Dogru und keine Helfer

rituelle Fußwaschung, Gründonnerstag
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Der Gründonnerstag stand zuletzt symbolisch für das Engagement gegen Armut. Wer sollte einem ein mildtätiges Werk verübeln? Die Häscher der EU tun es.

Papst Frankziskus, so er noch lebte, hätte am gestrigen Abend in einem römischen Gefängnis die Füße von Gefangenen gewaschen – der oberste Hirte der Kirche kniete jedes Jahr erneut nieder, selbst im hohen und gebrechlichen Alter noch, und wusch die Füße »der Geringsten seiner Brüder«. Genau das sind sie dann eben nicht mehr, denn die Fußwaschung symbolisiert als Ritual die Gleichwertigkeit aller Menschen. Und zwar ganz gleich, ob sie arm oder reich sind. Hätte der Bischof von Rom sich entschlossen, die Füße eines EU-Sanktionierten zu waschen, hätte er es mit den EU-Schergen zu tun bekommen?

Klingbeils Zoll

In diesen Zeiten scheint nichts ausgeschlossen. Gemeinhin gilt es als nobles Werk, oder für einige wenige als stille Verpflichtung, in Not geratenen Menschen zu helfen. Auf Mildtätigkeit baut die zeitgenössische bürgerliche Gesellschaft weiterhin – selbst in ihren wahnhaften Selbstzerfleischungsreflexen noch. Besser jemand hilft von sich aus, als dass der Staat dafür einspringt: so weit das Credo der Vereinzelung und Entsolidarisierung. Und bislang hätte auch nie jemand was einzuwenden gehabt, wenn sich einer als Gerechter betrachtet und hilft. Bis kürzlich, als man einer bestimmten Gruppe, die zugegeben sehr überschaubar ist, aber jederzeit anwachsen kann, selbst die Hilfe versagte, indem man sie kriminalisierte.

Kommen wir also abermals auf die Causa Hüseyin Dogru zu sprechen. Man kann es nicht oft genug tun – und vielleicht ist die Thematisierung dieses Falles auch die einzige Form der Hilfeleistung, die gerade noch so erlaubt ist. Denn materielle Hilfe, ja schon das Bezahlen eines Mittagessens, könnte laut Außenwirtschaftsgesetz als geldwerter Vorteil und damit als verbotene Hilfeleistung aufgefasst werden. Dann ist die Strafverfolgung garantiert.

Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil zeigt sich zudem verantwortlich für ganz besondere Pflichterfüllung vor der Europäischen Union. Der deutsche Zoll, der im Geschäftsbereich Klingbeils wirkt, hat auch die Konten von Dogrus Frau einfrieren lassen. Begründung: »Als Ehepartner ist grundsätzlich davon auszugehen, dass eine enge Nähebeziehung besteht. Das diese auch tatsächlich besteht, ist insbesondere daran erkennbar, dass die beiden gemeinsam wohnen und drei gemeinsame Kinder haben.« Klingbeil schwadronierte schon vor bald vier Jahren, dass Deutschland nach 80 Jahren endlich wieder eine Rolle spielen sollte. Vor 80 Jahren spielte jedoch das nationalsozialistische Deutschland eine Rolle – in Klingbeils Verantwortung liegt nun ein Instrumentarium, das sich damals ganz besonderer Beliebtheit erfreute: die Sippenhaft.

Destabilisieren Dogrus Kinder die Bundesrepublik?

Konten werden freilich auch nicht gesperrt, sie werden »sichergestellt«, was ein wenig klingt wie: »Dürfen wir Sie in Schutzhaft geleiten.« Ach ja, dem deutschen Beamte liegt der Euphemismus einfach schon immer im Blut. Man muss sich das aber mal vorstellen: Der Zoll wirft den Eheleuten Dogru Nähe vor – und gemeinsame Kinder. Ist das die allseits beliebte Kinderarmut, die zu bekämpfen die Partei jenes Lars Klingbeil so gerne vorgibt? Und wer immer nun den Kindern etwas Gutes tun möchte: Spielzeug, Comics, vielleicht einen Ausflug finanzieren, ganz egal, der macht sich strafbar und wird zum Unterstützer russischer Destabilisierung. Denn das ist es, was die EU-Kommission Dogru vorwarf – seine Berichterstattung von propalästinensischen Demonstrationen würde Russland dienen und Deutschland destabilisieren. Wenn dieses Land aus dem Gleichgewicht kommt, weil es Bilder von Protesten nicht aushält, ist es eh am Ende.

