Saufen – die kurze Geschichte eines Menschenrechts

Alkoholika
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Der westliche Bevormundungsstaat widmet sich künftig dem Teufelszeug namens Alkohol – die ersten Anzeichen verdichten sich. Die neuen Temperenzler sind dabei so vorausschauend wie jene vor dem Jahr 1920.

Neulich berichtete der geschätzte Stephan Schleim über die Empfehlungen des niederländischen Gesundheitsrates, Alkohol schwerer zugänglich zu machen. Im Wesentlichen geht es darum, Anreize zu schaffen, Wasser oder eine Fanta statt Bier oder Schnaps zu kaufen – eine Verteuerung gilt dabei als das probateste Mittel. Vorbild sind dabei die skandinavischen Länder, in denen der Konsum von Reinalkohol pro Jahr und Person niedriger liegt als in Deutschland. Zum Vergleich: Für eine Flasche mit einem halben Liter Bier zahlt man in deutschen Supermärkten zwischen 80 Cent und 1,50 Euro. In Schweden berappt man dafür mindestens 2,50 Euro – mancherorts sogar 4 Euro. In Norwegen kann es passieren, dass man 5 Euro hinlegen muss. Reinalkohol pro Kopf in Deutschland: zwischen 10 und 11 Liter pro Jahr – Tendenz fallend. In Skandinavien pendelte man sich bei 7 bis 9 Liter pro Kopf ein. Tendenz übrigens in einigen dieser Länder steigend.

Interessant daran: Die Niederlande muss den Vergleich mit Schweden und Finnland nicht scheuen – beim jährlichen Reinalkoholkonsum liegt man gleichauf. Tendenz fallend. Gleichwohl ist der dortige Gesundheitsrat besorgt. Freilich auch, weil die die Weltgesundheitsorganisation – ein globales Public Private Partnership – schon vor drei Jahren deutlich machte, dass ihre 194 Mitgliedsstaaten doch bitte wesentlich zurückhaltender bei der Empfehlung von Alkoholika sein sollten. Demnach sollte man alkoholische Getränke auch nicht mehr »in kleinen Mengen« als unbedenklich einordnen – ein Arzt also, der seinem Patienten empfiehlt, ein Glas Rotwein zum Abendessen zu genießen, würde nach dieser Lesart fahrlässig handeln. Das steht den Erfahrungen der mediterranen Küche entgegen, in der man durchaus regelmäßig Wein zu den Speisen reicht. Die Italiener und Franzosen trinken im Jahr um die 40 Liter Wein, die Deutschen nur 25 Liter – dennoch liegt die allgemeine Lebenserwartung in den beiden erstgenannten Ländern um etwa zwei bis drei Jahre höher.

Der Rausch: zu menschlich für das Shit- und Bückbürgertum?

Aber genug der Zahlenjonglage: Der Konsum – oder das Verschmähen – von alkoholischen Getränken gehört nicht in die Hand von Gesundheitsräten oder Ärzten, sondern ist ein Individualrecht, das jedem Menschen zusteht. Er trägt die Verantwortung für seinen Körper und muss wissen – oder nicht – was er ihm in seinem Leben zumuten will. Aufklärungskampagnen gibt es zur Genüge, es dürfte wenig Menschen in Europa geben, die die Gefahren überhöhten Alkoholkonsums – übrigens wie jene des passionierten Kettenrauchens – nicht kennen dürften. Manche Dinge gehen an einem einfach nicht vorbei. Wenn sie später behaupten, sie hätten nicht geahnt, was sie sich und ihrer Leber angetan haben, muss man das immer auch als ein Festhalten an einer Lebenslüge deuten. Aber die Entscheidung kann nicht von Dritten abgenommen werden – das ist zu einem kontraproduktiv, man darf nie die Reaktanz – ein nicht ganz ungesundes Entgegentreten – ignorieren, die Bevormundung fast zwangsläufig produziert. Und zum anderen zeugt es von einem Menschen- und Gesellschaftsbild totalitärer Prägung.

