
Für linke Ideen zu werben wird nicht erfolgreich sein, indem man all die »richtigen« Meinungen vertritt und all die »richtigen« Bücher liest und sich selbst in einer Diskussion nach der anderen als Vertreter der besten Meinung erweist.
Ein Auszug aus Caitlin Johnstones »Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda«.
Man könnte auch meinen, dass die Linke der Identitätspolitik zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit schenkt oder dass sie zu viel oder zu wenig Wert auf die Wahlpolitik legt oder dass sie mit den Feinden des US-Imperiums zu sympathisch oder nicht sympathisch genug ist oder dass diese oder jene Fraktion alles falsch versteht – aber das ist nicht der Fall. Das größte Problem ist, dass es nicht einmal annähernd genug Linke gibt, um im Westen heute etwas zu erreichen.
Und mit Linken meine ich natürlich nicht Demokraten oder »Progressive« oder irgendjemanden, der sich nur ein paar Anpassungen im kapitalistischen Imperium wünscht, damit er sich Medikamente oder einen Hochschulabschluss oder was auch immer leisten kann. Ich meine echte Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten, die den Kapitalismus und den Imperialismus ablehnen und die drastischen, revolutionären Veränderungen anstreben, die diese Zivilisation dringend braucht. Diejenigen, die verstehen, dass das System nicht kaputt und reparaturbedürftig ist, sondern genau so funktioniert, wie es beabsichtigt ist, und dass es vollständig auseinandergenommen werden muss.
Entweder eine kontrollierte Opposition oder ein verherrlichtes Online-Nachrichtenbrett
Die letztgenannte Kategorie hat in der westlichen Welt kaum noch eine Bedeutung. Die »westliche Linke« in der heutigen Zeit ist entweder eine kontrollierte Opposition oder läuft auf ein verherrlichtes Online-Nachrichtenbrett hinaus. Das ist nicht unsere Schuld; das Imperium hat massiven Reichtum und Aufwand in diese Entwicklung gesteckt. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein und wir müssen es ändern.
Es ist für mich einfach unfassbar, dass dies nicht immer im Zentrum jeglichen linken Diskurses steht. Die Tatsache, dass die westliche Linke eine winzige, politisch ohnmächtige Minderheit ist, die bei Weitem nicht die nötigen Zahlen hat, um ihre Ziele zu erreichen, ist mit großem Abstand das Bemerkenswerteste an der westlichen Linken.
Ich meine, wenn Sie ein General wären, der in den Krieg zieht und nur eine Handvoll Soldaten hat, um gegen eine ganze feindliche Nation zu kämpfen, dann wäre das bei Weitem Ihre größte Sorge. Sie würden Ihre Zeit nicht damit verbringen, über militärische Strategien oder die Geschichte des Reiterkampfes zu diskutieren, und Sie würden sicherlich nicht Ihre Energie darauf verschwenden, gegen diejenigen zu kämpfen, die im Grunde auf Ihrer Seite sind. Im Mittelpunkt Ihrer Gedanken stünde, dass Sie nicht genug Truppen haben, um diesen Krieg zu führen, und die Frage, woher Sie Nachschub kriegen können.
Wenn Sie ein Architekt wären, der mit dem Bau eines Wolkenkratzers beauftragt wurde, Ihre Arbeitskräfte kämen und da stünde nur ein Typ mit einem Plastikspielzeughammer, dann würden Sie sich primär darauf konzentrieren. Sie würden nicht über Ihren Plänen und Architekturtheorie-Büchern brüten und über die Feinheiten der Fundamentintegrität nachdenken, sondern Sie würden versuchen, herauszufinden, wie Sie mehr Arbeiter dazu bringen können, das verdammte Ding zu bauen.
