Europa vor einem blutigen Bruderkrieg

Europa bei Nacht
Data courtesy Marc Imhoff of NASA GSFC and Christopher Elvidge of NOAA NGDC. Image by Craig Mayhew and Robert Simmon, NASA GSFC., Public domain, via Wikimedia Commons

Europa erlebt gerade einen erneuten Einigungsprozess. Er gründet auf Blut – und es wird das Blut der Europäer in West und Ost sein: ein europäischer Bürgerkrieg.

Es gab in der Geschichte unseres vielfältigen Kontinents einige Versuche der Vereinigung. Manche hatten sogar lange Bestand. Das erste großeuropäische Reich wurde von Rom aus geführt. Es zerfiel, hielt sich aber über viele Jahrhunderte – mal mehr, mal weniger befriedet – über Wasser. Diese Geschichte ist so bekannt, wie die folgenden – sie seien daher nur kurz angerissen. Das Frankenreich unter jenem Karl, den sie den Großen nannten, übte den Versuch eines neuen Rom – ganz Europa zur konsistenten Einheit zu formen, blieb ein Gedankenspiel; aber bruchstückhaft traf es durchaus hervor. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches bauten auf dieser Wunschvorstellung auf – ihr Reich blieb so wenig universalistisch wie jenes der Franken zuvor.

Ab dem 18. Jahrhundert erlebten wir zwei kriegerische Versuche, Europa zu einer Einheit zu formen. Beide »Versuchsleiter« strebten weit in den Osten – der eine schaffte es bis Moskau, fand aber eine verlassene Stadt vor. Die Truppen des anderen scheiterten kurz vor der russischen Hauptstadt. Das Europa Napoleons wurde im Namen revolutionärer Umtriebe unterworfen – das Europa Hitlers nicht minder. Die Revolutionsansätze unterschieden sich freilich beträchtlich. Beide »europäischen Einigungsprozesse« hatten eine atemberaubende Kurzlebigkeit gemeinsam. Die Idee der Europäischen Union, vormals auch Europäische Gemeinschaft genannt, sollte den finalen Versuch einer europäischen Einigung darstellen – die Grundidee war nicht kriegerischer Idee, sondern wirtschaftspolitischer.

Union verkappter nationaler Interessen der Geberländer

Bis neulich galt das noch – mehr oder weniger. Europa – diese Bezeichnung wird in diesem Artikel synonym für Europäische Union gebraucht – geriet jedoch in eine tiefe Krise. Ein dezidiert europäisches Interesse kristallisierte sich eigentlich zu keinem Zeitpunkt heraus. Die Mitgliedsländer verstanden sich weiterhin als Einheiten, die einem nationalen Interesse dienen sollten – einige formulierten das ganz offen, andere haderten mit der Idee eines nationalen Interesses, machten aber trotzdem eine Politik, die den Interessen ihrer Unternehmen diente. Deutschland ist so ein Beispiel. Aus historischen Gründen tat man sich schwer damit, ein nationales Interesse offensiv zu rechtfertigen, schließlich hatte »Hitlers Einigungsversuch« dieselbe Grundlage eines nationalen Interesses. In dessen Namen wurde Europa zu einem Schlachthaus.

Das änderte jedoch nichts daran, dass Staaten immer einem solchen Interesse folgen – die sogenannte Eurorettung galt nicht der Bewahrung der Europäischen Union, wie man damals gerne festhielt und für die man die Eiserne Kanzlerin der Bundesrepublik lobte. Nein, deutsche Unternehmensinteressen sollten gewahrt werden. Vielen europäischen Mitgliedsstaaten war das damals bereits bewusst – insbesondere osteuropäische Staaten verstanden, dass diese Union nationale Interessen der Geberländer kaschieren und zu einem europäischen Interesse umgestalten soll, das es gar nicht gibt. Etwaige deutsche Alleingänge, erinnert sei an die Klärung der Flüchtlingsfrage nach Merkels Art, verblüffte die Union und stellte sie vor getroffene Entscheidungen aus Berlin – die Briten stiegen aus. Die Ungarn blieben in all der Zeit ein Fremdkörper, der sich die Integration fürstlich entlohnen ließ – italienische und französische Populisten drohten mit dem Austritt, so sie die Regierungsgeschäfte übernehmen. (Im Falle Italiens hat sich das letztlich nicht bestätigt.) Kurz und gut: Die Union schien nach 2015 endgültig zu zerreißen.

