Was Sunzi heute über den Frieden sagt

Sunzi-Statue in Enchoen. Bild: 663highland/CC BY-SA-2.5

Widersinn, Scheußlichkeiten und Kosten des Krieges – Aus dem neuen Band „Pazifismus. Ein Grundriss“

 

[Vorbemerkung: Der Friedensforscher Egon Spiegel hat soeben sein neues Werk „Pazifismus – Ein Grundriss“ vorgelegt, dem die hier ausgewählten Texte entnommen sind. Im Vorwort zur Sammlung schreibt er u.a.:

„Die Rahmenhandlung der … Ausführungen verdankt sich der langjährigen Kooperation mit dem chinesischen Kollegen von der Nanjing University in Nanjing/China, Liu Cheng, Professor für Weltgeschichte, Direktor des ‚Institute for British and Commonwealth Studies‘ und Direktor des ‚Institute for Peace Studies‘ sowie Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für ‚Peace Studies‘. Nach einem Vortrag vor hochrangigen Militärs schlug diesem ein Teilnehmer vor, in Anlehnung an Sunzis berühmtes Buch ‚Die Kunst des Krieges‘ ein Buch mit dem Titel ‚Die Kunst des Friedens‘ zu verfassen.

Für die nicht mit den Klassikern der chinesischen Literatur vertrauten Leser/innen sei erklärt, dass der vor rund zweieinhalb Jahrtausenden lebende Sunzi ein Militärstratege war, der seine Erfahrungen und Reflexionen auf so überzeugende Weise zusammengefasst hat, dass diese bis in die Gegenwart hinein das militärische Denken und Handeln nicht nur in China beeinflussen. In Claus von Clausewitz können wir, was den Einfluss auf militärstrategisches Denken und Handeln – wenngleich nicht das Verständnis von Krieg – betrifft, eine späte Parallele sehen.

Im … Band wird der nach zweieinhalb Jahrtausenden wiedergekehrte Sunzi von einem Militär aufgesucht und nach seinem aktuellen Verständnis von Frieden und Krieg befragt. Hierbei handelt es sich selbstverständlich um ein Konstrukt, um einen Kunstgriff in narrativer Absicht.

Als kleine Lesehilfe sei an dieser Stelle hinzugefügt: Die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf, müssen aber nicht zwingend zusammenhängend oder nacheinander gelesen werden. Dasselbe gilt innerhalb der Abschnitte für die dort aufgestellten, einzelnen Thesen. Sie fordern auch in ihrer isolierten Form hinreichend heraus und beinhalten – jede für sich – Aussagen, die zum Austausch anregen (sollen). Was in der einen These möglicherweise zu kurz zur Sprache kommt, wird häufig an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen und eigens vertieft.“]

Begegnung

 Ein hochrangiger Militär, der anonym bleiben möchte, sucht und findet den wiedergekehrten Sunzi auf dem Gipfel des heiligen Berges Tai Shan. Hierhin, in die Abgeschiedenheit der Bergwelt, hat sich Sunzi zurückgezogen, um seine kriegspraktischen Überlegungen – vor dem Hintergrund seiner zweieinhalbtausendjährigen Erfahrungen sowie aktueller Globalisierungsprozesse – fortzuschreiben und neu zu profilieren.

Sunzi gewährt dem Militär einen Einblick in seinen Entwurf und erlaubt dem Gesprächspartner, seine Ausführungen aufzuzeichnen und diese später, als Thesen in einzelne Lektionen gegliedert, zu veröffentlichen.

Frieden zuerst (Kapitel 1)

Auf die grundlegende Frage des Militärs, welche Bedeutung er dem Frieden beimesse, antwortet Sunzi:

Nicht Krieg, sondern Frieden ist das Fundament unseres Zusammenlebens.

Basis und Rahmen unseres Koexistierens sind und waren schon immer Frieden und nicht Krieg, Gewaltfreiheit und nicht Gewalt.

Weil unsere eigentliche, alltägliche Realität eine wesentlich friedliche ist und keine durch Krieg bestimmte, ist die gängige Formulierung „Krieg und Frieden“ durch „Frieden und Krieg“ zu ersetzen.

