
Wie ein fast vergessener Denker der Moderne die Gegenwart erklärt – und wie seine Ideen in einer der Longo Mai Bewegung weiterlebt.
An diesem Abend durfte ich einen besonderen Gast in meiner Küche bewirten. Jetzt ist das Huhn aus der Provence gegessen, der Geruch von Rosemarin und Salbei liegt noch in der Luft, die Weingläser sind noch halbvoll und Hannes Reiser erzählt aus seinem bewegten Leben. Mit fast 80 Jahren lebt er immer noch in Limans, der Longo Mai Kooperative im Süden Frankreichs, dort wo er vor über 50 Jahren zu den Mitgründern dieser Bewegung gehörte. Viele Jahre ist es her, dass er und andere junge Linke hier ankamen, „um von einer idealen Gesellschaft zu träumen, in der Gemeinschaft, Gleichheit und Selbstbestimmung großgeschrieben werden“. Elf Standorte in sechs Ländern zeugen heute vom Erfolg dieses real gewordenen Traums.
Doch an diesem Abend geht es nicht nur um die Geschichte von Longo Mai. Als sich Hannes verabschiedet, bleibt er noch einmal in der Tür stehen. „Kennst du eigentlich Lewis Mumford?“, fragt er, als fiele ihm gerade etwas Entscheidendes ein. „Lohnt sich zu lesen.“
Ich kannte Mumford nicht. Doch die Empfehlung eines Mannes, der seine Arbeit einer utopischen Vision gewidmet und mit Leben füllte, macht neugierig. Also mache ich mich auf die Suche – nicht nach einer Person, sondern nach einem Gedankengebäude, das, wie sich herausstellt, die Fundamente von Longo Mai und die Risse unserer eigenen Zeit gleichermaßen beleuchtet.
Der Mann, der die „Megamaschine“ sah
Lewis Mumford (1895-1990) war ein Unikum. Ein Denker ohne festen Lehrstuhl, der in New Yorker Bibliotheken mehr lernte als in Hörsälen. Sein Werk ist ein riesiges Mosaik aus Geschichte, Technikphilosophie, Architekturkritik und Sozialutopie. In einer Ära der zutiefst pessimistischen Kulturkritiker nach zwei Weltkriegen war Mumford etwas Besonderes: ein radikaler Diagnostiker, der dennoch an die Heilung glaubte. „Ich bin ein Pessimist, was die Wahrscheinlichkeiten angeht“, schrieb er, „aber ein Optimist hinsichtlich der Möglichkeiten.“
Seine zentrale Diagnose trägt den kühlen, technischen Namen „Die Megamaschine“. Damit meinte Mumford keine konkrete Apparatur, sondern die unsichtbare, allgegenwärtige Organisation der modernen Gesellschaft, die Menschen zu funktionalen Rädchen in einem System von Kontrolle und maximaler Effizienz macht. „Der souveräne Staat der Gegenwart“, schrieb er, „ist nur das vergrößerte, abstrakte Gegenstück des Gottkönigtums; und die Institutionen des Menschenopfers und der Sklaverei sind immer noch vorhanden.“
In seinem New Yorker Apartment, lebend in einer zunehmend rastlosen Zeit, sah er voraus, wie der ständig wachsende, gierige Markt „seine Entsprechung in einer ebenso raschen Konsumtion und Zerstörung findet“. Er fürchtete die „autoritäre Technik“, die Macht zentralisiert, und beklagte ein Bildungssystem, das nur noch „Spezialisten für die Megamaschine“ produziere – Experten mit Scheuklappen, die den Blick aufs Ganze verloren hätten.
Die Gegenwelt: Demokratische Technik und der ganze Mensch
Was Mumford dieser düsteren Megamaschine entgegensetzte, war keine romantische Rückkehr, sondern eine bewusste, humane Alternative. Er träumte von einer „demokratischen Technik“, verständlich, dezentral und dem menschlichen Maßstab unterworfen. Er forderte eine Erziehung, die nicht funktioniert, sondern bildet – die den „ganzen Menschen“ fördert durch die Kultivierung von Sprache, Kunst und Symbolen.
„Nichts ist undenkbar, nichts unmöglich für den ausgeglichenen Menschen“, schrieb er, „vorausgesetzt, es entspringt den Bedürfnissen des Lebens.“ Diese Bedürfnisse waren für ihn Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit. In dieser Vision stehen keine Maschinen im Zentrum, sondern lebendige Ökosysteme und Gemeinschaften.