Aber abgesehen davon, auch wenn es tatsächliche Beweise gäbe, auch wenn ein Akteur von Russland entlohnt würde: Müssen Strafmaßnahmen in einem Rechtsstaat nicht angemessen sein und die Würde des Bestraften im Auge behalten? Sagen wir es direkt: Jeder Mörder wird in diesem Land respekt- und würdevoller behandelt, als der Journalist Dogru.

Und als seine Frau und seine Kinder! Aus der Arroganz der Bequemlichkeit heraus hat man die nun einfach kaltstellt, als ob die Kleinen den inneren Frieden dieses zunehmend menschenverachtenden Staates gefährden könnten. Dass es nicht die Europäische Union als alleinige fremde Wirkmacht von außen ist, die hier agiert, sieht man wieder mal recht deutlich am Handeln von Klingbeils Zoll-Bürokratie. Die schickt eine ganze Familie auf die Straße – dass dem Journalisten und den Seinen die Obdachlosigkeit droht, war letzte Woche schon Gegenstand einer überschaubaren Berichterstattung.

Wie helfen im Angesicht teuflischer Verdrehungen?

Nicht helfen dürfen, als hilfsbereiter Zeitgenosse, als Spender kriminalisiert zu werden: Das sind zum Himmel schreiende Zustände, die an Zeiten erinnern, die in den dunkelsten Stunden der Menschheit auszuhalten waren. Den barmherzigen Samariter zu einem Verbrecher zu degradieren, zu einem halbseidenen Typen, den man strafrechtlich verfolgen darf – oder sagen wir nicht straf»rechtlich«, denn was daran geht mit rechten und rechtlichen Dingen vor sich? Ein solche Verdrehung der Kategorien ist, sagen wir es an diesem Karfreitag mit einem biblischen Motiv: Teufelswerk.

Den Fall immer wieder aufs Tapet bringen, an allen Stellen bekannt zu machen, in die Gesellschaft hineinzutragen: Das ist eine Hilfeleistung, die bislang nicht verboten ist. Jedenfalls nicht in der gedruckten Version jenes Außenwirtschaftsgesetzes. Aber in den Hinterzimmern der Macht, in Brüssel und Berlin, mag man selbst das als verbotene Hilfe wahrnehmen. Aber was bleibt uns übrig als Menschen? Sollen wir aus Angst schweigen, wie einer von uns, ein Bürger aus unserer Mitte, geopfert werden soll? Wäre es besser, wenn wir das Schicksal der drei Dogru-Kinder verdrängten und uns damit trösteten, dass sie nicht bombardiert werden, wie Kinder in anderen Ländern, sondern nur in staatliche Obhut genommen werden, wenn die Eltern auf der Straße landen?

Und wehe jemand nimmt die Eheleute bei sich auf oder lässt sie nur duschen! Mein Gott, was werden sie an den Osterfeiertagen in Reden und auf politischen Podien wieder von Werten sprechen, von der Botschaft Jesu und seinem Opfer – und während sie so plaudern, ringen hier Leute um ihre Zukunft und werden alle, die willens sind zu helfen, zu Handlangern des Bösen degradiert. Der Fall Dogru braucht Hilfe – und wenn es nur damit geht, ihn immer und immer wieder ins Land zu tragen, sei es publizistisch oder in Gesprächen, am Arbeitsplatz und in Vereinen, dann soll es so sein. Auf HateAid und Konsorten darf man nicht setzen – diese glorreichen Einrichtungen zur Verbesserung der Welt suchen sich ganz genau aus, wen sie vertreten in der Öffentlichkeit. Unrecht ist für sie kein Problem, solange es die trifft, die sie ablehnen. Das Wort »Aid«, Hilfe also, steht nur so im Namen. Dogru ist das Opfer von Hasskriminalität im Amt – und eines sollten regierungskritische Geister wissen: Der nächste Dogru bist du!

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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12 Kommentare

  1. Der Fall Dogru ist ein schlimmes Beispiel staatlicher Auswüchse.
    Es ist völlig gleichgültig, welche Meinung der Mann vertritt dabei.
    Die Frage ist: Hat er sich eines Vergehens schuldig gemacht?
    Die Antwort ist bis zu einem rechtskräftigen Urteil: Nein.

    Ich versuche es in Gesprächen mit meinen Mitmenschen zu thematisieren.
    Meine Reichweite ist begrenzt aber vorhanden.
    In Social Media würde ich mich das nicht trauen. Lange nicht mehr.
    Die Gefahr, in dieser Gesellschaft selber gelynched zu werden,
    ist viel zu groß geworden. Meinen Respekt abermals an die Macher von Overton.

    Das ist anstrengend, da das Thema ja in dem Medien totgeschwiegen wird.
    Es ist ein Skandal, leider wie viele andere. Und wir sind zu wenige.
    Und die Menschen zu bequem um diese Auswüchse hart zu bestrafen
    und die Verantwortlichen offiziell zu ächten.

    Freiheit für Dogru!

  2. 👍👍👍
    Ich finde die Idee mit den 1€ Überweisungen von vielen Menschen auf Dogrus Konto gut.
    Freiheit für die Dogrus!

    1. Gute Idee für die, die nichts zu verlieren haben.

      Ich ziehe mich lieber in meine Datsche zurück und warte auf das Ende. Wie damals.

      1. „Ich ziehe mich lieber in meine Datsche zurück…“

        DAS ist dein Ende!
        (Wie damals.)
        PS: ich habe sie schon verstanden… 😉

        @Roberto
        [+++++]

  3. Der Artikel ist natürlich überaus richtig und wichtig.. und die schändliche Angelegenheit muss ins Bewusstsein der Leute.

    Da es im Kern ja um die Unterdrückung von Meinungsfreiheit geht, was R.d.L. offensichtlich ein Herzensthema ist ‒ dürfen wir doch sicher im Laufe des Eierfestes noch mit einer transparenten Erläuterung der Hintergründe des sang- und klanglosen Verschwindens sämtlicher Kommentare zum Artikel „IHR MÖGT ES NICHT, WENN ISRAEL SICH VERTEIDIGT“ rechnen?
    Es wird ja niemand ‒ schon gar nicht an Ostern ‒ davon ausgehen wollen, dass der Redaktion die Art von Respekt dem Kommentariat (und der Meinungsfreiheit auch auf diesem Niveau) gegenüber abgeht, bei der eine offene Erklärung zu dem (einmaligen?) Vorgang ein sich geradezu aufdrängendes Bedürfnis darstellt.

  4. Mir fehlt noch der Vorwurf, daß Dogru Opfer der von links/sozialistisch dominierten Politik geworden ist. Und nur die AfD kann uns retten. Denn jeder weiß, Deutschland und EU wird von pösen, pösen Linken beherrscht und gelenkt. So ist es für mich nur ein unvollständiger Artikel von Lapuente, da er Ursache und Konequenzen nur halbgar beleuchtet.

  5. Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass RDL sich des Falls Dogru (nochmal) annimmt. Besonders die am Artikelende in Aussicht gestellte Dystopie sollte man immer im Hinterkopf behalten.

    Hier aber noch ein paar kleine Einwände gegen den Artikel ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

    A) im Deutschen gibt es die Wörter „Sippenhaft“ und „Sippenhaftung“. Beides klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe (außer in einer einzigen Konstellation, wo beide Bedeutungen zusammenfallen bzw. das eine, Sippenhaftung, zum anderen, Sippenhaft, führt).

