„Auf Sachsen-Anhalt schaut gerade die Welt ..!“

Merseburg
Foto von Ramon Schack

Impressionen vom Wahlkampf in dem ostdeutschen Bundesland.

Erster Teil. Ein zweiter Teil dieser Reportage erfolgt in Kürze.

Merseburg, an einem heißen Wochentag im August. In Sachsen-Anhalt tobt der Wahlkampf, was auch hier in der alten Dom- und Universitätsstadt – in unmittelbarer Nachbarschaft zu Halle an der Saale – nicht zu übersehen ist. Wahlplakate versperren den Blick auf die Architektur der frühen DDR-Zeit, welche die Straße, rund um den Hauptbahnhof zu prägen scheint.

„Hier in der Region kann man überhaupt nicht in irgendeiner Blase leben“

In einem indischen Bistro, unweit des Bahnhofgebäudes, herrscht Hochbetrieb. Arbeiter im Blaumann gönnen sich ein Feierabend-Bier, scherzen mit dem Inhaber, der vor über 20 Jahren aus dem Punjab nach Merseburg kam. Herr Singh schaut ehrlich amüsiert, als ihm die Frage nach fremdenfeindlichen Erlebnissen gestellt wird. „Singh heißt auf Deutsch Löwe!“, antwortet er lächelnd. „Ich weiß mich also zu verteidigen. Aber um ehrlich zu sein, ich habe keine Probleme. Schauen Sie doch selbst. Der Inder serviert eine neue Runde Bier an seine Stammkunden, derbe Männer in Arbeitskleidung, die nicht unbedingt eine linksliberale Lebenswelt repräsentieren.

„So Männer, noch ne Runde von Eurem kulturfremden Invasoren“, ruft Singh, um damit eine AfD-Parole zu persiflieren.

Ronko, 28, ist in Merseburg aufgewachsen. Der Fliesenleger berichtet von der politischen Stimmung auf dem Bau, während er sich eine Zigarette dreht. „Die meisten wählen Blau, stimmt schon, auch die Migranten mit deutschem Pass. Die AfD ist zur Arbeiterpartei geworden, ohne es zu sein“, gibt er zu bedenken. Sein Kollege Udo, ein bulliger Endvierziger, der früher einmal ein richtiges „Nazischwein“ war, wie er unumwunden zugibt, ergänzt. „Ich hatte vor 15 Jahren einen schweren Arbeitsunfall. Die ausländischen Kollegen, Kurden, Türken, Bosnier, haste nicht gesehen, kamen zu mir ins Krankenhaus und haben mich anschließend zu Hause besucht, meiner Frau die Arbeit abgenommen. Von den Deutschen, keine Spur. Glaub mir, danach war ich kein Nazi mehr. Trotzdem wähl ich AfD, eben weil das keine Nazis sind. Was denn sonst. Da gibt es auch genug Arschlöcher, dieser Rumäne zum Beispiel, wie heißt der noch genau? Tillschneider, den kannste in der Pfeife rauchen, aber Sigmund muss jetzt mal ran, bevor uns die anderen in den Krieg treiben!“

Aus dem örtlichen Büro der Grünen, gleich um die Ecke, sind zwei Mitarbeiter eingetroffen und bestellen vegane Gerichte. Der junge Mann hat lackierte Fingernägel, während die Frau ein grünes T-Shirt trägt mit der in Gelb gehaltenen Aufschrift „Zukunft wird aus Mut gemacht!“

„Hier in der Region kann man überhaupt nicht in irgendeiner Blase leben“, berichtet Diana, die sich als Grünen-Wählerin zu erkennen gibt. „Das macht die Chancen und Risiken für Grüne-Themen hier in Sachsen-Anhalt aus.“ Die Logopädin – Mitte 50 – ist in Berlin-Charlottenburg aufgewachsen, zog vor einem Jahrzehnt mit ihrem Lebensgefährten an den Geiseltalsee, einen der größten künstlichen Seen Deutschlands, rund eine halbe Autostunde von Merseburg entfernt. „Grünes Denken ist hier weit weniger vertreten als in westdeutschen Ballungsgebieten“, räumt sie ein. „Umso mehr freut es mich, hier Basisarbeit leisten zu können, auch um Vorurteile aus dem Weg zu räumen, von denen es hier nur so wimmelt!“

