Warum viele Ukrainer nicht zurückkehren wollen

Plakatwand, ukrainische Flagge
Felipe Tofani from Berlin, Germany, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Hunderttausende Ukrainer haben in Deutschland Schutz gefunden – und viele planen längst ein dauerhaftes Leben hier. Krieg, Bürokratie, fehlende Perspektiven und politische Entwicklungen in der Heimat lassen den Wunsch nach Rückkehr schwinden. Ein persönlicher Blick auf Integration, Ängste und die Realität ukrainischer Familien in Deutschland.

Letzte Woche zwang eine Lehrerin in Winnyzja einen Schüler, zehnmal an die Tafel zu schreiben: „Ich spreche kein Russisch.“ Das war die Strafe dafür, dass das Kind zu Hause Russisch spricht – in einem Land, dessen Staatspolitik zunehmend darauf ausgerichtet ist, alles Russische zu verbieten und aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Ich möchte diese Lehrerin nicht vorschnell aus nationalem Hass verurteilen. Auch sie ist in meinen Augen ein Opfer des Systems. Doch bevor ich Mitleid mit dem Kind empfinde, muss meine Generation zunächst bitter lachen – denn die Szene erinnert frappierend an eine Episode der Simpsons.

Meine Frau hat viele Jahre als Lehrerin gearbeitet, und ich kenne das ukrainische Bildungssystem gut. Als ein bekannter Sänger eine Vereinbarung mit einer Schulleitung traf, wurden Hunderte Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Städten organisiert zu seinem Konzert ins Stadion von Odessa gebracht. Alles wurde von lokalen Behörden aus Steuergeldern finanziert. Viele Lehrerinnen aus Dörfern und Kleinstädten wurden zu begeisterten Fans. Lehrkräfte gehören in der Ukraine zu den gesellschaftlichen Gruppen, die sich am leichtesten lenken lassen und kaum in der Lage sind, für ihre eigenen Rechte einzutreten. Der erwähnte Sänger – eine bekannte Persönlichkeit – tat zu Beginn des Krieges das für sich Richtige: Er verließ das Land und lebt heute in Bayern. Deshalb sollte es niemanden wundern, dass auch viele Ukrainer Deutschland als neue Heimat gewählt haben.

Zu sagen, dass Panik ausbrach, wäre untertrieben

Wenn ich nach der Arbeit im Zug nach Hause sitze und meine Kopfhörer abnehme, höre ich oft meine Muttersprache Russisch. Es gibt sehr viele Ukrainer in Deutschland. Hier existieren keine Verbote der Muttersprache, und jeder spricht, wie er möchte. Kürzlich gab eine Sprachbeauftragte der Ukraine zu, dass 71 Prozent der Ukrainer im Internet nach russischsprachigen Inhalten suchen. Gleichzeitig zeigt sich: Die große Mehrheit der Ukrainer in Deutschland möchte nicht in die Heimat zurückkehren – selbst wenn sie Putin verurteilen. Niemand will in einer Diktatur leben und erleben, dass Kinder statt Mathematik Hass lernen.

Es gibt viele Gründe, warum Ukrainer nach dem Krieg nicht zurückkehren wollen, und dieser ist nicht einmal der wichtigste. Entscheidend ist: Von Jahr zu Jahr werden mehr Menschen ihren Aufenthalt legalisieren und dauerhaft hierbleiben. In den ersten drei Kriegsjahren erhielten bereits mehr als 20.000 Ukrainer die deutsche Staatsbürgerschaft. Das betrifft vor allem jene, die schon früher nach Deutschland gekommen waren. Doch auch viele andere werden denselben Weg gehen. Man sollte sie daher als zukünftige deutsche Staatsbürger betrachten.

Bei seinem letzten Treffen mit Selenskyj erklärte Kanzler Merz, er wolle die Rückkehr der Ukrainer in ihre Heimat fördern. In ukrainischen Medien wurde daraus schnell die Schlagzeile: „Alle Männer werden zurückgeschickt und direkt den Wehrbehörden übergeben.“ Zu sagen, dass Panik ausbrach, wäre untertrieben. Viele begannen sofort, nach anderen Ländern zu suchen, in die sie weiterziehen könnten – Hauptsache nicht zurück. Besonders beliebt ist Spanien. Selbst meine Schwiegereltern denken darüber nach. Wahrscheinlich würden jedoch vor allem junge und arbeitsfähige Menschen gehen. Für ältere Menschen ist ein erneuter Neuanfang deutlich schwerer.

