
Brot und Spiele waren schon im alten Rom mehr als bloße Unterhaltung. Heute ist der Massensport Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie, die aus Bürgern Zuschauer macht – und ganz ohne Kaiser auskommt.
Der Begriff „Brot und Spiele“ entstammt dem antiken römischen Imperium, einem Imperium, das über große Teile der den Europäern damals bekannten Welt herrschte. Die Methoden zur Beherrschung der Massen mögen sich in den letzten zwei Jahrtausenden geändert haben. Einige Grundprinzipen sind gleichgeblieben.
Ein Vortrag im Politischen Frühschoppen der Partei dieBasis führt von Juvenals Rom über die britische Industrialisierung bis zum globalen Fußballgeschäft. Dabei geht es nicht vorrangig um die Frage, ob Sport das Volk verdummt. Entscheidend ist vielmehr, wie Aufmerksamkeit gelenkt, Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften provoziert und politische Teilhabe kanalisiert wird.
Der moderne Circus Maximus braucht keinen Kaiser
Wenn ein Staat Haushaltslöcher verwaltet, die Infrastruktur verfällt und politische Entscheidungen sich immer weiter vom Erleben der Bürger abkoppeln, bleibt doch eine beruhigende Gewissheit. Am Wochenende wird angepfiffen. Die politische Dauerkrise scheint kein Ende nehmen zu wollen, das Fußballspiel dagegen wird pünktlich abgepfiffen. Es liefert Anfang, Dramaturgie und ein Ergebnis. Das sind drei Dinge, die unsere Politik vielen Menschen längst nicht mehr bieten kann.
„Brot und Spiele“ ist deshalb ein verführerisches Konzept. Es hat klar definierte Ebenen, nämlich oben Trainer, Manager und Kommentatoren und unten die sedierte Masse. In dieser Schlichtheit entfaltet sich das Spektakel. Fußballfans sind keine willenlosen Untertanen und Regierungen kommandieren den Spielplan nicht wie ein römischer Kaiser. Die eigentliche Systematik ist einfacher und zugleich diffuser. Staat. Verbände, Medienkonzerne, Sponsoren, Wettanbieter und digitale Plattformen heben eine Aufmerksamkeitsökonomie entworfen, die keinen zentralen Regisseur benötigt. Alle Beteiligten profitieren davon, dass das nächste Ereignis schon begonnen hat, bevor das vorherige mental schon verarbeitet wurde.
Juvenals Satz als Anklage des politischen Rückzugs
Der römische Satiriker Juvenal schrieb um das Jahr 100 nach Christus, dass das Volk, das einst Ämter, Legionen und politische Macht vergeben habe, nur noch zwei Dinge wünsche, nämlich Brot und Spiele. Der berühmte Halbsatz „panem et circenses“ bezeichnet damit mehr als Ablenkung. Er markiert den Verlust politischer Handlungsfähigkeit. Die Bürger werden zu Zuschauern einer Ordnung, die früher zumindest dem Grund nach von ihr gestaltet wurde.
Der Impulsvortrag „Brot und Spiele – Ist Fußball das neue Kolosseum? Trikot statt Tunika?“, der am 22. Juni 2025 im Politischen Frühschoppen der Partei dieBasis gehalten wurde, entwickelt die Geschichte bis in die Gegenwart. Er erinnert an das Kolosseum und den Circus Maximus, an Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und Wagenrennen. Solche Veranstaltungen stifteten Loyalität, demonstrierten kaiserliche Großzügigkeit, kanalisierten soziale Spannungen und machten Herrschaft für jeden sichtbar. Wer die Menge ernährte und unterhielt, galt als Garant der Ordnung.
Roms Getreideversorgung war auch Sozialpolitik und öffentliche Spiele waren nicht bloß Betäubung. Sie waren religiöses Ritual, Statusbühne und Gemeinschaftserlebnis. Ebenso wenig ist ein heutiges Stadion nur eine Fabrik eine „falschen“ Realität. Diese Art der Unterhaltung war ein Mittel der Herrschaftsausübung. Aber eines hat sich bis heute geändert. In unserer modernen Welt muss sie nicht von oben gesteuert werden, um die Herrschaftsordnung zu stabilisieren.
Von der Fabrikmannschaft zum globalen Medienprodukt
Der Vortrag verfolgt die Darstellungsformen durch Mittelalter und Barock bis in die industrialisierte Gesellschaft. Besonders aufschlussreich ist sein Blick auf Großbritannien. Dort wurden Fußball, Rugby und Cricket zwar nicht gleichzeitig „erfunden“, aber im 18. und 19. Jahrhundert in unterschiedlichen sozialen Milieus kodifiziert und institutionalisiert. Der Fußball benötigte wenig Ausrüstung, passte in dicht besiedelte Städte und bot Arbeitern wie Betrieben eine lokale Identität. Aus der Werksmannschaft von Thames Ironworks wurde West Ham United. Der Verein band Menschen an Viertel, Unternehmen und Gemeinschaft.
