
In London formierten sich 15.000 Menschen zu einer Mahnwache, organisiert von der NGO „Stand up against racism“. Der Vorwurf: Jason Arday, der jüngste schwarze Professor Cambridges, sei durch eine boshafte rassistische Medienkampagne in den Selbstmord gehetzt worden.
Diese Aussage ist völlig unhaltbar. Was wir bei Arday sehen, hat viele Parallelen mit dem Stern, der einst die Hitler-Tagebücher kaufte und das Ganze mit großem Pomp und Party inszenierte. Es ist die Geschichte einer ehrwürdigen Institution, die der Öffentlichkeit guten Grund gibt, lauthals über deren Idiotie zu lachen.
Jason Arday war ein Mensch. Sein Tod hat viele Menschen berührt. Nun bleibt die Nachlese. War es richtig, über seine Verfehlungen zu berichten? War es ein Zeichen von Rassismus, die Universität Cambridge und auch ihn bloßzustellen? War das, was er erlebte, eine „böse und bittere Hetzkampagne“, wie die schwarze Parlamentsabgeordnete Diane Abbott öffentlich sagte. Oder, wie sie weiter ausführte, eine Attacke „against all of us“, womit sie alle Schwarzen meinte?(1)
Die Geschichte von Jason Arday ist die eines Fabulisten und Plagiators, der von einer der angesehensten Universitäten der Welt unkritisch nach oben gejubelt wurde. Der Grund seiner Ernennung waren definitiv nicht seine akademischen Erfolge, die selbst für einen durchschnittlichen Studenten ungenügend waren. Cambridge hat Arday offensichtlich deshalb berufen, weil er charmant war und schwarz und neurodivers (er hat sich selbst als Autisten bezeichnet – ob er das wirklich war, steht in den Sternen). Cambridge, die alte ehrwürdige Institution, ist auf groteske Weise auf einen Hochstapler hereingefallen, weil er ihren Wunsch nach Diversität so wunderbar bediente. Recherche und gesunden Menschenverstand haben sie dabei über Bord geworfen. Hauptsache woke!
Ein Charmeur mit aggressiven Anwälten
Dass das eine gute Story ist, keine Frage. Denn Arday hat nicht nur seine Dissertation mehr oder weniger Wort für Wort von einer anderen Soziologin gestohlen. Das wäre wohl kaum mehr als ein mediales Schulterzucken wert gewesen, Plagiate interessieren keinen Menschen. Nein, er hat wieder und wieder komplett unglaubwürdige und fantastische Geschichten zusammenfabuliert und keiner der woken Professoren oder Interviewer hat auch nur einmal nachgefragt oder nachgedacht. Das hat das Ganze so interessant und ja – auch lustig gemacht.
Es gibt wohl einige Menschen, die von sich behaupten, Einstein zu sein. Das ist traurig. Jason Arday hat von sich Sachen behauptet, die ähnlich absurd sind und nur dadurch interessant wurden, dass sie von Universitäten, Think Tanks, Medien und NGOs widerspruchslos geschluckt wurden.
30 Marathons in 35 Tagen, einige davon mit einem gebrochenen Bein? Epilepsie (nachdem er brutal zusammengeschlagen worden war – keine Beweise), Hirntumor (keine Beweise), Hodenkrebs (keine Beweise), mehrere Monate im Koma (nachdem er von einem Auto erfasst worden war – keine Beweise), semi-professioneller Fußballer (keine Beweise), und vieles, vieles mehr. Die Geschichten wurden über die letzten Wochen genüsslich in der Presse ausgebreitet. Keine seiner Behauptungen ließ sich bestätigen.
Als Kind angeblich mit Autismus diagnostiziert, stumm bis zum Alter von 11 Jahren, Analphabet bis 18 (seine ehemaligen Klassenkameraden bestreiten das). Überhaupt: Das, was jeder bestätigt, der Jason Arday jemals begegnet ist, ist sein unglaublicher Charme. Seine Fähigkeit, Komplimente zu machen, sich zu vernetzen, im Drittmittelantrag den richtigen Ton zu treffen. Das sind keine Attribute, die einem zum Thema „Autismus“ einfallen. Schon die Vorstellung, ein Autist könne ein guter semi-professioneller Mannschaftssportler sein, ist absurd. Doch wie viel mehr Blick für sich öffnende Räume, für Feldverschiebungen und falsche Füße, auf denen Menschen stehen braucht es, um in Cambridge Karriere zu machen, verglichen mit einem Fußballfeld? Nur schwarz zu sein reicht aber nicht aus, für einen Ruf nach Cambridge. Da musste noch mehr her aus dem Diversitäts-Koffer. Neurodiversität zum Beispiel.
