»Alle Blumen des Julis«

Amphitheater Vitebsk
Amphitheater Witebsk, Foto von Benjamin Schett

Ein Bericht vom »Slawischen Basar« in weißrussischen Witebsk.

Das Festival beginnt kurz vor dem im sowjetisch-neoklassizistischen Stil erbauten Bahnhof von Witebsk. Dort komme ich am späteren Nachmittag mit dem Zug aus Minsk an. Bereits knapp zwei Kilometer vor der Altstadt reihen sich in der zum Zentrum führenden Kirow-Straße Stände aneinander. Dort werden Leinenkleidung, belarussisches Kunsthandwerk und Schaschlik angeboten. Am Ende der Straße führt die Kirow-Brücke über die Westliche Dwina. An ihrem Geländer hängen sorgfältig gepflegte Blumenarrangements. Auf der anderen Seite setzt sich der Weg durch eine Stadt fort, die für einige Tage ganz dem »Slawischen Basar« gehört.

Amphitheater Vitebsk
Amphitheater Vitebsk, Foto von Benjamin Schett

Es ist der 15. Juli 2026, und ich bin als in Serbien tätiger Journalist bis zum 19. Juli in Witebsk akkreditiert. Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko wird das Festival jedoch erst am folgenden Abend offiziell eröffnen. Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte finden aber bereits statt. Zwar ist die Einreise nach Belarus auch für deutsche Staatsangehörige derzeit visumfrei möglich, direkte Flugverbindungen aus der Europäischen Union gibt es infolge der Sanktionen allerdings nicht. Doch bleibt es dem Beobachter überlassen, zu entscheiden, wen der Westen da isoliert: den Osten oder sich selbst. Unter den zahlreichen Besuchern in Witebsk befinden sich nicht nur Menschen aus Belarus und Russland, sondern auch aus Kasachstan, Georgien und China. Sogar Italienisch ist zu hören.

An diesem Abend tritt Oleg Gasmanow vor ausverkauftem Haus auf. Er ist so etwas wie der russische Bruce Springsteen: Seit Jahrzehnten steht er auf der Bühne, ist energiegeladen und hat eine Vorliebe für hymnische Lieder. In seinem Lied »Gemacht in der UdSSR« beschwört er die gemeinsame Herkunft der Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken: »Ich wurde in der Sowjetunion geboren, in der UdSSR gemacht.«

Für einen Besucher aus Deutschland mag das zunächst wie eine nostalgische Reminiszenz erscheinen. In Witebsk verweist das Lied jedoch unmittelbar auf die Entstehungsgeschichte des Festivals. Der erste »Slawische Basar« fand 1992 statt, wenige Monate nach dem Zerfall der Sowjetunion. In seiner Eröffnungsrede erinnert Lukaschenko daran, dass die Idee in einer Zeit entstanden sei, »als sich unsere Welt veränderte« und den Menschen, wie er es ausdrückt, »milde gesagt, nicht nach Liedern zumute war«. Völker, die eben noch in einem gemeinsamen Staat gelebt hatten, mussten lernen, getrennt voneinander zu leben. Das Festival sollte den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen jener Jahre etwas entgegensetzen.

Dafür bietet das Sommeramphitheater eine eindrucksvolle Kulisse. Unter seinem weit geschwungenen Dach steigen zu beiden Seiten der Bühne die dicht besetzten Zuschauerränge steil empor. Obwohl es im Stadtzentrum liegt, wirkt das geschlossene Rund mit seinen mehr als 6.000 Plätzen für einige Stunden wie eine eigene kleine Stadt.

Das Publikum wird auf Belarussisch, Russisch und Ukrainisch begrüßt. Den ukrainischen Teil übernimmt die im Ausland lebende Journalistin Diana Pantschenko. Pantschenko wirbt für eine Verhandlungslösung im Krieg, weshalb ihr der ukrainische Staat Verrat vorwirft. Auf den offiziellen Teil folgen rund drei Stunden Musik, Tanz und aufwendig inszenierte Bühnendarbietungen mit bekannten Künstlern aus Belarus und Russland.

