Humor ist ein scharfes Schwert

Gentleman lacht
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ein stiller Krieg tobt in unseren Köpfen und Gesprächen – und mit dem Verstummen von Zweifel, Satire und Poesie steht mehr auf dem Spiel als nur der Humor.

Ein Buchauszug.

Es gibt einen Krieg, der nicht in Schützengräben beginnt und nicht mit dem chirurgisch präzisen Töten durch Drohnen endet. Er findet statt in einer unruhigen Landschaft – in der Landschaft unseres Denkens und Fühlens. Ein Krieg, der keine Häuser in Schutt legt, keine Helme im Schlamm hinterlässt und keine Verwundeten auf zerbombten Feldern. Und doch hinterlässt er Spuren, tiefe Schnitte, die mitten durch die Seele unserer Gesellschaft gehen.

Denn heute kämpfen wir nicht mehr zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Wir führen Krieg im Gespräch, am gedeckten Tisch, an jenem Ort, wo einst das diplomatische Wort galt und nun das Schweigen herrscht, weil das Wort nun eine Waffe ist. Akademische Stammtische, einst heitere Bühnen des Gedankenaustauschs, verwandeln sich in Schützengräben, in denen jedes Gegenwort, jede skeptische Frage wie eine Granate wirkt. Freunde erzählen, sie seien angeschrien, aus Runden verwiesen worden, weil sie den Narrativen unserer Tage nicht folgen wollten. Wo blieb die Idee, dass Wissenschaft – ja, jedes Wissen überhaupt – vom Zweifel lebt, vom Ringen um Klarheit und nicht von starrer Gewissheit?

Eulenspiegeleien der Macht

Es ist ein Krieg der Köpfe und Herzen. Meinungen dienen als Geschosse, Wahrheiten werden zu Minenfeldern, Fakten nur akzeptiert, wenn sie die eigene Überzeugung stützen. Ist Frieden nicht mehr als das Schweigen der Waffen? Ist nicht jeder Zustand, der keine Verständigung erlaubt, bereits Krieg?

Und unwillkürlich fragt man sich: Wo sind sie geblieben, die Stimmen, die einst mahnten, die mit Witz und Poesie protestierten? Wo sind die Kabarettisten, die filetiert gegen den Mainstream ansingen, die Eulenspiegeleien der Macht entgegenstellen – die Erben eines Hildebrandt, Wecker, Wegener, Wader, Degenhardt, Biermann, Hoffmann, van Veen oder Brecht?

Denn Humor war nie ein harmloses Beiwerk. Er war das Messer, das schnitt, wo andere Worte scheuten. Er war das Lachen, das erträglich machte, was als nackte Wahrheit kaum auszuhalten gewesen wäre. Doch heute scheint er zur harmlosen Kulisse degradiert – Comedy als Konsumartikel, süß und klebrig wie Zuckerwatte, schnell verpufft und ohne Nachhall. Was bleibt, ist das Fastfood des Geistes: kalorienreich im Augenblick, aber ohne Nährwert.

Kunst als Dekoration

Dieter Hildebrandt sprach einst von der Pflicht der Satire, alles zu dürfen. Nicht, um in kalkulierten Skandälchen zu glänzen, sondern um dorthin zu gehen, wo das Schweigen brennt. Wer Humor abrundet, ihn domestiziert zur Pointe für den Feierabend, verrät ihn. Denn nicht die billige Pointe bleibt, sondern jene Sätze, die sich in unser Gedächtnis graben, weil sie Wahrheit tragen im Gewand des Lachens und der Vieldeutigkeit.

Wir stehen vor der Wahl: Wollen wir Humor als Betäubungsmittel oder als Aufrüttler? Wollen wir Kunst, die Denken erweitert, oder nur Sprachmüll, der Nachdenken vertreibt? Eine Gesellschaft ohne Poesie verarmt, eine Demokratie ohne radikal entwaffnenden Humor verkommt.

Vielleicht ist es Zeit, nicht nur die großen Namen zu beschwören, sondern das Vakuum zu benennen, das ihr Schweigen oder ihr Fehlen hinterlässt. Wer erhebt heute noch die Stimme, wagt das Lied, das spottet, die Satire, die beißt, das Gedicht, das gegen das Gewohnte anschreibt? Wenn wir zulassen, dass Kunst zur Dekoration schrumpft, haben wir die letzte Front verloren – die Front, an der Wahrheit noch im Kleid des Lachens überleben kann.

Markus Langemann

Markus Langemann ist Publizist, Autor und Medienunternehmer. Er gründete Sender, entwarf Formate für Leitmedien und prägte die deutsche Medienlandschaft. Heute zählt er zu den unverwechselbaren Stimmen eines unabhängigen Journalismus. Mit dem „Club der klaren Worte“ schuf er einen Ort für Debatte, Aufklärung und Widerspruch.
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23 Kommentare

    1. Die KI-Bilder hier sehen meist aus als wären sie für einen Modekatalog für Herrenausstatter oder Illustration in einem Lifestyle-Magazin. Irgendwie hat es auch was ungewollt komisches. Wie auch immer: Die KI-Bilder wirken hier total deplatziert.

    1. Naja, die Möglichkeit, im Sommertheater könnten die Ukrofaschos 10 k Ratten aus der „Koalition der Willigen“ platt machen, weil die ihnen die Pfründe streitig machen, gibt mir glatt Widerstandskraft gegen’s Verrecken.

      Unter anderem, natürlich.

  1. Also wenn man auf den Corona-Diskurs hinaus will: der hatte sich auch irgendwann mal abgenutzt und zudem ging es gleichzeitig zu Beginn von Corona um Leben und Tod. Da kann man nicht unbedingt erwarten, dass alle mitlachen.

    Stand heute hören sich die Beschwerden aber immer noch so an, wie die von vor 5 Jahren. Die gleichen Leute erzählen dann auch noch vermutlich in 20 Jahren, wie sie eine Maske tragen mussten. Traumatisiert von einem Fetzen Papier.

    Zur Diskursbreite an sich, die ist durchaus sehr variabel. Der Scheibenwischer wurde schon mal gecancelt. Dass alles erlaubt sei, das ist doch eine völlige Illusion. Als hätte es Arbeitsverbote, Rasterfahnung, Kommunistenverfolgung, Schwulenhass und all das nie gegeben. Abtreibung anyone? Ist in Deutschland immer noch illegal, wird nur nicht mehr bestraft.

    Drogenfrage?

    Komm hör auf mit den guten alten Zeiten, wo alle sich gern hatten und jeder alles durfte. Als Evangelischer wurde man in den 80ern noch von den Katholiken herabgewürdigt. Offenheit für Islam? Schon vom Krieg gegen den Terror gehört?

    Jetzt machen wir die wievielte Schleife vom Russenhass?

    Rassismus heute immer noch ein Riesenthema. Viel Spaß mit dunkler Hautfarbe in der Nähe einer Polizeistreife.

    Ich bin ja nicht dagegen all diese Themen zu besprechen und Kritik üben. Nicht falsch verstehen. Aber bitte doch nicht die gute alte Zeit herbei reden.

    1. Abgesehen von der wirklich dümmlichen und ignoranten Einlassung zu den Masken, stimme ich gerne zu.
      Die Konservativen möchten eben immer gerne zurück zu einer „guten alten Zeit“, die es so gar nie gab (wobei manchen die Vor-Merkel-Zeit mit weniger Ausländern und ohne Woke schon reicht, wie offenbar unserem @Wirth). Dass die Zeiten, in die diese Rückwärtsgewandten so gerne zurück möchten, soo schlecht aber auch nicht waren, war und ist massgeblich den Linken zu verdanken, die einiges, von dem die Konservativen bis heute profitieren, gegen den erbitterten Widerstand eben jener Konservativen, errungen haben.

      1. „Abgesehen von der wirklich dümmlichen und ignoranten Einlassung zu den Masken..“
        aha, alles, was nicht der eigenen Meinung etnspricht, wird gleich als dumm abgeurteilt.
        Wer ist denn hier ignorant?
        Ich habe dem Artikel auch nicht entnehmen können, dass früher ‚alles besser war‘!
        Hier wird lediglich darauf verwiesen, dass es Kabarettisten wie Hüsch, Schneyder, Hildebrand, Pispers, Schramm etc
        nicht mehr gibt auf der heutigen Bühne – vermutlich würden einige von ihnen von den meisten heute eh nicht mehr verstanden!
        Das gibt der autor zu bedenken!

    2. Aber bitte doch nicht die gute alte Zeit herbei reden.

      Sehr gut, danke!

      Aus leidlicher Sentimentalität in der Rückschau eines gefühlten Verlustes – als wenn nicht jede Vergangenheit dazu bestimmt sei, verloren zu gehen – ist ein omnipräsentes Ressentiment der Gegenwart geworden, als sei das Jetzt unbezwingbar ins Endlose gestreckt.

      Es gilt weiterhin: Vorne ist vorne.

