Der Westen muss noch viel lernen

Berliner Maier, 1989
Lear 21 in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Deutschland wurde 1990 vereinigt. Aber es wurde nicht neu gegründet. Der Westen blieb, was er war – und der Osten sollte werden wie dieser Westen: Ein Geburtsfehler, der das Land bis heute spaltet.

Gestern war Einheitstag. Zum 36. Mal jährte er sich. Letztes Jahr war die mediale Begeisterung für dieses Ereignis größer. So ein rundes 35. Jubiläum ist einfach viel attraktiver, um per Agenda Setting zurückzublicken. Wobei Rückschau in diesem Kontext meint: Medien, die explizit in westdeutscher Hand sind, schauen auf den 3. Oktober 1990 – und die Zeit davor – zurück und erklären der gesamten Republik, natürlich auch dem Osten, wie das damals war und wie es einzuordnen ist. Selten Thema in dieser westlichen Retrospektive: Was nicht geschehen ist, was unterlassen wurde – und was außerdem hätte geschehen können und müssen, um die Einheit versöhnlicher zu gestalten.

Einen kurzen Moment war die Einheit, als sie zu fassen kam, ein offener Raum. Es hätte eine wirkliche Vereinigung zweier deutscher Länder werden können. Ein Neuanfang für beide. Aber das bundesrepublikanische Erfolgsmodell dachte gar nicht daran, die Einheit auf eine solche Weise herzustellen – nur wenige trauten sich in die Stimmung jener Tage hineinzuplatzen mit ihren Bedenken. Willy Brandt sprach zunächst noch von einer Konföderation beider Länder, die einige Jahre andauern und eine Einheit vorbereiten sollte – Günter Grass notierte 1990 dazu in seinem Buch »Unterwegs nach Deutschland«, dass der Ex-Bundeskanzler zu einer Absegnung der »populistischen Wiedervereinigung« getrieben wurde. Ähnlich erging es – so erzählt der Literat ebenda – auch dem damaligen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine. Er wollte diesen überstürzten Zusammenschluss nicht, der sich schon recht bald nach dem Mauerfall ankündigte. Aber er musste ihn nolens volens proklamieren, wenn er überhaupt eine Chance haben wollte, die Bundestagswahl im Dezember 1990 zu gewinnen. Er tat es nicht.

Westdeutsch werden – aber schnell!

Lafontaine hätte diese Wahl womöglich gewonnen, wenn der Mauerfall nicht dazwischengekommen wäre – denn Helmut Kohl war in jenem Herbst 1990 politisch am Ende. Im Mai des Jahres sahen die Beliebtheitswerte wie folgt aus: 42 Prozent für Lafontaine zu 29 Prozent für Kohl. Doch die Geschichte erwies dem Rheinland-Pfälzer die Gunst, und er griff mit vollen Händen zu. Der Oggersheimer zögerte keine Sekunde. Lafontaine sprach hingegen mit vernunftbasierten Argumenten, er hielt zum Beispiel Steuererhöhungen im Zuge des Einheitsprozesses für unausweichlich und thematisierte das auch öffentlich – die Union erklärte im Gegenzug, man könne diesen Schritt stemmen, ohne die Steuern erhöhen zu müssen. Am Ende rettete der Mauerfall Kohl die Kanzlerschaft. Ohne diese historische Zufälligkeit, würde man sich an jenen Kanzler, der von 1982 bis 1990 die Bundesrepublik regiert hatte, nicht mehr sonderlich intensiv erinnern. Man kann also festhalten, dass der 11. November 1989 die Amtszeit des Helmut Kohl verdoppelte.

Ein neues Deutschland entstand in jenen Tagen allerdings nicht. Sicher, das neue Staatsgebiert vergrößerte sich um knapp 110.000 Quadratkilometer und es kamen über 16 Millionen Bürger hinzu – Neubürger, wie man sie seinerzeit etwas despektierlich bezeichnete. Die niedersächsische Peripherie war plötzlich Kernland, Teil von Mitteldeutschland – und die BRD grenzte von einem Tag auf den anderen an Polen. Aber das sind nur äußere Indikatoren, die nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass der Begriff der Einheit gar nicht angebracht war, wenngleich er immer wieder verwendet wurde. Die Deutsche Demokratische Republik trat am 3. Oktober 1990 offiziell dem Geltungsbereich des Grundgesetzes ein. Artikel 23 des Grundgesetzes ermöglichte eine solche Aufnahme. Die DDR tat es dem kleinen Saarland nach, das am 1. Januar 1957 auf dieselbe Weise zur Bundesrepublik stieß. Die Bundesrepublik wurde also größer. Fast möchte man hinzufügen: Mehr ereignete sich eigentlich nicht.

Der Osten trat ihr bei, übernahm ihre westdeutschen Institutionen, ihre Wirtschaftsordnung, ihre Parteienlandschaft, ihre Rechtsordnung, ihre politischen Rituale und schließlich drängte man die Menschen aus der ehemaligen DDR auch noch, die Erzählungen zu übernehmen, die der Westen über sich, seine Großzügigkeit, seine Verlässlichkeit und seine Weltläufigkeit in Umlauf brachte – und bis heute noch immer vorbringt. Der Westen konnte bleiben, was er war, der Osten sollte nach westlichem Muster integriert werden und seine Eigenheiten Schritt für Schritt – besser aber recht schnell – ablegen.

Ganz selbstverständlich nahm man an, dass nur eine Seite etwas zu lernen habe. Die Lebensleistung der Bürger aus dem Osten wurde von Anfang an nicht gewürdigt, ihre Erfahrungen spielten keine nennenswerte Rolle – deren altbekanntes Leben wurde ihnen nun als fundamentale Fehlleistung ausgelegt, sie hätten in einer Lebenslüge gelebt und sollten das nun schnellstmöglich einsehen und ihre Herkunft so gut es geht vergessen. Die neue Zeit versprach Wohlstand durch Marktwirtschaft, verhieß endlich freien Konsum – als Preis für die neue gesegnete Versorgungssituation galt es wohl, die westlichen Erzählungen zu akzeptieren und die östliche Identität möglichst abzustreifen. Der Westen trat bewusst – oder nur unbewusst? – als Kolonialmacht auf, als kulturimperialistischer Hegemon, der brechen wollte mit dem, was vorher im Osten war. Der Ostdeutsche, den man nur zu gerne verächtlich als Jammerossi bezeichnete, sollte im westdeutschen Kollektiv aufgehen. Er tat es jedoch nicht, denn im Sozialismus hat er – anders als westliche Fachleute gerne behaupten – eine gewisse Standhaftigkeit gelernt.

Lebenslügen im Osten und im Westen

Im Umgang mit der DDR entstand fast zwangsläufig eine skeptische Haltung gegenüber Obrigkeiten, die einem den Lebensweg vorzeichnen wollten – und auch die Möglichkeiten hatten, diesen Weg nach ihren Vorstellungen zu steuern. In solchen Systemen lernt man eben nicht nur, sich anzupassen. Fast automatisch entsteht das Gefühl einer notwendigen Distanz zum Staat und seiner Büttel. Auf diese Weise entwickelte sich im östlichen Deutschland ein feines Gespür für das, was als offizielle Wahrheit fungierte und der Diskrepanz, die entsteht, wenn man der eigenen Wahrnehmung folgt. Der übergriffige Staat schuf sich auf diese Weise einen Typus von Bürger, der staatlicher Autorität gegenüber besonders misstrauisch ist. Die ostdeutsche Widerborstigkeit, die dieser Tage wieder überheblich aus dem Westen heraus moniert wird, lässt sich mit der DDR-Erfahrung erklären – westdeutsches Expertentum erzählte einige Jahre lang, dass die DDR als sozialistischer Staat eine Form von zwangsläufiger Rechtsradikalität heranzüchtete, die den Wahlerfolg der AfD erklärbar machen sollte. Man sollte die Wahl von Parteien, die nicht vollkommen in den Parteienstaat integriert sind und von den etablierten Parteien geächtet werden, immer auch als Ausdruck politischer Selbstbehauptung verstehen. In Ostdeutschland gab es seit den Neunzigerjahren mehrere Parteien, die aus diesem Grund gewählt wurden – zunächst einige rechtsextremistische Exponenten, dann die Linkspartei – nun die AfD und in abgeschwächter Form auch das BSW. Sollte die AfD früher oder später in Land und Bund die Regierung stellen, dort endgültig den üblichen Anpassungsmechanismen unterworfen werden, dürften es die Ostdeutschen sein, die dann aufmüpfig zur Wahlurne laufen, um eine andere – heute vielleicht noch nicht existente – Partei zu stärken, während die Westdeutschen vermutlich im Flow ihrer anerzogenen und gratismutigen Anpassungsbereitschaft mehrheitlich für die AfD stimmen werden.

