Schwächelt sich Russland in den Weltkrieg?

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Russland sei schwach wie nie, und das weiß es auch – logische Folge aus Sicht der »Experten«: Es greift bald die NATO, die EU und andere Nachbarn an. Szenen einer paranoiden Störung.

Die Ukraine hat gewonnen. Nun ja, vielleicht noch nicht in Gänze. Aber quasi. Jedenfalls muss man das annehmen, wenn man der deutschen NATO- und EU-Presse folgt. Dort scheint ganz klar, dass Russland ins Hintertreffen geraten ist. Schon letztes Jahr wurde der Eindruck vermittelt. Damals hieß es, dass die Russen aus Ersatzteilen für Waschmaschinen ihre Panzer nachrüsten – nun gab es bei der Parade am 9. Mai in Moskau kein schweres Gerät und prompt erkannten die Beobachter aus dem Westen darin ein Zeichen der Schwäche: Russland verliere – und Putin wisse das wohl ganz genau.

Gleichzeitig sind es dieselben Beobachter, die eines ganz sicher wissen: Wenn die EU und die NATO nicht drastisch rüsten, wird sich Russland – jenes angeblich verlierende und so arg schwächelnde Russland – dazu verleitet fühlen, einen Krieg mit der ganzen westlichen Welt vom Zaun zu brechen. Logisch, oder? Für viele im Lande, vielleicht sogar für die Mehrheit, nicht unbedingt. Aber für eine radikale Minderheit, die uns täglich erklärt, wie die Situation in Osteuropa aussieht und wie wir uns darauf vorbereiten müssen, scheint das die einzige Logik zu sein, der sie noch folgen können. Sie sind längst in einem Modus, in dem Argumente eine Kriegserklärung sind – die Paranoia hat sie voll im Griff.

Das ist doch gut, wenn ein schwaches Russland angreift, oder?

Exemplarisch hierfür Thomas Frankes Kommentar im Deutschlandfunk am »Tag des Sieges«. Lang und breit, fast vier Minuten, schildern er den Zuhörern, wie offenkundig sich die Schwäche von Putins Russland zeige. Auf dem Schlachtfeld wie auf der Militärparade. Der Krieg zermürbe das Land – und eine militärische Niederlage sei greifbar. Und zu welchem Erkenntnisgewinn kommt der Journalist, der sich so häufig mit Osteuropa auseinandersetzt? Richtig geahnt: Russland müsse entwaffnet werden. Denn sonst wird es über kurz oder lang »die NATO, die EU oder andere Nachbarn angreifen«. Dieses Ende kam nur für jene überraschend, die ihre Zeit nicht neben ihrem Verstand zubringen.

Paranoia ist das Stichwort, parà steht für »neben« und noûs für »Verstand«. Diese psychische Erkrankung bzw. dieses Syndrom einer psychischen Erkrankung ist zum Großteil ein Resultat des Umfeldes. Wer dauerhaft mit Bedrohungskommunikation konfrontiert wird, landet zwangsläufig in einem paranoiden Modus, in dem die Zugänglichkeit für logische Argumente versperrt werden – Bedrohungsrhetorik in Dauerschleife verstopft die logischen Zugangsmöglichkeiten. Getrieben durch Bedrohungsszenarien werden Stimmigkeit und Stringenz zu Entitäten, die man für verzichtbar erklärt – und teilweise sogar für störend und lästig. Jede Analytik läuft an dieser Stelle immer und immer wieder an die Wand.

In der Logik dieser »analytischen Weltwahrnehmung« müsste es ja an sich eine zu begrüßende Entwicklung sein, wenn das stark geschwächte Russland den Fehler begehen sollte, ein EU- oder NATO-Mitglied anzugreifen. Denn das wäre ja Selbstmord – und Russland wäre endgültig ruiniert. Freilich trifft das heute schon zu, da die NATO noch gar nicht so kriegstüchtig ist, wie sie es gerne werden würde. 1,2 Billionen Dollar stecken die NATO-Staaten in Rüstung – Russland 127 Milliarden. 3,4 Millionen Soldaten stehen dem westlichen Bündnis zur Verfügung – den Russen 1,3 Millionen. Kampfflugzeuge: 3.300 stehen auf NATO-Seite, 830 für Russland bereit. Bei Kampfpanzern steht es 9.000 zu 2.000. Artelleriesysteme: Mehr als 22.000 hüben – knapp 5.400 drüben. Die Schwäche Russlands gegenüber der NATO ist offensichtlich – und hat einen Angriff der Russen auf ein NATO-Mitglied schon vor langer Zeit sehr unwahrscheinlich gemacht.

