Damals wie heute?

I Was There with the Yanks on the Western Front
Cyrus Baldridge, Public domain, via Wikimedia Commons

Vorkriegszeit 1914 und heute – Parallelen und Unterschiede.

In vielfacher Hinsicht erinnert die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an unsere heutige Epoche – so eine immer wieder gehörte These, für die hauptsächlich drei Begründungen geliefert werden: Damals wie heute waren geopolitische Verschiebungen im Spiel, es gab einen rasanten technologischen Fortschritt und es herrschten lokale Konflikte, die schließlich eskalierten.

Dies mag als grobe Draufsicht durchgehen, es bleiben aber viele Aspekte und politische Konstellationen unbeleuchtet, die einen Vergleich von 1914 und 2026 interessant machen.

Situation nach der Gründerzeit

Deutschlands Aufstieg nach 1870 (nach der Gründerzeit) war rasant. Innerhalb von knapp 50 Jahren wurde aus einem Agrar- ein Industriestaat. Bis 1914 versechsfachte sich die industrielle Produktion, die Ausfuhren wuchsen um das Vierfache. Wie groß das Gewicht des Exports bis 1913 geworden war, zeigt sich daran, dass er damals 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte, geringfügig weniger als bei Großbritannien (14,7 Prozent), deutlich mehr als bei Frankreich (6,0 Prozent), Österreich-Ungarn (5,2 Prozent) und den USA (4,1 Prozent). Vor 1914 waren rund 7 Prozent der Arbeiterschaft im Deutschen Reich „Gastarbeiter“.

Auch in den Bauten der Gründerzeit, die wir heute noch schätzen, spiegelte sich der plötzliche Reichtum. Für die Paläste des Großbürgertums und die Sakralbauten mussten historische Vorbilder herhalten; man baute im Stil des Neobarock, der Neugotik oder der Neorenaissance. Für die Armen reichten die Mietskasernen – aber auch dort kam jetzt manchmal ein Stück Fleisch auf den Teller. Und es gab ein Sozialversicherungssystem. Die SPD, seit 1890 stärkste politische Kraft, war in einen reformistischen und einen radikalen Flügel gespalten. Die Revisionisten um Eduard Bernstein glaubten, dass der Kapitalismus schrittweise durch Reformen demokratisiert und sozial gerechter werden würde. Die Parteilinke, vor 1914 wurde sie maßgeblich von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin und Franz Mehring repräsentiert, wollte die soziale Revolution. August Bebel (1840 – 1913), dem Volkshelden und „Arbeiterkaiser“, gelang es die auseinandertriftenden Kräfte zusammen zu halten. Er lehnte 1870 in einer parlamentarischen Grundsatzrede den Deutsch-Französischen Krieg und den Kriegskredit mit Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker ab. Stattdessen forderte er völkerrechtliche Standards. Und er entwarf die Vision eines friedlichen Europas jenseits des „reaktionären Nationalitätsprinzips“.

Schaut man sich die SPD-Führungen heute an, erschrickt man ob der intellektuellen Verzwergung und Ideenlosigkeit.

Wer sich zu Bebels Zeiten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einen Krieg vorstellte, der hatte wahrscheinlich einen nach dem Muster von 1870 im Kopf. Also einem relativ unblutigen. Eher einen Siegeszug.

Hier ein kleines Blitzlicht aus dem Jahre 1881 aus der Kleinstadt Itzehoe:

„Ganz Itzehoe ist auf den Beinen. Allerhöchster Besuch wird erwartet: Wilhelm I., Deutscher Kaiser und König von Preussen, gibt sich die Ehre. Er kommt zum Kaisermanöver, das die kleine Stadt im September 1881 tagelang in Trab hält … Unterwegs prangen Transparente.

In Frieden und Krieg – In Kampf und Sieg/

Bewusst und groß – so reißt Du uns vom Feinde los!

Soll der Friede Dauer haben/ dürft das Schwert Ihr nicht vergraben!

Manneskraft und Schwertes Schneid/ übt und prüfet alle Zeit!“

Schwert -, Kampf- und Manneskraft – das Volk, zumindest die Männer, schienen noch berauscht vom Sieg über Frankreich.

Ein nervöses Zeitalter

Doch wer damals aufmerksam Zeitung las, der wusste schon, dass keine Wiederholung dieses Sieges zu erwarten war. Von einem drohenden Weltkrieg oder einem „Weltenbrand“ wurde offen geredet. „Deutschland und der nächste Krieg“, so der Titel eines der erfolgreichsten Sachbücher von 1913. Der Autor: General von Bernhardi (1849 – 1930). Er gehörte zur militärischen Elite. Einen Krieg hielt er für absolut unvermeidbar.

„Es ist ein fortwährender Kampf um Besitz, Macht und Herrschaft, der die Beziehungen der Völker untereinander in erster Linie beherrscht, und das Recht wird meistens nur so lange geachtet, als es sich dem Vorteil vereinigen lässt. Solange es Menschen gibt, die menschlich fühlen und ringen, solange es Völker gibt, die nach erweiterter Lebensbetätigung streben, solange werden sich auch stets Interessengegensätze herausbilden, werden Anlässe zum Kriegführen gegeben sein.“

Die Stimmung in Deutschland um 1900 war widersprüchlich. Viele wähnten sich im Frieden, die Kriegserlebnisse der Alten verblassten – was man auch über die heutigen Generationen sagen kann.

Damals nährte der zunehmende Wohlstand und die schnelle Veränderung städtischer als ländlicher Lebenswelten Fortschrittsoptimismus und Technikbegeisterung.

Die Schattenseite dieser schnellen Industrialisierung waren Überforderungsgefühle, Versagensängste, Erschöpfung. Die Beschleunigung wurde – damals wie heute – zu einem Stressfaktor. Der amerikanische Neurologe George Miller Beard formulierte das so:

„Die Perfektionierung der Uhren und die Erfindung der Taschenuhren hat etwas mit der modernen Nervosität zu tun, weil sie uns zwingt, pünktlich zu sein … Die Pünktlichkeit raubt uns mehr Nervenkraft als Saumseligkeit. Wir stehen unter ständigem Druck – meistens unbewusst – oft sowohl im Schlaf wie im Wachen, zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo hin zu kommen oder irgendetwas tun zu müssen.“

Erstaunlich auch die Parallelen zur heutigen Überforderung unserer Kinder. 1883 schrieb der Arzt Wilhelm Erb (1840 – 1921) in seiner Veröffentlichung „Über die wachsende Nervosität unserer Zeit“, dass durch die gesteigerten Anforderungen und eine Ausweitung des Lernstoffes der Druck in den Schulen in bisher unbekannterweise gestiegen sei. Viele Schüler, aber auch viele Lehrer, fühlten sich übermäßig belastet und – wie man damals sagte – ‘überbürdet‘.

