Wir haben alles unter Kontrolle!

Zivilschutz
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Zivilschutz ist nun in aller Munde. Er simuliert Sicherheit inmitten der größten Verunsicherung, die es für Menschen gibt: Krieg.

Sie wollen überleben? Kein Problem, die Bundesregierung hat da was für Sie: Zivilschutz. Und die dazugehörigen etwaigen Selbstschutzmaßnahmen. Das ist ein bisschen so, wie wenn Sie Rückenschmerzen haben und sich bei YouTube ein Video mit hilfreichen Übungen ansehen und das Gesehene nachmachen. Nur ohne Wirkung – manche Rückenvideos zeitigen ja durchaus Erfolge bei der Schmerzbeseitigung. Aber die fehlende Wirkweise spielt selbstverständlich keine allzu große Rolle, denn oft brauchen Menschen nur das Gefühl von Kontrolle, um Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen.

Man hat das vor einigen Jahren gesehen, als man den Leuten vorgaukelte, es sei ganz einfach, einen unsichtbaren Feind zu kontrollieren. So setzten sich Leute auf dem Weg zum Platz im Lokal eine Maske auf, um sie am zugewiesenen Tisch wieder abzulegen – näherte sich ein anderer Gast auf dem Weg zur Toilette an, musste er maskiert sein. Setzte er sich allerdings dazu, konnte er sie als Mitglied der Tischgemeinschaft abnehmen. Großeltern sollten nur getrennt zu den Enkeln gehen, erst die Oma, danach musste sie raus, jetzt durfte der Opa vorbeischauen. All das vermittelte ein nicht ganz erotisches Verhältnis zur Logik, dafür aber Kontrollsimulation. Und es gibt offenbar ausreichend Leute, die ganz zufrieden sind, wenn sie sich einbilden können, sie hätten alles im Griff und sie seien den Umständen nicht schutzlos ausgeliefert.

Krieg unter totaler Kontrolle?

Die Funktionseliten des Berliner Politik- und Medienbetriebes machen keinen Hehl mehr aus dem Vorhaben: Es wird Krieg geben. Noch schieben sie ein Hilfskonstrukt vor: Putin wird es sein, der uns angreifen wird – und das, obgleich man uns zeitgleich erklärt, dass die Russen am Ende seien. Dennoch legt man dem Publikum lang und breit dar, dass der Zugriff auf Europa der nächste Schritt des osteuropäischen Nachbarn sein werde. Sicher ist im Augenblick nicht, wie lange diese Erzählung noch herangezogen wird – ausgeschlossen ist jedoch nicht, dass man bald schon andere Geschichten etabliert. Vielleicht ja jene, dass man den Russen möglichst bald zuvorkommen muss. Wichtig ist bei beiden Erzählungen, die Menschen nicht außer Ruhe zu bringen. Sie sollen sich sicher fühlen, selbst in der gravierendsten Verunsicherung, die Menschenwerk überhaupt vollbringen kann: dem Krieg.

Daher erklären die Verantwortlichen immer wieder gerne, dass so ein Krieg gewissermaßen kalkulierbar sei – mit einigen Kniffs käme man ganz gut über die Runden. Wie? Der Zivilschutz macht es möglich – Selbstschutzmaßnahmen helfen. Man muss sie nur gewissenhaft umsetzen. Viele dieser Empfehlungen mögen ja bei regionalen Katastrophen oder kurzfristigen Krisen sinnvoll sein. Im Kontext eines Krieges stoßen sie jedoch schnell an ihre Grenzen. Der empfohlene Lebensmittel- und Wasservorrat für einige Tage etwa setzt voraus, dass Lieferketten, Infrastruktur und gesellschaftliche Ordnung zumindest teilweise intakt bleiben. In einem großflächigen Krieg wären jedoch Stromnetze, Verkehrswege, Kommunikationssysteme und Wasserversorgung selbst potenzielle Angriffsziele. Für zehn oder auch für dreißig Tage Konserven zu horten, ist nur für eine Übergangszeit Absicherung – ein Krieg könnte aber Jahre dauern. Die Bevorratung verschiebt also den Zeitpunkt der Notlage lediglich.

