Ein Land, auf das man keinen Anspruch haben darf?

Aerial view of Rhine River near Frankfurt
Sdkb, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Viel Empörtes wurde über einen Satz berichtet, den AfD-Mann Siegmund sagte. Demnach wolle sich seine Partei »unser Land« zurückholen. Was an dieser Parole – übrigens oft auch von Linken skandiert – falsch sein soll, kann man bestenfalls herbeikonstruieren – aber nicht begründen.

So neu ist der Spruch nun wahrlich nicht: Wir wollen uns das Land zurückholen. Neulich hat ihn Ulrich Siegmund gebracht. Einige Jahre ist es her, da hat man Hubert Aiwanger, den Vorsitzenden der bayerischen Freien Wähler, zum Vorwurf gemacht, dass er diese Sentenz formulierte – bei Markus Lanz wurde er dafür gegrillt. Der ZDF- Scharfrichter biss wild um sich, als habe der Niederbayer gar Schreckliches kundgetan, als bedeute die Rückholaktion des Landes ungefähr dasselbe, wie die Errichtung eines Flächennetzes von Arbeitslagern. Dabei hat auch Aiwanger diesen Spruch nicht erfunden – auch nicht die Nationalsozialisten, die hierzulande stets zuerst verdächtig werden. Ja, er lässt sich noch nicht mal ideologisch einhegen, weil so mancher Rebell und Freiheitskämpfer ihn ebenso benutzte, wie es Rabauken und Radikale taten. Der Spruch dürfte so alt wie die Menschheitsgeschichte sein – zumindest wie jener Teil dieser Geschichte, der sich in den Grenzen von staatlichen Gemeinwesen abspielte.

Nun also Siegmund. Prompt erntete der Spruch reichlich Empörung. Als sei es ein Skandal, dass ein Politiker in Aussicht stellt, dass es ein Land geben könnte, das anders ist jenes, in dem wir heute leben. Gehört das Land den Bürgern? Oder ist es nicht so, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass eine Politik betrieben wird, die die Menschen mehr und mehr entmündigt und enteignet? Hat der AfD-Politiker das gemeint? In Ansätzen vielleicht – der Rest ist Interpretation. Ob er – ob seine Partei – nun wirklich wollen, dass das Land zurückfällt an die normalen Menschen – oder an die Deutschen? – sei wirklich mal dahingestellt. Aber der Skandal ist doch an völlig anderer Stelle zu suchen: Warum fordern nicht viel mehr Politiker, gerade auch aus anderen Parteien, dass das Land wieder ein Ort wird, an dem Menschen gut und gerne leben – und das nicht in Händen von Konzernen, Interessensgruppen und superreichen Tunichtguten liegt?

No Counrty for Old Men?

Das eigene Land nicht mehr zu erkennen: Das ist eine Wahrnehmung, die viele Menschen in Deutschland umtreibt – vermutlich ist es auch an anderen Orten dieser Welt ähnlich. Warum man dieses Gefühl hat, mag mannigfaltige Gründe haben – ja, auch ganz unterschiedliche Gründe. Aber es drängt sich den Zeitgenossen auf. Und es ist ja, das wollen wir gleich voranstellen, nicht nur ein Gefühl. Viel hat sich im Lande verändert, seit Jahrzehnten plagt die Menschen die Erkenntnis, dass die Zeiten des Aufschwungs, der Zuversicht, sozialliberaler Reformen und wirtschaftlichen Vorankommens längst verstrichen sind. Sie spüren, dass das Land in die Hände der Raffgier fiel, auch der gezielt eingesetzten Dummheit – das Land, in dem sie aufwuchsen, in das sie gebettet waren, ist ihnen abhandengekommen. Nun werden manche einwenden, dass dieses Land nie existiert habe – und ja, die Verhältnisse waren nie so, dass den Bürgern das Land je gehörte. Aber dennoch kennen sie eine nationale Kultur, die wenigstens in Stücken darum bemüht war, Teilhabe zu sichern – die Mächtigen geben sich längst nicht mehr dieses Anspruches hin. Die Bürger sind so fremd im eigenen Land, wie sie es zuvor nie waren. Etliche glauben sich heimatlos. Sie kennen ihr Land nur noch im Notfallmodus, im Mangelbetrieb und spüren, dass es sich systemisch stark verändert hat – und das sicher nicht zu Gunsten der Bürger.