Jason Arday war nicht zufrieden damit, durch eine gefälschte Doktorarbeit einen Ruf an eine ehrwürdige Universität erhalten zu haben. Er hat danach nicht begonnen, hart zu arbeiten. Seine Studenten berichten von katastrophalen Vorlesungen, zufälliger Benotung und schlechter Betreuung. Wer sich beschwerte, wurde des Rassismus bezichtigt. Als Kollegen die ersten Zweifel an der Echtheit seiner Veröffentlichung benannten, hat er sie der Hasskampagne bezichtig und angezeigt. Sie sahen sich mit polizeilichen Ermittlungen konfrontiert. Er engagierte eine aggressive Rechtsanwaltskanzlei und ging gegen jeden vor, der ihm Fragen stellen wollte.
Jason Arday hat nicht einfach nur in Ruhe seine Arbeit gemacht. Er hat das Rampenlicht gesucht. Er wollte ein Star sein, er wollte leuchten. Der gerade mal Vierzigjährige hat einen Millionenvertrag für seine Memoiren ausgehandelt. Darin stellt er Behauptungen auf, die einem Baron Münchhausen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Als ein Journalist vom Guardian nachfragte, warum er nach einer angeblichen Messerattacke durch einen maskierten Mann mitten auf dem Campus niemanden verständigt habe und warum dieser Vorfall nirgendwo auf den CCTV-Kameras auftauche, antwortete er: „Um ehrlich zu sein, ich dachte, Sie würden mir das einfach glauben.“(2)
Ist die Arday-Geschichte farbenblind?
Solch eine Geschichte gehört berichtet. Ist sie deshalb komplett farbenblind? Natürlich nicht. Arday wäre als weißer Mann mit Charme und einer behaupteten Autismus-Diagnose niemals auf einen der renommiertesten Soziologie-Lehrstühle des Landes gekommen. Die Geschichte von Arday ist nicht zufällig die eines schwarzen Mannes. Sie ist die Geschichte eines Schwarzen, weil sie einem Weißen nie hätte passieren können. Cambridge hat die Verpackung gekauft und nicht den Inhalt.
Die Story ist eine einzige Peinlichkeit für die Woken, für Cambridge und ja – auch für die schwarze Community. Und es ist ein Fest für solche, die sich als Rassen-Realisten bezeichnen. Diese ziehen jetzt den Umkehrschluss, was ein Fehler ist: Alle Katzen haben vier Beine, mein Hund hat vier Beine, also ist mein Hund eine Katze. Im Falle von Arday geht der Umkehrschluss so: Arday wurde trotz Unfähigkeit für das Amt berufen, nur weil er schwarz ist. Also ist jeder, der schwarz ist, unfähig für eine Professur in Cambridge.
Dieser Schluss ist völliger Unsinn. Das Problem beginnt dort, wo Cambridge nicht nur Qualität, sondern zusätzlich noch Glitzer wollte. Charme, Zöpfchen bis zum Po, strahlend, angeblich autistisch, aus einem Sozialviertel kommend, von oben bis unten woke und mit der Fähigkeit, sich selbst zu inszenieren. Will man solch ein Potpourri, wird es schwierig, präzise Denker zu finden.
Wenn man zum Beispiel Andrew Wiles nimmt, den weißen Mathematik Professor aus Cambridge, der Fermats letzten Satz bewiesen hat (große Geschichte!), der könnte auf keinem dieser Gebiete punkten. Er kann ausschließlich Mathematik.