Longo Mai, – Gedanken werden Wirklichkeit
In der Provence wurde diese Vision handfest. Schafställe, Solaranlagen, Kulturfestivals, eine eigene Radiostation, gemeinsame Werkstätten. „Hier geht es nicht um Profit, sondern um gelebte Gemeinschaft“, sagt er und zitiert damit Mumfords Kernforderung, die Technik den „Anliegen des Lebens“ unterzuordnen. Die selbstverwalteten Kooperativen, die antikapitalistisch wirtschaften, sind ein Modell für Mumfords dezentrale, demokratische Technik. Die Ausbildung der jungen Menschen hier, praktisch und theoretisch zugleich, verkörpert sein Ideal der ganzheitlichen Bildung.
Es ist diese Vorgabe die Mumfords fast vergessenes Werk heute so relevant macht: Er bietet keine einfachen Antworten, sondern eine integrierende Perspektive. Er zeigt, wie ökonomische Ausbeutung, technologische Entfremdung, politische Machtkonzentration und kulturelle Verarmung zusammenhängen – Teile ein und derselben Megamaschine.
Das Axiom des Guten – und der Kampf gegen die Angst
Mumfords gewagtestes und tröstlichstes Erbe ist sein unerschütterlicher Humanismus. In einer Zeit, in der angstmachende Propaganda weite Teile der Gesellschaft durchdringt, erinnert er an sein einfaches, revolutionäres Axiom: Der Mensch ist von Natur aus gut. Pathologien wie Krieg sind keine Folge dieser Natur, sondern einer kranken Gesellschaftsordnung. „Der Krieg liefert seine eigene Rechtfertigung, indem er neurotische Angst durch rationale Angst angesichts realer Gefahr ersetzt.“
Mumfords Werk transformiert so die negative Kritik in eine positive, lebensbejahende Vision. Eine Vision, die im Lärm der aktuellen Krisen unterzugehen droht, aber in Orten wie Longo Mai fast unbeachtet weiterwirkt.
Es ist spät geworden in meiner Küche, dem Ort wo ich gerne nach einer gemeinsamen Mahlzeit und guten Tischgesprächen sitze. Die Gedanken von Lewis Mumford, von einem fast 80-Jährigen weitergegeben, erscheinen plötzlich nicht als verstaubte Theorie, sondern als Gebrauchsanweisung für eine humane Zukunft. Sie bestätigen, dass sie gelebt wird: Dass eine Verbesserung der Lage auf lange Sicht nicht nur möglich, sondern, wenn man es will, wahrscheinlich ist.
Dann könnte die Sonne ohne Unterlass scheinen.
Quellen
Hoffnung oder Barbarei. Die Verwandlungen des Menschen. 1981
Die Stadt. Geschichte und Ausblick 1963
Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. 1974
https://de.wikipedia.org/wiki/Longo_ma%C3%AF




Einige linke Ideen sind positiv zu bewerten. Der Hauptfehler der Linken ist, dass sie Abtreibungen befürworten. Vorbildlich verhalten sich die Red-Letter-Evangelikalen.
Bitte klicke auf „Lebensreformer“.
Jedes Kind das nicht geboren wird ist ein Segen für die Menschheit!
Es ist immer ein »Hauptfehler«, bei anderen einen »Hauptfehler« zu suchen und selbstverständlich zu finden, der mit der eigenen, verengenden Weltsicht nicht übereinstimmt:
Eine evangelikale Gruppe (oder sonstig religiös orientierte Zusammenrottungen) als »vorbildlich« anzudrehen, ist (ich sage mal) „speziell“.
Btw. wird der Begriff »Reform« gerne von Eliten verwendet, wenn sie Katzengold verkaufen.
Da sind sie wieder die modernen/alten Wandervögel zur Wallfahrt zum Big Zeppelin:
https://www.youtube.com/watch?v=ooHtqhj42CE
„Der souveräne Staat der Gegenwart“, schrieb er, „ist nur das vergrößerte, abstrakte Gegenstück des Gottkönigtums; und die Institutionen des Menschenopfers und der Sklaverei sind immer noch vorhanden.“
Das sehe ich genauso. Doch immer wenn ich das sage, wird mir erwidert, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank.
Ein lesenswerter Artikel und ein Denker, den ich mir notiere.
