Harte Zeiten, Folge 36 — Kanzler stabil

Deutsche Flagge vor dem Bundestag in Berlin
Quelle: Pixabay, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Turnschuhkanzler ist erleichtert. Dank der Rettungsaktion hat er sich als Stabilisator Deutschlands etablieren und den Putsch dadurch abwehren können. Er fährt zu Vic nach Hause, in der Hoffnung wieder mit ihr dort anzuknüpfen, wo sie vor Jahren aufgehört hatten. Ob es für beide möglich sein wird?

 

Jakob Mauder könnte zufrieden sein. Sowohl die Rechten wie auch die FCFW-Bewegung haben einen erheblichen Schaden davon getragen.

Mag sein, dass es nur vorübergehend ist. Aber wenigstens ist so Zeit gewonnen. Zeit, um das Land zu einen. Und seine Probleme zu lösen.

Seine persönlichen Umfragewerte sind so gut wie nie. Man macht wieder den JFK-Vergleich. Was ein gutes Zeichen ist. Allerdings muss er bei JFK immer an das Attentat denken. Egal. Wer beliebt ist, macht sich Feinde.

Er hat Vic mehrere SMS geschickt.

„Danke. Ohne dich wäre Deutschland ein unsicherer Ort.“ Und: „Darf ich mich erkenntlich zeigen? Ich hoffe es geht Dir gut!“ Und schließlich: „Hab ich irgendwas falsch gemacht? Antworte doch.“

Bis er schließlich kurz vor einer Kabinettssitzung plötzlich kehrt macht.

„Sie müssen mich noch wo hinfahren“, sagt er zu Manfred.

Vics Wohnung ist immer noch im vierten Stock. Und hat immer noch keinen Aufzug.

Was ihn wie beim letzten Mal oben außer Atem ankommen lässt.

Vielleicht sollte er wieder mehr Sport machen. Es muss ja nicht ein Attentat sein. Ein Herzinfarkt reicht auch.

Er atmet ein paar Mal ein und aus. Dann klingelt er.

Es dauert einige Zeit, aber dann macht sie auf.

„Ah, du …“, sagt sie nur. Ohne überrascht zu sein. Aber überrascht ist Vic nie.

Sie geht zurück in die Wohnung, lässt die Tür auf.

„Soll ich reinkommen?“, fragt Jakob.

Nachdem keine Antwort kommt, beschließt er, ihr zu folgen.

Er zieht die Schuhe aus und legt sie vor die Haustür. So wie er das früher gemacht hat, als er Vic in ihrer WG besucht hat.

Und einen Moment lang verliert er sich in dem Gedanken, es sei tatsächlich alles so wie damals. Sie werden ein Bier trinken und über irgendetwas reden, das ihnen heute passiert ist. Sie werden sich küssen und sie wird sich wieder auf seine Knie setzen und seine Haare durcheinanderwirbeln und dabei lachen. Er wird denken, ich liebe diese Frau und wird ihr sagen: „Irgendwann heirate ich dich und dann ziehen wir wieder zurück aufs Land und machen eine Hühnerfarm auf.“ Und Vic wird lachen und sagen, „nie im Leben“. Und er wird diesen Pfeil fühlen, in seinem Herzen, der sich mit ihrer Bemerkung in sein Herz gebohrt hat, weil er es doch ernst gemeint hat, vielleicht nicht das mit den Hühnern, aber das mit dem Heiraten, vielleicht hat sie das nicht verstanden, aber das ist ihm in diesem Moment egal.

„Willst du einen Kaffee?“, fragt Vic.

„Äh … nein, das heißt, ja doch gerne.“

Und dann setzt er sich auf den Plastikstuhl und sieht zu, wie Vic Kaffee macht, mit ihrer italienischen Kaffeemaschine.

Er traut sich nicht ihr zu sagen, dass er nur ein paar Minuten Zeit hat, dass er eigentlich jetzt losmüsste, aber dass er sie sehen wollte, um sich zu bedanken, vor allem aber, um zu fragen, was er denn falsch gemacht habe, dass sie nicht mit ihm sprechen will und nicht auf seine Nachrichten antwortet, also sagt er nichts und schaut weiter auf ihren Rücken und denkt daran, dass er sich noch nie so sehr als Turnschuhkanzler gefühlt hat wie jetzt.

Dann hört er das Rauschen von der Maschine, diese typischen Espressomaschinen „Pffff“. Er sieht, wie Vic eine Tasse für ihn in die Hand nimmt und den Kaffee hineingießt, ihm die Tasse hinhält und sich dann wieder am Herd anlehnt, um ihn leicht von oben herab anzusehen.

„Ich habe es damals ernst gemeint mit dem Heiraten“, sagt Jakob Mauder jetzt.

