Willkommen in Malchin, wo man noch miteinander redet

Rathaus von Malchin
Rathaus von Malchin, Foto von Ramon Schack

Malchin/Landkreis Mecklenburgische Seenplatte: Ein Mekka der demokratischen Debatten-Kultur.

Im Café „Min Leevsten“ herrscht zur Mittagszeit Hochbetrieb. Gerade ist Mitarbeiter Malte Dubowski eine neue Geschäftsidee eingefallen. „Sonntag wird gewählt! Wenn Ihr davor oder auch danach eine kleine Stärkung braucht, dann sind wir von 9.30 Uhr an für Euch da! Ob Frühstück, Kaffee, Kuchen, Eis oder Bratwurst – Ihr seid herzlich willkommen.“

Ein Café ohne Brandmauern

Bethke ist CDU-Mitglied, während Dubowski für die AfD ist und im Stadtrat von Malchin sitzt. Diese unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten scheinen die beiden Lokalpolitiker nicht zu stören. Das Café, es gibt auch kaum andere am Ort, ist Treffpunkt aller möglichen politischen Vorstellungen. An den Tischen wird regelmäßig politisiert, wenn auch eher im gedämpften Ton, dem Naturell der Menschen in der Mecklenburgischen Seenplatte entsprechend. Der Mitfünfziger Dubowski, hat mit seiner Familie lange Zeit in der Nähe von Hamburg gelebt, auch dort in der Gastronomie gearbeitet. „Aber irgendwann wurde die Sehnsucht nach dem Osten zu groß, so dass wir wieder zurückgekehrt sind!“

Draußen in der Sonne sitzt der Musiker Jan Tessin. Tessin, der als „Mecklenburger Cowboy“ weit über die Grenzen Mecklenburgs bekannt ist, wird als Künstler geschätzt. „Wenn man Glück hat, erlebt man Jan mit seinen Töchtern auf der Bühne und erlebt einen bezaubernden Familienauftritt, den man nicht so schnell vergessen wird. Jan engagiert sich zusätzlich intensiv und mit Herz in der Region als Musiker. Sein Anliegen ist es, die Menschen zu unterstützen und die Welt ein wenig besser zu machen.“

Tessin, der sich selbst als linken Freigeist begreift, weist schmunzelnd darauf hin, dass er am 16. April 1976 das Licht der Welt erblickte. „Am 16. April wurden sowohl Ernst Thälmann als auch Charlie Chaplin geboren“, führt er lachend aus.

Ein linker Musiker im gleichen Café wie ein AfD-Stadtrat

Peters – Jahrgang 1963 – erzählt, wie er nach der politischen Wende zum ersten Mal ein Exemplar der Wochenzeitung „Die Zeit“ in der Hand hielt. „Das war für mich ein berauschendes Erlebnis. Zu DDR-Zeiten war ich schon eifriger Zeitungsleser, besonders der Publikationen, die zwischen den Zeilen zum Nachdenken anregten. Ja, das zwischen den Zeilen lesen. Eine Eigenschaft, die heute wieder vom Nutzen ist!“

Frank Peters ist BSW-Sympathisant und „Die Zeit“ gehört heute nicht mehr zu seinen bevorzugten Publikationen. Er schaut optimistisch auf den bevorstehenden Wahltag „Malchin ist politisch interessanter, als man glaubt!“, erklärt der studierte Staatswissenschaftler und Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst. Damit hat Peters ohne Zweifel recht.

Malchin, eine Kleinstadt der politischen Superlative

Bei der letzten Kommunalwahl im Juni 2024 hatte die AfD die meisten Stimmen erhalten, 27,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler entschieden sich für sie. Auf Platz zwei kam das BSW mit 23,8 Prozent. Die CDU von Axel Müller kam auf Platz drei mit 16,1 Prozent der Stimmen, während die SPD mit 14,2 Prozent auf dem vierten Platz landete. Die Linke erzielte 6,9 Prozent. Das BSW stellt zusammen mit der Linken die Stadtregierung und ist seitdem eine bundesweite Hochburg der Partei.

Das BSW-Büro liegt nahe dem Rathaus in Malchins Innenstadt. Kurz vor den Wahlen herrscht vor dem Eingang reges Treiben. Das Büro fungiert wieder einmal als der zentrale Versammlungsort der Partei im nordöstlichsten Bundesland. Die Stimmung ist gut – was auch mit dem Einzug in den Landtag von Magdeburg zu tun hat.

Landschaftliche Schönheit und geringe Bevölkerungsdichte

Dass die Malchiner Region ein politisches Novum birgt, ist auf den ersten Blick schwer zu glauben. Sie liegt inmitten des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, zwischen Teterow und Neubrandenburg, und ist vor allem für ihre landschaftliche Schönheit und ihre geringe Bevölkerungsdichte bekannt. Erfolgt die Anreise aus Berlin per Auto, fährt man durch helle Alleen und dunkle Wälder und vorbei an kleinen Dörfern und Siedlungen, hinter denen die berühmten Seen der Region glitzern. Es stellt sich schnell das Gefühl der Entschleunigung ein, die Zeit scheint hier freundlicherweise stehen geblieben zu sein.

