
Warum die heutige Bundesrepublik Deutschland (so gut wie) nichts mehr mit der ‚Bonner Republik‘ zu tun hat.
Die wiedervereinte Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Land gleichen Namens, das zwischen 1949 und 1990 existierte, nur noch den Namen gemeinsam. Auf den ersten Blick fällt das allerdings nicht auf. Weil die Fassaden noch stehen. Die heutige Bundesrepublik ist nichts Anderes als ein komplett entkernter Altbau.
Ich habe lange gebraucht, bis es mir langsam dämmerte. Und auch jetzt tue ich mich immer noch schwer, mental und – vor allem! – gefühlsmäßig in der neuen Realität, in der ich mich eher tastend voranbewege, anzukommen. Aber im Millimetertempo wird mir immer deutlicher, dass dieses Land, das sich nach wie vor „Bundesrepublik Deutschland“ nennt, mit dem Land gleichen Namens, in dem ich die Hälfte meines Lebens – von 1954 bis 1990 – verbracht habe, kaum noch identisch ist.
Hälfte des Lebens
Aufgewachsen als „Kind des Rheines“ bin ich mit einer dort nicht untypischen Mentalität. Ulrike Guerot hat sie für sich selbst einmal so auf den Punkt gebracht: „Rheinisch, katholisch und europäisch“. Wobei „europäisch“ für mich, ich vermute: wie für Frau Guerot, sich außenpolitisch in erster Linie auf den nahen ehemaligen „Erbfeind“ bezog, innenpolitisch aber auch eine Skepsis – nein: ein starkes mentalitätsmäßiges Fremdeln bis hin zur emotionalen Abneigung – gegenüber jeglichem „Preußentum“ signalisierte. (Paris war – und ist – uns Rheinländern nicht nur geographisch näher als Berlin.)
Natürlich lebten wir in der alten Bundesrepublik nicht auf einer ‚Insel der Seligen‘: Alte Nazis, geläutert oder auch nicht, waren lange noch präsent – als Lehrer, Ärzte, Richter, Professoren, Städteplaner, Journalisten, höhere Verwaltungsbeamte und Politiker. (Manchmal kam es per Zufall raus, oft auch gar nicht – jedenfalls bis zum Tod der betreffenden Personen.) Ab 1972, noch unter Bundeskanzler Willy – „mehr Demokratie wagen!“ – Brandt, legte sich der sogenannte „Radikalenerlass“ für anderthalb Jahrzehnte wie Mehltau über mehrere Generationen von Hochschulabsolventen. Die terroristische RAF auf der einen sowie Bundesregierung, Polizeiapparat und Bundesbehörden auf der anderen Seite verkrallten sich in den Siebzigerjahren, mit Klimax im ‚Deutschen Herbst‘ 1977, dramatisch zu einer blutigen ‚Folie à deux‘. Um Atomkraftwerke wurden zwischen Polizei und Demonstranten wahre Schlachten ausgetragen und die Stationierung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen trieb in den Achtzigerjahren zeitweise über eine Million Menschen, darunter auch mich, auf die Straßen.
Trotz alledem hatte ich aber, bei aller Kritik, im tiefsten Winkel meiner Seele doch ein nahezu unausrottbares ‚politisches Urvertrauen‘ in unseren Staat: Ein vernünftiges Grundgesetz, mit dem ich mich identifizieren konnte; ein im Prinzip funktionierender Rechtsstaat, bei dem die Chancen, am Ende doch Recht zu bekommen, nicht gering waren; nicht zuletzt eine in den Siebziger und Achtziger Jahren immer stärker angewachsene Zivilgesellschaft in Gestalt der (damals) Neuen Sozialen Bewegungen, besonders der Friedens- und Umweltbewegung – und das Problem der alten Nazis würde sich ja früher oder später eh von selbst, sprich: biologisch, erledigen.
Als die Mauer fiel, Deutschland völlig unerwartet wieder vereinigt war und parallel dazu die tödlichen atomar bestückten Mittelstreckenraketen abgezogen und restlos verschrottet wurden, als der Kalte Krieg (wie es schien) beendet war, als die neue Bundesrepublik Deutschland sich auf einmal „von Freunden umzingelt“ in einem völlig veränderten Europa wiederfand, da spürte ich in mir eine große Euphorie: Jetzt, nachdem der Kalte Krieg so glücklich beendet ist, jetzt bauen wir das Gorbatschow‘sche ‚Gemeinsame europäische Haus‘ auf! Jetzt versöhnen wir uns – wie damals mit unserem ‚Erbfeind im Westen‘ – auch mit den Völkern im Osten. Jetzt ist ja vielleicht sogar Kants „Ewiger Frieden“ in Reichweite gerückt…
Ein irritierter Blick nach dreieinhalb Jahrzehnten
Machen wir einen kühnen – und reichlich kühlen – Sprung in die Gegenwart! Und schauen wir uns dieses Land nochmals mit altbundesrepublikanischen Augen an.
Da ist zunächst die Parteienlandschaft. Alle sind sie noch da. (Zwei, davon eine täglich größer werdende, sind noch hinzugekommen.) Schaut man allerdings genauer hin, so stellt man irritiert fest:
„Die CDU ist nicht mehr christlich, die SPD ist nicht mehr die Partei der Arbeiter. Die Liberalen sind nicht mehr liberal und die Grünen schon lange nicht mehr Grün im Sinne einer ehrlichen Umweltpolitik [und erst recht nicht mehr antimilitaristisch]. Und die in Gendersprache, Cancel-Culture und ‚offene Grenzen für alle‘ verliebte Linke ist alles Mögliche, nur nicht links in der Tradition der Arbeiterbewegung.“
So hat es Oskar Lafontaine neulich auf den Begriff gebracht. (Am Eklatantesten trifft dies natürlich auf die um exakt 180-Grad gewendete ehemalige Ökopax-Partei zu, die sich heute an Kriegsgeilheit von niemandem übertreffen lässt.)
Als zweites ein Blick auf die Medienlandschaft. Auch hier sind alle Leitmedien der alten Bundesrepublik nach wie vor präsent: vom Bayernkurier, Welt und FAZ über Süddeutsche und Frankfurter Rundschau bis hin zur antiautoritären taz. Tagesschau und Tagesthemen präsentieren sich wie einst im charakteristischen Blau, heute und heute journal senden immer noch zu denselben Tageszeiten. Schaut und hört man aber auch hier schärfer hin, so realisiert man verblüfft: Eine tatsächliche Meinungsvielfalt existiert nicht mehr! Ob FAZ oder taz – was die wirklich relevanten Themen angeht, so steht überall dasselbe. (In der taz lediglich einen Tick salopper und – selbstverständlich! – streng gegendert.)
Es gibt auch noch eine linke Szene. (Zumindest ein Milieu, das sich ‚irgendwie‘ als links versteht und so präsentiert.) Der genauere Blick offenbart allerdings, dass man sich hier fast nur noch mit Identitätsfragen oder der skurrilsten Inszenierung der exotischsten erotischen Neigung beschäftigt. Die Eigentumsfrage und Fragen der sozialen Gerechtigkeit dagegen spielen so gut wie keine Rolle mehr. Dementsprechend erscheint diese – jeglichem Antimilitarismus abholde – Lifestyle-Linke (wie deren alt gewordene Hauspostille) auch nur bei oberflächlicher Betrachtung als aufmüpfig. In Wirklichkeit ist sie genau die „Linke“, die dem globalisierten Kapital nicht gefährlich wird, ihr Habitus geradezu die unabdingbare Voraussetzung, um in diesem Staat Karriere zu machen.
Einen Lift auf dem raschen Weg nach oben – zumindest aber ein komfortables Zwischenlager für sonst arbeitslose Geistes- und Sozialwissenschaftler – bilden (neben den zahlreichen transatlantischen Organisationen) sogenannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Ja, die gibt es nicht nur noch – sie sind in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten sogar wie Pilze aus dem Boden geschossen! Wo allerdings in den Achtziger´jahren noch erbittert über „Staatsknete“ gestritten wurde, stellen sie sich heute allesamt als staatlich, nein: oft sogar regierungsamtlich, alimentiert heraus.
Und nicht nur das: Viele von ihnen betreiben nicht allein eine, mit rund 200 Millionen Euro jährlich geförderte, Fortsetzung der Regierungspolitik mit anderen Mitteln. Sie entpuppen sich vielmehr als der – nur notdürftig getarnte – verlängerte Arm der Staatsgewalt fürs Grobe, sprich: sie operieren, vorsichtig gesprochen, schlicht am Rande der Legalität. Sogenannte „Antifeministische Meldestellen“ sammeln, staatlich gefördert, „Fälle, unabhängig davon, ob sie angezeigt wurden und unabhängig davon, ob sie einen Straftatbestand erfüllen oder unter der sogenannten Strafbarkeitsgrenze liegen.“ Ähnliches gilt für sogenannte „Anti-Hate Speach“- und andere Vereinigungen. (In Summa die neubundesrepublikanische Version des ehemaligen Vereins „Horch & Guck“ – kurz: eine, diesmal ‚zivilgesellschaftlich‘ outgesourcte, „Stasi 2.0“.) Und selbsternannte, mit bundesdeutschen oder EU-Gütesiegeln geadelte „NGOs“ verbreiten unter dem Etikett „Bekämpfung von Fake News“ selber Desinformation. – Mit einem Wort: Der Begriff „Nichtregierungsorganisation“ erweist sich als klassischer Etikettenschwindel, der umgehend durch „GONGO“ (Government-Organized Non-Governmental Organization) ersetzt werden sollte!
Ob der Rechtsstaat im Großen und Ganzen noch funktioniert, das wage ich nicht zu beurteilen. Wohl aber, dass ein Grundprinzip jeglicher Demokratie gerade höchst elegant ausgehebelt wird: die Meinungsfreiheit! Und damit kommen wir zur atemberaubenden Degeneration jener supranationalen Institution, die einst Hoffnung aller weitsichtigen und friedliebenden Geister auf diesem Kontinent war. Die Europäische Union, gegründet als Friedensprojekt, als nationenübergreifende Lehre aus zwei blutigen Weltkriegen, ist nicht nur nach außen zu einer rasenden Kriegsfurie verkommen. Sie verwandelt zudem nach innen unliebsame Staatsbürger völlig willkürlich in aller Rechte beraubte Paria und katapultiert sie somit – alle geheiligten Werte und sämtliche Prinzipien der vom europäischen Kontinent ausgegangenen Aufklärung ignorierend – schnurstracks zurück ins Mittelalter! Als Vogelfreie. Der geniale Trick: Bei den Willkürmaßnahmen des „Rats der Europäischen Union“ handelt es sich nicht etwa um Strafen (selbst wenn die Sperrung der Konten, die Beschränkung der Bewegungsfreiheit und das Verbot der Unterstützung durch Dritte im Worst Case auf eine ‚Todesstrafe auf Raten‘ hinauslaufen), sondern um „außenpolitische Abwehrmaßnahmen“ – weshalb ihnen auf dem nationalen Rechtsweg, sollte er noch funktionieren, auch gar nicht beizukommen ist!
Kurze Kinderfrage: Ist ein Staat, in dem (genauer: über den und dessen Bürger hinweg) die Meinungsfreiheit (bekanntlich immer die ‚Freiheit der Andersdenkenden‘) par ordre du mufti einfach suspendiert werden kann, indem supra-nationale Akteure diejenigen, die sie in Anspruch nehmen, schlicht kaltstellen – ist ein solcher Staat eigentlich noch eine Demokratie?
Und was ist mit dem Grundgesetz, einer dezidiert dem Frieden verpflichteten Verfassung, wenn dieses Land, Totalverweigerung in Sachen Diplomatie betreibend, sich nun fröhlich zur größten konventionellen Militärmacht auf dem westeuropäischen Kontinent aufschwingt, deren Politiker und Leitmedien tagtäglich schriller in Richtung Krieg blasen – und dies in einem zusehends kriegstüchtiger werdenden Bündnis, das noch zu altbundesrepublikanischen Zeiten ausschließlich der Verteidigung verpflichtet war?
Entkernt
Warum fällt all das auf den ersten Blick so wenig auf? Warum sieht die neue Bundesrepublik Deutschland, oberflächlich betrachtet, der Bonner Republik immer noch so ähnlich?
Weil die entsprechenden Institutionen eben nicht abgerissen, sondern entkernt wurden! Das Land, in dem ich mittlerweile die zweite Hälfe meines Lebens verbracht habe, kommt mir immer mehr vor wie ein komplett entkernter Altbau: Die Fassaden stehen noch. Aber wer wissen will, was sich hinter ihnen tatsächlich verbirgt, darf sich davon nicht blenden lassen.
Oder in einem anderen Bild: Die meisten Institutionen und Organisationen – allen voran unsere privaten und öffentlich-rechtlichen Leitmedien, Arm in Arm mit einer einstmals pazifistischen Partei, sogenannte Nichtregierungsorganisationen, die sich als ‚links‘ präsentierende Szene, nicht zu vergessen die von Tag zu Tag aggressiver auftretenden realen Institutionen der Macht: Armee, NATO und Europäische Union – alle kommen sie mir vor, als seien sie zwischenzeitlich geräuschlos umfunktioniert und (feindlich) übernommen worden. Mein einstiges ‚politisches Urvertrauen‘ ist mir jedenfalls restlos abhandengekommen.
Wie gesagt: Es sieht manchmal noch fast so aus wie früher. Weil die Fassaden noch stehen. Wohlgemerkt, die Fassaden!
Dieser Artikel erschien bereits bei Globalbridge.
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Ach, die Welt ändert sich. Na das ist ja eine wahrlich neue und bahnbrechende Erkenntnis.
Oder ist das nur eine wortreiche Abwandlung von „früher war alles besser“ die der Autor zum besten geben wollte.
Jeder, der den Western „Zwei glorreiche Halunken“ gesehen hat, kennt die Szene, in der der Blonde (Clint Eastwood) dem Nonsense labernden Tuco (Eli Wallach) den Zigarrenstumpen reicht mit der Bemerkung „Mach ein paar kräftige Züge, dann kannst du gut kacken“.
Der Autor vermisst sicherlich auch eine Bundeswehr mit 500K Soldaten, die Nato-Herbstmanöver, den alten §218 und die ewig langen Panzerkolonnen die früher durch die Republik gefahren sind.
@Vende:
Es gibt einen Weichkäse namens „Pragmatismus“ und Sie möchten diesen verkaufen. Mal so gefragt, wenn Sie auf Ihr politisches und soziales Dasein zurück blickten und der Großteil wäre irgendwie nicht besser, würden Sie doch sicherlich auch staunen oder doch lieber in die Hände klatschen?
@Vende
1. „Ach, die Welt ändert sich. …“ –
Was soll das? Oder wollen Sie einfach nur auf billige Art und Weise noch unter RTL- und BILD-Niveau provozieren? Wenn man im Frieden lebt und dann fällt der Krieg wieder einmal „vom Himmel“, dann ist das zweifelsohne auch eine „Veränderung“, aber für die Mehrheit der Bevölkerung sicherlich keine gute Veränderung. Oder wollen Sie das gleichsetzen und so tun, als ob es zwischen Frieden 🕊️ ☮️ 🧑🤝🧑👶 🏠🌳 🏡🏫 🏘️ und Krieg 💣 💥 💀 ⚰️ 🪦 🏚️ keinen großen Unterschied geben würde? Krieg bedeutet: tote, verletzte und verstümmelte Soldaten und Zivilisten, Kriegsversehrte, Leid, trauernde Kriegswaisen, Flucht, Flüchtlingslager, Vertreibung, Chaos, Hunger, Seuchen, Krankheiten, Angst, Traumatisierung, Albträume, seelische Narben, Kriegsverbrechen, Misshandlungen, Vergewaltigung, Massaker, Terror, Obdachlosigkeit, zerstörte Häuser und Infrastruktur usw.
2. „früher war alles besser“ –
Wer bitte sagt das? Früher war NICHT ALLES besser, ABER VIELES schon. Oder wollen Sie das tatsächlich bestreiten?
Was die Linke angeht, so gilt heute wieder das, was auch in den Jahren vor 1968 galt:
Den Blick auf Frankreich werfen. Guckt, was La France Insoumise macht, das Unbeugsame Frankreich
(da das Overton Magazin über sie nicht seriös berichten will, guckt nach anderen Informationskanälen).
So war es auch für die 1968er (mein verstorbener Patenonkel sprach fließend französisch):
„In Frankreich habe ich die Linken kennengelernt. So etwas gab es in [Post-Nazi-] Deutschland nicht.“
So ist es heute wieder. Das Placebo, das sich Linkspartei nennt, nicht weiter beachten, sondern die wirkliche Linke in Frankreich kennenlernen.
@Autor
Zitat:“ Die wiedervereinte Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Land gleichen Namens, das zwischen 1949 und 1990 existierte, nur noch den Namen gemeinsam.“
Das ist mir bereits vor rund 20 Jahren aufgefallen und zwischenzeitlich bin ich zu der Ansicht gelangt, dass man die Rolle rückwärts macht nach Weimar oder Kaisers Zeiten. Auch und gerade aktuell wieder, wenn man z. B. zur führenden Militärmacht Europas aufsteigen will. (Dumm ist, immer wieder das Gleiche zu tun und sich ein anderes Ergebnis zu erwarten)
DIESES Deutschland ist aber ganz sicher nicht mehr das Land, in dem ich geboren wurde.
Vielmehr sehe ich den zentralen Verrat der Politik am Grundsatz „nie wieder Krieg!“
Fakt ist: Zum Schutz von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie muss jeder Bürger sich dieser Politik entgegenstellen und notfalls den Verantwortlichen in den Arm fallen.
Die Richtung muss (jetzt) geändert werden!
Francois Mitterand und vor allem Maggy Thatcher waren damals strikt gegen die deutsche Wiedervereinigung und hatten eindringlich davor gewarnt. Maggy Thatcher lag nicht falsch mit ihrem Urteil über die dunkleren Seiten des deutschen Charakters, „unberechenbar und zerrissen zwischen Angriffslust und Selbstzweifeln“.
Und jetzt haben wir den Salat. Die führenden deutschen Politiker predigen wieder Kriegstüchtigkeit und wollen die wieder stärkste Armee in Europa aufbauen. Und das deutsche Volk ist seinem Grundcharakter entsprechend ergebener Untertan und schweigt zu allem. Da kann man durchaus Angst kriegen, ob man sich demnächst wieder mit „Sieg Heil!“ grüßen müssen…
Alles sehr, sehr bedenklich, wohin unser Land sich entwickelt.
„Slava Ukraini“ rufen unsere fast kriegstüchtigen Politeliten in ihrem Größenwahn ja schon gerne mal öffentlich. Das ist eigentlich fast dasselbe.
Nunja, Frau Thatcher hat viel gesagt, auch »There’s No Such Thing as Society«, was bei ihr sicher mehr Projektion als Definition war – und dabei eigentlich meinte: „I do not need such thing as scociety, because I’m part of the superior class and you’re … not.“
Aber mit der deutschen Politikerkaste und Wiedervereinigung hatte sie wohl nicht unrecht.
Ja, beide Punkte sind gut. Vielleicht kann man Frau Thatcher sogar noch auch auf links drehen und sagen: „O.k., wenn das mit ‚No such thing as…‘ so ist, muss aber auch keiner à la JFK (war obendrein ein Millionärssöhnchen, was den Spruch noch absurder machte) kommen und sagen: „Frag dich, was du für dein Land tun kannst!“ Es lebe der Links-Thatcherismus (auch wenn das Margaret „Holen wir UNS die Falklands zurück“ Thatcher wohl kaum gefallen würde).
Anstatt Euphorie eine riesige Portion Skepsis. Die sich auch bewahrheitete.
Es war klar, dass die Übernahme des bis dahin sozialistischen Ostens durch den westlichen Kapitalismus nichts Gutes bringen würde – jedenfalls nicht für die ungewaschenen Massen. Dass statt dessen ungebremster Neoliberalismus Einzug halten würde.
Bis dahin waren Deutschland und Westeuropa noch Schaufenster der Leistungsfähigkeit des Kapitalismus. Auf Kosten der „Dritten“ Welt, an deren Ausbeutung auch die westlichen Massen etwas mehr profitieren durften. Das fällt heute weg, das Profitieren, nicht die Ausbeutung.
„Offene Grenzen“ (Natürlich waren die Grenzen nie offen) – das hieß früher mal „internationale Solidarität“. Weil, das wusste man damals noch mit der Ausbeutung.
Der Autor drückt genau aus, wie ich die Dinge erlebt habe, wir sind auch ungefähr gleich alt!
Ein „Urvertrauen“ in den Rechtsstaat hatte ich allerdings nicht in der beschriebenen Weise.
Das GG an sich hatte allerdings schon immer seine Schwächen, eine Parteienoligarchie, die „sich den Staat zur Beute macht“( Karl Jaspers), hatten wir schon in der alten Bonner Republik. An die Notstandsgesetzgebung möchte ich auch noch einmal erinnern, Verschärfungen des Demonstrationsrecht hatten wir auch schon damals, bspw. das „Vermummungsverbot“, die Polizei hat Demonstrationen bei unklarer Rechtslage schon damals gefilmt. Besuch vom Verfassungsschutz und der Polizei hatte ich in den 80ern ebenfalls, weil ich „Kontakte zu gewissen Kreisen, die nicht auf dem Boden der FDGO stehen“, hätte. Eingeschüchtert hat mich das nicht, im Gegenteil, bei meiner kurzen Zündschnur damals, hat mich das zu den Autonomen gebracht, ich habe ganz persönlich der Staatsmacht den Kampf angesagt und meine Vorstrafen in Kauf genommen.
Und so salopp über das Problem der ehemaligen Nazis wegzugehen, wie der Autor das tut, kann ich auch nicht.
Ich halte das für einen generellen Webfehler eben auch der „Bonner Republik“.
Da saßen im parlamentarischen Rat die gleichen Figuren drin, die Reichstag Addolffs Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten, das AA, die Staatsanwaltschaften, die Richterschaft, die Beamten und selbst die Polizei waren von Nazis durchseucht. Nahezu die gesamte Exekutive, Judikative und über die Zusammensetzung der Legislative, wo damals schon Leute über „bedauerliche Fehler, war eine andere Zeit“ schwadronierten, ist ein brauner Sumpf gewesen.
Gewisse Addolff-Gesetze wurden beibehalten, keine „Versammlung“ mit mehr als drei Personen war gestattet, der „Nötigungsparagraph“ wurde anstandslos übernommen.
Hinzu kam die Stellung der Frau!
Die „Väter des Grundgesetzes“ waren eben Väter, die paar Mütter im parlamentarischen Rat hatten ihre liebe Mühe, den Vätern abzuringen, die Gleichberechtigung der Frau im GG festzulegen,.
Meine Mutter musste sich die Erlaubnis zum Studium vom Vater erbetteln, der Ehemann konnte für die Frau kündigen, hatte ein Recht auf „Erfüllung der ehelichen Pflichten“, die Frau verlor bei der Eheschließung die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen.
Ab wann stand Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe? In der Bonner Republik jedenfalls nicht.
Dann die Wiederbewaffnung, eine Entscheidung gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung getroffen, die „Ohne Mich“-Proteste wurden ins Lächerliche gezogen, den ersten massiven Angriff auf die Pressefreiheit sah man in der bekannten „Spiegel-Affäre“, ein „Abgrund von Landesverrat“ ( Adenauer ) wurde behauptet und Minister logen das Plenum an. Kommt einem bekannt vor, oder?
Die Zustände jetzt sind unfassbar fürchterlich, schlimmer, als viele, auch ich, das jemals für möglich hielten, da gebe ich dem Autor recht.
Man muss auch sehen, das die Bonner Republik Frontstaat der NATO war, mit nuklearer Vernichtungsgarantie im Kriegsfall, Hochlohnland und Aushängeschild des Westens, die „den Brüdern und Schwestern“ ( JA, es waren die Brüder zuerst genannt, bezeichnend ! ) „drüben“ die Überlegenheit des westlichen Systems zu demonstrieren hatten.
Nach „drüben“ sollte man vielfach auch gehen, wenn man Systemkritik äußerte, für viele Ältere war die DDR zeitlebens „Die Zone“.
Nach dem Anschluß überfuhr der „überlegene Westen“ die „Brüder und Schwestern“ wie ein Bulldozer, die dann die Segnungen des Kapitalismus am eigenen Leib erfahren durften: war nix mit Verfassung gebender Versammlung, „wenn sich das deutsche Volk in Frieden und Freiheit wiedervereinigt“, Pustekuchen!
Dafür haben wir den grünen Pfeil beim Rechtsabbiegen übernehmen dürfen, die kostenlose Gesundheitsversorgung, die Kinderbetreuung und die Stellung der Frau hingegen nicht.
Nebenbei bemerkt würde sich ein riesiger Teil der heutigen US-Bürger sicher freuen, wenn sie so leben könnten, wie der durchschnittliche DDR-Bürger mit diesen Möglichkeiten gelebt hat, ach was, in Grunde gilt das für den prekären Teil der Bevölkerung hier ganz genau so, sollte man mal drüber nachdenken, bevor man „Unrechtsstaat“ schreit!
Im Gegensatz zu Herrn Ensel, der mir recht nostalgisch vorkam, kann ich die Bonner Republik betreffend keinerlei Nostalgie empfinden, auch wenn ich recht gebe, das die Zustände derzeit noch bedeutend schlimmer sind.
Aber angelegt und möglich sind diese Verhältnisse doch nur, weil das GG diese Spielräume eröffnet.
Unsere vielgerühmten „Väter des Grundgesetzes“ haben sich das vermutlich so gedacht, denn die Bevölkerung ist, außer bei den „Akklamationsveranstaltungen der Parteienoligarchie“ ( Karl Jaspers ) Wahlen genannt, von politischer Mitgestaltung ausgeschlossen.
Haben die sauber hin bekommen!
Vielleicht liegt es daran, dass es vor 1990 noch eine politische und gesellschaftliche Opposition im Lande gab, die dem Treiben des Kapitalismus zumindest noch den Spiegel vorhielt und in ihn in nicht wenigen Fällen sogar erfolgreich einhegen konnte? Davon ist heute so gut wie nichts mehr übrig, fehlgeleitet (Pseudo-Linke, Wokeismus) oder selbst system- und marktkonform eingehegt (Laufstall-Medien). Wobei ich sagen muss, dass diese Entwicklung schon in den 1980er Jahren in den Grundzügen erkennbar war, und zwar je mehr die sozialistische Systemkonferenz an Gegenkraft verlor. 1990 war dann für die reaktionären Kräfte das Startsignal für einen kompletten politischen Umbau hinter demokratischen Fassaden. Den – noch geduldeten – „Linken“ überließ man den für den Kapitalismus ungefährlichen, ja sogar politisch und ökonomisch ausbeutbaren Wokeismus. Sollte sich die extreme (turbokapitalistische) Rechte in D und in Europa komplett durchsetzen, würde auch das obsolet. Die Linke wäre politisch „entsorgt“. Das Ziel der reaktionären Kräfte, die hinter 1789 zurück wollen.
@ Wallenstein:
Was Du beschreibst nehm‘ ich ganz ähnlich wahr, obwohl ich, ähnlich wie Leo Ensel, mal eine Art „Minimalvertrauen“ in „die BRD“ hatte, das peu à peu wegbröselte, bis es dann vor einigen Jahren komplett in Trümmer gehauen wurde. Ich bin eben gutgläubig bis schwer von Begriff, hätte ich auch früher drauf kommen können … aber hey, daß das, was mir da von klein auf erzählt wurde über die hiesigen Verhältnisse, nicht so ganz stimmt, das ist das Eine, aber daß die Erzählung, wie schön und sinnreich das alles doch vorgesehen sei, wie gut gemeint und nur zu meinem Besten, daß die überhaupt nicht ernst gemeint, sondern die reine Verarschung war und nie etwas anderes sein sollte, das war für mich als „Schwarzer Krauser“-Gestähltem doch erstmal zu starker Tobak …
1990, wir waren Anfang 20, blickten meine Freundin und ich aus dem Fenster unserer Altbauwohnung auf die vorüberziehende Menge, die den Gewinn des Weltmeistertitels der deutschen Nationalmannschaft feierte. Ihr Kommentar war bloß: „Ich hab‘ Angst!“ …
“ Der genauere Blick offenbart allerdings, dass man sich hier fast nur noch mit Identitätsfragen oder der skurrilsten Inszenierung der exotischsten erotischen Neigung beschäftigt.“
Vollkommener Quatsch. Wie so oft, redet hier ein Blinder von Farben. Er kennt die Linke (damit ist nicht die Partei die PdL gemeint) nur aus der Perspektive des Bildlesers, hat sich nie mit den Inhalten und Arbeit derzeitig aktiver linker Orgas beschäftigt. Und erzählt dann solchen Stuß. Ein bissl Recherche auf SocialMediakanälen würde ihm ziemlich schnell zeigen, daß er komplett falsch liegt. Aber wozu die Mühe, es geht ja nur darum, Stimmung gegen Linke zu machen.
