Halleluja! Das katholische Wunder-Monopol als Hoffnungs-Versprechen und lukratives Geschäftsmodell

Kreuze an der Gnadenkapelle in Altötting. Bild: F.R.
Kreuze an der Gnadenkapelle in Altötting. Bild: F.R.

Lourdes, Fatima oder Altötting: Für katholische Christen sind es Orte göttlicher Wunder. Wer die Pilger-Orte besucht, ist gut beraten, auf eines zu verzichten: auf Vernunft und Verstand. Wichtig ist allein ein unerschütterlicher Glaube. Das ist der Schlüssel zum Heiligen Geist und zur ewig währenden himmlischen Glückseligkeit.

 

Madonnen, die blutige Tränen weinen, Menschen, die Jesu Leidensmale an Händen und Füßen tragen, Priester, die Sterbenskranke heilen und böse Geister austreiben – das alles klingt nach finsterem Mittelalter und ist doch Realität in der katholischen Kirche des 21. Jahrhunderts. Für gläubige Katholiken sind Wunder Zeichen göttlichen Wirkens. Ein Fingerzeig, ein Hoffnungs-Versprechen. Sie zeigen, dass Gott auch das Unmögliche möglich machen kann. Die Sehnsucht nach göttlichem Zauber, der über die rein nüchterne, wissenschaftliche Erklärung der Welt hinausgeht, ist zeit- und grenzenlos.

Seit Jahrhunderten verfügt die katholische Kirche über eine Fachabteilung für Wunder. Es ist die Selig- und Heiligsprechungs-Kongregation des Papstes. Hier prüfen Mediziner, Naturwissenschaftler und Theologen, welche Menschen in die heilige „Hall of frame“ befördert werden. Für den Prozess der Mitgliedschaft ist ein Wunder nötig, das auf die Fürsprache des Verstorbenen zurückzuführen ist. Die Ausnahme sind Märtyrer, die für ihren Glauben gestorben sind. Ist das nicht der Fall, wird es mit dem Wundern mitunter schwierig. In Grenzfällen hat der Papst das letzte Wort.

Das sogenannte „Martyrologium Romanum“, das „Who is who“ katholischen Spitzenpersonals, umfasst in einer 2004 zuletzt aktualisierten Ausgabe 6650 Selige und Heilige und mehr als 7400 Märtyrer. Ständig kommen neue Auserwählte hinzu. Allein Papst Franziskus (2013–2025) kanonisierte während seines Pontifikats über 900 Heilige. Den Rekord erzielte er im Mai 2013, als er an einem einzigen Tag 800 „Märtyrer von Otranto“ heiligsprach. Sie waren am 14. August 1480 während eines osmanischen Feldzugs hingerichtet worden, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören und zum Islam zu konvertieren. Aktuell umfasst das „Martyrologium Romanum“ rund 16 000 Heilige, Selige und Märtyrer. Weitere Aspiranten warten auf Aufnahme.

Zweifler und Ketzer

Mi den Wundern ist es freilich so eine Sache. Nehmen wir die »Marienerscheinung«: die Hälfte aller weltweit „bestätigten“ Erscheinungen haben bisher – warum auch immer? – vor allem in Frankreich und Belgien stattgefunden, vereinzelt auch in Polen und Tschechien. Warum die Mutter Gottes ausgerechnet in diesem Fleckchen des Globus immer wieder eine Stippvisite gemacht hat, wissen selbst die Wunder-Advokaten nicht so recht. Sei‘s drum! Wer sich auf die Suche nach Antworten macht, ist wie bei allen Wunder-Recherchen ohnehin gut beraten, auf eines zu verzichten: auf Vernunft und Verstand. Wichtig ist allein ein unerschütterlicher Glaube. Das ist der Schlüssel zum Heiligen Geist und zur ewig währenden himmlischen Glückseligkeit.

Wer nicht an göttliche Wunder glaubt, muss heute nicht mehr mit Ausschluss und Verdammnis fürchten. Vorbei die Zeiten, als die katholische Kirche den Wissenschaften argwöhnisch fasziniert beim rationalen Denken zusah – und versuchte zu entschlüsseln, was es damit zum Teufel auf sich hat. Dass es ihre eigenen Ansprüche auf Welterklärung in Frage stellt, leuchtete ihr von Anfang an ein. Daher warf die heilige Kirche Wissenschaftler – als Ketzer, Zweifler und abtrünnige Denker gebrandmarkt – in Kerker, schickte sie in die Verbannung oder gleich auf den Scheiterhaufen.

Maria und die Hot-Spots der Wunder

Heute müssen Ungläubige und Gläubige – zumindest in unseren Breitengraden – miteinander auskommen. Die Kirche verliert an Einfluss, Deutungsmacht und Mitgliedern. Doch am Wunder-Monopol halten die Glaubens-Advokaten fest. Der Pilger-Markt ist eine verlässliche Geldmaschine. Hotellerie, Gastronomie und Devotionalien-Handel bilden eine lukrative Dreifaltigkeit.

