Im Kaufrausch

Bayer-Kreuz
Atamari, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wenn Gesundheit der Lobbyarbeit weichen muss.

Die Börse ist ein Buch mit sieben Siegeln, jedenfalls für den Laien. Für Eingeweihte ist sie aber auch unberechenbar und kann alles Mögliche auslösen, Höhenflüge und Abstürze. Keiner weiß heute, was morgen sein wird. Das liegt daran, dass der gemeine Aktionär nicht weiß, welche Entscheidungen in den Vorstandsetagen von börsennotierten Unternehmen getroffen werden und was diese Entscheidungen für Folgen haben. Das wissen die Entscheider häufig selbst nicht.

Eine solche Unklarheit bestand beispielsweise nach der Übernahme des US-amerikanischen Monsanto-Konzerns durch die deutsche Bayer AG im Jahr 2018. Die Fachwelt war sprachlos, dass ein so erfolgreicher Konzern wie Bayer einen so umstrittenen Konzern wie Monsanto übernahm.

Bayer strich den Namen Monsanto

Monsanto war mit einem Umsatz von mehr als 14 Milliarden Dollar und mehr als 23.000 Mitarbeiter in 61 Ländern tätig, war somit einer der größten Produzenten von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln weltweit. Bayer zahlte den gigantischen Kaufpreis von 66 Milliarden Dollar, womit die größte Übernahme durch einen deutschen Konzern im Ausland geschehen war. Bayer strich den Namen Monsanto allerdings umgehend aus dem Firmennamen – sehr seltsam.

An der Börse brach die Bayer-Aktie um 40 Prozent ein, obwohl Bayer durch die Übernahme von Monsanto zur weltweiten Nummer Eins im Agrarchemie-Geschäft geworden war. Sehr seltsam. Auf der nächsten Aktionärs-Hauptversammlung im Jahr 2019 versagten die Aktionärinnen und Aktionäre dem Konzernvorstand die Entlastung – so etwas hatte es in der Geschichte des DAX überhaupt noch nie gegeben. Auch sehr seltsam. Des Rätsels Lösung: Mit der Übernahme von Monsanto übernahm das Unternehmen Bayer auch deren Pflanzenschutzmittel Glyphosat, in den USA unter dem Namen Roundup bekannt.

Damit übernahm Bayer aber auch gleichzeitig Abertausende von laufenden Schadensersatz-Prozessen, denn Glyphosat stand im Verdacht, krebserregend zu sein. In den USA hat Bayer daher bislang Entschädigungen in Höhe von insgesamt 13 Milliarden US-Dollar an Krebspatientinnen und -patienten zahlen müssen, die einen langen und intensiven Kontakt mit Glyphosat nachweisen konnten. Die Tageszeitung „taz“ erlaubte sich am 24. Oktober 2018 auf ihrer Titelseite sogar den derben Scherz, Glyphosat („macht Krebs“) mit dem Medikament Aliqopa von Bayer („heilt Krebs“) in einem Atemzug als „Krebs-Rundum-Paket“ zu bezeichnen.

Aktienkurs von Bayer mehr als zwölf Prozent im Plus

Bayer hat in meinem ärztlichen Leben eine erhebliche Rolle gespielt. Von Bayer stammen so bekannte Medikamente wie Aspirin, Bepanthen, Adalat, Canesten, Diane, Glucobay, Xarelto oder Talcid. Die Synthese von Acetylsalizylsäure im Jahr 1897 war eine herausragende Leistung von Bayer oder vielmehr dessen Chemiker Felix Hoffmann.

Aber Gesundheit und Medikamente spielen bei Bayer längst nicht mehr eine so große Rolle. Ein multinationaler Konzern mit vielen unterschiedlichen Produktionszweigen ist daraus geworden, ein Global Player. Und nachdem der Supreme Court der USA es bereits zwei Mal abgelehnt hatte, sich mit dem Fall Glyphosat zu befassen, hat er jüngst im dritten Anlauf anders entschieden. Des Rätsels Lösung: Ein neuer, von Donald Trump eingesetzter Generalbundesanwalt hatte das beantragt, und Bayer hat den Republikanern immerhin eine Spende in Höhe von 122.000 Dollar zukommen lassen. Daher wird der Hinweis auf Krebsgefahr demnächst von den Warnhinweisen auf den Glyphosat-Verpackungen verschwunden sein. Auf einmal lag der Aktienkurs von Bayer mehr als zwölf Prozent im Plus. Im Wirtschaftsteil der FAZ stand darüber zu lesen: „An der Börse löst das einen regelrechten Kaufrausch aus. Der Fall zeigt auch die Wirkung von politischem Lobbying.“

Mit Gesundheit hat das alles schon lange nichts mehr zu tun. Es ist nur ein weiteres Argument dafür, dass die Pharmaindustrie als Teil der Daseinsvorsorge verstaatlicht werden muss.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Frankfurter Rundschau.

Bernd Hontschik

Dr. med. Bernd Hontschik, geb. 1952, war bis 1991 Oberarzt an der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses Frankfurt-Höchst und bis 2015 in eigener chirurgischer Praxis tätig. Er ist Autor des Bestsellers „Körper, Seele, Mensch“ und Herausgeber der Reihe „medizinHuman“ im Suhrkamp Verlag. Er schreibt Kolumnen in der Frankfurter Rundschau, ist Mitglied bei der Uexküll-Akademie (AIM), bei mezis und bei der IPPNW und im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift „Chirurgische Praxis“.
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3 Kommentare

    1. Echt mal. Da macht endlich jemand schöne Profite, wie Mammon befiehlt, und schon fangen wieder alle an zu heulen und nach Verstaatlichung zu rufen.

  1. abwarten….

    Es gibt günstigere Alternativen …und die sind weniger gefährlich …
    Aktien sind nur 1 Teil des ganzen, es brauch auch noch Käufer , was Aktionäre gerne übersehen… zb bei Microsofts Noka Abenteuer..

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