Natürlich sind Rauschmittel irrational. Aber wer sagt denn, dass der Mensch in seinem Dasein hienieden ein rationales Lebewesen sein soll? Die menschliche Existenz ist von vielen Irrationalitäten getrieben, die schönste ist die Liebe, aber man kann gut – manche Zyniker sagen: besser – ohne sie leben. Rationalität ist essen: Nicht speisen freilich, sondern sich Nährstoffe zuzuführen – sich etwas aus Gründen des bewussten Körperumganges, der Selbstoptimierung, würde man heute sagen, einzuverleiben. So gesehen ist veganes Essen (oft aus der Industrie kommend, zwar mit ekelhaften Zusatzstoffen versehen, aber aufgeladen mit einer durch gezielte PR verinnerlichten Mär der Selbstpflege) nicht irrational, sondern die auf Gabeln aufgespießte Rationalität. Daher schmeckt es auch fade und ist jedes Mahl in einer Runde von Industrieveganern so betrüblich. Und was heißt da »Mahl«? Ein Mahl ist Irrationalität, sich den Tisch zu decken, eine Kerze anzuzünden, schön das Essbesteck anzulegen, ein Tellerchen mit Oliven hier, ein bisschen Käse dort, dazu ein Korb mit geschnittenem Brot, schön hergerichtet: All das braucht der Mensch physisch nicht. Er kann sich auf eine Handvoll Gras reinstopfen und damit seinen leeren Magen besänftigen. Aber psychisch benötigt er dann oftmals doch mehr: daher speisen Menschen so gerne in allen Kulturen – aus diesem Grund sitzt man an einer Tafel zusammen, man könnte schließlich auch irgendwo alleine in einer Ecke etwas schnell und effizient fressen.

Was ich eigentlich mit diesem gastronomischen Exkurs sagen will: viele Versatzstücke der zeitgenössischen Esskultur – die ich hier exemplarisch gebrauchte – sind ein Rationalitätsangriff auf ein Menschengeschlecht, dass von Hause oft zu Irrationalitäten neigt und diese kultiviert und zelebriert hat. Man darf getrost davon ausgehen, dass der Rausch – wie auch immer man ihn sich herbeiführt –, der den Menschen in allen Phasen seiner historischen Existenz in dieser oder jener Form begleitete, so eine Art Endgegner der shitbürgerlichen Rationalisierungsoffensive ist – also das, was man uns als rational verkaufen möchte. In deren Weltbild – in weiten Teilen ein Weltbild, das aus Wokismus, überbordender Frontalempathie und dem Antrieb zur Etablierung eines neuen Menschengeschlechtes zusammensetzt – soll die Zukunft ein Ort sein, in dem die Vernunft herrscht. Die Wissenschaft im Singular hat dabei eine Funktionärsrolle, sie gilt als das geheiligte Wort, anstelle von Gott hat man einen moralisch aufgeladenen Rationalismus gestellt. Ihn zu hinterfragen gilt als Frevel, denn das Rationale ist unantastbar – jeder, der sich dem widersetzt, muss faktisch ein Mensch von gestern sein, denn gestern galt den Menschen die Irrationalität zwar manchmal als lästig im Umgang mit ihren Nächsten, aber letztlich auch als unabänderbar.

Hier kommt das Menschenbild einer eher konservativen, eher katholischen Prägung zur Geltung. Der Mensch als Sünder, als fehlbares Wesen, der sich qua seiner Ebenbildlichkeit bewusst machen kann, dass er im Alltag Verfehlungen begeht, eklatante Schwächen hat, die er vielleicht auch abstellen will, aber nicht kann. Ihm ist bewusst, dass er ein irrationales Wesen ist, dass nach Gewissheiten sucht und manchmal auch irrationale Wege zur Befriedigung oder Erleuchtung betritt. Er kann sich also selbst vorspiegeln, dass er etwas trinkt, was seinem Körper unter Umständen schädigt, was ihm Kopfschmerzen bereitet, den Magen reizt und auf lange Sicht abhängig macht, weiß aber auch, dass er diesen Akt der »getrunkenen Irrationalität« als etwas hinnehmen muss, was offenbar Teil seiner Existenz ist. Nicht jeder, der Alkohol trinkt ist oder wird zum Alkoholiker – dass diese Irrationalität eine schlimme Bürde für Betroffene wie Angehörige ist, steht ganz außer Frage. Dennoch ist dem eher konservativen Menschenbild klar, dass das die Nebenwirkungen des Daseins sind, die man nicht durch die starke Hand einer übergeordneten Instanz einhegen kann. Dass ausgerechnet das Bürgertum, Ulf Poschardt nennt es aktuell und mit guter Begründung »Bückbürgertum« auf diese Rationalitätskapriolen des Shitbürgertums – auch ein Begriff des Journalisten – hereinfällt und sich all dieser paternalistischen Fürsorgeverstaatlichungsabsichten unterordnet, zeigt auch, wie sehr es dieser Klasse an einem Weltbild und damit an einer Erdung mangelt.

1920 bis 1933: Szenen des reinen Lebens

Vorhin wurde bereits der Einwand des Kontraproduktiven durch Reaktanz angerissen. Wie Reaktanz entsteht, konnten wir in den letzten Jahren sehr gut erkennen. All die Impfunwilligen, die Corona-Kritiker, die Zweifler an der fröhlichen Willkommenskultur und der plötzlich thematisierten No-Borders-Phantasterei, die wachsende Schar der AfD-Wähler, der Russlandfreundlichen usw.: Sie sind ja nicht nur und nicht ausschließlich das Produkt einer wie auch immer gearteten oder sich selbst eingeredeten politischen Vernunft, sondern auch Ausdruck des Gegenhaltens gegen eine aufgepflanzte Weltdeutung, die bitte sehr nicht mehr zu hinterfragen sei und stillschweigend gefressen und akzeptiert werden soll. Die Reaktanz ist nicht mal das Nebenprodukt einer Politik, die an den Wünschen und Nöten der Mehrheit vorbeigeht, sondern das was zwangsläufig folgen muss. Die Geschichte der Menschheit ist vielleicht weniger eine der Klassenkämpfe als eine der Reaktanz als Rohstoff für eben jene Klassenkämpfe oder für Bewegungen. Reaktionen erzeugen Gegenreaktionen – das Reaktionäre, ein Begriff der links gerne negativ konnotiert wird, weil es freilich die Gegenreaktion gegen linke Konzepte oder Machtallüren ausmachte, ist an und für sich ein ganz nachvollziehbarer, ein höchst menschlicher Impuls.

Selbst der Kampf gegen den Suff, um den es den neuen Rationalitätsasketen geht, auch wenn sie es noch zögerlich formulieren, hat schon seine deutlichen Spuren in der Historie hinterlassen – die Reaktanz darauf noch deutlichere. 1917 beschlossen die Vereinigten Staaten den sogenannten Volstead-Act, nach dem damaligen Vorsitzenden des Rechtsausschusses des US-Repräsentantenhauses. Auf dem beruhte der 18. Verfassungszusatz, der 1919 ratifiziert wurde. Ab 1920 sollte der Alkoholkonsum im ganzen Land verboten werden – Ausnahmen gab es für Mediziner, sie konnten Alkohol zu Behandlungszwecken bestellen, mussten aber die Nutzung dokumentieren. Vorangegangen waren diesem Akt lange Jahre eines Kulturkampfes. Sich selbst progressiv betrachtende Gruppen riefen zur Abstinenz auf – in der Mehrzahl Frauen, die häufig Opfer alkoholsüchtiger Männer waren und mit dieser Unsitte brechen wollten. Der Christliche Frauenbund für Abstinenz (Woman’s Christian Temperance Union), der sich bereits in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts formierte, gewann im Laufe der Jahrzehnte an politischen Einfluss und gewann Gönner in Washington. Die sogenannten Temperenzler, benannt nach dem Bund, standen mit der Prohibition – vom Lateinischen prohibere, was verbieten oder verhindern meint – vor ihrem größten Sieg. Es sollte ein Pyrrhussieg sein.

Denn das allgemeine Alkoholverbot formte nicht, wie der fromme Frauenbund und all ihre vermeintliche progressiven Anhänger meinten – zur Ehrenrettung muss man erwähnen, dass die amerikanische Socialist Party das Verbot bekämpfte –, eine bessere Gesellschaft. Ganz im Gegenteil, das Verbot generierte einen Umfang von Reaktanz, der selten so anschaulich dokumentiert wurde. Die Gegenreaktion ging vom heimlichen Trinken von Alkohol, dem Besuch eines Speakeasys – versteckte Bars, manchmal durch den Hintereingang eines Bestattungsinstituts – bis hin zu Mord und Totschlag. Al Capone, dieser ikonische Mob aus Chicago, Scarface wie man ihn auch nannte, war ein Kind der Reaktanz der damaligen Zeit. Mit seinem irischen Gegenspieler Dean O‘Bannion lieferte er sich Straßenschlachten – dabei im Anschlag: der neueste Schrei der Waffenindustrie, Maschinengewehre. Chicago wurde zum Sinnbild der US-amerikanischen Verfalls der Sitten. Die Staatsmacht verlor an Legitimation, speziell wenn sie Fässer mit alkoholischen Getränken vor aller Augen auskippte – die Bürger hatten diesen Willkürakt schnell satt. Das Gesetz bzw. der Verfassungszusatz war schon in den ersten Jahren gescheitert, konnte aber aus Gründen der Gesichtswahrung – auch das kommt uns heutigen Zeitgenossen bekannt vor – nicht so schnell zurückgenommen werden. Als es 1933 verschwand, war längst klar, dass in den Vereinigten Staaten mehr denn je gesoffen wurde. Tragischerweise tranken die Menschen nun auch Blindmacher, billigsten Fusel, der nicht auf Reinheit überwacht wurde – wer hätte das auch leisten sollen? Al Capone?

