Shanghai im Lockdown, Peking im Quasi-Lockdown

立場新聞, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons

Die Millionenmetropole Shanghai erlebte einen strengen Lockdown. Wie nahmen die Chinesen diese Maßnahme auf? Unser Autor Guan Xin hat Chinas sozialen Netzwerke observiert – und siehe da: Auch die chinesische Bevölkerung zweifelt an dieser Art von Seuchenschutz.

Chinesen sind ein emsiges Volk. Sie schuften und sparen, um einen Platz zu ergattern, den sie ihr Eigen nennen dürfen. Rund 80 Prozent der Chinesen leben in Eigentumswohnungen – fast doppelt so viele Menschen wie in Deutschland. Gefällt einem die Welt da draußen nicht, so hat man immer noch ein Rückzugsgebiet, wo man vielleicht einen Schrank aus der Qing-Dynastie und ein paar gute Bücher besitzt. Oder man pflegt dort einige Pflanzen, an denen man sich erfreut.

»Die eigenen vier Wände sind für die Chinesen der letzte Zufluchtsort, das Rathaus und die Kirche«, schrieb ein User namens Xi Chuan, dessen Artikel »Die Desinfizierung der Privatwohnungen bricht den letzten psychologischen Schutzwall der Chinesen« zirkuliert aktuell bei WeChat [Anmerkung: In Chinas WeChat publizieren viele Autoren ganze Artikel], dem chinesischen Pendant von Twitter.

Rein in die Wohnung, um zu vernichten und töten   

In Shanghai wurde diese »Kirche« hunderttausendfach in einen Saustall verwandelt, indem die Da Bais (was so viel heißt wie »große Weiße«, weil die Corona-Kämpfer an vorderster Front weiße Schutzkleidung tragen) kiloweise Chemikalien aufs Bett, die Couch und in den Schrank der Positiv-Getesteten sprühten. Diese umstrittene Praxis wird als »ru hu xiao sha« bezeichnet, was eine ziemlich martialische Vorstellung erzeugt, denn es bedeutet: Rein in die Wohnung, um zu vernichten und töten. Zwischenzeitlich wurden auch in den Wohnungen derer, die mit den Positiv-Fällen in engem Kontakt standen, »vernichtet« und »getötet«.

»Was will man vernichten und töten? Coronaviren?«, fragte ein weiterer User, der sich Li Bai (bekanntester Dichter der Tang-Dynastie) am Pfirsichblütenteich nennt, wohl stellvertretend für alle Shanghaier und Millionen von Chinesen außerhalb von Shanghai. »Bekanntlich können Viren in der Luft oder an Gegenständen nicht länger als 72 Stunden leben… Da sich die Eigentümer einer kollektiven Zwangsquarantäne von mindestens 14 Tagen unterziehen müssen, haben sich ihre Wohnungen in der Zeit selber desinfiziert«, stellte Li Bai am Pfirsichblütenteich den Sinn der Praxis in Frage. Er befürchtete, dass die mit hochgiftigen Chemikalien behandelten Möbel und Elektrogeräte nicht mehr zu gebrauchen sind.

Die Unantastbarkeit des Privateigentums ist in der chinesischen Verfassung festgeschrieben. Auf welchem Gesetz basiert dann die Zwangsdesinfizierung der Privatwohnungen? Ein User stellte daher fest: »Ich bin zwar infiziert, aber kein Verbrecher. Selbst ein Verurteilter darf nicht gezwungen werden, seinen Wohnungsschlüssel abzugeben.« Wenn selbst Privateigentum im Namen der Pandemie-Bekämpfung nicht mehr als schützenswert gilt, was ist dann der nächste Schritt?

»Schon getestet?«

Der oben erwähnte Xi Chuan, der die Eigentumswohnung auf die Stufe der Kirche gehievt hat, erlärte am Ende seines Artikels: »Wenn es irgendwas gibt, was alle Chinesen eint, dann ist es, den Glauben an die eigenen vier Wände zu schützen; wenn es irgendwas gibt, was alle Chinesen schmerzt, dann ist es, diesen Glauben mit Füßen zu treten.«

Was die Shanghaier aufwühlte, war für die Pekinger zunächst kein Thema. Doch die Bürger in der Hauptstadt, die sich seit Anfang Mai im Lockdown light befanden, quälte eine andere Sorge: die Sorge um die Unversehrtheit ihres Health-Kits. Das ist eine App, die auf Grundlage von Big Data feststellt, ob jemand zur falschen Zeit am falschen Ort war – und ob er mit einem Infizierten in engem Kontakt stand. Wenn das nicht der Fall ist, zeigt die App grün an. Ansonsten wird das Health-Kit-Fenster »gesprengt«, wie man das hier nennt (tan chuang, auch so eine neue Wortschöpfung wie Da Bai). Hat man Glück im Unglück, darf man 14 Tage zu Hause in Quarantäne ausharren; hat man allerdings Pech im Unglück, wird man zu einer Sammelstelle gebracht. In Zeiten der Null-Covid-Politik ist Health-Kit der neue Personalausweis.

Neuerdings wird das Fenster auch gesprengt, wenn jemand nicht jeden Tag brav seinen Corona-Test gemacht hat. Unter fünf verschiedenen Umständen verliert das Health-Kit den grünen Status: Würde hier jeder Umstand erläutert, sprengte dies allerdings den Rahmen. Spielt das Health-Kit verrückt, muss man sich zu einer bestimmten Teststelle begeben und dort alles dafür tun, um wieder in den grünen Bereich zu kommen. Die mit einer Portion Humor geborenen Pekinger grüßen einander dieser Tage nicht mehr mit der üblichen Floskel: »Schon gegessen?«, sondern mit: »Schon getestet?« oder »Das Fenster schon gesprengt?«

Kaum Fälle: Daher nur Quasi-Lockdown

Ein anderer User namens KVZ beschreibt den Tagesbeginn der Hauptstädter so: »Zitternd öffnet man die App wie eine blinde Box. Du weißt nicht, was dich in der nächsten Sekunde erwartet: ein leuchtendes Grün mit dem Hinweis Keine Besonderheiten oder ein kackgelber Rahmen mit einer Nummerierung von eins bis fünf. Im letzteren Fall erlebst du dann eine aus einer unbekannten Welt stammende Unsicherheit, gemixt mit Angst und freudiger Erregung.« In diesem fast literarischen Text schlussfolgert er: »Wenn es in deinem Freundeskreis keinen einzigen gibt, dessen Gesundheitsfenster nicht gesprengt ist, dann bist du eindeutig im falschen Kreis.«

Die rigide Corona-Politik hat zu einem Sinken der Positiv-Fälle in Shanghai geführt: Nämlich von fünfstellig pro Tag auf dreistellig Mitte Mai. Am 1. Juni endete der zweimonatige Lockdown. In Peking waren seit Anfang Mai bis auf Supermärkte und Krankenhäuser alles geschlossen. Der Quasi-Lockdown in Peking hat ein Ansteigen der Positiv-Fälle verhindert – mehr auch nicht.

Die tägliche Höchstzahl pendelte um die 50, für einen totalen Lockdown zu wenig, für ein normales Leben zu viel – zumindest nach der Lesart der chinesischen Regierung. Insgesamt sind in Shanghai bei der neuen Welle knapp 600 Menschen gestorben, die meisten davon nicht an Corona, sondern mit Corona. In Peking haben – vom Ausbruch der Pandemie im Januar 2020 bis jetzt – neun Menschen ihr Leben durch Corona verloren. In der neuesten Welle aber kein einziger.

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