Rugby und Cricket trugen dagegen lange den Habitus von Public Schools, gehobenem Bürgertum und imperialer Elite. Die Regeln, die verfügbaren Spielflächen und das Ideal des „Gentleman“ definierten nicht nur Spieler und Zuschauer, sondern sie zementierte eine klar gegliederte Klassengesellschaft.
Die Professionalisierung des Sports verwandelte diese kulturellen Unterschiede schrittweise in marktfähige Produkte. Eintrittsgeld, Sponsoring, Rundfunk und Fernsehen machten aus der lokalen Sportveranstaltung ein handelbares Medienrecht. Pay-TV, globale Marken, permanente Transferberichterstattung und soziale Netzwerke lösten das Spiel aus seinen Fesseln von Ort und Zeit. Heute endet die Action nicht mehr am Stadiontor. Es reicht bis auf das Display von Smartphones, auf dem Höhepunkte, Gerüchte, Empörung und Werbung zu einer lückenlosen Unterhaltungsmonster verschmelzen.
Die Ware ist nicht das Spiel, sondern die Aufmerksamkeit
Der entscheidende Rohstoff des modernen Circus Maximus ist Aufmerksamkeit. Ein einzelnes Spiel dauert neunzig Minuten. Sein Vorlauf, seine Nachbereitung und seine digitale Zweitverwertung fesselt die Aufmerksamkeit für die Woche zwischen zwei Spielen. Stars werden zu Marken, Anhänger zu Zielgruppen und Fanrivalitäten zu verlässlichen Erregungsmaschinen. Die emotionale Bindung, die einmal dem Verein, der Nachbarschaft oder dem gemeinsamen Spiel galt, wird ökonomisch abgeschöpft.
Das bedeutet nicht, dass Freude am Fußball politisch verdächtig wäre. Verdächtig wird vielmehr eine Öffentlichkeit, die Bürger fast ausschließlich als Publikum adressiert oder besser als Zuschauer und Konsumenten des vorgefertigten Endprodukts. Wer ständig abgelenkt wird, kommt nicht dazu, selbst eine politische Agenda zu setzen. Demokratie wird dadurch nicht abgeschafft. Man darf jubeln, pfeifen und die Mannschaft verdammen, aber über die Regeln, die Liga und die Eigentumsverhältnisse wird anderswo entschieden.
Glanz als politisches Lösungsmittel
Bei globalen Großereignissen tritt diese Struktur offen hervor. Politiker und Regierungen kaufen mit Stadien, Turnierausrichtungen und medialen Bildern keine Zustimmung. Sie versuchen vielmehr, politische Konflikte in ein emotional günstigeres Umfeld zu verschieben. Die Forschung bezeichnet dies als „Sportswashing“: Prestige und Soft Power des Sports sollen die Wahrnehmung von Menschenrechtsverletzungen, Repression oder geopolitischen Interessen überstrahlen. Das Verfahren wischt nicht alles unter den Tisch. Empirische Untersuchungen zeigen, dass kritische Berichterstattung den gewünschten Imageeffekt abschwächen kann. Gerade deshalb ist die journalistische Begleitung Teil des politischen Spielfelds, nicht bloß dessen Kommentarspur.
Demokratische Regierungen nutzen die Aura des Sports. Ihre Vertreter lassen sich auf Ehrentribünen fotografieren oder erklären sportliche Großveranstaltungen zu nationalen Projekten. So hat der Hamburgische Senat verzweifelt versucht, die Olympiabewerbung durch ein Referendum legitimieren zu lassen. Das ist krachend gescheitert.
Menschen erkennen, dass solche Prestigeprojekte finanziellen und sozialisieren Risiken verbunden sind, die vom Staat getragen werden müssen, während Erträge privatisiert werden. Der moderne Politiker ist dabei, wie es der dieBasis-Beitrag formuliert, häufig eher Trittbrettfahrer als souveräner Lenker. Das macht die Verflechtung nicht harmloser. Es zeigt nur, dass Macht heute in einem komplexen Netzwerk funktioniert.
Sport kann befrieden und Konflikte sichtbar machen
Der Vortrag verweigert sich erfreulicherweise einer eindimensionalen Verurteilung. Seine beiden historischen Gegenbilder zeigen, dass Sport politische Energie nicht nur bindet, sondern auch freisetzt. Am 21. November 1920 eröffneten britische Sicherheitskräfte im Dubliner Croke Park während eines Gaelic-Football-Spiels das Feuer auf die Zuschauer. Vierzehn Zivilisten starben. Der „Bloody Sunday“ wurde zum Symbol des irischen Unabhängigkeitskampfes, der 1921 zur Unabhängigkeit der Republik Irland von Vereinigten Königreich führte. Die Arena war hier kein Ort des Vergessens, sondern ein Abschütteln kolonialer Gewalt.
Ein anderes Bild lieferte Nelson Mandela bei der Rugby-Weltmeisterschaft 1995. Im Trikot des weißen Mannschaftskapitäns François Pienaar überreichte er den Springboks den Weltmeisterpokal. Die Geste wurde zum Sinnbild der Versöhnung in einem von Apartheit gezeichneten Land. Aber alle Sinnbilder haben Grenzen. Ein gemeinsamer Jubel beseitigt weder die ökonomischen Folgen der Apartheid noch die sozialen Schranken in einer Gesellschaft. Symbolpolitik kann einen politischen Prozess öffnen. Sie kann ihn nicht ersetzen.
