Bequemlichkeit als politische Waffe

Hängematte
John Robinette, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Zukunftsmärchen voller Luxus, Lust und ewiger Jugend. Bis sichtbar wird, dass hinter der perfekten Oberfläche kalt organisierte Menschenverachtung herrscht.

Flucht ins 23. Jahrhundert gehört zu den Science-Fiction-Filmen der 1970er-Jahre, die heute leider kaum noch Beachtung finden. Regisseur Michael Andersons Film ist weich ausgeleuchtet, die Menschen darin sind schön, geschniegelt und sexuell jederzeit verfügbar. Niemand muss sich mit Mühen des Alltags herumschlagen. Es gibt keine sichtbare Arbeit, Sorgen sind unbekannt. Die Gesellschaft lebt unter gigantischen Kuppeln, die als Komfortzone wirkt. Dort lebt sie Konsum, Unterhaltung und permanente Bedürfnisbefriedigung aus. Die Welt außerhalb gilt als zerstört.

Der Schrecken dieser Welt liegt aber in der makellosen Oberfläche. Denn sie erkauft sich ihre Stabilität mit einem barbarischen Prinzip: Wer 30 Jahre alt wird, muss sterben. Nicht weil man bestrafen möchte, sondern weil man es als gesellschaftliche Notwendigkeit eingeführt hat. Ein öffentliches Erneuerungsritual verklärt den Tod allerdings. Alter gibt es nicht. Hinter der heiteren Dauerparty arbeitet ein System, das Menschen nur duldet, solange sie funktionierende Bestandteile des Systems sind.

Diktatur des angenehmen Lebens

Das Raffinierte an diesem Film ist, dass seine Herrschaft nicht brutal aussieht. Niemand marschiert in Uniformen herum oder hält flammende Agitationsreden. Die Unterdrückung hat sich als große Befreiung formiert. Die Menschen dürfen genießen, lieben, konsumieren und sich treiben lassen. Es gibt keine Familien mehr, keine Verbindlichkeit. Sexualität wird frei mit jedem ausgelebt. Jeder kann alles sein und alles tun.

Die Freiheit besteht allerdings nur noch aus Auswahlmöglichkeiten innerhalb eines vollkommen kontrollierten Systems. Man darf alles. Außer alt werden und sich dem allgemeinen Glückszwang entziehen. Dauerhafte Bindungen sind in dieser Dystopie, die auf dem Roman von William F. Nolan und George Clayton Johnson aufbaut, existieren nicht mehr. Sie sind Relikte aus vergangenen Zeiten, von denen die Bewohner der Kuppelwohlstandssphäre nichts wissen. Drehbuchautor David Zelag Goodman hat übrigens für den Film die Vorgabe des Romans verlassen. Im Buch mussten die Bewohner schon mit dem 21. Lebensjahr in die Erneuerung gehen. Es gibt in der Szenerie nur noch Gegenwart, Körperlichkeit und sofortige Bedürfnisstillung. Geschichte interessiert keinen mehr, Zukunft ist limitiert, die Menschen können es an der Lebensuhr ablesen, die man ihnen von Geburt an in die Handfläche implantiert.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um darin eine aktuelle Versuchsanordnung zu erkennen. Die Idee, dass der Mensch vor allem konsumieren, genießen und sich selbst verwirklichen soll um glücklich zu leben, ist längst mehr als Stoff für einen Science-Fiction-Film. Auch heute gilt Jugend als moralische Kategorie, während Alter, Verzicht oder Verpflichtung zunehmend wie Zumutungen geächtet werden. Besonders in linksliberalen Milieus begegnet man jener merkwürdigen Sehnsucht nach einer Gesellschaft ohne feste Rollen, ohne traditionelle Familienbindungen und möglichst ohne dauerhafte Verantwortlichkeiten. Dort ächtet man auch die Arbeit und erklärt sie zum lästigen Beiwerk, das man möglichst für alle Zeit überwinden sollte. Viele nennen es Sozialismus. Aber ein solcher schätzte die Arbeitsleistung und machte sie nicht lächerlich.

