Mariupol: Aufbau auf Kosten der Verlorenen

Zerstörtes Haus in Mariupol
ОленаСугак, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Zwischen Krieg, Bürokratie und Wiederaufbau-Versprechen: Alexanders Geschichte steht exemplarisch für das Schicksal vieler Menschen in Mariupol.

Als ich mit dem Bus nach Donezk fuhr, setzte sich ein Mann, der etwa 65 Jahre alt gewesen sein mochte, neben mich. Er hieß Alexander und war auf dem Weg zurück nach Mariupol, nach Hause. Er hatte wegen Herzproblemen in einem Moskauer Krankenhaus gelegen – in einem Krankenhaus in Mariupol war er auch gewesen, doch dort gab es nichts, was ihm hätte helfen können.

Kein Ersatz für zerstörte Wohnung

Generell ist er äußerst verärgert über die triumphalen Berichte über die Entwicklung der Region und empört über die lokalen Behörden. In Mariupol wird viel gebaut – aber hauptsächlich bereits hypothekenfinanzierte Wohnungen, finanziert mit dem Geld von Militärs und Beamten, nicht von Einheimischen. Alexander selbst hat seine Wohnung beim Sturm auf die Stadt im Frühjahr 2022 verloren. Die ukrainischen Truppen (für die er keine positiven Gefühle hegt) hatten dort Schießstellungen eingerichtet; sie besetzten sie, indem sie die Türen komplett herausrissen. Sein Haus wurde getroffen und zwei Eingänge wurden zerstört. Zu dieser Zeit befand er sich mit seiner Familie im Keller des Hauses, später fand er mit Hunderten anderer Obdachloser Zuflucht im Keller einer nahegelegenen Schule.

Aber auch dort schlug ein Geschoss ein. Er erzählte wortkarg von diesem dramatischen Moment – nach der Explosion konnte er seine Frau lange Zeit nicht finden, doch es stellte sich heraus, dass sie sich in einem Krater hinter der Schule versteckt hatte. Sie hatten natürlich während des Stadtangriffs zwei Wochen lang nichts gegessen und kaum etwas getrunken; sie überlebten ohne Heizung, wie man sich denken kann.

Nun hat er aber keinen Ersatz für seine zerstörte Wohnung erhalten, wie andere überlebende Nachbarn. Der Grund dafür ist, dass ein Teil der Wohnung auf seine Tochter eingetragen ist, die sich in der Ukraine befindet. Die Beamten fordern sie auf, zu kommen, um die Wohnung zu übertragen, aber andere russische Beamte ließen sie nicht in Sheremetyevo einreisen. Mittlerweile ist bekannt, dass die tapferen Grenzsoldaten ukrainische Staatsbürger, die, wie früher angenommen, von der russischen Armee von den Nazis befreit werden, nicht nach Russland einreisen lassen. Ausnahmen sind selten.

„Soll ich Ihnen etwa meine Wohnung überlassen?“

Alexander läuft von Behörde zu Behörde, wo man ihn auf eine Warteliste gesetzt hat, die aber quasi auf Stillstand steht. Eine Formalie für die Behörden – warum sollte man, so möchte man nun fragen, nicht Menschen, die ebenso mittellos sind wie Alexander, eine Wohnung geben? Geht es nur um die Kosten vor dem Hintergrund des Krieges? Es gibt keine Nachsicht für diejenigen, die noch nicht ganz am Boden sind. Alexander fuhr sogar zur Präsidialverwaltung nach Moskau, doch dort sagte man ihm offen, dass die Anträge einfach an den Wohnort weitergeleitet würden. An seinem Wohnort war er bereits bei einem Termin gewesen: „Soll ich Ihnen etwa meine Wohnung überlassen?“, empörte sich der Beamte. Alexander: „Ich brauche Ihre nicht, ich brauche meine.“

Die Geschichte, die sein Schicksal geprägt hat, sieht aus seiner Sicht in groben Zügen so aus: Wie fast alle in der Stadt ging er in seiner Jugend in die Fabrik arbeiten, in seinem Fall in das Iljitsch-Kombinat. Er wurde ein hervorragender Elektriker, kannte sein Handwerk und engagierte sich beruflich. Es ist wichtig, ein Mann zu sein, der etwas tut, etwas Nützliches, etwas Schöpferisches. Aber die Fabrik war alt, wahrscheinlich hätte man sie schon in den Achtzigerjahren längst modernisieren müssen. Die Perestroika begann, man hätte meinen können: Endlich Veränderungen, vielleicht klappt es ja. Aber niemand tat etwas, und schon gar nichts Kreatives.

Wiederaufbau? Alles Heuchelei!

