„Wir brauchen eine Ernährungswende“

Weizen – seit Putins Krieg in der Kornkammer Ukraine hoch gehandelte Mangelware auf dem Weltmarkt. Nur was bedeutet das für die Landwirtschaft in Europa? | Foto: Broin / Pixabay

„Wir brauchen eine Ernährungswende – angesichts des Kriegs in der Ukraine jetzt mehr denn je.“ Mit diesem Satz hat eine Gruppe von acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Agrar, Gesundheit und Klima einen Aufruf überschrieben, dem sich inzwischen sechshundert Unterzeichner aus Universitäten und Instituten in vielen Ländern angeschlossen haben, von Europa über Amerika bis nach Asien und Australien.

„Die Ukraine-Krise führt uns vor Augen, dass die Art und Weise, wie wir derzeit Nahrungsmittel produzieren und konsumieren, weder nachhaltig noch gerecht ist“, schreiben die Verfasser. Und das wollen sie ändern. Mit einer erweiterten Gruppe von zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben sie ihrem Aufruf einen Offenen Brief an die Bundesregierung folgen lassen, in dem sie der Politik konkrete kurz- und mittelfristige Handlungsoptionen aufzeigen.

Genug für alle

Wir haben ja alle inzwischen gelernt, dass durch Putins Krieg gegen die Ukraine in vielen Ländern des globalen Südens noch mehr Hunger droht, weil die Ukraine und Russland die Getreidelieferanten der ärmeren Länder waren. Selbst das World Food Programme der Vereinten Nationen hat derzeit nicht die Mittel, um die gestiegenen Getreidepreise zu kompensieren. Dazu stellt das Thesenpapier zur Ernährungswende fest: „Die weltweite Ernährungsunsicherheit hat ihren Ursprung nicht in einer Knappheit des Angebots, sondern in den enormen wirtschaftlichen Ungleichheiten und einer ungleichen Verteilung. Die aktuelle weltweite Nahrungsmittelproduktion ist mehr als ausreichend, um eine noch höhere Weltbevölkerung zu ernähren. Allerdings wird Getreide an Tiere verfüttert, als Biokraftstoff verwendet oder auch verschwendet, anstatt Menschen mit geringem Einkommen zu ernähren.“

Zu der letzten dieser Feststellungen liefert das Papier der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessante und erschreckende Daten: „Nach unseren Berechnungen entspricht die Menge des in der EU verschwendeten Weizens etwa der Hälfte der ukrainischen Weizenexporte.“ Tatsächlich sagen die Statistiken der Welternährungsorganisation FAO, dass in der EU ein Viertel des Getreides oder der Getreideprodukte in den Haushalten schlicht weggeworfen wird. Das tägliche Brot scheint uns nicht mehr viel wert zu sein. Woran mag das liegen? An Backwerk, das schon am zweiten Tag nur noch zum Einschlagen von Nägeln taugt? An zu viel Fertigpizza mit unverdaulichen Böden? An unmäßigem Einkaufsverhalten? Jedenfalls ist das eine erschreckende Zahl. Ebenfalls der FAO-Statistik ist zu entnehmen, dass in der EU im Jahr 2019 47 Millionen Tonnen Weizen verbraucht wurden und dass die Ukraine im gleichen Jahr 21 Millionen Tonnen exportierte. Danach würde in der EU sogar mehr als die Hälfte der ukrainischen Weizenexportmenge schlicht im Müll landen. Die Lebensmittelverschwendung bei der Produktion und im Handel und den Haushalten von durchschnittlich dreißig Prozent zu reduzieren, ist eines der Anliegen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie stellen dazu allerdings auch fest: „Politische Maßnahmen haben es bisher nicht vermocht, dieses Problem in angemessener Weise anzugehen.“

Mehrwertsteuer runter bei Obst, Gemüse und gering verarbeiteten pflanzlichen Lebensmitteln fordert mit seinen Kolleginnen und Kollegen Dr. Florian Freund vom staatlichen Thünen-Institut. | Foto: Susanne Mayer von Bohr