Der Film übertreibt das alles selbstverständlich, aber man könnte vermuten, dass eine solche Zukunft entstehen könnte. Denn eine Gesellschaft, die zunehmend von der materiellen Wertschöpfung abkommt, wird früher oder später Verteilungsengpässe erleben. Wachsendes Alter würde dann zwangsläufig als Ressourcenkiller betrachtet.

Der Mensch konsumiert sich selbst

Bemerkenswert ist, wie konsequent Flucht ins 23. Jahrhundert den Menschen auf Konsum reduziert. Nicht nur Waren werden verbraucht, sondern auch Beziehungen, Gefühle und letztlich das eigene so kurze Leben. Alles muss angenehm, leicht und folgenlos bleiben. Tiefe stört nur den reibungslosen Ablauf der allgemeinen Glücksverwaltung.

Perfide ist: Niemand empfindet sich als Opfer. Die Menschen gehen freiwillig in dieses System hinein, weil es ihnen jede Anstrengung abnimmt. Sie empfinden Glück trotz schwindender Lebenszeit. Regisseur Anderson zeigt dem Zuschauer, dass die gefährlichsten Gesellschaften nicht unbedingt jene sind, die offen ihre Bürger terrorisieren. Sedieren durch zu leicht zugänglichen Komfort ist auch eine Waffe der Unterdrückung.

Man fühlt sich unwillkürlich an moderne Gegenwartskulturen erinnert, in denen Selbstoptimierung, ewige Jugend und emotionale Unverbindlichkeit zu gesellschaftlichen Leitbildern geformt wurden. Der Film formuliert dazu keine politische Theorie, sondern eine viel elegantere Beobachtung: Eine Gesellschaft, die nur noch auf Lust und Bedürfnisbefriedigung basiert, verliert irgendwann die Fähigkeit, die Menschheit weiter voranzubringen.

Bequemlichkeit als leeres Versprechen

Erst außerhalb der künstlichen Wohlstandswelt begreifen die beiden Hauptfiguren, was ihnen genommen wurde. Die alte Welt ist doch noch bewohnbar. Sie treffen dort einen Alten und erkennen eine Würde bedingt durch Lebenserfahrung, die ihre Gesellschaft nicht kennt. Sie spüren die menschliche Nähe und wie sie ihnen abhandengekommen ist. Die dekorierte Unmenschlichkeit des Systems wird ihnen deutlich. Das kampflose Glück, das sie aus ihrer Welt kennen, war in Wahrheit Tyrannei. Nun begreifen es die Protagonisten.

Flucht ins 23. Jahrhundert ist weit mehr als eine nostalgische Science-Fiction-Kuriosität. Er warnt vor zu leichtem Glück. Und vor solchen, die es versprechen. Der Film wirkt heute bunt und wie ein Stück Zukunft mit 1970er-Charme. Teilweise ist der Plot umständlich und schleppend. Aber die Lebenswelten unter der Kuppel sind bis futuristisch meisterhaft in Szene gesetzt. Anderson hat einen Film über Bequemlichkeit gemacht. Eine Bequemlichkeit, die ein leeres Versprechen ist. Hedonismus eine politische Waffe.

Am Ende des Films werden die beiden Hauptfiguren von einem Computer verhört. Als er mit der Tatsache konfrontiert wird, dass außerhalb der Kuppel gelebt werden kann und es auch Leben gibt, sieht sich der Rechner überlastet und er zerstört sich selbst. Man sieht, damals glaubte man noch an die Beherrschbarkeit von Algorithmen durch die menschliche Kreatur. Heute sind es die Maschinen, die den Menschen vorgeben was Realität ist. Bis sie es endlich einsehen wollen.

Henryk Gondorff

Henryk Gondorff
Cineast der ersten und letzten Stunde. Viel gesehen und viel sehr schnell wieder vergessen. Wer wissen will woran eine Gesellschaft krankt, geht in deren Kinos. Dort erhält man die Diagnose.
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10 Kommentare

  1. Danke für diesen lohnenden Filmtipp!

    Hier der Link zum Film: https://www.dailymotion.com/video/x9tvs98

    Tja, während so manche andere Sciencefiction-Vision oder -Dystopie inzwischen überholt ist, gilt das für jene aus „Flucht ins 23. Jahrhundert“ noch nicht. Bevölkerungsreduktion ist doch bei manchen Leuten ein aktueller Wunsch.
    Und auch die Techniken zur Bewusstseinssteuerung und Propaganda haben sich heute in einem Maße weiterentwickelt, dass so mancher Propagandaminister der Vergangenheit vor Neid erblasst wäre.