Auch die häufig empfohlene technische Notfallausrüstung – Batterieradios, Taschenlampen oder Powerbanks – können nur als symbolischer Behelf angesehen werden. Ein Radio informiert zwar möglicherweise noch über amtliche Durchsagen, schützt aber weder vor Angriffen noch vor Chaos, Plünderungen oder dem Zusammenbruch medizinischer Versorgung. Powerbanks helfen nur solange, wie überhaupt noch Strom nachgeladen werden kann. In längeren Kriegsszenarien verlieren solche Geräte schnell ihren praktischen Nutzen – zumal dann, wenn sie mit absoluter Härte ausgetragen werden. Und so einen Krieg müssen wir wohl erwarten.

Placebo gegen kollektive Ohnmacht

Ähnlich verhält es sich mit Warn-Apps und digitalen Informationssystemen. Sie funktionieren nur innerhalb einer stabilen Kommunikationsinfrastruktur. Gerade diese Infrastruktur wäre in einem modernen Konflikt jedoch besonders anfällig für Cyberangriffe, Sabotage oder Stromausfälle. Die Vorstellung, eine Smartphone-App könne in einer Kriegslage Sicherheit vermitteln, kann man getrost als technokratischen Wunschtraum abtun. Selbst die Empfehlung, wichtige Dokumente wasserdicht aufzubewahren, zeigt die Diskrepanz zwischen dem, was man Verwaltungslogik nennen könnte, und einem realen Ausnahmezustand. Ob ordentlich abgeheftete Ausweiskopien die Lage entspannen, wenn man wegen feindlichem Drohnenbeschuss die Wohnung verlassen muss, um sich in den Keller zu flüchten? Der Bürokrat kann danach, sollte Bürger es überleben, natürlich arbeiten – und Wohnungen zuweisen, wenn noch welche verfügbar sind. Physischen Schutz stellt dieser Ordnungssinn jedoch nicht dar.

Der moderne Krieg ist geprägt von hochpräzisen Waffensystemen, Drohnen, Cyberoperationen und Angriffen auf kritische Infrastruktur. Individuelle Vorsorge kann gegen diese Formen der Gewalt kaum etwas ausrichten. Die propagierten Maßnahmen erzeugen deshalb vor allem das Gefühl persönlicher Vorbereitung – sie erlauben eine psychologische Stabilisierung in einer Situation, die tatsächlich kaum individuell beherrschbar ist. Der Zivilschutz ist weniger eine effektive Verteidigung der Bevölkerung, sondern muss als gesellschaftliches Beruhigungsprogramm betrachtet werden: als ein Placebo gegen kollektive Ohnmacht.

Die Raketensysteme, mit denen es die Bevölkerung im Krieg zu tun bekommt, lassen keinerlei Zeit, um überhaupt etwas von dem zu beherzigen oder umsetzen, dass der Bevölkerungsschutz nun als Sicherheitsgewähr propagiert. Sie atomisieren in Bruchteilen von Sekunden menschliche Leiber, reißen das Fleisch von den Knochen und lassen die Körper menschlicher Individuen in tausende zerrissene Stücke zurück. Schon der Aufprall zerreißt die Lunge und lässt den Brustkorb explodieren. Man kann so ein Szenario gar nicht bildlich genug beschreiben, es übersteigt alles, was man je in einem Splatter-Horror-Film gesehen haben könnte. Ist wirklich davon auszugehen, dass Überlebende solcher Szenarien – die nicht mehr als die potenziellen Opfer des nächsten Angriffs sind – ihre Traumata so weit in den Griff bekommen, dass sie sich noch an die »Segnungen des Zivilschutzes« klammern werden? Ja, die Frage sei erlaubt: Arbeiten dann psychologische Praxen und psychiatrische Kliniken noch, um die Traumatisierten zu behandeln? Und wer therapiert eigentlich die Psychologen?