»Kino« in den Gassen

Kunst, Altstadt Vitebsk
Kunst in der Altstadt, Foto von Benjamin Schett

Nach der Eröffnungsveranstaltung kommt Witebsk nicht zur Ruhe. Bis in die frühen Morgenstunden sind die Gassen der Altstadt voller Menschen. Maler bieten ihre Bilder an, während Straßenmusiker melancholische Lieder der legendären sowjetischen Rockband »Kino« spielen. Die Cafés und Restaurants sind bis auf den letzten Platz besetzt, und der Duft von Grillspiessen zieht durch fast jede Straße. Das Fest beschränkt sich nicht auf ein abgesperrtes Gelände. Bühnen, Verkaufsstände und Besucher verteilen sich über das gesamte Zentrum.

Ich lebe in Novi Sad, wo während des EXIT-Musikfestivals Zehntausende Besucher, unter anderem aus Großbritannien, Deutschland und Australien, auf die Festung Petrovaradin strömen. Ein Vergleich mit dem ähnlich großen Witebsk drängt sich deshalb auf. Auch hier wird reichlich Alkohol getrunken, doch es gibt weder Gegröle noch Raufereien. Niemand sucht Streit und niemand übergibt sich auf der Straße.

Am folgenden Tag verirre ich mich in den stillen Wohnstraßen Witebsks. Mein Ziel ist das Hausmuseum Marc Chagalls, des wohl berühmtesten Sohnes der Stadt. Zwei Rentnerinnen, die ich nach dem Weg frage, begnügen sich nicht mit einer Erklärung. Sie begleiten mich bis zum Museum, um sicherzugehen, dass ich es finde. Unterwegs sagen sie, die Belarussen liebten den Frieden und wollten mit allen Ländern befreundet sein.

Mit seinen farbenreichen, traumähnlichen Bildern eroberte Chagall zunächst Paris und später die gesamte Kunstwelt. Seiner Heimatstadt blieb er dennoch verbunden. Immer wieder ließ er in seinen Werken Witebsk mit seinen Holzhäusern, Kirchtürmen und der heute weitgehend verschwundenen ostjüdischen Lebenswelt neu erstehen.

Zum Marc-Chagall-Museum gehören dieses Haus, in dem der Künstler seine Jugend verbrachte, sowie ein Kunstzentrum mit einer Sammlung seiner grafischen Arbeiten. Während des Festivals ist im Kunstmuseum zudem eines seiner berühmtesten Gemälde zu sehen: »Über der Stadt«, eine Leihgabe der Moskauer Tretjakow-Galerie. Darauf schweben Chagall und seine spätere Ehefrau Bella Rosenfeld über den Häusern Witebsks, als könne die Liebe selbst die Schwerkraft überwinden.

Gäste aus China
Gäste aus China, Foto von Benjamin Schett

Wer, inspiriert durch Chagalls Bilder, den Spuren des untergegangenen jüdischen Witebsk folgt, dem begegnet in der Stadt unweigerlich die Erinnerung an den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Plakate und Gedenktafeln erinnern an ermordete Zivilisten, gefallene Soldaten und den Widerstand der Partisanen. Am Tag nach der Eröffnung beginnen auf dem Siegesplatz die Jugendtage des Festivals mit einer Blumenniederlegung am Memorial für sowjetische Soldaten, Partisanen und Untergrundkämpfer.

Tafeln erzählen von belarussischen Frauen, die als Soldatinnen und Partisaninnen gegen die Besatzung kämpften. Über der Gedenkstätte stehen Verse aus dem »Requiem« des sowjetischen Dichters Robert Roschdestwenski: »Menschen! Solange die Herzen schlagen – erinnert euch! Um welchen Preis das Glück errungen wurde – bitte, erinnert euch!« Während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung verlor das Land etwa ein Drittel seiner Bevölkerung.

In Witebsk vermischen sich Konzerte, Malerei und kulinarische Genüsse mit der Erinnerung an Krieg und Vernichtung. Gelegenheit, innezuhalten und diese Eindrücke zu ordnen, bietet der Frunse-Park für Kultur und Erholung im Stadtzentrum. Er steht in der sowjetischen Tradition, Parks nicht als Restflächen zwischen Gebäuden, sondern als eigenständige öffentliche Räume anzulegen. Zwar finden während des Festivals auch hier kleinere Veranstaltungen statt, doch entlang der dicht bewachsenen Ufer der Witba gibt es auch stille Winkel. Das Grün ist stellenweise so dicht, dass die umgebende Großstadt aus dem Blickfeld verschwindet.