Ausgestorbene Innenstadt

Auf dem Weg in die Innenstadt begegnen dem Besucher viele Menschen mit einem sichtbaren Migrationshintergrund, wie man es früher in der angelsächsischen Politikwissenschaft auszudrücken pflegte. Die Region Halle scheint sich in dieser Hinsicht nicht mehr groß von den westdeutschen Ballungsgebieten zu unterscheiden, wo Multiethnizität schon seit Jahrzehnten zum Alltag gehört. Zwei ältere Damen schauen einer Gruppe von Afrikanern hinterher, eher interessiert als missbilligend, die lachend und plaudernd durch die Straßen flanieren. „Mir sind die Fremden lieb“, sagt Elke, Jahrgang 1949. „Ich bin im gleichen Jahr wie die DDR geboren worden. Damals gab es keinen Fremdenhass“, ergänzt die Rentnerin. „Bist Du sicher?“ fragt ihre Bekannte Rita, 3 Jahre jünger als sie. „Also ich habe da andere Erinnerungen!“

Was die Landtagswahlen angeht, da sind sich die beiden Merseburgerinnen allerdings einig. „Sicherlich gehen wir wählen, wie immer die Linke“, erklärt Elke und äußert ihren Abscheu über die AfD.

Die AfD ist seit der letzten Kommunalwahl, im Sommer 2024, mit Abstand die stärkste Kraft im Stadtrat. 34,4 % fielen auf die Partei, während die CDU bei 28,4 % landete. Danach folgten abgeschlagen die SPD mit 14,4 %, die Linke mit 10,6 %, die FDP mit 5,1 und dann erst die Grünen, mit 3,8 %. Ein Rechtsruck vollzieht sich in dieser Stadt schon seit Jahren, wie in sehr vielen anderen Kommunen Sachsen-Anhalts auch. Die Innenstadt wirkt ausgestorben, was sowohl an den hochsommerlichen Temperaturen, wie auch an der Ferienzeit liegen mag.

Trotzdem wurde auch Merseburg von jenem demographischen Aderlass heimgesucht, von dem die meisten ostdeutschen Kommunen in den letzten 35 Jahren erfasst wurden sind. Betrug die Einwohnerzahl der Stadt 1990 noch etwas über 42.000, liegt diese heute bei 34.500, obschon die Stadt in Nachbarschaft der Metropolen Halle und Leipzig liegt und ein Universitätsstandort ist. Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit der ältesten Bevölkerung, flankiert von einer extrem niedrigen Geburtenrate, wie überall aktuell in Deutschland.

„Ist das BSW eigentlich noch eine linke Partei?“

Der gelernte Koch und Restaurantleiter arbeitet seit 2024 in der Geschäftsstelle der LAE Stendal, der Landesaufnahmeeinrichtung. Des Öfteren hatte er schon dabei von den Menschen aus aller Welt geschwärmt, die er als Flüchtling zu betreuen hat.
Der gelernte Koch und Restaurantleiter arbeitet seit 2024 in der Geschäftsstelle der LAE Stendal, der Landesaufnahmeeinrichtung. Des Öfteren hatte er schon dabei von den Menschen aus aller Welt geschwärmt, die er als Flüchtling zu betreuen hat. Foto von Ramon Schack

Auf dem Marktplatz hat das BSW einen Stand errichtet. Neben einigen anderen sind die beiden Spitzenkandidaten der Partei, Claudia Wittig und Thomas Schulze, sowie auch der Parteivorsitzende John Lucas Dittrich vor Ort. Dittrich, ein 22-jähriger Lehramtsstudent aus Magdeburg. betrachtet Sachsen-Anhalt als ein Bundesland der politischen Superlative. “ Die AfD ist extrem stark, die SPD ist schwach, die Linke stabil, während die CDU sich auf dem zweiten Platz einzurichten scheint. FDP und Grüne, als die Parteien der alten Bonner und Berliner Republik, liegen am Boden. Die Aufgabe des BSW besteht darin, sich angesichts dieser Gemengelage angemessen zu positionieren“, analysiert der angehende Akademiker.