Und so gibt es nah und fern zahlreiche Wunder-Hotspots, zu denen die hoffnungsfrohe Christenschar unaufhörlich strömt: ins bayerische Altötting, dem bedeutendsten Marienwallfahrtsortes im deutschsprachigen Raum, wohin jährlich rund eine Million Pilger kommen, um der sogenannten „Schwarzen Madonna“ ihre Sorgen und Nöte mitzuteilen, aber auch ihren Dank zu überbringen. Ins südfranzösische Lourdes zieht es Hunderttausende, wo im Jahr 1858 Bernadette Soubirous nahe einer Grotte mehrfach die Gottesmutter Maria erschienen ist oder nach Loreto, dem Wallfahrtsort in Italien, wohin der Legende nach Engel das „Heilige Haus“ trugen, in dem Maria, die Mutter Jesu, geboren wurde und gelebt haben soll. Im Ranking der Wunder-Hotspots behauptet sich auch Tschenstochau auf den vorderen Plätzen, so etwas wie das katholische Nationalheiligtum Polens. Hier wird seit dem Jahr 1384 das Bildnis einer weiteren „Schwarzen Madonna“ verehrt. Ebenfalls Fatima in Portugal, wo Maria am 13. Mai 1917 drei Hirtenkindern erschien und sich ein Sonnenwunder vor zehntausenden anwesenden Menschen ereignet hat. Fatima zählt mittlerweile zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche.

Wir dürfen festhalten: Maria war eine umtriebige Frau, eine rastlose Globetrotterin. Landauf, landab ist sie den frommen Menschen ganz nahegekommen, hat sie selbst Ungläubige zu Gläubigen heilverzaubert, erschüttert und zu Tränen gerührt – vornehmlich in katholischen Gegenden, gerne in südlichen Gefilden. Gänzlich gemieden hat sie Nordeuropa, vielleicht weil es ihr dort zu kalt war. Maria jedenfalls ist ein Dauer-Hit im Wunder-Universum. Eine Hoffnungs-Spenderin, die, wo immer sie war und in Erscheinung tritt, Menschen in ihren Bann zieht. Sie alle dürfen auf göttliche Gnade, auf Heilung und Begegnung hoffen – auf ein Zeichen vom lieben Herrgott oder anderem himmlischen Tröstungspersonal. Der feste Glaube hilft dabei.

Mit neuen Normen gegen die Glaubens-Konkurrenz

Ob es eine Marienerscheinung tatsächlich gab, eine Statue wirklich Blut geweint hat oder eine Reliquie eine schwer kranke Person geheilt hat? Letztlich entscheiden darüber allein die Wunder-Kommission in Rom.

Vor zwei Jahren hat der Vatikan seine Richtlinien zur Bewertung von Wundern überarbeitet. Künftig will man die zahlreichen Wunder-Performances etwas skeptischer beurteilen. Dies geht aus einem Dokument hervor, das der Vatikan im Mai 2024 veröffentlichte. Angesichts einer Zunahme von „falschen Gerüchten und der Verbreitung von Fake News im Internet“ seien die derzeitigen Richtlinien aus dem Jahr 1978 nicht mehr sinnvoll und praktikabel, begründet die Wunder-Experten ihre Entscheidung, die Normen grundlegend zu überarbeiten. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Betrüger mit angeblichen Wundern oder sonstigen Phänomenen versuchen, Geld zu machen und Menschen zu manipulieren. Diese Risiken sollen mit den neuen Normen des Vatikans vermieden werden.

Es geht also darum, unliebsamer Konkurrenz energischer als bisher zu begegnen. In der digitalen Welt ist die Kern-Kompetenz in Sachen Wunder neuer Herausforderungen ausgesetzt – es gilt zu handeln. So soll es künftig sechs differenzierte Kategorien zur Beurteilung übernatürlicher Phänomene geben. Im günstigsten Fall wird ein „angebliches“ Wunder mit der Kategorie „Nihil obstat“ (zu Deutsch etwa: „Es steht nichts entgegen“) bewertet. Das bedeutet den Angaben nach, dass es zwar keine Gewissheit über die übernatürliche Echtheit gibt, aber doch Anzeichen für ein Wirken des Heiligen Geistes. Die Gläubigen dürfen das Phänomen ohne Weiteres verehren und würdigen. Die restlichen fünf Kategorien beschäftigen sich mit allerlei Grauzonen, die letzte Kategorie sieht jedoch vor, ein Phänomen klar als nicht übernatürlich zu betrachten. Phänomene werden zunächst vom lokalen Bischof in die Kategorien eingeteilt, der Vatikan trifft jedoch nach wie vor die endgültige Entscheidung. Und der Papst.

