Causa Guérot: Mehr als ein gewöhnlicher arbeitsrechtlicher Streit

Justitia
Emmanuel Huybrechts from Laval, Canada, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Die Akte Guérot: Eine juristische Fallstudie zur Wissenschaftsfreiheit.

Die »Akte Guérot« ist weit mehr als ein arbeitsrechtlicher Einzelfall. Die vorliegende Dokumentation zeichnet anhand von Schriftsätzen und Urteilen den vollständigen Verlauf einer Kündigungsschutzklage nach – vom Arbeitsgericht Bonn über das LAG Köln und das Bundesarbeitsgericht bis hin zur anhängigen Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie verändern sich Rechtsstaatlichkeit, Verfahrensfairness und richterliche Praxis in Deutschland seit der »Zeitenwende« ab 2020? Welche Folgen hat es, wenn aus Sachfragen Rechtsfragen werden und Gerichte zunehmend ohne Sachverständige entscheiden? Damit wird die »Akte Guérot« zu einer Fallstudie von allgemeiner Bedeutung – für Juristen, Studierende und alle, die sich für die Zukunft des Rechtsstaats und die Entwicklung des Arbeitsrechts interessieren.

Warum dieses Buch?

Weil man die Vorgänge kaum glauben würde, wenn sie nicht dokumentiert wären.

Mehrere Gerichtsinstanzen, tausende Seiten Akten, Heerscharen von Anwälten, Gutachtern und Richtern, eine öffentliche Kampagne, die Zerstörung einer akademischen Karriere – und all das wegen einer Handvoll beanstandeter Zitate, deren Umfang nach den Maßstäben wissenschaftlicher Großskandale kaum messbar erscheint.

Seit heute im Handel! Und bei den Buchkomplizen!

Die Leser mögen selbst entscheiden, ob hier eine Professorin wegen wissenschaftlicher Verfehlungen scheiterte oder ob an ihr ein Exempel statuiert wurde.

Die »Causa Guérot« ist kein gewöhnlicher arbeitsrechtlicher Streit. Sie markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der akademischen Freiheit in Deutschland. Denn erstmals wurde einer prominenten Professorin faktisch die berufliche Existenz genommen, obwohl niemand ernsthaft behauptet, ihre wissenschaftliche Leistung insgesamt beruhe auf Täuschung oder Betrug. Der Vorwurf lautet nicht, ein Werk erschlichen, eine Dissertation gefälscht oder eine akademische Laufbahn auf Plagiaten errichtet zu haben. Gestritten wird über wenige Textstellen. Die Konsequenz war die maximale Sanktion.

Wer diese Akten liest, stößt deshalb auf eine Frage, die weit über den Einzelfall hinausreicht: Ging es tatsächlich um wissenschaftliche Redlichkeit – oder längst um etwas anderes?

Der Fall zwingt zu einer Debatte, die in Deutschland bislang nur ungern geführt wird.

Was ist ein Plagiat? Wo endet Nachlässigkeit, wo beginnt Täuschung? Warum werden ähnliche Vorwürfe in unterschiedlichen Fällen so unterschiedlich behandelt? Und weshalb entsteht bei vielen Bürgern der Eindruck, dass über Schuld und Unschuld nicht allein nach objektiven Maßstäben entschieden wird?

Die Dokumente dieses Bandes legen nahe, dass hier nicht nur über Zitate gestritten wurde. Im Hintergrund stehen die großen Konflikte unserer Zeit: die Verengung des Debattenraums, die wachsende Nervosität gegenüber Dissens und die Frage, wie viel intellektuelle Eigenständigkeit Institutionen tatsächlich noch aushalten.

Der Rechtsstaat ist mehr als die Summe seiner Urteile. Aber er lebt davon, dass Urteile hinterfragt werden dürfen. Wissenschaft lebt von Kritik. Universitäten leben vom Widerspruch. Wo diese Selbstverständlichkeiten verlorengehen, beginnt eine Entwicklung, die jeden betreffen kann – weit über die Person Ulrike Guérots hinaus.

Deshalb erscheint dieses Buch.

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7 Kommentare

  1. „Ging es tatsächlich um wissenschaftliche Redlichkeit – oder längst um etwas anderes?“ – selbstverständlich ging es um etwas anderes. Darum nämlich, eine hoch angesehene Akademikerin, die „auf der falschen Seite“ der „Zeitenwende“ stand und steht, beruflich und sozial zu vernichten. Die – bis jetzt – unblutige, „saubere“ Art des immer faschistoider werdenden Neoliberalismus mit seinen Kritikern umzugehen. Wenn „es“ losgeht, steht zu befürchten, dass solche Dissidenten eingesperrt werden, oder ihnen gar noch Schlimmeres widerfährt. Mit Pinochet, Suharto und ähnlichen ekelhaften Figuren hat man ja genügend ideologisch passende Vorbilder.