Kommunikationsgeschädigte am Werk

Aber natürlich nur für Zeitgenossen, die sich nicht neben ihrem Verstand positioniert haben, sondern ihn auch gebrauchen. Dass Russland im Vergleich zum Militärbündnis des Westens im Hintertreffen ist, ist ja nun tatsächlich keine neue Erkenntnis. Neu ist nur, dass man im Westen eine Bedrohungslage aufgebaut hat, die stets aufs Neue postuliert, dass ein schwächelndes Russland dennoch alles darauf vorbereitet, die NATO zu überfallen – und wollte man diesen Angriff im Westen überstehen, müsse man rüsten und noch mehr rüsten. Das Überlegenheitsverhältnis der NATO gegenüber Russland liegt bei 4:1 – vielleicht gar bei 5:1. Und das reicht noch nicht? Sind die so schwachen Russen also eigentlich überlegen? Ist es das, was die Experten und all diese Bedrohungsstimmen uns sagen wollen?

Nein, wir müssen die Situation begreifen und sie klar ins Auge fassen. Die Öffentlichkeit ist in die Hände paranoider Zeitgenossen gefallen, die unzugänglich sind für Argumentationslinien. Sie pflegen Russophrenie, ein Begriff, der nicht wissenschaftlich eingeführt wurde, aber auf den ersten Blick dennoch ganz trefflich erscheint. Er möchte die spürbare Schizophrenie im Umgang mit Russland abbilden. Dennoch trifft der Begriff nicht ganz ins Schwarze. Denn die Schizophrenie ist stark von genetischen Komponenten abhängig. Zwar begünstigen gewisse gesellschaftlichen und umweltlichen Bedingungen den Ausbruch einer schizophrenen Erkrankung – aber ohne genetische Anlage entwickelt man eine solche Störung nicht. Anders der Verfolgungswahn, die Paranoia, die auch als »sonstige wahnhafte Störung« klassifiziert wird. Sie lässt sich durch gezielte Kommunikation »entwickeln«.

Als Kommunikationsgeschädigte muss man jene begreifen, die nun so eine ausgeprägte Ignoranz gegenüber Widersprüchlichkeiten kultiviert haben. Denn an sich müsste es doch auffallen, wenn sich zweierlei Positionen gegenüberstehen, die nicht miteinander verträglich sind. Man denke nur an jene Aussagen zurück, die man von manchem Ausländerschreck kannte: Die Gastarbeiter, so wüteten sie einst und bis weit in die Neunzigerjahre hinein, würden allesamt nichts arbeiten wollen, nehmen den Deutschen aber synchron dazu die Arbeitsplätze weg. Den sachlichen Betrachter wäre aufgefallen, dass sich beide Positionen beißen – für jemanden, der paranoid genug war, die Schar fremdländischer Arbeitskräfte als Untergang des Abendlandes zu deuten, war eine Argumentation, die diesen Widerspruch als Grundlage heranzog, nicht mehr nachvollziehbar.

Gesellschaftliches Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Das Gehirn sucht sich während der Dauerkanonade propagandistischer Bedrohungskommunikation nicht die Stringenz, mit der man Phänomene normalerweise bewertet, sondern es bevorzugt narrative Stabilität. Wichtig ist emotionale Kompatibilität, die innerhalb konkurrierender Aussagen für Halt sorgt. So vermittelt der Komplex, der Russlands Schwäche betont, Überlegenheit und moralische Gewissheit, während jener, Russland würde losschlagen, die Alarmbereitschaft und Daueranspannung rechtfertigt. Im Panikmodus werden Gegensätzlichkeiten nicht erkannt – die Irrationalität bricht sich Bahn und wird zum »normalen Modus«. Jeder Verfolgte streift Analysefähigkeit ab und wird somit zum Getriebenen. Eine Art von »Überlebensinstinkt« übernimmt die Kontrolle, der für Feinheiten und Abwägungen nicht mehr zugänglich ist.

Eine Zusammenschau verschiedener Reizbilder und Fragmente – auf diese Weise konsumiert man heute Nachrichten – ist im Zustand permanenter Erregung nicht mehr möglich. Die mediale Dauerkommunikation – vulgo »Propaganda« genannt – verstärkt diesen Effekt noch. Der paranoide Modus ersetzt jede Form der Rationalität und ersetzt diese durch eine soziale oder emotionale Anschlussfähigkeit. Aussagen müssen demnach nicht stimmig im Sinne der Logik sein, sondern zielen auf ein Zugehörigkeitsgefühl ab. Die Bedrohungslage aufzugreifen und zu eskalieren, ist eine Form des gesellschaftlichen Münchhausen-by-proxy-Syndroms. So simuliert man Fürsorglichkeit für die Gesellschaft – herbeigeführt durch eine fadenscheinige Diagnose. Jede Nachfrage empfindet man – gemäß Syndrom – als Störung, die man sich verbitten möchte. Denn Nachfrage bedeutet für diejenigen, die längst im paranoiden Modus heiß gelaufen sind, dass da jemand nicht dieselbe Sorge teilt, die man selbst kultiviert hat und in die Öffentlichkeit hinausposaunt.