Frieden geht dem Führen eines Krieges voraus, Gewaltfreiheit der Anwendung und Ausübung von Gewalt.

Nur weil Frieden die Normalität des Lebens ist, existiert diese Welt. Krieg ist die spektakuläre Ausnahme, eine Verunglückung unserer Versuche, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Der Tabuisierung des Krieges nahe (Kapitel 32)

Im Hinblick auf das Bedenken des Militär, dass eine Umrüstung von einer militärischen zu einer sozialen Verteidigung viel zu komplex und unrealistisch und Krieg nicht nur untrennbar mit der Existenz von Nationalstaaten verbunden sei und die Bereitschaft dazu in der Natur des Menschen läge, führt Sunzi aus:

Alle gegenwärtigen Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich militärische Versuche der Lösung internationaler Konflikte mittels Krieg nicht nur lang-, sondern mittelfristig, möglicherweise sogar überraschend kurzfristig, als nicht mehr zeitgemäß erweisen.

Wenn im Zusammenhang aktueller Angriffe (Ukraine, Iran) allgemein festgestellt wird, dass sich die Entscheidungsträger „verkalkuliert“, d.h. die tatsächlichen Konsequenzen nicht antizipiert haben, dann ist das nur ein anderer Ausdruck dafür, dass das Führen von Kriegen – vor allem unter den Bedingungen der Fragilität globaler Netzwerke – schlechthin unmöglich ist. Beide hier genannten Angriffskriege führen vor Augen, wie stark durch diese die ganze Weltgemeinschaft in geopolitische und ökonomische Mitleidenschaft gezogen wird.

Mit der zunehmenden Aufweichung des Nationalstaates und seiner Einbindung in größere politische bzw. ökonomische Netzwerke sinkt auch die Wahrscheinlichkeit von internationalen Konflikten und damit Krieg.

Zwischenzeitliche Versuche einer Neubelebung von Nationalismus sind nur letzte, vorübergehende, im Grunde antagonistische wie anachronistische Aktionen von Zeitgenossen, die ihre Interessen durch unaufhaltsam, mächtige Globalisierungsprozesse bedroht sehen.

Wie sehr der Nationalismus auf tönernen Füßen steht und eine Nation in der Regel nicht mehr ist als ein wie auch immer zustande gekommenes, geografisch territorial begrenztes Konstrukt, zeigt sich dann, wenn ihren Angehörigen in Kriegszeiten oder auch durch Krieg heimatlos gewordene Mitangehörige aufzunehmen befohlen und dabei nationale Solidarität vorausgesetzt wird – und dies nur mehr schlecht als recht funktioniert.

Vor dem Hintergrund von auch zukünftigen, mehr oder weniger stark ausgeprägten Regionalismen und Formen nationaler Verbundenheit mit dem Risiko von Übergriffen sind neue Weisen der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung zu denken und zu entwickeln. Die Umrüstung auf gewaltfreie, soziale Schutzmaßnahmen ist ein naheliegendes, bereits gründlich reflektiertes Unterfangen.

Sicherheit im Rahmen einer neuen, globalen Weltordnung neu zu denken, ist auch ein Resultat der Erkenntnis, dass Krieg heute – im Grunde schon immer – kein probates Mittel der Politik sein kann, sondern ihr Gegenteil ist, ein Ausdruck ihres Versagens.

Kriege haben erhebliche negative Auswirkungen auf ein globales ökonomisches Netzwerk, das auf das möglichst reibungslose Funktionieren von existierenden Handelsketten angewiesen ist. Nicht nur die an Kriegen unmittelbar Beteiligten müssen mit hohen wirtschaftlichen Verlusten rechnen.

Bislang überzeugte das Argument, dass das globale ökonomische Netzwerk deswegen einen zumindest weit um sich greifenden Krieg – einen dritten Weltkrieg – verhindern wird, weil es einer extrem großen Fragilität unterliegt und niemand dafür verantwortlich sein will, dass es zum Schaden aller zerstört wird. Jüngste Entwicklungen bestätigen dies.

Ungeachtet eines hohen Globalisierungsgrades sind einflussreiche Zeitgenossen daran interessiert, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Welt nach nationalistischen Kriterien zu entglobalisieren.