Deutsche Parteien erklären Ukrainern ihre Programme und Ziele kaum

Für viele Deutsche ist kaum vorstellbar, wie es ist, nicht zu wissen, wo und wie man morgen leben wird. Meine Kinder besuchen eine deutsche Schule, doch viele ukrainische Eltern zwingen ihre Kinder zusätzlich, dem ukrainischen Lehrplan zu folgen. Das ist eine enorme Belastung – für Kinder ebenso wie für Eltern. Trotzdem denken viele bereits über einen weiteren Umzug nach. Die Hauptgründe, Deutschland verlassen zu wollen, sind zwei: das Wetter und die Bürokratie. Gegen das Wetter kann man wenig tun – Meer und Sonne lassen sich nicht nach Berlin holen. Das zweite Problem jedoch wäre lösbar.

Viele Politiker werfen Ukrainern vor, sie würden nicht arbeiten und stattdessen vom Jobcenter leben. In der Realität ist es jedoch oft äußerst schwer, Arbeit zu finden. Ein Beispiel ist meine Frau: Bald wartet sie seit einem Jahr auf die Anerkennung ihres Diploms. Sich auf andere Stellen zu bewerben, ist ebenfalls schwierig. Für viele Berufe braucht man eine zusätzliche Ausbildung, doch das Jobcenter verweigert häufig die Zustimmung, weil das ukrainische Diplom formal bereits eine höhere Qualifikation bescheinigt. Davon betroffen sind besonders Ärzte, Lehrer und Ingenieure. Am einfachsten haben es oft Bauarbeiter. Für meine Familie hat sich die Lage inzwischen verbessert – wir sind nicht mehr auf Unterstützung angewiesen. Auch viele Nachbarn haben Arbeit gefunden. Doch für viele andere ließe sich das Problem leicht lösen, wenn Anerkennungsverfahren schneller und unbürokratischer ablaufen würden.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die politische Kommunikation. Deutsche Parteien erklären Ukrainern ihre Programme und Ziele kaum. So wird etwa die AfD vielfach wie das personifizierte Böse wahrgenommen. Viele Ukrainer glauben, die Partei wolle sie nicht nur abschieben, sondern direkt an Putin ausliefern. Im vergangenen Jahr zeigte ich Bekannten zum Vergleich die Wahlprogramme von CDU/CSU und AfD. Viele waren überrascht – nicht nur darüber, wie verzerrt ihr bisheriges Bild war, sondern auch darüber, dass manche Positionen der CDU gegenüber Migranten sogar strenger wirkten. Ähnlich verhält es sich mit dem BSW. Von dieser Partei wissen viele Ukrainer entweder gar nichts oder halten sie für radikale Kommunisten, die auf Befehl Moskaus handeln. Ich erwähne diese Parteien bewusst, weil viele eingebürgerte Ukrainer künftig durchaus zu deren Wählerschaft gehören könnten.

Am Ende brauchen die meisten Ukrainer vor allem eines: praktische Hilfe bei Dokumenten, Anerkennungsverfahren und Jobsuche. Den Rest können sie selbst leisten – mit Arbeitseinsatz, Verantwortung und dem Wunsch, einen Beitrag zum Wohl ihres neuen Landes zu leisten.

Maksim Korsun

Maksim Korsun ist Ukrainer und wohnt jetzt in Brandenburg. Früher hat er in der Ukraine, Russland und Moldawien gewohnt. Als der Krieg in seiner Heimat begann, meldete er sich freiwillig für die Lebensmittelversorgung. Er kam 2024 nach Deutschland.
Mehr Beiträge von Maksim Korsun →

Ähnliche Beiträge:

7 Kommentare

    1. Sie wissen das sicherlich alles wesentlich besser, sprechen perfekt ukrainisch und russisch, haben jahelang in der Ukraine gelebt und verkehren tagtäglich mit Ukrainern hier in Deutschland zusammen und sind daher DER Experte® für all diese Fragen. Sie können bestimmt Wort für Wort Maksim Korsun widerlegen. Worauf warten SIe?