Von den Brücken über die Westliche Dwina aus sind zudem weitläufige, unbebaute Uferflächen zu sehen. Dieser Anblick wirft die Frage auf, wie lange ein solches Stück Land in den meisten westlichen Staaten unbebaut bliebe, bevor es zur »Premiumlage«, Eventfläche oder zum Spekulationsobjekt erklärt würde.

Grenzen und Verbindungen

Erwähnt man in Belarus, dass man in Serbien lebt, beginnen die Augen der Gesprächspartner regelmäßig zu leuchten. Viele von ihnen sind über die Ereignisse auf dem Balkan erstaunlich gut informiert. Am 17. Juli rückt Serbien auch auf der Bühne der Witebsker Regionalphilharmonie in den Mittelpunkt. Dort treffen das serbische Nationalensemble Kolo und das belarussische Ensemble Talaka aufeinander.

Talaka verbindet melodische Volkslieder aus verschiedenen Regionen Belarusslands mit fließenden Bewegungen und farbenprächtigen Trachten. Dem steht die rhythmische Wucht des serbischen Volkstanzes mit schnellen Schrittfolgen, kraftvollen Sprüngen und abrupten Tempowechseln gegenüber. Je schneller die Musik wird, desto deutlicher tritt die vollkommene Synchronität der Tänzer hervor. Das belarussische Publikum reagiert mit langanhaltendem Applaus.

Zum Abschluss treten beide Ensembles gemeinsam auf. Begleitet werden sie von der belarussischen Sängerin Darja Isakovitsch, die seit mehreren Jahren in Belgrad lebt. Sie singt »Alle Blumen des Julis«, das musikalische Erkennungszeichen des Festivals, auf Belarussisch, Russisch und Serbisch.

Tafel, Genozid am belorussischem Volk
Tafel, Genozid am belorussischem Volk, Foto von Benjamin Schett

Als der Vorhang fällt, bricht hinter der Bühne Jubel aus. Belarussen und Serben hätten einander, so Isakowitsch, »allein durch ihre Blicke« verstanden. Für sie erschöpft sich die Verbindung zu Serbien jedoch nicht in diesem gemeinsamen Auftritt. In einem Interview mit der serbischen Tageszeitung Večernje novosti erinnerte sie sich daran, wie sie 1999 als Neunjährige in Minsk gemeinsam mit ihren Eltern den NATO-Angriff auf die damalige Bundesrepublik Jugoslawien verfolgte. Der Satz ihrer Eltern, dies sei »eine große Tragödie für das serbische Volk«, sei ihr bis heute im Gedächtnis geblieben.

International besetzt ist auch der Gesangswettbewerb des »Slawischen Basars«. Seine 19 Teilnehmer kommen aus Ländern wie Australien, China, Italien, Kasachstan und Mexiko.

Das Gastgeberland wird von der 25-jährigen Elena Kusnezowa aus Minsk vertreten. In der Kategorie »Slawischer Hit« präsentiert sie das Lied „Storonoju doschd“ (»Der Regen zieht vorüber«) als dreiteiliges Arrangement. Dabei verbindet sie die russische Volksweise mit »Tuman jarom« (»Nebel über der Schlucht«) in belarussischer Fassung sowie »Kolybelnaja« (»Wiegenlied«) der russischen Sängerin Polina Gagarina, die 2015 mit »A Million Voices« den zweiten Platz beim Eurovision Song Contest belegte. Kusnezowa erzählt, sie habe die Komposition gewählt, weil sie sie tief berührt habe. Viele Menschen in Europa wüssten leider nur wenig über Belarus. Wer das Land kennenlernen möchte, sei hier willkommen.

Mit Isidora Mitić aus Serbien und Una Šušnica aus Banja Luka, die Bosnien und Herzegowina vertritt, ist auch der serbischsprachige Raum vertreten. Für Šušnica ist es bereits die zweite Teilnahme in Witebsk. 2016 stand sie als Elfjährige beim Kinderwettbewerb auf der Bühne. Zehn Jahre später ist sie aus Triest angereist, wo sie Violoncello studiert.

