
Interview mit Armen Avanessian – Teil 2
Wir sind mit einer Vielzahl von Krisen konfrontiert. Im zweiten Teil des Gesprächs über das Buch „Planeten Denken“ von Armen Avanessian wird deutlich, dass wir in einer Art Kooperation mit anderen Akteuren der Evolution einen überlebensfähigen Prozess der Evolution mitgestalten können. Die Rolle der Menschen ändert sich mit zunehmender Evolution, wobei diese nicht als abgeschlossen gilt, wie es zuweilen an Schulen gelehrt wird. Sie ist eine vergangene, aktuelle und zukünftige Entwicklung, die ein Wissen über die Zukunft wie auch biographische Tiefenzeit integriert. Die planetarische Evolution kennt eine Zukunft – die Frage stellt sich nur, wo sich der Mensch dort platziert?
Der Mensch erlangt durch seine Werkzeuge und Technologien eine besondere Verantwortung für die Umwelt, in die er seit Millionen Jahren lebt. Er kann mit oder gegen die Evolution arbeiten. Die ihn übersteigenden Komplexitäten legen jedoch ein aktives Handeln, also: eine planetarische Ethik, nahe. Auf solche Weise rückt eine aktive Teilnahme am anstehenden Evolutionsprozess in Reichweite.
Teil 1: Planetarische Ethik und Ko-Evolution
Tiefenzeitliche Dimensionen nehmen eine große Bedeutung ein. Sind die Transitionen ein Appell, mitzugehen oder wäre auch eine Opposition möglich? Wie stark sind die Individuen in diese Prozesse eingebunden?
Armen Avanessian: Was die new individuals auszeichnet, ist, dass sie nicht mehr zurückkönnen. Wenn sich bestimmte Bakterien einmal zu Mitochondrien umgebildet haben, dann können sie nicht mehr zum früheren unabhängigen Zustand zurück, damit wären sie nicht mehr lebensfähig. Insekten, die einmal sozial sind, können nicht mehr als Einsiedler leben. Menschen, die sich mit der kulturellen Evolution entwickelt haben, können nicht mehr ohne Technologie weiterleben. Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die sich mit Digitalisierung und KI organisiert, dann werden wir nicht mehr dahinter zurückgehen können. Das ist das eine. Wovon man das stark abgrenzen muss, das ist meine spekulative These und spekulativ bedeutet hier, die Zukunft aus der Gegenwart zu betrachten, dass wir es mit KI und Klimawandel nicht mit irgendwelchen Phänomenen zu tun haben, sondern mit zumindest zwei Dimensionen, die für diese major evolutionary transitions kennzeichnend sind: Aus der Zukunft betrachtet sind das Indizien für sogenannte neuerliche major evolutionary transitions.
Was heißt das, die Gegenwart aus diesem Blickwinkel zu betrachten und nicht aus dem der Krise? Es ist nicht mit einer Art von technologischem Determinismus zu verwechseln, dass allein diese Entwicklung der KI dazu führen wird, dass wir in einer anderen und besseren Gesellschaft leben werden. Nein. Es ist eine soziale, politische, auch kulturelle Aufgabe, diese Transition herzustellen, was heißt: Diese Transitionen führen dazu, dass es immer komplexere, nicht bessere, Lebensformen gibt, und meine Hoffnung ist doch, dass es unserer Gesellschaft gemeinsam gelingt, eine komplexere Gemeinschaft zu entwickeln. Diese technologischen Fortschritte helfen uns auch, andere, bislang unbemerkte Intelligenzen zu verstehen. Damit auch einen größeren planetarischen Kontext zu beschreiben.
Wie gesagt: Das ist keine rein technologische Entwicklung, weil ein Großer Evolutionärer Übergang darauf abzielt, dass sich eine komplexere Lebensform organisiert. Das heißt nicht, dass später in der Evolution auftretenden Gattungen oder Spezies besser oder lebensfähiger oder länger haltbar sind. Das, was technologisch passiert oder auch umwelt- oder klimawandeltechnisch auftritt, ist eine major evolutionary transition. Das ist eine ganz große Frage, die ich nicht als einzelner Philosoph entscheiden kann, aber die auch nicht durch mein individuelles Verhalten entschieden wird. Sondern schon eher, ob wir es gemeinsam mit all den anderen vermeintlich höheren oder niederen Intelligenzen schaffen, uns anders und komplexer zu organisieren. Seit einigen Milliarden Jahren gibt es da eine bestimmte evolutionäre und ich würde sagen planetarische und ko-evolutionäre Logik, die immer wieder mal nach 100 Millionen Jahren, nach 1 Milliarde Jahren, nach nur 70000 Jahren zu grundlegend neuen, komplexen Lebensformen geführt hat.