Die Prohibitionisten verstanden sich als Kämpfer für die Rationalität. Keiner musste schließlich trinken, betrunken zu sein ist keine menschliche Notwendigkeit wie essen, schlafen und die Notdurft. Sie ist eher ein menschliches Bedürfnis wie die Sexualität, genauer gesagt die körperliche Vereinigung mit einem anderen menschlichen Wesen. Auch ohne sie kann man leben, viele tun es – wenn man glauben möchte, was man über die Gen-Z, die vermeintliche Rationalitätsgeneration so liest, ist auch dort die körperliche Vereinigung zunächst per se verdächtig. Rationalität, so könnte man an dieser Stelle festhalten, ist häufig auch ein anderer Ausdruck für fehlende Lebensfreude – und damit ein Indikator für den Drang der Lebensverneinung, die aber nicht philosophisch und für einen selbst ausgearbeitet wird, sondern in einer Art von »Gesellschaftstherapie« allen aufgenötigt werden soll – vor allem jenen, die am Leben noch gewisse Freuden empfinden.

Askese: der kleine Bruder transhumanistischer Ego-Verwertung

Die Prohibition ist fatal gescheitert. Sie hat aus einem Land, in dem sicher viel getrunken wurde, in dem viele Menschen – oft vermutlich Frauen – unter den Eskapaden ihres Liebsten litten, ein Land werden lassen, in dem schlecht produzierter und damit noch ungesünderer Alkohol getrunken und vermutlich mehr Frauen verprügelt wurden. 10.000 Menschen sollen an den Folgen von verunreinigtem Alkohol gestorben sein. In den ersten Jahren sank die Zahl derer, die an den Folgen des Alkoholkonsums gestorben sind, aber das pendelte sich im Laufe der Jahre wieder ein. Ende der Zwanzigerjahre lag der Pro-Kopf-Verbrauch pro Jahr höher, als noch unmittelbar vor der Einführung der Prohibition. Was die Todeszahlen betrifft, ist es schwierig seriöse Vergleiche zu ziehen. Tatsache ist aber, dass auch während der Prohibition Zehntausende an den Folgen des Alkoholismus starben. Das Land wurde nebenher zu einem Ausbund an Gesetzlosigkeit, Gewalt dominierte die Straßen der Metropolen, die Unterwelt schuf sich mit der Produktion und dem Verkauf des Alkohols ein lukratives Standbein. Der Staat ging dem Moralismus des Temperenzler-Kulturkampfes und seiner falsch gesetzten Empathie für das vermeintlich Gute auf den Leim. Das Land war nach dieser Episode nicht mehr dasselbe, es hat ganze Generationen in einen Zustand versetzt, in dem sie den Staat verachteten und als etwas begriffen, dass man bescheißen muss, so man selbstbestimmt leben will.