Während sich vornehmlich junge Menschen noch in kommunikativen, kommerziellen, technischen, musikalischen, sportlichen und etwa touristischen Netzwerken vergnügen und verwirklichen, und während sie sich durch Schulbesuche, Ausbildung und Studium auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten, sehen sich Tausende ihrer Peers – als Fossile einer Old School – massenweise in Schützengräben und Panzern sterben.

Vor ihrem militärischen Einsatz, in ihrem zivilen Leben, haben junge Soldaten in täglichen Videospielen noch unzählige Menschen – ohne auch nur einen Anflug von Mitleid – virtuell getötet. Jetzt aber sollen sie in die Schlacht ziehen und bereit sein, andere zu töten und zu verstümmeln, ohne auch nur einziges Mal etwa einer Tierschlachtung beigewohnt oder selbst ein Tier getötet zu haben.

Gewalthandeln in Videospielen hat nicht im Entferntesten damit zu tun, ansehen zu müssen, wie einem anderen oder einem selbst ein Körperteil weggeschossen wird, Blut aus den verletzten Körpern spritzt, Därme aus dem aufgeschlitzten Bauch quellen und das Hirn des Nebenmannes nach Beschuss freiliegt.

Mit jeder Zerstörung eines Panzers geht zwangsläufig auch die Zahl der dabei getöteten Soldaten in die Statistik der Kriegsbeobachter ein. Krieg bedeutet Verstümmelung, Sterben und lebenslange Traumata. Die jungen Menschen können solches immer weniger verarbeiten. Sie sind zunehmend kriegsuntauglich. Zurück im zivilen Leben nehmen sich nicht wenige sogar ihr Leben.

Angesichts einer Entwicklung, die gekennzeichnet ist durch eine Zunahme an Sensibilisierung der vor allem jungen Angehörigen einer Gesellschaft, Kriegstüchtigkeit einzufordern und damit nicht zuletzt auf die zukünftigen Generationen ebendieser Gesellschaft zu blicken, spricht nicht nur allen Aktivitäten im Interesse eines globalen Friedens Hohn.

Die Forderung nach Kriegstüchtigkeit schockt durch ihre unverfrorene Unmittelbarkeit. So regressiv, will man meinen, können doch nur die unverbesserlichen Alten, die ewig Gestrigen denken.

Konnten sich die, die heute der Gesellschaft und ihren Angehörigen ein Mehr an Kriegstüchtigkeit einschärfen, während ihrer Schulzeit nicht kritisch mit dem auseinandersetzen, was ihnen heute so patriotisch leicht über die Lippen zu gehen scheint? Hatten sie damals nicht vielleicht sogar zu jenen gezählt, die sich gegen Forderungen dieser Art deutlich positioniert und diese als ethisch verwerflich kritisiert haben?

*

Vor dem Hintergrund einer zweieinhalbtausendjährigen Kriegsgeschichte und mit Blick in jedes einzelne Gesicht ihrer ungezählten Kriegsopfer kann sich Sunzi nur abgrundtief dafür schämen, dass jene, die gegenwärtig das Geschick der Welt bestimmen, und jene, die dieses ermöglichen bzw. zulassen, selbst auf dem hohen Level der gegenwärtigen intellektuellen Entwicklung sowohl ethisch als auch politisch auf der Stelle treten. Sunzi kann über den Anachronismus, die Unbelehrbarkeit jener Zeitgenossen, die heute noch Kriegstüchtigkeit anmahnen, nur den Kopf schütteln und jenen, die glauben machen wollen, dass unter den aktuellen, speziellen Bedingungen – und selbstverständlich nur unter diesen – zu Kriegsfähigkeit und Kriegsbereitschaft geraten werden müsse, entgegenhalten:

Sagt nicht, dass sich Kontexte von heute grundsätzlich von jenen unterscheiden, die ihr gründlich im Geschichtsunterricht behandelt habt. Ihr gebt Originalität und Singularität der Herausforderung vor und denkt, dadurch eine Kritik umgehen zu können, die ihr vergangenen Vorgängen gegenüber noch angebracht habt. Nichts von dem, was ihr denkt und tut, ist heute im Grundsatz anders als es dies zu allen Zeiten der Geschichte war. Auch ihr folgt – einmal mehr verblendet von der Funktionalität militärischen Konflikthandelns – den ausgetretenen Spuren der Militärgeschichte und führt – einmal mehr – in das je selbe Verderben. Ihr spiegelt durch euer Tun nur das der Alten. Euer Tun ist – wie sein Resultat – bloße Wiederholung und Ausdruck einer unbegreiflichen Ignoranz historisch reichhaltig wiedergegebener und kritisch reflektierter Erfahrungen.