Mumfords bedrückende Diagnose der gesellschaftspolitischen Gegenwart als „Megamaschine“ deckt sich mit meiner eigenen Sichtweise und auch mit der des von mir geschätzten Technikkritikers Friedrich Georg Jünger („Perfektion der Technik“).
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Mumfords trotzdem bestehender Optimismus liest sich schön, doch ist es mir (leider) nicht möglich, ihm und dem Autor bei utopischen Normativbehauptungen wie diesen zu folgen:
“ … erinnert er an sein einfaches, revolutionäres Axiom: Der Mensch ist von Natur aus gut. Pathologien wie Krieg sind keine Folge dieser Natur, sondern einer kranken Gesellschaftsordnung.“
Ach, das sind so romantisch und anheimelnd anmutende und inzwischen auch schon so richtig alt wirkende schöne Gedanken …
Dass es in der Longo Mai Kooperative im Süden Frankreichs funktioniert, dürfte hauptsächlich damit zusammenhängen, dass dort ganz bestimmte(!) Menschen und Charaktere versammelt sind und eben kein repräsentativer Durchschnitt der Normalbevölkerung. Trotzdem gut und schön, dass sie dort dieses Wohnprojekt verwirklicht haben.
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Die hier verlinkte Wikipediaseite zu Mumfords wichtigstem Buch liefert durchaus interessante weitere Infos:
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mythos_der_Maschine
Hier der Volltext der Erstausgabe von 1967/70: https://archive.org/details/lewis-mumford-mythos-der-maschine/page/n1/mode/2up
(gemäß der deutschen Übersetzung von 1974 beim Fischer-Vlg.)
Lesenswert auch diese Rezension von 2013: https://gedankenstrich.org/2013/05/heute-ist-die-zukunft-von-gestern-xiii-mythos-der-maschine-mumford-19671970/
Zwar gelesen, aber doch nichts verstanden…schade aber auch…. 😧
@Wolfgang Wirth: Danke für die Links, die einen recht schnellen Überblick ermöglichen. Die „Megamaschine“ erinnert stark an den Leviathan von Thomas Hobbes, Kant sieht sieht in diesem seine „Erweckung aus einem philosophischen Dornröschenschlaf“. Er setzt seine aufklärererischen, kritischen Schriften dagegen. Statt einer Aufklärung erleben wir aber derzeit eine Gegenaufklärung, wie ich sie noch vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Deshalb teile ich deine pessimistische Einschätzung voll und ganz.
Noch zu unterstreichen: Natürlich ist der Mensch nach Hobbes eben genau nicht von Natur aus gut, was dem obigen Axiom seinen Status nimmt.
Zum Thema Hobbes und Konsorten empfehle ich:
Marshall Sahlins: The Western Illusion of Human Nature
https://irows.ucr.edu/cd/courses/202a/sahlins.pdf
Marshall Sahlins ist einer der einflussreichsten Anthropologen unserer Zeit (David Graeber war ein Schüler von ihm) und er räumt nicht nur mit Hobbes in diesem ‚pamphlet‘ (wie er es selber nennt) ziemlich gründlich auf.
Danke für den Link, bin ja recht hoffnungsfroh in dieses Pamplet eingestiegen. Nun, Pamplet ist der richtige Ausdruck für diesen Text, er beginnt ja recht vergnüglich, dann aber ellenlanges Gelaber ohne jede Substanz. Leider ist sowas heute in der Philosophie nicht unüblich. Will mal versuchen darzulegen, warum ich das so sehe.
Jedwede Behauptung, der Mensch sei von Natur aus so oder so, also gut oder böse oder sonst was, fällt weit hinter Kant, weit hinter die Aufklärung zurück. Ein aufgeklärter Mensch nutzt seinen Verstand, das tut er kritisch (im Sinne Kants) und am kritischsten ist er gegen sich selbst. Vernunft, die Grundlage der Aufklärung, ist nach Kant der (selbst-) kritische Verstand. Das ist auch die einzige Möglichkeit, über die sich Mensch weiterentwickeln kann. Ob er „gut“ oder „böse“ agiert, ist aber letztlich die eigene Entscheidung, der freie Wille ist real.
