
Unfähigen Politikern folgen in der Regel noch unfähigere dieses Typs. Gibt es etwa ein Gesetz der kumulativen Unfähigkeit?
Sie war die alternativlose Abrissbirne, der politisch gewordene Stillstand: Angela Merkel. Ihre Amtszeit war eine bleierne Zeit – vier Legislaturperioden stand sie durch, man muss sagen: standen die Bürger mit ihr durch. Einen schlechteren Kanzler, so glaubten viele im Moment ihrer Ablösung, kann es so schnell für dieses Land nicht mehr geben. Dann kam Olaf Scholz. Erinnert sich noch einer an ihn? Was für eine klägliche Figur dieser Mann doch abgab! Beispielhaft jene Szene im Februar 2022, einige Tage vor Beginn des Ukrainekrieges, als er dümmlich lächelnd neben dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden stand, als dieser erklärte, dass die Vereinigten Staaten dazu in der Lage wären, Nord Stream ein Ende zu setzen. Scholz sah in dem Moment viel älter aus als Biden – und das will was heißen.
Merkel, dann Scholz: Egal wer den beiden folgte, schlechter konnte es jetzt nicht mehr kommen – oder? Die Talsohle musste doch durchschritten sein – irgendein mittelmäßiger Nachfolger wird sich doch finden lassen. Und dann fand man Friedrich Merz. Einen arroganten, mit der Finanzwirtschaft verbandelten, hyperempfindlichen und unbeliebten Mann, der eine geradezu lausige Kanzlerschaft abliefert. Wenn man denkt, schlimmer geht es nicht mehr, findet der deutsche Politbetrieb immer noch jemanden, der die Misere vertieft und dem Tiefstand einen neuen Begriff gibt. Warum ist das so? Wie lässt sich eine solche Serie potenzierter Unfähigkeit erklären?
Bozo Explosion
Es muss doch irgendeinen Erklärungsansatz geben, der darlegt, wie eine solche negative Kontinuität entsteht. Ein Gesetz quasi – oder ein Prinzip. Leider findet man recht wenig über dieses Phänomen. Mit diesem Mechanismus der Steigerung der Unfähigkeit in politischen Ämtern hat sich jedoch kaum jemand befasst. Dabei ist offenkundig, dass es eine solche Entwicklung an vielen Stellen des politischen Betriebes gibt – nicht nur im deutschen Kanzleramt. Auch in Ministerien lässt sich dergleichen nachvollziehen. In Parlamenten ohnehin – oder glauben Sie, vor zwanzig Jahren hätte auch nur ein Abgeordneter im Traum daran gedacht, seine politischen Vorstellungen zu tanzen und dann irgendwo – Social Media in der heutigen Form gab es ja noch nicht – zu vermarkten?
Hat sich wirklich nur der amerikanische Unternehmer Guy Kawasaki damit befasst? Der erklärte bereits vor vielen Jahren, dass erstklassige Leute sind gerne mit erstklassigen Leuten umgehen. Die Zweitklassigen jedoch bevorzuge drittklassige Partner an ihrer Seite, damit sie sich überlegen fühlen können – und damit sie auf diese Weise ihre Unfähigkeit kaschieren. Drittklassige suchen sich viertklassige – Viertklassige fünftklassige. Wo ist die Grenze der Unterklassigkeit? Kawasaki nannte das eine Bozo Explosion, man könnte dieses Prinzip mit einer nicht ganz wundersamen Idiotenvermehrung übersetzen.
Dieses Erklärungsmodell ist ein Ansatz – erfasst aber vielleicht nicht jeden Aspekt, der das Phänomen der Unfähigkeitspotenzierung nachvollziehbarer macht. Es braucht etwas, was man vielleicht als Gesetz der kumulativen Unfähigkeit bezeichnen könnte. Einen Dreisatz, der sich dann vertiefen lässt. Vielleicht so? Erstens: Je unfähiger die Führung, desto bedrohlicher scheint ihr die Fähigkeit anderer. Zweitens: Je bedrohlich ihr die Fähigkeit anderer erscheint, desto unfähiger fällt ihre Personalauswahl aus. Drittens: Je unfähiger die Personalauswahl ausfällt, desto wahrscheinlicher wird eine noch unfähigere nächste Führung. Aber wie genau spielt sich dieses Wachstum der politischen Unfähigkeit ab? Welche Mechaniken sind am Werk?
Kumulierte Unfähigkeit
Derjenige, der ein politisches Gemeinwesen herunterwirtschaftet, beschädigt zugleich die Voraussetzungen dafür, dass ein fähiger Nachfolger an seine Stellen treten kann. Schließlich steigen in der Amtszeit eines Unfähigen auch Leute auf, machen Karriere, die dann als Personalbestand auch dann erhalten bleiben, wenn sich die Mandatszeit des Unfähigen verstrichen ist. Zurück bleibt Personal – in Parteien, parteinahen Stiftungen, in Abgeordnetenbüros, Parlament und Ministerien –, das im Klima der schieren Unfähigkeit seine Meriten verdiente. Dass das solche begünstigt, die keinen Elan zum Widerspruch an den Tag legen, die – ganz im Gegenteil – sogar ein ausgeprägtes Faible dafür aufweisen, der Unfähigkeit so gut es geht keine Kompetenz entgegenzusetzen, scheint hierbei fast zwangsläufig.
Ein unfähiger Amtsinhaber oder Mandatsträger hat nun mal wenig Anlass, sich mit starken Persönlichkeiten zu umgeben. Solche stellen unangenehme Fragen, pflegen eigene Vorstellungen und – ehe man sich versieht – läuft einem ein solch begabter Mitarbeiter als Konkurrent für ein politisches Amt über den Weg. Wenn aber die größte Begabung eines Mitarbeiters im direkten Umfeld darin besteht, die Begabung des Vorgesetzten – auch wenn sie nicht vorhanden ist; ja, gerade dann! – je und je zu bestätigen, lässt sich viel entspannter das Werk der Unfähigkeit bestellen. Stattlich ist es für einen Politiker von unfähiger Erscheinung, wenn er neben sich nur Leute gelten lässt, die ihm nicht nur seine Unfähigkeit nicht vorhalten, sondern daneben noch viel unfähiger sind. Neben solchen Leuchten steigt sein Marktwert gleich beträchtlich – der Einäugige wird nur König, wenn er sich ein Volk der Blinden unterhält.
Man könnte also sagen, dass die Erbfolge im politischen Betrieb so gestaltet ist, dass die Unfähigkeit immer noch größere Unfähigkeit heranzieht. Täte sie das nicht, würde sie sich ihr eigenes Wasser abgraben – sie muss es tun, um politisch überleben zu können. Die Befähigten werden aufgerieben, man hält sie von den Hebeln der politischen Machtausübung fern, weil man sie gnadenlos aussortiert. Mit jeder politischen Generation sinkt das Niveau gewissermaßen automatisch. Kommt erst einmal ein Zweitklassiger an eine bedeutsame Position, stehen die Chancen günstig, dass sich die Unfähigkeit im Verlaufe der Zeit kumuliert. Die Unfähigkeit fördert angepasste Charaktere, die obendrein nie gelernt haben, Widerspruch zu formulieren. Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf.
Der schlechteste Bundeskanzler kommt erst noch
Die kumulative Unfähigkeit verändert nicht nur die Personalauswahl, sondern sie verschiebt auch die Maßstäbe, die man anlegt, um politische Befähigung überhaupt beurteilen zu können. Gestern noch als politisches Versagen wahrgenommen, kann diese Vorgehensweise plötzlich gewöhnliche Regierungsarbeit sein. Im Laufe der Zeit sinken die Erwartungen, man gewöhnt sich an Zumutungen – auch intellektueller Art – und ehe man sich versieht, fällt es einem kaum noch auf, wie sehr sich die Ansprüche schier von Geisterhand zurückentwickelt haben. Die Unfähigkeit schafft sich also ihre eigene Normalität.
Ja, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Unfähigkeit darüber hinaus zu einer institutionellen Eigenschaft wird. Parteiapparate, Ministerien und politische Netzwerke entwickelt Routinen, die die Zweit-, Dritt- oder gar Viertklassigkeit begünstigen, um der Unfähigkeit am Schalthebel ein Umfeld zu gewährleisten, in dem sie unbehelligt wirken kann. So wird aus der Unfähigkeit einzelner Personen schrittweise die Unfähigkeit einer ganzen Organisation.
Dieser Kreislauf kann auch nicht durch Wahlentscheidungen seitens des Bürgers durchbrochen werden. Schließlich kann der Wähler nur wählen, was ihm zur Wahl vorgesetzt wird. Da sich aber parteiübergreifend derselbe Mechanismus etabliert hat, stehen fähige Kandidaten nicht oder doch zumindest immer seltener zur Auswahl. Der Bürger bekommt es zunehmend mit politischen Köpfen zu tun, die ein Bedürfnis haben, ihre eigene Befähigung zu inszenieren, um ihren Makel zu verschleiern. Deswegen glänzen sie mit Haltung und moralischer Selbstgewissheit, deswegen lieben sie Symbolpolitik und Kommunikation: Das sind die Ablenkungsmanöver der Unfähigkeit. Schlussendlich wird nicht derjenige befördert, der wirklich etwas könnte, sondern derjenige, der am überzeugendsten seine Unfähigkeit kaschiert. Die Quintessenz des Gesetzes der kumulativen Unfähigkeit lautet also: Wenn Sie glauben, wir haben jetzt den schlechtesten Bundeskanzler, den es je gab, dann bleiben Sie gelassen, denn wir können uns niemals sicher sein, ob wir den wirklich schlechtesten Bundeskanzler bereits gehabt haben.
Dieser Artikel erschien erstmals bei Berlin 24/7.
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