„Hier wählen alle AfD“

Kneipe in Bochum Wattenscheid. Bild. Jens Mattern

Zu Fuß durch das Ruhrgebiet – Tag 2. In drei Tagen will ich zu Fuß von Holzwickede nahe Dortmund nach Duisburg Marxloh. Möglichst durch die ärmeren Viertel, keine wirklichen Recherchen, keine Planung, keine Terminabsprachen im Vorfeld; eine Unterkunft versuche ich spontan aufzutun.

Zu Fuß durch das Ruhrgebiet – Tag 1

Die  „Germaniastraße“, benannt nach der alten Zeche, führt durch das neue Gewerbegebiet des Dortmunder Vororts: Speditionen, Stahlhandel, Gabelstapler-Handel.

Dann folgt eine Allee bis zum letzten Ortsteil mit Fachwerkhäusern; die alten Leute auf der Straße grüßen wieder. „Kommt rein, ihr Lieben“, meint eine Friseuse mittleren Alters zu zwei Kunden vor dem Salon. Es regnet wieder. Nach einer erneuten Allee-Strecke im Grünen bin ich in Bochum. Der Stadtteil Werne mutet kleinstädtisch an, mit einer Reihe von Geschäften an der Durchgangsstraße.

Hier sind viele Alte unterwegs, gebückt über den Rollator, aber auch die jüngeren haben etwas Schlurfendes in ihrem Gang; die Menschen erscheinen verlangsamt, nur eine Verkäuferin in der Bäckerei mit ihrer lauten Stimme gibt einen Kontrast zu der gefühlten Zähigkeit ab.

Vor einer Bushaltestelle sitzt eine sehr dicke Frau auf einer Bank und beugt sich über ihre vielen Tüten, den Inhalt sortierend. Ich mache halt unter einem Kiosk mit Dach und trinke einen Espresso, während der Regen zunimmt und auf das Dachblech trommelt. Die Übergewichtige schleppt sich mit tropfenden Haaren hinzu. Sie will Pfandflaschen abgeben, Geld dafür haben und wird von dem Verkäufer ruppig angefasst. „Was willste denn? Was willste denn? Sei doch vernünftig!“

Als er merkt, dass sie beim Bezahlen einer Ware auch Pfennige nutzt, macht dies seine Laune nicht besser, es folgt ein Hin und Her zwischen der wehleidigen weiblichen und der groben männlichen Stimme.

Sperrmüll in Bochum Wattenscheid. Bild: Jens Mattern

Nach einigen Umleitungen erreiche ich schließlich das „Bermuda Dreieck“, das Ausgehviertel im südlichen Zentrum. Die Passanten wirken hier ein wenig vornehmer, urbaner als in Dortmund.

In Bochum-Wattenscheid, in einer Wirtschaft mit viel Holz im großen Innenraum, tritt eine zierliche Frau mit grauem Pagenschnitt und einem bunten selbstgestrickten Pullover ein. Flehentlich fragt sie, ob es nicht einen Job für sie als Küchenhilfe gebe. Sie wolle wirklich nicht stören, versichert sie. Der Wirt verneint freundlich, aber bestimmt. Sie verabschiedet sich und dreht sich noch einmal um. „Vielleicht kann ich vor Weihnachten noch einmal fragen?“ Hier fragen die Leute fast täglich, so der Besitzer, ein Mann Ende Vierzig. Er habe selbst vier Mitarbeiter in Kurzarbeit, könne niemanden einstellen, oft kämen hochqualifizierte Leute vorbei. Volle Kosten und die Hälfte des Umsatzes, damit müsse er klar kommen. Der Biergarten laufe, die Kundschaft wolle lieber trinken als essen.

In diesem Viertel sind die Folgen wilder Wohnungsräumungen sichtbar – Möbelhaufen samt Unrat vor den Mietshäusern. Eine eingezäunte Kneipe mit verrammelten Fenstern und dem Namen „Freiheitsschänke“ sowie ein Zechenrad geben gute Fotomotive ab.

In Gelsenkirchen beginnt gleich die Bochumer Straße, bekannt als „Brennpunkt“.

Sie wirkt öde mit nur wenigen Geschäften und vielen verlassenen Geschäftsräumen, die dreistöckigen Gebäude sind aus der Jahrhundertwende mit teils bescheidenem Stuck.

Eine blondierte Frau, Anfang vierzig, tritt mit ihren beiden Kindern und einem kleinen Hund aus einem Haus mit vernagelten Fenstern. Für Kinder sei dies hier keine gute Gegend. Sie nennt den gefährlichen Verkehr und sie spricht vom „Drogenhandel“, dabei schaut sie mich schief lächelnd an.

