschen), ein Sigmund Freud, ein Friedrich Schiller, ein Erich Kästner, ein Theodor Adorno, ein Wolfgang Borchert, ein Erich Mühsam, ein Berthold Brecht, ein Karl Marx, eine Simone de Beauvoir, ein Carl Zuckmayer, ein Jean-Paul Sartre, ein Gerhart Hauptmann, ein Hans Fallada, ein Immanuel Kant, ein Theodor Lessing, ein George Orwell, ein Erich Maria Remarque, ein Kurt Tucholsky, ein Naom Chomsky, ein John Rawls, ein Arno Gruen, eine Hannah Arendt oder einen Carl von Ossietzky (am 4. Mai 1938 verstorben im Krankenhaus Nordend an den Folgen der schweren Misshandlungen durch die SS und einer verschleppten TBC). Wer kennt sie nicht diese Namen und ihre großen Werke?

    Hauser: Ich bin mir sicher, wenn man auf dem Münchner Marienplatz 1.000 Deutsche fragen würde, man würde wahrscheinlich nicht einmal 10 finden, die mit diesen Namen und dem Begriff „intellektuell“ etwas anfangen können.

    Kienzle: Es gibt zwar keine feststehende Definition des Begriffs. Man könnte aber so sagen: Intellektuelle sind Dichter und Denker, die über gesellschaftliche und soziale Probleme nachdenken, um zu Lösungen zu gelangen, die für alle Bürgerinnen und Bürger vorteilhaft sind, und das auch künstlerisch vermitteln können. Das muss nicht immer literarisch sein.

    Intellektuelle gibt es daher nicht nur unter den Schriftstellern, sondern auch bei den Musikern, den Malern und den Filmemachern. Charles („Charlie“) Chaplin gehört sicherlich dazu und auch Stanley Kubrick mit seinem Film „Wege zum Ruhm“ (im Original: Paths of Glory) war sicherlich ein Inellektueller. Der Musiker Roger Waters ist in diesem Sinne ein Intellektueller. Auch die Kabarettisten Dieter Hildebrandt, Volker Pipers, Georg Schramm und der Liedermacher Reinhard Mey gehören zweifelsfrei dazu.

    Daher darf man den Begriff „intellektuell“ auch nie mit „intelligent“ verwechseln. Der Propaganda-Minister des Dritten Reiches, Joseph Goebbels, war sicher ein gebildeter und extrem intelligenter Mensch. Aber er war sicherlich kein Intellektueller im Sinne der obenstehenden Definition, denn von seinen „Lösungsvorschlägen“ haben eben nicht alle Menschen profitiert. Millionen Menschen haben diese „Lösungen“ und „Endlösungen“ das Leben gekostet.

    Hauser: Dann wäre auch der Herr Sloterdijk kein Intellektueller, wenn er für die „Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit“ plädiert.“ Das ist elitärer Libertarismus und elitärer Libertarismus führt sicherlich nicht zu Freiheit und Wohlstand für alle Bürgerinnen/Bürger. Das wäre dann kein moderner Sozialstaat, das wäre dann ein Philantropenstaat aus dem späten Mittelalter, wenn die Reichen und Superreichen den Armen das geben, wozu sie gerade Lust haben und wenn die Reichen und Superreichen aka „Leistungsträger“ keine Lust dazu haben, weil die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verloren hat, dann bekommen die Armen eben nichts oder sie kommen ins Armenhaus wie im Feudalstaat. Soweit denkt Herr Sloterdijk aber ganz offenkundig nicht.

    Noch Fragen Kienzle: Ja Hauser: Wo sind die Intellektuellen heute? Heute wird in Deutschland zu viel gedichtet und zu wenig nachgedacht. Das hat schon 1933 Deutschland in die Barbarei geführt.

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