  1. „Für viele Deutsche ist kaum vorstellbar, wie es ist, nicht zu wissen, wo und wie man morgen leben wird.“
    Nun, es gehört inzwischen auch zum Alltag aller hier Lebenden, nicht zu wissen wie man morgen über die Runden kommen wird.

    „Meine Kinder besuchen eine deutsche Schule, doch viele ukrainische Eltern zwingen ihre Kinder zusätzlich, dem ukrainischen Lehrplan zu folgen.“
    Vermutlich liegt das aber am deutschen Lehrplan.

    „Die Hauptgründe, Deutschland verlassen zu wollen, sind zwei: das Wetter und die Bürokratie.“
    Diese Gründe treffen alle hier Lebenden.

    „Deutsche Parteien erklären Ukrainern ihre Programme und Ziele kaum.“
    Das liegt wiederum nicht an den Ukrainern. Diese Programme sind in ihrer Destruktivität von von kaum jemanden zu verstehen, nicht einmal von hier schon länger Lebenden.

    Interessant ist auch die Bemerkung des Autors zum BSW. Ich hege keinerlei Symphatie mit dieser politischen Struktur, aber der Vorwurf der Moskau-Hörigkeit träfe die meistem Ukrainer ebenso. Oder warum verweigern sie ihrer Heimat die Treue, wenn sie nicht vom Kiewer Regime „delegiert“ wurden? 😉

  2. Ja, so ist das nun auch hier in Deutschland – Propaganda aus allen Tröten, wenn man als vielleicht unbedarfter Ukrainer glaubt, in Deutschland herrsche eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien und denkt, die AfD oder das BSW wären unwählbar, weil es die CDU/SPD/Grünen- ÖR-Medien so nun mal sagen 😉
    Gerade diese beiden Parteien – BSW und AfD – hätten den Krieg gegen die Ukraine und gegen Russland schon längst beendet und das Sterben würde aufhören.
    Dass wir jetzt einen Lobbyisten von Blackrock als Kanzler haben, sollte die hier lebenden Ukrainer tatsächlich beunruhigen, denn es beunruhigt sogar die Deutschen, die hier leben von Tag zu Tag mehr.
    Die deutsche Politik – egal ob Außen- oder Innenpolitik richtet sich stramm und gehorsam nach den Interessen von US-Oligarchen und hat schon lange nichts mehr mit dem Amtseid der sogenannten „Volksvertreter“ zu tun. Das hörte mit der Abwahl von Gerhard Schröder 2005 auf.
    In Deutschland sitzen seit 2006 US-Marionetten in den höchsten Ämtern, in der Ukraine seit 2014.

    1. @ hermes335

      „In Deutschland sitzen seit 2006 US-Marionetten in den höchsten Ämtern, in der Ukraine seit 2014.“

      Seit 2006? Ihnen ist schon klar, wer den Auftrag erteilte, den Parlamentarischen Rat einzuberufen (Frankfurter Dokumente).

  3. > Letzte Woche zwang eine Lehrerin in Winnyzja einen Schüler, zehnmal an die Tafel zu schreiben: „Ich spreche kein Russisch.“ Das war die Strafe dafür, dass das Kind zu Hause Russisch spricht – in einem Land, dessen Staatspolitik zunehmend darauf ausgerichtet ist, alles Russische zu verbieten und aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Ich möchte diese Lehrerin nicht vorschnell aus nationalem Hass verurteilen.

    Das wäre weder vorschnell noch aus nationalem Hass. Die SprachGesetze sind völkerrechtswidrig und die die mitmachen beteiligen sich daran. Und sie ist scheinbar noch mit Eifer dabei. Die SprachGesetze sind ein Grund warum die Ukraine nicht in die EU aufgenommen werden kann, es widerspricht den Grundlagen der EU. Da fragt man sich warum gerade unsere EU Politiker das anscheinend nicht wissen.

    Wären die Ukrainer etwas selbstkritischer hätten wir denke ich die heutigen Probleme nicht. Man beklagt sich über Putins Einmarsch, aber wo waren die Ukrainer als man 8 Jahre das eigene Volk bombardiert hat? Dafür hab ich kein Verständnis. „ein Opfer des Systems“ – es wird zu gern die Opferrolle eingenommen.