    Immer deutlich kristallisiert sich für mich die Erkenntnis heraus, dass das Anwachsen der technischen Möglichkeiten letztlich der entscheidende Grund für zunehmend bedrückende Zukunftsaussichten sind. Dass der Mensch als Gattungswesen dümmer oder bösartiger wird, kann ich mir schwer vorstellen. Dass die Dummen und Bösartigen aber zunehmend mehr technische Mittel zur Verfügung haben, das ist der i-Punkt des Dramas. Und wozu bereits in mittelfristiger Zukunft die Technik sog. „künstlichen Intelligenz“ noch verwendet und missbraucht werden wird, das ist heute wahrscheinlich selbst klugen Köpfen noch verborgen.

    Etwas zugespitzt könnte man daher sagen, dass die Fähigkeit zur Technikkritik einen Beleg für Intelligenz darstellen könnte.

    Zum Satz …
    „Es gibt in der Szenerie nur noch Gegenwart, Körperlichkeit und sofortige Bedürfnisstillung.“
    … fällt mir unwillkürlich diese widerliche Tätowiererei der Gegenwart ein. Da lassen sich Menschen ihren Körper verschandeln, als gäbe es kein Morgen.
    Auch das bestätigt dann Botho Strauß´ berühmtes Wort von der „Totalherrschaft der Gegenwart“ (1993 im „Bocksgesang“).

  2. Sry, aber das scheint KI zusammengeklaubter Unsinn aus dem Internet zu sein, den wohl andere über den Film schreiben, die ihn wohl kaum gesehen haben dürften oder aus andren Gründen Unsinn erzählen. Aufgehübscht mit ein wenig apologetischem Konservativismus und inklusive anti-sozialistischer, anti-linker Reduktion.

    Aber egal.

    Uniformierte gibt es sehr wohl, in Form der sog. Sandmänner (die andere eben schlafen schicken) und eben eine gleichförmige Bekleidung, eine Uniform tragen. Einmal eben als sichtbarer Ausweiß und Respekt gebieten soll es auch noch. Die übrige Bevölkerung ist gegenüber Sandmännern auch nicht so entspannt wie sonst. Die Sandmänner tragen Schußwaffen, jagen damit Läufer um sie zu töten. Läufer, das sind Jene die keinen Bock auf’s Karussel mit dreissig haben. Das Karussel ist die Möhre für alle Insassen der Kuppelstadt, eine quasi Zirkusveranstaltung für die Dreissigjährigen mit der (illusionären) Chance auf Erneuerung.

    Betrieben (regiert) wird das ganze von einem Computer, den man heute als sog. KI bezeichnen würde. Hier erfährt ein Protagonist des Films, ein Sandmann auch, daß das Karussel Mumpitz ist und niemand erneuert wird.

    Ob, was, wie in dieser Dystopie gearbeitet wird kommt nur im Ungefähren heraus. Es steht nicht im Vordergrund. Offenkundig arbeiten die Sandmänner, in einem Gewerbe von Polizei, Militär und auch Geheimdienst, was bei einem Blick in die Zentrale zum Vorschein kommt.

    Offenkundig arbeitet der Mann im Salon im Silberkostüm, denn er verändert Gesichter. Offenkundig arbeitet die Dame an der Rezeption.

    Also so nennt man das doch, arbeiten. Gibt ja eine Menge was keinen Sinn stiftet aber trotzdem so genannt wird. Also so wie in der echten Welt. So Zeug wie Arbeit um der Arbeit willen. Was ja so auch nicht ganz stimmt, das meiste ist Beschäftigungstherapie und dient nebenbei/hauptsächlich zur Bereicherung derer die ohnehin nie genug haben.

    Die Kernaussage des Films ist, daß das Karussel eine Lüge ist und niemand mit dreissig sterben muß, denn es gibt eine Welt jenseits der Kuppel die Platz für alle bietet.

    Man könnt auf noch mehr eingehen, fehlerhafte Darstellung und Inhalt, aber is ja nur ein alter Film. Parallelen zu aktuellen Geschehnissen scheiden damit sicher aus.

  3. Wieder so ein Plädoyer für die Leistungsgesellschaft ohne eine vernünftige Alternative zu nennen.
    Höher, schneller, weiter.
    Ähnlich wie in der „Zeitmaschine“ von 1960 von H.G. Wells von 1895 entspricht die Gesellschaft bei „Logans Run“ denen der Eloi ohne aber den Gegenpart der Morlocks zu implementieren.
    Dem Film fehlt der realistische Bezug zur Gegenwart, indem eine Elite die gesamte Kontrolle übernimmt und dem Autor auch nichts besseres einfällt, als eine leistungsbezogene, materialistische eben arbeitsteilige Gesellschaftsform anzupreisen.

  4. Mit der Wortwahl „politische Waffe“ habe ich Schwierigkeiten. Diese Begrifflichkeit reiht sich ein in eine allgemeine Sprachwahl, in der alles und jedes bekämpft wird, alles wird zu Waffe, Diskussionen werden zu Schlachten, normale Wahlen zu Kampfabstimmungen, etc. Wir kämpfen gegen Terror, Arbeitslosigkeit, Infektionen, die Verdummung der Menschheit und so weiter. Wobei all diese „Gegner“ gar nicht in der Lage sind, ihrerseits eine Kampf zu führen. Arbeitslosigkeit kann nicht kämpfen, sie ist einfach vorhanden als Folge politischer Entscheidungen. Drogen kämpfen auch nicht, Mikroben ebensowenig. Sie machen einfach, was für sie typisch ist.
    Es wird Zeit, diese Wortwahl zu hinterfragen….

  5. Mir fällt auf, dass das Smartphone selten in einem negativen Zusammenhang erwähnt wird. Wer heute ‚Digitalisierung‘ sagt, muss alles positiv finden.

    Dabei fehlt, um diese Dystopie der Kuppelwohlstandssphäre (heute Blase genannt) zu optimieren, nur noch das Smartphone als das Schlüsselgerät zur Zirkulation der Konsumschmierstoffe: „Alles muss angenehm, leicht und folgenlos bleiben. Tiefe stört nur den reibungslosen Ablauf der allgemeinen Glücksverwaltung.“

  6. Ja die Siebziger hatten schon einige besondere und daher gute Filme, wie es si heute kaum noch gibt
    Wesentlich besser als „Flucht ins 23. Jahrhundert“ und auch mit mehr Bezug zu heutigen Entwicklungen finde ich aber „Zardos“ von 1974.

  7. ich wüsste nicht, was es besseres geben könnte für heutige menschen, als 30 jahre im glück zu leben und dann friedlich dahingemördert zu werden. und das argument, es fände dann ja keine entwicklung mehr statt, ist auch dummes zeug. natürlich steht ja dahinter eine technoelite, die an weiterer optimierung arbeitet. also echt, lieber 30 jahre glück, als scheiß kindheit inner asi-familie und dann ab ins verschissene berufsleben mit frau die immer bescheuerter wird, kinder die nerven und dann, wenn alles, körper, psyche, pers. umwelt, schön kaputt ist, rente vorm fernseher versaufen. nee, und da habe ich die diamantenminensklaven noch gar nicht berücksichtigt. und nein, so ist mein leben nicht.

  8. ich krieg mich gar nicht mehr ein. die heutige welt besteht aus einem haufen dreck, selbst für uns hier im -freien werte westen-, und dann das elend in gaza, sudan, libanon, mali und da und da und da. und wer nicht als privilegierter mensch in einer priviligierten umwelt lebt, der ist froh, wenn er.sie, mit 30 den löffel abgeben darf. und das geht dann aber meist nicht so einfach und schmerzlos. was ist an einem heutigen wertewestenmenschlein besser als an so einem optimierten 25jährigen sonnenkind dem alles spaß macht.? schwer lastet dumpfheit auf aller besserwisserei.

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