Der Kampf gegen den eigenen Schatten

Bild: Boris Thaser/pxhere.com

Gerade Vertreter der sogenannten „Mitte“ haben Schwierigkeiten damit, andere Meinungen auszuhalten. Drei Vorschläge dafür, woran das liegt.

Der Berliner AfD-Abgeordnete Antonín Brousek erzählte vor einiger Zeit … – Halt! Hiergeblieben! Wenn Sie gerade zu lesen aufhören wollten, weil Meinungen von AfDlern Sie nicht interessieren, dann sind genau Sie Adressat dieses Essays. Und nur als Disclaimer: In fast allen innenpolitischen Themen halte ich das Gegenteil der AfD-Position für richtig. Trotzdem ist interessant, was Herr Brousek in seinem Videostatement laut – horribile dictu! – RT-DE sagt:

„Brousek schildert einen Vorfall während einer Veranstaltung mit dem tschechischen Botschafter in Berlin, Tomáš Kafka:

„Und zuerst waren die Damen von Rot-Rot-Grün wahnsinnig höflich: ‚Seine Exzellenz‘ und „schön, dass sie da sind‘.“ 

Die Beantwortungen der Fragen der Abgeordneten wären dann jedoch inhaltlich so ausgefallen, als „wäre der Botschafter ein Mitglied der AfD“. So teilte er mit: „Ja, Atomkraft finden wir gut in Prag“. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik seit 2015 befände Tschechien als „ganz schlecht. Sie von Rot-Rot-Grün fragen immer nur nach Werten. Sie fragen uns aber nicht, was diese Werte uns kosten könnten“, so Botschafter Kafka laut Brousek gegenüber dem Ausschuss. Daraufhin sei die Stimmung der Anwesenden gekippt. Brousek wörtlich:

„Und was haben diese zwölf Damen gemacht? Als sie merkten, dass die Antworten in eine bestimmte Richtung gehen, haben elf von den zwölf sofort in ihr Handy geguckt, wie Kinder in der Schule, die nicht rangenommen werden wollen und intensiv in ihr Buch gucken.“

„Deswegen bin ich der Meinung, dass diese Leute einfach geistig nicht reif sind, […]. Sie können nämlich verschiedene Dinge nicht, die man im Parlament und in der Regierung braucht. Sie können sich nicht konzentrieren, sie können nicht diskutieren und sie halten andere Meinungen nicht aus.““

 

Meine Erfahrungen der letzten Jahre im Streit – eine Debatte i.e.S. kommt ja gerade nicht zustande – mit Anhängern des Mainstreams waren ähnlich. Beispielhaft illustrieren jüngst auch die Reaktionen auf einen DLF-Beitrag von Michael Andrick die Beobachtung, dass es gerade Politikern und Wählern der selbsterklärten „Mitte“ schwerfällt, abweichende Meinungen auszuhalten. Dass sie damit die Grundlage von Demokratie, offenem Diskurs und Aufklärung unterminieren, also von allem, das sie für heilig halten, ist doch so offensichtlich, dass man sich fragt: Warum tun die das?

Ich habe drei Erklärungsansätze im Angebot:

Erstens: Rally around the flag

Wir leben in unsicheren Zeiten („Die Seuche Unsicherheit“). Uns belastet existenzielle Unsicherheit: um die Arbeitsstelle, die Lebenshaltungskosten, den Frieden, das Klima. Aber auch ideelle Unsicherheit: Was wahr ist und was falsch, was man sagen darf und was nicht, was sozial erwünscht ist und was tabu, für all das gibt es keine verlässlichen Kriterien mehr.

Unsicherheit erzeugt Stress, und Stress macht aggressiv und weniger empathisch. Mäuse und Menschen werden vom Schmerz eines Freundes angesteckt; sie spüren ihren eigenen Schmerz stärker, wenn auch der Freund leidet. Mit Fremden geschieht das nicht. Der Mechanismus dahinter läuft über die Stressantwort: Blockiert man sie pharmakologisch, dann leiden wir auch mit Unbekannten. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Der Fremde verunsichert uns, daher können wir uns schlecht in ihn hineinversetzen, also bleibt er fremd und verunsichert uns.

Wie dieser Mechanismus zur Lagerbildung führt, lässt sich auch sehr schön in sozialpsychologischen Experimenten zeigen. Wenn man Menschen mit Bedrohungsszenarios ängstigt – hier mit negativen Folgen des Klimawandels -, dann urteilen sie anschließend angepasster. Auch zu ganz anderen Themen, die mit der Quelle der Bedrohung gar nichts zu tun haben, laufen sie eher mit der Mehrheitsmeinung mit. Gruppen hingegen, welche den Konsens gefährden, werden abgewertet.

Angst und Stress sind mithin Gift fürs Denken. Sie machen Menschen zu autoritätshörigen Mitläufern und nehmen ihnen die Offenheit für Andersdenkende. Selten wurde das augenfälliger als in der Coronapandemie. Da wurden Menschen mit dem Schlimmsten bedroht – dem unvorhersehbaren Erstickungstod -, und schon ließen sie ihrem totalitären Gaul die Zügel schießen und stürmten hassentbrannt auf Andersimpfende los. Diese Pandemie ist zwar vorbei, das Klima der Verunsicherung aber hat sich seither nicht mehr abgekühlt. Egal zu welchem Thema: Menschen, die Unsicherheit schlecht vertragen, suchen die vermeintliche Sicherheit ihrer Gruppe, und heben die Waffen gegen jeden, der nicht dazugehört.

Zweitens: Mein Geschwätz von gestern

Man könnte meinen: Gerade die Grünen sollten mehr Toleranz mit abweichenden Meinungen üben, denn schon morgen könnten es die ihren sein. Wie war das noch gleich mit dem Pazifismus? Und mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete? Und wie mit der Kohleverstromung? Lützerath? Und wie ist die Haltung zu Fracking-Flüssiggas? Und was halten wir von Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke?

Schlimmer noch die SPD. Es hat einen Grund . . . oh nein. Nicht einen! Es hat viele Gründe, dieses: „Wer hat uns verraten?“ Die Ursünde waren schon 1914 die Kriegskredite, dann folgte 1918 die Niederschlagung der Räterepublik an der Seite nationalistischer Freikorps, später der NATO-Doppelbeschluss, die Agenda 2010, der völkerrechtswidrige Angriff auf Serbien 1999, die Mehrwertsteuererhöhung von 2005, die Diffamierung der ur-sozialdemokratischen NachDenkSeiten, die Lossagung von Brandts Ostpolitik u.v.m.. Und das ist nur eine kleine Auswahl. Verlassen kann man sich bei der SPD einzig auf den Verrat.

Und das macht natürlich auch Grünen und Sozialdemokraten zu schaffen. Beide – und insbesondere die Grünen – vertreten ja in ihrem Selbstverständnis nicht Interessen, sondern Werte. Sie kämpfen nicht für eine Klientel, sondern für das Gute. Dass jedoch das Gute von heute das Gegenteil des Guten von gestern sein soll, ist nicht vernünftig zu vertreten. Das unvermeidliche Ergebnis: kognitive Dissonanz („Fakten spielen keine Rolle“).

Politik nach angeblichen Werten zu machen, ist weder üblich noch notwendig. Andernzeits und andernorts wussten und wissen Politiker durchaus, dass es, um Egon Bahr zu zitieren, in der Politik niemals um Werte geht, sondern um die Interessen von Staaten. Man schaue sich nur einmal die politische Geschichte der italienischen Renaissance an, diesen ständigen Allianzenwechsel wie in einem höfischen Tanz, bei dem der Gegner und der Verbündete im Handumdrehen die Plätze tauschen können. Oder den französisch-russischen Frieden von Tilsit im Jahre 1807: Tolstoi beschreibt genüsslich, wie Kaiser Napoleon und Zar Alexander, die einander zwei Jahre lang in blutigen Schlachten bekämpft hatten, sich nun vor gegenseitigen Gunstbezeugungen gar nicht genug tun konnten – sehr zum Leidwesen des dabei zerteilten Preußen, mit welchem Russland zuvor noch verbündet gewesen war. Gewiss, man hatte Napoleon als „Feind des Menschengeschlechts“ tituliert – aber das war nicht so ernst gemeint gewesen, und hatte nicht verhindert, ihn zugleich zu bewundern.

Das ist nicht wert-los: Es ist pragmatisch. Es schafft auch Verlässlichkeit, wenn man davon ausgehen darf, dass das Gegenüber immer nach seinen erkennbaren Interessen handeln und ver-handeln wird.

Und wenn die Interessen sich ändern – nun, dann ändern sich halt auch die Handlungen. Daran ist dann nichts Verwerfliches. Werte hingegen sollten sich nicht von heute auf morgen in ihr Gegenteil verkehren. Werte gehören zur Persönlichkeit. Wo sie unsicher sind, drängt sich der Verdacht auf, dass auch die Persönlichkeit wenig gefestigt ist, oder vielleicht gar nicht vorhanden.

Aus Sicht des Verfechters liberaler Werte darf es daher nicht sein, dass er noch gestern das Gegenteil verkündet hatte. Diese Vergangenheit muss verdrängt werden. Die innere Wut auf den eigenen Verrat, den man nicht eingestehen kann, wird nach außen projiziert. Die Meinung, die man selbst nicht gehabt haben oder haben werden darf, wird im Anderen bekämpft.

Drittens: Ich – nicht ich

Das führt zum dritten, verwandten Mechanismus: der Kontrastverstärkung. Von nichts grenzen wir uns so eifrig ab wie von dem, was uns ähnlich ist. Darum sind Nachbarstaaten in der Geschichte meist verfeindet, aber übernächste Nachbarn (Frankreich – Polen, Deutschland – Spanien, Italien – Deutschland) beste Freunde. Darum habe ich kein Problem damit, einen AfDler zu zitieren, denn wir haben so gut wie nichts gemeinsam.

Doch zwischen die AfD und die Parteien der „Mitte“ passt im ganzen großen, zentralen Feld der Wirtschafts- und Sozialpolitik kein Blatt: Dass die Reichen reich bleiben dürfen und die Armen schikaniert werden müssen, ist Konsens; dass Staatsschulden reduziert und gesellschaftliche Leistungen privatisiert werden müssen, wird nicht hinterfragt. Auch in der Aufrüstung der Bundeswehr sind sie sich einig. Und bei aller „Refugees welcome“-Romantik haben auch Grüne und SPD erkennbar kein Problem damit, Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen oder von polnischen Grenzern an der weißrussischen Grenze totprügeln zu lassen.

Ärger noch ist es in der Innenpolitik. In der inneren Sicherheit teilen sie alle den Law-and-Order-Ansatz: Verbieten, Strafen erhöhen, Polizei aufrüsten. Und in der Coronakrise sah sich die vorgeblich liberale „Mitte“ gar mit ihren eigenen totalitären Neigungen konfrontiert. „Demokratische“ Politiker ergötzten sich am Vorschreiben, Bestrafen, Rechteentziehen, Einsperren und Ausgrenzen, dass es einen ostasiatischen Despoten zur Hochachtung genötigt hätte. Urplötzlich war Neukölln ganz nah an Nordkorea.

In so einer Situation ist es desto wichtiger, die Unterschiede hervorzuheben. Der Neurobiologe kennt das aus der Netzhaut und nennt es laterale Inhibition. Jeder Photorezeptor gibt sein Signal als Erregung weiter an die nächste Verarbeitungsschicht, verteilt es zugleich aber als Hemmung an die unmittelbare Nachbarschaft. Wenn ein Rezeptor nur wenig stärker beleuchtet und damit angeregt ist als sein Nachbar – in der Graphik durch das dunklere Blau angedeutet -, dann aktiviert er auch ihm nachgeschaltete hemmende Zellen (rot) stärker und hemmt damit die Nachbarn stärker als umgekehrt. Was physikalisch nur ein kleiner Helligkeitsunterschied war, erscheint physiologisch als Kontrast. So entsteht die bekannte optische Täuschung der Machschen Streifen, die alle von links nach rechts heller zu werden scheinen.

In der Politik funktioniert es genauso. Je geringer die Unterschiede zwischen den Parteien sind, desto deutlicher müssen sie kontrastiert werden. Daher braucht es eine Brandmauer zwischen CDU und AfD: weil man sonst die Grenze gar nicht erkennen könnte.

Embrace the darkness

Vielleicht darf man hier auch tiefenpsychologische Konzepte assoziieren. Diejenigen Anteile unserer Persönlichkeit, die wir nicht wahrhaben wollen, verdrängen und verleugnen wir. Carl Gustav Jung nannte sie den „Schatten“. Vielleicht kann man in diesem Sinne die Abneigung der etablierten Parteien gegen die AfD auch als Kampf gegen den eigenen Schatten interpretieren.

So schließt sich hier der Kreis zum eingangs zitierten Urteil des AfD-Abgeordneten Broussek: Laut Jung ist es ein notwendiger Schritt der Individuation, seinen Schatten anzunehmen. Ihn abzuspalten und zu bekämpfen, ist ein Zeichen von Unreife.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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4 Kommentare

  1. Den Beitrag finde ich richtig gut. Mehr will ich gar nicht sagen. Für solche Fälle wäre ein Gefällt-Mir“- Button hilfreich.
    (und für den gegenteiligen Fall ein „Gefällt mir nicht).

  2. Unter den Vertretern der sogenannten „Mitte“ finden wir die meißten Normopathen und das Grundproblem dabei ist, dass die Betroffenen das gar nicht bemerken, denn öffentlich wie medial wird dieses Verhalten ja noch goutiert. Vor allem wird von ihnen nicht bemerkt, dass sie dann selbst das Verhalten an den Tag legen, welches sie nur bei anderen vermuten.

  3. aus dem Text: „in der Graphik durch das dunklere Blau angedeutet“ –
    es ist zwar fürs Verständnis nicht wichtig, aber die Grafik fehlt im Artikel.

  4. Das Beste, das ich seit langem im Netz gelesen habe… Ich bin als Psychologe bald in Rente. Das schreibe ich implizit aus Stolz und Dankbarkeit für meinen sozialen Aufstieg, explizit deshalb, weil ich viele liebenswerte und kluge/ gebildete Menschen kenne, denen es gerade an den Erkenntnissen des Artikels gebricht. „Normopathie“ , wie es die Vor- Kommentatorin schreibt, teile ich inhaltlich, ist mir aber zu abwertend.
    Heute hat sich das surfen gelohnt. …

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