Propagandafeldzug gegen die Ohnmacht

Die derzeit propagierten Zivilschutz- und Selbstschutzmaßnahmen wirken bei näherer Betrachtung wie der Versuch, Handlungsfähigkeit zu simulieren – und nicht sie tatsächlich herzustellen. Der Eindruck soll entstehen, dass dieser Krieg etwas sein wird, das die Menschen zwar bemerken werden, was aber auch in den Griff zu bekommen ist, wenn man die Sache richtig angeht. Ein bisschen so, wie man Laktoseintoleranz eindämmen kann, wenn man von ihr weiß. Dann trifft man andere Entscheidungen im Supermarkt, kauft laktosefreie Produkte oder wirft sich Enzyme ein, bevor man laktosehaltige Milchprodukte verspeist – und schon ist man auf der sicheren Seite. Vergleichbar wäre das Gebaren auch mit diagnostiziertem Bluthochdruck: Ein wenig die Lebensumstände ändern und vorübergehend Blutdrucksenker nehmen, schon kann man weitermachen fast wie zuvor.

Kontrolle zu betonen, sie mit Plänen, Checklisten und Verhaltensanweisungen als erreichbar und realistisch umsetzbar zu unterweisen – das ist letztlich klassische Propaganda. Denn die Bürger sollen im Sinne psychologischer Stabilisierung das Gefühl behalten, eingebunden und handlungsfähig zu sein. Der Bevölkerungsschutz dient so in erster Linie dem Kampf gegen die Ohnmacht. Der amerikanische Politikwissenschaftler Harold Lasswell beschrieb Propaganda schon 1927 in einem Aufsatz für American Political Science Review als das »Management kollektiver Einstellungen durch die Manipulation signifikanter Symbole«. Das trifft auch hier und heute zu. Ob Notfallrucksack, die Warn-App, der Wasservorrat oder die Checkliste: Akk das wird zum Symbol vermeintlicher Beherrschbarkeit umfunktioniert. Die Maßnahmen sind damit mehr als der Strohhalm, an dem man sich klammert – sie simulieren Überleben in Zeiten, da es längst nicht klar ist, ob man überhaupt Überlebenschancen hat.

Auch der französische Philosoph Jean Baudrillard schrieb in seinem Werk Simulacra und Simulation von einer Welt der Simulationen, in der Zeichen und Rituale an die Stelle tatsächlicher Wirksamkeit treten. Der Zivilschutz erscheint in diesem Sinne wie ein Simulationssystem staatlicher Fürsorge: Die Bevölkerung soll den Eindruck gewinnen, auf eine Extremsituation vorbereitet zu sein, obwohl moderne Kriege gerade dadurch gekennzeichnet sind, dass sie individuelle Kontrolle systematisch zerstören. Das Motto der Maßnahmen lautet daher nicht: »Ihr erfahrt Schutz!« Es lautet, wie schon zu Zeiten der Pandemie: »Glaubt dran, ganz fest und eisern, dann hilft es vielleicht auch was!« Glauben und eiserner Wille: Das war noch immer die eigentliche Maxime jedes Krieges.

 

Liebe Leser, bereiten Sie sich auch für einen Ernstfall vor? Wenn ja, wie stellen Sie das an? Oder sind Sie entspannt, was das betrifft? Schreiben Sie uns doch einen Leserbrief per Mail und wir veröffentlichen die besten eingereichten Texte in gesammelter Form auf unserer Seite. Mailen Sie an: redaktion@overton-magazin.de

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →

Ähnliche Beiträge:

3 Kommentare

    1. Damit geht die Diskussion genau in die zentral gewünschte Richtung
      und man ist der strategischen Kommunikation auf den Leim gegangen.

      Die Diskussion müsste sich um das Thema drehen: Warum forcieren
      wir alles, um den drohenden Krieg mit Russland wahr werden zu lassen?
      Und wer genau im Westen will diesen Krieg?

      Genau von diesen Fragen wird seit 2014 abgelenkt.

  1. Die deutsche „Elite“ hat den Verstand verloren. Wie immer ist es die Selbstüberschätzung und die Unfähigkeit zur Selbstreflexion, die uns in den Untergang führen wird. Schlimm finde ich das Totalversagen der allermeisten Intellektuellen, der Kirchen und der tonangebenden Medien. Am schlimmsten ist aber, dass Opposition und Widerstand gegen den grassierenden Wahnsinn mundtot, ausgegrenzt und sogar kriminalisiert wird. Man meint es ernst, die Hoffnung auf Vernunft schwindet.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen