
Für einen kurzen Augenblick klang Friedrich Merz neulich mal wie ein deutscher Bundeskanzler. Vielleicht wirkt Trump endlich als das, was er stets für viele Befürworter in Europa war: Als List der Vernunft.
Bemerkenswert waren einige Worte des Bundeskanzlers beim Neujahrsempfang der IHK in Dessau. Dem Publikum sagte Merz unter anderem das Folgende:
Wenn es uns dann noch gelingt, dafür zu sorgen, dass Frieden und Freiheit nach Europa zurückkehren, dass wir endlich auch wieder mit unserem größten europäischen Nachbarn, nämlich mit Russland, in der längeren Perspektive einen Ausgleich finden – ich sage es nicht, weil ich hier im Osten bin; ich sage es an jeder anderen Stelle in Deutschland auch: Russland ist ein europäisches Land –, wenn Frieden herrscht, wenn Freiheit gewährleistet ist, wenn uns das alles gelingt, meine Damen und Herren, dann hat diese Europäische Union, dann haben wir auch in der Bundesrepublik Deutschland eine weitere Bewährungsprobe bestanden, und dann können wir auch über das Jahr 2026 hinaus mit großer Zuversicht nach vorn blicken. Ich wünsche uns das. Ich bin mir sicher, dass es gelingt. Tragen Sie dazu bei!
So hat seit vielen Jahren kein deutscher Bundeskanzler mehr gesprochen. All das, was wir seit Jahren aus dem Kanzleramt gewohnt waren – den Tonfall der Eskalationsbereitschaft, das Vokabular der moralischen Selbstvergewisserung – fehlte an dieser Stelle. Stattdessen wartete Friedrich Merz mit einer Perspektive auf: Frieden, Normalität im Umgang mit Russland und auch wirtschaftliche Verbesserung – letzteres ist nicht mehr, als die Formulierung eines nationalen Interesses. Auch so ein Bekenntnis gab es seit langem nicht mehr. Sein Außenminister sprach vor Zeiten von einer »ewigen Feindschaft« zu Russland – aber das Gesagte Merzens steht dem geradezu konfrontativ gegenüber.
Endlich wieder nationale Interessen im Blick?
Lernt Europa also vielleicht tatsächlich wieder, zwischen moralischer Verurteilung und sogenannter »wertebasierter Außenpolitik« und geopolitischer Ordnung zu unterscheiden? Dass Russland ein europäisches Land sei, ist keine Neuentdeckung; kulturell ist es das Land und dieses Volk in Osteuropa selbstverständlich immer – nun ja, seit vielen Jahrhunderten – gewesen. Aber es so zu formulieren, galt bis kürzlich als Provokation. Als Tabubruch, den man nicht dulden durfte. Russland zu ruinieren, Wladimir Putin zu ersetzen: Es scheint fast so, als sind das die Parolen von einst. Woher kommt der mögliche Sinneswandel?
Stichwort: Donald Trump. Seine Absichten, sich Grönland zu sichern und den Europäern – den Dänen – zu entreißen, bringt die transatlantische Agenda in Schieflage. Die Europäer scheinen sich gerade im Zangengriff zwischen den Vereinigten Staaten und Russland zu sehen – sich mit dem Nachbarn zu versöhnen, mit unserem »größten europäischen Nachbarn«, wie Merz es ausdrückte, ist ein realpolitischer Schritt, der jetzt nur logisch erscheint. Oder der zwangsläufig notwendig wird. Denn wie sollte man als Europäer nun einer NATO trauen – das sollte man sowieso nie! –, in der die Hausherren aus Übersee, aus europäischer Sicht nicht mehr kontrollierbar sind?
Was in Merz‘ Worten vordergründig wie eine Annäherung an Russland wirkt, ist in Wahrheit ein Akt europäischer Selbstbehauptung. Wenn Europa seine Zukunft nicht allein als Vorfeld fremder Machtprojektionen verstehen will, muss es seine Nachbarschaftspolitik selbst definieren und Deutschland muss wieder ein Volk guter Nachbarn werden – und einen Ausgleich mit Russland finden. Dazu gehört auch die langfristige Einbindung Russlands in eine europäische Friedensordnung. Nicht aus Sympathie, sondern aus Vernunft. Sympathie ist ohnehin etwas für Leute, die Politik als moralistische Selbstbeweihräucherung betreiben – Nationen haben keine Freunde, sie haben Interessen. Friedrich Merz zeigte das in seiner Dessauer Rede an. Solche Töne – man kann das nur wiederholen – vernahm man lange nicht mehr aus dem Mund eines Bundeskanzlers.
Die List der Vernunft
Hier drängt sich ein philosophischer Gedanke auf, ein Rückgriff auf die Geschichtsphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels. »List der Vernunft« nennt sich dort ein Leitgedanke. Hegel beschreibt damit jenen paradoxen Prozess, in dem geschichtliche Akteure aus partikularen, oft egoistischen Motiven handeln und dennoch – ohne es zu wollen – einem übergeordneten vernünftigen Gang der Geschichte dienen. In etwa so, wie es Johann Wolfgang von Goethe – der mit Hegel vertraut war – in seinem ersten Faust ausdrückte und dem Mephisto auf die Zunge legte: Ich bin »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft«.
Die geschichtliche Vernunft drückt sich, so sah es der deutsche Philosoph einst, im Weltgeist aus. Dieser bedient sich den Leidenschaften, Interessen und Machtambitionen einzelner Akteure, ohne dass diese selbst das vernünftige Ergebnis anstreben oder auch nur erkennen. Sie handeln aus Ehrgeiz, Furcht, Machtwillen oder Eitelkeit – und gerade dadurch setzen sie Prozesse in Gang, die langfristig zu stabileren, rationaleren Ordnungen führen. Ein klassisches Beispiel ist Napoleons Eroberungspolitik, die Hegel Zeit seines Lebens beschäftigte: Der kleine Korse strebte nach Herrschaft und Ruhm, doch bewirkte er – letztlich gegen seine Absicht – die Verbreitung moderner Rechtsordnungen und moderner staatlicher Rationalität und Aufklärung in Europa. Die Vernunft setzt sich nicht trotz der egoistischen Motive durch, sondern gerade durch sie – sie nutzt sie, wie ein Werkzeug, für ein Ergebnis, das die Handelnden selbst weder planen noch wünschen.
Das klingt zugegeben ein Stück weit esoterisch – aber Beispiele für diesen Umstand, dass aus egomanischen Partikularinteressen am Ende etwas entsteht, dass man – etwas optimistisch, vielleicht aber auch aus Mangel an passenden Begriffen – als Fortschritt bezeichnen könnte, gibt es etliche. Begünstigte Cäsars Diktatur nicht die Entstehung der Pax Romana? Wenngleich all die potenziellen Listen natürlich Interpretationen sind, denn beweisen lässt sich die List freilich nie ganz befriedigend.
Donald Trump und der Weltgeist
Überträgt man diesen Gedanken auf unsere Gegenwart, ergibt sich diese mögliche Interpretation der Zustände: Trumps Politik, die Europa unter Druck setzt, Bündnisse infrage stellt und alte Gewissheiten zerstört, zwingt den Kontinent gerade dadurch zu einem Schritt, den er aus eigener Bequemlichkeit und Sturheit lange vermieden hat – zur Normalisierung der Verhältnisse zu Russland. Die List der Vernunft trägt also einen Namen: Donald Trump. Denn ohne Russland ist Europa Spielball: Viele Grüße von Halford Mackinder.
Donald Trump war für viele Menschen außerhalb der Vereinigten Staaten entweder derjenige, der für Angst und Schrecken sorgen wird – oder aber man wertete seine Wiedererscheinung im Amt des US-Präsidenten als hoffnungsvollen Fall und lobte dessen Agenda. Beide Betrachtungen machen es sich freilich zu einfach. Für einige wenige war dieser Donald Trump der notwendige Präsident, der das Zeug dazu hatte, als eine solche List der Vernunft zu wirken. Man muss wirklich kein Hegelianer sein, um seine Rolle so einzuordnen. Man konnte durchaus ahnen, dass er sein Land spalten und damit dem Rest der Welt einen Gefallen tun könnte. Dass er die Europäer zwingt, sich auf sich selbst zu besinnen – und damit auf Russland, das ein Teil dieses Selbst ist –, schien jedenfalls möglich. Dass das nun so fulminant geschah, war nicht absehbar, macht aber auch Hoffnung. Denn das transatlantische Bündnis ist kein natürliches, das sich durch geographische Nähe nährt. Russland und der Rest Europas teilen sich aber einen Kontinent, einen gemeinsamen Boden und auch einen Kulturraum.
Von dieser Einschätzung ist Friedrich Merz freilich noch meilenweit entfernt. Aber dorthin geht man in kleinen Schritten. Es kann sein, dass der erste kleine öffentliche Schritt in Dessau getan wurde. Falls das stimmt, hat Donald Trump damit zu tun. Sein Erscheinen war ein Schub, sein Hunger nach Grönland rückt etwas zurecht. Für alle, die ihn als Messias sahen: Als Werkzeug sollte man ihn besser sehen. Und allen, die ihn verteufelten, sei gesagt: Jeder hat in dieser Welt seine Berechtigung – denn man kann Richtiges entstehen lassen auf dem Boden des Falschen.
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Hier soll wohl maximal deutlich zum Ausdruck gebracht werden, dass das Bücken zu des Deutschen liebsten Hobbies gehört. Aber warum formuliert man es dann nicht auch einfach so, und schwadroniert stattdessen um den heißen Brei herum?
Man kann nur hoffen, dass die Nato endlich zerbricht, denn die Nato war der Störfaktor seit dem Ende des Ostblocks.
Caesar leitete keine Republik ein mit seiner Diktatur, sondern er versetzte ihr den Todesstoß; was folgte, das war das Kaiserreich unter Augustus.
Stimmt. Ich wollte das auch gar nicht so schreiben. Danke für den Hinweis.
Das waren wohl fast alle Figuren der damaligen Zeit, die die Republik zerstörten. Pompeius, Crassus, Catilina, Antonius, ein paar Jahre vorher Sulla… Mit dem die Zerstörung angefangen hatte. Die Republik war sowieso bloß ein Elitenmodell. Warum erinnert mich das an heute?
Ein wirklich mutiger Außenminister würde sich ins Flugzeug setzen nach Moskau mit Anschlussflügen nach Peking, Neu Delhi, Pretoria, Brasilia und Ottawa, um diesem Wahnsinnigen mal zu zeigen wo der Hammer hängt. Alle Stationierungsabkommen kündigen und und auf breiter Front US Staatsanleihen auf den Markt werfen. Aber dafür haben unsere „Eliten“ leider keinen Arsch in der Hose.
@Günter Eberz
Die müßten ja dann ihren Irrflug zugeben und sie ihre Bevölkerung belogen haben.
Da denen das Format fehlt werden die das niemals tun.
Dazu benötigten Deutschland aber Atomwaffen, ansonsten wäre die nächste Farbenrevolution in Berlin.
Dass eine Herrschaft nicht nur negative Folgen hat, das wäre ja zugleich die Eigenschaft, die sie nicht möglich machen würde. Das ist ja tautologisch.
Aber dem nächsten Hitler deswegen zu wollen, weil der auch Autobahnen baut, ist halt auch völlig wirr.
Auch ein Weltkrieg hat sein Gutes, haben Bestatter und Architekten, Bauunternehmen usw was zu tun.
Man kann ja nur hoffen, dass gerade die heutige Vernetzung der Wirtschaft und eine Jugend, die für Kriege nicht mehr an der Front kämpfen will, das Schlimmste verhindern.
Das sind die eigentlichen Hindernisse von Trump, Merz und Co.
Zuletzt fehlt die Wirtschaftskraft solche Kriege durchzuziehen, wenn man weiter einen entwickelten Finanzkapitalismus will.
Das sind alles echte strukturelle Hindernisse und die lassen das Handeln unserer Politikerkaste als Ständiges Lavieren erscheinen. Heute sagen sie dies, morgen das. Wünsche und Realität prallen immer wieder neu aufeinander.
Was mittlerweile alles für Nonsense in den halbstarken Schwätzer hineininterpretiert wird..
So war die Verbreitung der modernen Rechtsordnung kein Nebenprodukt von Napoleons Ego-Trip, sondern er war eine treibende Kraft dahinter: https://de.wikipedia.org/wiki/Code_civil
Bei den napoleonischen Kriegen ging es auch nicht explizit um Eroberung, sondern um eben diese republikanischen Ideen gegen das „ancien regime“ durchzusetzen. Die Verfassung der Schweiz zb stammt aus der Periode der Geschichte.
Und Caesar beerdigte natürlich die (serbelnde) Republik, die halbe Geschichte von „Star Wars“ ist mehr oder weniger eine exakte Kopie davon. Diocletian schuf dann später die Grundlgen für Leibeigenschaft und Feudalismus.
Ziemlich wirre Kolumne.
Wieso findet diese fundamentale und m.E. bislang erste halbwegs vernünftige Äußerung des BK keinerlei Wiederhall in unseren Medien, statt alle Schlagzeilen und Nachrichten zu beherrschen? Sie widerspricht halt dem sorgsam gepflegten, um nicht zu sagen eingehämmerten Propaganda-Narrativ der Täter-Opfer-Umkehr im Ukrainekonflikt!
Oh die kleine und unwichtige Zeitung
>>Times of India<<
aus dem kleinen und unwichtigen Staat Indien
hat bereits vor 4 Tagen berichtet:
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/wadephul-in-amerika/#comment-341668
Nur die Zerstörung der Nato führt zu Frieden und nur die Beendung der Globalisierung zu Wohlstand. Wenn das Trump und seinem Nachfolger gelingt, sind die europäischen Länder wieder frei, vorteilhafte Beziehungen zu anderen Ländern einzugehen.
Als es noch neben Nato und Warschauer Pakt einen weiteren Block gab, nämlich die Blockfreien, konnte man beobachten, wie Länder diesen Status ausnutzten. Ich denke zum Beispiel an Jugoslawien unter Tito und Ägypten unter Nasser. Die Großmächte kontrollierten sich gegenseitig, indem jede darauf achtete, dass die andere diese Länder in Ruhe ließ. Aber die blockgebundenen Länder waren unfrei, die des Warschauer Pakts noch mehr als die der Nato. Doch als der Warschauer Pakt aufgelöst wurde, begann für USA und NATO die Jagdzeit auf die Blockfreien, der ganze Länder zum Opfer fielen. Die Zerstörung der Nato ist ein unbedingt erforderliches Friedensprojekt.
Das Trump die Globalisierung beendete, war schon eine Großtat, denn die Globalisierung diente nicht dem Handel, sondern den Konzernen, indem sie ihnen die Möglichkeit gab, die Produktion in Billiglohnländer zu verlagern, und die Produkte in „Hochlohnländern“ mit maximalem Profit zu verkaufen, und indem sie die „Hochlohnländer“ zur Senkung der Einkommen und zur Errichtung eines Niedriglohnsektors zwang, um Deindustrialisierung zu vermeiden. Aber wie sehr man die Einkommen senkte, es gab immer Länder, die noch billiger produzierten, wohin Konzerne abwanderten, selbst solche, die man mit Subventionen zu Investitionen verlockt hatte. Nur Zölle ermöglichen es, Konzerne zu kontrollieren. Dass Trump Zölle auch als Mittel seiner Politik verwendet, ist ein Missbrauch, aber immer noch besser als Krieg. Außerdem wird Trump damit aufhören müssen, weil das auch gravierende wirtschaftliche Nachteile bringen kann. Da Trump das weiß, hebt er störende Zölle auch gleich wieder auf, wenn er sein Ziel erreichte.
Der Kolumnist als Historiker und Philosoph – mit Kenntnissen aus Wikipedia kommt man da nicht weit.
@“Für einen kurzen Augenblick klang Friedrich Merz neulich mal wie ein deutscher Bundeskanzler.“
…und ich dachte er klingt wie der Bundeskanzler der Ukraine weil er das ganze liebe Geld dort hinschaufelt und man jetzt sogar Angst hat Trump ergaunert sich die deutschen Goldreserven in New York, es sollen ca. 147Tonnen sein.
Aber egal ob Trump sie ergaunert oder Selenskij sie bekommt, weg ist weg 🙂
Im K(r)ampf gegen Trump hat man jetzt sogar den Herrn aus Würsele, der jetzt auf dem Trockendock sitzen soll, wieder aus der Versenkung geholt.
Wer kennt den noch??? 🙂
besseres Titelbild
https://t.me/kukufffka/6479
sehr optimistisch Herr Autor, teile ich, bin halt ein unverbesserlicher pessimistischer Optimist. schön, dass endlich ein deutsches Medium diese fulminaenten Worte v. Merz aufgreift.
ps: Wadephul meinte vorgestern gg-über Frau Hayali: „es ist Zeit für Europa erwachsen zu werden !“ – schön, dass meine Worte bei den Transatlantikern angekommen sind, Gruss an Herrn Varwick.
Mit dem erwachsenem Kindergarten der EU, ist es unmöglich das die EU erwachsen wird.
Wenn sie nicht mehr weiter wissen, rennen sie halt wieder zu Papa.
Marky-Mark gewohnt devot auf dem Rücken liegend:
„Herr Präsident, lieber Donald – was Du in Syrien erreicht hast, ist unglaublich. (…) Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Dein Mark.“
Quellen gibt es reichlich, wer suchet…Authenzität mittlerweile auch aus „Bündniskreisen bestätigt“.
Interessante Theorie… Kurz umschrieben: das Böse muss da sein, damit das Gute entstehen kann. Theoretisch.
Ohne diese Theorie ansich in Zweifel ziehen zu wollen… Ich kann ihr durchaus etwas abgewinnen, würde sie auch befürworten. Auch die Einstellung zu Trump… Ich selbst hab vor ein paar Tagen einen Kommentar hier bei overton verfasst, wo ich die Entwicklungen – trotz Ablehnung – zumindest von daher befürworte, dass sie die Widersprüche im System aufzubrechen helfen, ähnlich wie der Autor es hier sieht (das ist auch der einzige bzw. wesentliche Vorteil, den ich in Trump sehe; sein Verhalten lehne ich ab, aber immerhin versucht er gar nicht mehr die Menschen zu manipulieren und hinters Licht zu führen (naja gut… so ganz stimmt das nicht), sondern geht relativ offen mit seiner egoistischen Einstellung um). Es – meine Zustimmung zur Grönlandkrise – folgt eher der Idee „wenn wir schon nichts tun können, dann sollten wir glücklich darüber sein, wenn die Akteure sich selber in den Schlamassel setzen und z.B. untereinander in Streit geraten“.
Dennoch möchte ich noch eine andere Theorie aufstellen bzw. den Denkansatz erweitern: der Westen stellt sich gerne als anderen Kulturen gegenüber überlegen dar, weil er z.B. rechtstaatliche oder demokratische Prinzipien entwickelt habe. Das kenne man in anderen Teilen der Erde angeblich nicht. Das sei (daher) Inbegriff der (westlichen und einzigen) „Zivilisation“. Das ist in meinen Augen aber etwas zu kurz gedacht (neben dem enthaltenen Rassismus / Herrenrassedenken), weil es ausschließlich nur unsere (westliche) Art zu Denken beinhaltet. Was wenn andere Kulturen diesen Gegenpol des Rechts bzw. rechtstaatlicher Prinzipien deshalb nicht hervorgebracht haben, weil es gar nicht nötig war, einfach nicht gebraucht wurde, schlicht weil es diese eklatante Form des Unrechts – welches dem, also der Entwicklung rechtstaatlicher Prinzipien, vorausgegangen ist – gar nicht gab, auch nicht denkbar war. Das ist nur eine Theorie. Mir geht es weniger darum den Beweis anzutreten ob diese meine Theorie zutrifft. Vielleicht gab (und gibt) es in anderen Kulturen diesbezüglich tatsächlich Defizite. Das will ich nicht abschließend bewerten. Vielmehr geht es mir darum das singulär westliche Denken anzugreifen. Er hält sich für den Nabel der Welt, weil er aus seiner Lebenswirklichkeit die Funktionsweise gewisser Dinge ableitet, aber nicht merkt, dass es z.B. ein ganz anderes Grundgerüst geben könnte, welches ein anderes Denken hervorbringt. Anders formuliert: der Westen hält sich anderen Kulturen gegenüber für überlegen, merkt aber nicht, dass das, was er dazu anführt, aus seinem persönlichen Defizit – nämlich brachiale Gewalt und Unrecht – entstanden ist. So gesehen ist er nicht überlegen, sondern genau das Gegenteil (und vor allem ist er rassistisch), was man allein daran erkennen kann wie brutal er die Welt unterjocht hat. Niemand hat mehr Völkermorde und brutalste Gewalt angewendet als der Westen. Noch einmal… Dass DARAUS rechtstaatliches Denken hervorgegangen ist, ist also kein Gewinn, sondern Folge eines riesengroßen Defizits bzw. Fehlers.
Der Westen sollte sich also hüten ausgerechnet daraus eine Überlegenheit anderen Kulturen gegenüber abzuleiten (bitte nicht falsch verstehen; ich unterstelle das nicht dem Autor; die Kritik richtet sich eher an die üblichen Verdächtigen und Rassisten im Westen). Noch mehr sollte er damit aufhören brutalste, unmenschlichste Gewalt anzuwenden, um anderen Kulturen angeblich dieses „Rechtsverständnis“ beibringen zu wollen.
Abschließend… Ja. Rechtstaatliche Prinzipien sind zu befürworten. Man sollte aber im Hinterkopf behalten wie sie entstanden bzw. woraus sie hervorgegangen sind und das ist kein fröhlicher Moment. Zudem muss man erkennen, dass der Westen das Recht mit Füßen tritt und äußerst rassistisch bzw. unausgewogen auslegt. Er benutzt es (heute) mehr als Waffe, als dass er dessen Geist tatsächlich verinnerlicht hätte und auch vertritt. Die sog. deutsche „Justiz“ ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Recht eben NICHT ausgelegt werden sollte.
Was Merzens Worte angeht: das sagt mir nur, dass er sehr wohl weiß, was richtig ist. Ob er aber auch danach handelt, steht auf einem anderen Blatt.
Wichtige Gedanken, danke, und dringende Lesempfehlung auch dazu „Anfänge“ von David Graeber und David Wengrow.
Ich stimme dem Autor voll und ganz zu und betrachte es als heilsame Reinwaschung die noch nicht abgeschlossen ist.
Die letzten heilsamen schläge die Deutschland bekommen wird finden sich in den Landtagswahlen wieder.
So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, macht ein Vogel noch keinen Frühling.
Dem kann man doch keinen Millimeter weit trauen. Was hat der alles versprochen vor der Wahl?
Ich glaube eher, dass ein dermaßen an Selbstüberschätzung leidender, hochgradig arroganter Typ und Menschenfeind schon mal versuchen möchte, ober er durch solche vollkommen kalkulierte Äußerungen nicht mal der AFD einige naive AFD-Wähler abspenstig machen kann.
Und kommt jetzt dieses Jahr die Stationierung der US-Hyperschallrakete Dark Eagle in Deutschland?
Scott Ritter sagt, Russland bliebe als einzige Möglichkeit nur dann präventiv zu reagieren?
Auf der Handlungsebene ist alles in Richtung Krieg gegen Russland gestellt. Solange sich daran nichts ändert, ist die Dessauer Rede von Merz lediglich Geschwätz.
@ Roberto De Lapuente
Der Artikel argumentiert in weiten Teilen Logik befreit nach dem Motto: Weil F. Merz das falsche tut, muss paradoxer Weise auch etwas gutes dabei heraus kommen.
Sie haben nicht verstanden was ein Paradox ist.
Der Widerspruch entsteht beim Paradox lediglich dadurch, dass Dinge die auf völlig verschiedenen Ebenen stattfinden, fälschlicher Weise in einen kausalen Zusammenhang miteinander gebracht werden.
In der Tat eine bemerkenswerte Rede.
Hier die Einschätzung durch den Osteuropaexperten Thomas Fasbender:
https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-20-januar-2026
(Interview 1: „Thomas Fasbender: Annäherung zwischen Berlin und Moskau?“)
Kernthesen von Fasbender:
Merz will möglichst viele Optionen offen halten.
Ein allmähliches Erkennen der schlechten wirtschaftlichen Lage, die ja auch viel mit dem Kappen der Russlandkontakte zu tun hat.
Es dürfte Leute geben, die hibbeln geradezu auf ihren Stühlen und denken: „Mach, Donald, mach schnell!“.
Egal, ob „Putins Russland“ oder „Trumps Grönland“: Endlich kann der Spannungsfall ausgerufen werden.
Ende Gelände!
Vor dem Hintergrund sehe ich das mit der „List der Vernunft“ eher nicht.