Schließt ihr euch explizit den althergebrachten Strategien der Konfliktregulierung an, dann ist euer Handeln erst recht nicht nachvoll­ziehbar – kennt ihr doch hinlänglich seine Konsequenzen. Sie sind zwangsläufig dieselben.

Hinreichend bekannt sind die Folgen eines Handelns, das geschichtsvergessene Betonköpfe mit der ihnen eigenen Chuzpe einer ebenso gefügigen wie willigen Bevölkerung als das gegenwärtig angebrachte einzuimpfen versuchen.

Wer als Politiker Kriegstüchtigkeit fordert, der bestätigt bereits im Vorhinein das zukünftige Scheitern der Politik, der geht jetzt schon von einem Scheitern aus, anstatt alles daran zu setzen, diesem vorzubeugen und auf Politiktauglichkeit zu setzen.

Mit jedem Krieg stellt sich die Politik selbst ein Armutszeugnis aus. Weiß sie nicht mehr weiter, greift sie auf ihre „Bauern“ zurück und schickt sie in den Krieg. Weil sie damit rechnet, dass sie den Konflikt mit den ihr eigenen Mitteln am Ende nicht zu lösen vermag, baut sie bereits im Vorfeld des Scheiterns die Übergabe der Verantwortung an das Militär in ihr Vorgehen ein und unterstützt dieses in der Vorbereitung des Falls. Dabei gilt es, nicht Krieg vorzubereiten, sondern alle Energie und finanziellen Mitteln dazu zu verwenden, Politik im Sinne einer Friedenspolitik systematisch auszubauen.

Vom Säbelrasseln der Old School ist es nicht mehr weit hin zu den Feldpredigten der Militärgeistlichen. Ihre Bereitschaft, Krieg religiös aufzuladen bzw. zu überhöhen, komplettiert nicht nur die ideologische bzw. indoktrinäre Ausrichtung der Militärs, sie spitzt sie mit den ihnen gegebenen, speziellen Möglichkeiten der sogenannten Militärseelsorge zu. Den ethischen Rahmen dafür stellen Großkirchen wie Moscheegemeinden oder die jüdische Gemeinde bereit.

Wo bleibt der weltweite, massive Aufschrei der Frauen gegen jeden Krieg? Sie sind stets die viel verschwiegenen Hauptleidtragenden. Nicht nur, dass ihnen die Sorge für Kinder und Eltern obliegt, sondern dass sie – das Vorstellungsvermögen will streiken – in Massen von Soldaten vergewaltigt werden und immer schon wurden, millionenfach, ob im Rahmen einer Strategie oder infolge einer Selbstermächtigung der Soldateska, oft ohne ersichtlichen Widerstand in der Truppe.

Wie steht es um die werdenden Mütter in Kriegsgebieten, wie um ihre Versorgung? Was mutet ihnen und ihren Säuglingen Krieg so­wohl körperlich als auch seelisch zu? Wie wirkt sich Krieg mit seinen ganzen Schrecken, die Verbreitung von Todesangst und den unfassbar schrecklichen Bildern, seine direkte Wahrnehmung auf das pränatale Leben aus?

Wo immer und wann immer Kinder Opfer eines Krieges sind, ob als getötete, verstümmelte, unter Trümmern lebendig begrabene und dahinsterbende, sind sie Opfer eines Kriegsverbrechens. Das gilt auch für den Fall eines harten Kriegswinters, der insbesondere für Kinder den Tod bedeuten kann.