Die Frage ist mittlerweile, ob so einer wie Wiles überhaupt noch an einer Eliteuniversität zugelassen würde. Denn ihm fehlen all die schicken Attribute, die es heute braucht. Einer der erschreckendsten Artikel dazu beschreibt das Aufnahmeverfahren zum Ingenieursstudium an der Eliteuniversität Berkley.(3) Die Uni hat ihre ursprünglichen Testverfahren aufgegeben, um mehr Diversität zu erreichen. Mittlerweile hat die Mathematik-Fakultät (inklusive fünf Nobelpreisträgern) in einem offenen Brief auf die unhaltbaren Zustände und den Niedergang der Mathematik in Berkley hingewiesen. Wer einen Studienplatz bekommt, hängt von den sozialen Hintergründen ab und tatsächlich nicht mehr von den Fähigkeiten in Mathematik. Die Autorin muss in Eingangsklassen nach eigenen Angaben Geradengleichungen wiederholen, ein Stoffgebiet, das bei uns im Qualifizierenden Hauptschulabschluss abgeprüft wird. Diese Studierenden sind Leute, die später neuartige Flugzeuge, Hochhäuser und Brücken entwickeln sollen! Berkley geht dabei einen ähnlichen Weg wie Cambridge. Sie schauen nur noch auf die Fassaden, nicht mehr auf die Fähigkeiten.
So kommen wir nicht weiter
Ob das rechten Aktivisten hilft? Natürlich. Wer unfähige Menschen aus weltanschaulichen Gründen befördert, der macht sich angreifbar. Im Falle von Cambridge macht er sich sogar lächerlich. Stimmt der Umkehrschluss? Mitnichten. Eine Geschichte ist nicht automatisch falsch, nur weil sie rechten Kreisen Wasser auf die Mühlen schickt.
Diejenigen, denen Arday unter anderem am schlimmsten mitgespielt hat, das sind schwarze Studenten und Akademiker, die hart arbeiten und Leistungen erbringen. Sie kommen unter den Generalverdacht, nur deshalb gute Noten zu bekommen, weil sie schwarz sind. Das hat nicht die Medienlandschaft zu verantworten, das geht direkt auf das Konto von Cambridge und seinen unverantwortlichen Umgang mit Exzellenz.
Arday war auch für die woke Linke eine unglaubliche Peinlichkeit, weil sie alle herkömmlichen Diversitätsprogramme schwer in Frage stellt. Hätte Arday weitergelebt, wäre eine Distanzierung von ihm wohl unvermeidlich gewesen. Jetzt aber wird es leichter: Er taugt plötzlich dazu, als Opfer des Rassismus gefeiert zu werden. Seine Verfehlungen kehrt man dazu unter den Teppich. Die Causa Arday wird umgedeutet in einen Kampf gegen Schwarze.
Das hat selbst in Deutschland schon begonnen. So behauptet zum Beispiel Peter Nowak im Overton Magazin, Arday sei ein Opfer einer rassistischen Hetzkampagne geworden. Er schreibt tatsächlich, es sei falsch, dass sich die linksliberalen Antirassisten von ihm distanziert hätten. Und er zieht die üblichen Register: weiße Hegemonie, Affirmation der alten kolonialistischen Weltordnung, rechter Kulturkampf. Er findet es falsch, Ardays angebliche 30 Marathons in 35 Tagen zu skandalisieren, nur weil er ein paar Pausentage eingelegt habe. (Wir alle sind in unserem Leben schon 30 Marathons gelaufen, wenn man all die Pausen dazuzählt, die wir zwischendrin auf dem Sofa, in der U-Bahn und im Bett vorgenommen haben.)
Dieser Reflex, ihn aufgrund seiner Hautfarbe heilig zu sprechen, ist so bedauerlich wie falsch. Arday war vorwiegend ein Täter – kein Opfer. Der Automatismus, Schwarze über jede Kritik erhaben zu sehen, ist letztendlich zutiefst rassistisch. Novak macht das ganz ähnlich wie die sogenannten „Rassen-Realisten“, nur mit umgedrehten Vorzeichen. Er unterscheidet Menschen nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren Hautfarben. So kommen wir nicht weiter.