Was heute das Burnout ist, war damals Neurasthenie. Von einem „nervösen Zeitalter“ war die Rede, in dem sich ein Kulturpessimismus der Mittelklasse breit machte: ein Schwelgen in Dekadenz und Niedergang und apokalyptischen Zukunftsvisionen vom „Ende der Zivilisation“.

Dunkle Aufklärung

Auch die Konsumkritik war schon aktuell. Abscheu vor dem modernen Leben findet man bei konservativen Autoren, aber auch bei Linken. Gustav Landauer etwa, Anarchist und ein Freund Martin Bubers, schreibt 1908 über seine Zeitgenossen:

„Sie sind fast allesamt ganz und gar auf den Konsum, auf das Verzehren der Außenwelt angewiesen. Sie sind immer auf der Jagd nach Sensationen, Impressionen, Erlebnissen, und müssen die Welt mit immer steigender Heftigkeit in sich hineinpumpen, um nicht wie ein ausgeleerter Sack am Boden zu liegen.“

Und die „sozialdarwinistische“ Idee vom Überlebenskampf der Völker und „Rassen“ machte die Runde. Die Eugenik war um 1900 eine aufstrebende, als wissenschaftlich geltende Bewegung, die unter dem Begriff der „Rassenhygiene“ den Schutz und die Verbesserung des Erbgutes anstrebte. Begründer war Francis Galtung, ein Cousin von Charles Darwin. Er führte den Begriff der Eugenik ein, worunter er eine Lehre verstand, die sich das Ziel setzte, durch „gute Zucht“ den Anteil positiv bewerteter menschlicher Erbanlagen zu vergrößern.

In Deutschland gründete Alfred Ploetz 1905 die Gesellschaft für Rassenhygiene und forderte die Auslese der Besten sowie den Schutz des deutschen „Volkserbgangs“. Was daraus wurde dürfte bekannt sein.

Gruselig wirkt es, wenn heute die Eugenik in den libertären Kreisen der US-Tech-Elite wieder Fuß fasst. Bekannt ist eine Denkrichtung, die sich selbst „Dunkle Aufklärung“ nennt. Sie steht für eine radikale Ablehnung von Demokratie und Egalitarismus und für die Ideen der Rassenlehre und der Eugenik. So postuliert Curtis Yarvin, einer der Stars der Bewegung, dass Intelligenzunterschiede auf biologischen Grundlagen beruhen. In seinem Blog soll er die Ansicht vertreten, dass Afroamerikaner besser für Sklaverei geeignet seien als andere.

Krieg wird permanent gedacht – damals und heute – aber er ist kein Alltagsthema. Man verdrängt ihn. Viele die damals einen Weltkrieg prognostizierten glaubten, dass die Aufrüstung der Abschreckung zugutekommen würde, dass keiner es wagen wird, so einen Krieg zu führen.

Kinder, die in der Schule mit den Mitteln der Schwarzen Pädagogik dressiert wurden, nahmen Krieg spielerisch vorweg. In den Kinderzimmern der Bürger spielten die Jungs mit Zinn- und Bleisoldaten. Die Firma Märklin hatte Modellkanonen und Torpedoboote im Angebot.

Wie heute, so waren auch damals die politischen Beziehungen der Weltmächte vor 1914 von Atmosphäre des Misstrauens und der kapitalistischen Konkurrenz geprägt. Der australische Historiker Christopher Clark beschreibt in seinem Buch „Die Schlafwandler“ das Phänomen des Hineinschlitterns in die historische Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts. Die Regierungen agierten oft blind und im Modus des Sachzwanges – ohne die globale Tragweite ihres Handelns zu erfassen. Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen führten zu einer Situation, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen. Dessen verheerende Folgen vermochte kaum jemand abzuschätzen, so Clark.

Und heute?

Feindbilder

Auch politische Borniertheit, lässt sich vergleichen. So war Wilhelm II. für seine impulsiven, selbstherrlichen Aussagen bekannt, die gelegentlich schwere politische Krisen auslösten. Nur ein Beispiel von vielen: In einem Interview mit einer britischen Zeitung 1908 äußerte er sich herablassend über die Briten und behauptete, er habe ihnen heimlich einen Feldzugsplan gegen die Buren geliefert. Dies brachte ganz Europa gegen ihn auf und führte zu einer schweren innenpolitischen Krise. In diesem Genre ist auch unser Bundeskanzler zu Hause, der etwa mit seiner Einlassung, dass Israel mit seinen Militäraktionen gegen den Iran „die Drecksarbeit für uns alle“ erledige, das Ansehen der Bundesrepublik nachdrücklich beschädigte. Und es war offenbar keine Persiflage auf Wilhelm II., wenn er bei der Vorstellung des Sparpaketes der Bundesregierung im Juli 2026 formulierte: „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!“

Frieden, so meinte unser Kanzler 2024, gebe es nur auf dem Friedhof!

Vor 1914 programmierten Militärparaden, Vaterlandsvereine, patriotische Lieder, Plakat-Kampagnen, Groschenromane die Bevölkerung auf Krieg.

Träger waren auch die Massenmedien: Zeitungen, illustrierte Magazine sowie eine Vielzahl von Postkarten, die von der Bevölkerung massenhaft verschickt wurden. Kriegstüchtigkeit stand auch auf dem Lehrplan der Militaristen vor 1914 – genau wie heute.

Heute sind die Waffen im Propagandakrieg wesentlich ausgefeilter. Nehmen wir nur das NATO-Konzept der Kognitiven Kriegsführung (Cognitive Warfare). Darunter versteht man den bewussten Einsatz von gezielten Manipulationstechnologien und Desinformation, um die menschliche Wahrnehmung, das Denken, das Fühlen und letztlich die Entscheidungsfindung von Individuen oder ganzen Gesellschaften zu stören und zu kontrollieren.

Nach dem Sieg über Frankreich hatte sich aber nicht nur Militarismus, sondern auch ein hemmungsloser völkischer Nationalismus breit gemacht, der den Menschen die Überlegenheit der deutschen Nation einbläute. Die eigene Nation einschließlich der Angehörigen außerhalb der Landesgrenzen wurde „rassisch“ über alle anderen Völker gestellt. Minderheiten wie Juden oder Einwanderer aus dem Ausland sollten aus diesem Nationalverband ausgeschlossen bleiben. Antisemitismus wurde zu einem tragenden Bestandteil rechtskonservativer Weltbilder. Eine antisemitische Literatur kam in Umlauf, die an ältere anti-jüdische Stereotype anknüpfte, aber den Juden nicht länger ihren Mangel an Anpassung an ihre christliche Umwelt vorwarf, sondern im Gegenteil ihre erfolgreiche Integration in die Gesellschaft.