Wie ein Land, das angeblich keine Panzer mehr auf Paraden bringt, im nächsten Moment dazu bereit sein will, die stärkste Militärmacht der Menschheitsgeschichte herauszufordern, bleibt unter vernünftigen Aspekten rätselhaft. Auf der anderen Seite haben wir indes mit ähnlichen Paranoikern zu tun, die nun darauf drängen, dem Angriff aus dem Westen zuvorzukommen – was wiederum Leute wie dem oben exemplarisch genannten Thomas Franke bestätigen würde. Wer hat eigentlich Schuld, wenn die Paranoia wie eine Pest um sich greift? Alle? Oder doch keiner?

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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7 Kommentare

  1. Diese penetrante Gleichsetzung eines Putins mit einen unvermeidlichen Naturereignis oder einem Gott beliebiger Geschmacksrichtung nervt und ist ziemlich unreif.

    Die Schlussfolgerung ist doch eigentlich vollkommen klar wie Kloßbrühe und liegt auf der Hand: Wenn Putin nicht Mannes genug ist um verlieren zu können dann gehört ihm der rote Knopf weggenommen, fertig und basta.

  2. Da dieser Unsinn aus allen (auch öffentlich-rechtlichen) Propaganda-Rohren schallt, gibt es viele, die darauf hereinfallen. Das Denken setzt bei vielen Menschen aus, wenn sie wieder und wieder mit Quatsch beschallt werden. Dann versuchen sie, den Quatsch zu glauben. Was nicht immer einfach ist, so widersprüchlich wie er in diesem Beispiel ist. Aber sie tun ihr bestes, um gute Untertanen zu sein.

  3. Die letzten Überlebenden des letzten Weltkriegs sind endlich tot … da verblasst die Erinnerung und man träumt vom nächsten Russland-Feldzug.

    Es ist keine unlogische Paranoia, sondern die kalte Logik des Krieges: Wir werden gerade nicht darauf vorbereitet, dass Russland uns angreift, sondern dass wir einem russischen Angriff zuvorkommen. Das ist die Geschichte, die erzählt werden soll.

    Abgesehen von den Statistik-Spielereien im Artikel wird das aber fatal für uns ausgehen.

    Erstens hat sich die Kriegsführung massiv gewandelt – die EU wäre nach drei Wellen mit tausenden Drohnen zerstört, weil sie nichts dagegen in der Hand hat.

    Zweitens hat Russland inzwischen sehr viel praktische Erfahrung mit der Kriegsführung.

    Drittens nimmt Putin wenig Rücksicht auf Soldaten und Material. Damit folgt er der jahrzehntealten Doktrin Russlands. Wo die NATO lieber zurückzieht, um Verluste zu vermeiden, schiebt Russland einfach nach.

    Viertens hat Russland bisher jedes Mal gewonnen, wenn der Westen angegriffen hat.

    Ich habe mehr Angst, dass unsere Politiker uns in den Krieg mit Russland treiben, als vor Russland.

  4. Vielleicht wäre der Begriff Massenhysterie hilfreich, um das Geschehen zu beschreiben. Außnahmsweise zitiere ich mal Victor Orban, der feststellte, man könne in Brüssel keinen vernünftigen Satz mehr sagen. Wahrgenommen werde man erst, wenn man auf die grassierende Hyterie noch einen Scheit drauflegt. Das meinte ich.
    Um eine Massenhysterie loszutreten, musst Du jede Gegenstimme systematisch ausschalten. Das passiert seit 2014 im Kontext des Ukraine-Konflikts dauernd. Der Hysterie wird nicht widersprochen. Einzige Gegenstimme damals, die wenigstens kritische Worte fand: Telepolis unter Chefredakteur Rötzer. Eben deswegen wurden jetzt alle Artikel aus dieser Zeit gelöscht.
    Jetzt kommt sicher ein Querdenker und behauptet, ebenfalls Opfer einer Massenhysterie gewesen zu sein. Nein, eben nicht. Die waren immer massiv präsent in den Medien. Da nämlich liegt der Unterschied.

  5. Der Artikel möchte die gezielte Kriegspropaganda als krankhaft abtun. Und obwohl gewisse paranoide Züge dabei nicht übersehen werden können, ist diese gezielte Kriegsvorbereitung nicht krankhaft, sie ist kriminell.

  6. Das Überlegenheitsverhältnis der NATO gegenüber Russland liegt bei 4:1 – vielleicht gar bei 5:1.

    Wenn man die nominellen Bestände vergleicht, mag das hinkommen. Bei den realen Beständen – was ist wirklich einsatzfähig und steht nicht nur auf dem Papier, mit dem die Staaten der NATO ihre Pflichterfüllung melden – dürfte es schon etwas anders aussehen. Und ganz anders sieht es aus, wenn man die Produktionskapazitäten vergleicht.

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