Ich bereue nicht, über Jason Arday geschrieben zu haben. Er tut mir als Mensch leid. Im Fokus eines Mediensturms zu stehen, ist sicher furchtbar, auch wenn man selbst vieles dazu getan hat – und selbst nicht gerade zimperlich mit seinen Kritikern umgegangen ist. Es tut mir leid, dass er durch den woken Zeitgeist in eine Position gehoben wurde, in der man geradezu über ihn schreiben musste. Wären seine Plagiate rechtzeitig untersucht worden oder hätte man bei der ersten abstrusen Geschichte nachgefragt, bevor er als Star ins Rampenlicht getreten war, wäre es für ihn sehr viel leichter gewesen, mit dem Ganzen umzugehen.
Doch die Geschichte von Arday ist keine Geschichte von Rassismus. Wenn überhaupt, wurde Arday Opfer des Anti-Rassismus. Es waren die wohlwollenden Woken, die Arday die Möglichkeit gaben, sich zum Super-Man hochzufantasieren.
Cambridge hat einen riesigen Schaden angerichtet. Nicht, weil es rassistisch war, sondern weil es das woke Status-Spiel gespielt hat. Weil sie nicht nach Inhalten geschaut, sondern in unglaublicher Idiotie ihre Weltanschauung über ihr Hirn gestellt haben. Der Stern hat damals auch einiges einstecken müssen – zu Recht. Aus Gier nach der tollen Story haben sie sogar über die gefälschten altdeutschen Initialen auf den Tagebüchern hinweggeschaut und der Öffentlichkeit stolz die mit „FH“ versehenen Bände präsentiert, die dem neudeutschen „AH“ so ähnlichsehen.
Was im Falle von Cambridge aber noch deutlich dramatischer ist, ist das Umfeld. Wer schon mal mit Diversitätsprogrammen zu tun hatte, wird befürchten, dass Arday nicht das einzige Beispiel ist, wenn auch ein sehr krasses. Obwohl der Stern als linkes Magazin galt, sind damals keine Mahnwachen wegen „rechter Hegemonie“ gehalten worden. Niemand wäre auf die Idee gekommen, eine so eindeutige Geschichte von Inkompetenz umzudichten in einen Kampf zwischen Gut und Böse. Und den Stern als gerechtfertigt zu sehen, nur weil er auf der einem selbst genehmen Seite steht. Das, was wir auf der Mahnwache in London gehört haben, ist Spaltung in weiß und schwarz. Wer wirklich gegen Rassismus steht, sollte einen Menschen nach seinen Taten beurteilen, nicht nach seiner Hautfarbe.
Rest in Peace, Jason Arday. Und an die Universitäten: Macht es besser!
Fußnoten
- https://www.bbc.com/news/articles/clyxklg3xypo
- https://sarahditum.substack.com/p/the-most-unfortunate-thing?utm_source=direct&utm_campaign=post-expanded-share&utm_medium=web
- https://sfstandard.com/opinion/2026/08/15/uc-berkeley-sat-test-blind-admissions-math-scores/





Ach nö, hätte er auf die verlockende Perspektive verzichten sollen?
Felix Krull wird ihn jetzt bestimmt trösten.
Ich habe bis „Woke“ gelesen, dann bin ich ausgestiegen. Schon zuvor tat die Frau so, als spiele eine Tatsache keine Rolle: Rassismus. Natürlich war Arday ein Hochstapler, das zu benennen ist kein Problem und darauf ist die Uni reingefallen. Soweit OK. Aber nicht zu benennen, dass da dann doch in einer extremen Weise aus eine bestimmten Ecke die Sau durchs Dorf getrieben wurde, was bei anderen Fällen eben nicht so passiert, ist auch eine Tatsache. Dass die Frau dann noch das rechte Schlachtwort Woke einwirft, damit stellt sie sich dann eben auch in diese Ecke. Schade. Solche undifferenzierten Beiträge wollte ich hier eigentlich nicht lesen.
Statt der vor Hass geifernden rechtsextremen Autorin zu folgen fand ich diese Darstellung sehr ausgewogen, die eben auch den Haupttäter zu Wort kommen lässt und auch den Irsinn der westlichen „Hochschulbildung“ insbesondere in den Sozialwissenschaften nicht ausklammert.
> https://www.youtube.com/watch?v=nd3rEBSt5iE