Genau darin liegt die Ambivalenz des Massensports. Er kann Zugehörigkeit herstellen, wo Institutionen versagen. Er kann Außenseiter sichtbar machen, Protest organisieren und gesellschaftliche Grenzen überschreiten. Er kann dieselben Bindungen aber auch vermarkten, nationalistisch aufladen oder zur Kulisse einer Macht werden, die sich selbst nicht erklären will.
Vom Circus Maximus zurück ins Forum
Juvenals verurteil in seiner Schrift zu „panem et circenses“ die Gleichgültigkeit der Massen. Das Muster ist seit der Antike gleichgeblieben, nur die Akteure haben sich geändert. Was im antiken Rom Kaiser und die Oberschicht waren, sind heute Medienkonzerne und allmächtig erscheinende Sportverbände. Damit stellt sich die Frage, ob sich eine Gesellschaft diese Art des Sports leisten kann. Oder führt sie auf Dauer nur zu einer politischen Ordnung, in der politische Beteiligung der Bürger auf das Ankreuzen, Kommentieren am Stammtisch und Zuschauen beschränkt ist.
Das Kolosseum unserer Gegenwart besteht deshalb nicht aus Beton oder Stahl-Glas-Konstruktionen. Es besteht aus der Gewöhnung, deren Rahmen der Spielplan vorgibt. Wer ihm entkommen will, muss weder den Fernseher aus dem Fenster werfen noch das Stadion meiden. Er muss nur darauf bestehen, nach dem Abpfiff wieder Bürger sein zu dürfen. Das Problem ist nicht das Spiel selbst. Das Problem beginnt, wenn die politische Arena nur noch Zuschauerplätze für seine Bürger vorsieht.
Veranstalter des Politischen Frühschoppens ist die Partei dieBasis, konkret ihre AG Strategische Impulse. Das Format steht der Öffentlichkeit in einem offenen Zoom-Raum zur Verfügung. Nach einem Impulsvortrag folgt die Diskussion. Ein Thema wird nicht einfach angeboten, um danach einfach zu applaudieren. Es soll widersprochen, diskutiert und weitergedacht werden.
Quellen
dieBasis / AG Strategische Impulse: „Unser Politischer Frühschoppen – Beispiel: Brot und Spiele“, 25. Juni 2025 – https://diebasis-partei.de/2025/06/unser-politischer-fruehschoppen-beispiel-brot-und-spiele/
Jules Boykoff: „Toward a Theory of Sportswashing: Mega-Events, Soft Power, and Political Conflict“, Sociology of Sport Journal 39(4), 2022, S. 342–351. – https://doi.org/10.1123/ssj.2022-0095
Bret Devereaux: „Collections: On Bread and Circuses“, A Collection of Unmitigated Pedantry, 20. Dezember 2024. – https://acoup.blog/2024/12/20/collections-on-bread-and-circuses/
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung / idw: „Kritische Berichterstattung schwächt Sportswashing-Effekt“ – https://idw-online.de/de/news846448




Corona… Fitness war verboten (geschlossen) aber Fussball ohne Zuschauer vor Ort war genehmigt und wichtig damit das Volk nicht auf dumme Gedanken kommt… und ev. Fragen stellt…
Fragen durfte man auch bei der alternativlosen Bankenrettung nicht… und bei der Kriegshysterie dtto
ich frage mich wieso wird noch überall repariert, gebaut, usw. wo wir in drei Jahren Krieg mit Russland haben
interessant ist die Aussage des US Ökonomen Michael Hudson
„Den USA ist es egal was mit der Ukraine passiert, hauptsache wurde die EU und besonders Deutschland zum drittenmal besiegt“
und wenn man sich das durchliest
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/focus-paper-eine-freihandelszone-von-lissabon-bis-wladiwostok/
wird einem auch klar warum
Du bist da an was ganz Großen dran, jetzt bloß nicht aufgeben, bald hast hast du es geschafft und dann hast du Heinz Müller aus Bottrop als Boss der Boss aller Deep States dieser Welt enttarnt!
Wie ich seit 1974 eindringlich bekunde, ist gerade der Fußballsport immer schon Teil des Problems gewesen.
Der große Gopnik hat mit der Invasion der Ukraine extra gewartet bis die Olympiade in China fertig war.
Andere große Gopniks pausieren ihren Angriffskrieg für eine Fussball WM. Und bomben anschließend brutal weiter.
Dann sollte also Infantino zwischen Russland und der Ukraine vermitteln?
Der kriegt da bestimmt was auf die Kette!
Erinnert sich noch jemand was mit den Flitzern bei der Fussballmeisterschaft in Russland passiert ist?
@Theo: Nein, was ist mit denen denn passiert? Ich hoffe, Sie verraten es.
Und jetzt noch die 100 Zeichen.