    RDL schreibt im Artikel von „Sippenhaft“. Das ist hier falsch. Korrekt muss es SippenhaftUNG heißen.
    Dass RDL (wie so viele, auch professionelle Schreiber) diese Verwechslung unterläuft, ist erstaunlich, da RDL im Text ja durchaus seine Differenzierungsfähigkeit unter Beweis stellt, wenn er korrekt schreibt, dass die Konten nicht „gesperrt“, sondern „sichergestellt“ wurden (wie auch dem behördlichen Schreiben zu entnehmen ist).

    RDLs Lamentieren über das angebliche Versagen des Rechtsstaats bzw. angeblich verschobene/dysfunktionale rechtsstaatliche Maßstäbe ist bekanntlich (nicht nur) bei RDL chronisch.

    „Jeder Mörder wird in diesem Land respekt- und würdevoller behandelt, als der Journalist Dogru.“

    Gesetzt, das würde zutreffen. Darin steckt RDLs staatsbürgerlich-konstruktive Empörung, dass sich das doch nicht gehört, Mörder respekt- und würdevoller zu behandelt als Dogru. Nach RDLs meinungsfreier Privatansicht müsste es doch genau anders herum sein: Dogru vor den Mördern.

    Ähnlich das hier:

    „Destabilisieren Dogrus Kinder die Bundesrepublik?“

    Durch RDL rhetorisch-zugespitzte Frage sollen sich Leser an den Kopf fassen und meinen: Das kann und darf doch gar nicht sein! Sind doch bloß Kinder!

    Der Witz an der Sache besteht bloß darin, dass RDLs implizite Appelle zu gar keiner weiteren analytisch-kognitiven Tätigkeit anregen, sich gar nicht weiter mit diesen Phänomenen staatlicher Zurichtung befassen, sondern ihr Genüge darin haben festzustellen, im besten Deutschland aller Zeiten laufe gehörig etwas schief, was doch gar nicht sein müsste, wenn alle so rational wären wie RDL und die meisten OT-Leser.

    Dabei wäre es doch so einfach, endlich einmal denk- und erkenntnismäßig vom Fleck zu kommen.

    Nämlich indem man staatliche Aktivitäten wie im Fall Dogru endlich mal nicht als „Versagen“ fehlinterpretiert, sondern ernst nimmt als Ausfluss dessen, zu welchen Mitteln reibungslos funktionierende bürgerlich-demokratische Staaten greifen, wenn es um Gelingen und Fortschritt ihres nicht abwählbaren Staatsprogramms geht.

    Und dann nüchtern sachlich festzustellen:

    – „Ja, dieser reibungslos funktionierende Staat, seine Verwalter und Gestalter (inkl. EU-Ebene) behandeln mit Absicht, Willen und Bewusstsein noch jeden Mörder und Kinderschänder besser und würdevoller als Dogru und seine Kinder, sobald diese Staaten das für zweckmäßig und zielführend halten“ (wobei „Respekt“ und „Würde“ auch schon wieder so beliebige Floskeln sind, die sich RDL zugunsten materialistisch handfesterer Konzepte gerne abschminken kann)

    – „Ja, dieser reibungslos funktionierende Staat, seine Verwalter und Gestalter sehen (zugespitzt wie bei RDL) in Dogrus Kindern wirklich eine Gefahr für den Fortschritt von Geschäft und Gewalt der Bundesrepublik, weshalb dieser Staat an ihnen mit Absicht, Willen und Bewusstsein ein Exempel statuiert“ .

    Das wäre der Ausgangspunkt für weiterführende Erkenntnisse darüber, mit was und wem man es wirklich zu tun hat bei diesem Staat und seinem Wirken.

    Und jetzt alle ab zum Eiersuchen oder Füßewaschen!

  6. Der deutsche Zoll….

    Nein, es ist nicht „der deutsche Zoll“. Es steht ein Mensch dahinter. Mindestens einer. Und zwar ziemlich widerliche, empathiebefreite, mitleidslose Gesellen. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Na dann.

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