Rechterhand der Bochumerstraße sehe ich Zechensiedlungen, helle Mehrfamilienhäuser, die gepflegter aussehen.

Vor einer Kneipe hat ein SPD-Ortsverein einen Schaukasten angebracht. Das Wort „machen“ kommt oft vor, was die Partei gemacht habe und machen möchte.

Drinnen sind Männer zwischen 50 und 70 beim Biertrinken. Auf das Wort „SPD“ wird mit Aggression geantwortet. „Hier wählen alle AfD“, meint Thomas, ein kräftiger Mann mit Glatze und einem Plastikverband. Schreiner sei er gewesen. „Arbeitsunfall vor sechs Jahren“ – Hartz vier bekomme er. Allerdings die, welche hier einfach so herkommen, die bekämen doch alles. Die Flüchtlinge meint er. Durch Schröder und sein Hartz 4 kann man die Partei vergessen, wie ja alle Parteien.

„Hartz und herzlich“. Kennste die Sendung? Hast Du da mal eine ausländische Familie gesehen? Na eben..

Stefan, ein Mann über 60 und wohl Gastarbeiter der ersten oder zweiten Generation gehört zu den ehemaligen Wählern der SPD, wie er bekennt. Er pflichtet Thomas stets bei.

Als ich gehen will, versucht mich Thomas zum Bleiben zu bewegen, sein Ton wird weicher, fast flehentlich, er will, dass ich ihm weiter zuhöre, seinen Gedanken folge.

Die Bochumer Straße in Gelsenkirchen. Bild: Jens Mattern

Auf dem weiten Platz vor einer Kirche im Zentrum Gelsenkirchens sitzen vor allem weißhaarige, etwas besser angezogene Menschen beim Wein auf Holzbänken. Ausgeschenkt wird in einer kleinen Hütte, um die Szenerie steht ein Holzzaun.

In einer Seitenstraße finde ich ein Hotel, es scheint verwaist. Erst nach fünf Minuten hört jemand mein Rufen, ein Mann, wieder weißhaarig, zieht sich umständlich eine Maske an, nachdem er aus dem Keller gekommen ist. Der Hotelier erklärt mir, wie ich mit der Karte rein und raus komme und ich morgen früh, wenn niemand da ist, das Hotel wieder abschließe. Und bevor ich in die Stadt gehe, bietet der gebürtige Kroate mir einen Slibowitz an.

Auch in dem Viertel Schalke gibt es viele heruntergekommene Häuser, die Gehwege sind durch kleine Baustellen unterbrochen, auf den Klingelschildern stehen vor allem türkische und polnische Namen.

Mittlerweile ist es dunkler geworden, mehr Männer mit Bart sind zu sehen. Zurück in der Bochumer Straße versuche ich, einen näher kennen zu lernen – der Besitzer eines Halal-Döner-Ladens hat gerade abgeschlossen und wartet im Vorraum mit mir rauchend den Starkregen ab. Er scheint meine Frage nicht verstanden zu haben und antwortet höflich, aber undeutlich; dann ist er auch schon weg.

Die Kneipe mit den AfD-Anhängern hat bereits geschlossen. Aber eine andere ist geöffnet, mit einer urban-alternativen Gesellschaft, die teures „Craftbeer“ trinkt. „Wir sagen alle Du zueinander, es ist Selbstbedienung, falls irgendwelche Leute draußen Stress machen, bitte melden“, so eine junge Frau mit roten Haaren und Arbeiterkappe. Es gebe gelegentlich Betrunkene, die pöbelten.

Der Besitzer der Kneipe meint, dass Journalisten übertreiben wie untertreiben, was die Bochumer Straße betrifft. Doch früher hätte man hier nicht herumlaufen können, die Libanesenclans hätten nur ihresgleichen geduldet. Das sei nun besser geworden, die Polizei hätte durchgegriffen.

Beim Rückweg sehe ich eigentlich nur noch Männer mit Bart. Kurz vor dem Hotel rennt einer von einem großen Imbiss weg und auf mich zu und schreit etwas von „Schmerzensgeld“. Männer mit Bart fordern ihn drohend, aber vergeblich auf, zurückzukehren. Eine Frau, neben ihr das Damenfahrrad mit Einkaufskorb auf dem Gepäckträger, isst in geduckter Haltung ihren Döner an einem Außentisch.

Jens Mattern war im letzten Sommer im Ruhrgebiet unterwegs.

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