Das erreicht man nicht, indem man all die »richtigen« Meinungen vertritt …
Man sollte also meinen, dass dies auch bei der westlichen Linken der Fall wäre, weil wir uns mehr oder weniger in der gleichen Situation befinden. Aber das ist nicht der Fall. Wenn man sich die Schriften vieler westlicher Linker anschaut, könnte man meinen, dass der beste Weg, seine Ideologie in der Welt durchzusetzen, darin besteht, seine Zeit damit zu verbringen, mit anderen Linken unter Verwendung eines esoterischen marxistischen Jargons über obskure Punkte zu streiten, die niemand außerhalb ihrer winzigen Blase kennt oder sich für sie interessiert. Oder sich selbstgefällig zurückzulehnen und mit besserwisserischer Miene darauf zu warten, dass die dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche seinen Untergang herbeiführen.
Was das Organisieren und Demonstrieren angeht, sieht es nicht viel besser aus. Da gibt es spärlich besuchte Versammlungen mit zunehmend atomisierten Sekten, Antikriegsproteste mit einer Handvoll Menschen und einem Banner und ein paar schwarz gekleidete LARPer (Live-action-role-player), die hier und da auf Rassisten und Transphobe einschlagen, um so zu tun, als wären sie Teil einer echten Revolution gegen eine reale Macht. Also im Grunde gar nichts.
Das erste und wichtigste Ziel der westlichen Linken sollte es sein, dafür zu sorgen, dass es mehr westliche Linke gibt. Das erreicht man nicht, indem man all die »richtigen« Meinungen vertritt und all die »richtigen« Bücher liest und sich selbst in einer Diskussion nach der anderen als Vertreter der besten Meinung erweist, man erreicht es auch nicht, indem man darauf wartet, dass sich die materiellen Bedingungen im Westen verschlechtern wie ein Haufen Fundamentalisten, die auf die Entrückung warten. Man schafft es, indem man auf Menschen zugeht, ihre Herzen und ihren Verstand für sich gewinnt, ihnen zeigt, dass alles, was ihnen über ihre Nation und ihre Welt beigebracht wurde, Lügen sind, und ihnen zeigt, dass es besser werden kann.
Natürlich habe ich nicht alle Antworten darauf, wie dieses Dilemma gelöst werden kann, ich weise nur auf ein massives, eklatantes Problem hin, das nicht einmal den kleinsten Bruchteil der Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient hat. Ich gehe dieses Problem mit meiner eigenen Arbeit an, so gut ich kann, aber ich bin nur eine Person mit einer Meinung. Ich hoffe, dass sich in Zukunft noch viel mehr Menschen mit diesem Problem befassen werden, damit wir uns alle zusammen Wege ausdenken können, um es zu lösen.





Ein hervorragender Artikel. Vielen Dank! Die Grundwerte der globalistischen Weltlinken aus der „well educated, urban middle class“ werden auch gleich mitgeliefert, damit es keine Missverständnisse gibt
1) „Feminismus und Klima und Geerechtigkeit für alle“
.
2) „Kein Planet, keine Zukunft“
–
3) „Love is Love“
–
4) „Menschenrechte statt rechte Menschen“
„Man schafft es, indem man auf Menschen zugeht, ihre Herzen und ihren Verstand für sich gewinnt, ihnen zeigt, dass alles, was ihnen über ihre Nation und ihre Welt beigebracht wurde, Lügen sind, und ihnen zeigt, dass es besser werden kann.“
Ich glaube, für Caitlin Johnstone sind die Zeugen Jehovas das Vorbild.
„Für linke Ideen zu werben wird nicht erfolgreich sein, indem man all die »richtigen« Meinungen vertritt und all die »richtigen« Bücher liest und sich selbst in einer Diskussion nach der anderen als Vertreter der besten Meinung erweist.“
Klingt wie: „Alle Macht den Doofen“
„Klingt wie: „Alle Macht den Doofen““
Nein, das klingt wie „faschistoide Gesinnungsdiktatur“ oder nach George Orwell:
„Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“
„Die drei Parolen der inneren Partei prangen am Ministerium für Wahrheit. Ozeanien wird mit harter Hand regiert. Die Bevölkerung unterdrückt und kontrolliert. Die Gedankenpolizei überwacht jeden Schritt der Bevölkerung. Neusprache, die von der Partei eingeführte Amtssprache, ersetzt oder streicht schädliche Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Moral“, „Demokratie“. Fernsehgeräte, die den ganzen Tag den Staatssender zeigen, können sämtliche Wohnzimmer akustisch und visuell überwachen – zur Erinnerung steht „Big Brother is watching you“ auf Plakaten überall in Ozeanien. Kunst wird zensiert oder verboten. Die Geschichte neu geschrieben. Freie Meinungsäußerung und Bürgerrechte gibt es schon lange nicht mehr. Das bloße Denken an Widerstand gegen die Partei und den Staat wird als „Gedankenverbrechen“ mit dem Tode bestraft.“
https://kulturwerkstatt.de/krieg-ist-frieden-freiheit-ist-sklaverei-unwissenheit-ist-starke-2/
Als ich studierte, gab es viele Linke (mich eingeschlossen), und man glaubte, dass es einen demokratischen Sozialismus gäbe, den Dubcek in der Tschechoslowakei durchzusetzen versuchte, worauf die Russen kamen.
Schließlich löste Gorbatschow die Sowjetunion und den Warschauer Pakt auf, und die nun selbständigen Staaten hätten einen marktwirtschaftlichen Sozialismus oder einen demokratischen Sozialismus oder irgendwas anderes Sozialistisches ausprobieren oder umsetzen können. Stattdessen wählten die Leute (einschließlich Ostdeutschland) Parteien, die alles verramschten, was wertvoll war, so dass diese Staaten dann nicht mal mehr in der Lage waren, die eigene Bevölkerung zu versorgen, was ein gigantische Auswanderungswelle auslöste.
Alle Linken wollen, dass der Kapitalismus beseitigt wird. Aber was dann? Es gibt kein Modell des Sozialismus, und selbst in China, über das man in Deutschland nicht viel erfährt, scheint vom Sozialismus nur der Einparteienstaat übrig geblieben zu sein.
Also fordern die Linken eine gerechte Gesellschaft. Das gab und gibt es bisher nur in ganz einfachen Gesellschaften, z. B. in der Form des Langhauses im Dschungel.
Und sie fordern, dass man den Reichen nehmen und den Armen geben soll. Der sagenhafte Reichtum von Elon Musk z. B. besteht in seinen Firmen. Soll man ihm Tesla oder SpaceX oder am besten X wegnehmen, damit der sozialistische Staat die allgemeine Meinung beeinflussen kann. Die Leute glauben nicht mehr an Verstaatlichung. Das ist leider total gescheitert.
Für mich ist “links”, wer nicht nur die Herrschaft des Proletariats (was ist das heutzutage eigentlich ?) sondern die Herrschaft des Volkes fordert, Arbeiter und Angestellte und alle anderen auch, also die Direkte Demokratie, in der das Volk die Sachentscheidungen trifft, und das Parlament als Verwaltungsorgan fungiert. Dann können auch Fragen der Kontrolle der Wirtschaft und Eigentumsfragen angegangen werden, wann immer es dem Volk als notwendig und sinnvoll erscheint.
Ich bin ja nun bekanntlich kein Linker, aber da der Artikel nicht übermäßig lang war und es draußen im Garten schon zu warm ist, habe ich ihn dann doch gelesen.
Bezogen auf ihre eigene linksextreme und anscheinend schon beinahe neokommunistische Gedankenwelt ist der Artikel schon schlüssig und plausibel.
In der Tat: Die geringe Anzahl in diesem Sinne linker politischer Aktivisten dürfte ein Problem sein.
Wobei ich hinzufügen möchte: Gut, dass es so ist.
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Was mir nun aber auffällt, dass ist der Umstand, dass Frau Johnstone sich noch nicht mal ansatzweise darüber Gedanken macht, WARUM es denn heute sehr viel weniger systemfeindliche Sozialisten, Kommunisten und Anarchos gibt als etwa 1940 oder selbst noch 1970!
Es scheint mir doch recht realitätsfremd, das lediglich auf zu wenig eigene Werbung oder auf die gedankliche Lufthoheit der gegnerischen Medien zurückzuführen.
Gab es da nicht eine Reihe von ziemlich eindrucksvollen Lehrstücken … ?!