Es gibt verschiedene Ursachen, weswegen Menschen im Hier und Heute mit den Zuständen im Land hadern – und weswegen sie der Ansicht sind, dass man sich das Land doch eigentlich zurückholen müsste. Dass man diesen Ausspruch in das rechte Lager verfrachtet, es in Deutschland zuweilen als Ausdruck nationalistischer Tümelei und nationalsozialistischer Reminiszenz einordnet, ist sachlich kaum zu begründen – emotional mag man aus historischen Gründen Bauchschmerzen haben. Aber was ist daran verwerflich, wenn die Menschen eines Landes den Anspruch formulieren, dass das Land, in dem sie leben, auch ihr Land sein sollte? Ist das grundsätzlich sofort stockkonservativ, rechts oder gar rechtsextrem? Oder megarechts, wie man nun zuweilen auch bei denen liest, die den Nationalsozialismus als Wiedergänger durch die Lande wandeln glauben? Müßig darauf zu verweisen, dass rechts im Bezug auf das Phänomen des Nationalsozialismus nicht zutrifft, er war eine Melange aus verschiedenen ideologischen Richtungen – es ist hier aber auch nicht unser Thema.

Ist es also relevant, wer sein Land zurückholen will? Wenn es linke Demonstranten oder woke Social Justice Warriors fordern, dass sie sich das Land zurückholen wollen, ist es völlig in Ordnung und ein Zeichen von progressiver Haltung? Die Regenbogenflagge an Ministerien: Ist das eine Rückholaktion, der man applaudieren darf? Auch dann, wenn einen das Gefühl plagt, dass es eher einer Umerziehung entspricht als einer Rückkehr zur Aneignung des Landes? Wenn jedoch alte weiße Männer darüber schwadronieren, dass sie am Wandel der Gesellschaft nicht beteiligt sind, sollte man sofort das Schreckgespenst des wiederauferstandenen Faschismus an die Wand malen? No Country for Old Men? Dürfen Konservative und Traditionalisten gar nicht erst die Hoffnung hegen, dass dieses Land auch ihres sein könnte? Sollen sie mit dem Gefühl zu leben lernen, fortwährend fremd zu sein in den eigenen Gefilden? Haben sie zu akzeptieren, dass ihre Steuergelder in eine Bewusstseinsindustrie gesteckt werden, die als Vorfeldorganisationen eines nimmersatten Parteienapparates fließen?

This country could be made for you and me

Dass wir uns bitte recht verstehen: Siegmund von der AfD fiel zuletzt mit diesem Satz auf – und wie gesagt, es ist skandalös, dass das niemand anderes so formuliert. Diese AfD steht aber nicht abseits des eben so benannten »nimmersatten Parteienapparates«. Deswegen darf man berechtigte Zweifel hegen, wie aufrichtig so ein Satz gemeint sein kann, ganz gleich von wem aus dem Parteienfilz sie stammt. Ihn allerdings zum Ausdruck einer diabolischen Haltung machen, weil sich da jemand erdreistet, die Frage nach dem Land zu stellen, der aus dem konservativen Milieu stammt, ist unlauter. Freilich kann man ihm unterstellen, was er gemeint haben könnte – und ja, da gibt es Lesarten, die einem nicht gefallen mögen. Man kann aber jedem nur vor dem Kopf schauen.

Diese Floskel von dem Land, das man sich holen oder gar zurückholen will, ist keine spezifische »rechte« Parole. Reichlich Unabhängigkeitsbewegungen auf dieser Welt, oftmals unter starkem linkem Einfluss, haben vom Vaterland und »unserem Land« gesprochen – und vor allem eingefordert, dass es »unser Land« sein sollte. Die Sandinisten bemühten das patria häufig, sie wollten, dass Nicaragua nuestro pais wird. Der Bolivarismus des Hugo Chávez spielte auch damit. Chávez selbst erklärte in seinen Sendungen (»Aló Presidente«) häufig, dass sein Land verschenkt wurde, es wurde den Eliten überlassen – und den Ausländern –, aber: »nosotros lo estamos recuperando«, wir holen es uns zurück. Ähnliche Parolen vernahm man von der Landlosenbewegung in Brasilien – und auch Salvador Allende strebte an, dass sich die Chilenen ihr Land zurückholten. Der Ausspruch findet sich also links häufig, im Grunde könnte man ihn zurückführen bis ins vorrevolutionäre Frankreich. Es waren die linken Kräfte, die Jakobiner, die sich das Land zurückholen wollten – Rousseaus Gesellschaftsvertrag legte nahe, dass es mal ein Land gab, das allen gehörte. Die Staatswerdung – im Grunde die Zivilisierung der Gesellschaft, die sich dann als Gemeinwesen formiert – hat das Land Akteuren in die Hand gegeben, die es für sich nutzten und anderen jede Deutungshoheit versagten.

Käme heute jemand auf die Idee, wenn aus dem linken Orkus mal wieder die Losung zu vernehmen ist, wonach sich das Land zurückzuholen sei, auf die Jakobiner zu rekurrieren? Müsste man damit rechnen, dass jemand erklärt, diese Aussage sei menschenverachtend, weil ja schon mal linke Kräfte das Land einholen wollten und dabei 30.000 bis 40.000 Menschen getötet haben, viele davon durch die Guillotine? Dennoch war der Aspekt, dass das damalige Frankreich nicht allen gehörte, ja gar nicht von der Hand zu weisen. Danach wurde das Land allerdings auch kein Ort, an dem jeder zu seinem Recht kam. Eine bestimmte Klientelgruppe holte sich das Land zurück – nicht für alle, nur für sie selbst. Wie dem auch sei, interessant ist an dieser Stelle nur, wie tief man in die Mottenkiste zu greifen gewillt ist, wenn jemand aus dem konservativen Lager eine solche Parole im heutigen Deutschland verkündet. Dabei wird der Aspekt, ob an der Aussage etwas Wahres zu finden sein könnte, völlig ausgeblendet. Gehört das Land, gehört dieses Deutschland, so wie es jetzt aufgestellt ist, den Bürgern? Muss man das bejahen, weil man wählen darf? Oder darf man ein etwas weitreichenderen Anspruch an das Land stellen, in dem man lebt – oder besser gesagt: in dem man gerne leben würde?

Ein Land, in dem die Bürger gut und gerne leben?

Der Satz, wonach wir – wer immer das nun ist – uns das Land zurückholen müssen, gilt mittlerweile schon als Anschlag auf die öffentliche Ordnung, als Ausspruch, der den Staat delegitimieren möchte. Denn immerhin sagt man ja damit auch, man wolle ein anderes Land, vielleicht eine andere Verteilung und Schwerpunktsetzung. Eine neue Ordnung gar? Man greift also die Eliten an. Und wer die angreift, kann nur antidemokratisch eingestellt sein. Und weil wir in Deutschland sind, kann jemand, der dergleichen fordert, nur mit den bösen Kräften deutscher Vergangenheit im Bunde stehen – also holt man dieses Schreckgespenst aus der Kiste, als bestehe alle deutsche Vergangenheit lediglich aus jenen schauerlichen zwölf Jahren und habe sonst nichts zu bieten. Die konservativen Kräfte, die um 1848 herum die bürgerliche Demokratie installieren wollten, hatten aber denselben Anspruch: Sie wollten sich das Land zurückholen und kämpften noch immer gegen den bereits verblassenden Glanz der absoluten Monarchie an. Steht also jemand Konservatives, der diesen Ausspruch heute tätigt, in der Nachfolge der Nationalsozialisten oder vielleicht doch in der der Reformer des Vormärz?