Wenn schon Veteranen sich signifikant oft das Leben nehmen, weil sie ihre Erlebnisse nicht verarbeiten können, was müssen dann erst Kinder leiden, die unbeschreiblich Schreckliches mitansehen müssen. Wir blicken in ihre apathischen Augen und mit ihnen in eine Leere, in der sie niemals eine Antwort finden werden. Sie werden – lebenslang – ihre ganze verbliebene Energie darauf verwenden müs­sen, das Erfahrene zu verarbeiten. Werden sie jemals noch Kraft finden, einfach nur arbeiten und lieben zu können?

Die jungen Soldaten, ob männlich oder weiblich, sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die dabei ist, sich zunehmend für den Tierschutz zu sensibilisieren, in der Menschen mehr und mehr den Verzehr von Fleisch und Fisch ablehnen, die zumindest auf den Konsum von Eiern, Milchprodukten und Fleisch aus artgerechter Haltung Wert legen, sich gegen Tierversuche aussprechen, Tiertransporte, Tiere in Sport und Zirkus kritisch sehen, ja sogar nicht einmal die Kosten scheuen, Tierheime für halterlose Tiere zu unterhalten.

Während die Hierarchien in den Unternehmen und Behörden immer flacher werden, soll die neue Generation in einem strengen System von Befehl und Gehorsam funktionieren. Menschen, die gelernt haben, Zusammenhänge zu verstehen und Darstellungen in den sozialen Medien kritisch zu hinterfragen, haben im Krieg stumpf den Anweisungen von Vorgesetzten zu folgen. Das kann heute nicht mehr verlässlich funktionieren.

Militärischer Drill auf der einen Seite und eine Pädagogik, die sich einer Friedenserziehung verpflichtet weiß, die ausdrücklich auf die Befähigung zu eigenständigem, differenzierendem Denken und Handeln, zu Empathie und Solidarität im inklusiven Sinn zielt, verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser. Sie zusammenführen zu wollen, widerspricht nicht nur dem weltweiten pädagogischen Standard, sondern auch dem von der UNESCO vertretenen Erziehungsverständnis.

Eltern wie Kleinkindpädagogen, die die ihnen anvertrauten Kinder auf einem hohen Grad an Verantwortung und Professionalität auf die Gestaltung einer Zukunft in Frieden vorbereiten wollen, sind militärisches Spielzeug und videobasierte Kriegsanimationen in heimischen Spielzimmern, öffentlichen Kindertagesstätten und kommerziellen Kinderspielplätzen ein Graus.

Krieg ist von gestern. Wer durch Kulturabkommen („Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut in bewaffneten Konflikten“) historische Gebäude, sogar bedeutende Friedhöfe mit längst Verstorbenen vor militärischer Zerstörung bewahren kann, der kann auch Menschen schützen und Krieg grundsätzlich von ihnen fernhalten – ist doch der Mensch der Kulturgüter höchstes.

Wem es gelingt, unter konkreten Kriegsbedingungen internationale Schutzzonen auszuhandeln und einzurichten, dem muss es auch möglich sein, ein ganzes Land zu einer Schutzzone zu erklären.

Zu langsam, aber immerhin, sind wir bereit, die ökologischen Herausforderungen unserer teils selbstzerstörerischen Lebens- und Weltgestaltung anzunehmen.

Im Krieg spielen Umwelt und Natur so gut wie keine Rolle. In den Kriegsberichten sind das Leid von Tieren oder die nachhaltige Verwüstung ganzer Landstriche in der Regel keiner Erwähnung wert. Dabei kommen Tiere zu Tausenden und Millionen um oder werden verwundet. Pferde für die Schlacht, Esel für den Transport, Hunde zum Aufspüren von Minen – Tiere werden nicht zuletzt in die aktive Kriegführung einbezogen und müssen die Konsequenzen tragen.

Die Erde ist keine Scheibe und die Sonne dreht sich nicht um die Erde. Mord ist in allen Kulturen tabu. Nach dem Ende des Bürgerkrieges 1861-1865 wurde die Sklaverei in Amerika abgeschafft. Wir haben uns Menschenrechte gegeben und eine Kinderrechtskonvention. Wir haben Frauenrechte erkämpft und Inklusionsprogramme realisiert. Wir rauchen nicht mehr in öffentlichen Einrichtungen und tragen zu unserem Schutz auf dem Fahrrad und Motorrad einen Helm.