Die serbische Teilnehmerin Mitić wählte mit »Ljubav je samo riječ« (Liebe ist nur ein Wort) eines der anspruchsvollsten Lieder des in allen Republiken des ehemaligen Jugoslawiens beliebten bosnisch-serbischen Sängers Zdravko Čolić. Die großen Tonumfangssprünge und der dramatische Aufbau des Stücks verlangen eine wirkungsvolle Inszenierung und eine beeindruckende Gesangsleistung. Mitić bewältigt beides überzeugend. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass stimmliches Können hier noch ein ernstzunehmendes Teilnahmekriterium ist. In Witebsk gibt es auch reichlich Bühneneffekte, die den Gesang jedoch unterstützen und nicht ersetzen sollen. Anders als beim Eurovision Song Contest wird zudem kein Land von der Teilnahme ausgeschlossen.

Giorgia Helen Borg, die für Australien unter dem Namen Maxine antritt, kann dem europäischen Wettbewerb ohnehin wenig abgewinnen. Auf die Frage, ob der Eurovision Song Contest ihre nächste Station sein könnte, reagiert sie entschieden ablehnend. Ob sie ihn nicht vielleicht retten könne? »Die sollen sich selbst retten«, antwortet sie trocken.

Una Šušnica hat nach ihrem Auftritt nicht viel Zeit zum Ausruhen. Noch in derselben Nacht tritt sie die Rückreise an. Aufgrund der sanktionsbedingt fehlenden direkten Flugverbindungen zwischen Belarus und der Europäischen Union, nimmt sie den Bus nach Vilnius. An der litauischen Grenze kann die Weiterreise für Stunden zum Stillstand kommen. Ein Festival, das nach dem Zerfall eines gemeinsamen Staates ins Leben gerufen wurde, um Verbindungen zu erhalten, findet heute in einem Europa statt, das diese wieder zerschneidet.

Nach der Abschlussveranstaltung bleibt nur wenig Zeit. Der Zug nach Minsk fährt am frühen Morgen. Beim Überqueren der Brücke über die Westliche Dwina sind im ersten Licht noch einmal die Blumenarrangements zu erkennen, die schon bei der Ankunft am Geländer befestigt waren.

Blumen schmücken in Witebsk den öffentlichen Raum, geben dem bekanntesten Lied des Festivals seinen Namen und werden auf dem Siegesplatz zum Gedenken an die Toten niedergelegt. So führt der Slawische Basar bei allem Vergnügen auch vor Augen, was NS-Deutschland dem belarussischen Volk angetan hat – und wie Sanktionen und politisch-kultureller Boykott heute erneut Verbindungen kappen.

Benjamin Schett

Benjamin Schett ist ein freier Journalist und Autor. Er wurde in Basel geboren und lebt seit 2017 in Novi Sad, Serbien. Er studierte Osteuropastudien an der Universität Basel sowie Geschichte an der Universität Wien. Er ist Mitglied des serbischen Journalistenverbandes (Udruženje novinara Srbije, UNS). Seine Schwerpunkte sind politische, historische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Sowjetunion sowie deren Darstellung in westlichen Medien. Er arbeitet auf Deutsch, Englisch, Serbisch und Russisch.
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3 Kommentare

  1. Belarus ist eine Sowjetunion mit Wahlrecht. Und ausgeprägter Staatswirtschaft, sozialem Ausgleich. Nebst den Idealen der Sowjetzeit: Gleichheit der Menschen und Völkerfreundschaft.
    Wie es ausshieht, sind die Menschen damit sehr zufrieden und machen auch fleißig beim Subbotnik mit. Einem Extraarbeitstag, an dem für die Gemeinschaft gearbeitet werden muss.
    Wenn es mir in Deutschland zu heiß wird, täten die mich nehmen? Nicht klimatisch zu heiß, politisch.

  2. Da bin ich jetzt schon gespannt, wann dem Autor der zutritt zum Olymp der „umstrittenen Autoren“ gewährt wird, kann nicht lange dauern, war das erste, was mir durch den Kopf ging, wäre vor zehn Jahren noch nicht so gewesen.
    Die meisten Artikel auf Overton bereiten mir keine Freude, wie auch.
    Dieser Artikel schon!
    Könnte man durchaus öfter mal hier haben!

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