Doch dieses Gefühl ist trügerisch, denn nichts blieb hier – wie andernorts im Osten auch – in den letzten 36 Jahren bestehen. Die Region um Malchin, wie auch die Stadt selbst, war und ist von jahrzehntelanger Abwanderung vorwiegend junger Menschen betroffen, weshalb das Durchschnittsalter hoch und die Geburtenrate gering ist.

Malchin zählt heute noch etwas mehr als 7.000 Einwohner, mehr als 10.000 waren es noch 1990. In der medialen Berichterstattung über den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, zu dem Malchin gehört, geht es häufig um Rechtspopulismus, sozialen Abstieg und abgehängte Menschen. Doch trotz alledem raufen sich die Bürger hier zusammen.

Wahlkämpfer Lehmann

Gerold Lehmann hat sich für eine Tasse Kaffee im Café „Min Leevsten“ niedergelassen. Der Direktkandidat des BSW hat gerade wieder eine Runde Flyer in die Briefkästen gesteckt. Am Nachmittag sollen noch Plakate geklebt werden. Lehmann ist 1971 in Malchin geboren, hier aufgewachsen und hat die Stadt nie länger verlassen. Als die Jugend in den Jahren nach der Wende scharenweise die ostdeutschen Kleinstädte in Richtung Westen verließ, entschied er sich, in seiner Heimatstadt zu bleiben, um Maler und Lackierer zu werden. Während Lehmann zur Wendezeit noch mit der CDU sympathisierte, war er später als Kommunalpolitiker für die Linken in der Malchiner Stadtvertretung tätig – bis er Anfang 2024 zum BSW wechselte.

Dem Nordkurier sagte er dazu: „Die Entscheidung, bei den Linken auszutreten, habe ich mir nicht leicht gemacht.“ Lehmann führt dafür vor allem zwei Gründe an: die Frage von Krieg und Frieden in der Ukraine und die soziale Gerechtigkeit. „Bei der Friedensfrage halte ich die Position der Linken für zu schwammig. Ich bin klar gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und für Verhandlungen“, sagte er.  Dafür würde er auch in Kauf nehmen, dass die Ukraine die von Russland besetzten Gebiete abtritt. Beim BSW wurde Lehmann zum Stimmenkönig, denn bei den Kommunalwahlen im Sommer 2024 erzielte er für seine Partei in Malchin eines ihrer besten Ergebnisse – vermutlich auch wegen seiner Debattenkultur.

Lehmann schaut auf die Uhr. Der Wahlkampf ist anstrengend. Neben seinem Beruf als Betriebshandwerker, bleibt ihm momentan keine Freizeit. „Aber das ist die Sache wert!“, äußert er, während er einige Bekannte grüßt, die in der SPD aktiv sind.

Ramon Schack

Ramon Schack, Jahrgang 1971, geboren in Kiel, aufgewachsen in Bad Oldesloe, Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien). Nach längerem Aufenthalt in London seit 2003 freier Journalist in Berlin, schreibt u. a. für die Berliner Zeitung, Neues Deutschland, seit 2018 moderierte er den Video-Podcast Impulsiv TV. Bis März 2023 war er Redakteur für Außenpolitik des ND. Er berichtete als Korrespondent unter anderem aus Iran, Irak, den USA und Neuseeland, El Salvador, Ecuador, Russland, Armenien, der Ukraine, Kasachstan und Äthiopien. Große Aufmerksamkeit erlangte sein Interviewbuch mit Peter Scholl-Latour aus dem Jahr 2015. Sein neues Buch “Traum/Rausch/Realität, teilnehmende Beobachtungen zum BSW” erscheint im September 2026.
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2 Kommentare

  1. „Miteinander reden“ 👤↔️👤 und nicht übereinander zu reden 🗣️👉👤 und den/die anderen aus der Distanz bzw. medial mit Dreck zu bewerfen 🗣️👉💩👤, das kann auf kommunaler Ebene funktionieren, wenn man sich menschlich und psychologisch auf Augenhöhe begegnet und „den anderen“ auch persönlich kennt.

    Meinen Recherchen zufolge ist der Bürgermeister von Malchin von der CDU, der Partei des amtierenden Bundeskanzlers Friedrich Merz, und das obwohl das „BSW zusammen mit der Linken die Stadtregierung stellt“.

    Auf Landesebene, der Ebene des Bundestages oder in Brüssel wäre das unvorstellbar. Man stelle sich vor, in Bayern würde es eine Regierung aus CSU und Freien Wählern und einen Ministerpräsidenten vom BSW oder den Linken geben. Das kann man sich nicht vorstellen. Meinereiner hat sehr viel Phantasie, aber auch meine Phantasie hat Grenzen.

    Auf diesen politischen Ebenen wird Politik gemacht nach dem Prinzip: Der Vorschlag wäre zwar für die Mehrheit der Bürger und das Allgemeinwohl nicht schlecht, aber dem Vorschlag können wir nicht zustimmen, denn der Vorschlag kommt von der Partei X und die Politiker der Partei X sind Putinversteher oder Aliens aus dem Weltall.

  2. Warum sollte politische Vielfalt nicht funktionieren, wenn der (oder die etc.) andere in seiner Berechenbarkeit und nicht seiner Verwertbarkeit gesehen wird? Doch das kann es zur Zeit wohl nur in einem kleinen Dorf jenseits der Seen geben. Ein Gruselmärchen für Maximal-Profiteure.

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