Mit der Gründung der Vereinten Nationen (1945) haben die Staaten einen globalen Rahmen geschaffen, innerhalb dessen es ein Leichtes sein sollte, den Krieg und alle damit zusammenhängenden Vorbereitungen endgültig abzuschaffen.

Der Festlegung von Tabuzonen gehen spannungsreiche Vorläufe voraus, Widerstände müssen überwunden werden. Dann aber ist er plötzlich da: der „point of no return“. Wir können den Umbruch von einer Konsistenz in eine andere mit dem plötzlichen Umschlagen von Wasser in Eis und umgekehrt veranschaulichen. Es bedarf nur noch einer minimalen Änderung der Temperatur und die Konsistenz von flüssigem Wasser ändert sich in Eis oder Dampf.

Wie wir im konkreten Fall nicht wissen, was alles passieren muss, damit Wasser an seinen Siede- oder Gefrierpunkt kommt, so arbeitet Friedenswissenschaft unermüdlich auf eine Tabuisierung des Krie­ges hin, ohne zu wissen, wann genau sich diese einstellen wird.

Wahrscheinlich werden wir überrascht sein, wie plötzlich und zeitnah sich die Tabuisierung des Krieges ereignen wird.

Was den Krieg und seine Vorbereitungen betrifft, so kündigt sich dieser Punkt sukzessive an. Gegenläufige Entwicklungen gehören zu den Widrigkeiten. Sie werden in absehbarer Zeit, so wie einst die Widerstände gegen die Abschaffung der Sklaverei, Geschichte sein.

Wir haben gelernt, uns im Großen wie im Kleinen Tabuzonen zu schaffen und uns darauf verpflichtet, in diese nicht mehr einzudringen.

Mit der Tabuisierung des Krieges sind wir nicht der Notwendigkeit enthoben, gegenläufige Entwicklungen wachsam wahrzunehmen und all jene zu stoppen, die in die Tabuzone einzubrechen versuchen bzw. geneigt sind, dieses zu tun.

Auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei werden immer noch und immer wieder Versuche unternommen, Menschen wie Sklaven zu behandeln. Denken wir nur an die in vielen Ländern noch verbreitete Kinderarbeit. Ungeachtet der Erfolge feministischer Bewegungen werden Frauen nach wie vor beim Erbringen derselben beruflichen Leistungen schlechter bezahlt als Männer. Nach Abschaffung der Atomenergie und Stilllegung der Reaktoren können immer wieder Initiativen aufbrechen, die als Ziel ein Zurück zur Kernenergie und Kernfusionsplänen verfolgen.

Auch wenn Krieg, Rüstung und Militär von gestern sind, so ist die Errichtung von diesbezüglichen Tabuzonen auf kontinuierliche Aktivitäten im Interesse ihrer Aufrechterhaltung angewiesen.

Scheußlichkeiten und Kosten eines Krieges (Kapitel 53)

Auch nach seiner Wiederkehr vertritt Sunzi die Meinung, dass kein Krieg der beste Krieg ist. Seine klassische Abhandlung mit dem Titel „Die Kunst des Krieges“ atmet bereits deutlich einen pazifistischen Geist. Krieg ist Sunzi im Grunde zuwider. Wenn er allerdings unumgänglich ist, dann soll er zügig und mit möglichst minimalen Verlusten zu Ende gehen. Dem dienen seine bis ins Detail der Kriegführung dienenden Überlegungen. Sunzis Blick auf den Krieg ist heute nicht weniger klar als er es vor zweieinhalb Jahrtausenden schon war:

Krieg ist scheußlich. Er ist ein Schmelztiegel aller nur denkbaren Arten von Gewalt. Was in den Berichten als Verlust von Panzern beschrieben wird, steht in Wirklichkeit für den oft qualvollen Tod seiner Besatzung. Töten und getötet werden, verletzen und verletzt werden unter den Soldaten ist nur das Eine.