Dann kam die Unabhängigkeit, alles brach zusammen, die Parteibonzen redeten in gebrochenem Ukrainisch – etwas Sinnvolles kam nicht zustande. Dann kamen neue Fabrikbesitzer, die natürlich nichts modernisierten. Die ersten Besitzer waren noch ganz in Ordnung, während die späteren, so meint Alexander, dem sterbenden Werk einfach nur noch die letzten Säfte abpresste – aber wenigstens gab es noch ein Gehalt. Alexander arbeitete dennoch gewissenhaft – in dem Wissen, dass das Werk vom Volk gebaut worden war – nicht von Oligarchen, sondern als Volkswerk.

Er bedauerte, dass die Donetsker Rebellen 2014 die Stadt verlassen hatten; er dachte, dass vielleicht wenigstens Russland kommen und etwas für den Aufbau tun würde. Russland kam nun im Jahr 2022, viele Menschen kamen dabei ums Leben, die Stadt ist völlig zerstört – Azovstal liegt in Trümmern, Iljitsch steht noch, aber Alexander versteht, dass es billiger ist, ein neues Werk zu bauen, als das alte, ja veraltete, zerstörte wieder in Betrieb zu nehmen. Und im Fernsehen singen sie etwas über den Wiederaufbau der Stadt, über die Schaffenskraft.

Aber das ist in seinen Augen Heuchelei. Die Stadt ist so zerstört, wie sie es im Bürgerkrieg und im Großen Vaterländischen Krieg nicht war; vom historischen Zentrum ist nichts mehr übrig außer dem traurig berühmten Theater – und es wird nicht wiederaufgebaut. Er hat keinen Ort zum Leben, und es ist auch unklar, wozu – an der Stelle seines ganzen Lebens liegen nur Ruinen. Dafür bauen sie hier Hypothekenwohnungen – Soldaten erhalten Geld im Austausch für ihr Leben und geben es an Geschäftemacher für die fertiggestellten Rohbauten zurück. Es sieht zwar irgendwie nach Aufbau und Schaffenskraft aus, aber ein Geschäft, das auf dem Verschlingen von Todesfällen basiert, ist wohl kaum seriös.

Vitaliy Leybin

Vitaliy Leybin ist russischer Journalist und Medienmanager. Geboren wurde er in Donezk. Er war früher Chefredakteur des populären Magazins Russki Reporter. Nach 2014 kritisierte er die ukrainische Regierung wegen des Krieges im Donbass; nach 2022 kritisiert er offen die russische Regierung für die Aggression gegen die Ukraine.
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3 Kommentare

  1. Ein bedauernswertes Schicksal, wie viele andere auch. Nur wo liegt die Lösung? Irgendwie ist mir noch was im Ohr wie „Ursachen beseitigen“. Doch damit hat sich auch Russland festgefahren. Es ist nichts kalkulierbar. Vielleicht, aber nur vielleicht, ist es ja in Zukunft möglich, Rechnungen an Frau Nuland zu schicken, und mit dem Geld dann Wohnungen zu bauen.

  2. Vitaliy Leybin:
    „Nach 2014 kritisierte er die ukrainische Regierung wegen des Krieges im Donbass; nach 2022 kritisiert er offen die russische Regierung für die Aggression gegen die Ukraine.“
    Kritik an der Eskalation von USA/Nato und EU möchte er nicht äussern?
    Minsk 1 und 2 (siehe Merkel und Holland…) nicht erfüllt, Istanbuhler Verträge auf Geheiss von EU/Nato (siehe Boris Johnson…) in die Tonne getreten, stattdessen die Ukraine aufgerüstet bis zur Halskrause.
    Russlands Sicherheitsinteressen von USA/Nato ebenfalls in die Tonne getreten.
    Russland soll jetzt Mariupol vollständig aufbauen und jedem Bewohner eine Wohnung zur Verfügung stellen. es sind gerade mal 4 Jahre her und der Krieg ist noch nicht zu Ende.

  3. Natürlich ist Alexanders Schicksal bedauerlich. Aber es gibt durchaus einen Grund, warum ukrainische Staatsbürger nicht einreisen dürfen. Man verdächtigt diese des Terrorismus. Nicht ohne Grund, unter anderem haben sie den Regierungschef der Donezker Republik, Alexander Schartschenko, in seinem Wohnhaus ermordet.
    Eine wirklich fürsorgliche Verwaltung würde vielleicht versuchen, das Ganze an der Grenze abzuwickeln. Ein Service, der in Kriegszeiten eben nicht zur Verfügung steht. Oder aber dem Alexander eine Bypass-Lösung anzubieten. Also das könnte man verlangen. Stimmt.

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