    1. @ AeaP:

      Seien Sie ohne Sorge, sorry, ohne Hoffnung, so wird es kommen. Und die guten Menschen werden durch die entpersonalisierten Wohnungen laufen, verschiedene Artefakte in ihrer neuen Besitzlosigkeit hübsch finden und für Kleines Schnäppchen mitnehmen. Und am Ende werden sie sagen, dass sie alle wieder nichts gewusst haben, während sie mit den „in Obhut genommenen Kostbarkeiten“ zum nächsten Schwarzmarkt stürzen. Soll noch einer behaupten, dass Gewissheit beruhigend sei…

    2. Guerot war in Österreich an der Donau Uni Krems und zuvor in der Delore Kom-mission tätig. Die Uni in Bonn wollte die angesehene Europa Professorin an ihr Haus holen und hat gar extra eine Stelle maßgeschneidert für sie ausgeschrieben.
      .Und dann kommt das raus .

  2. Mit Guérot fing es an, auch Namen wie Ganser sind da noch geläufig, Dogru und Baud sind ebenfalls bekannt, zumindest in Foren wie diesem.
    Da tritt, wie immer, eine gewisse Gewöhnung an solche zensierten Zustände ein, leider.
    Was mich interessieren würde, wären genaue Zahlen, über die Anzahl solcher Fälle.
    Wie weit ist das fortgeschritten, da habe ich kein Gesamtbild!
    Vielleicht hat ja jemand hier einen Rat für mich, wie ich an solche Informationen komme

  3. Die „Causa Guerot“ ist die offensichtlichste Farce, die jemals stattgefunden hat, um eine ehrliche Wissenschaftlerin nachhaltig und mit dem perfiden Ziel, sie für alle Zeiten aus dem Wissenschsftsbetrieb zu exilieren, stattgefunden hat. Die „Plgiatsvorwuerfe“ selbst muten wie reiner Hohn an. Meines Wissens nach hatte Frau Guerot in keiner einzigen Ihrer wissenschaftlichen Publikationen jemals versäumt alle sogenannten „Zitate“, d.h. Thesen, Argumente, Denkansätze, welche aus Publikationen anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stammen, genau zu kennzeichnen und Quellenangaben im Anhang anzugeben. Der „Plagiatsvorwurf“ bezieht sich nicht im Geringsten auf eine von Guerots zahlreichen wissenscaftlichen Publikationen, sondern auf ihr Buch „Wer wegschaut macht mit“, Dieses Buch ist aber keine wissenschaftliche Veröffentlichung, sondern ein Sachbuch für die breite Öffentlichkeit. Als wissenschaftliche Publikation bzw Arbeiten gelten eigentlich nur Diplomarbeten, Staatsexamensarbeiten, Bachelor- oder Masterthesen, Doktorarbeiten, Habilitationsschriften, und Publikationen in ausgewiesenen wissenschaftlichen Fachzeitschriften oder auch eindeutig als wissenschaftliche Abhandlungen gekennzeichnete Bücher. Das von Guerot geschriebene Buch fällt in keine der oben genannten Kategorien Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler publizieren auch Bücher, welche als „populärwissenschaftliche Sachbücher“ aufgefasst werden können. Diese Publikationen unterliegen normalerweise nicht den sehr strengen Regeln bezüglich der penibel genauen Kennzeichnung sämtlicher von anderen Personen übernommenen Thesen und Postulate. Ähnlich wie Frau Guerot ging es Herrn Sucharit Bhakdi, der allerdings zum Zeitpunkt als man begann ihn öffentlich mit Schmutz zu bewerfen schon emiritiert war wodurch ihm die Versauung seiner Karriere (die hatte er schon beendet und zwar glänzend!) erspart blieb. Das System ist gnadenlos, perfide und abgrundtief boshaft in seiner Natur. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die es wagen gegen den Strom zu schwimmen (und dieser „Strom“ ist eine stinkende Kloake in der nur noch die opportunistischsten Charaktere auf lange Sicht überleben können) werden abgestoßen wie falsch transplantierte Organe.

    1. @Wolfgang Seidel-Guyenot
      Vielen herzlichen Dank für diese wichtige Ergänzung!
      Da hat der Autor M. J. Karsten eine riesige Lücke an Kontext hinterlassen, mit der dieser Sachverhalt kaum angemessen verstanden werden kann.

    2. „…um eine ehrliche Wissenschaftlerin nachhaltig und mit dem perfiden Ziel, sie für alle Zeiten aus dem Wissenschsftsbetrieb zu exilieren…“

      Es ging wohl weniger um Frau Guerot allein, sondern eher um die Einschüchterung vieler anderer. Bestrafe einen, domestiziere tausende!

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