  2. Mit Schramm und Pispers sind die letzten Großen in’s innere Exil gegangen.
    Uthoff und von Wagner haben Potential, wurden aber gezähmt; das war 2020.

    Alle anderen machen kein Kabarett, sondern Comedy.
    Was der Unterschied ist? Beim Kabarett treten die Schwachen nach den Mächtigen, bei Comedy ist es umgekehrt.

  3. Menschen ohne Humor können nicht lachen. Und Menschen, die nicht lachen können, sind sehr gefährlich, ja menschen- / lebensfeindlich. Mir fallen hierzu insbesondere etliche Damen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein.

  4. Der Krieg um die Köpfe der Menschen ist längst vorbei.
    Alles (auch der Humor) wurde in Deutschland normiert, zertifiziert und in zeitgeistgerechte Happen aufgeteilt*.
    (*natürlich gendergerecht und feministisch-werteorientiert rund gelutscht)

    Wer gegen die (abermillionen) Regeln verstößt, ist vogelfrei und dessen Rechte werden von der Empörungsindustrie einkassiert. (canceln)

    Was heute richtig ist oder nicht, zeigt nicht das Licht, sondern der (rechtschaffend) aufgebrachte Mob in den (a)sozialen Medien. Dort ist die Heimstatt des Denkens und der Moral von Morgen. Wo (selbst)Gerechtigkeit ihren Anfang und Ende nehmen.
    7 Millionen Jahre Evolution, um eine perfekte Ideokratie zu schaffen………… (Das Universum hat einen echt perversen Humor)

  5. Es wurde schon gesagt, mit Hildebrand, Schramm und Pispers ist die echte Satire in Deutschland gestorben. Der Rest, jetzt Komiker wurde weich gespült von der Medialen Diktatur der ÖRR. Sonst drohen Auftrittsverbot und somit der finanzielle Ruin.

    1. Polt ist mir lieber. Der ist Poet.
      Politische Satire mit dem Zeigefinger ist mir nix. Spießerkram.
      Egal ob gestern Hildebrand oder das heute Mainstream Backpfeifengesicht mit Schmähgedicht ( jeder weiß wer gemeint ist).
      Einige werden jetzt protestieren dass ich beide im gleichen Satz nenne.
      Hofnarren.

  6. Humor ist ein scharfes Schwert

    Gelegentlich ist das so, da liegt der Autor wohl richtig und beschreibt gegenwärtige Kommunikation als Kriegsschauplatz, mit Bildern, Metaphern und dem Gefühle der 1950er Jahre – gut, die sind vorbei und werden sich nicht beschweren. Das macht der Autor – also das Beschweren, sowohl als Klage als auch der Gewichtszulage –, so dass er von sich selbst und seinem Verlust niedergedrückt ist und glatt vergisst, warum er begonnen hat.

    Aber vielleicht ist dort der Humor – die feine, scharfe, hintergründige Ironie – verborgen und Herr Langemann hat vergessen, dass niemand mit ihm verstecken spielen wollte.

    Vielleicht wollte er einfach alle entwaffnen.
    Das ist ihm gelungen.
    Keiner hat gelacht.

  7. Ich kann den Langemann als Konservativen gut verstehen was er meint.
    Aber diese Zeiten sind für immer vorbei, weil diese Gesellschaft sich in einer irreversiblen Autodestruktion befindet.
    Außerdem gibt es nun für einen Großteil der Gesellschaft überhaupt nichts mehr zu lachen.
    denn, lachen tun nur noch die Reichen, aber über UNS und das Bild sprich Bände.

  8. Guter Artikel.
    Ist schon bezeichnend, dass es heute Leute gibt, die sich als Kabarettisten verstehen und für die Regierung und die Mächtigen sprechen.
    Für meine Begriffe ein „No go“.

    Auch hier hat man also ein Milieu, das früher einmal unbequem war, zuerst abhängig gemacht, dann finanziell verwöhnt und schließlich unter Kontrolle gebracht.

    Es gibt Tage, da kommt mir ein Mario Bath – so flach der oft ist – trotzdem kreativer und unangepasster vor als die meisten anderen im deutschen Fernsehen … Und ein anderes Format von ihm, die Sendung „Mario Bath deckt auf“, mag zwar letztlich harmlos sein, ist aber auf ihre Art recht kritisch.

  9. Die guten alten Zeiten… Wer kennt ihn denn noch, den Werner finckh? Ihn und seine berühmteste verlautbarung? Mit wie auch ohne Ergänzung um ein einziges Woertchen – aktuell wie nie.
    „Ich habe gesessen weil ich (nicht) gestanden habe!“

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