    > Viele Politiker werfen Ukrainern vor, sie würden nicht arbeiten und stattdessen vom Jobcenter leben.

    Wie immer gibts solche und solche. Leider ist man zu inkonsequent von Seiten der Politik und Bürokratie die faulen Kartoffeln auszusortieren. So werden am Ende alle über einen Kamm geschert.

    Man kann aber ruhig dazusagen das auch viele Bürger das genauso sehen. Und teilweise haben sie damit auch Recht. Ich denke da spielt auch mit rein das man den Ukrainern ohne Grund Sonderrechte zugestanden hat, die man anderen Flüchtlingen nicht zugesteht. Das war nicht „Menschenfreundlichkeit“, es ging gegen Russland, da gehts um politische Ziele einer politischen „Elite“.

    > Deutsche Parteien erklären Ukrainern ihre Programme und Ziele kaum

    Das Problem ist eher das man auf das hört was die Qualitätsmedien über Parteien verbreiten.
    Ich kann mich noch gut daran erinenrn wie Landauf landab verbreitet wurde, liebe Bürger wählt ja nicht die AfD, dann gehts euch sozial schlechter !1!! (lieber CDU und SPD). Das betrifft auch den Umgang mit Flüchtlingen. Von der Potsdam Verschwörung ist mittlerweile nichts mehr übrig, hat damals im Wahlkampf aber seinen Zweck erfüllt.

    Unterm Strich, vom Author würde ich mir etwas mehr (Selbst?) Kritik wünschen.

  4. Zitat: „Viele waren überrascht – nicht nur darüber, wie verzerrt ihr bisheriges Bild war, sondern auch darüber, dass manche Positionen der CDU gegenüber Migranten sogar strenger wirkten. Ähnlich verhält es sich mit dem BSW. Von dieser Partei wissen viele Ukrainer entweder gar nichts oder halten sie für radikale Kommunisten, die auf Befehl Moskaus handeln.“

    Daran zeigt sich deutlich, dass es Propaganda (Volksverdummung, versuchte Manipulation, Indokrination, Gehirnwäsche oder wie immer man das nennen will) nicht nur im Osten, Süden und Norden des Planeten, sondern auch in diesen sogenannten wertewestlichen und angeblich „liberalen“ bzw. „freiheitlichen Demokratien“ gibt. Propaganda gibt es nicht nur in autoritären Diktaturen.

    Die „Journalisten“ (m/w/d/x/y/z) von ARD, ZDF, RTL, FAZ, SZ, Spiegel, Welt, Bild(zeitung), der Pressesprecher der Regierung, die PR-Abteilung der NATO usw. würden diese Kritik entweder ganz weit von sich weisen oder sie würden damit argumentieren, dass sie selbstverständlich „gute“ Propaganda machen.

    Propaganda ist Propaganda und bleibt Propaganda. Es gibt keine „gute“ und keine „böse“ Propaganda. Das Gegenteil von Propaganda ist nämlich objektive und neutrale Aufklärung. Das aber wollen Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, die Propaganda machen, gerade nicht. Wer Propaganda macht, der will keine aufgeklärten mündigen Bürgerinnen und Bürger, die selbst entscheiden, was richtig und was falsch ist. Wer Propaganda macht, der will, dass die Bürger glauben, dass diese Politik gut für sie wäre, obwohl sie sich damit selbst schaden. Nur Masochisten finden es geil, wenn sie sich selbst mit einem Hammer auf die eigenen Finger hauen und der Schmerz nachlässt.

    Diese Propaganda und Gehirnwäsche fängt schon beim einfachen Wording an, wenn man in Deutschland, Italien, USA usw. Multimilliardäre als „Superreiche“ bezeichnet und in Russland als „Oligarchen“. Man kann aber auch gezielt Lügen verbreiten wie bei der „Brutkastenlüge“ 1990, um der eigenen Bevölkerung den militärischen Angriff auf einen anderen Staat schmackhaft zu machen. Selbst dann, wenn sich Jahre später nach dem Krieg herausstellen sollte, dass es eine gezielte Lüge war, dann interessiert das keinen mehr und es macht keinen toten Soldaten und toten Zivilisten wieder lebendig.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 3 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen