
Vorkriegszeit 1914 und heute – Parallelen und Unterschiede.
In vielfacher Hinsicht erinnert die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an unsere heutige Epoche – so eine immer wieder gehörte These, für die hauptsächlich drei Begründungen geliefert werden: Damals wie heute waren geopolitische Verschiebungen im Spiel, es gab einen rasanten technologischen Fortschritt und es herrschten lokale Konflikte, die schließlich eskalierten.
Dies mag als grobe Draufsicht durchgehen, es bleiben aber viele Aspekte und politische Konstellationen unbeleuchtet, die einen Vergleich von 1914 und 2026 interessant machen.
Situation nach der Gründerzeit
Deutschlands Aufstieg nach 1870 (nach der Gründerzeit) war rasant. Innerhalb von knapp 50 Jahren wurde aus einem Agrar- ein Industriestaat. Bis 1914 versechsfachte sich die industrielle Produktion, die Ausfuhren wuchsen um das Vierfache. Wie groß das Gewicht des Exports bis 1913 geworden war, zeigt sich daran, dass er damals 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte, geringfügig weniger als bei Großbritannien (14,7 Prozent), deutlich mehr als bei Frankreich (6,0 Prozent), Österreich-Ungarn (5,2 Prozent) und den USA (4,1 Prozent). Vor 1914 waren rund 7 Prozent der Arbeiterschaft im Deutschen Reich „Gastarbeiter“.
Auch in den Bauten der Gründerzeit, die wir heute noch schätzen, spiegelte sich der plötzliche Reichtum. Für die Paläste des Großbürgertums und die Sakralbauten mussten historische Vorbilder herhalten; man baute im Stil des Neobarock, der Neugotik oder der Neorenaissance. Für die Armen reichten die Mietskasernen – aber auch dort kam jetzt manchmal ein Stück Fleisch auf den Teller. Und es gab ein Sozialversicherungssystem. Die SPD, seit 1890 stärkste politische Kraft, war in einen reformistischen und einen radikalen Flügel gespalten. Die Revisionisten um Eduard Bernstein glaubten, dass der Kapitalismus schrittweise durch Reformen demokratisiert und sozial gerechter werden würde. Die Parteilinke, vor 1914 wurde sie maßgeblich von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin und Franz Mehring repräsentiert, wollte die soziale Revolution. August Bebel (1840 – 1913), dem Volkshelden und „Arbeiterkaiser“, gelang es die auseinandertriftenden Kräfte zusammen zu halten. Er lehnte 1870 in einer parlamentarischen Grundsatzrede den Deutsch-Französischen Krieg und den Kriegskredit mit Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker ab. Stattdessen forderte er völkerrechtliche Standards. Und er entwarf die Vision eines friedlichen Europas jenseits des „reaktionären Nationalitätsprinzips“.
Schaut man sich die SPD-Führungen heute an, erschrickt man ob der intellektuellen Verzwergung und Ideenlosigkeit.
Wer sich zu Bebels Zeiten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einen Krieg vorstellte, der hatte wahrscheinlich einen nach dem Muster von 1870 im Kopf. Also einem relativ unblutigen. Eher einen Siegeszug.
Hier ein kleines Blitzlicht aus dem Jahre 1881 aus der Kleinstadt Itzehoe:
„Ganz Itzehoe ist auf den Beinen. Allerhöchster Besuch wird erwartet: Wilhelm I., Deutscher Kaiser und König von Preussen, gibt sich die Ehre. Er kommt zum Kaisermanöver, das die kleine Stadt im September 1881 tagelang in Trab hält … Unterwegs prangen Transparente.
In Frieden und Krieg – In Kampf und Sieg/
Bewusst und groß – so reißt Du uns vom Feinde los!
Soll der Friede Dauer haben/ dürft das Schwert Ihr nicht vergraben!
Manneskraft und Schwertes Schneid/ übt und prüfet alle Zeit!“
Schwert -, Kampf- und Manneskraft – das Volk, zumindest die Männer, schienen noch berauscht vom Sieg über Frankreich.
Ein nervöses Zeitalter
Doch wer damals aufmerksam Zeitung las, der wusste schon, dass keine Wiederholung dieses Sieges zu erwarten war. Von einem drohenden Weltkrieg oder einem „Weltenbrand“ wurde offen geredet. „Deutschland und der nächste Krieg“, so der Titel eines der erfolgreichsten Sachbücher von 1913. Der Autor: General von Bernhardi (1849 – 1930). Er gehörte zur militärischen Elite. Einen Krieg hielt er für absolut unvermeidbar.
„Es ist ein fortwährender Kampf um Besitz, Macht und Herrschaft, der die Beziehungen der Völker untereinander in erster Linie beherrscht, und das Recht wird meistens nur so lange geachtet, als es sich dem Vorteil vereinigen lässt. Solange es Menschen gibt, die menschlich fühlen und ringen, solange es Völker gibt, die nach erweiterter Lebensbetätigung streben, solange werden sich auch stets Interessengegensätze herausbilden, werden Anlässe zum Kriegführen gegeben sein.“
Die Stimmung in Deutschland um 1900 war widersprüchlich. Viele wähnten sich im Frieden, die Kriegserlebnisse der Alten verblassten – was man auch über die heutigen Generationen sagen kann.
Damals nährte der zunehmende Wohlstand und die schnelle Veränderung städtischer als ländlicher Lebenswelten Fortschrittsoptimismus und Technikbegeisterung.
Die Schattenseite dieser schnellen Industrialisierung waren Überforderungsgefühle, Versagensängste, Erschöpfung. Die Beschleunigung wurde – damals wie heute – zu einem Stressfaktor. Der amerikanische Neurologe George Miller Beard formulierte das so:
„Die Perfektionierung der Uhren und die Erfindung der Taschenuhren hat etwas mit der modernen Nervosität zu tun, weil sie uns zwingt, pünktlich zu sein … Die Pünktlichkeit raubt uns mehr Nervenkraft als Saumseligkeit. Wir stehen unter ständigem Druck – meistens unbewusst – oft sowohl im Schlaf wie im Wachen, zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo hin zu kommen oder irgendetwas tun zu müssen.“
Erstaunlich auch die Parallelen zur heutigen Überforderung unserer Kinder. 1883 schrieb der Arzt Wilhelm Erb (1840 – 1921) in seiner Veröffentlichung „Über die wachsende Nervosität unserer Zeit“, dass durch die gesteigerten Anforderungen und eine Ausweitung des Lernstoffes der Druck in den Schulen in bisher unbekannterweise gestiegen sei. Viele Schüler, aber auch viele Lehrer, fühlten sich übermäßig belastet und – wie man damals sagte – ‘überbürdet‘.
Was heute das Burnout ist, war damals Neurasthenie. Von einem „nervösen Zeitalter“ war die Rede, in dem sich ein Kulturpessimismus der Mittelklasse breit machte: ein Schwelgen in Dekadenz und Niedergang und apokalyptischen Zukunftsvisionen vom „Ende der Zivilisation“.
Dunkle Aufklärung
Auch die Konsumkritik war schon aktuell. Abscheu vor dem modernen Leben findet man bei konservativen Autoren, aber auch bei Linken. Gustav Landauer etwa, Anarchist und ein Freund Martin Bubers, schreibt 1908 über seine Zeitgenossen:
„Sie sind fast allesamt ganz und gar auf den Konsum, auf das Verzehren der Außenwelt angewiesen. Sie sind immer auf der Jagd nach Sensationen, Impressionen, Erlebnissen, und müssen die Welt mit immer steigender Heftigkeit in sich hineinpumpen, um nicht wie ein ausgeleerter Sack am Boden zu liegen.“
Und die „sozialdarwinistische“ Idee vom Überlebenskampf der Völker und „Rassen“ machte die Runde. Die Eugenik war um 1900 eine aufstrebende, als wissenschaftlich geltende Bewegung, die unter dem Begriff der „Rassenhygiene“ den Schutz und die Verbesserung des Erbgutes anstrebte. Begründer war Francis Galtung, ein Cousin von Charles Darwin. Er führte den Begriff der Eugenik ein, worunter er eine Lehre verstand, die sich das Ziel setzte, durch „gute Zucht“ den Anteil positiv bewerteter menschlicher Erbanlagen zu vergrößern.
In Deutschland gründete Alfred Ploetz 1905 die Gesellschaft für Rassenhygiene und forderte die Auslese der Besten sowie den Schutz des deutschen „Volkserbgangs“. Was daraus wurde dürfte bekannt sein.
Gruselig wirkt es, wenn heute die Eugenik in den libertären Kreisen der US-Tech-Elite wieder Fuß fasst. Bekannt ist eine Denkrichtung, die sich selbst „Dunkle Aufklärung“ nennt. Sie steht für eine radikale Ablehnung von Demokratie und Egalitarismus und für die Ideen der Rassenlehre und der Eugenik. So postuliert Curtis Yarvin, einer der Stars der Bewegung, dass Intelligenzunterschiede auf biologischen Grundlagen beruhen. In seinem Blog soll er die Ansicht vertreten, dass Afroamerikaner besser für Sklaverei geeignet seien als andere.
Krieg wird permanent gedacht – damals und heute – aber er ist kein Alltagsthema. Man verdrängt ihn. Viele die damals einen Weltkrieg prognostizierten glaubten, dass die Aufrüstung der Abschreckung zugutekommen würde, dass keiner es wagen wird, so einen Krieg zu führen.
Kinder, die in der Schule mit den Mitteln der Schwarzen Pädagogik dressiert wurden, nahmen Krieg spielerisch vorweg. In den Kinderzimmern der Bürger spielten die Jungs mit Zinn- und Bleisoldaten. Die Firma Märklin hatte Modellkanonen und Torpedoboote im Angebot.
Wie heute, so waren auch damals die politischen Beziehungen der Weltmächte vor 1914 von Atmosphäre des Misstrauens und der kapitalistischen Konkurrenz geprägt. Der australische Historiker Christopher Clark beschreibt in seinem Buch „Die Schlafwandler“ das Phänomen des Hineinschlitterns in die historische Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts. Die Regierungen agierten oft blind und im Modus des Sachzwanges – ohne die globale Tragweite ihres Handelns zu erfassen. Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen führten zu einer Situation, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen. Dessen verheerende Folgen vermochte kaum jemand abzuschätzen, so Clark.
Und heute?
Feindbilder
Auch politische Borniertheit, lässt sich vergleichen. So war Wilhelm II. für seine impulsiven, selbstherrlichen Aussagen bekannt, die gelegentlich schwere politische Krisen auslösten. Nur ein Beispiel von vielen: In einem Interview mit einer britischen Zeitung 1908 äußerte er sich herablassend über die Briten und behauptete, er habe ihnen heimlich einen Feldzugsplan gegen die Buren geliefert. Dies brachte ganz Europa gegen ihn auf und führte zu einer schweren innenpolitischen Krise. In diesem Genre ist auch unser Bundeskanzler zu Hause, der etwa mit seiner Einlassung, dass Israel mit seinen Militäraktionen gegen den Iran „die Drecksarbeit für uns alle“ erledige, das Ansehen der Bundesrepublik nachdrücklich beschädigte. Und es war offenbar keine Persiflage auf Wilhelm II., wenn er bei der Vorstellung des Sparpaketes der Bundesregierung im Juli 2026 formulierte: „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!“
Frieden, so meinte unser Kanzler 2024, gebe es nur auf dem Friedhof!
Vor 1914 programmierten Militärparaden, Vaterlandsvereine, patriotische Lieder, Plakat-Kampagnen, Groschenromane die Bevölkerung auf Krieg.
Träger waren auch die Massenmedien: Zeitungen, illustrierte Magazine sowie eine Vielzahl von Postkarten, die von der Bevölkerung massenhaft verschickt wurden. Kriegstüchtigkeit stand auch auf dem Lehrplan der Militaristen vor 1914 – genau wie heute.
Heute sind die Waffen im Propagandakrieg wesentlich ausgefeilter. Nehmen wir nur das NATO-Konzept der Kognitiven Kriegsführung (Cognitive Warfare). Darunter versteht man den bewussten Einsatz von gezielten Manipulationstechnologien und Desinformation, um die menschliche Wahrnehmung, das Denken, das Fühlen und letztlich die Entscheidungsfindung von Individuen oder ganzen Gesellschaften zu stören und zu kontrollieren.
Nach dem Sieg über Frankreich hatte sich aber nicht nur Militarismus, sondern auch ein hemmungsloser völkischer Nationalismus breit gemacht, der den Menschen die Überlegenheit der deutschen Nation einbläute. Die eigene Nation einschließlich der Angehörigen außerhalb der Landesgrenzen wurde „rassisch“ über alle anderen Völker gestellt. Minderheiten wie Juden oder Einwanderer aus dem Ausland sollten aus diesem Nationalverband ausgeschlossen bleiben. Antisemitismus wurde zu einem tragenden Bestandteil rechtskonservativer Weltbilder. Eine antisemitische Literatur kam in Umlauf, die an ältere anti-jüdische Stereotype anknüpfte, aber den Juden nicht länger ihren Mangel an Anpassung an ihre christliche Umwelt vorwarf, sondern im Gegenteil ihre erfolgreiche Integration in die Gesellschaft.
Das ist heute nicht mehr cool, völkischer Nationalismus wird mit der AfD assoziiert. Andererseits päppelt dieser Staat die Ukraine, bezahlt ihren Krieg und niemand schreit auf, wenn dort Nazis wie Stepan Bandera oder die Mitglieder der SS-Division Galizien verehrt werden.
Damals hatte die Industrialisierung auch das Militär erfasst. Heute soll uns die Rüstungsproduktion vor einem industriellen Zusammenbruch retten. Damals wie heute setzte technische und industrielle Entwicklung einen Rüstungswettlauf in Gang.
Seinerzeit wie heute war die Feindbild-Produktion Baustein der Massenmobilisierung hin zum Krieg. Damals standen vor allem zwei Feindbilder im Mittelpunkt der Propaganda: Frankreich und Russland. Frankreich war der „Erbfeind“. Es wurde als revanchistisch, dekadent und militärisch gefährlich angesehen. In dem Bestreben, die Einflusssphären neu aufzuteilen und dem Deutschen Reich einen „Platz an der Sonne“ zu sichern, avancierte Russland zum barbarischen, despotischen Feind Nummer eins.
Damals wie heute wurde vor einer russischen Übermacht gewarnt.
„Der Russe galt seinen Gegnern als asiatisch, ungläubig, schmutzig und kriecherisch, Stereotypen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben“, wie Hannes Hofbauer in seinem Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ schreibt. Ganz in dieser Tradition bemerkt unser Außenminister Wadepuhl, „Russland wird immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein“.
Auch die Briten, die damalige Weltmacht, waren ein Feind, den man aber eher mit Respekt behandelte. Man wollte die Briten ausstechen, überholen, herausfordern, was den Rüstungswettlauf zur See enorm beflügelte.
„Um die Jahrhundertwende war die Machtbildung, auf die es vor allem anderen ankam, die Beseitigung unseres völlig ungeschützten und hilflosen Zustandes dem großen Rivalen England gegenüber … Englands Friedensliebe und seine Achtung vor unseren Interessen ist in dem selben Maße wie unser Flottenbau (…) gewachsen…. Die politische Gesamtlage war um die Jahrhundertwende so günstig für unser Beginnen, wie sie es kaum später jemals sein konnte. England stand allein. In Frankreich war die Niederlage von Faschoda (politische Niederlage Frankreichs im Wettlauf mit England um Afrika d.V.) noch nicht verschmerzt. Russland hatte sich im Fernen Osten stark festgelegt. Der Burenkrieg versetzte England in eine peinliche Lage… So unternahmen wir es, eine Seemacht zu schaffen“, schreibt der Planer der Marine-Aufrüstung, Großadmiral Alfred von Tirpitz.
Die Friedensbewegung
Auch was die Bewegung für den Frieden angeht, kann man begrenzt Vergleiche zwischen der Zeit vor 1914 und heute ziehen. Betrachtet man das Bürgertum, so war seine Friedensbewegung relativ einflusslos. 1899 hatte sich die bürgerliche Frauenbewegung gespalten. Die progressivere Richtung um Anita Augspurg, Minna Cauer, Katharina Erdmann sowie Lida Gustava Heymann trennte sich und gründete den „Verband fortschrittlicher Frauenvereine“. Die eher konservative Mehrheit um Helene Lange und Gertrud Bäumer versammelte sich im „Bund Deutscher Frauenvereine“. Die Differenzen innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung betrafen auch die Friedensfrage. Während die Aktivistinnen um Anita Augspurg Pazifistinnen blieben, schwenkte 1914 der Bund Deutscher Frauenvereine auf den nationalistischen Kurs ein und stellten ihre Forderungen nach Gleichberechtigung zurück. Die meisten organisierten sich im „Nationalen Frauendienst“, um die Fronttruppen zu unterstützen.
Damals wurden die Pazifisten verhöhnt, sie galten als „Vaterlandsverräter“, heute gelten sie als „Lumpenpazifisten“ oder „Putin-Versteher“.
Vor 1914 blieben Pazifistinnen wie Anita Ausgburg und wenige Mitstreiter isoliert – vergleichbar vielleicht mit Antje Vollmer, die 2023 verstorbene letzte Grüne Kriegsgegnerin. Heute sitzen Kriegs-HetzerInnen und Scharfmacher in der Grünen Partei, wird das Feindbild Russland besonders herausgeputzt. Denken wir nur an Annalena Baerbock, die den Begriff „feministische Außenpolitik“ pervertierte und dem Bellizismus und Militarismus das Wort redete.
Damals, 1897, war der Österreicherin Bertha von Suttner, mit ihrem autobiografischen Buch „Die Waffen nieder“ ein pazifistischer Bestseller gelungen, der auch dem deutschen Pazifismus Auftrieb gab. Bereits 1892 hatte Suttner zusammen mit Alfred Hermann Fried die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) gegründet. 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis.
Im Gegensatz zu heute gab es damals eine starke Kraft für den Frieden. Die große Hoffnung aller Pazifisten vor 1914 war die Arbeiterklasse mit ihrer internationalistischen Ausrichtung. Auf den Sozialistenkongressen, etwa 1907 in Stuttgart oder 1910 in Kopenhagen, wurden Resolutionen verabschiedet, die den Arbeitern die Pflicht auferlegte, im Falle eines Krieges die Regierungen mit allen Mitteln (etwa durch Generalstreik) zur Beendigung des Krieges zu zwingen.
Ein Höhepunkt der sozialistischen Friedensbewegung vor dem Ersten Weltkrieg war der außerordentliche Kongress der Sozialistischen Internationale am 24.bis 26. November 1912 in Basel. 555 Delegierte aus 23 Ländern kamen zusammen. Sie verabschiedeten das „Baseler Manifest“, das die Arbeiterklasse der Welt aufrief, sich „nicht als Kanonenfutter für imperialistische Interessen missbrauchen zu lassen … Die Proletarier empfinden es als ein Verbrechen, aufeinander zu schießen, zum Vorteile des Profits der Kapitalisten“.
Den pazifistischen Kurs unterstütze auch die sozialdemokratische proletarische Frauenbewegung unter der Leitung von Clara Zetkin. Sie war eine radikale Kriegsgegnerin. „Krieg bedeutet immer, dass die Armen im Dienst der Reichen kämpfen“ – so ihr Credo. Darum war der Kampf für Frauenrechte für sie nicht nur mit dem Klassenkampf, sondern auch mit dem Kampf für Frieden verbunden.
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, radikale Antimilitaristen, forderten, den Massenstreik als Mittel zur Kriegsverhinderung. Aber der reformistische SPD-Flügel weigerte sich. Vor einem Generalstreik fürchten sie sich mehr als vor einem Krieg.
Nachdem am 28. Juli der Erste Weltkrieg ausbrach, rief der SPD-Parteivorstand die Frauen zum Nationalen Frauendienst – gemeinsam mit den bürgerlichen Frauenvereinen – auf.
„Das Gebot der Stunde fordert hier Zusammenfassung aller Kräfte. So wirken denn die Genossinnen friedlich-schiedlich neben dem bürgerlichen Nationalen Frauendienst.“
Noch zwei Wochen vor der Mobilmachung demonstrieren in Berlin 750.000 Menschen gegen den Krieg. Am 14. Juli 1914 schworen deutsche und französische Arbeiter, niemals aufeinander zu schießen.
Am 4. August 1914 stimmte die SPD im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite und die sogenannte „Burgfriedenspolitik“. Bei einer zweiten Abstimmung im November beugt sich Karl Liebknecht nicht mehr der Parteidisziplin und stimmt als einziger Abgeordneter dagegen.
Was Pazifisten damals wie heute eint, ist die Weigerung, die Waffe nicht in die Hand zu nehmen. Pazifismus sei Wehrlosigkeit, sei Nichtstun, sei Kapitulation, heißt es. Das Gegenteil trifft zu. Pazifismus und sozialer Widerstand muss zusammen gedacht werden. Pazifisten sind nicht naiv und feige. Sie können streiken, blockieren, sich verweigern, schützen, organisieren, Widerstand leisten. Sie können einen Aggressor stoppen, ohne dessen Logik zu übernehmen.
Macht die Jugend heute – anders als damals – nicht mit?
Feige und denkfaul könnte man diejenigen nennen, die angesichts der hemmungslosen Aufrüstung schweigen, weil Widerspruch Ansehen oder Karriere gefährden könnten.
Wenn wir die Vorkriegszeit 1914 und heute vergleichen, so gibt es einen Hoffnungsschimmer: die heutige Jugend macht nicht mit. Die Mehrheit der jungen Menschen lehnt einen verpflichtenden Wehrdienst ab. Zu diesem Ergebnis kommt die „Jugendtrendstudie 2025“ des Instituts für Generationenforschung. Demnach sind 81 Prozent der Befragten aus der sogenannten „Generation Z“ nicht bereit, für ihr Land zu sterben. Und die Zeit berichtet, dass rund fünf Monate nach dem Beginn der neuen Wehrerfassung fast 300.000 Fragebögen an junge Männer und Frauen verschickt wurden. Von ihnen verpflichteten sich bislang aber nur gut 530 Freiwillige für den Wehrdienst, wie aus einer Auswertung des Verteidigungsministeriums hervorgeht.
Das ist eine Momentaufnahme. Es kann sein, dass den Kriegstreibern die heraufziehende Krise hilft und die Bundeswehr junge Leute mit „sicheren“ Jobs anlockt. Kann sein, dass die Propaganda nochmal kräftig aufdreht und das Feindbild Russland poliert, denn eine ähnliche Situation gab es schon einmal: Laut einer Spiegel-Umfrage zur Jahreswende 1950/51 antworteten 85 Prozent der befragten Bundesbürger, keine Soldaten werden zu wollen, 68 Prozent lehnten eine Wiederbewaffnung ab, und 82 Prozent sprachen sich gegen den Eintritt der BRD in die NATO aus.
„Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden“, sagte dazu der Pazifist Albert Einstein.
Quellen
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/das-19-jahrhundert-315/142137/1880-bis-1914/
https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/1914-bis-1918-gewerkschaften-55517-spaltung-der-spd-56010.htm
Steinburger Jahrbuch 2004, Auszug aus: „Der große Bahnhof“ von Heinz Longerich
Friedrich v. Bernardi/Deutschland und der nächste Krieg, 1913
https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Galton
https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/rechtsruck-im-silicon-valley-100.html
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195813.gentechnik-die-eugenik-der-tech-milliardaere.html
https://report24.news/genetik-als-spielzeug-tech-eliten-oeffnen-die-tuer-zur-neuen-eugenik/
https://multipolar-magazin.de/artikel/cognitive-warfare-nato
Hannes Hofbauer/Feindbild Russland/Geschichte einer Dämonisierung
**A. Von Tirpitz Der Aufbau der Deutschen Weltmacht, 1924
Michaela Karl/Geschichte der Frauenbewegung
Karin Bauer/Clara Zetkin und die proletarische Frauenbewegung
Philipp Blom/Der Taumelnde Kontinent, Europa 1900 – 1914
Gustav Landauer/Tarnowka, 1908
https://www.woz.ch/1334/august-bebel-kaiser-der-arbeiter/revolutionaer-pragmatiker-und-politstar
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frueher-ueberbuerdet-heute-ueberfordert-100.html
Wolfgang Martynkewic/Das Zeitalter der Erschöpfung/ Die Überforderung des Menschen durch die Moderne
Joachim Radkau/Das Zeitalter der Nervosität/
Deutschland zwischen Bismarck und Hitler
Christopher Clark/Die Schlafwandler – Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog
Fabian Scheidler/Friedenstüchtig/Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen
https://web.de/magazine/politik/inland/studie-gen-z-deutschland-krieg-40931976
https://www.sopos.org/aufsaetze/47f62c2b2f0d9/1.phtml.html






Nö, das ist heute nicht wie 1914, sondern eher wie 1939.
Ein Typ der „Heim ins Reich“ brüllend seine Nachbarn ohne Einladung auf Ketten besucht erinnert doch eher an 1939.
Und zu allem Überfluss fordern auch einige auch noch das sich Deutschland wie 1939 mit Russland verbünden sollte.
„Wenn wir die Vorkriegszeit 1914 und heute vergleichen, so gibt es einen Hoffnungsschimmer: die heutige Jugend macht nicht mit. Die Mehrheit der jungen Menschen lehnt einen verpflichtenden Wehrdienst ab. Zu diesem Ergebnis kommt die „Jugendtrendstudie 2025“ des Instituts für Generationenforschung. Demnach sind 81 Prozent der Befragten aus der sogenannten „Generation Z“ nicht bereit, für ihr Land zu sterben. usw.“
Das spielt keine große Rolle. Dafür hat der Westen nämlich einen (ziemlich starken) Stellvertreter ins Rennen geschickt, die Ukraine. Mittels dieses Stellvertreters wurden und werden die Kriegsziele des Westens sehr sehr gut erreicht. (Nein, Rußland steckt das keineswegs locker weg.) Die Ukraine zerstört mit Drohnen in aller Seelenruhe die russische Wirtschaft. Ja, in aller Seelenruhe. Es ist vollkommen egal, ob eine Raffinerie jetzt, in 4 Wochen oder in 1 Jahr brennt. Die Instandsetzung dauert mindestens Monate, realistisch Jahre. Und dann kommt einfach die nächste Sprengstoffdrohne. Die Kriegsdienstverweigerung in Schland ist irrelevant.
Nebenbei gesagt, erinnert die Lage eher an 1938/39, als die traditionellen Hauptkriegstreiber Europas ihre Stellvertreter angespitzt haben.
Sagen wir es mal so: Es soll schon ein deutscher Autor einen Roman über die Zeit von 1933 – 1945 geschrieben haben – mit allen möglichen technischen Voraussetzungen wie heute – Smartphone, Internet, KI usw.
Ein Roman über die Zeit des 1. Weltkrieges, und davor, der diese technischen Möglichkeiten (von 2026) auf diese Zeit überträgt fehlt noch.
Der wichtigste Unterschied zu damals – es war zwar ein Weltkrieg, aber wir waren (noch) auf Zeitungen und Bücher angewiesen – es gab nicht einmal Radio, von Fernsehen oder Kino ganz zu schweigen.
Rein das ist anders wie vor/während dem 1. Weltkrieg, und wohl einer der Wichtigsten Unterschiede zu unserer heutigen Situation. Wir waren eben nicht so überinformiert wie heute und die Kriegspropaganda steckte noch in den (rein technisch gesehenen) Kinderschuhen.
Gruß
Bernie
PS: Apropo KI – da habe ich gestern auf einer anderen Seite im Web festgestellt, dass die – was Übersetzungen angeht – sehr oft noch pure Sch…e produziert – kein Witz, aber das ist ein anderes Thema, dass mal in einem extra Artikel bei Overton aufgearbeitet gehört.