Nicht angemessen ist für die Verfasser des Thesenpapiers und des Offenen Briefes an die Bundesregierung die Reaktion der Politik auf den Wegfall der ukrainischen Exporte: Die Freigabe der ökologischen Vorrangflächen und Brachen für die Produktion. Florian Freund vom Thünen-Institut, einer der Verfasser von Thesenpapier und Offenem Brief, nennt das schlicht kontraproduktiv: „Ein normaler wirtschaftlicher Prozess wäre, dass aufgrund der Verknappung Futtermittel und also auch tierische Lebensmittel teurer werden und vielleicht weniger Tiere gehalten werden. Entsprechend würde weniger Fleisch gekauft und weniger Käse gegessen. Anscheinend will die Politik aber nicht, dass Fleisch teurer wird, weswegen sie die Flächen freigegeben hat, die eigentlich aus der Produktion genommen wurden, um die Biodiversitäts- und Klimakrise zu mildern. Mit der Freigabe der Flächen in der EU ändern wir nichts an der kommenden Ernährungskrise in den ärmeren Ländern, sondern haben nur dafür gesorgt, dass die tierischen Lebensmittelprodukte hierzulande billiger bleiben.“ Und das sei genau das Gegenteil dessen, was jetzt getan werden müsse.

Zu viel von manchem

Drei Forderungen stellen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Erstens die beschleunigte Umstellung auf eine gesündere Ernährung mit weniger tierischen Produkten in Europa. Zweitens eine erhöhte Produktion von Leguminosen, also Hülsenfrüchten, und eine Stärkung der EU-Strategie „Farm-to-Fork“. Und drittens die schon erwähnte Verringerung von Lebensmittelabfällen und -verlusten.

Zum ersten Punkt wird in dem Offenen Brief an die Bundesregierung unter den kurzfristig umsetzbaren Maßnahmen eine reduzierte Mehrwertsteuer auf pflanzliche, gering verarbeitete Grundnahrungsmittel vorgeschlagen. Verbraucherverbände haben in den letzten Tagen einen Wegfall der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse gefordert und Cem Özdemir will das auch. „Natürlich kann die Politik den Menschen nicht vorschreiben, was sie essen sollen, aber sie kann Anreize setzen“, sagt Florian Freund vom Thünen-Institut, das ja die Forschungseinrichtung des Landwirtschaftsministeriums ist. Als mittelfristige Maßnahme zur Lenkung unserer Einkaufswagen in den Supermärkten schlägt der Offene Brief dann eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf tierische Produkte vor. Damit wäre dann eine deutliche preisliche Differenz geschaffen zwischen Fleisch und Gemüse, eine Form des Nudgings, also der etwas subtileren Art der Lenkung von „Bedürfnissen“.

Zu den kurzfristigen Maßnahmen zählen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die Subvention von Tafeln und Sozialmärkten und die Einrichtung eines Fonds zur „Förderung einer nachhaltigen und gesundheitsförderlichen Ernährung in der Außer-Haus-Verpflegung“. Weiterbildung für das Küchenpersonal in Kitas, Schulen, Krankenhäusern und Betriebskantinen schlägt der Offene Brief vor. Und als mittelfristige Maßnahme dann „die gesetzliche Verankerung von nachhaltigen und gesundheitsförderlichen Mindeststandards in Kantinen öffentlicher Betriebe“.

Bei den mittelfristigen Maßnahmen auf Seiten der Lebensmittelproduzenten schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann unter anderem „die Einführung einer verbindlichen Flächenbindung in der Tierhaltung sowie erhöhter gesetzlicher Tierwohlstandards“ vor. Und für uns Verbraucherinnen und Verbraucher „die Einführung eines staatlichen Umwelt-Labels für Lebensmittelprodukte“. Das sollte „über die Umweltbilanz von Lebensmitteln informieren und einen umweltfreundlichen und gesundheitsfördernden Lebensmittelkonsum fördern“.

Wer bestimmt unser Einkaufsverhalten? Die Wissenschaftler fordern Lenkung über staatliche Preisgestaltung: Pflanzliche Lebensmittel gegenüber tierischen bevorzugen helfe gegen alle Krisen: Krieg, Klima, Biodiversität. | Foto: Tumisu / Pixabay

Zeiten- und Ernährungswende

Wenn auch nur ein Teil der Forderungen und Vorschläge umgesetzt wird, die in den beiden Papieren aufgelistet sind, dürfte es in absehbarer Zeit weniger Nutztiere geben in Europa. Und diesen Tieren dürfte es dann wohl auch besser gehen als vielen heute. Weil die Standards der Tierhaltung dann in EU-Europa höher sind als in vielen anderen Teilen der Welt, haben die Autorinnen und Autoren auch das Einfuhrregiment nicht vergessen, das an den EU-Grenzen Dumping vermeiden muss und verhindern, dass die Billigproduktion anderswohin umzieht: „Sowohl Steuern also auch Produktionsvorschriften verteuern die landwirtschaftliche Produktion. Daher sollte schnellstmöglich ein entsprechendes ‚Border Adjustment‘ an der EU-Außengrenze eingeführt werden und entsprechende Kapitel in Handelsverträgen gestärkt werden.“