Man darf befürchten, dass die Neotemperenzler, die einen Kulturkampf gegen Alkohol wie Zigaretten, gegen fettes Essen und traditionelle Essgewohnheiten führen, von der Prohibition so wenig Ahnung haben, wie vom menschlichen Gemüt, dass sich von Verboten und Anreizpolitiken solcher Machart zuweilen nicht beeindrucken lässt. Der Drang nach dem Irrationalen lässt sich nicht mit rigiden Mitteln aberziehen – er ist in uns, gehört zu uns und macht uns aus. Es ist Menschsein in nuce. Menschen tun dauernd Irrationales. Der halbe Tag besteht aus solchen Handlungen – am Ende stellt sich aber heraus, dass das Irrationale eine Basis für soziales Leben ist. Raucher stehen zusammen und unterhalten sich. Man trinkt, stößt gemeinsam an und tauscht sich aus. Beim Mahl spricht man miteinander, wer sein Tofuwürstchen auf die Hand inhaliert, bleibt ein einsamer Wolf – ein alter zahnloser Wolf, dem fleischliche Begierden aus welchen Gründen auch immer abgehen. Es ist aus diplomatischen Gründen von jeher ratsam gewesen, sich in einer dieser irrationalen Momente zu treffen: beim Wein, bei Tisch, bei einer Zigarre. Dort verhandelt es sich leichter, weil das Menschsein hervorkehrt. Wer gerne fettreich schlemmt, es genießt, die Kunst guter Küche schätzt und teilen kann, der zeigt, dass er eine menschliche Kreatur ist, die im Grunde dieselben Schwächen aufweist wie die andere menschliche Kreatur, mit der man zusammensitzt und hoffentlich eine Lösung finden will. Wer einen Asketen zum Diplomaten macht, kann auch gleich einen Meuchelmörder schicken. Verhandelt man steril, auf zwei Stühlen, zieht sich zum Speisen in jeweilige Separees zurück, kommt schnell das Gefühl auf, mit einem Apparat zu kommunizieren, mit einem Wesen, dass vielleicht ja doch zu einer anderen Gattung zu zählen ist.

Das ist ein Stichwort, das man nie ausblenden darf, wenn es um den Kampf gegen die Genüsse der alten Welt geht, die uns verlorengehen sollen: Der Drang, das Menschliche in etwas Neues zu verwandeln – geradezu in eine neu, nie dagewesene Gattung. Der Mensch als biologisches Wesen, das sich technologisch aufrüstet, sich mit Hightech ausstaffiert – und ganz wichtig: sich überwacht, alle Körperfunktionen im Blick hat, sich optimiert, dem Alter den Kampf ansagt und damit das Menschliche überwindet. Der Transhumanismus hasst das Fehleranfällige, er will dem unzureichenden menschlichen Wesen an den Pelz. Die Fehlerhaftigkeit menschlicher Existenz, die sich im eher konservativen Kontext als Zustand einer Normalität abzeichnet, dem man mit einer gewissen Demut begegnen sollte, ist der Hauptfeind transhumanistischer Temperenzler. Sie betrachten den Körper des Menschen als unzureichend, aber gleichzeitig als ein potenzielles Heiligtum. Anders als manche religiöse Bewegung, die den Körper als Geschenk eines göttlichen Wesens begreifen, vor dem man Respekt haben sollte – was man aber nicht immer hat, weil man eben fehlbar ist. Der Transhumanist sieht die Möglichkeit einer Heiligkeit, sie muss allerdings aufgewertet durch eine Technik, die das Fehlerhafte ausmerzt. Was sich dort rein körperlich formiert, ist dem Wokismus und dem zeitgenössischen Moralismus auf einer emotionalen Ebene gegeben. Sie wollen den Menschen »im Kopf« optimieren, seine Sprache, seine Haltung, seine Schwächen ausmerzen – man könnte auch sagen, dass der Wokismus eine Brückenideologie zum Transhumanismus darstellt. Die Askese reiht sich dort als Bewusstseinshaltung ein.

Es geht ihnen um Unversehrtheit, um sichere Schutzräume, um Meinungen, die sie nicht mehr ertragen wollen und vor denen sie glauben, ein Anrecht auf Schutzbedürftigkeit zu besitzen. Die Kollegen von der körperlichen Fakultät, die den so optimierten Menschen dann auch noch technisch aufzubitchen trachten, vollenden das Werk der Überwindung des alten Menschen – jedenfalls in ihrer Fantasie, noch holpert die Überarbeitung des Menschengeschlechtes. Es muss so nicht kommen, noch gibt es die Magie der Reaktanz, man kann sich wehren, den Staat und seine Ambitionen unterlaufen – mit dem Blick auf ein höheres Recht, das sich »große Räuberbanden«, vulgär auch Staaten genannt, nicht anmaßen dürfen zu sprechen, steht es dem Bürger zu, sich eben doch zu betrinken. Und je mehr es eingehegt werden soll, desto drastischer das Konterbier. Ist das vernünftig? Nicht für jeden, das steht fest. Aber sich nicht unterbuttern zu lassen von anderen, die einem erklären wollen, wie Erwachsene ihr Leben zu führen haben, das ist auch eine Komponente menschlicher Existenz – zumindest jener menschlichen Kreaturen, die ihrer Spezies gemäß mit durchgedrücktem Rückgrat aufrecht durch die Welt laufen. Ich saufe, also bin ich. So dumm dieses Credo auch klingen mag: Es ist menschlich. Und der Autor dieser Zeilen ist ein Mensch, nichts Menschliches ist ihm fremd. Er wünscht sich eine Welt, in der die Jungen das auch mal sagen können – unverstellt und ungekünstelt, ganz anders also, als es die Tiktokokratie ihnen vorbestimmt, in der sie Duckface zeigen und ein falsches Lächeln präsentieren müssen, weil sie glauben, dass sie nur damit zum Ausdruck bringen, wer sie wirklich sein. Mein Gott, warum hast du diese Leute nur verlassen? Profaner ausgedrückt: Die können einem leidtun.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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2 Kommentare