Aus medienethischen Gründen werden Bilder vom wirklichen Elend, von der Verzweiflung der zivilen Bevölkerung, von den Toten und Verwundeten in der Regel nicht gezeigt. Dadurch wird die Wirklichkeit des Krieges verzerrt und Außenstehende bekommen einen falschen Eindruck von seiner Realität.

Ungeachtet von Völkerrecht und dem „ius in bello“ ist kein Krieg frei von Kriegsverbrechen, von Folter, Diebstahl und Raub, schließlich – unvorstellbar, unbeschreibbar, schrecklich – Vergewaltigung. Frauen eines jeden Alters, Mädchen sehen sich ohnmächtig und hilflos Männern ausgeliefert, denen jeder moralische Kompass abhandengekommen ist, die ethisch entfesselt, ohne Gefühl und Scham sich über sie hermachen und diese für ihr ganzes restliches Leben irreversibel verletzen.

Ist die Schleuse hin zum legalen Töten geöffnet, drängen mit ihm alle moralischen Übel hindurch. Jetzt sind Vorgesetzte gefragt, die die Regularien kennen und durchsetzen. Von ihnen ist zu erwarten, dass wenigstens sie auch unter Kriegsbedingungen ein Minimum an Anstand bewahren. Die gemeinsame Zigarette mit dem gefangenen Feind ist dafür nur das filmreife Symbol.

Krieg ist nicht nur scheußlich, er ist auch teuer. Seine Kosten verschlingen bereits im Vorfeld Ressourcen, die vor allem in sozialen Bereichen fehlen, aber auch dem allgemeinen Wohlstand dienen könnten.

Grundsätzlich gilt, dass Kriegskosten sozialisiert, die Gewinne hingegen privatisiert werden. In der Regel trägt der „kleine Mann“, der einfache Bürger die Hauptlast eines Krieges, während die politische und wirtschaftliche Elite sich nicht nur schadlos hält, sondern aus dem Krieg sogar Gewinne zu schöpfen weiß.

Um sich hinsichtlich der Ausgaben eines Staates für Rüstung und Militär ein verlässliches Bild machen zu können, empfehlen sich nicht nur Untersuchungen mit dem Ziel, die absoluten Ausgaben eines Staates zu ermitteln. Aufschlussreicher als diese sind Zahlen in Relation zu den Einwohnerzahlen. Hier kann dann beispielsweise auch die Anzahl von Soldaten in ein Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gebracht werden.

Nicht erst der Krieg bindet Finanzen und Manpower, die an anderen Stellen der Gesellschaft gebraucht werden. Es sind bereits die Ausgaben, die in sogenannten „Friedenszeiten“ für Rüstung und Militär ausgegeben werden.

Kriegsfotografie belegt drastisch die Zerstörung von Städten, indem sie den Blick des Betrachters über trostlose Ruinenfelder gleiten lässt.

Die Verluste an Menschenleben sind immens. Hinter jedem Toten, der mit anderen statistisch zu Tausenden und Millionen zusammengefasst wird, verbirgt sich ein schreckliches, in der Regel qualvolles Lebensende, ein erbärmliches Kriegsschicksal, eine unvollendete, oft junge Biografie und mit diesen die unfassbare Trauer von Angehörigen.

Wenn in den Kriegsberichten von einem hohen „Blutzoll“ eines am Krieg beteiligten Landes die Rede ist, dann drückt sich darin eine zwar schreckliche Wirklichkeit, gleichsam jedoch auch die zynische Auflösung der einzelnen Todesschicksale in einem allgemeinen Ganzen aus.

Während die Toten noch gezählt werden können, kann der Umfang von Verletzungen oft nur geschätzt und geahnt werden.

Neben den offensichtlichen, körperlichen Verletzungen sind mehr und mehr Traumata zu sehen, die die Nachkriegsgesellschaft noch lange nach Beendigung eines Krieges schwer belasten.

Nicht zuletzt zählen Phänomene des mit dem Krieg zwangsläufig verbundenen moralischen Niedergangs, so etwa die Verrohung im Umgang miteinander, zu den alle Vorstellungen übersteigenden Kosten.