Was aber bleibt ist die Arroganz des Westens. Die Großspurigkeit desjenigen, der sich als Sieger fühlte – und das nun über drei Jahrzehnte schon. Dämmert es langsam, dass Westdeutschland kein Siegertyp ist? Ist die Überheblichkeit je gerechtfertigt gewesen? Die Schriftstellerin Monika Maron, die die ostdeutsche Wirklichkeit nie verklärt hat, fragt sich in ihrem Essay »Ich war ein antifaschistisches Kind«, weshalb die Westdeutschen ihr »eigenes Wohlergehen nur noch als eine gerechte Folge ihrer ehrlichen Arbeit ansahen, nicht aber auch als einen geographischen Glücksfall. Läge Schwaben an der Oder, läge Leipzig am Rhein … Dann hießen die Schlagzeilen in den Zeitungen heute vielleicht: Wieder hunderttausend Demonstranten in Stuttgart.« Wenn Leipzig diesen direkten Weg nach Rotterdam, einen Zugang zur Welt gehabt hätte: Was für Optionen hätten sich da für die DDR ergeben! Hätte der Osten dann den Westen geschluckt, der unter Umständen nicht überlebensfähig gewesen wäre?

Lebenslüge: Das war es, was der Westen den Ostdeutschen begreiflich machen wollte. Sie hätten eine solche Lüge gelebt und sollte von ihr abrücken, die westdeutschen Exponenten wüssten nun schon, was richtig für sie wäre. 40 Jahre lang habe man kein richtiges Leben im Falschen gehabt – der Zusammenbruch musste erfolgen, weil Lügengebäude schließlich immer in sich zusammenfallen. Das sei gewissermaßen das Gesetz der Wahrheit. Systeme allerdings, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, die hätten Bestand, die seien widerstandsfähig – eine solche Einschätzung ist mindestens historisch nicht haltbar, nichts hatte je für alle Ewigkeiten Bestand. Außerdem strotzt sie nur so vor Arroganz, denn woraus soll diese Wahrheit bestehen, von der zuweilen die Rede ist, wenn sich der Westen – der globale wie der deutsche – mal wieder seiner Werte brüstet? Dass Westdeutschland auf einer Lebenslüge gebaut haben könnte, spürt man erst seit einigen Jahren – aber nun mit voller Wucht.

Denn die amtierende Bundesrepublik ist ein westdeutscher Staat, der sich ein ostdeutsches Anhängsel erlaubt, das aber möglichst nicht zu melden haben sollte – einige Funktionäre, die in der Vergangenheit hohe Ämter des Staates bekleideten – Merkel, Gauck! –, sollten darüber nicht hinwegtäuschen. Und in diesen Zeiten zeigt sich, dass das Westdeutsche eine Qualität nicht aufbringt, die im Osten jedoch viel häufiger zu finden ist: Die Selbstbehauptung gegenüber einem Staat, der seine Fühler immer weiter ausstreckt, um in die privaten Leben seiner Bürger vorzudringen, der sie erziehen und anleiten will – und der sie final auch um ihre Grundrechte bringt, wenn ihm im Anflug von selbstauferlegtem Notstand danach ist. Im Westen hat sich über Jahrzehnte eine Lebenslüge eingeschlichen, die ungefähr so nachzuzeichnen ist: Man hat sich eingerichtet in ein Modell unkritischer Arbeitsteilung, jeder übernimmt seine Aufgabe in der Gesellschaft. Ärzte behandeln, Rechtsanwälte verteidigen, Arbeiter produzieren – und Politiker machen eben Politik. Man traut ihnen zwar nicht, verließ sich aber dennoch über Dekaden darauf, dass sie ihre Arbeit verrichten, nach bestem Wissen und Gewissen und zuletzt wohl doch zum Wohle des Volkes; schwarze Schafe gab es freilich überall als bedauernswerte Einzelfälle. Aber das System sei an sich narrensicher, die Parteien könnten sich nicht alles erlauben, der politische Anstand sei systematisch eingebaut, Deutschland sei ein Land, das auf dem Boden des Grundgesetzes steht.

Ein menschlicher Zugewinn

Diese Naivität mag man auf der einen Seite als putzig erachten – aber sie hat dieses Land in den letzten zehn Jahren tief in einen Abgrund gerissen. Die westdeutsche Lebenslüge, dass Politik das Fach einer Klasse von Spezialisten sein soll, deren Arbeit man mit kühler westdeutscher Distanz begegnet, gegen die man auch nicht aufmuckt, will man sich nicht unbeliebt machen, hat die Bundesrepublik in einen Abwärtsstrudel manövriert. Besonders im Westen der Republik ließ man sich eine Agenda überstülpen, die so ausgelegt war, kritische Haltung lediglich zu simulieren – als Aufgewecktheit, während man bei existenziellen Themen dahindämmert –, sie aber niemals gegen politische Machthaber zu richten. Auf diese Weise begleitete der Westen die Grenzöffnung vom September 2015 nicht einfach nur mit Gleichgültigkeit, sondern mit einem Furor, hier das einzig Richtige zu tun – jede Kritik daran, oftmals übrigens aus dem Osten des Landes stammend, wurde unmittelbar als rechte Parole abgetan. Der Westen suhlte sich in dieser Phase in dem wohligen Gefühl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen – der Kampf um das Asylrecht und um offene Grenzen für alle, war in dieser Zeit auch ein Kampf gegen die ostdeutsche Störrigkeit, nicht jede politische Agenda zu tolerieren wollen.

Dann kam Corona und die ostdeutsche Impfverdrossenheit – dann der Krieg gegen Russland und die vor allem in Ostdeutschland etablierte Skepsis gegenüber dem westlichen Militärbündnis und seinen Absichten. Dieses Ostdeutschland ist freilich keine geschlossene Einheit, aber im Großen und Ganzen fallen dort jene »Gewissheiten«, die im Westen recht fest etabliert scheinen, nicht auf fruchtbaren Boden. Der Westen erklärt das, gewohnt großkotzig, mit einer ostdeutschen Reaktanz, die gewissermaßen immer dann an den Tag tritt, wenn der Westen die Agenda vorgibt – dann muss der Ossi, vereinfacht erklärt, grundsätzlich dagegen sein. Dass der Westen jedoch tief in seinen Lebenslügen stecjt, die ihm nun peu a peu auf die Füße fallen, verdrängt er – er will sich nicht eingestehen, dass seine Deutungshoheit schwindet; sein weichgespültes fakeliberales Credo – bei Forderung autoritärer Maßnahmen – soll weiterhin der Soundtrack einer Republik sein, die er an die Wand gefahren hat mit seiner transatlantischen Unterwürfigkeit und seinem neuen großdeutschen Selbstbewusstsein und seiner überbordenden Selbstherrlichkeit.

Die Ostdeutschen muss man einfach als Zugewinn für dieses Land betrachten – und zwar als menschlichen Zugewinn. Mit ihnen kam eine Erfahrung in die Bundesrepublik, die dem saturierten Westen weitgehend abhandengekommen war: dass man nicht alles glauben muss, was von oben als alternativlos verkündet wird. Sie sind die Stimme eines gesunden Menschenverstandes, der begriffen hat, dass staatlichen Vorgaben immer – oder jedenfalls oft – mit der Skepsis des Souveräns zu begegnen sind. Die etwas aus der Mode geratene Volksvernunft zeigt sich im Osten und deutlich weniger im Westen dieses Landes. Eine Vernunft, die freilich nicht grundsätzlich dem Schönen, Guten, Wahren zustrebt, aber zumindest mit der Selbstzufriedenheit des bundesrepublikanischen Getriebes bricht. Eine Gesellschaft braucht Menschen, die nicht bei jeder neu von PR-Agenturen geschriebenen und von Politikern verkündeten Losung strammstehen. Ohne diesen Osten: Wären wir vielleicht schon im Krieg?

Der Westen hat diesen Zugewinn an skeptischen Staatsbürgern nie recht begriffen, ihn eher als Bürde betrachtet, weil sein kolonialer Anspruch seit 1990 auf einer anderen Prämisse beruhte: Der Westen haben demnach die Geschichte gewonnen, das System habe sich durchgesetzt, das dazugehörige Denken sollten den Osten erobern – er musste nur lernbegierig sein. Unter der Kanzlerschaft des Westdeutschen Friedrich Merz erlebt die westdeutsch geprägte Bundesrepublik, dass ihr Geschäftsmodell keineswegs unantastbar ist. Es hängt an politischen und wirtschaftlichen Glaubenssätzen, an geopolitischen Bindungen und ideologischen Gewissheiten, deren Fortführung nicht zwangsläufig den Fortbestand des Erfolgsmodells garantiert, sondern dessen Niedergang im Keim bereits angelegt war. Ausgerechnet jener Westen, der dem Osten jahrzehntelang erklärte, sein System sei an seinen eigenen Lebenslügen zugrunde gegangen, könnte nun erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Gewissheiten nicht mehr tragen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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53 Kommentare

  1. 3. Oktober : Tag der Deutschen Einheit.
    4. Oktober: Der Deutsche Kanzler trifft
    zu einem Solidaritätsbesuch in Kiew ein.

    Kanzler, wie wäre es mit Solidarität mit Deutschland !?!?

    1. Das lässt sich vermutlich ganz einfach erklären: diese Art von Kanzler hat in der Ukraine ordentliche Umfragewerte. In Deutschland gibt es kaum noch Nachfrage nach dieser Art von Kanzler.
      In der „Stellenausschreibung“ wurde das Anforderungsprofil für den Bundeskanzler deutlich kommuniziert:
      „Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben.“
      In der „normalen Arbeitswelt“ (also dort, wo gearbeitet wird) gehen einer Kündigung in der Regel Abmahnungen voraus. In wie weit die aktuellsten Landtagswahl-Ergebnisse solche Abmahnungen darstellen, darüber lohnt sich nachzudenken…

      1. Es ist ermüdend, dass Phrasen allseits, stets und notorisch wiederholt werden, ohne sich je mit deren rechtsverbindlicher Bedeutung und Wirkmächtigkeit befasst zu haben.
        Ein prømissorischer Eid, wie in diesen Fällen,ist weder verbindlich noch wörtlich zu nehmen – es ist ein Art „Versprechen“; gleichgültig,ob nun „Gott dabei helfe“ oder auch nicht!
        Indiånêrehrenwort

      2. „Pflichten gewissenhaft erfüllen“

        Ich glaube er erfüllt die ihm aufgelegten Pflichten sicherlich gewissenhaft. Jetzt bleibt nur noch die Frage wer ihm diese Pflichten aufgetragen hat, das GG oder gewisse Unternehmens-Leitstätze a´la Black Rock???

        Ach bevor ich es vergesse, die EU findet die Umweltauflagen für Rüstungsbetriebe kontraproduktiv!

    2. Das Lustige ist ja, dass Merz, um heute in Kiew zu sein, bereits gestern im Zug sitzen musste und laut Google angesichts der Reisezeiten bereits zwischen 16:30 und 17:00 aus Deutschland ausgereist ist.

        1. Rekonstruierter Reiseplan laut Google-KI.
          „Basierend auf den offiziell bestätigten Eckdaten (wie der Abfahrt in Przemyśl um 21:28 Uhr und der Ankunft in Kiew gegen 06:00/07:00 Uhr) lässt sich der Reiseplan der Kanzler-Delegation wie folgt als chronologische Liste rekonstruieren (Best Guesses für die Logistikstrecken):
          🕒 Reiseplan: Friedrich Merz nach Kiew
          Samstag, 3. Oktober 2026 (Abreisetag)
          • 15:30 Uhr – Abreise vom Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen
          • 16:45 Uhr – Abflug der Regierungsmaschine vom Flughafen Berlin Brandenburg (BER)
          • 18:15 Uhr – Landung auf dem polnischen Militär- und Logistikstützpunkt Flughafen Rzeszów-Jasionka
          • 18:45 Uhr – Abfahrt des abgedunkelten Autokonvois unter polizeilichem Schutz Richtung Grenze
          • 20:45 Uhr – Ankunft am streng bewachten Grenzbahnhof Przemyśl Główny (Polen)
          • 21:28 Uhr – Abfahrt des ukrainischen Sonderzuges Richtung Ukraine
          Sonntag, 4. Oktober 2026 (Besuchstag in Kiew)
          • 02:00 Uhr – Während der Fahrt: Das russische Außenministerium veröffentlicht eine offizielle Reisewarnung vor Kiew
          • 06:00 Uhr – Ankunft des Sonderzuges am Hauptbahnhof Kiew (Kyjiw-Passaschyrskyj)
          • 07:00 Uhr – Offizielles Aussteigen aus dem Zug und Begrüßung am Bahnsteig
          • 07:45 Uhr – Programmbeginn: Erster russischer Drohnenalarm in der Stadt; Einschlag einer Drohne auf der Kiewer Nordbrücke
          • Vormittag / Nachmittag – Treffen mit Präsident Selenskyj, Besichtigung der beschädigten Akademie der Wissenschaften und bilaterales Wirtschaftsforum im unterirdischen Schutzbunker
          • 21:00 Uhr – Geplante Rückreise per Sonderzug vom Hauptbahnhof Kiew in Richtung polnische Grenze“

    3. Auf Grund seiner exzellenten Umfragewerte dort, wo die (BlackRock-)werte verteidigt werden, ware es dem Fritze doch wärmstens zu empfehlen, gleich dort zu bleiben und das Ruder vom bisherigen, immer kriegsmüder werdenden Machthaber zu übernehmen.

    4. Vielleicht bringt er ein paar Geldkoffer mit. So knapp wie die Kohle dort gerade ist (30 Mrd Loch im Ver….Kriegshaushalt und für 2027 ein eingeplantes Defizit von 100 Mrd.) kann man wohl auch bald nicht mehr die Schmiergelder abzweigen, die das System Selenski am Leben halten….

    5. „4. Oktober: Der Deutsche Kanzler trifftmzu einem Solidaritätsbesuch in Kiew ein“

      Wie viele Milliarden hat er im Gepäck? Sind es 3,3 Milliarden oder mehr???

  2. Vereinigung? Man sollte u.U. etwas präziser formulieren, da es sich nicht nur um ein Zusammenfügen von einzelnen Teilen handelte, sondern um das Wiederherstellen eines willkürlich getrennten Ganzen, bei dem u.a. unzählige Familien dauerhaft getrennt und je nach „Glück oder Pech“ die Vita anders geschrieben wurde/n.
    Der gebürtige Westdeutsche oder rechtzeitig hierher (Kriegs)Geflüchtete verstanden/verstehen sich als der bessere bzw. eigentliche Deutsche, obwohl lediglich die zufälligen Geburtskoordinaten darüber entschieden, in welchem Teil man lebte.

    Auch wenn es stets (für alles) die einfachste Erklärung ist, dass das System Schuld an gedanklichen Fehlleistungen sein muss, liegt die kognitive Verantwortung jedoch bei jedem Einzelnen.
    Würde D mittig und horizontal getrennt, welcher Teil wäre/fühlte sich wohl als der einzig/wahre/ erwählte? Tippe nicht auf Nord.

    Glücklicherweise haben sich beide Seiten im Wollen und Habitus angenähert. Würden Einkommen, Renten, Vermögen, Besitz etc. nicht noch nach Jahrzehnten hinterher hinken und der „Ossi“ weniger augenfällig abgewertet, wäre auch dieser längst zu vollster Zufriedenheit aśšmiliert.

  3. Zitat 💬: „Lafontaine sprach hingegen mit vernunftbasierten Argumenten …“ Wenn in Deutschland und Europa die „Vernunft“ regieren würde, warum ist dann Friedrich Merz seit 2025 Bundeskanzler, ein Mann wie Boris Pistorius Minister für „Kriegstüchtigkeit“ und eine ehemalige Lobbyistin eines privaten Energiekonzerns Bundesministerin für Wirtschaft und Energie? (Das gilt im Prinzip für alle Staaten, die sich als „demokratisch“ bezeichnen.)

    Dieser Friedrich Merz hat 2008 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mehr Kapitalismus wagen. Wege zu einer gerechten Gesellschaft“. Seit wann ist der Kapitalismus gerecht? Der Kapitalismus ist so gerecht wie die ehemalige DDR bis 1989 demokratisch war und CDU/CSU „christliche“ Parteien sind. Das war vor 100 Jahren so, das war vor 200 Jahren so und das war schon immer so. Früher war beim Kapitalismus noch eine ordentliche Portion Kolonialismus und/oder Feudalismus dabei. Letzteres ist zwar etwas aus der Mode gekommen, der Trend geht aber zweifelsohne in Richtung (Techno-)Feudalismus.

    Der ungezügelte Kapitalismus macht die Reichen, vor allem die „Superreichen“, immer reicher 💰 und die Armen immer zahlreicher. Warum wohl heißt dieses „wertewestliche“ Wirtschaftssystem, das immer als „freie Marktwirtschaft“ geframt wird, Kapitalismus?

    Wie formulierte es der Kabarettist Volker Pispers aber schon vor langer Zeit: Die Mehrheit der Wähler will 🤥 angelogen werden, um sich nach der Wahl darüber zu beklagen, dass sie von den Politikern der Regierung 🤥 angelogen werden. Und viele Bürger lernen nichts daraus und machen es immer wieder.

    1. Die ehemalige Lobbyistin eines privaten Energiekonzerns weiß aus eigenem erleben dass eine bankrotte Firma durch Übergabe an die Arbeiterschaft zu retten ist. Vielleicht erinnert sie sich daran, wenn jetzt immer mehr Firmen in Insolvenz gehen.

    2. @DIRTY OPERATING SYSTEM

      »Seit wann ist der Kapitalismus gerecht?«

      Die Mehrheit der dummen Michels hat immer noch nicht kapiert, was sie sich mit der Wahl von Friedrich Merz eingehandelt haben.

      Die Entscheidungen von Friedrich Merz erinnern an Charlie Chaplin aus dem Film „Der große Diktator“.

      Sozialstaat: Stunk, das Sparen am Sozialstaat ist alternativlos.
      Pazifismus: Stunk, Aufrüstung, ohne Rücksicht auf Kosten ist ebenfalls alternativlos.
      In Rente nach 45 Jahren Arbeit: Stunk, Rente mit 63 wird abgeschafft.
      Entlastung der Rentenkasse durch die Pensionskasse: Stunk, die belastung der Pensionskasse ist tabu.

    3. „Lafontaine sprach hingegen mit vernunftbasierten Argumenten …“ Wenn in Deutschland und Europa die „Vernunft“ regieren würde…

      Ähem, deswegen wurde Lafontaine doch kein Kanzler… Wobei die Frage folgt, lag die Unvernunft jetzt bei Lafontain, weil sich seine »vernunftbasierten Argumenten« gegen einen unvernünftigen Patriotismus stellten, oder ist die Unvernunft bei den sog. patriotischen und sich sehnenden „Großdeutschen um jeden Preis“ zuhause?

      Naja, wenn Lafontain einfach vor der Wahl fulminant „ja zu Großdeutschland“ gesagt hätte und nach gewonnener Wahl, „sorry Folks, geht nicht, ist zu teuer, da müssten wir die Steuern erhöhen und ich hatte versprochen…“ wäre das ein gebrochenes Wahlversprechen gewesen, das einen rückblickend erfreuen könnte und die Mehrheit heute vermutlich besser dastehen ließe und nicht nur im doppelten Deutschland.

      Schöne Spinnerei meinerseits: „Tag der Deutschen Gemeinheit“ war am 3. Oktober 1990 und Bundestagswahl war am 2. Dezember 1990, also zu spät.

  4. ergänzend zu diesem guten artikel ein markus meckel-interview zum tag der deutschen einheit:
    https://www.zdf.de/play/magazine/phoenix-collection-phoenix-149-466/phoenix-tag-der-deutschen-einheit-letzter-ddr-aussenminister-zur-historischer-bedeutung-100
    von einer bärbel bohley und den ernsthaften runden tischen, die damals oft live in unser westliches tal der ahnungslosen übertragen wurden, spricht kaum jemand mehr, auch meckel nicht, aber immerhin erwähnt er kohls anmaßung …
    und genau in dessen spuren latschen wir wessis (allen voran die mainmedien) gern weiterhin –
    damals und heute giert die generation thinktank unter den journalisten vor allem nach diffamierung von lafontaine, der gegen die BILD-macht keine chance hat(te)

  5. @ xblob 10 Uhr 07 : Mann Merz wird gleich nach den Feierlichkeiten zur dt. Einheit sich auf die Socken gemacht haben, mit seinem ganzen Anhang und
    den Kameraden von der Journaille. Ganz
    überraschend, dieser Besuch, ganz sehr !

    Seit wie vielen Wochen basteln sie da-
    ran ? Vor Sachsen-Anhalt oder danach ?

  6. Steinmeier (einer der HartzIV-Architekten und auch den Fall Kurnaz sollten wir nicht vergessen) hat mit den Seinen die Übernahme groß gefeiert und über 25% der Wähler herablassend gesprochen.

    Da lob ich mir doch den Martin Sonneborn auf der unzwingbar.de in Berlin.
    https://www.youtube.com/watch?v=S3VQeknXqeU

    Habe ich etwas verpasst oder hat weder die Tagesschau noch heute im ZDF (auf dem Zweiten wird man blind) nichts über die drei Demos berichtet?

    1. Ich gestern: Frau verreist, ich bei der Hausarbeit. 12 Uhr Nachrichten im DLF: Große Einheitsparty in Bremen, nach den Nachrichten im DLF Direktübertragung vom Festakt, Übernahme von Radio Bremen, ich schalte um auf RBB Info. Gleiche Stimme: Direktübertragung vom Festakt, Übernahme von Radio Bremen. Ich habe auf meinem Analog-Radio nur diese beiden Sender gespeichert, frage mich aber, auf wie vielen Kanälen das gestern direkt übertragen wurde. Staatsfunk eben.

    2. Danke für den Sonneborn-Link!
      »Opas gegen Wehrpflicht« vs. »Omas gegen Rechts«: Der Geschlechterkampf geht auf die Zielgerade.

      Und nein, ich habe von den Demos auch gar nix mitbekommen, nur von brutaler Antifa in Bremen.

  7. In Ostdeutschland gibt es heute rund 900.000 Einzelpersonen, die Bürgergeld empfangen, was etwa 11 Prozent der ostdeutschen Haushalte entspricht.

    Das Einkommen dieser »Einzelpersonen« war zwar bescheidener, aber dafür sicherer, als das der West-Bürger heute. Und sie mussten sich auch keine Sorgen um ihre Rente, ihre Wohnung, ihre ärztliche Versorgung machen.

    Ob diese die Ostdeutschen heute noch die Euphorie vom 9. Oktober, 1989, verspuhren?

    Also wenn ich einer dieser Einzelpersonen wäre und die Wahl zwischen DDR und BRD hätte, ich würde mich für die DDR entscheiden.

    1. „Also wenn ich einer dieser Einzelpersonen wäre und die Wahl zwischen DDR und BRD hätte, ich würde mich für die DDR entscheiden.“

      Ein Staat ist kein Produkt bei Amazon, das man beim Nichtgefallen zurückschicken und ein „besseres“ nachbestellen kann. Übrigens: ein „guter“ Staat“ ist aus Sicht der Ossilanten einer, der deren „Ost-Biografien anerkennt“ d.h. ein Staat, der einem kostenlos Melitta-Kaffee, West-Privatfernsehen, Golf, Allianz-Versicherung und die „Deutschland, einig Vaterland“ -Fahne statt Regenbogenflagge in den Hintern schiebt. An der ostdeutschen Definition eines „guten Staates“ hat sich seit 1990 nichts geändert. Und jetzt, wo die Ost-CDU den „guten Staat“ nicht mehr liefert, soltle es die Ost-AfD als Ersatzlieferant richten.

      1. Mit Ossi-Beschimpfung kommen wir nicht weiter. Im Grunde ist es die gleiche neokoloniale Ignoranz und Arroganz des ach so tollen Wertewestens wie gegenüber Russland und anderen Nichtvasallen der USA, die Sie zum Ausdruck bringen. Kein Weg aus dem Schlamassel, wirklich nicht.

      2. Er hätte sich ja für die DDR entschieden da gab es die AFD noch nicht .Na klar haben die Ossis eine Biografie ,die neue war ja die der BRD.

    2. „Das Einkommen dieser »Einzelpersonen« war zwar bescheidener, aber dafür sicherer, als das der West-Bürger heute. Und sie mussten sich auch keine Sorgen um ihre Rente, ihre Wohnung, ihre ärztliche Versorgung machen.“

      Sowas kann nur jemand sagen, der absolut keine Ahnung hat. Wer gearbeitet hat und auf HartzIV (egal, wie das gerade heißt) gesetzt wird, der verliert massenhaft Rentenzahlungen und -jahre. Und da das meist am Ende des Arbeitslebens passiert, kommt noch erschwerend hinzu, daß dann 5 Jahre vor dem gesetzlichen Eintrittsalter das Amt die Rente „beantragt“, was bedeutet, daß von dem Wenigen, was bis dahin als Rentenanspruch erworben wurde, auch noch rund 20% dauerhaft abgezogen werden, man also nach Jahrzehnten eines harten und schlechtbezahlten Arbeitslebens wieder im HartzIV („Grundsicherung im Alter“) landet. Dann werden auch noch die Konten abgeräumt, bis nur noch das Geld für ein „Sozialbegräbnis“ drauf ist, und so weiter.

      Asozial im Quadrat! Aber du feierst das….

  8. Von mir noch ganz persönlich und nachträglich die herzlichsten Glückwünsche an alle Ossis und Ossinnen. Anders als der Autor es mit „Deutschland wurde 1990 vereinigt“ formuliert würde ich eher sagen: Ossis und Ossinnen wurden beigetreten.

  9. Es gibt da ja auch unter den Nationen eine Art Hackordnung der jeweiligen Insassen.
    Ganz oben das auserwählte Volk der US-Amerikaner. Die sind naturgemäß überall die schönsten, besten und klügsten.
    Danach kommt dann der westdeutsche Radfahrer, der den Ami anhimmelt und den Ossi verachtet.
    Der wiederum hält sich dem gemeinen Osteuropäer für überlegen und himmelt(e) den Wessi an (dieses nicht mehr ganz so dolle, weil sich der Wessi als Arsch entpuppte, wann die Wessis begreifen, dass die Amerikaner Idioten sind, muss sich noch zeigen).
    Der Osteuropäer wiederum scheisst auf den Russen, der auf den Chinesen und dieser letztendlich hält sich wiederum für die Krone der Zivilisation.

  10. Es war 1991, da hatte ich etwas mit der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst zu klären. Ich machte den Fehler, den zuständigen Mitarbeiter, Dr.K. , an die Gesetze der Bundesrepublik zu erinnern, an die er sein Handeln auszurichten habe. Der Fehler schlechthin. Seitdem weiss ich mit dem Begriff “Arrogant wie ein preußischer Leutnant“ etwas anzufangen.
    Und das ich als „Ossi“ viel Geld und Zeit brauche, um mein Recht zu bekommen….wenn ich es denn bekomme…
    Dann kam der Sommer 1995. In einem Thüringer Dorf ging die zuständige Postmitarbeiterin in Rente. An ihrem letzten Arbeitstag wurde ihr ihr Nachfolger vorgestellt. Es blieb keine Zeit zur Einarbeitung. Der junge Mann scheiterte schon am ersten Arbeitstag. Was dann kam, hätte ich mir nie vorstellen können. Die Post- Dienststellenleiterin erzählte den Sachverhalt ihrer Schwester. Die war Redakteurin eines Lokalblattes. Und berichtete korrekt. Diesen Bericht las eine Hyäne der “ Bild“…
    Innerhalb weniger Tage war die Westpresse voller Hetz- und Gruselgeschichten. Das Dorf wurde wochenlang von Presse- und TV -Teams belagert.
    Die drangen in die Häuser der Bewohner ein, um zu zeigen, wie die „Nazis“ aus dem „Osten“ hausen…Die Schüler aus dem Ort wurden vor ihrer Schule von Gutmenschen aus dem Westen beschimpft und geschlagen. Eine Konferenz von linken, grünen Gutmenschen in Hannover rief dazu auf, geschlossen nach Thüringen zu fahren und das Dorf abzubrennen. In Folge dessen hielt die Regionalbahn mehrere Tage nicht mehr im Ort und die durch den Ort führende Bundesstraße wurde gesperrt. Etliche Polizeiposten wurden errichtet….
    2011 kam im ZDF ein Bericht, der aufzeigen sollte, wie gefährlich es in Jena für Ausländer sei…
    Dazu wurde ein „Schriftsteller“ mit bengalischen Wurzeln benutzt. Die ganze Geschichte war erstunken und erlogen. Der “ Zeuge“ schrieb später einen Brief, in dem er schilderte, wie er selbst von den ZDF- Mitarbeitern verarscht wurde und er erst durch diesen Beitrag erkannte, das er nur für eine Herzgeschichte benutzt wurde…
    Das für so manchen Loser aus dem Westen segensreiche Wirken der „Treuhand“ ist auch nicht vergessen. Und die Generalamnestie für deren Wirken, das darin bestand, 85% der Vermögenswerte der DDR in den Westen umzugverteilen …
    „Deutsche Einheit“ gibt es nicht. Und wenn der „Westen“ feiert, dann feiert er sich selbst. Noch!

  11. Der Artikel ist lang, aber insgesamt doch so gut und klug, dass ich ihn bis zum Ende lesen mochte.
    Vieles war mir schon bekannt, aber das macht nichts.
    —

    Ein Satz, den ich mir angestrichen habe, weil er so gut ist:

    „Die Ostdeutschen muss man einfach als Zugewinn für dieses Land betrachten – und zwar als menschlichen Zugewinn. Mit ihnen kam eine Erfahrung in die Bundesrepublik, die dem saturierten Westen weitgehend abhandengekommen war: dass man nicht alles glauben muss, was von oben als alternativlos verkündet wird.“
    —

    An dieser Stelle noch eine Bemerkung, die ins Historische und Psychologische zielt:
    So einige der westdeutschen Bundesländer (besonders NRW, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Niedersachsen) sind überhaupt nur deshalb groß und stark geworden, weil Preußen zerschlagen wurde. Ohne diese Zerschlagung würde es diese Bundesländer ja gar nicht geben!

    In der DDR lebte nun auf eine seltsame und eigentümliche Weise etwas vom alten Preußen weiter. Es gab aus diesem Grund früher auch schon das Wort von den „roten Preußen“ in Ost-Berlin:
    https://www.spiegel.de/politik/bei-den-roten-preussen-a-86ad8b6b-0002-0001-0000-000014347616

    Ostdeutschland, das war – von Sachsen und dem fast rein agrarischen Mecklenburg abgesehen – eben Preußen. Und Preußen mochte man im Westen nicht. Man mochte es natürlich auch schon allein deswegen nicht, weil Preußen sich nach 1815 ganz erhebliche Teile Westdeutschlands einverleibt hatte. Hier der Link zu einer Karte, die zeigt, wie viel auch von Westdeutschland bis 1945 preußisch war:
    -> https://www.turkey-visit.com/map/germany/german_empire_map_1871_1918.jpg
    Andere Besonderheiten Ostdeutschlands kamen hinzu.

    Man sollte die Psychologie und langlebige Affekte nicht unterschätzen.
    Der Westen mag den Osten aus vielerlei Gründen nicht wirklich. Man merkte das auch damals schon angesichts der Hauptstadtdebatte: Bonn oder Berlin.
    Und die Menschen im Osten haben eben jene Erfahrungen gemacht, die Herr de Lapuente beschrieben hat.

    1. Zuvorderst möchte ich mich dem Lob anschließen. Es gibt selten nur Äußerungen in der Öffentlichkeit wie diese, die in solcher Knackigkeit und Prägnanz so nahe am Thema sind.

      Zur Hauptstadt: es gibt im Ausland Stimmen, die vermuten, dass vielleicht der militaristische Kurs, den das Land gerade eingeschlagen hat, auch etwas mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass nach der Überwindung der deutschen Teilung (die ja auch transportiert, dass zwei Deutschländer eher nicht wieder zu alter, unglückseliger militärischer Übermacht aufsteigen können) die Hauptstadt von Bonn nach Berlin, in die alte Hauptstadt des über mehrere Zeiträume hinweg militaristisch geprägten Preußens, verlegt wurde.

  12. “Der Westen muss noch viel lernen“.
    Meint der Autor. Auch wenn das jemals passieren sollte, was ich nicht glaube, bei der immer noch vorhandenen Überheblichkeit und Arroganz unsere ehemaligen Brüdern und Schwestern.
    Julia Klöckner (CDU) hat zum Tag der “Unfreiheit“ mit folgender Äußerung die Katze aus dem Sack gelassen!
    Zum Tag der Deutschen Einheit hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) aufgefordert: “Unterschiede auszuhalten“. “Einheit bedeutet nicht Gleichheit“, erklärte Klöckner am Freitag anlässlich des Festes zum Feiertag.
    „Einheit heißt diese Unterschiede auszuhalten, miteinander im Gespräch zu bleiben und gemeinsam Regeln und Grundrechte zu achten“, sagte sie. Demokratie und Parlamentarismus bräuchten Widerspruch und Debatte, aber auch “die Bereitschaft notwendige Zumutungen zu ertragen und Kompromisse einzugehen“.
    Nach ZDF Teletext 02.10. 2016

    Es ging also NIE um ein Zusammenwachsen zwischen Ost und West. Die schönen Worte wie “Blühende Landschaften“, “Einheit in Freiheit“, “Angleichung der Lebensverhältnisse“, “Gleicher Lohn und gleiche Renten in Ost und West“ usw, waren immer nur hohle Phrasen, versteckt in Sprechblasen zur Volksverdummung, um die westdeutsche Vorherrschaft und Vormundschaft über den Osten dauerhaft zu sichern, zu festigen und immer weiter auszubauen.
    Eine Freudenmeldung zum Tag der “Einheit“ gab es dennoch: Die Union aus CDU / CSU
    lag nach der letzten Umfrage bei nur noch mageren 18%, d. h. 12% hinter der AFD.
    Ohne die Söderpartei CSU sind das erbärmliche 13% für die Merz-Partei.
    Merz reiste am Feiertag in die Ukraine, wo seine Popularitätswerte wesentlich höher sind. Begleitet ausschließlich von Rüstungsmanagern und verspricht weitere 1.3 Milliarden an deutschem Steuergeld, das für die Renten- und Krankenkassen fehlt. Über den Umweg Kauf von Waffen und militärischer Ausrüstung wird es an die Rüstungsfirmen zurück transferiert. Die Taschen der Eigentümer werden also weiter ununterbrochen prall füllt. Black Rock wird es freuen; in unendlicher Dankbarkeit an ihren ehemaligen Topmanager.
    Des Kanzlers Popularitätswerte sind mit unter 10% im Keller und Er kreiert sich als Weltenretter.
    Merz begründet seinen Besuch und seinen politischer Kurs in den Abgrund mit der Bedrohung durch Russland.
    „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns“, sagte er bei seiner Ankunft in Kiew.

    1. Natürlich muß das Datum des ZDF-Teletext Beitrages 02.10.2026 lauten. Klöckners Aussage findet man auch noch auf „evangelisch.de“
      Ergänzung zu meinen Beitrag:
      In Begleitung von Merz ist neben einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation, bestehend ausschließlich aus Managern von Rüstungsunternehmen. Nach Pressemeldungen wurden Liefer- und Leistungsverträge im Wert von etwa 6 Mrd Euro abgeschlossen. Wieder eine gigantische Summe für den Steuerzahler.
      Aber der deutsche Michel zahlt ja alles, ohne zu murren, ob es an der Tankstelle ist oder für Selenskij´s korrupte, geldgierige Oligarchenbande. Weiter bemerkenswert ist die ausdrückliche Teilnahme von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, Frau Reiche ist die derzeitige Lebenspartnerin des Adligen Karl-Theodor zu Guttenberg.
      Guttenberg war Verteidigungsminister von 2009 bis 2011, und hat aus dieser Zeit bestimmt noch gute Kontakte in einschlägige, im militärische Bereich tätige Unternehmen. Die lassen sich im gegenwärtigen Goldgräberrausch im Rüstungsbereich sehr gut versilbern. Guttenberg ist auch Vorsitzender und Mitgründer der Investment- und Beratungsfirma Spitzberg Partners LLC in New York. Dort arbeitet er als Chefberater, das strategische Beratung und Investitionseinblicke in europäische und internationale politische, wirtschaftliche, diplomatische, technologische und sicherheitspolitische Fragen bietet. ( Nach Firmenangaben) Also ein Rundrum sorglos Paket zur Profitmaximierung. Guttenbergs Firma ist weltweit präsent und tätig- aber kaum zu finden. Black Rock und ehemaliges Black Rock Management lassen grüßen.
      Er ist auch ein angesehener Gast am Center for Strategic and International Studies (CSIS) wo Wirtschafts- und Verteidigungsstrategien entwickelt werden. Da lässt sich ein gutes Stück vom großen Kuchen abschneiden, besonders wenn gute Kontakte, sogar persönliche, zu den Schalthebeln der wahren Macht bestehem. Eine Hand wäscht die andere, oder Beziehungen schaden nur, wenn man keine hat!

      1. Oder volkswirtschaftlich verallgemeinert: ein gutes Stück Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums in private Hände.

        Wer war das doch gleich noch einmal, der solche Phänomene beschrieben hat?

  13. Deutschland oder auch der deutschsprachige Raum bildete (und bildet vielleicht noch) im Sinne einer Kulturnation durchaus so etwas wie eine Einheit, vielleicht sogar, geschichtlich betrachtet, eine Schicksalsgemeinschaft. Die politischen Kulturen innerhalb des Landes unterscheiden sich jedoch deutlich, etwa im Hinblick auf das Subsidiaritätsprinzip (Südwesten), im Gegensatz zu staatlich geprägten Top-Down-Strukturen im Nordosten. So kommt mir als gebürtiger Schwabe, der schon längere Zeit in Berlin lebt, in Bezug auf den Osten immer das Amerika-Gedicht von Goethe in Sinn: „Amerika, du hast es besser, (…) hast keine verfallenen Schlösser“. Auch der Osten ist, wie Amerika, geschichtlich gesehen jünger, und schon „Wessis“ wie Goethe und Schiller konnten sich, nach ihrer „Flucht“, in den moderneren Städten des Ostens kreativ austoben.

    Wie gehe ich mit mühsam ersparten, privaten Besitz um? Wie wird dieser zwischen den Generationen weitergegeben? Was erwarte ich vom Staat, für welche Dinge in meinem Leben sind übergeordnete, anonyme Institutionen mitverantwortlich? Verpflichtet Besitz zur Reinvestition oder nicht? Solche Fragen wurden in den jeweiligen Regionen Deutschlands für lange Zeit unterschiedlich beantwortet und das bemerkt man noch heute, auch wenn nach den bekannten einschneidenden geschichtlichen Ereignissen sowie der Industrialisierung diese Grenzen zunehmend verschwimmen. Möglicherweise sind über die Jahrhunderte gewachsene politische Kulturen und Traditionen also heute noch wirkmächtiger als 40 Jahre DDR.

    1. Tja, nicht zu vergessen, daß die kolonialen Traditionen Deutschlands (Ausbeutung, Ausplünderung von machtmäßig unterlegenen Personen, Firmen oder Staaten, sei es direkt oder durch Fremdarbeiter, die dann auch gern Gastarbeiter genannt wurden) seit Jahrhunderten nur in einem Teil Deutschlands ungebrochen weiter gepflegt und geübt wurden.

      Im anderen Teil Deutschlands wurde diese Tradition über Generationen unterbrochen, Ausbeutung war verpönt, die ausländischen Vertragsarbeiter erhielten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Vernichtungskonkurrenz zwischen Firmen existierte schlicht nicht, zwischen Arbeitern schon gar nicht. Eine schwere Bürde, wenn man dann ohne Haifischzähnchen plötzlich in den Haifischbecken landete, wo die Haifische ständig von Willkommenskultur laberten und den neuen Karpfen allenfalls 2/3 des Futters zuteilten – mal abgesehen von den Oberkarpfen natürlich, die durften hellfen dabei und mittun…

      Ohne daß ich jetzt in Schwaben-Bashing verfalle: Wer als Schwabe in Prenzlberg gelandet ist, müsste doch eigentlich wissen, wie man Ossis aus der Wohnung rausbekommt, in die man einziehen möchte? Z.B. indem man einfach mal das Bankkonto beim Hauskauf vorzeigt… irgendwas geht dann schon… Gentrifizierung at it’s best… und diesen Mechanismus findet man halt überall.

      1. Wohne in Kreuzberg, Gentrifizierung ist dort gerade kein Thema mehr. Und auch die Schwaben in Prenzlberg fragen sich mittlerweile, was das eigentlich war, ist und in Zukunft sein soll, dieses Berlin. Nach dem Mauerfall war Berlin für viele junge Wessis, darunter natürlich auch Schwaben, eine Art Verheißung auf ein aufregenderes Leben und daran gibt es, meiner Meinung nach, nichts zu verurteilen. Schade, was in der Zwischenzeit daraus geworden ist und ich sag‘ mal so: Die Schwaben sind daran nicht schuld. Das ach so spießige Stuttgart hingegen hat wegen Daimler und Co schon lange einen hohen Ausländeranteil. Am Band konnte man schnell gutes Geld verdienen – soviel zum Thema Ausbeutung.

        Dennoch, ich stimme Ihnen zu, die „kolonialen Traditionen“, wie Sie es nennen, sind sicherlich auch ein spannendes Thema, was in die jeweiligen politischen Kulturen mit hineinspielt. Wobei – Preußen und seine koloniale Ambitionen, insbesondere, was den Osten anbelangt…

        Beim Thema Wohnen in Berlin würde ich zurückkommen auf meine oben gestellte Frage: Verpflichtet Besitz zur Reinvestition? Habe ich also als Hausbesitzer in Berlin die Verantwortung, aus dieser Stadt wieder eine Art Verheißung zu machen? Für wen soll diese Hauptstadt Deutschlands – das ist sie doch noch – eine Verheißung sein? Für alle Erdlinge, nur für reiche Schwaben oder für alle armen, ausgebeuteten Nichtschwaben (um es humoristisch auszudrücken). Ich investiere doch in eine Stadt, Region oder Nation, damit nachfolgende Generationen dort ihre Potentiale entwickeln können, oder? Im besten Fall gebe ich eine Art Gesamtkunstwerk weiter. Berlin hatte nach dem Mauerfall für einen kurzen Moment den Ruf, durchaus zu Recht, so ein Gesamtkunstwerk (sehr blumig ausgedrückt, ich weiß) zu sein. Diese Zeiten sind vorbei.

        1. Warum investiert ein Konzern wie Vonovia, Akelius, und wie sie alle heißen, in Berlin? Weil sie für jede Milliarde, für die sie in der Stadt Immobilien erwerben oder bauen, zu Recht erwarten können, binnen kürzester Zeit mehrere Milliarden Profit aus der Stadt herausziehen zu können. Um Profit zu machen also.
          Um wie viel, wie schnell, mit welchen Mitteln (schnelle Spekulation oder langfristige Mieterträge), kann man im Detail in den Konzernberichten nachlesen. Das hat nichts, gar nichts, mit Verheißung oder Potentialentwicklung zu tun. Im Gegenteil, da die Wohnungen immer teurer werden, kann gerade das Potential, die junge Bevölkerung, keinen Platz. mehr finden. Das ist es, was momentan in Berlin deutlich zu sehen ist: Zusammenbruch der Kreativbranche, sinkende Attraktivität der durchgentrifizierten Quartiere.
          Selbst der kleine Hauseigentümer, aus Schwaben kommend, der „investiert“, tut das nicht bei Verlustgefahr. Entweder will er beim lustigen Spekulationsspielchen absahnen, oder er erwirbt ein Haus, um eine eigene Wohnung mietfrei zu sichern (und Vormieter zu entsorgen), oder er braucht eine Kapitalanlage, damit er den Profit im Rentenalter realisieren und aufbrauchen kann (falls ihm die Beamtenpension und die Mieteinnahmen nicht reichen…).
          Fazit: Private investieren für Gewinne und nicht für Potentiale. Die Gewinne werden größtenteils aus der Stadt rausgeschafft (Stichwort Steueroase bei Vonovia), damit stärken sie die Stadt nicht, sondern schwächen sie. Das lässt sich nur durch gemeinwohlorientierte Besitzverhältniisse ändern.

    2. @mare

      Mit ihrer Gegenüberstellung der Mentalität im deutschen Südwesten (Subsidiaritätsprinzip) und im Nordosten (Top-Down-Strukturen) sprechen Sie einen wichtigen weiteren Unterschied zwischen Westdeutschland und Ostdeutschland an; etwas was ich oben mit „anderen Besonderheiten Ostdeutschlands“ bloß vage angedeutet hatte.

      Allerdings folgt daraus jetzt nicht unbedingt, dass man sich im Westen vernünftiger und kritischer verhält. Die im Osten lebenden Deutschen, die den Top-Down-Modus seit langem und nicht erst seit der Nachwendezeit und seit der DDR, sondern auch vom Dritten Reich her und auch schon seit den Tagen der preußischen Könige kennen, sind hinsichtlich der Obrigkeit eben weniger vertrauensvoll-naiv und daher kritischer.

      Ich könnte mir vorstellen – ohne es beweisen zu können – dass aus einem Leben in einer Gesellschaft mit ausgeprägtem Subsidiaritätsprinzip eine stärkere Überzeugung resultieren könnte, dass sich alle Beteiligten schon irgendwie verantwortungsbewusst und vernünftig verhalten: vom Bürgermeister bis hoch zum Regierungschef. Schließlich können diese (im Idealfall) alle vergleichsweise nur wenig gestört durch gängelnde Weisungen von oben, in ihren eigenen Bereichen schalten und walten. Und eben dieses Vertrauen ist heute einer der großen Schwachpunkte im politischen Bewusstsein der Westdeutschen … !

  14. Man muss nicht mit allem im Artikel einverstanden sein um doch zu konstatieren: Der in den vergangenen Jahren im Osten nun mal stetig gestiegene Zuspruch für eine rechtspopulistische Partei lässt sicher so manche Erklärung zu – es soll aber niemand mit dieser saublöden Nummer kommen, das seien halt die „(Spät)Auswirkungen“ von 40 Jahren Diktatur und autoritärem Denken/Handeln! Solange die Könige Kurt B. oder Manfred St. solide Ergebnisse bis hin zur absoluten Mehrheit hatten, war das ja schließlich nirgends zu hören.

    1. .. es soll aber niemand mit dieser saublöden Nummer kommen, das seien halt die „(Spät)Auswirkungen“ von 40 Jahren Diktatur und autoritärem Denken/Handeln!

      Ich würde noch weiter gehen:

      Der Osten Deutschlands hatte auch schon vor der Teilung kolonialen Charakter, was die Struktur von Herrschaft und Abhängigkeit vom Westen betrifft. Treffender wäre vielleicht von innerer Kolonisation zu sprechen, da es sich nicht direkt um Kolonien im neuzeitlichen Sinne handelt. Bezüglich der wirtschaftlichen Abhängigkeit war selbst die DDR da keine Ausnahme.

      Schon im Mittelalter gab es die sogenannte Ostkolonisation – auch als hochmittelalterliche Ostsiedlung bekannt, die Gebiete östlich der Elbe-Saale-Linie betraf. Zuallererst wären da wohl die Junker (ostelbische Großgrundbesitzer) zu nennen. Der Osten exportierte viel Getreide in den Westen, blieb aber von Banken und Handelsstrukturen im Westen abhängig. Auch zur Zeit der Industrialisierung blieb es oft bei Rohstofflieferungen, und die Schwerindustrie wurde zumeist von westdeutschen und ausländischen Investoren kontrolliert. Und die DDR war quasi die billige Werkbank für den Westen. Das betraf insbesondere Textilien und Bekleidung, Elektronik und Haushaltsgeräte, aber auch Möbel, Verpackungen, Druckerzeugnisse, Automobilzulieferer und Maschinenbau.

      Es gibt also eine gewisse Kontinuität bei ausbeuterischen Herrschaftsstrukturen, die über die Jahrhunderte sicher auch prägend ist. Das heißt nicht, dass man solche Systeme im Osten gut findet, aber man kennt sie. Der vermeintliche Erlöser AfD ist derweil auch wieder geprägt von Akteuren aus dem Westen zu kommen.

      Man kann sagen, dass die historische Prägung durch Fremdbestimmung und wirtschaftliche Abhängigkeit ein Gefühl der strukturellen Ohnmacht hinterlassen hat, das Lösungsversprechen von „Anti-Establishment-Autoritäten“ wie der AfD attraktiv erscheinen lässt, was dann allerdings zu einem noch autoritäreren System führt. Das ist nicht als Schuldzuweisung, sondern als Teil einer Erklärung für die besondere Empfänglichkeit für solche Angebote zu verstehen. Es sind psychologische als auch politische Mechanismen, die paradox wirken mögen, die sich die AfD zunutze macht. Es ist ein universeller Mechanismus autoritärer Bewegungen, der auch im Westen funktioniert, auch wenn die Erzählung und der historische Hintergrund dort etwas abweichen.

    2. @Earl Offa
      Eine rechtspopulistische Partei? Zuspruch im Osten? Das ist so ausgelutscht. Hessen und Baden-Württemberg sind nicht im Osten, NRW erst recht nicht…

  15. Wenn jemand wie ich in der ddr „Ökonomie der Entwicklungsländer“ (westdt. Entwicklungsökonomie) studiert hat, der lernt über die imperialistische kolonialexpansion u.a. folgende grundzüge. Die koloniale unterwerfung eines land/region geht einher mit entmachtung der einheimischen eliten; delegitimierung der bestehenden eigentumsformen/alles wird zur „rechtmäßigen“ beute erklärt; verhängung eines sonderrechts für einheimische/die gewährung von grundrechten, wie sie in den kolonialmetropolen alltäglich sind, wird verweigert; schliesslich die entsendung von überdurchschnittlich entlohnten kolonialbeamten.
    All das hat im osten d-lands nach 1990 in klassischer form stattgefunden. Noch fragen…?

    1. „Entmachtung der einheimischen Eliten“ würde ich mit einem Fragezeichen versehen. Die hält man sich die erste Zeit noch gewogen, mit einigen Ausnahmen, an denen man ein Exempel statuiert. Hauptsache, Produktivkräfte und Produktionsmittel gelangen unter die eigene Kontrolle.

      1. Nun ja, es wurde ja nicht nur die politische elite – von den ddr-revolutionären ! – entmachtet. Was folgete war der wahrscheinlich größte elitenaustausch der europäischen geschichte seit der eroberung Roms durch die germanen. 90 prozent der universitätsprofessoren, 90 prozent der richter und staatanwälte, 100 prozent des auswärtigen und diplomatischen dienstes, (fast) alle schulleiter*innen etc. Im ergebnis sind die ostdeutschen in all diesen kategorien heute im eigenen land unterrepräsentiert; jeder ossi hat inzwischen einen westdeutschen chef – und wenn’s der direktor des zuständigen finanzamts ist. Das haben gewiss nur die allerwenigsten der „bürgerrechtler“ erwartet und gewollt…
        Ach so ja, inzwischen gelten die kinder der kolonial-beamten, die nach deren versetzung ins kolonialgebiet im osten geboren wurden, als „Ossis“!?

  16. Das Brandenburger Tor. Gibt es eigentlich ein Gesetz, das vorschreibt, daß es ewig stehenbleiben muß? Mal sehen, wann es fällt.

  17. Liebe Ossis , der Westen hat euch die Schöne scheinheilige Welt hinter duftenden und glitzernden Schaufenster gebracht ansonsten meinen die außergewöhnlich zu sein .Macht euch eine Sorgen die sind nichts .!

  18. Das Prinzip „Anschluss“ statt „Vereinigung“ war 1990 hat sich vermutlich im Nachhinein als der größte Geburtsfehler bei der Wiedervereinigung erwiesen. Das ging ja sogar soweit, dass das Gebot des Grundgesetzes, nach der Wiedervereinigung eine Verfassung zu beschließen, umgangen wurde.
    —

    Aber wäre eine gleichberechtigte Vereinigung überhaupt möglich gewesen? Und was wäre aus ihr erwachsen?
    Schließlich handelte es sich bei der DDR 1990 nicht um einen gewöhnlichen Staat, sondern um einen Staat mit unfreier und diktatorischer Tradition, der sich massiv von Westdeutschland unterschied. Gerade eben erst war die alte Garde in der DDR gestürzt worden, doch befanden sich nach wie vor Zehntausende oder gar Hunderttausende linientreuer Mitarbeiter in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft. Die DDR war eben kein vergleichsweise normaler Staat wie etwa Österreich.
    Eine gleichberechtigte Wiedervereinigung hätte die große Gefahr beinhaltet, dass sich weit mehr an totalitären Reststrukturen und auch belasteten Führungskadern der Diktatur ins neue Gesamtdeutschland „hinübergerettet“ hätten. Das hätte viel Unruhe und Streit gegeben.

    Wie viel sich von den zwielichtigen alten Strukturen und Gedanken trotz Anschluss noch ins heutige Deutschland hinüberretten konnten, ist ja angesichts der SED-Nachfolgepartei und der von ihr unterstützten Projekte bekannt …
    Im Falle einer gleichberechtigten Vereinigung wäre das vermutlich noch weit ausgeprägter gewesen, sodass die Gefahr bestanden hätte, dass Deutschland wieder in jene destruktive Spaltung geraten wäre, die in den 1920er Jahren die Weimarer Republik destabilisiert hatte.
    —

    Am Rande bemerkt:
    Auch früher schon – und damit meine ich die Zeit vor 1945 – waren Westdeutschland und Ostdeutschland ziemlich unterschiedlich, und das wurde auch allgemein so wahrgenommen. Es ist ein Irrtum zu denken, dass die Unterschiedlichkeit erst nach 1945 bzw. nach 1990 eingetreten wäre.

    Der wesentliche Unterschied zu heute bestand aber darin, dass damals lange Zeit der Osten (= Berlin, Preußen) dominant war und nicht der Westen. Im Osten, also in Berlin, in Preußen und auch in Sachsen spielte die Musik.
    Dort wurde Politik gemacht und nicht am Rhein. Gut, es gab im Westen auch reiche Großbürger, es gab den Bergbau, es gab Krupp, es gab die Hamburger Reeder oder das Münchner Bürgertum, aber diese Kreise hatten doch viel weniger politischen Einfluss als heute. Nur in München gab es im Westen noch eine gewisse politische Eigenständigkeit, andererseits war Bayern damals aber noch in weiten Bereichen ein vergleichsweise armes Agrarland. Württemberg war zwar auch etwas eigenständiger, aber doch ziemlich klein.

    Es bestand also eine Umkehrung der Verhältnisse, die sich ein heutiger Deutscher aus Frankfurt, Stuttgart oder Köln kaum vorstellen kann. (Dies vermutlich auch deshalb nicht, weil heutige Deutsche wenig Geschichtskenntnisse haben.)

    Auf eine heutigen Deutschen nur schwer vermittelbare Weise war Westdeutschland vor 1945 wirklich viel weniger wichtig als heute: die Bevölkerungsdichte war deutlich geringer; die Zersiedlung war geringer; die Städte waren kleiner; die sächsische, thüringische Industrie sowie erst recht die Industrie im Raum Berlin war mindestens ebenso wichtig;
    die politischen Zentren lagen im Osten.
    Selbst die Metropolen und Großstädte im Westen (z.B. Hamburg, Frankfurt, Köln) hatten nicht die heutige Bedeutung, sondern waren nur bedeutend neben ebenso großen und wichtigen Metropolen im Osten wie Leipzig, Dresden, Breslau und Königsberg. Hinzu kam, dass viele der westdeutschen Großstädte lediglich untergeordnete preußische Provinzstädte waren, so z.B. Frankfurt, Hannover und Köln.

    In gewisser Weise könnte und mit einem Zwinkern könnte man daher die heutige westdeutsche Überheblichkeit auch als eine späte „Rache“ der lange Zeit in der Provinz befindlichen Gebiete betrachten.

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