Der Schein trog nicht. Diese Gefahr war real. Die Pandemie verschleppte diese Entwicklung jedoch – denn wer zuhause im Lockdown sitzt, kommt auf wenig dumme Gedanken. Und wer weiß schon sicher, in wie vielen Köpfen europäischer Politiker der Gedanke reifte, die Krise rund um das Virus zu nutzen, um den europäischen Zersetzungsprozess zu verschleppen, um etwas Zeit zu gewinnen? Im Februar 2022 veränderte sich der ukrainisch-russische Bürger- und Bruderkrieg. Russland ging dazu über, aus den vielen tödlichen Scharmützeln und geheimdienstlich initiierten Aktionen einen regulären Krieg zu machen. Erkannten EU-Politiker sofort, dass dieser Krieg das Zeug dazu hatte, den Abwicklungsprozess der europäischen Einigung einzudämmen und vielleicht sogar aufzuhalten?

Oh Krieg, errette uns!

Eine Weile lange versprach dieser Konflikt die Union zusammenzuhalten – gelegentlich aufmuckende Mitgliedsstaaten waren mittels Zahlungen ruhigzustellen. Etwaige Friedensgespräche, zumal wenn sie erfolgreich verlaufen würden, hätten die Union wieder in den Alltag zurückgeworfen und sie verkümmern lassen – dass ausgerechnet die Briten einem Friedensprozess im Weg standen – erinnert sei an Istanbul – mag man als Treppenwitz der Geschichte abtun, schließlich waren sie kein Teil der Union mehr. Aber der Brexit wurde von populistischen Kräften forciert, die etwas heraufbeschworen hatten, was sie in letzter Instanz gar nicht verwirklicht wissen wollten. Der Krieg erlaubte es Großbritannien zu eine Art Mitgliedsstaat außer Wettbewerb zu werden. »Sonderstatus« nennt man das wohl.

Die Personalie Trump wurde in Europa sofort als große Gefahr begriffen – sicher aus verschiedenen Gründen. Ein Grund war jedoch, dass dieser Trump den Krieg, der Europas Zerklüftung aufzuhalten schien, zunächst beenden wollte. Aus Sicht derer, die die EU retten wollten, whatever it takes, wie man seit Kriegsbeginn so oft erklärte, war das eine Katastrophe. Am Ukrainekrieg gab es reichlich Gewinner. Wirtschaftlich sowieso. Aber eben auch existenziell. Eine mächtige Europäische Union unter Kuratel einer präpotenten deutschen Anführerin, wäre ohne diesen Krieg so nicht denkbar gewesen – die Forcierung einer Denkkontrolle, wie sie dem Wesenskern europäischer Antidesinformationskampagnen entsprechen, hätte es in dieser radikalen Weise sicherlich nicht gegeben.

Die Verewigung dieses Krieges wird in Brüssel gleichgesetzt mit einem neuerlichen europäischen Einigungsprozess. Er ist mehr als eine bloße Chance – er ist die vielleicht letzte Möglichkeit, ehe die Union sich splittet und das Projekt, das als endgültiger Schritt hin zu einer europäischen Republik betrachtet wurde, unkontrollierbar würde. Einige Jahre konnte man sich am Rande eines Stellvertreterkrieges am Leben halten. Aber Kriege entfalten Dynamiken, die nicht mehr beherrschbar sind. Wieso sollte der Ukrainekrieg sich hier von anderen Waffengängen unterscheiden?

Auf Blut gebaut

Und warum sollte Europa, Geldgeber und spiritual leader der Ukraine, davor gefeit sein, von diesen Dynamiken nicht erfasst zu werden? Den Europäern scheint also bewusst zu sein, dass sie früher oder später der Moment ereilt, da sie selbst zum Teil des aktiven Kriegsgeschehens werden müssen, so sie als vereinigter Kontinent überdauern wollen – sicher steckt darin imperiales Bestreben, auch wenn man davon nicht allzu viel wahrnimmt, außer vielleicht, dass man die kontinentale Einigkeit beschwört, um gegen die Fährnisse der Zeit gewappnet zu sein. Ein Hauch von Augusta umweht die Kommissionspräsidentin allerdings schon – sie trägt ihr Haar nicht selten als Kranz. Und Martin Sonneborn wirkt zuweilen wie einer jener antiken Sklaven, die römischen Feldherren auf den Schlachtwagen gestellt wurden, damit diese beim pompösen Siegeszug durch die Urbs immer wieder ins Ohr des Imperators flüstern konnten, er sei auch nur ein Mensch, er möge das bitte nicht vergessen.

Europa will sich auf Grundlage des Blutvergießens in Einigkeit üben. Dabei wird – auch das könnte man mit den Vorgängen im Römischen Reich vergleichen, zu dessen Zeiten Bruderkriege häufig vorkamen und deren man sich durchaus schämte – ausgeblendet, dass dieses Europa gegen Europa vorgeht. Russland liegt zwar größtenteils auf dem asiatischen Kontinent, ist aber ein Land europäischer Kultur. Es ist eine europäische Brudernation, auf deren Rücken die Einigung der westlichen europäischen Hemisphäre gewährleistet werden sollte. Ein europäischer Bruderkrieg zeichnet sich ab – 2029 oder danach. Und auf Blut soll die Union gründen, mit Blut soll sie neu besiegelt, ein neuer europäischer Pakt und Zusammenhalt beschlossen werden.

Hier gleicht die Einigung des Kontinents durchaus jenen beiden kriegerischen Einigungsabsichten, die ab dem 18. Jahrhundert nach der Kontinentalmacht griffen. Auf Grundlage von Menschenopfern stellten sich beide Feldherren – der eine war wirklich einer, den anderen nannten seine Lakaien so – ein europäisches Großreich vor. Fast spürt man darin die Absicht, einen Mythos zu gründen, der nicht selten mit einem großen Opfer zu Beginn einhergeht. Abermals sollen Europäer geopfert werden. Jene Europäer, die keine Lobby haben und die marschieren müssen, sobald die europäischen Eliten Häscher etablieren, die mit der Waffe hinter den Marschunwilligen stehen – fast so wie jene Sklaven hinter erfolgreichen Feldherren. Nur halten die keinen Lorbeerkranz in Händen, sondern entsicherte Gewehre. Europa wird am Ende aber nicht als einiger Kontinent aus diesem Bürger- und Bruderkrieg hervorgehen, sondern als Torso. Und eines Tages wird es erneut jemand versuchen mit einer europäischen Idee. Wenn der Krieg, der uns erwartet, dann lange genug verstrichen sein wird, dürfte es ein neuerlicher Gewaltexzess sein, der etwas einigen will, was offenbar gar nicht geeinigt werden will.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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7 Kommentare

  1. Unter dem totalen Untergang macht es der Roberto nicht
    Womit sonst sollte der Roberto auch noch sein abgestumpftes Publikum erreichen?

  2. „Europa wird am Ende aber nicht als einiger Kontinent aus diesem Bürger- und Bruderkrieg hervorgehen, sondern als Torso.“

    Europa wird, sollte es tatsächlichen einen offenen Krieg gegen die RF geben, ein Trümmerfeld, eine verstrahlte Ödnis sein. Nix mit Torso.

  3. Während die Russen mit Putin und Lawrow jahrelang versucht haben, in der Ukraine mit Verhandlungen (Minsker Abkommen) zu einer für die Menschen vernünftigen Lösung des Konflikts zu kommen und selbst im April 2022 noch zu einer Verhandlungslösung gekommen sind, sehe ich auf westlicher Seite nur Lug und Betrug und Scheindiplomatie.

    Offenbar wollte der Westen einen blutigen Krieg. Nun wird er ihn vielleicht bekommen – wenn auch nicht so wie erwartet.

    Bedenke, worum Du bittest.

    1. Russland hatte mal wieder ziemlich lustige Ideen:

      „Russia inserted a clause saying that all guarantor states, including Russia, had to approve the response if Ukraine were attacked. In effect, Moscow could invade Ukraine again and then veto any military intervention on Ukraine’s behalf — a seemingly absurd condition that Kyiv quickly identified as a dealbreaker.
      Russia tried to secure a veto on Ukraine’s security guarantees by inserting a clause requiring unanimous consent.

      “The Guarantor States and Ukraine agree that in the event of an armed attack on Ukraine, each of the Guarantor States … on the basis of a decision agreed upon by all Guarantor States, will provide … assistance to Ukraine, as a permanently neutral state under attack…”“

      https://www.nytimes.com/interactive/2024/06/15/world/europe/ukraine-russia-ceasefire-deal.html

  4. Nicht zu vergessen das Oströmische bzw. Byzantinische Reich, das sich ebenso als Nachfolgerin des Römischen Reiches sah und eine eigene, orthodoxe Kultur/Zivilisation ausgebildet hat. Damals gab es auch schon West-Ost-Konfrontationen, wobei der Westen nicht selten als Aggressor auftrat (4. Kreuzzug, Plünderung Konstantinopels).
    Europa ist auf engstem Raum sehr heterogen und seine „Christentümer“ (evangelisch, katholisch, orthodox) mentalitätsgeschichtlich doch sehr verschieden.

  5. Ich bin irritiert und nicht geehrt – allem Anschein nach nimmt mich Octopussy für einen politischen Gegner. Nun, das bin ich nicht, das wär definitiv zu viel der Ehre.

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