können Sie mir erklären was die Linke bisher REAL zustande gebracht außer Selbstdarstellung und Beschäftigungstherapie… und die Tattoos sehen wie bei den Fussballern aus…
Auch bei der Abkürzung ist die Fassade geblieben: BRD = BlackRock-Deutschland. Mit „BlackRock“ als Chiffre für Staat des Kapitals. Die „Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“ – so der Titel des zu diesem Thema einschlägigen Werkes von Werner Rügemer – sind eben die neuen Finanzakteure. Überhaupt zeigt Rügemer in diesem und weiteren Büchern und Artikeln, daß das Lebensgefühl „gute alte BRD“ von Gründung an die Fassade eines Klientelstaates des westlichen Kapitals, mit Hauptsitz in Amerika, war. Das ging für Deutschland schon in den 1920er Jahren los – wenn man nicht schon mit Bismarcks Reichsgründung, als Klassenkompromiss von Junkertum und Großkapital, anfangen will.
Eigentlich begann es schon in den 1980zigern.
Da zog nach und nach in die bundesrepublikanischen Gemäuer der neoliberale Zeitgeist ein. Der Zwillingsbruder des Faschismus.
Ein brillanter Artikel!
Zum Unterstreichen:
„Die wiedervereinte Bundesrepublik Deutschland hat [2026] mit dem Land gleichen Namens, das zwischen 1949 und 1990 existierte, nur noch den Namen gemeinsam. Auf den ersten Blick fällt das allerdings nicht auf. Weil die Fassaden noch stehen. Die heutige Bundesrepublik ist nichts Anderes als ein komplett entkernter Altbau.“
Stimmt, das Stehenlassen der Fassaden und der Formen – bis hin zu den Nachrichtensendungen – ist so gesehen ein gelungener Trick. Eine Art von schleichender Revolution ohne sichtbare grobe Revolution.
Und ich kenne wahrlich genug Leute, die das alles auch heute noch nicht gemerkt haben. Jeder kann es ja auch nicht merken, denn man braucht dazu ein gewisses Lebensalter.
—
Ja, wer kennt sie denn noch, die alte Bundesrepublik? Sicherlich war sie nicht perfekt, aber irgendwie doch berechenbar und mit funktionierenden Institutionen, die sich gegenseitig ausbalancierten (Gewaltenteilung) sowie einer guten Wirtschaft gesegnet.
Wer sie noch halbwegs kennen gelernt hat, und zwar in einem Alter, wo man schon selbst denken können sollte, der müsste 1990 oder meinetwegen auch noch 1995 mindestens – sagen wir mal – 25 Jahre alt gewesen sein. So einer ist heute 56 bis 61 Jahre alt – oder älter.
Schließlich endete die alte Bundesrepublik Deutschland nicht schlagartig am 3. 10. 1990, sondern über einige Jahre hinweg, etwa zwischen 1990 und 1998/2005. Der Bundeswehreinsatz im Jugoslawienkrieg (1995) wäre vielleicht eine geeignete Jahreszahl, wenn man denn unbedingt so eine Zahl braucht.
Anders gesagt:
Jeder, der heute jünger ist als etwa 56 Jahre, der weiß wirklich gar nicht mehr so richtig, wie diese alte gute Bundesrepublik war, und zwar unabhängig davon, ob er im Osten oder Westen aufgewachsen ist.
Und jeder der heute jünger ist als 46 Jahre, der hat noch nicht mal das Nachklingen, das Ausklingen zwischen 1995 und 2005 bewusst erlebt. Solche Leute können hier also gar nicht mitreden und sich ein Urteil erlauben.
Auch die DDR-Bürger von 1989 haben die alte Bundesrepublik in der Regel (es gibt Ausnahmen) nicht in ihren besseren Zeiten kennen gelernt, sondern hauptsächlich nur in jener eher traurigen Raff- und Treuhandperiode nach der Wiedervereinigung.