Wie dieses gelingen soll, darüber ist sich der Politiker einig. Vor allem durch unseren friedenspolitischen Ansatz, der ja ein Alleinstellungsmerkmal des BSW darstellt. Diesbezüglich versagt die AfD ja, was man auf Bundesebene beobachten kann, wo sich führende Politiker stramm hinter Trump scharen beziehungsweise dem aggressiven und völkerrechtswidrigen außenpolitischen Kurs Washingtons. Diese Stimmen werden übrigens auch innerhalb der Ost-AfD lauter, weshalb man sich keiner Illusionen hingeben darf.

Eine junge Frau hat sich an den Stand gesellt, hört interessiert den Ausführungen von Dittrich zu. „Darf ich Sie etwas fragen. Ist das BSW eigentlich noch eine linke Partei?“, möchte die Frau wissen, die sich als kritische Wählerin der Wagenknecht-Partei outet.

Dittrich denkt nicht lange nach: „Wenn ich zugrunde lege, was ich unter dem Begriff „links“ verstehe, dann bin ich noch ein Linker und das BSW ist eine linke Partei. Als Kind einer alleinerziehenden Mutter war und ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit von besonderer Bedeutung. Bei den Linken verspürte ich zuletzt eine starke Ignoranz, sich mit sozialpolitischen Fragen ernsthaft zu beschäftigen, dafür eher mit identitätspolitischen. Das war für mich der Bruchpunkt mit den Linken.

Thomas Schulze ergänzt: „Unsere Hauptaufgabe im Wahlkampf wird also sein, die Wähler darauf hinzuweisen, dass wir als BSW friedenspolitisch authentischer sind als die transatlantische AfD, ohne uns dabei aber im Kartell der Altparteien einzureihen. Sahra Wagenknecht hatte diese Ausgangslage kürzlich wie folgt kommentiert: „Das BSW würde nach der Landtagswahl im September weder Sven Schulze (CDU) noch Ulrich Siegmund (AfD) zum Ministerpräsidenten mitwählen!“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Unser Platz ist zwischen allen Stühlen.

Die junge Frau scheint zufrieden, steckt einige Flyer und Broschüren ein, verabschiedet sich dann.

Ramon Schack

Ramon Schack, Jahrgang 1971, geboren in Kiel, aufgewachsen in Bad Oldesloe, Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien). Nach längerem Aufenthalt in London seit 2003 freier Journalist in Berlin, schreibt u. a. für die Berliner Zeitung, Neues Deutschland, seit 2018 moderierte er den Video-Podcast Impulsiv TV. Bis März 2023 war er Redakteur für Außenpolitik des ND. Er berichtete als Korrespondent unter anderem aus Iran, Irak, den USA und Neuseeland, El Salvador, Ecuador, Russland, Armenien, der Ukraine, Kasachstan und Äthiopien. Große Aufmerksamkeit erlangte sein Interviewbuch mit Peter Scholl-Latour aus dem Jahr 2015. Sein neues Buch “Traum/Rausch/Realität, teilnehmende Beobachtungen zum BSW” erscheint im September 2026.
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2 Kommentare

  1. Wenn man die ganze Situation um die besonders in ostdeutschen Ländern aufstrebende AfD und die Anti-AfD-Politik der etablierten Kräfte herum einmal ganz nüchtern und mit etwas Abstand betrachtet, dann muss man eigentlich sehr erstaunt sein über die massiven Fehler, die hier nach wie vor begangen werden. Es ist ja so, dass sich die etablierten Kräfte mit ihren fortdauernden Fehlbeurteilungen und ihrer bockig-sturen Fixierung auf eine längst als wirkungslos erwiesene Methode („Brandmauer“) selbst in Schwierigkeiten bringen. Dass sie nebenher auch noch eine regelrechte Demokratie- und Staatskrise als Kollateralschaden ihrer Strategie hinnehmen, kommt noch hinzu. Nun ist es allerdings sehr schwer zuzugeben, sich geirrt zu haben. Und je länger man groß getönt hat, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, desto schwerer fällt das.

    Inzwischen sind diese Schäden für sich selbst sogar schon so groß und sichtbar, dass es sich nicht mehr verheimlichen lässt. Auch die Zeitung „Die Welt“ schreibt nun schon: „Die ´Brandmauer´ sollte die AfD kleinkriegen. Jetzt könnte sie die CDU zerstören.“

    Es gibt den geheimnisvollen Zusammenhang, nach dem sich im Leben nicht korrigierte Fehleinschätzungen und Falschbehauptungen mit der Zeit (oft auch schon recht bald) immer mehr rächen. Das gilt für sehr viele Dinge: beim nicht operierten kleinen Hautkrebsfleck ebenso wie beim Ruderboot, das man trotz leckendem Boden noch zur Ausfahrt benutzt oder bei einem Unternehmen, das nicht erkennt, dass die eigenen Produkte nicht mehr nachgefragt werden und deshalb hätte umstrukturieren müssen.

    Weil man einen anfangs noch leicht zu korrigierenden Fehler nicht behoben hat, ihn noch nicht mal sehen wollte und die Lösung immer mehr verschleppt bzw. verhindert hat, beginnt das Problem immer mehr anzuwachsen – bis es einem schließlich über den Kopf wächst und auch Nachbarbereiche in Mitleidenschaft zieht.

    Der Kern des Problems ist die anfängliche falsche Erkenntnis, die Fehleinschätzung einer neuen Entwicklung.

    Natürlich gibt es sowohl Gründe für eine dumme Fehleinschätzung als auch für die sture Bockigkeit, dabei zu bleiben. Das ändert aber nichts an den Schadfolgen … ! Weder beim Hautkrebs noch bei der Brandmauer.

    Und mit den Fehlern wird ja munter weitergemacht:
    Beim Anti-Spiegel ist am 30. 8. 2026 ein sehr interessanter Artikel über die NGO „Campact“ und deren Anti-AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt erschienen.

    Röper kommt zu der starken Vermutung, dass „Campact“ auch aus staatlichen Geldern, also aus Steuermitteln, mitfinanziert wird und formuliert daher bissig:

    „Stellen wir uns mal folgendes vor: In einem Land wie Georgien, dessen aktuelle Regierung der EU und der Bundesregierung nicht gefällt, würde die Regierung NGOs mit Millionen finanzieren und diese NGOs würden dann bei Wahlen über mit ihnen verbundene Organisationen eine teure Kampagne mit Wahlaufrufen zugunsten der Regierungsparteien finanzieren. Und die Regierung würde auf Nachfragen von Journalisten zu diesem offensichtlichen Missbrauch von Steuergeldern antworten, es gebe ja klare Regeln für Parteispenden, deren Überprüfung bei den zuständigen Behörden liege (die natürlich von der Regierung kontrolliert werden), es sei also alles in bester Ordnung.

    Wie würden die EU und die Bundesregierung auf solche Zustände in Georgien reagieren? Natürlich würden Politiker und Medien in Deutschland und der EU gegen solche Zustände protestieren, Sanktionen androhen und so weiter.

    Aber wenn so etwas in Deutschland passiert, dann ist das für sie vollkommen in Ordnung.“

    Auch die laut Rundfunkstaatsvertrag zu politischer Neutralität verpflichteten öffentlich-rechtlichen Sender werden in ihren Beeinflussungsversuchen immer ungenierter:
    #https://www.berliner-zeitung.de/article/mdr-ndr-wahlkampf-rundfunkreform-10343490

    Trotz dieser Skandale – und es kommen noch mehr hinzu – ist es aber offensichtlich, dass all das die Wähler in Sachsen-Anhalt nicht groß beeindruckt.

    Ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn spätere Historiker – vielleicht in 30 oder 50 Jahren – viele Bücher über die heutige Situation schreiben werden und die heutigen politischen Fehlentscheidungen dann von den Studenten in ihren Seminararbeiten lang und breit behandelt werden. Also wenn die künftigen Studenten dann überhaupt noch die Kompetenz besitzen sollten, eigenständig eine Seminararbeit zu schreiben – was ja nicht sicher ist.

    1. Genau so ist es! Hinzu kommt die Angst der Amtierenden von den „Trögen“ verdrängt zu werden. Und wenn dann es dann noch funktioniert, siehe Landrat in Sonneberg in Thüringen, dann wird es eng.
      Alle Prophezeiungen der Etablierten Parteien 6nd Organisationen wurden nicht wahr.

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