Krieg und die Art und Weise, wie er geführt wird, sind Spiegelbild und Aufgipfelung der ethischen Negativa einer Gesellschaft: Fixierung auf die eigene Weltsicht, Durchsetzung der eigenen Interessen „mit aller Gewalt“, Rücksichtslosigkeit im Kampf um Vorteile, Dominanz der Starken über die Schwachen, Umgang nach dem Schema von Befehl und Gehorsam, Unterdrückung und Unterwerfung, Erpressung, drogengestütztes Agieren, Sexismus und Rassis­mus, Stereotypisierung des Anderen und so weiter.

Die Kapitel sind aus folgender Sammlung entnommen:

Egon Spiegel: Pazifismus. Ein Grundriss. (Reihe ǀ edition pace – herausgegeben in Kooperation mit dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6963-9380-9; Paperback; 236 Seiten; 11,99 Euro).

 

Egon Spiegel

Prof. Dr. Prof. h.c. Egon Spiegel, Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft der Nanjing University, Nanjing/China, bis 2022 Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie der Universität Vechta.
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Ein Kommentar

  1. Ein sehr guter Gedanke, den Blick zurück in die Geschichte um den Kriegsplaner Sunzi die Möglichkeit zu geben seine Gedanken in unsere heutige Welt zu holen. Ebenfalls finde ich es gut von Clausewitz in den Ring zu holen. Mir fehlt aber Machiavelli, der mit seiner Schrift „Der Fürst“ klarmachte, was es bräuchte um Menschen beherrschen zu können. Leider ist meiner Meinung nach Sunzi noch nicht richtig auf den Weg gekommen um die Kunst des Friedens zu erkennen.
    Ich hätte mir eine komplette Gesprächsrunde, einerseits mit Sunzi, Julius Cäsar, Machiavelli und von Clausewitz gewünscht, auf dessen Gegenseite Konfuzius, Aristoteles, Dante Alighieri, Baruch Spinoza, Jean-Jaques Rousseau, John Locke und Immanuel Kant.
    Oh Entschuldigung, da ist doch die zweite Seite prozentual zu stark vertreten, oder?
    Macht nichts, denn es braucht das Wissen unserer Vorderen, um die Obrigkeitshörigkeit mit selbstbewusster Eigenverantwortung zu ersetzen. Es braucht das Erkennen von Begriffen.

    Angriffskrieg der US-Mächtigen und des zionistischen Regimes gegen den Iran mit dem Verteidigungskampf der Russen in ihrem ureigenen Gebiet, das im Westen bis zur Curzon-Linie reicht, auf dieselbe Stufe zu setzen, erbringt nur eines, nicht aus dem geistigen Sumpf herauszukommen.
    Der Begriff Nationalismus, ebenso Islamismus soll wahrscheinlich die übersteigerte Form des Handelns für eine Nation und einer Religion darstellen. Derweil aber das übersteigerte Handeln auf nichts anderem beruht als seinen ganz eigenen Dünkel gegen die Nation , gegen die Religion durchzusetzen. Ein solches Handeln sollte ganz klar unter dem Begriff Faschismus zusammengeführt werden.
    Der Faschismus, der mit stumpfsinniger geistloser Propaganda, diese aber laut die anderen übertönend und immer wieder wiederholt. Menschen mit in die Auswirkungen des Krieges zieht. Dabei der ökonomische Verlust allein bei denen bleibt, die sich in den Krieg treiben lassen, die Kriegstreiber hingegen riesige ökonomische Gewinne einfahren.

    Der Kontext, der Zusammenhang im Geschichtsunterricht, kann nur erreicht werden, wenn dem Allgemeinwissen eine sehr hohe Stellung gegeben wird. Inzwischen sollte jenen, die noch selbsttätig denken können, doch klargeworden sein, das der heutige Geschichtsunterricht die Geschichtsvergessenheit fördert.

    Ja, es ist nicht ganz so einfach die von mir verstärkte Seite der Vernunftphilosophie zu verstehen, gegen die kleinere Seite, die hingegen dafür im goldenen Glanz dasteht. Goldener Glanz wie der von katholischen Putten in Form einer hauchdünnen Schicht Blattgold und darunter befindlichen vom Wurm zerfressenes Holz

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