Das ist tatsächlich schon alles, was grundlegend dazu zu sagen ist. Natürlich kann die Umgebung eine positive Entwicklung des Menschen begünstigen oder erschweren. Heute wird dies eher erschwert, wir sind in einer negativen Aufklärung gefangen. Heute zählt nur das eigene Ego wo Vernunft walten sollte, sogar die Wissenschaft wird geächtet, sobald sie den eigenen Glaubenssätzen widerspricht. So verneint man jede Verantwortung für das eigene Handeln. Argumentation und Diskussion sind nicht erwünscht, wer gegenargumentiert wird „in eine Schublade gesteckt“ und das war’s dann.
Behauptet Sahlins etwa irgendwo auch nur ansatzweise irgendwas dergleichen…? Oder brauchen Sie so einen Text schlichtweg nicht, weil Sie’s eh schon wissen? Vielleicht würde Sie seine Schlussfolgerung dennoch interessieren: die Natur des Menschen ist, dass er eine Kultur hat.
Danke für den Hinweis, aufgrund dessen habe ich versucht herauszufinden, was er mit dem Begriff Kultur überhaupt meint, finde in dem Wirrwar keine Definition, die der Begriff zwingend benötigt. Der Autor bemüht zwar Gott und die Welt, einen roten Faden finde ich in dem Text allerdings nirgendwo. Sorry, aber solche Texte sind mir als Naturwissenschaftler ein Greul – Kant würde sich sicher ähnlich äußern.
Nachtrag: Will nicht nur rummäkeln, deshalb setzt ich hier Freuds „Unbehagen in der Kultur“ gegen Sahlin, habe mich nochmal kurz eingelesen. Der Text ist zwar wesentlich länger, aber das Lesen macht richtig Spaß. Und etwa nach 1/3 des 3. Kapitels findet man diesen Satz:
„Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel gezogen wird. Wir werden keine Formel fordern, die dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe wir etwas aus der Untersuchung erfahren haben. …“ Noch Fragen? 🙂
https://projekt-gutenberg.org/authors/sigmund-freud/books/sigmund-freud-das-unbehagen-in-der-kultur/chapter/1/
> „Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser Kultur kümmern, deren >Glückswert in Zweifel gezogen wird. Wir werden keine Formel fordern, die >dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe wir etwas aus der >Untersuchung erfahren haben. …“ Noch Fragen? 🙂
Es scheint mir so, dass du diesen Textabschitt laecherlich findest. Ich vermute mal, einfach, weil du in nicht verstehen kannst. Weil du nicht genug Kenntnisse uber Systemtheorie, funktionale Prozesse, dissipative Strukturen und die physikalischen Grundkenntnisse ueber den Zusammenhang von Energie und Information hast. ich nehme auch einfach mal an, dass du nicht mal Ahnung hast, wie Information definiert ist. Geschweige denn, wie Informationsdichte berechnet wird. Aber egal.
Nur mal ein kleiner Tipp:
Kultur ist der Oberbegriff fuer eine dissipative Struktur, in denen dissipative Substrukturen – Menschen – enthalten sind.
> „Noch Fragen?“
Der Empfehlung kann ich mich nur anschliessen, ich hab’s irgendwann in den 80ern gelesen, als es das Fischer-Taschenbuch noch neu gab. Heute nur noch antiquarisch zu teilweise absurden Preisen – oder als PDF im Netz:
https://monoskop.org/images/4/45/Mumford_Lewis_Mythos_der_Maschine.pdf
Fabian Scheidler bezieht sich explizit darauf in seinem ebenfalls empfehlenswerten „Das Ende der Megamaschine“.
Das Buch von Scheidler ist sehr zu empfehlen.
Ich habe meine Lesebrille verlegt, steht da wirklich „dann könnte die Sonne ohne Unterlass schreien“ ?
Versuchen sie sich mal zu erinnern: Hatten sie denn jemals eine?
Ich habs vergessen
Lustisch…Ich hatte dieses Buch in meinen Satteltaschen als ich 1974 in die Provence ging.
Wo bist du denn losgegangen?
Ich fuhr aus Frankfurt/Main.
Zen und die Kunst, auf’s Motorrad zu warten, hatte ich glaub ich auch schon dabei, oder wurde mir dann gleich in Bandol geschenkt.
Ich weiß es leider nicht mehr. Zen and the Art of Motorcycle Maintenance so hieß es hab´s leider nicht mehr wie so vieles…seufz..
Ich weiß nur noch, das es auf Englisch im Original war und sozusagen mein erstes durchgängiges englisches Buch war, das ich gelesen habe.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zen_und_die_Kunst_ein_Motorrad_zu_warten
Danke für den Beitrag !