Insgesamt wenden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegen alle Forderungen, angesichts des Ukraine-Krieges den Umbau der Landwirtschaft in der EU auszusetzen. Die Farm-to-Fork Strategie der EU und damit der vielzitierten „Green Deal“ müssten im Gegenteil verstärkt werden, sagt Florian Freund: „Im Zuge des Kriegs in der Ukraine ist ja auch Kunstdünger viel teurer geworden, weil ein großer Teil davon eben mit Erdgas in Russland hergestellt wird. Wenn wir die Farm2Fork Strategie nicht etwa aussetzen, sondern im Gegenteil forcieren, um die Stickstoffüberschüsse rasch zu halbieren und den ökologischen Landbau auf 25 Prozent der Flächen auszudehnen, dann würden wir die Abhängigkeit vom Kunstdünger und damit von Erdgas deutlich verringern. Außerdem kann man mit ausgeweitetem Anbau von Leguminosen den Stickstoff aus dem Kunstdünger durch organischen Stickstoff ersetzen, weil die Pflanzen den Stickstoff aus der Luft nehmen und im Boden verfügbar machen.“

Und den geringeren Ertrag bei geringerem Einsatz von Kunstdünger und mehr Ökolandwirtschaft? „Können wir uns leisten“, sagt der Mann vom Thünen-Institut, „wenn wir bereit sind, weniger tierische Produkte zu konsumieren.“ Die Nutztierhaltung übe einen hohen Flächendruck aus. Jedenfalls so lange wir beim aktuellen System bleiben, die Tiere also überwiegend im Stall stehen, auch die Kühe, und dort mit Kraftfutter versorgt werden. „Wir haben gerechnet“, sagt Florian Freund: „Wenn die Tierhaltung weltweit um zehn Prozent zurückgehen würde, dann wären die 57 Millionen Tonnen Weizen schon aufgefangen, die durch den Krieg aus der Ukraine und Russland wegfallen könnten. Das bedeutet nicht, dass wir die Tierhaltung abschaffen, sondern – auf Deutschland heruntergebrochen -, dass wir beispielsweise statt über 25 Kilogramm Käse pro Kopf und Jahr nur noch knapp 23 Kilogramm essen. Oder dass wir den ohnehin sinkenden Fleischverzehr pro Kopf weiter von zuletzt 55 Kilo auf rund fünfzig Kilo im Jahr reduzieren.“

Kann es sein, dass die von Kanzler Scholz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ausgerufene Zeitenwende bei uns auch zu einer Ernährungswende führt? Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hat ja schon die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ erneut zusammengerufen. Die ZKL hatte ihre Arbeit eigentlich schon während der letzten Legislaturperiode mit einem Abschlussbericht beendet. Jetzt soll sich das einzigartige Gremium, in dem Bauernverbände und Naturschutzorganisationen mit der Wissenschaft zusammensitzen, mit der Situation auseinandersetzen, die durch den Krieg in der Ukraine deutlich verschärft wurde.

 


Übrigens: Mit der Ernährungswende geht es hier im Blog und im Podcast nächste Woche weiter – im Gespräch mit einem Gastrosophen. Gastro-was? Ja, eben!

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4 Kommentare

  1. Bis auf einige kleine Einwände – der innerdeutsche Fleischverzehr müsste um das doppelte des erwähnten abnehmen, um den beschriebenen Effekt zu erzielen, da bekanntlich ca. die Hälfte der Produktion exportiert wird, nicht einfach ‚Putins Krieg‘ führt zum Mangel, sondern auch der dagegen entfachte Handelskrieg – kann man sich dem Gesagten anschliessen.

    Bloss ist das alles alles andere als neu. Natürlich schafft die Kriegssituation neue Motivation, doch optimistischerweise einmal angenommen, die Lage beruhige sich wieder, fällt diese auch wieder weg. Und dann geht alles wieder seinen üblichen Trott. Ein Schritt vorwärts wäre das Aufzeigen der Gründe für diese eklatante Fehlentwicklung.

    1. green ist nicht nur grün, sondern auch still?

      die stillen grünen – durch soy&lent zum schweigen gebracht?

      guten appetit!

      allerdings stiege so auch die inländische metangaserzeugung…

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