  1. „Es geht ihnen um Unversehrtheit, um sichere Schutzräume, um Meinungen, die sie nicht mehr ertragen wollen und vor denen sie glauben, ein Anrecht auf Schutzbedürftigkeit zu besitzen. “
    Das dürfte längst widerlegt sein.
    Gore Vidal, aus einer der herrschenden Familien stammend, erlebte die Kampagne hautnah, die die aufkommende Tea-Party anschob, um große Massen hinter, besser unter sich zu bringen, ähnlich der Anti-Spatzen-Kampagne Maos, deren Ergebnis in Mio Hungertoten zu messen war.
    Das Wohlergehen der Menschen ist diesen Herrschaften schietegal. Inzwischen hat ja auch die Gegenseite diese Politiklinie für sich reklamiert.
    Der vermutlich existierenden Gemeinde einen Gruß des Pfeifenrauchers!
    Die „Erzieher“ zum Nichtrauchen sind wesentlich dafür verantwortlich, dass ich immer noch und vermutlich bis zum Ende über meinem Schreibtisch die Einstein zugeschriebenen Worte stehen habe: „Pfeifenrauchen trägt zu einem einigermaßen objektiven und gelassenen Urteil über menschliche Angelegenheiten bei.“

  2. „Alkohol schwerer zugänglich zu machen…. Anreize zu schaffen, Wasser oder eine Fanta statt Bier oder Schnaps zu kaufen – eine Verteuerung gilt dabei als das probateste Mittel.“
    Wie bereits zum Beitrag des „geschätzten Stephan Schleim“ geschrieben, wird die Steuer auf Alkohol massiv erhöht. Diese Information ist hier wie in NL allgemein zugänglich; genügt ein Blick in die MSM.
    Daher bedarf es in D keiner Aufklärung über z.B. die Niederlande und deren Statistiken zu Alkoholkonsum – erst recht nicht, wenn sich die Themen, über die zu berichten notwendig und dringlich wäre, gegenseitig erdrücken, aber tunlichst ignoriert werden.
    Darüber hinaus kann Fanta kein Ersatz sein, da, wie eigentlich bekannt, mit Zucker versetzt ist und zu Fettleibigkeit führt – daher auch der Wunsch nach einer Steuererhöhung.

    „Individualrecht, das jedem Menschen zusteht. Er trägt die Verantwortung für seinen Körper und muss wissen – oder nicht – was er ihm in seinem Leben zumuten will.“
    Korrekt – in Zeiten zunehmender Verarmung, des alltäglichen K(r)ampfes, steigender Wohnungslosigkeit etc.(die sich viele nicht selbst zumuten) ist es unabdingbar, zumindest nach dem unumkehrbar tiefen Fall wenigstens dies individuelle Recht zu behalten. Wenn man es sich dann noch leisten kann.

    „Aber psychisch benötigt er dann oftmals doch mehr: daher speisen Menschen so gerne in allen Kulturen – aus diesem Grund sitzt man an einer Tafel zusammen, man könnte schließlich auch irgendwo alleine in einer Ecke etwas schnell und effizient fressen.“
    Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. In der Mehrzahl wird NICHT (außer zu Hoch- und Festtagen) getafelt, sondern unterwegs „konsumiert“, geliefert oder durch ‚Chef de Cuisine named Mikrowelle‘ gezaubert.
    Wobei die Zahl derer, die über die Verwendung, Verarbeitung und Zubereitung von Nahrungsmitteln ein minimales Grundverständnis haben, ohnehin, mangels Erlernens, überschaubar geworden ist und tendenziell weiter abnimmt.
    Aber es ist erfreulich und dankenswert, dass es an „tatsächlich“ Berichtenswertem nie mangeln und konsequent aufgegriffen wird.

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