Was heißt es, wenn wir die Gegenwart zur Abwechslung aus dieser Richtung betrachten?
Armen Avanessian: Ich beantworte die Frage mit einer Frage: Was ist, wenn wir nach 200 Jahren zurückblicken und sagen: Wow, die gegenwärtige Polykrise und die Krisen des 20. Jahrhunderts waren bereits die erste Spur einer major evolutionary transition, die eine Bedeutung wie die Entwicklung von Sprache, von Schrift usw. vor vielen zehntausenden Jahren hat, der letzte große evolutionäre Übergang mit der Etablierung kultureller Evolution. Anhand dieses spekulativen, aus der Zukunft gedachten, teilweise evolutionsbiologisch und naturwissenschaftlich belegten Horizonts versuche ich zu untersuchen, dass und wie dabei Ethik relevant wird statt moralisches Zeigefingerschwingen.
Ist da bereits ein Telos enthalten, zu einer Kommunikation mit den anderen Intelligenzformen zu gelangen?
Armen Avanessian: Ich hoffe nicht, dass da ein Telos liegt. Ich sage nur, dass nach einer evolutionsbiologischen Veränderung wie den Mitochondrien oder den sozialen Tieren es nicht mehr zurückgeht. Solch ein Beispiel gebe ich auch für den Homo sapiens jetzt: Ich glaube nicht, dass wir das allein in die Hand nehmen können. Im Sinne von: We can run the show. Das ist kein fortschrittliches Prinzip. Wir müssten zu einem anderen Modell und Selbst- wie auch Fremdverständnis kommen, dass nur mit anderen Intelligenzen die Show weitergeht. Wir müssen Planetarier werden, und das bedeutet mehr, als nur zu wissen, dass es Planeten gibt, ohne genau zu begreifen, was denn ein Planet genau ist im Gegensatz zu einem Stern, einem Mond oder einem Kometen?
Was ist genau ein Planet?
Armen Avanessian: Ein zeitlich sich veränderndes, gemeinsames Ganzes, zusammen mit dem Leben, das nur auf ihm entstehen kann. Leben kann nicht auf Monden oder Sonnen entstehen. Planeten entwickeln sich ko-evolutionär mit dem Leben (so selten das auch vorkommen mag!), das sie gleichzeitig verändert. Das ist eine wechselseitige Veränderung. Und dazu gehört, dass wir heute dank künstlicher Intelligenzen, dank künstlicher Sensorien überhaupt wissen, dass es so etwas wie Klima gibt, also nicht nur Wetter, sondern ein sich in großen Zyklen Veränderndes. Das wissen wir nur dank Intelligenzformen, die unsere scheinbar nur natürlichen Intelligenzen weit überschreiten. Und wie kommunikationsfähig Bäume, Pilze usw. sind, auch das sind neue Erkenntnisse. Das alles sind Aspekte eines Lernprozesses, zu begreifen, was es überhaupt heißt, einen Planeten zu bewohnen.
Hier taucht auch die Frage nach Exoplaneten, also erdähnlichen Planeten im Kosmos, auf. Sie werden durch die Möglichkeit von Leben auf ihrer Planetenoberfläche definiert. Dann stellt sich die Frage, was unter Leben vorgestellt wird?
Armen Avanessian: Ich verwende gerne die der NASA zugeschriebenen Definition von Leben. Ein metabolisches, sich entwickelndes, fortpflanzungsfähiges System. Von Baudrillard wird das viel zitiert „Language is a virus from outer space“ – von wem stammt dies ursprünglich? – Bei der Frage von Exoplaneten hat es mich zunächst sehr beeindruckt, dass wir seit einigen Jahren wissen, es gibt Tausende von Exoplaneten, es gibt wahrscheinlich Milliarden von Exoplaneten. Das ist etwas, was in früheren Jahrhunderten noch nicht bekannt war. Das ist nicht irrelevant. Zudem verstehe ich Planeten als sich zeitlich entwickelnde Phänomene, ich habe es bereits angedeutet. Natur entsprechend als einen Möglichkeitsraum, in dem sich Leben entwickeln kann, so selten es sein mag und sicher ist, ist Leben doch ein Feature von Planeten und nur von Planeten. Leben gehört zu Planeten, unabhängig davon, wie oft das auf Exoplaneten stattfindet und wir es bisher bemerkt haben oder offensichtlich nicht.
Welche Rolle spielt hierbei die Astrobiologie?