Das ist heute nicht mehr cool, völkischer Nationalismus wird mit der AfD assoziiert. Andererseits päppelt dieser Staat die Ukraine, bezahlt ihren Krieg und niemand schreit auf, wenn dort Nazis wie Stepan Bandera oder die Mitglieder der SS-Division Galizien verehrt werden.

Damals hatte die Industrialisierung auch das Militär erfasst. Heute soll uns die Rüstungsproduktion vor einem industriellen Zusammenbruch retten. Damals wie heute setzte technische und industrielle Entwicklung einen Rüstungswettlauf in Gang.

Seinerzeit wie heute war die Feindbild-Produktion Baustein der Massenmobilisierung hin zum Krieg. Damals standen vor allem zwei Feindbilder im Mittelpunkt der Propaganda: Frankreich und Russland. Frankreich war der „Erbfeind“. Es wurde als revanchistisch, dekadent und militärisch gefährlich angesehen. In dem Bestreben, die Einflusssphären neu aufzuteilen und dem Deutschen Reich einen „Platz an der Sonne“ zu sichern, avancierte Russland zum barbarischen, despotischen Feind Nummer eins.

Damals wie heute wurde vor einer russischen Übermacht gewarnt.

„Der Russe galt seinen Gegnern als asiatisch, ungläubig, schmutzig und kriecherisch, Stereotypen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben“, wie Hannes Hofbauer in seinem Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ schreibt. Ganz in dieser Tradition bemerkt unser Außenminister Wadepuhl, „Russland wird immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein“.

Auch die Briten, die damalige Weltmacht, waren ein Feind, den man aber eher mit Respekt behandelte. Man wollte die Briten ausstechen, überholen, herausfordern, was den Rüstungswettlauf zur See enorm beflügelte.

„Um die Jahrhundertwende war die Machtbildung, auf die es vor allem anderen ankam, die Beseitigung unseres völlig ungeschützten und hilflosen Zustandes dem großen Rivalen England gegenüber … Englands Friedensliebe und seine Achtung vor unseren Interessen ist in dem selben Maße wie unser Flottenbau (…) gewachsen…. Die politische Gesamtlage war um die Jahrhundertwende so günstig für unser Beginnen, wie sie es kaum später jemals sein konnte. England stand allein. In Frankreich war die Niederlage von Faschoda (politische Niederlage Frankreichs im Wettlauf mit England um Afrika d.V.) noch nicht verschmerzt. Russland hatte sich im Fernen Osten stark festgelegt. Der Burenkrieg versetzte England in eine peinliche Lage… So unternahmen wir es, eine Seemacht zu schaffen“, schreibt der Planer der Marine-Aufrüstung, Großadmiral Alfred von Tirpitz.

Die Friedensbewegung

Auch was die Bewegung für den Frieden angeht, kann man begrenzt Vergleiche zwischen der Zeit vor 1914 und heute ziehen. Betrachtet man das Bürgertum, so war seine Friedensbewegung relativ einflusslos. 1899 hatte sich die bürgerliche Frauenbewegung gespalten. Die progressivere Richtung um Anita Augspurg, Minna Cauer, Katharina Erdmann sowie Lida Gustava Heymann trennte sich und gründete den „Verband fortschrittlicher Frauenvereine“. Die eher konservative Mehrheit um Helene Lange und Gertrud Bäumer versammelte sich im „Bund Deutscher Frauenvereine“. Die Differenzen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung betrafen auch die Friedensfrage. Während die Aktivistinnen um Anita Augspurg Pazifistinnen blieben, schwenkte 1914 der Bund Deutscher Frauenvereine auf den nationalistischen Kurs ein und stellten ihre Forderungen nach Gleichberechtigung zurück. Die meisten organisierten sich im „Nationalen Frauendienst“, um die Fronttruppen zu unterstützen.

Damals wurden die Pazifisten verhöhnt, sie galten als „Vaterlandsverräter“, heute gelten sie als „Lumpenpazifisten“ oder „Putin-Versteher“.

Vor 1914 blieben Pazifistinnen wie Anita Ausgburg und wenige Mitstreiter isoliert – vergleichbar vielleicht mit Antje Vollmer, die 2023 verstorbene letzte Grüne Kriegsgegnerin. Heute sitzen Kriegs-HetzerInnen und Scharfmacher in der Grünen Partei, wird das Feindbild Russland besonders herausgeputzt. Denken wir nur an Annalena Baerbock, die den Begriff „feministische Außenpolitik pervertierte und dem Bellizismus und Militarismus das Wort redete.

Damals, 1897, war der Österreicherin Bertha von Suttner, mit ihrem autobiografischen Buch „Die Waffen nieder“ ein pazifistischer Bestseller gelungen, der auch dem deutschen Pazifismus Auftrieb gab. Bereits 1892 hatte Suttner zusammen mit Alfred Hermann Fried die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) gegründet. 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.

Im Gegensatz zu heute gab es damals eine starke Kraft für den Frieden. Die große Hoffnung aller Pazifisten vor 1914 war die Arbeiterklasse mit ihrer internationalistischen Ausrichtung. Auf den Sozialistenkongressen, etwa 1907 in Stuttgart oder 1910 in Kopenhagen, wurden Resolutionen verabschiedet, die den Arbeitern die Pflicht auferlegte, im Falle eines Krieges die Regierungen mit allen Mitteln (etwa durch Generalstreik) zur Beendigung des Krieges zu zwingen.

Ein Höhepunkt der sozialistischen Friedensbewegung vor dem Ersten Weltkrieg war der außerordentliche Kongress der Sozialistischen Internationale am 24.bis 26. November 1912 in Basel.  555 Delegierte aus 23 Ländern kamen zusammen. Sie verabschiedeten das „Baseler Manifest“, das die Arbeiterklasse der Welt aufrief, sich „nicht als Kanonenfutter für imperialistische Interessen missbrauchen zu lassen … Die Proletarier empfinden es als ein Verbrechen, aufeinander zu schießen, zum Vorteile des Profits der Kapitalisten“.

Den pazifistischen Kurs unterstütze auch die sozialdemokratische proletarische Frauenbewegung unter der Leitung von Clara Zetkin. Sie war eine radikale Kriegsgegnerin. „Krieg bedeutet immer, dass die Armen im Dienst der Reichen kämpfen“ – so ihr Credo. Darum war der Kampf für Frauenrechte für sie nicht nur mit dem Klassenkampf, sondern auch mit dem Kampf für Frieden verbunden.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, radikale Antimilitaristen, forderten, den Massenstreik als Mittel zur Kriegsverhinderung. Aber der reformistische SPD-Flügel weigerte sich. Vor einem Generalstreik fürchten sie sich mehr als vor einem Krieg.

Nachdem am 28. Juli der Erste Weltkrieg ausbrach, rief der SPD-Parteivorstand die Frauen zum Nationalen Frauendienst – gemeinsam mit den bürgerlichen Frauenvereinen – auf.

„Das Gebot der Stunde fordert hier Zusammenfassung aller Kräfte. So wirken denn die Genossinnen friedlich-schiedlich neben dem bürgerlichen Nationalen Frauendienst.“

Noch zwei Wochen vor der Mobilmachung demonstrieren in Berlin 750.000 Menschen gegen den Krieg. Am 14. Juli 1914 schworen deutsche und französische Arbeiter, niemals aufeinander zu schießen.

Am 4. August 1914 stimmte die SPD im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite und die sogenannte „Burgfriedenspolitik“. Bei einer zweiten Abstimmung im November beugt sich Karl Liebknecht nicht mehr der Parteidisziplin und stimmt als einziger Abgeordneter dagegen.

Was Pazifisten damals wie heute eint, ist die Weigerung, die Waffe nicht in die Hand zu nehmen. Pazifismus sei Wehrlosigkeit, sei Nichtstun, sei Kapitulation, heißt es. Das Gegenteil trifft zu. Pazifismus und sozialer Widerstand muss zusammen gedacht werden. Pazifisten sind nicht naiv und feige. Sie können streiken, blockieren, sich verweigern, schützen, organisieren, Widerstand leisten. Sie können einen Aggressor stoppen, ohne dessen Logik zu übernehmen.

Macht die Jugend heute – anders als damals – nicht mit?

Feige und denkfaul könnte man diejenigen nennen, die angesichts der hemmungslosen Aufrüstung schweigen, weil Widerspruch Ansehen oder Karriere gefährden könnten.

Wenn wir die Vorkriegszeit 1914 und heute vergleichen, so gibt es einen Hoffnungsschimmer: die heutige Jugend macht nicht mit. Die Mehrheit der jungen Menschen lehnt einen verpflichtenden Wehrdienst ab. Zu diesem Ergebnis kommt die „Jugendtrendstudie 2025“ des Instituts für Generationenforschung. Demnach sind 81 Prozent der Befragten aus der sogenannten „Generation Z“ nicht bereit, für ihr Land zu sterben. Und die Zeit berichtet, dass rund fünf Monate nach dem Beginn der neuen Wehrerfassung fast 300.000 Fragebögen an junge Männer und Frauen verschickt wurden. Von ihnen verpflichteten sich bislang aber nur gut 530 Freiwillige für den Wehrdienst, wie aus einer Auswertung des Verteidigungsministeriums hervorgeht.

Das ist eine Momentaufnahme. Es kann sein, dass den Kriegstreibern die heraufziehende Krise hilft und die Bundeswehr junge Leute mit „sicheren“ Jobs anlockt. Kann sein, dass die Propaganda nochmal kräftig aufdreht und das Feindbild Russland poliert, denn eine ähnliche Situation gab es schon einmal: Laut einer Spiegel-Umfrage zur Jahreswende 1950/51 antworteten 85 Prozent der befragten Bundesbürger, keine Soldaten werden zu wollen, 68 Prozent lehnten eine Wiederbewaffnung ab, und 82 Prozent sprachen sich gegen den Eintritt der BRD in die NATO aus.

„Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden“, sagte dazu der Pazifist Albert Einstein.

 

Quellen

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/das-19-jahrhundert-315/142137/1880-bis-1914/

https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/1914-bis-1918-gewerkschaften-55517-spaltung-der-spd-56010.htm

Steinburger Jahrbuch 2004, Auszug aus: „Der große Bahnhof“ von Heinz Longerich

Friedrich v. Bernardi/Deutschland und der nächste Krieg, 1913

https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Galton

https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/rechtsruck-im-silicon-valley-100.html

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195813.gentechnik-die-eugenik-der-tech-milliardaere.html

https://report24.news/genetik-als-spielzeug-tech-eliten-oeffnen-die-tuer-zur-neuen-eugenik/

https://multipolar-magazin.de/artikel/cognitive-warfare-nato

Hannes Hofbauer/Feindbild Russland/Geschichte einer Dämonisierung

**A. Von Tirpitz Der Aufbau der Deutschen Weltmacht, 1924

Michaela Karl/Geschichte der Frauenbewegung

Karin Bauer/Clara Zetkin und die proletarische Frauenbewegung

Philipp Blom/Der Taumelnde Kontinent, Europa 1900 – 1914

Gustav Landauer/Tarnowka, 1908

https://www.woz.ch/1334/august-bebel-kaiser-der-arbeiter/revolutionaer-pragmatiker-und-politstar

https://www.deutschlandfunkkultur.de/frueher-ueberbuerdet-heute-ueberfordert-100.html

Wolfgang Martynkewic/Das Zeitalter der Erschöpfung/ Die Überforderung des Menschen durch die Moderne

Joachim Radkau/Das Zeitalter der Nervosität/

Deutschland zwischen Bismarck und Hitler

Christopher Clark/Die Schlafwandler – Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog

Fabian Scheidler/Friedenstüchtig/Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen

https://web.de/magazine/politik/inland/studie-gen-z-deutschland-krieg-40931976

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-06/wehrerfassung-bundeswehr-fragebogen-wehrdienst-freiwillige

https://www.sopos.org/aufsaetze/47f62c2b2f0d9/1.phtml.html

Christine Weber-Herfort

Christine Weber-Herfort, geboren 1944, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern sowie Großmutter von drei Enkeln. Nach dem Abitur an einer Klosterschule nahm sie – den damaligen Erwartungen entsprechend – kein Studium auf, sondern arbeitete zunächst als Sekretärin. Parallel absolvierte sie ein berufsbegleitendes Studium am Institut für Markt- und Verbrauchsforschung in Berlin und war anschließend in verschiedenen Werbeagenturen und Verlagen tätig. Seit 1982 arbeitet sie als freie Journalistin für Printmedien, darunter die Frankfurter Rundschau und Lokalzeitungen, sowie für den Hörfunk (u. a. SR und NDR); heute ist sie vor allem als Rezensentin aktiv. Politisch engagierte sie sich stets in wechselnden Bewegungen, unter anderem zu den Themen Vietnam, globaler Süden, Frauenrechte, Frieden, Gewerkschaftsarbeit, Attac und Umweltschutz.
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21 Kommentare

  1. Nö, das ist heute nicht wie 1914, sondern eher wie 1939.
    Ein Typ der „Heim ins Reich“ brüllend seine Nachbarn ohne Einladung auf Ketten besucht erinnert doch eher an 1939.

    Und zu allem Überfluss fordern auch einige auch noch das sich Deutschland wie 1939 mit Russland verbünden sollte.

    1. @Vende
      1️⃣. Selbstverständlich wiederholt sich Geschichte nicht wie eine Film, der im TV wiederholt ausgestrahlt wird. Das Ergebnis des Ersten Weltkrieges waren allerdings Millionen Tote ⚰️⚰️⚰️ 🪦🪦🪦 und das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges waren Millionen Tote ⚰️⚰️⚰️ 🪦🪦🪦.

      Da könnte einer auch sagen: Nö, das ist nicht so, denn das Ergebnis des Ende des Zweiten Weltkrieges waren viel mehr Tote ⚰️⚰️⚰️⚰️⚰️⚰️⚰️⚰️⚰️ 🪦🪦🪦🪦🪦 🪦🪦🪦

      Zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges gab es in Deutschland allerdings eine Demokratie, die Weimarer Republik und zwar von 1918/19 bis 1933.

      Und: Der Zweite Weltkrieg begann zwar offiziell 1939, aber auch dieser Krieg wurde mental und materiell vorbereitet. Mit 2.000 Schuss Munition, 1.000 Soldaten, zwei Kanonen, einem Panzer und einer Fregatte kann man weder Polen noch Russland überfallen.

      Der Zweite Weltkrieg ist weder vom Himmel gefallen noch aus der Hölle hervorgekrochen. Am Ende der Weimarer Republik gab es warnende Stimmen: Wer Hitler wählt, der wählt den Krieg. Warum haben dann 1933 nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler haben 43,9 Prozent der deutschen Wähler ihren eigenen Diktator gewählt.

      Wenn es „nur“ 39 Prozent oder auch 49 Prozent gewesen wäre, dann wäre das auch egal gewesen, denn dem Ermächtigungsgesetz haben nach der Wahl alle im Reichstag vertretenen Parteien zugestimmt mit Ausnahme der damaligen SPD. Das war allerdings eine andere SPD als die SPD von heute. Die Kommunisten konnten bekanntlich nicht mehr dagegenstimmen, weil sie schon vorher kaltgestellt wurden.

      2️⃣. „Und zu allem Überfluss fordern auch einige auch noch das sich Deutschland wie 1939 mit Russland verbünden sollte.“

      Wenn man mehr Diplomatie, Friedensverhandlungen und Ende des Krieges in der Ukraine fordert, ist fordert man dann auch schon ein „Bündnis“ mir Russland?

      Vielleicht sollte Mann oder Frau mal die Bündnisse mit bestehenden „Verbündeten“ überdenken, die Deutschlands Wirtschaft mit dreckigem und teurem Frackinggas ruinieren. Vielleicht sollte man mal die Bündnisse mit bestehenden „Verbündeten“ überdenken, für die Deutschland einen ⚔️ Stellvertreterkrieg ⚔️ in der Ukraine führt. Wer solche „Verbündete“ hat, der braucht das Feindbild Russland nicht. Oder vielleicht gerade deswegen?

    2. Das kann ich nachvollziehen. Wir kriegen immer dann ein 1939-Erlebnis, wenn wir mal wieder jemanden wegbomben wollen, den man zum neuen Hitler machen kann, propagandistisch jedenfalls. War so mit Saddam Hussein, war so mit Molosevic usw. Und jetzt soll also der Putin der Hitler sein, den man mit Waffengewalt aufhalten muss, weil er sonst seine Welteroberungsabsichten in die Tat umsetzen würde. Auch wenn er es niemals tun könnte, weil er gar nicht die Mittel dazu hat. Z.B. weil er schon mit der Ukraine nicht fertig wird.
      Ach Leute, die echten Hitlers erkennen wir gar nicht mehr. Das können gerade die sein, die zuhause Gewalt, Krieg und Unmenschlichkeit anpreisen und denen die Deutschen mal wieder kritiklos hinterherlaufen, als neue Generation der Lemminge. Die Deutschen sind ein Volk der Lemminge. Deshalb stürzen sie sich regelmässig über die Klippe und halten 1914 für 1939.

  2. „Wenn wir die Vorkriegszeit 1914 und heute vergleichen, so gibt es einen Hoffnungsschimmer: die heutige Jugend macht nicht mit. Die Mehrheit der jungen Menschen lehnt einen verpflichtenden Wehrdienst ab. Zu diesem Ergebnis kommt die „Jugendtrendstudie 2025“ des Instituts für Generationenforschung. Demnach sind 81 Prozent der Befragten aus der sogenannten „Generation Z“ nicht bereit, für ihr Land zu sterben. usw.“

    Das spielt keine große Rolle. Dafür hat der Westen nämlich einen (ziemlich starken) Stellvertreter ins Rennen geschickt, die Ukraine. Mittels dieses Stellvertreters wurden und werden die Kriegsziele des Westens sehr sehr gut erreicht. (Nein, Rußland steckt das keineswegs locker weg.) Die Ukraine zerstört mit Drohnen in aller Seelenruhe die russische Wirtschaft. Ja, in aller Seelenruhe. Es ist vollkommen egal, ob eine Raffinerie jetzt, in 4 Wochen oder in 1 Jahr brennt. Die Instandsetzung dauert mindestens Monate, realistisch Jahre. Und dann kommt einfach die nächste Sprengstoffdrohne. Die Kriegsdienstverweigerung in Schland ist irrelevant.

    Nebenbei gesagt, erinnert die Lage eher an 1938/39, als die traditionellen Hauptkriegstreiber Europas ihre Stellvertreter angespitzt haben.

  3. Sagen wir es mal so: Es soll schon ein deutscher Autor einen Roman über die Zeit von 1933 – 1945 geschrieben haben – mit allen möglichen technischen Voraussetzungen wie heute – Smartphone, Internet, KI usw.

    Ein Roman über die Zeit des 1. Weltkrieges, und davor, der diese technischen Möglichkeiten (von 2026) auf diese Zeit überträgt fehlt noch.

    Der wichtigste Unterschied zu damals – es war zwar ein Weltkrieg, aber wir waren (noch) auf Zeitungen und Bücher angewiesen – es gab nicht einmal Radio, von Fernsehen oder Kino ganz zu schweigen.

    Rein das ist anders wie vor/während dem 1. Weltkrieg, und wohl einer der Wichtigsten Unterschiede zu unserer heutigen Situation. Wir waren eben nicht so überinformiert wie heute und die Kriegspropaganda steckte noch in den (rein technisch gesehenen) Kinderschuhen.

    Gruß
    Bernie

    PS: Apropo KI – da habe ich gestern auf einer anderen Seite im Web festgestellt, dass die – was Übersetzungen angeht – sehr oft noch pure Sch…e produziert – kein Witz, aber das ist ein anderes Thema, dass mal in einem extra Artikel bei Overton aufgearbeitet gehört.

  4. Für historisch-politisch Interessierte gibt es zu diesem Thema ein sehr empfehlenswertes Buch, das trotz wissenschaftlichem Anspruch sich spannend wie ein Roman liest: „Philipp Blom, der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914“ ( ISBN 978-3-423-34678-8 )
    Interessanterweise gab es dieses Buch noch vor wenigen Jahren bei der Bundeszentrale für politische Bildung als subventioniertes Material für 10 € zu bestellen. Heute ist es nicht mehr im Programm. Vermutlich weil zu viel Erkenntnis des Bürgers über Kriegsursachen nicht mehr ins Kriegsertüchtigungsprogramm des politoschen und medialen Zeitgeistes passt?🤔

  5. Danke, ein sachlicher und eindringlicher Artikel, dem ich eine Ergänzung hinzufügen will:

    Nach dem Sieg über Frankreich hatte sich aber nicht nur Militarismus, sondern auch ein hemmungsloser völkischer Nationalismus breit gemacht, der den Menschen die Überlegenheit der deutschen Nation einbläute.

    Der Nationalismus mag auch heute eine Rolle spielen, vor allem wenn es darum geht Russenhass zu kultivieren, aber „die Überlegenheit der deutschen Nation“ wird heute nicht mehr „eingebläut“.

    Heute wird die Überlegenheit der westlichen Kultur, der westlichen Werte, der westlichen Demokratien, eingebläut. Kurz: Es geht um die Herrschaft der reichen Länder der Welt über die armen. Was ist das anderes als ein globaler Klassenkampf?

    Der erste Weltkrieg war ein Kampf imperialistischer Mächte um Anteile an der Welt (zur Ausbeutung). Heute dürfte es um Krieg gegen Staaten gehen, die sich der westlichen imperialistischen Herrschaft widersetzen.

  6. @Vende:
    „Nö, das ist heute nicht wie 1914, sondern eher wie 1939.“

    Oh, da muss ich Ihnen doch tatsächlich mal zustimmen – zumindest, was Ihr Einleitungssatz betrifft:
    – In der BRD 2026 kann man wieder unverhohlen und völlig schamlos Schlachtrufe von Holocausttätern skandieren.
    – Rassistische Hetze und Hasspropaganda gegen alles Russische bestimmen größtenteils den Inhalt der Massenmedien. Sogar eine Goebbels-Rede, in der „sowjetisch“, „bolschewistisch“ und „jüdisch“ durch „russisch“ ersetzt wurde, konnte unzensiert auf der ARD-Seite veröffentlicht bleiben (2023) – der Wortlaut passt wieder in den Zeitgeist.
    – „Kauft nicht bei Juden!“ wird heute schamlos umgeschrieben: „Kauft nicht bei Russen!“
    – Die wieder aufgewärmte Lüge über die Bedrohung aus dem Osten durch den slawischen „…“ ist wieder omnipräsent. Es werden medienwirksam schon jetzt wieder verschiedene „Gleiwitz-Modelle“ erprobt.
    – Die Begründung der Revision des Haushaltsplanes der EU von 2024 (für den zeitraum 2021-2027) liest sich ähnlich wie die Denkschrift Hitlers zum „Vierjahresplan“ 1936.
    – Verehrer von Holocausttätern, rechtsnationale Banden und offen faschistische Strukturen werden im Westen wieder offen unterstützt: durch Geld, militärischer Ausbildung, Waffen (nicht erst seit 2022).
    – Angehörige der Waffen-SS und anderer Strukturen, die gegen die damalige Sowjetunion auf der Seite Deutschlands kämpften, werden heute weissgewaschen und als „Freiheitskämpfer“ stilisiert (nicht nur in der Ukraine: vgl. Baerbock, Kanada, baltische Staaten).
    – Der zunehmende Abbau demokratischer Grundrechte und die Umwandlung der westlichen „Demokratien“ in totalitäre Staaten hat ein atemberaubendes Tempo aufgenommen. Gewaltenteilung ist weitgehend aufgehoben, politische Verfolgung nimmt zu.
    – Aufzählung ist nicht abschließend. Insofern: Ja, Vende, die BRD nimmt immer mehr das Bild von 1939 an. Danke für Ihre Erkenntnis (auch wenn Sie diese so bestimmt nicht haben (wollen)).

  7. Leckt mich doch langsam. Sehr oft wird mein Kommentar nicht veröffentlicht und verschwindet spurlos mit der Begründung, alle mit * gekennzeichneten Felder wären auszufüllen, sind sie real aber.
    Was soll der Blödsinn?

  8. Ein großer Unterschied ist, dass sich 1914 die Akteure der Risiken bewusst waren, diese aber entweder für beherrschbar, für akzeptabel oder für alternativlos hielten.
    Heute gewinnt man eher den Eindruck, dass sich die Akteure in einer Art Gruppendenken gegenseiteig darin bestätigen, dass diese Risiken nicht existierten.

    1. @Freiberufler Die Frage ist, wer waren bzw. sind die „Akteure“. Das Kaiserreich war extrem hierarchisch organisiert. Aber auch im Kaiserreich gab es die Opportunisten, die Stiefellecker, die Hofschranzen und Karrieristen, die nach oben buckeln und nach untern treten. Der Schriftsteller Heinrich Mann bezeichnet diesen Typus in seinem brillanten Roman als „Der Untertan“.

      Diese Opportunisten gibt es zu jeder Zeit. Es gab sie im Kaiserreich, im Dritten Reich und in der DDR. Es gibt sie 2026 in den USA und es gibt sie 2026 auch in Deutschland. Es sind die journalistischen Progagandisten, die nicht persönlich an der Front den Kopf hinhalten, aber rund um die Uhr gegen Putin hetzen. Jeder, der behauptet, Propaganda würde es nur in Russland, Kinaland und Nordviietnam geben, der macht bereits Propaganda.

  9. Apropos „Propaganda“, und Friedensbewegung vor Beginn des 1. Weltkrieges:

    Vergessen wir dabei nicht, dass der autoritäre Staatssozialismus/-kommunismus da noch nicht erledigt war, und noch ohne Menschheitsverbrechen entkleidet.

    Er war erst am Anfang, noch in den Köpfen der damaligen Leninisten.

    Da ist kein Wunder, dass die Friedensbewegung (noch) nicht so gespalten war wie heute, und auch Generalstreiks (noch) nicht rigoros in .de verboten waren.

    Tja, heute wäre mal wieder ein bundesweiter Generalstreik angesagt, dass würde den Militaristen in .de zeigen, dass die Mehrheitsbevölkerung keinen Krieg mit Russland will, aber leider sind Generalstreiks ja mittlerweile absolut verboten, und, als obrigkeitshöriger Bürger, will auch niemand einen solchen Generalstreik gegen die Merzsche/Klingbeilsche Kriegstreiberbande einleiten, auch an dem Verbot vorbei, dass ich für absolut unzeitgemäß halte – seit der scholzschen Zeitenwende.

    Übrigens ich bin seit Amtsantritt von Fritze Merz (= einem Multimillionär ohne Ahnung von der Bevölkerung die er „regiert“) mittlerweile gnadenlos dafür eine Vermögensprüfung von Bundestagsabgeordneten einzuführen, und ein absolutes Verbot für Millionäre und Multi-Millionäre (wie Herr Merz einer ist, auch wenn er es tausendmal wegleugnen will) höchste Staatsämter zu belegen – zur Klarstellung, und dies schreibe ich ohne ein Freund der CDU/CSU zu sein – es kann auch ein CDU/CSU-Bundeskanzler sein, aber bitte keinen überreicher Parteikamerad mehr….

    Was die Propaganda vor dem 1. Weltkrieg angeht, da hatten damals schon viele den Friedich Nietzsche, seinen „Übermenschen“ mit im Tornister an der Front….das sollte Mensch auch nicht vergessen zu erwähnen. Nach Nietzsches Ableben in einem Irrenhaus übernahm seine Schwester den Nachlass dieses „großen deutschen Dichters“, und hat sein Werk Adolf Hitler schmackhaft gemacht….der Rest ist Geschichte….und endete 1945 mit der endgültigen Niederlage der Wehrmacht in Berlin…..da hatte sich „Der Übermensch“ von Nietzsche dann endgültig erledigt…..neben der NS-Propaganda, die Nietzsches Ideen als ihre eigenen verkaufte (alles von denen war geklaut), und für ihre eigenen absolut menschenfeindlichen Ziele mißbraucht hat…..ebenso wie Nietsches Schwester sein Werk Hitler angedient hat…..und es für ihre Ziele mißbraucht hat….sie war ein Fan von Hitler…..

    Heute ist Nietzsche ja weitgehend vergessen, und wenn er erwähnt wird wird seine Rolle relativiert – er war ja schon Jahre Tod bevor Hitler an die Macht kam….ändert aber nix daran, dass Teile seiner Werke wirklich zur Nazi-Ideologie zu passen scheinen – wie der sprichwörtliche Topf zum Deckel…..noch zwei Beispiele zu Nietzsche?

    „Gelobt sei was hart macht.“ „Was nicht tötet härtet nur ab“ – Spruchherkunft längst vergessen, wie Friedrich Nietzsche selbst, aber die Sprüche grassieren heute noch – sogar bei völlig politisch uninteressierten Sportlern bzw. Bodybuildern…. 😉

    Gruß
    Bernie

  10. Sehr interessanter und aufrüttelnder Artikel.
    Zwang und Gewalt sind immer der letzte Ausweg aus einer von der Bevolkerungsmehrheit abgelehnten Situation.

    „Laut einer Spiegel-Umfrage zur Jahreswende 1950/51 antworteten 85 Prozent der befragten Bundesbürger, keine Soldaten werden zu wollen, 68 Prozent lehnten eine Wiederbewaffnung ab, und 82 Prozent sprachen sich gegen den Eintritt der BRD in die NATO aus.“

    Donnerwetter, das wußte ich auch noch nicht.
    Und was ist in diesem demokratischste aller deutschen Staaten draus geworden?
    Trotz aller damaligen Massendemonstrationen, bei denen sogar friedliche Demonstranten von der Polizei erschossen wurden (was noch nicht einmal die DDR-Polizei schaffte), haben es die Herrschenden durchgezogen.
    Sie. werden auch die Wehrpflicht ohne Volksabstimmung durchziehen, wenn es nötig wird.

    „Noch zwei Wochen vor der Mobilmachung demonstrieren in Berlin 750.000 Menschen gegen den Krieg. Am 14. Juli 1914 schworen deutsche und französische Arbeiter, niemals aufeinander zu schießen.“

    Aber dann…

    Bekannter Mechanismus im social engineering: Wellenform der sozialen Bewegungen…

  11. Sehr interessanter und aufrüttelnder Artikel.
    Zwang und Gewalt sind immer der letzte Ausweg aus einer von der Bevolkerungsmehrheit abgelehnten Situation.

    „Laut einer Spiegel-Umfrage zur Jahreswende 1950/51 antworteten 85 Prozent der befragten Bundesbürger, keine Soldaten werden zu wollen, 68 Prozent lehnten eine Wiederbewaffnung ab, und 82 Prozent sprachen sich gegen den Eintritt der BRD in die NATO aus.“

    Donnerwetter, das wußte ich auch noch nicht.
    Und was ist in diesem demokratischste aller deutschen Staaten draus geworden?
    Trotz aller damaligen Massendemonstrationen, bei denen sogar friedliche Demonstranten von der Polizei erschossen wurden (was noch nicht einmal die DDR-Polizei schaffte), haben es die Herrschenden durchgezogen.
    Sie. werden auch die Wehrpflicht ohne Volksabstimmung durchziehen, wenn es nötig wird.

    „Noch zwei Wochen vor der Mobilmachung demonstrieren in Berlin 750.000 Menschen gegen den Krieg. Am 14. Juli 1914 schworen deutsche und französische Arbeiter, niemals aufeinander zu schießen.“

    Aber dann…

    Bekannter Mechanismus im social engineering: Wellenform der sozialen Bewegungen…

    1. komisch, sonst wurden doppelt abgeschickte Beiträge immer gleich moniert – wenn aber der Absenden-Button laggt, passiert es doch? Bitte löschen! (konnte man früher auch selbst… ach ja…)

  12. Ein wirklich lesenswerter Artikel, der viele Aspekte des Themas gut beleuchtet.
    Leider ist die Situation wirklich vergleichbar.

    Die Autorin hat ganz recht: Pazifismus ist die einzige Lösung!
    Wohl dem jungen Menschen, der es schafft, sich trotz massiven Drucks von außen zu verweigern.

    Übrigens waren im Zweiten Weltkrieg ausgerechnet die ansonsten mitunter belächelten oder gar verachteten „Zeugen Jehovas“ und wohl auch einige Anhänger protestantischer Sekten die häufigsten Totalverweigerer.
    Das mal als Info an unsere Religionshasser.

    Hinsichtlich des Zitats von Hannes Hofbauer über den Umstand, dass Russland vor 1914 angeblich zum Feindbild Nummer eins avanciert sei, hätte ich mir lieber Originalzitate von damals gewünscht, die das belegen. Ich bin zwar kein Spezialist für diese Epoche, aber mir ist, als ob damals doch eher Frankreich als der Feind Nummer eins angesehen wurde. Das heißt nicht, dass man Russland schätzte, aber Hofbauers Formulierung scheint mir doch etwas extrem.

    1. Dass Russland Frankreich als Feind Nr. 1 abgelöst hat, geht aus dem Hofbauer-Zitat nicht hervor, ist wohl eher eine Einschätzung der Autorin.

      Mein Vater, Jahrgang 1921, Kölner, hat als Kind den „Erzfeind“ Frankreich noch eingetrichtert bekommen. Wobei man bedenken muss, dass die Franzosen hier Besatzungsmacht waren und sich mit der Ruhrbesetzung 1923 ziemlich unbeliebt machten. (Der nachfolgende passive Widerstand der Ruhr-Bevölkerung ist übrigens eines der wenigen Beispiele für halbwegs erfolgreichen Pazifismus – historisch sehr interessant).

    2. Es waren nicht nur die Russen, die vor 1914 (und auch später) als östliche Feindbilder kultiviert wurden, sondern die Slawen insgesamt. Man sprach z.B. von der „slawischen Flut“, vor der die Deutschen geschützt werden müssten und dass das preußische Junkertum von seinen slawischen (und französischen) Anteilen „gereinigt“ werden sollte. Dieser bösartige Rassismus steckte den Deutschen schon vor 1933 tief in den Knochen und ist bis heute erkennbar. Deswegen sollten vor allem die östlichen Nachbarn auf der Hut sein, wenn der „Fritz“ wieder „vom stärksten konventionellen Militär“ in Europa schwadroniert. Es könnte sein das er Blut leckt…

      1. @Woody Box

        Ich denke auch, dass die Autorin das bloß so interpretiert.
        Sie haben ganz recht, die Rheinländer haben unter den Franzosen nach 1918 wahrlich zu leiden gehabt.
        Die Ostpreußen litten 1914 allerdings auch beim russischen Einfall.

        @AeaP

        Danke für die Infos. Ich bezweifle nicht, dass es auch vor 1914 schon derartige Äußerungen gab. Vielleicht könnten Sie mir ein oder zwei davon verlinken?!
        Entscheidend ist allerdings der Punkt, ob es eine repräsentative Stimmung war oder sich eher nur um einzelne Äußerungen handelte.

        Warum ich das schreibe?

        1. Bis in die 1890er Jahre gab es in Preußen eine starke prorussische Fraktion, die sich gerne an die Zeit der „Heiligen Allianz“ und das deutsch-russische Rückversicherungsabkommen (1887) erinnerte. Übrigens wird diese Haltung auch in Äußerungen deutlich, die Theodor Fontane in seinem berühmten Roman „Der Stechlin“ dem alten Dubslav v. Stechlin in den Mund legt.

        2. Russland galt in Preußen – und die nichtpreußischen Regionen Deutschlands waren vor 1914 ganz klar eher zweitrangig – zwar als rückständig, aber in politischer Hinsicht als nicht so fern. Jedenfalls weitaus näher als die liberalen Westmächte.

        3. Zwischen dem Deutschen Reich und dem Zarenreich gab es keine strittigen Gebiete und keine Ansprüche.

        4. Es gab seit längerer Zeit die Situation, dass es einen in russischen Diensten stehenden baltendeutschen Adel gab, der auch in der deutschen Oberschicht angesehen war und der zwischen Deutschland und Russland eine Art Brückenfunktion einnahm.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten
        In Russland hatten Angehörige dieses baltendeutschen Adels nicht selten hohe Posten im Staatsapparat und in der Armee inne.

        Alle vier Punkte zusammen lassen mich vermuten, dass es sich bei denen von Ihnen genannten Äußerungen um Äußerungen handelte, die nicht unbedingt so sehr repräsentativ waren und dass sie eher nur deshalb überliefert worden sind, weil sie zu der antislawischen und rassistischen Haltung der Nationalsozialisten und ihrer Vorläufer in den 1920er Jahren passen.

        Meines Wissens bezog sich die antislawische Haltung – wenn man dieses Wort überhaupt benutzen will – eher auf die russischen Gebiete Polens. Vielleicht haben Sie von Ihren Großeltern angesichts eines unordentlichen Zimmers auch noch den damals häufigen Ausspruch gehört: „Hier sieht´s ja aus wie in russisch Polen!“
        Hinzu kam dann die äußerst angespannte und aggressiv-antideutsche Stimmung im wiedererstandenen Polen nach 1918. Ich erinnere nur an den Betrug um Oberschlesien, das trotz deutscher Mehrheit an Polen fiel, die Kämpfe beim Annaberg und die DADURCH massiv zunehmende antipolnische Stimmung im Deutschen Reich.

        Der antislawische NS-Rassismus sattelte darauf auf und nutzte bereits eher vereinzelt bestehende rassistische Muster.

        Man darf auch davon ausgehen, die die Ablehnung Russlands in der deutschen Oberschicht und erst recht im deutschen Adel – insbesondere im preußischen Adel(!) – wesentlich geringer war als in bürgerlichen oder progressiven Kreisen.

  13. Vielen Dank für diesen Artikel!

    Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es kaum noch Menschen gibt, die echte Grundüberzeugungen bzw. Grundwerte in sich tragen.
    Wir leben in einer durch und durch kapitalistischen Welt der Selbstoptimierung.
    Gemeinschaft erwirtschaftet keinen Ertrag.

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