
Zum Tode von Jean Ziegler.
Jean Ziegler ist tot. Das ist fast ebenso überraschend wie die Nachricht, dass die Alpen abgetragen worden wären oder die Vereinten Nationen beschlossen hätten, fortan Resolutionen nur noch in Poesieform zu veröffentlichen. Manche Menschen gehören so sehr zum Inventar einer Epoche, dass man sich ihre fehlende Präsenz nur schwer vorstellen kann. Für Jean Ziegler trifft das zu.
Er war einer der letzten großen Ankläger des 20. Jahrhunderts. Seine Anklage war Argument. Ziegler fragte nicht, ob die Welt gerechter werden könne, er packte an und kämpfte für die Gerechtigkeit. Seine Worte waren nicht wissenschaftlich fundiert, sondern voller Leidenschaft. Ziegler war der Advokat der Müden, der Arme, der geknechteten Massen.
„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“, lautete sein wohl berühmtester Satz.
Für solche Sätze wurde der ehemalige Sonderberichterstatter der Vereinte Nationen für das Recht auf Nahrung bewundert. Und gleichzeitig abgelehnt. Gleichgültig ließ er einen nicht. Zieglers Begabung lag darin, dass er kaum jemanden kalt ließ.
Er gehörte zu jener Generation europäischer Intellektueller, die noch glaubten, dass Worte nicht nur beschreiben, sondern verändern können. Die Welt war für ihn kein Forschungsfeld, sondern ein ausgemachter Skandal. Auf dieser Grundlage schrieb er. Seine Bücher waren Bestseller, die es verstanden, Analyse und Anklage zu vereinen. Nüchtern waren seine Werke aber nie. Ziegler war ein Kämpfer und seine Bücher Kampfschriften gegen Ausbeutung, Hunger und eine kannibalistische Weltordnung. Leidenschaft war sein Antrieb.
Während andere im Alter milder wurden, blieb er so zornig wie charmant. Die Welt ist ein Ort voller Komplexitäten. Natürlich wusste das auch Ziegler. Aber er weigerte sich, diese Komplexitäten als Ausrede zu benutzen. Seine Vorträge waren Feldzüge gegen das Unrecht der Mächtigen.
Ziegler genoss die Rolle des unbeugsamen Mahners. Er kultivierte sie sogar. Diese Eitelkeit trieb ihn voran und wurde von ihm nutzbar gemacht.
Die Kritik an ihm war nicht immer unberechtigt. Manche seiner Urteile waren plakativ, viele seiner politischen Sympathien schwer nachvollziehbar. Er konnte ungerecht sein. Ziegler war ein Mensch. Mit Fehlern und großartiger Leidensfähigkeit und Leidenschaft. Ein aalglatter Funktionär: das war Ziegler nie. Er war ein Mann des 20. Jahrhunderts, der wusste, dass Perfektion nur dem Image dient, nicht aber dem Kampf, der er angehen wollte, angehen musste.
Jean Ziegler hinterlässt eine Welt, in der viele seiner Warnungen zur Wirklichkeit wurden und in der nur wenige seiner Hoffnungen wahr wurden. Der Hunger und die Not bleiben in der Welt, anders als ihr großer Bekämpfer. Die zentrale Frage, die ihn antrieb, hinterlässt er uns auch: Wie kann eine Menschheit, die technisch zu fast allem fähig ist, akzeptieren, dass Millionen Menschen hungern?
Nun ist der große Ankläger verstummt. Seine Anklage bleibt.
Ähnliche Beiträge:
- Jean Ziegler, 90 Jahre und die kannibalische Weltordnung
- »Die UNO wird von der amerikanischen Regierung systematisch liquidiert«
- Was wird aus Palästina?
- Getötet im Auftrag des Friedens
- Der Mali-Einsatz der Bundeswehr




Letzte Kommentare