Armen Avanessian: Was mich an astrobiologischen Bestimmungen interessiert, ist, dass es ihr nicht einfach um die SETI-Suche nach Außerirdischen geht, sondern um die Frage, wie sich Leben überhaupt entwickelt haben kann. Möglicherweise hat sich Leben schon viel öfter entwickelt, aber nicht bis zu dieser hohen Komplexität von Leben auf der Erde. Möglicherweise sind bestimmte Formen von Leben auf der Erde durch Kometen von anderen Planeten hierhergekommen, als Baudrillardscher virus from outer space. Wir beginnen über Leben mithilfe der Astrobiologie und diesen planetarischen Diskursen anders über Leben selbst nachzudenken, als die Suche nach zweibeinigen, zweiäugigen, zweiarmigen, sprachfähigen Wesen auf anderen Planeten.
In Ihrem Buch geht es nicht um dezidiert technikphilosophische Fragen, wenn auch die KI und die künstlichen Sensorien zur Erfassung unseres Planeten eine Rolle spielen.
Armen Avanessian: Ich kann mit einem Trans- oder Post-Ismus politisch und philosophisch nicht viel anfangen. Pilze und gewisse Pflanzenarten gibt es schon länger als Menschen und die wird es auch noch geben, wenn es die Menschen nicht mehr gibt, ohne dass man trans- oder post-irgendwas wird. Oder dass man sich in die Cloud hochlädt oder wie die verschiedenen Klischees dann lauten. Mich interessiert, welche Verbindungen unsere Gattung mit anderen eingehen kann, um sich besser zu organisieren und Teil weiterer Transitionen dieses faszinierenden Spektakels der Evolution und evolutionären Entwicklung zu werden. Dafür ist wichtig, was ich einen planetarischen Imperativ zu planetarischer oder evolutionärer Transition nennen. Und zwar im Wissen um die Prekarität und Gefahr der gegenwärtigen Polykrise, denken wir nur an mass extinctions. Nur sind letztere, das darf nicht übersehen wrden, auch wenn es manchem bei Vorträgen von mir negativ aufstößt, ein viel verbreiteteres und älteres Phänomen sind, als wir uns gerne klarmachen, wenn wir in diesen Anthropozän- und Environmentalism-Diskursen immer dem weißen männlichen Kapitalisten die Schuld geben, der durchaus Schuld hat. Den trifft zurecht sehr viel Schuld, nur ändert das nichts daran, dass es mass extinctions schon viel früher gab, dass bereits die Cyano-Bakterien eine großartige Erfindung hatten, nämlich Photosynthese zu betreiben und nur deswegen es den Sauerstoff gibt, den wir gerade atmen, der aber dazu geführt hat, dass mehr als 90 Prozent aller damaligen Gattungen ausgestorben sind, weil sie mit diesem hochgiftigen Oxygen nicht umgehen konnten. Wir müssen diese Perspektive einfach auch sehen, um zu sehen, was uns auszeichnet, nämlich dass wir die Ersten sind, die um diese ko-evolutionäre und hochprekäre Ko-Evolution von Planeten und Leben wissen. Das finde ich ausreichend neu.
Wo stehen wir als Menschen in dieser Ko-Evolution?
Armen Avanessian: Es ist skandalös, wie wir uns als Gattung zur Erde verhalten. Nur ist es zu kurz gegriffen, das dem Anthropos, dem Menschen, allein zuzusprechen. Da haben schon andere Ähnliches in früheren Perioden unseres Planeten geleistet. Es gibt kein Gleichgewicht, es gibt keine Umwelt, keine Natur, die dann von etwas Unnatürlichem wie Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Der Natur und dem Planeten geht es prächtig, nur unseren komplexen und auch anderen Lebensformen geht es möglicherweise an den Kragen. Umso skandalöser, dass wir, die es eigentlich wissen können, weil wir die technischen Instrumente und intelligenten Maschinen haben, dass wir dabei sind, eine mass extinction heraufzubeschwören. Das ist aber zugleich auch eine Chance.
Wir wissen, dass das Leben immer schon Climate Engineering betrieben hat, da gibt es kein Zurück, sondern es gibt nur die Frage, wie muss man Leben organisieren, das Zusammenleben von Gattungen, das Zusammenleben von biologischen, kulturellen und technologischen Sphären auf einem dem Planeten größtmöglich zuträgliche Art und Weise zu organisieren?
Die einzige Möglichkeit, dieser regressiven Tendenz entgegenzuwirken, ist, auf Progression zu setzen, statt auf Einfrieren des Status quo oder Regression. Daher der planetarische Imperativ zu einer neuen planetarischen Transition.



Wie die Zukunft aussehen wird, weiß ich natürlich nicht, Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass in 100 Jahren eine Grabinschrift wie „Er gab alles für die Ukraine“ einen äußerst skurrilen Eindruck machen wird.