Dieses Land war nie als Kleiner-Leute-Staat geplant – kein Staat war das je, auch dann nicht, wenn er sich Arbeiter- und Bauerstaat nannte. Gerade dann nicht. Das muss man völlig unromantisch sehen. Aber es gab schon Zeiten, in denen den Bürgern noch mehr Bedeutung beigemessen wurde. Längst haben sich Volksvertreter von den Normalsterblichen separiert, die Ansprache erfolgt im Soziolekt der Public Relations, überall werden Dienstleister zwischengeschoben, das Leben ist kommerzialisiert wie nie – und eine Bewusstseinsindustrie versucht täglich, die Menschen so zu erziehen, dass sie für die Nutznießer der Landnahme gefügig bleiben. Und ja, natürlich ist ein Aspekt dieser Entfremdung zum eigenen Land, auch die Internationalisierung der Bevölkerung, der Umstand, dass man in deutschen Großstädten bereits auf Englisch bedient und verwaltet wird, als sei der völlig normale Usus und nie anders gewesen. Schulklassen, in denen die Landessprache nicht mehr stattfindet, sind tatsächlich längst Normalität. Ganze Stadtteile verlieren ihre Identität, werden zu Sammelwohnplätzen für die Ausgestoßenen und Zugereisten, eine bürgerliche Gesellschaft nach altbekanntem Muster findet sich dort nicht mehr. Darf man denn das nicht mehr monieren? Ist es wirklich so ungeheuerlich und einen Vergleich mit dem Nationalsozialismus wert, wenn man glaubt, es gäbe daher einen Grund, sich das Land wieder zurückzuholen?

Sicher, dem Nämlichen, der neulich mit dieser Parole hausieren ging, unterstellt man, er träume von Remigration. Ist die folgende Frage noch erlaubt? Wie wollen wir denn mit denen umgehen, die keine Aufenthaltsgenehmigung haben und seit Jahren dennoch im Lande verweilen? Ja, viele haben noch nicht mal eine Duldung. Darüber muss man sprechen können. Aus dem Thema eine »ethnische Säuberung« zu machen, wie es der Bundeskanzler neulich im Bundestag tat, ist dermaßen übergeschnappt und zeugt auch von Unkenntnis, dass man sich wirklich fragen muss, welche Psychose die Deutschen da frönen. Sie stochern irre in der nationalen Vergangenheit herum und glauben, über diesen Umweg die Gegenwart und gar die Zukunft interpretieren zu können. Wenn dann etwas zu vernehmen ist, dass mit dem Land zu tun hat, mit »nationalem Selbstbewusstsein«, das ja immer in so Losungen wie jenen von der Rückholung enthalten ist, dann schnappt irgendetwas über, das für den Rest der Welt nicht recht erklärbar ist und nur Verwunderung auslöst: Warum lehnen die Deutschen ihr Land so dermaßen ab? Der Skandal an der ganzen Sache ist, das sei zum Schluss nochmals wiederholt, dass nur Siegmund – und vor einigen Jahren mal Aiwanger – meinten, das Land sei zurückzuholen. Warum nicht Bas? Wieso nicht Dröge oder Reichinnek? Wollen diese linken Empowerment-Grazien etwa nicht, dass das Land den Bürgern gehört? Man darf es fast vermuten.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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3 Kommentare

  1. Mein Land.LOL. Deutschland ist nicht mein Land. Mir gehört nicht einmal ein einziger Quadratmeter. Ich bin nur ein verdammter Mieter.
    Die Bonzen können von „mein Land “ schwadronieren. Wir anderen sind Landlos.

  2. Den Schlandlappen-Patrioten wird niemals deutlich werden, dass ihnen, von „ihrem Land“ nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gehört.

    Die genetisch manifestierte Territorialität,
    des Menschen, wie bei vielen Säugetieren vorhanden, zu instrumentalisieren, gehört
    zu bekannten Werkzeugen aus der Kiste
    von Faschisten. Am Lebensraum im Osten arbeitet Brüssel derzeit in der Ukraine.

  3. Wie auch die ersten Kommentare sagen: Das Problem besteht weniger darin, dass Siegmund das eigene Land zurückhaben möchte. Das Problem besteht in der Identifikation derjenigen, die das Land „weggenommen“ haben. Das sind nämlich nicht „die Migranten“ (und auch nicht „die Wessis“).
    Migration verursacht Probleme, keine Frage, und diese Probleme müssen angegangen werden (wenngleich der Migrantenanteil in Sachsen-Anhalt eher überschaubar ist). Auch der Anschluss der DDR hat zweifellos große Probleme verursacht (wie man nirgends besser als in Sachsen-Anhalt sieht). Zurückzufordern ist das Land, in dem man gut und gerne lebt, dennoch von anderen – und hier wird’s haarig: Wo immer man die Expropriateure vermutet – ob man von Kapitalismus, Eliten oder was auch immer redet – es handelt sich um verdammt mächtige Leute und Strukturen.

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