Der Totalitarismus ist bereits da

Symbolbild Überwachung oder Totalitarismus
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Totalitäre Dystopien gelten vielen als düstere Zukunftsvision. Dabei übersehen sie, wie weit der Verlust an Freiheit längst fortgeschritten ist.

Caitlin Johnstone hat im Westend Verlag ein »Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda« herausgebracht. Es hilft dabei, gegen den Schwachsinn unserer Zeit gewappnet zu sein.

Ich hatte einen Albtraum, in dem ich geheime Informationen durchsickern ließ und von Reportern der New York Times verhaftet und gefoltert wurde.

Das Ziel ist es, uns mit so viel Feindseligkeit wie möglich über Themen streiten zu lassen, die für unsere Machthaber so wenig Konsequenzen wie möglich haben. Es ist wirklich erstaunlich, wie erfolgreich sie damit sind.

Neulich habe ich ein Video gesehen, in dem ein Typ wütend eine Kiste Budweiser mit einem Monstertruck überfährt, aus Gründen, die mir nicht einleuchten, und alle schrien aufgeregt ihre Meinung dazu, und ich dachte nur: O mein Gott, wir sind total am Ende. Sie haben uns total eingewickelt.

Die Menschen verstehen nicht, wie unfrei wir schon jetzt sind

Eine effektivere totalitäre Dystopie als die, in der wir uns gerade befinden, kann man nicht entwerfen. Eine, in der jeder durch Propaganda einer Gehirnwäsche unterzogen wird, ohne es zu wissen, in der jeder genau so denkt, handelt, wählt und einkauft, wie seine Herrscher es wollen, und dabei denkt, er sei frei.

Die Menschen machen sich Sorgen über technokratische Eskalationen wie zunehmende Überwachung, digitale Ausweise, digitale Zentralbankwährungen und so weiter und das zu Recht; diese Maßnahmen verleihen den Mächtigen ein größeres Maß an Macht über die Bevölkerung. Aber viele stellen sich fälschlicherweise vor, dass eine künftige technokratische Dystopie, die durch diese Maßnahmen geschaffen wird, ganz anders aussehen würde als die Dystopie, in der wir uns jetzt befinden, und das ist einfach nicht der Fall. Diese Maßnahmen würden dazu beitragen, das derzeitige System zu erhalten, nicht aber, ein neues zu schaffen.

Die Menschen stellen sich totalitäre Dystopien als eine dunkle Bedrohung der Zukunft vor, weil sie nicht verstehen, wie zutiefst unfrei wir schon jetzt sind. Sie glauben, dass wir frei sind, weil wir selbst auswählen, was wir im Supermarkt kaufen, und den Präsidenten »Brandon« nennen können, aber das sind wir nicht. Sie stellen sich vor, dass unsere Herrscher eine große Verschwörung planen, um eine Dystopie zu schaffen, in der sie uns alle zwingen können, das zu tun, was sie wollen, und merken nicht, dass wir uns bereits in einer Dystopie befinden, in der wir genau das tun, was sie wollen. Diese Vorgehensweise kann wirklich nicht mehr verbessert werden. Sie müssen nur daran festhalten.

Die Hauptwaffe ist Propaganda

Mal im Ernst: Was könnten die Machthaber der westlichen Gesellschaft aus uns herausholen, was sie nicht schon haben? Es gibt keine nennenswerte politische Opposition, keine Antikriegsbewegung, keine antikapitalistische Bewegung, sehr wenig kritisches Denken – sie haben die totale Kontrolle. Alles, was wir in dieser Dystopie tun, ist darauf ausgerichtet, den Profit in die Kassen der Oligarchen und die Macht in die Hände der Imperialisten zu lenken, und alle Bemühungen, sich diesen Trichtersystemen zu widersetzen und sie zu ändern, wurden durch weitreichende psychologische Manipulation erfolgreich unterdrückt.

Diese totalitäre Dystopie sieht wie Freiheit aus, weil wir mehr oder weniger tun können, was wir wollen, während das, was wir tun wollen, durch weitreichende Manipulation kontrolliert wird. Das wird noch verstärkt, indem Systeme geschaffen werden, in denen das, was wir tun, wenig oder gar keine Auswirkungen hat. Selbst wenn wir eine tatsächliche Software in unseren Gehirnen hätten, die unseren Herrschern die totale und vollständige Kontrolle über unsere Gedanken gäbe, würden sie die Massen dazu bringen, mehr oder weniger so zu denken und sich so zu verhalten, wie sie es jetzt tun.

Die Hauptwaffe unserer totalitären Herrscher sind nicht Überwachung, Polizeiroboter, digitale IDs oder CBDCs (digitales Zentralbankgeld) – ihre Hauptwaffe ist Propaganda. Das System der massenhaften psychologischen Konditionierung, das sie geschaffen haben, ist mit nichts zu vergleichen, was es in der Geschichte je gegeben hat. Die Fähigkeit, eine sich anbahnende Revolution aufzuspüren und zu unterdrücken, ist der Fähigkeit, die Menschen durch psychologische Konditionierung davon abzuhalten, überhaupt an eine Revolution zu denken, weit unterlegen. So sieht echte Macht aus. Das ist totale Kontrolle.

Es handelt sich um eine Dystopie, deren Bewohner sich ganz nach dem Willen ihrer Herrscher richten, ohne jemals daran zu denken, dass sie nicht frei sind oder versuchen sollten, es zu werden.

Versuchen Sie, eine effektivere totalitäre Dystopie als diese zu entwerfen.

Es geht nicht. Sie ist perfekt.

Wie stellen Sie sich einen antiautoritären Helden vor?

Propaganda ist der eigentliche Mechanismus der Kontrolle, und den müssen wir bekämpfen, wenn wir uns jemals befreien wollen. Der einzige Weg aus dieser gigantischen Matrix psychologischer Kontrolle besteht darin, den Menschen zu zeigen, wie unfrei wir sind, wie sie getäuscht werden und wie viel besser die Dinge sein könnten. Öffnen Sie den Menschen die Augen für die Lügen, für die wahre Natur der politischen, bildenden und medialen Institutionen, die uns versklaven sollen, schwächen Sie das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Propagandamaschine, und wir haben vielleicht den Anfang der Möglichkeit einer echten Veränderung. Bis dahin sind wir eingesperrt.

Wer für Sie ein antiautoritärer Held ist, sagt viel über Sie als Person aus. Wenn ich Sie bitte, sich jemanden vorzustellen, der gegen die Macht kämpft, und Sie an Tank Man oder Nawalny oder irgendeine historische Figur denken, anstatt an die lebenden Menschen, die gegen die Machtstruktur kämpfen, unter der Sie tatsächlich leben, dann bedeutet das, dass Sie die Lüge geschluckt haben, dass Ihre eigene Regierung und ihre Verbündeten im Hier und Jetzt gut und tugendhaft sind und dass der »Kampf gegen die Macht« etwas ist, das nur aus edlen Gründen in anderen Ländern oder zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte geschehen konnte.

In Wirklichkeit ist die Notwendigkeit, »die Macht zu bekämpfen«, größer unter dem zentralisierten US-Imperium, das über jeden herrscht, der diese Worte liest, denn das zentralisierte US-Imperium ist derzeit die mörderischste und tyrannischste Machtstruktur der Welt.

Wenn ich Sie also bitte, sich eine antiautoritäre Figur vorzustellen, die Ihnen bei der Frage in den Sinn kommt, dann werden Sie, wenn Sie bei klarem Verstand sind, nicht an jemanden wie Tank Man, Nawalny, Gandhi, Mandela oder Martin Luther King denken. Sie werden sich jemanden wie Julian Assange vorstellen: jemanden, der die wahre Macht hier und jetzt bekämpft.

Caitlin Johnstone

Caitlin Johnstone ist eine unabhängige Journalistin, die sich auf amerikanische Politik, Finanzen und Außenpolitik spezialisiert hat. Johnstone studierte Journalismus an der Royal Melbourne Institute of Technology. Auf ihrem Blog schreibt sie unermüdlich und furchtlos zu den wichtigen Themen der Zeit und liefert dort scharfsinnige wie scharfzüngige Analysen, die – da ausnahmslos durch ihre Leser finanziert – erfrischend unbeeinflusst von Staat und Industrie sind. Ihre Artikel wurden u. a. in Inquisitr, Zero Hedge, New York Observer, MintPress News, The Real News und International Policy Digest veröffentlicht. Johnstone lebt in Melbourne.
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46 Kommentare

  1. Leider sehr viel Wahrheit hier. Bereits Erich Fromm hatte sinngemäß erläutert, dass es beinahe unmöglich ist, Fesseln zu trennen, derer sich die Gefesselten nicht bewusst sind, weil sie sich frei wähnen…

    Bereits in „Haben oder Sein“ von vor Jahrzehnten greift er gaji dieses Thema für die westlichen Gesellschaften auf, aus einer sozialpsychologischen Perspektive.

    Die derart beherrschten Menschen können nicht von außen befreit werden, da griftbaicb des Höhlengleichnis sehr gut….

    Wozu also soll der Leser seine Energie verschwenden im Versuch, Menschen zu befreien, die nicht befreit werden wollen, weil ihnen ihre Gefangenschaft nicht klar, bzw. teils sogar vorsätzlich unbewusst ist?

    Was hat er zu gewinnen bei dem Versuch? Eine bessere Welt? Ist das vage Versprechen derselben für den Einsatz als Aufklärer nicht ebenso reine Propaganda?

  2. „Das System der massenhaften psychologischen Konditionierung, das sie geschaffen haben, ist mit nichts zu vergleichen, was es in der Geschichte je gegeben hat.“

    Wie kommt ein gebildeter Mensch zu so einem erstaunlichen Fehlurteil? So:

    „Öffnen Sie den Menschen die Augen für die Lügen, für die wahre Natur der politischen, bildenden und medialen Institutionen, die uns versklaven sollen – “

    Tja, Caitlin, wenn das geht, wenn das viabel sein soll, worin besteht dann „Unfreiheit“ und „Sklaverei“?
    Genau.
    Darin, daß Du unter dem Eindruck stehst, du stündest „mehr oder weniger allein“ da, darin, daß nicht Massen über Massen genauso „drauf“ seien, wie Du.
    Inwieweit das überhaupt stümpt, oder eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, lasse ich dahin gestellt.

    Doch damit ist noch nicht die Frage beantwortet, warum Caitlin zu so einem zirkulären Urteil kommt, aber das sagt sie auch noch hin:

    „Die Hauptwaffe unserer totalitären Herrscher sind nicht Überwachung, Polizeiroboter, digitale IDs oder CBDCs (digitales Zentralbankgeld) – ihre Hauptwaffe ist Propaganda.“

    Nicht die ubiquitäre militärische Gewalt einer spätkapitalistisch – imperialistischen Herrschaft, welche zur systemischen Hälfte in die Zugriffsmacht von Dollares und Euronen und die Bedingungen ihres Erwerbs eingesenkt ist, soll der Skandal sein, sondern … na, das sagt Caitlin ja zur Genüge.

    Folglich fühlt sie sich „recht eigentlich“ pudelwohl in ihrer Lebensumgebung, wenn sie denn darin nur mehr „zu sagen“ hätte, statt unentwegt unter dem Beifall ihres speziellen Publikums „in den Wind“ reden zu sollen.
    Verstehe ich. Kann ich nachvollziehen. Aber laß doch bitte das Publikum mit dieser persönlichen Nicklichkeit in Frieden.

    1. es steht ja allen frei, zu lesen, oder es sein zu lassen. wenn Sie, wie Sie den anschein erwecken, c.j. bereits kennen, warum tun Sie sich dann die lektüre überhaupt an. ist doch in Ihren augen nur dummes zeug.
      wieso soll es ein fehlurteil sein, dass es noch nie raffiniertere methoden der massenbeeinflussung gegeben hat? tagesschau u tictoc sind für Sie die realität? aber klar, wer dkp wählt und monitor f eine kritische medienproduktion hält, wie soll so jemand was mit c.j. anfangen können.

      1. Ich teile den Standpunkt von n.b nicht, der in seine Rede von „erlernter Ohnmacht“ kodiert ist (was ich nicht begründen will, das wäre ein neues Thema), aber auf deine Verteidigung Caitlins („noch nie so raffinierte Methoden der Massenbeeinflussung“), hat er die korrekte Antwort gegeben. Die „Raffinesse“ ist lupenrein selbstreferentiell für die Zünfte der politischen Klasse und ihrer Multiplikatoren in der veröffentlichten Meinung. Und ich will noch leicht spekulativ eines drauf setzen: Wenn einer da von „Raffinesse“ reden will, so besteht die ziemlich präzise darin, daß man sich die sichtbare Organisation von „consent“, daß man sich Massenaufmärsche und entsprechende Großveranstaltungen spart … die wären in Europa höchst unpopulär. Im Unterschied zu den USA.

  3. Ich nehme immer das Gegenteil von dem an was propagiert wird und das seit 1974 und ich immer gut damit gefahren.
    Es gibt ab und an ein paar Ausnahmen, die man mit gesundem Affenverstand herauslesen kann und es lebt sich völlig einvernehmlich.
    Kein Smartphone, keine Kreditkarten, kein Google, kein Amazon, kein TV, nicht wählen und den kapitalistischen Betrieb sabotieren wo es einem möglich erscheint.
    Viel Fleisch, Linux, Homöopathie, wo es geht, kein Fußball keine öffentlichen Veranstaltungen, die Geimpften Maskenträger bloßstellen wo immer es durchführbar ist.
    Keine Aktiengeschäfte immer Bargeld, aber kein Edelmetall, kein E10, oder gar Elektrokarren versteht sich wohl von selbst.
    Einfach nicht mehr mitmachen, damit diese Gesellschaft endlich den Bach runtergeht und nicht vergessen !
    „Trau keinem Geimpften“!

    1. @Adel verpflichtet

      Sie haben recht: einfach nicht mitmachen in dieser düsteren Zeit! Und da spielt es keine große Rolle, ob Frau Johnstone nun etwas übertrieben hat oder nicht.

      Obwohl ich so manches, was Sie schreiben und was schon früher von Ihnen gelesen habe, überhaupt nicht teilen kann,
      so imponiert mir doch ab und an Ihre konsequente Verweigerungshaltung. Und ja, in diesem Sinne ist Ihr hiesiger Name gut gewählt: Adel verpflichtet. Sie bewahren Ihre Würde. Gut so!

      Ich halte es daher für möglich, dass Sie mit dem hier nachfolgend verlinkten Text eines anderen Unangepassten etwas anfangen können: https://www.youtube.com/watch?v=abFIsqwU4hw
      Lassen Sie sich nicht vom Namen abschrecken, sondern hören Sie wirklich mal rein. Es geht ums Aussteigen. Bei Wikipedia wird es der Inhalt so zusammengefasst: „Darin geht es um die Frage: Wie verhält sich der Mensch angesichts und innerhalb der Katastrophe?“

      1. Ernst Jünger ist mir wohlbekannt.
        Er gehörte mit zu den Standartwerken meines Vaters.
        Auch, wenn ich selbst nicht ganz so mit den Klassikern belesen bin, habe ich zumindest eine Vorstellung was sie uns damit mitteilen möchten.
        Ich weiß nicht, ob ich mir die mehr als 3 stündigen Text als Hörbuch komplett antun werde, aber Danke trotzdem für diesen Vorschlag der Komplettierung meine Wissens.

    2. Es schränkt zwar das Leben ein, aber das kann man machen. Da möchte meinereiner nicht widersprechen.

      Die Tragik dabei ist: Es löst leider keine gesellschaftlichen und sozialen Probleme. Wenn alles den Bach runtergeht, dann sterben auch viele unschuldige 🐟 🐬 🐠 🐟 🐡 🐠 🐠 ☠️ 🪦 und die meisten 🦈 🦈 💰 🥂 🏰 überleben.

      Besser wäre es, bei der nächsten 📄 ✍️ Wahl 🗳️ zu wählen, aber keine Partei, die im Deutschen Bundestag oder einem Landesparlament vertreten ist und selbstverständlich keine alternative Partei, die Politik für die 🦈 🦈 macht.

      Man stelle sich vor, die Hälfte der Nichtwähler hätten bei der letzten BT-Wahl 2025 die Partei „Demokratie&Diplomatie“ gewählt, dann wären das ceteris paribus über 9 Prozent der Zweitstimmen gewesen und damit fast so viel wie die Grünlinge. Wenn alle Nichtwähler die Partei „Demokratie&Diplomatie“ gewählt hätten, dann wären es fast 18 Prozent gewesen und fast so viel wie die AfD, aber auf jeden Fall mehr als die SPD oder die Grünlinge.

  4. c.j. hat recht damit, dass es dem kapital besser dient, revolutionäre gelüste gar nicht erst aufkommen zu lassen, statt revolution mit polizei-u militärgewalt zu bekämpfen. wir im „freien wertewesten“ (ebenfalls ein propagandakonstrukt) wären schön bescheuert, wenn wir gegen unsere gemütliche behaglichkeit revolutionierten. na gut, brennt grad allüberall. klimawandel gibts, dann brennts, aber nicht in düsseldorf. und in hh auch nicht. außerdem wirds auch wieder winter. wenn der muselmann, der bekloppte, mit dem auto in die menge steuert, dann weiß doch gleich jeder, also alle, woher die gefahr kommt. also mal so ganz grob gesagt: aus dem osten. da regieren die regime u da ist alles schei.ß.e (ich frag mich ernsthaft, warum fast alle attentäter in der letzten zeit in europa immer gleich so ganz tot geschossen werden. aber das wird schon keine propaganda sein.)
    fraglich bleibt freilich, ob aufklärung überhaupt noch möglich ist, und, wenn sie möglich wäre, ob sie denn zur freiheit führte. in gaza sind die menschen schon glücklich, wenn es medikamente für ihre zerschossenen körper gibt. gaza? wo is dat nomma?

  5. Der Begriff „Totalitarismus“ mag historisch zu groß sein. „Postdemokratie“ trifft den heutigen Zustand vermutlich genauer.

    Denn das eigentliche Problem ist längst nicht mehr, dass niemand merkt, was falsch läuft. Im Gegenteil: Noch nie wurde so laut über Regierung und Politik geschimpft. Aber wo bleiben die großen Demonstrationen gegen Sozialabbau, Militarisierung, Überwachung und den fortschreitenden Verlust demokratischer Einflussmöglichkeiten? Es geschieht kaum etwas.

    Stattdessen hört man immer wieder denselben Satz: „Können wir etwas ändern? Nein.“ Genau diese erlernte Ohnmacht stabilisiert das System. Kritik ist erlaubt, solange sie folgenlos bleibt. Man darf schimpfen, fluchen und sich empören – nur der Gedanke, tatsächlich etwas verändern zu können, macht einen plötzlich zum Spinner, Extremisten oder Feind.

    Dabei sind politische Verhältnisse keine Naturgesetze. Sie wurden von Menschen geschaffen und können von Menschen verändert werden. Doch genau dieser Gedanke scheint inzwischen verdächtig geworden zu sein.

    Die demokratische Fassade steht noch: Wahlen, Parlamente, Parteien, Gerichte. Aber die tatsächliche Gestaltungsmacht der Bevölkerung schrumpft. Gleichzeitig baut der Staat seine autoritären Instrumente aus: Überwachung, biometrische Erfassung, digitale Identitäten und immer weitergehende Polizeibefugnisse.

    Eine zukünftige autoritäre Regierung müsste diese Infrastruktur nicht erst errichten. Sie müsste sie nur noch benutzen.

    Der gefährlichste Zustand ist deshalb nicht, dass die Menschen nichts erkennen. Viele sehen sehr genau, was geschieht. Der gefährlichste Zustand ist, dass sie es erkennen und trotzdem überzeugt sind, nichts ändern zu können.

    1. @n.b

      Ich finde, dass Ihr Kommentar die Situation gut beschreibt. Stimmt, „Totalitarismus“ wäre heute ein unpassender Begriff. Auch fehlt es trotz aller Dauerpropaganda doch an einer in sich stimmigen Ideologie. Das heißt nicht, dass die Propaganda keine ideologischen Anteile hätte, aber verglichen mit den Ideologien des mittleren 20. Jahrhunderts ist die heutige Ideologie weniger umfassend.

      Damit kommen wir zu der bedrückenden Einsicht, dass die Mächtigen sich heute ihrer Macht so sicher wähnen, dass sie an einer echten Gleichschaltung gar nicht interessiert sind. Die Machtfrage ist aus ihrer Sicht längst entschieden. Vermutlich wird die Existenz einer abweichenden und ausgegrenzten Minderheit sogar für nützlicher gehalten als eine Gleichschaltung wie im 20. Jahrhundert. Man lässt die Abweichler also durchaus wirken, bestraft bei Bedarf den einen oder anderen, vertraut aber ansonsten auf die gefestigte eigene Machtposition.

      Ja, man kann das gewiss als „Postdemokratie“ bezeichnen.
      Man könnte sich aber auch fragen, wie der altgriechischen Denker Aristoteles und der Historiker Polybios, denen wir ja eine Reihe von Begriffen für die politische Ordnung eines Staates verdanken, die Gegenwart charakterisieren würden.

      1. Hmm. Ich finde, die Propaganda und damit auch die Ideologie ist durchaus umfassender, deutlich umfassender als in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie ist nur viel weniger konkret, unschärfer, adaptiver ausgelegt. Weniger starr im Inneren. Genau das macht sie so umfassend, sie ist variabel anpassbar an die Bedürfnisse.

        Es gibt nur abstrakte Eckpunkte, wie „die Wissenschaft“, die je nach Situation bemüht wird. Der von der Propaganda gewünschten wissenschaftlichen Deutung zu widersprechen ist ein Sakrileg mit empfindlichen Sanktionen.

        In einer guten Propagandasituation geht das sogar, wenn die Deutung im Laufe der Zeit ins Gegenteil wechselt.

      2. Für Aristoteles sind wir eine vor-demokratische Form die aus gescheiterten Monarchien und Aristokraten hervorgegangen ist und jetzt zwischen Oligarchie und Tyrannis pendelt, aber dabei in ständiger Stásis lebt.

        Polybius der seine Zeit als römische Geisel im Haushalt der Scipionen, der Eroberer von Karthago verbrachte, beschrieb als griechischer Top-General vor allem die zivilen, gesellschaftlichen Gründe für den römischen Erfolg und wäre über uns vermutlich einfach nur entsetzt…

      3. Die gefährlichste Ideologie ist die, die sich nicht als solchen zu erkennen gibt. Deren Follower, ideologische Vorgaben als natürliche lesen. So gesehen ist das derzeitige Regime ein perfektes Beispiel. Es ist sonst kaum zu erklären, warum die Mehrheit der Menschen seit Jahrzehnten politische Entscheidungen gegen ihre Interessen und Verschlechterungen ihrer Lebensumstände und Aussichten als „naturgegeben“, denn so wird es ihnen verkauft, hinnehmen. Eine Demokratie müsste in ihrem politischen Handeln den Willen der Mehrheit abbilden, diese scheint demnach keinen zu haben. Es ist schon etwas dran, dass eine stetige propagandistische Manipulation abrufbare Grundeinstellungen in die Hirne spült,
        Alleine die beständige Berieselung mit stereotypen Verhaltensmustern und Typisierungen der Marke Hollywood leisten dazu ihren gar nicht so kleinen Beitrag.
        Zum Beispiel wird bei der deutschen Synchronisation einem Russen immer ein schwachsinnig klingender Akzent angedichtet während der amerikanische Protagonist aus Hannover tau stammen scheint.
        Das ist nur ein harmlos klingendes Beispiel.
        Aber das ganze neoliberale Rüstzeug zum Überleben des zunehmend vereinzelten Individuums in einer Welt die Konkurrenz statt Solidarität, Abwenden statt Empathie abzuverlangen scheint wird mit stetig wiederholten psychologischen Mustern regelrecht eingetrichtert.
        „An sich selbst glauben”, überhaupt dieses obskure „Selbst”, das ein mit je nach Gusto gerne mit jeder Menge Patriotismus oder Nationalismus aufzufüllendes Gefäß zu sein scheint, und das zur Not gegen den allgegenwärtigen Schurken mobil gemacht werden kann, wenn mann letzteren plausibel kennzeichnet.
        Das klingt wie Kindergarten? Ja, das ist es zu einem gewissen Teil auch schon längst. Die gegenwärtigen Debatten, sind an Komplexität mit denen voriger Dekaden kaum noch zu vergleichen. Eine Infantilisierung und damit Entpolitisierung der Bevölkerung findet statt und trägt Früchte.
        Das Individuum fühlt sich machtlos und dümmer angesichts der Behauptung einer steig wachsenden Komplexität der Weltzusammenhänge. Eine herbei manipulierte Realität?

    2. Die Regierung ist bereits autoritär. Da muss man gar nicht mehr auf die Blauen warten.

      Wenn es in der Westrepublik mal so was wie einen freiheitliche Staat gab, dann in den 70er und 80ern, als die Post-Nazi-Gesellschaft unter dem Ansturm der Studentenrevolte wankte. Umgefallen ist sie aber nicht und spätestens seit dem Bimbeskanzler jagt eine Gesetzesverschärfung die nächste und die „Sicherheitsorgane“ bekommen eine Befugnis nach der anderen.

      Ihr findet, das sich das alles gar nicht so schlimm autoritär anfühlt?
      Das hätten eure Opas auch gesagt.

  6. „Diese totalitäre Dystopie sieht wie Freiheit aus, weil wir mehr oder weniger tun können, was wir wollen, während das, was wir tun wollen, durch weitreichende Manipulation kontrolliert wird. Das wird noch verstärkt, indem Systeme geschaffen werden, in denen das, was wir tun, wenig oder gar keine Auswirkungen hat. Selbst wenn wir eine tatsächliche Software in unseren Gehirnen hätten, die unseren Herrschern die totale und vollständige Kontrolle über unsere Gedanken gäbe, würden sie die Massen dazu bringen, mehr oder weniger so zu denken und sich so zu verhalten, wie sie es jetzt tun.“

    Damit ist nahezu alles gesagt. Die Frau hat recht.
    Leider erkennen viel zu wenig Menschen, dass wir längst in einem totalitären System leben.

  7. Leider ist der Artikel weitgehend zutreffend.

    Die Methoden sind perfide. Ein Beispiel: Die Warnung vor einer kommenden Diktatur, angeblich durch eine zukünftige AfD- Regierungsbeteiligung, wird schamlos dazu benutzt, selbst totalitäre Maßnahmen einzuführen, wie zB die AfD Opposition zu verbieten.

    1. Die AfD ist die Rute, mit der uns unsere „Erziehungsberechtigten“ drohen, damit wir schön bei der Stange bleiben und nicht aufmucken, gewollte und geförderte Opposition eben.

      1. @AeaP
        Der Staat als Nanny muß wegen angeblicher Fürsorge die Leute an die Hand nehmen und ihnen den richtigen Weg zeigen.
        Saufen für den Krieg – Rauchen für den Krieg – Zuckerwasser für den Krieg – Wählen für den Krieg

  8. Doch, Caitlin, das mit dem Truck und dem Budweiserkasten hat etwas zu sagen. Das ist die Abstinenzlerpropaganda, die uns in eine Pharma-Diktatur führen will. Die Mutter all dessen, was danach kam. Das läuft schon über 20 Jahre und begann mit den Rauchverboten. DA wäre Widerstand vonnöten.
    Als Widerständler ist man so etwas wie ein Sniper. Man muss ganz genau zielen und sich nicht von einem hingehlatenen Popanz täuschen lassen. Diesbezügliche Ratschläge sind seitens Caitlin allerdings selten.

    Es ist noch Luft nach oben.

    1. Artur_C
      Das sehen Sie glaube ich falsch. Die wollen weder Rauchen, Saufen oder Zuckerwasser zwecks Gesundheit verbieten denn die wissen ganz genau, der Konsum wird weitergehen.
      Schon als Jugendlicher habe ich von den Alten gehört: „Wenn die Zigaretten teurer als 1 DM werden dann hören wir auf zu rauchen. Keiner von denen hat aber letztendlich aufgehört.
      Der Zweck dient also nicht der Gesundheit sondern der Einnahme von mehr Steuern um den Krieg zu finanzieren.
      Würde der Zeck tatsächlich der Gesundheit dienen dann würde man den Herstellern verbieten so viel Zucker in die Getränke zu machen. Zucker ist ja heute fast überall drin, sogar in Wurst.

      Ich bin strikt gegen die Steuererhöhungen für diese Genussmittel und das sage ich als Nichtraucher!

  9. Gefühlige Verzweiflung ohne wirklich verzweifelt zu sein. C.J. glaubt tatsächlich, alles sei auf Propaganda von oben nach unten zurückzuführen und der „Totalitarismus“, also die totale Kontrolle von oben sei bereits erreicht.
    C.J. begreift nicht, dass Macht/Herrschaft ein soziales Verhältnis ist, dass massiv wirksame, aber veränderbare Strukturen hervorbringt, an denen alle beteiligt sind – auch die Unterdrückten, die Ausgebeuteten, die Untertanen und – ja auch – die von Propaganda Beeinflussten.
    Deshalb kann sie sich in ihrer ohnmächtigen Wut, die nichts mit reflektiertem Zorn zu tun hat, sondern eben Verzweiflung ohne echtes Verzweifeltsein ist, auch keine Steigerung der herrschenden Verhältnisse vorstellen und kommt zu dem für sie unausweichlichen Schluss:
    „Eine effektivere totalitäre Dystopie als die, in der wir uns gerade befinden, kann man nicht entwerfen.“

    Die, aber auch das scheint C.J. nicht wissen zu wollen, braucht „man“ gar nicht zu entwerfen, es hat sie real gegeben. Zur Vereinfachung, denn dahinter standen konkret-praktisch staatsterroristische Herrschaftsverhältnisse, seien nur ein paar Herrschernamen genannt: Hitler, Stalin, Franco, Salazar, Pinochet, Somoza, Videla, Papadopulos, Pol Pot, Chomeini, Ceausescu, König Salman ibn Abd al-Aziz usw.

    C.J. verharmlost (wahrscheinlich unwissentlich) die Steigerungsfähigkeiten des im Kapitalismus, im autoritären Staatssozialismus und im Islamismus angelegten Staatsterrorismus gegen die Bevölkerung. Gleichzeitig dramatisiert sie die Herrschaftsform der Trumps, Orbans, Erdogans, Netanjahus oder auch die von Merz oder Macron (ohne sie explizit zu nennen), die zwar Vorläufer des totalen Herrschaftsterrors sind, ihn aber (bisher), wenn auch in unterschiedlichen Härtegraden, jedoch immer nur teilweise verwirklichen konnten.

    Dazu kommt, dass C.J. keinerlei politisch-ökonomische und auch keine sozio-ökonomische Reflexion über mögliche Ursachen der totalen Herrschaft anbietet, sondern die Plattitüde, Propaganda sei ursächlich, verbreitet.

    Diese Hinweise müssen genügen, um die völlig unterbestimmte Sichtweise von C.J. darzulegen. Ich frage mich, was C.J. äußern würde, lebte sie in einer vollendet staatsterroristischen Diktatur.

  10. Die Leute wissen es, ahnen es, aber sie rennen ihren Grundbedürfnissen hinterher. Wer will es ihnen verdenken. Eine größere Bewusstheit ändert daran zunächst einmal garnichts.

  11. Der zentrale Punkt dieses Artikels ist die Frage, was eine Gesellschaft wirklich frei macht.

    Freiheit bedeutet nicht nur, wählen zu dürfen oder seine Meinung äußern zu können. Freiheit bedeutet auch, die Fähigkeit zu besitzen, Informationen kritisch zu prüfen, Widersprüche zu erkennen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

    Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Noch nie hatten Menschen Zugang zu so vielen Informationen – und gleichzeitig scheint es immer schwieriger zu werden, zwischen Fakten, Meinungen, Interessen und möglicher Beeinflussung zu unterscheiden.

    Eine moderne Form der Macht besteht nicht unbedingt darin, Menschen offen zu zwingen. Viel wirksamer kann es sein, Wahrnehmungen zu prägen, Themen zu setzen und Menschen glauben zu lassen, sie würden völlig unabhängig entscheiden.

    Deshalb ist kritisches Denken eine der wichtigsten Fähigkeiten einer freien Gesellschaft. Nicht blinder Gehorsam gegenüber Regierungen, Medien, Parteien oder anderen Institutionen schützt die Demokratie, sondern Bürger, die bereit sind, selbst zu hinterfragen.

    Eine Gesellschaft verliert einen wichtigen Teil ihrer Freiheit, wenn unbequeme Fragen nicht mehr offen diskutiert werden können und Menschen mit anderen Ansichten nicht mehr sachlich miteinander reden.

    Die Lösung besteht aber nicht darin, einfach eine andere fertige Erzählung zu übernehmen. Die Lösung besteht darin, wieder mehr zu prüfen, mehr zu hinterfragen und den eigenen Verstand zu benutzen.

    1. „Eine moderne Form der Macht besteht nicht unbedingt darin, Menschen offen zu zwingen. Viel wirksamer kann es sein, Wahrnehmungen zu prägen, Themen zu setzen und Menschen glauben zu lassen, sie würden völlig unabhängig entscheiden.“ – hinzu kommt noch eine erlernte Hilflosigkeit, die in den letzten Jahrzehnten die Autonomie des Einzelnen untergraben hat und weiter untergräbt.

  12. Eine effektivere totalitäre Dystopie als die, in der wir uns gerade befinden, kann man nicht entwerfen. Eine, in der jeder durch Propaganda einer Gehirnwäsche unterzogen wird, ohne es zu wissen, in der jeder genau so denkt, handelt, wählt und einkauft, wie seine Herrscher es wollen, und dabei denkt, er sei frei.

    Ich möchte diesen Absatz erweitern.

    Dass die Autorin denkt, erst durch die Gehirnwäsche und Propaganda würde man in einer unfreien Gesellschaft leben, erst das wäre die Dystopie, ist selber schon Ausdruck eines falschen Bewusstseins.

    Unfrei ist der Bürger, weil er gewaltsam Zwängen unterworfen wird, in denen er sich dann frei bewegen darf. Die bürgerliche Gesellschaft basiert auf Eigentum, also dem prinzipiellen Ausschluss aller anderer. Diejenigen, die über kein Eigentum verfügen, bzw. nur sich als Eigentum haben, sind gezwungen für das Eigentum anderer zu arbeiten. An die Stelle der Leibeigenschaft tritt der (doppelt) freie Lohnarbeiter. Die Freiheit der Person enthebt ihn der unmittelbaren Befehlsgewalt eines Herren, er ist frei in dem Sinne, dass er selber aus eigenem Antrieb den Notwendigkeiten nachkommen darf, es aber ohnehin muss, wenn er überleben will.
    Nur sieht das kaum jemand so. Die existierenden Zwänge werden als Sachzwänge wahrgenommen. Dass man Geld verdienen muss, gilt quasi als Naturnotwendigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse werden als Verhältnisse der Dinge wahrgenommen. Marx nennt das „notwendig falsches Bewusstsein“. Der Warenverkehr (Ware gegen Geld(ware)) ist ein gesellschaftliches Verhältnis, wird aber als Verhältnis der Waren wahrgenommen.

    Dafür hat es keine Propaganda, keine Gehirnwäsche gebraucht. Dagegen reden Marxisten schon ewig erfolglos an. Der Bürger hat nichts gegen Geld, nichts gegen den Staat. Es müsste alles nur etwas gerechter zugehen, man müsste die gesellschaftlichen Probleme nur endlich mal richtig angehen (mit der nächsten Reform endlich mal den „großen Wurf“ landen). Da, wo er zu kurz kommt, kennt er Schuldige: unfähige(!) oder korrupte Politiker, Ausländer, die eigentlich gar keine Ansprüche anzumelden hätten, etc… Ausbeutung verortet der Bürger nur dort, wo der Lohn zum Leben nicht reicht, ansonsten ist jeder seines Glückes Schmied, und wer auf keinen grünen Zweig kommt, hätte in der Schule vielleicht besser aufpassen sollen. Das „Leben“ ist voller Chancen, man muss sie nur ergreifen. Und wenn demnächst der Einzug der KI haufenweise Arbeitsplätze vernichtet, muss man schauen, dass man sich irgendwie nach der Decke streckt.
    Es sind keine raffinierten Psychotricks, keine unbemerkte Manipulation des Geistes, die den Bürger und sein Bewusstsein gegen seinen Willen formen. Es ist das bürgerliche Leben selbst, was mit einem Haufen „Gewissheiten“ daherkommt.

    Die Autorin hat (vermutlich) nicht viel an der bürgerlichen Gesellschaft und deren vermeintlichen Sachzwängen auszusetzen.

    1. +++

      Ihren Beitrag lese ich als Fortsetzung und Bereicherung meines Beitrags. Allerdings steckt auch in Ihren Ausführungen, wie mir scheint, zu viel Determinismus, weil Sie davon ausgehen, dass die materiellen Verhältnisse im Kapitalismus widerspruchsfrei zu Gewissheiten im notwendig falschen Bewusstsein führen, es also keinen Ausweg aus diesen Verhältnissen und damit aus dem falschen Bewusstsein gibt. Sie vergessen (?) die fundamentalen Antagonismen, also die unauflösbaren Widersprüche im Kapitalismus. Übrigens liefern Sie selbst ansonsten deutlich und verständlich die Widerlegung des Determinismus des notwendig falschen Bewusstseins. Notwendig ist das falsche Bewusstsein nämlich „nur“ zur Reproduktion der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse. Ja, es ist naheliegend und wird, wie Sie richtig ausführen, auch ohne Propaganda in den materiellen Verhältnissen massenhaft hergestellt – von Herrschenden und (!) Beherrschten. In den Widersprüchen der materiellen Verhältnisse aber kann sich Kritik des falschen Bewusstseins entwickeln, welche die Systemsicherungsfunktion dieses falschen Bewusstseins freilegt (wie Sie selbst beweisen).

      Die Propaganda zur Vertiefung des falschen Bewusstseins zeigt die Unsicherheit der Herrschenden (Kapitaleigentümer und deren Nutznießer sowie Staatspolitiker als Repräsentanten des ideellen Gesamtkapitals und ihrer Nutznießer) hinsichtlich der möglichst reibungslosen Fortsetzung ihrer Herrschaft. Die herrschenden ahnen zumindest die Sprengkraft der Widersprüche ihrer Herrschaft. Deshalb ist die Verstärkung und extreme Zuspitzung der Propaganda, die seit einiger Zeit zu beobachten ist, nichts anderes als ein besonders schrilles Krisenzeichen des „demokratischen“ Kapitalismus, in dem allseits die faschistoiden Tendenzen anwachsen und der Übergang zu einer der Varianten offen faschistischer Herrschaft in manchen Staaten fast abgeschlossen ist und in vielen Staaten zunehmend offener und wirksamer vorbereitet wird – übrigens mit besonders wirksamer Aktivität der Beherrschten (z.B. als Wähler, als lohnabhängig Arbeitende, als Konsumenten usw.).

      1. Nachdem „aufgepasst“ nix (mehr) sagt, ein Wort von mir.

        Sie vergessen (?) die fundamentalen Antagonismen, also die unauflösbaren Widersprüche im Kapitalismus. Übrigens liefern Sie selbst ansonsten … die Widerlegung des Determinismus des notwendig falschen Bewusstseins. Notwendig ist das falsche Bewusstsein nämlich „nur“ zur Reproduktion der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse.

        Erst bestehst du darauf, es gebe keinen Determinismus, um ihn dann durch die Hintertür „unauflösbarer Widersprüche“ wieder einzuführen, die du gleich im Anschluss, im letzten Satz, wieder kassierst: Die „herrschenden Verhältnisse“ werden seit Generationen reproduziert, „also“ sind die „unauflöslichen Widersprüche“ kein Argument in deinem Konstrukt, das Bewußtsein, unter dem reproduziert wird, ebenso falsch wie notwendig im deterministischen Sinne („“nur““).

        Da kann man sich schon fragen, wie du auf solchen … Murx kommst.
        Nun ist aus diesem Kommentar keine Antwort darauf zu gewinnen, erst wenn man den voran gegangenen hinzu nimmt:

        C.J. begreift nicht, dass Macht/Herrschaft ein soziales Verhältnis ist, dass massiv wirksame, aber veränderbare Strukturen hervorbringt, an denen alle beteiligt sind – auch die Unterdrückten, die Ausgebeuteten, die Untertanen

        Die Aussage ist einerseits so banal, wie die Polizeistation um die Ecke und das Preisschild im Supermarkt. Ja, wenn es ein „System“ sein soll, dann gehört „iwie“ alles dazu. In solcher „Zugehörigkeit“ erschöpft sich dann halt die Aussage. Der Zweck jenes Postings war allerdings ein anderer:

        C.J. verharmlost (wahrscheinlich unwissentlich) die Steigerungsfähigkeiten des im Kapitalismus, im autoritären Staatssozialismus und im Islamismus angelegten Staatsterrorismus gegen die Bevölkerung.

        Mit dem alles eingemeindenden „Systemgedanken“ hast du dich zu einem moralischen Urteil ermächtigt.
        Verklausuliert geschieht das auch hier:

        In den Widersprüchen der materiellen Verhältnisse aber kann sich Kritik des falschen Bewusstseins entwickeln, welche die Systemsicherungsfunktion dieses falschen Bewusstseins freilegt

        „Kann sich“ – dies Urteil klammert „System“ und handelnde Figuren rein moralisch, weil beides nur moralisch zu klammern geht. „Das System“ ist halt kein Subjekt, aber der, dem „das System“ nach deinem Urteil etwas erlaubt, der muß die Erlaubnis halt wahr nehmen wollen.

        Tja, Arche, wer nicht will, der will halt nicht! Da hat der Wannsiedler doch einfach recht.
        Der ganze Text von „aufgepasst“ hat aber ein ganz anderes Thema:

        Die existierenden Zwänge werden als Sachzwänge wahrgenommen.

        Jemand, der das so sieht (bzw. sehen will) und so hält, der entscheidet halt nix. Der nimmt die „Sachzwänge“ ins Programm seines Willens auf, Punkt. Nach Maßgabe deines um „unauflösbare Widersprüche“ ergänzten Determinismus verfehlt so einer was, um nicht zu sagen: er vergeht sich gegen „das System“ und sich selbst.

        Eigentlich nur sagen will: Deine Zustimmung zu „aufgepasst“ ist fake. Du verwandelst ihm mit deiner Determinismusdoktrin jede Aussage in eine moralische Hiroglyphe, jede Beschreibung und Anmerkung dazu, wie ein Bürger die Herrschaft in das Programm seines Willen aufnimmt, was er veranstaltet, um das zu tun, in einen sittlichen Verstoß gegen das, was er „eigentlich“ anders machen könne und folglich solle, weil es doch auch „im System“ liege. So macht man „das System“ zum moralischen Imperativ

        Die orthodoxen Kommunisten haben sich früher praktisch ausschließlich so aufgestellt, wie du. Das gipfelte regelmäßig in der Zuspitzung, ihren Adressaten zu bescheinigen, „kein Bewußtsein“ zu haben und ihre politische Aufgabe darin zu sehen, ihnen „ein Bewußtsein ihrer Lage“ zu verschaffen, statt ihnen dasjenige madig zu machen, daß sie hatten und haben.
        Weshalb sie reihenweise „scheiterten“ und sich im Bewußtsein ihrer intellektuellen und „bewußtseinsmäßigen“ Vortrefflichkeit von den Genossen und ihren Organisationen verabschiedeten. „„Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.““
        Politisch gescheitert sind diese Leute allerdings nur sekundär an ihrem Fehler und ihren darauf gegründeten Moralismen. Außerhalb Deutschlands hatten sie ja vielerort jede Menge Macht und Einfluss. Beschränkt hat diese Macht und diesen Einfluß maßgeblich der berechnende Umgang ihrer Adressaten mit ihnen. Die Basis solcher Berechnung war ziemlich präzise dein, Arches, Determinismus. Das Wahlvolk begriff die Kommunisten und Sozialisten als Sendboten der „Widersprüche des Systems“, nur war das „System“ für sie halt keine moralische Hiroglyphe, sondern Die Nation. In der sie ggf auszureizen trachteten, was im Sinne der ihnen zugleich erlaubten wie gebotenen Interessen gehe.
        Und was da halt nicht „ging“, war wohl „Sachzwang“, oder wolle jemand (etwa) etwas anderes behaupten?!

      2. In der Ausgabe 3-25 hat der Gegenstandpunkt einen (leider schwierigen) Artikel zum notwendig falschen Bewusstsein., der zudem nicht frei verfügbar ist. Aus dem Teaser:

        Marx attestiert den Machern und Mitmachern der kapitalistischen Konkurrenz ein notwendig falsches Bewusstsein. Nicht von irgendetwas oder von allem Möglichen – dafür wäre eine Notwendigkeit auch schwerlich zu ermitteln –, sondern von den Notwendigkeiten, die allgemein und unausweichlich das materielle Dasein in dieser Welt bestimmen: Geld zu verdienen und damit einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine verkehrte Wahrnehmung also von dem universellen Sachzwang schlechthin, den jeder kennt, mit dem jeder rechnen und praktisch klarkommen muss.

        Worum es in unserer Gesellschaft geht, das ist im Grunde klar: Jeder kapriziert sich auf seine Einkommensquelle, kämpft um deren Ertrag mit dem Druckmittel der Abhängigkeit der Gegenseite. So weit, so gut oder auch schlecht. Aber was ist daran verkehrt? Wo ist hier falsches Bewusstsein am Werk? Und das auch noch notwendig – mit was für einer Notwendigkeit denn?

        Im Geld ist der Gegensatz von Kapital und Arbeit vergegenständlicht, erscheinen tut dem Bürger das Geld als Mittel für sein Bedürfnis. Das ist jetzt sehr, sehr verkürzt der Hinweis darauf, dass die ökonomischen Verhältnisse eine Erscheinungsform haben, die falsche Schlüsse nahelegt. Insofern als „notwendig“. Aber natürlich nicht notwendig in dem Sinne, dass man kein richtiges Bewusstsein entwickeln könnte. Das ist selbstredend möglich, erfordert aber ein ausgiebiges Studium der Verhältnisse, das viel Zeit in Anspruch nimmt, und zudem nicht ganz einfach zu bewerkstelligen ist.

        Um nochmal zum Ausgangspunkt meiner Kritik am Artikel zurückzukommen:

        Es braucht keine Propaganda, damit falsches Bewusstsein entsteht. Und es ist auch nicht so, dass die Apologeten dieses Systems über es Bescheid wüssten. Die meisten VWLer z.B. glauben den Kram, den sie lehren.
        Und auch viele Kritiker des Kapitalismus haben am Geld nichts auszusetzen – es müsste nur gerecht und sinnvoll verteilt werden, usw…
        Ich kenne viele „Marxisten“, die halten die Ausbeutung für kritikwürdig, nicht aber den Wert oder den Produktionszweck.

        @Quana hat recht:

        Jemand, der das so sieht (bzw. sehen will) und so hält, der entscheidet halt nix. Der nimmt die „Sachzwänge“ ins Programm seines Willens auf, Punkt. Nach Maßgabe deines um „unauflösbare Widersprüche“ ergänzten Determinismus verfehlt so einer was, um nicht zu sagen: er vergeht sich gegen „das System“ und sich selbst.

        Ein VWLer z.B. der entschließt sich nicht dazu, den Kapitalismus schönzureden, obwohl er weiß, wie menschenfeindlich der ist. Neulich gab es ein schönes Interview bzgl. der WM mit einem Ökonomen (Dominik Schreyer von der WHU auf ntv). Da kann man schön studieren, wie der denkt.

        Sie sagen „scheinbar“: War die Einführung der Trinkpausen auch wirtschaftlich getrieben?

        Es ist doch wirklich spannend zu sehen, wie die FIFA das Produkt konsequent weiterentwickelt. Das darf man durchaus auch einmal anerkennen. In vielen Märkten wird es schwieriger, die Medienrechte zu vermarkten. Die FIFA mag hier mit dem Premiumprodukt Fußball-Weltmeisterschaft aktuell noch nicht das ganz große Problem haben. Wenn man aber weiter Wachstum will, dann gibt es nur zwei Wege: mehr Spiele und mehr planbare Werbepausen. In diesem Sinne sind diese Hydration Breaks dann Inventar, das sich extrem gut vermarkten lässt.

        Da spießt der Interviewer eine Lüge der FIFA auf, die „Trinkpausen“ mit der Hitze begründet, und der Ökonom will auf ein anderes Thema hinaus: das Produkt, und wie man das „entwickelt“. Der Nimmt die Fussball-WM als Produkt wahr und nicht als sportlichesEreignis. Und dieses Produkt wird weiterentwickelt, man nimmt mehr Geld ein usw.. Dass sich viele Fußballfans den Stadionbesuch nicht mehr leisten können, stört den nicht.

        Das war eine große Aufregung. Astronomische Preise, wenig Transparenz und wir hatten darüber gesprochen: den Vorwurf, dass man den normalen Fan ausschließt. Entscheidend aus ökonomischer Sicht ist, dass die Stadien durchgehend voll waren. Die FIFA sagt, die Auslastung liegt bei 99,7 Prozent.

        Sein Sorgeobjekt ist nicht der Fan, sondern das Produkt, bzw. dessen Verkäufer. Solange damit Geld zu verdienen ist, ist für den Ökonom die Welt in Ordnung.

        Dieser Mensch hat sein Betrachtungsweise auf den Aspekt des Geldes ausgerichtet. Und liegt damit der Sache nach richtig, denn darum geht es im Kapitalismus – auch beim (kommerziellen) Fußball. Er hat sich die sachliche Notwendigkeit, die in dieser Sphäre existent ist, gedanklich zu eigen gemacht. Der Interviewer kommt mehr vom Sport her und sieht, wie dieser Gebrauchswert (den das Produkt ja hat) immer mehr unter die Räder kommt, je mehr Geld daraus gepresst wird.

      3. Ich habe auf eine Replik von Arche gewartet, doch jetzt presche ich für meinen letzten Streich mit einem „Lehrtext“ vor, dessem Hauptzweck eine Einrede gegen die Behauptung von „aufgepasst“ ist, „richtiges Bewusstsein“ erfordere ein „ausgiebiges“, zeitraubendes, und schwieriges „Studium der Verhältnisse“.

        1) Es gibt kein „falsches Bewußtsein“!
        a) Die Probe aufs Exempel für Leute, die „Materialisten“ sein wollen: „Bewußtsein“ ist ein Ding, weil der homo, der eins hat, ein Ding ist, sein Bewußtsein ist Bestandteil seiner Organik. „Falsch“ oder „richtig“ ist ein äußerlich an das Ding angelegter Maßstab.
        b) Die Formulierung vom jungen Kalle ist philosophiegeschichtlicher Herkunft und im „Kapital“ tatsächlich kritisiert, selbst wenn sie darin noch vorkommen sollte.
        Beweis: Die ersten beiden Kapitel des „Kapital“ enthalten die ausführliche Darlegung eines „Spruches“, der sich in den „Grundrissen“ findet: „Geld zirkuliert keine Waren, sondern Eigentumstitel an denselben“.
        Merkt bitte auf, daß dies eine „Weisheit“ ist, über die jeder, aber auch wirklich jeder Homo verfügt, der es je mit den Geldfunktionen zu tun bekommen hat, denn deren Erste ist es, ihn von dem Besitz oder einer Verfügung über eine Ware auszuschließen. Wenn sein Bedürfnis nicht zahlungsfähig ist, bleibt ihm ggf nur, sich Geld zu borgen, das er gewöhnlich zurück zu zahlen hat, und, heureka, schon habt ihr die „Zirkulation der Eigentumstitel“ höchst anschaulich vor euch.
        Doch jeder Agent der kapitalistischen Zirkulationssphäre wird militärpolizeilich, und ist ökonomisch gezwungen, EIN Geld, ene Geldsumme – nicht „das“ Geld! – ALS ein Zirkulationsmittel zu behandeln, und es demgemäß auch so zu betrachten und zu „verstehen“, obgleich es das nicht ist, auch nicht in seinem eigenen Lebensprozess.
        Redet man auf dieser Grundlage in einem allgemeinen, also
        überindivituellen Sinne von „Bewußtsein“, lautet die Diagnose: Die Zirkulationsagenten, also auch die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums, stellen die eigenen Lebensverhältnisse an dem Punkt, von dem hier die Red ist, der Gestalt der Geldverhältnisse, EINANDER genau anders herum vor und dar, als sie es im Gesamtprozess der Produktion und Reproduktion sind. Der kapitalistische Produktionsprozess produziert Eigentumstitel, keine Produkte, welche vielmehr nur unverzichtbares Mittel der Produktion und Zirkulation von Eigentumstiteln sind.
        „Das Bewußtsein“, das zu diesem Vorgang gehört, IST buchstäblich eine Verkehrung der Verhältnisse, dem, was im kapitalistischen Produktionsprozess geschieht und getan wird, nicht unähnlich dem auf dem Kopf gestellten Bild, das eine Sammellinse dem Auge präsentiert.
        Von einem „verkehrten“, statt „falschen“ Bewußtsein zu reden, wie es einige Kommunisten konsequent getan haben, macht die Sache freilich nicht viel besser. Es bleibt ein philosophischer Allgemeininger, der seinerzeit auf Hegel und die Hegelianer, und entsprechend auf die ganze Philosophiegeschichte gezielt gewesen ist.
        c) Bleibt die leidige „Psychologie“. Ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle ich die Parole „Seele statt Psyche“ aufgefaltet habe, wofür hier kein Platz ist.
        In meiner Verlegenheit zitiere ich einen Absatz aus dem zweiten Kapitel des „Kapital“, und ihr wartet bitte kurz ab, bevor ihr sagt, „vasteh ich nich'“:

        In ihrer Verlegenheit denken unsre Warenbesitzer wie Faust. Im Anfang war die Tat. Sie haben schon gehandelt, bevor sie gedacht haben. Die Gesetze der Warennatur betätigten sich im Naturinstinkt der Warenbesitzer. Sie können ihre Waren nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehn, indem sie dieselben gegensätzlich auf irgendeine andre Ware als allgemeines Äquivalent beziehn. Das ergab die Analyse der Ware. Aber nur die gesellschaftliche Tat kann eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent machen. Die gesellschaftliche Aktion aller andren Waren schließt daher eine bestimmte Ware aus, worin sie allseitig ihre Werte darstellen. Dadurch wird die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozeß zur spezifisch gesellschaftlichen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie – Geld.

        Mit dem Wort „Äquivalent“ könnt ihr umgehen, vere, auch wenn ihr ansonsten nix verstahn vorgebt. Wenn ihr jetzt unvoreingenommen an das Textfragment heran geht, dann müßtet ihr deshalb sagen:
        „Quark mit Sosse! Es gibt das „allgemeine Äquivalent“, von dem Marx da quatsch nicht, kann es nicht geben, weil es in jedem verdammten Warenverkehr umstritten ist! Stets sind gleichzeitig die „Äquivalenz“ der Geldsummen zu den Waren umstritten und die Äquivalenz der Qualität UND Anzahl der Warenkörper, gegen die sie gehandelt werden.“
        Richtig. Aber es wird gezahlt und gegeben. Waren- wie Geldbesitzer tun so, als ob, und denn …“.
        Solches „so tun als ob und denn“ ist das ganze praktische Geheimnis dessen, was mit „falschem Bewußtsein“ schlecht benamst ist, und zugleich das verflucht offenkundige „Geheimnis“ des von Intellektuellen in ganzen Bibliotheken vergeheimnisten „Fetischcharakters von Ware und Geld“. Der liegt nicht in einer unfasslichen „Psyche“, sondern in der verdammt physischen Seele. Übrigens auch in den Fällen der namens- und bildgebenden anthropologischen Beispiele.
        Woraus folgt: Die Produzenten und Konsumenten im Kapitalismus wissen, was sie tun. Sie legen sich allerdings verkehrt Rechenschaft darüber, was sie getan haben, und solche Verkehrung heißt „Ideologie“.

        2) Jetzt muß ich leider einkürzen, deshalb noch ein Wort zu Moral, weil „natürlich“ fast jeder meint, wenn ich gegen Moral, Moralismus hetze, verginge ich mich an ehernen Werten menschlichen Zusammenlebens.
        Wenn ihr aber die Punkte 1b,c unter dem Thema Moral betrachtet, könnte euch auffallen, moralische Maßstäbe, moralisches Verhalten, zählen zum unverzichtbaren, unhintergehbaren Repertoire, ja, instrumentellen Bestandteil des Warenverkehrs, des „so tun, als ob und denn …“. Und wenn jeder sich an die Moral der Produktions- und Zirkulationssphäre hielte, wie es, wie ihr meint, seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit sei, dann käme doch auch „alles in die Ordnung“ – jedenfalls mehr oder weniger.
        Nun, das genaue Gegenteil ist der Fall, aber das aufzufalten, habe ich keinen Platz mehr.

        „Arches“ Moralismus ist allerdings ein anderes Trumm, eine verallgemeinernde Abstraktion, und damit so theologisch, wie die „Tugend eines Christenmenschen“. Im hier gegebenen Zusammenhang will ich daran fest halten:
        Das zählt halt auch zu dem „so tun, als ob und denn“, und hat hier die Gestalt, daß Arche, um so zu urteilen, wie er es tut, die „unauflösbaren Widersprüche“, von denen er redet, zweckmäßig verkennt, mit dem Nebeneffekt, daß er sie in weitem Umfang auch gar nicht mehr erkennen kann. Sie schrumpfen bestenfalls zu Bebilderungen dessen, was er, Arche, an den kapitalistischen Lebensverhältnissen für „gut“ oder „schlecht“ befinden will, und so kommt es eben dazu, daß er „aufgepasst“ frenetisch für abgelieferte Bilder zujubelt, die dieser weder liefern wollte, noch geliefert hat!
        Das hat der reformevangelische Pfaffe, dem meine Frau Mama mich ausgeliefert hat, als ich 12 war, genauso gehalten, weshalb ich seit 60 Jahren weiß, wovon ich rede.
        Das immerhin wollte ich der unzureichenden Kritik des „Es ist alles so schwierig und anspruchsvoll“ noch hinzu gefügt haben.

    2. Gut.

      Aber Caitlin wird zu viel der Ehre, wenn die Zurückweisung ihrer Fetischisierung bürgerlicher Freiheiten auf der Ebene der Bewußtseinstatsachen belassen wird. Ja, ich hatte oben dasselbe getan, weil ich nicht den Nerv für eine Darstellung, wie die von „aufgepasst“ aufgebracht habe, die ich dann um eine Darstellung der politökonomischen Grundlagen der umschriebenen Phänomenologie hätte ergänzen wollen. Das überlasse ich auch jetzt dem Kalle:
      Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation Abstrakt: Die Akkumulation stellt historisch alle Potenzen gesellschaftlich entwickelter Arbeitskraft als eine feindliche Macht gegen die Produzenten. Negativ gesagt: Im Imperialismus besitzen die Produzenten rein gar nichts mehr, ihr jeweiliges Eigentum ist so verfasst, daß sie dessen gesellschaftlichen Zusammenhang nurmehr zu bedienen haben, ähnlich, wie eine Maschine bedient wird.

      Es muß auf Mißverständnisse / Fehler führen, wenn Marx Darstellung phänomenologisch verstanden wird, statt begrifflich, wozu ein Leser halt den Inhalt aller voran gegangenen Kapitel kennen muß. Marx wollte sich nicht vorstellen – Stichwort „Dystopie“ – was geschieht, wenn der Weltmarkt national entfaltet wird (das ist halt erst nach 1945 geschehen) und imperialistisch beherrscht. Deshalb fasse ich das Thema ungern an, wie wohl viele andere Genossen auch.

  13. > Nawalny, Gandhi, Mandela oder Martin Luther King

    Nawalny auf einer Ebene mit den anderen 3?
    Da hat die Propaganda bereits ganze Arbeit geleistet.

    1. Da haben Sie mir meinen Kommentar erspart!
      Das ist mir auch sofort aufgefallen und hat mich sehr gestört!
      Ich gebe Ihnen vollkommen recht!👍

  14. „Die Hauptwaffe ist Propaganda“

    Das kann man vielleicht so nennen. Aber damit wird das Tatsächliche eher verdeckt. Denn ihre Hauptwaffe ist die Schaffung eines einheitlichen Weltbildes – vom Kindergarten bis zum Studium, von den Nachrichtensendungen bis zur Serien- und Krimi-Unterhaltung und dem Hollywood-Filmchen: alles ein fest gebackenes Weltbild, mit dem man einen Einheitsbrei in den Köpfen schafft.

    Die Hauptwaffe ist Verdummung, Lügen, strategische Kommunikation, künstliche Hoffnungen, etwa darauf, dass Technik alle Probleme lösen würde und ein Technoparadies für alle kurz bevor stände – wenn nur alle gleich mitmachen würden.

  15. Doch, es kann noch schlimmer kommen, denn was das Theorem des „Totalitarismus“ verfehlt, ist die für jeden Menschen unerlässlich Beziehung zur Natur als Produktivkraft, Ressource, Erholungfaktor: Diese Beziehung ist bereits hochgradig durchlöchert, fragmentiert und marginalisiert und wird durch das Bestreben der Superreichen, sich die Verfügungsgewalt über allen Grund der Erde und die damit verbundenen Naturressourcen anzueignen vollkommen zerstört und durch eine totale künstliche Scheinwelt ersetzt. Mit dem völligen Verlust von Privat- und Gemeinschafts-Eigentum, das unmittelbaren Naturzugang gewährleistet hatte, verlieren die Menschen jeglichen Ansatz für ein naturverantwortliches, ressourcenschonendes und auch gemeinschaftsorientiertes Handeln, das jetzt noch ansatzweise und sporadisch vorhanden ist.
    Die dystopische Folge wäre nicht nur ein neuer Feudalismus, sondern eine KZ-förmige Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik mit einem Terror gegen alle Nicht-Besitzenden dieser Erde, also gegen etwa 90 % der Weltbevölkerung.
    Als Gegenkraft reicht die Entlarvung von Propaganda nicht aus. Fundamental wichtig ist die Abwehr der Überwachungs- und Kontrollbestrebungen und vor allem die Verteidigung des individuellen und gemeinschaftlichen Grundeigentums und Zugangs zur Natur und ihren Ressourcen
    ,

  16. Die Situation als totalitäre Dystopie zu betrachten, in der eine wie auch immer zusammengesetzte Macht die Massen manipuliert, ist vielleicht einfach nur Selbstschutz.

    Die Alternative wäre, sich einzugestehen, dass die Massen es genau so wollen.

    Es ist ja nicht so, dass man keine Alternativen wählen könnte. Dennoch satte Mehrheiten für „weiter so“ und nur langsames Wachsen der Sonstigen (einschließlich dem Elefanten auf dem Wahlzettel).

    Keine totalitäre Dystopie, sondern eine demokratische.

    Zugegeben, das US-amerikanische Wahlsystem verleitet zu der Annahme, dass es tatsächlich keine echte Wahlmöglichkeit gäbe. Ich finde die Welt allerdings unabhängig aller Systeme gerade ziemlich dystopisch, deshalb vermute ich, dass der Wahnsinn tatsächlich das ist, was die Leute mehrheitlich wollen, warum auch immer.

  17. Mein „Held“ ist zweifellos V (V – wie Vendetta):
    „Im Großbritannien eines Paralleluniversums stellt sich ein maskierter Friedenskämpfer namens V einem totalitären Regime unter Leitung des Kanzlers Sutler entgegen und kämpft mit terroristischen Mitteln gegen die führenden Mitglieder. Über die Identität des Rächers ist nichts Genaueres bekannt, denn er schlägt stets in der Nacht zu und verbirgt sein Gesicht hinter einer Maske, die auf den Attentäter Guy Fawkes anspielt.“

    Ein Mann, der Fakten schafft.
    Ebenso war es Paul Watson von „Sea Shepherd“, der einmal sagte:
    „Devotes Hochhalten von Schildern bei Demos bewirkt gar nichts“ Daher entschließ er sich, etwas zu tun, das etwas bewirkt und sabotierte mit der „Sea Shepherd“ aktiv die Walfänger, die zwar Erlaubnis hatten, aber wen interessieren schon Gesetze, wenn sie durch Korruption entstanden? 😉

  18. „„Das System der massenhaften psychologischen Konditionierung, das sie geschaffen haben, ist mit nichts zu vergleichen, was es in der Geschichte je gegeben hat.“

    @C.J.
    Dann muss deine Annahme vom massenhaften geistigen und mentalen Totalausfall allerdings auch fast alle Linken vor 6 Jahren miteinschließen?

    Denn in dieser Angelegenheit ist diese Linke ja immer noch die unbestreitbare Avantgarde, aller massenhaft hirngewaschenen Bewusstlosen und Konditionierten.

  19. Macht ist im Besitz der Wahrheit zu sein. (S. Freud)
    Wahrheit ist das Konstrukt über die Wirklichkeit die wir uns teilen. Und dieses Konstrukt entscheidet darüber wie wir uns miteinander koordinieren.
    Wir sagen uns „Guten Morgen“ und „Guten Tag“ um uns gegenseitig zu vergewissern, in der gleichen Wirklichkeit zu leben und das wir einander friedlich gesonnen sind. Erst dann können wir mit einander handeln.
    Das erklärt auch die Macht der Massenmedien und der Propaganda. Die so vermittelte Wirklichkeit bestimmt letztlich auch den gesellschaftlichen Handlungsrahmen.

  20. Propaganda soll also – laut Caitlin Johnstone – das Kernstück des aktuellen Herrschaftssystems sein.
    Ich gebe zu, dass das insbesondere aus der Perspektive eines Journalisten eine naheliegende Sichtweise ist.

    Ich persönlich möchte da doch gewisse Skepsis anmelden, denn diese Sichtweise wäre nur dann schlüssig, wenn sich die Menschen anderenfalls (also ohne flächendeckende Propaganda) grundlegend anders verhalten würden. Würden sie das tun? Da wir hier kein Experiment machen können, bleibt dieser Zweifel natürlich spekulativ.

    Mir scheint, dass wir es mit einem Nebeneinander von umfassender Propaganda einerseits und andererseits durchaus gegebener Entschlossenheit und repressivem Handeln zu tun haben. Das sind zwei Standbeine. Und da die Leute um diese Entschlossenheit wissen, spielt mittlerweile auch Angst eine große Rolle. Ich glaube gar nicht mal, dass – wenn man die Nichtwähler mitzählt – ein sonderlich großer Teil der Bevölkerung heute noch der Propaganda glaubt. Die Zahl der Menschen, die längst in der inneren Emigration sind oder bloß scheinbar angepasst mitschwimmen, dürfte viel größer sein als es scheint. Wir haben es also in erheblichem Maße mit Angst als einem Element der Herrschaftsstabilisierung zu tun. (Natürlich bleibt das Problem, dass längst nicht jeder Propaganda auch als Propaganda erkennt. Und selbst die, die sie erkennen, sind nicht vor Beeinflussung gefeit.)

    Ohne Propaganda müsste natürlich das repressive Standbein noch mehr verstärkt werden. Das ergäbe natürlich unschöne Bilder, die man vermeiden möchte. Letztlich zweifle ich aber nicht daran, dass der Herrschaftskomplex auch dann noch im Sattel sitzen würde.

    Ein drittes Standbein ist wahrscheinlich der Sozialstaat.

    @T.h.mas

    Sie haben oben geschrieben:
    „Hmm. Ich finde, die Propaganda und damit auch die Ideologie ist durchaus umfassender, deutlich umfassender als in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie ist nur viel weniger konkret, unschärfer, adaptiver ausgelegt. Weniger starr im Inneren. Genau das macht sie so umfassend, sie ist variabel anpassbar an die Bedürfnisse.“

    Das ist eine interessante Betrachtung, die einiges für sich hat. Es stimmt: Für nahezu alles haben die Regierenden heute ein Narrativ parat (und der Unterschied zwischen „Ideologie“ und „Narrativ“ ist nicht groß). Die einzelnen Narrative/Teilideologien ergeben zwar zusammen kein Ganzes, sind teils auch etwas widersprüchlich, aber es gibt nur noch wenige Bereiche des Lebens und der Gesellschaft, in die der Staat bzw. politische Akteure nicht versuchen, hineinzuregieren. Das reicht ja inzwischen weit über das im engeren Sinne Politische hinaus und umfasst auch Bereiche wie das Verkehrswesen, die Ernährung, die Erziehung der Kinder, das Heizen der Wohnung und die Formen des ehelichen Zusammenlebens. Und das Denken sowie! wehe, man denkt am Narrativ vorbei. Selbst das Gärtnern ist davon nicht mehr verschont, weil wir doch an Insektenhotels und trockenresistente Pflanzen denken sollen. Sogar die Bekleidung ist nicht mehr rein privat, sollen wir doch auf „Fairtrade“ und „Nachhaltigkeit“ achten. Und wehe, wir werfen es in die falsche Mülltonne. Auch die Gesundheit ist nun nicht mehr Aufgabe und Thema des Einzelnen: Da drohen Impfzwang, Lockdown und Kampagnen zur Wahl/Vermeidung bestimmter Genussmittel und Nährstoffe.
    So gesehen hatten es sogar die DDR-Bürger mit weniger Einflussnahme des Staates auf ihr privates Leben zu tun.

    @emil
    Zustimmung!

    @Rob

    Zustimmung.
    Ihr Satz …
    „Die gefährlichste Ideologie ist die, die sich nicht als solchen zu erkennen gibt. Deren Follower, ideologische Vorgaben als natürliche lesen. “
    … beschreibt es richtig gut. So ist es!

  21. „Neulich habe ich ein Video gesehen, in dem ein Typ wütend eine Kiste Budweiser mit einem Monstertruck überfährt, aus Gründen, die mir nicht einleuchten,….“

    LOL – wie kann man nicht verstehen dass jemand einen Kasten amerikanischer Büffelp***e, äh ich meine „Budweiser“, überfährt und untrinkbar macht……, der hat wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben ein wirkliches Tschechisches Budweiser aus Budvar getrunken und erfahren, wie gut echtes Bier in Wirklichkeit schmeckt… 😂🤣😂

    Im übrigen stimme ich Ihren Ausführungen zu, die Dystopie unserer Zeit bemerkt man nicht im Vergleich zu gestern, sondern nur im Vergleich zu bspw. 1995…..

  22. Hmmm…. guten Morgen ;D
    10 Jahre später bzw. 10 Jahre zuvor:

    Die größte Dystopie
    the real SystemErrOr 13. Juni 2016

    […]Der Industrialismus war in Wirklichkeit mit der umfassenden Demokratie, die er verhieß, nicht vereinbar.[…]
    — Alvin Toffler in „The third wave (Die Zukunftschance)“

    Die größte Dystopie von allen ist nicht ein Roman oder eine Romanverfilmung wie z.B. „1984“ oder „Brave new world“ etc., nein, die größte Dystopie von allen ist die Realität* selbst. Die Realität des Industrialismus und des alles unterwerfenden und vorherrschenden Geldsystems, welches die zurzeit größtmögliche und allumfassendste Täuschungskraft entfaltet. Alles andere sind nur Geschichten, Romane und Filme der Phantasiewelten, die bisweilen für die Realität auch als eine Form von Warnungen, aber auch als Anleitungen verstanden werden können. Und. Z.T. auch so genutzt werden.[…]

    Slavoj Žižek analysiert in seinem ‚A Pervert’s Guide to Ideology‘ den Film „They Live / Sie Leben“ von John Carpenter.

    […]According to our common sense, we think that ideology is something blurring, confusing our straight view. Ideology should be glasses, which distort our view and the critic of ideology should be the opposite, like you take off the classes, so you can finally see the way things really are. This precisely is the ultimate illusion!
    Ideology is not simply imposed on our self. Ideology is our spontaneous relationship to our social world, how we perceive its meaning. We, in a way, enjoy our ideology. To step out of ideology, it hurts. It’s a painful experience. You must force yourself to do it![…]

    Deutsche Übersetzung:
    […]Nach unserem allgemeinen Menschenverstand denken wir, dass Ideologie etwas ist, was unsere klare Sicht trübt und verwirrt. Ideologie wäre eine Brille, die unsere Sicht verzerrt und die Ideologiekritik sollte das Gegenteil sein, so wie man die Brille abnimmt, damit man endlich sehen kann, wie die Dinge wirklich sind. Genau das ist die ultimative Illusion!
    Ideologie wird uns nicht einfach auferlegt. Ideologie ist unsere spontane Beziehung zu unserer sozialen Welt, wie wir ihre Bedeutung wahrnehmen. Wir genießen in gewisser Weise unsere Ideologie. Aus der Ideologie auszusteigen, tut weh. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung. Man muss sich dazu zwingen![…]

    Habt, trotz allem, eine schöne Zeit!

  23. Propaganda ist nichts anderes als das Sprachrohr der Macht. Sie soll die Menschen durch Beeinflussung so steuern und lenken, wie man es für seine Interessen gern hätte. Das ist gar nicht so neu. Bereits in Plantons Werk „Gorgias“ wird man aufgeklrärt über Praktiken und Methoden dieser manipulativen Staatskunst, die sich in sprachlicher Form Rhetorik nennt.

    Wie sich falsche Eindrücke äußern, dafür ist das Höhlengleichnis lehrreich. Propaganda kann man mit den erzeugten Schattenbildern an der Wand vergleichen, die Fesseln der Betrachter als oktroyierte, verpflichtende Rechts- und Gesellschaftsordnung. Schließlich bewegen wir uns alle innerhalb der gegebenen und freiwillig akzeptierten Staatsgewalt, die wir als gut, freiheitlich und richtig einschätzen, weil sie uns Schutz und Sicherheit versprechen.

    Diese Ordnung ist aber sehr beweglich. Eine Art Wackelpudding der sowohl nach Belieben als auch aus gesellschaftlicher Befindlichkeit von politischen Akteuren, durch mediale Beeinflussung und letztlich durch die Rechtssprechung beeinflusst und verändert wird. Man kann das deutlich an den zahlreichen Veränderungen in unserer Verfassung, dem Grundgesetz erkennen. Zahllose EU-Regulierungen als verpflichtende Verordnungen kommen hinzu und sind letztlich für das bürgerliche, freiheitliche Handeln einschränkend wirkmächtig.

    Wenn es den gewählten Repräsentanten gefällt, so wird der freie Bürger schon morgen zum gehorsamen Soldaten. Der Souverän, das Volk wird zum Befehlsempfänger (?) Nicht ganz, schließlich hat es sich ja in freien Wahlen für seinen möglichen Befehlgeber entschieden – und Volkesstimme steht über der persönlichen Freiheit.

    Wer aufmerksam die Entwicklung moderner Public Relations verfolgt, findet mit Edward Bernays einen bedeutsamen Beeinflusser, der das Bewusstsein der Bürger bestens zu lenken verstand und sogar einen PR gesteuerten Umsturz in Guatemala herbeizuführen war für ihn kein Hindernis, wobei Angst erzeugen eine wichtige Tugend zu sein scheint. Die heutige Parole: „Der Russe kommt“ – (tatsächlich müssen wir ihn nur genügend dazu provozieren), erinnert stark an jene Manipulation, die Bernays bestens beherrschte.

    Mit der Lasswell-Formel:
    Who says what in which channel to whom with what effect?

    – oder auch den 5 W’s die eigentlich 7 W’s sind:
    Wer macht (sagt) was, wann, wo, wie und zu welchem Zweck (bzw. wozu oder warum überhaupt) –

    Kann man sehr gut die Intension von Propaganda erkennen. Interessant ist immer das Wer und was er denn mit seiner Aussage bewirken will. Genau das ist dann genauer zu hinterfragen und zu prüfen ob das denn zutreffend ist.
    Nur weil ein funken Wahrheit dabei immer als Zutat vorhanden ist, sollte man nicht in einen Wahrheitsglauben verfallen. Wer wissen will dem nützt kein Glaube.

    Ist Propaganda wirklich die Hauptwaffe von Herrschaft? Ist sie ein Mechanismus der Kontrolle?
    Nein, sie ist nur ein Instrument der Beeinflussung, um Herrschaft zu gewinnen oder zu akzeptieren. Sie besteht nur aus der Wirkmächtigkeit von Bildern, Worten und dargestellten Handlungen jener Akteure, die unser Verhalten steuern möchten. Nur im Zusammenhang mit bestehender Macht kann sie zur Waffe werden und Kontrolle ermöglichen. Ein Prediger ohne applaudierende Zuhörer, ohne Gefolgschaft und ohne die notwendigen Mittel, predigt vergeblich. Wobei man die Macht des Wortes dennoch nicht unterschätzen sollte: Am Anfang war das Wort … steht in der Bibel und das nicht zu Unrecht.

    Was wir brauchen ist nicht mehr Kontrolle über die untertanen Bürger, sondern eine bessere Kontrolle der Macht durch deren Begrenzung, sowie eine persönliche Haftung der mit Macht ausgestatteten Akteure. Mehr Sokrates als Georgias.

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