Die katholische Kirche unterscheidet nun also zwischen echten, zweifelhaften und unechten Wundern. Das ist so, als erfänden Hütchenspieler ein Hütchenspieler-Gütesiegel. Partielles Irresein – fein gestaffelt – als „göttliche Erleuchtung“ zu verkaufen, bleibt so auch zukünftig ein lukratives Geschäftsmodell der katholischen Kirche. Weitere Innovationen warten im „Supermarkt der Wunder“ auf Umsetzung. So könnte die Pilger-Community ihren Herrgott via WhatsApp um Gnade und Erleuchtung bitten. Vorteil: die oft beschwerliche Reise nach Lourdes, Fatima oder Altötting entfällt. Göttliche Wunder könnten so ganz ohne Reise-Stress auf den frommen Follower niederkommen. Ein Halleluja auf die Öko-Bilanz – und ein Hosianna auf die heilige Mutter Gottes.

Helmut Ortner

HELMUT ORTNER hat bislang mehr als zwanzig Bücher, überwiegend politische Sachbücher und Biografien, veröffentlicht. Zuletzt erschienen: „Heimatkunde – Falsche Wahrheiten. Richtige Lügen“ (2024), „Das klerikale Kartell. Warum die Trennung von Kirche und Staat überfällig ist“ (2024) und „Volk im Wahn – Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit“ (2022). Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Helmut Ortner ist Mitglied bei Amnesty International und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.
www.helmutortner.de
Foto: Peter Hönnemann
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4 Kommentare

  1. ich lache mir einen Ast! das Internet ist voll von Heilsbringern, sog. coaches, Quacksalbern aller Art; viele Menschen lassen sich von Mobiltelefonen, Fitnessuhren, chatbots und demnächst Robotern und Hologrammen an der Nase herumführen und Helmut Ortner erinnert uns an die Urmutter der Spiegelkabinette. popcorn, pleez!

    1. @DaBada

      Stimmt, die „neuen Religionen“ gehören auch mal an den Pranger gestellt, aber schauen Sie sich mal die Vita von Helmut Ortner an – er ist auch nicht mehr das jüngste Semester – ergo kann er neue Entwicklungen nicht auf dem Schirm haben.

      Übrigens es gibt jüngere säkulare Religionskritiker, aber leider können die auch enttäuschen – mich z.B. als säkularem friedensbewegten Religionslosen – es gibt einen Philosophen namens Michael Schmidt-Salomon, der leider in punkto Kriegstreiberei den Kirchen in nix nachsteht.

      Schade, aber so ist wohl die menschliche Natur, und das schreibt einer der jüngere Humanisten, Freidenker und sonstige „Gottlose“ durchaus einmal zu schätzen wußte – leider in oben erwähntem Punkt sind manche kein Deut besser als die großen Kirchen und Religionen.

      Trauriger Gruß
      Bernie

  2. @Helmut Ortner

    Guter Text.
    Dazu passend etwas von Hugo Stamm – dem Sektenblog bei watson.ch:

    „[…]Sektenblog

    Die Bibel ist kein brauchbares Zeugnis für die Existenz Gottes

    Die «Heilige Schrift» ist die einzige Quelle, die auf den christlichen Gott hinweist. Sie ist aber nicht glaubwürdig.[…]“

    Link:

    https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/875637357-die-bibel-ist-kein-brauchbares-zeugnis-fuer-die-existenz-gottes

    Übrigens seit der berühmten Epoche der Aufklärung, im Jahrhundert von Voltaire, Kant, Rosseau, Hume usw., keine neue Erkenntnis – Hugo Stamm erinnert nur mal wieder daran, dass das angebliche „Wort Gottes“ von Menschen geschrieben, verfasst und zusammengesetzt wurde – nicht von einem imaginären Wesen namens „Gott“ „Jahwe“ – oder wie auch immer „Gläubige“ dieses seltsame Wesen bezeichnen.

    Eigentlich ist längst eine Aufklärung 2.0 von Nöten, aber nicht nur bei christlichen Wundern sondern bei allem „neuen Glauben“ den es heute – auch jenseits der alten Religionen -gibt.

    Was Wunder angeht, da hat Herr Stamm auch was aktuelles dazu geschrieben, aber da soll jeder mal selbst danach recherchieren – kleiner Tipp es gibt – neben Franz von Assisi – nun einen „neuen“ Heiligen in Assisi – einen „gläubigen Influencer“ – kein Witz, aber recherchiert mal selber nach diesem Jungen, der heute in Assisi für die neuen Generationen als „Reliquie“ herhalten muss – auch kein Witz, leider, aber seine (gläubigen) Eltern haben dem ja zugestimmt.

    Hat nicht Albert Einstein mal folgende gesagt?

    „Zwei Dinge sind unendlich – das All und die menschliche Dummheit….“

    Sarkastischer Gruß
    Bernie

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