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

„Als ich gesagt habe, ich wollte mit dir zurück aufs Land und eine Hühnerfarm aufmachen.“

„Verstehe. Davor wolltest du aber noch eben mal schnell Politik machen und die Welt retten, richtig?“

„So ungefähr“, sagt Jakob Mauder. „Wärst du denn bei mir geblieben? Auch ohne Hühner?“

„Du bist derjenige, der gegangen ist, also frag nicht.“

Jakob senkt den Blick.

Vic war nicht schuld. Nicht allein schuld zumindest. Vielleicht sogar überhaupt nicht schuld. Ja, er ist derjenige gewesen, der gegangen ist.

Jakob und Vic schweigen. So lange, bis Vic irgendwann sagt: „Wie auch immer. Ich bin froh, dass der Junge gefunden werden konnte.“

„Ohne dein Foto wäre das alles nicht so gut ausgegangen.“

„Gut für ihn oder gut für dich?“

Jakob sieht Vic an. Warum kann sie sich diese Spitzen gegen ihn nicht sparen?

„Gut für uns beide. Vor allem aber gut für Deutschland.“

Jakob kann sehen, wie Vic ihn fast flehentlich ansieht.

„Kannst du es nicht einfach lassen?“, sagt sie jetzt leise.

„Was meinst du damit?“

Aber eigentlich muss Jakob Mauder nicht wirklich fragen, was sie meint, dass er es lassen soll, denn er weiß es.

Es denkt an das, was die Zeitungen über Karl-Friedrich Löwenstein geschrieben haben, dass er sich vor sie gestellt hat, nachdem sie Chris angeschossen hatte und ihr gesagt haben soll, dass er „von Mensch zu Mensch“ mit ihr sprechen wollte. Weil die Menschen miteinander verbunden wären und in dieser Sache hier zusammensteckten.

Und für einen Moment stellt er sich vor, wie es wäre, wenn er das alles lassen und nur als Mensch leben würde, als ein Mensch, der immer nur zu einem anderen Menschen spricht und nicht zu einem ganzen Land, im Namen einer Idee oder einer Vision.

Aber er weiß nicht, ob er das überhaupt kann. Oder das noch lernen kann.

„Du bist ein Angsthase, Jakob Mauder“, hat Vic ihm ganz zu Beginn ihrer Beziehung gesagt.

Er hat sein ganzes Leben lang versucht, ihr zu beweisen, dass er es nicht ist.

Aber er ist sich nicht sicher, ob es ihm gelungen ist.

„Komm her, Turnschuhkanzler“, sagt Vic plötzlich.

Und Jakob Mauder steht auf und lässt sich von ihr in die Arme nehmen.

So stehen sie dann in der Küche neben dem Herd und umarmen sich.

Ob zum Abschied oder für einen Neubeginn, wissen sie nicht.

 

– Ende –

Tasha Vidan

Tasha Vidan ist das Pseudonym einer renommierten Autorin und Journalistin, die hier einen komplett anderen Roman vorlegt und daher erstmal nicht mit ihrem Klarnamen in Erscheinung treten möchte. So viel sei gesagt: Ihre Herkunft erlaubt ihr, ganz unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Ihre Großeltern waren mütterlicherseits italienische Gastarbeiter, väterlicherseits polnische Juden, der soziale Aufstieg der Eltern prägte ihre Kindheit: Ein Leben im Zwischenraum verschiedener sozialer und kultureller Identitäten.
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4 Kommentare

  1. Malz

    Als Friedrich Malz kurz vor 20 Uhr das ARD-Wahlstudio betritt, weiß er, daß alles vorbereitet ist.

    Die anderen sind schon alle da. Schloz, mit seinem Grinsen, bei dem man Angst haben muß, daß die Milch in der Kanne sauer wird. Zwieback, der aufgeblasene grüne Frosch, und die Alice Feudel von den Rechten.

    Alles war so eingetreten wie in den Umfragen vorausgesagt. Nur daß dieser unmögliche Sonnekorn über fünf Prozent gekommen war, damit hatte niemand rechnen können. Jetzt saß der in der Runde und grinste ihn hinterhältig an. Haßerfüllt sah Malz hinüber. Wenn der ihn wieder mit seinem Spitznamen ansprach, dann würde er ihm die Wasserflasche an den Kopf werfen.

    Er merkte, daß die Feudel ihm einen warnenden Blick zuwarf und unmerklich für die anderen den Kopf schüttelte.

    „Herr Malz, Sie sind der Gewinner des Abends,“ sagte der Moderator, „die große Frage ist nun, mit wem Sie die neue Regierung bilden werden. Können Sie uns dazu etwas sagen?“

    Malz sammelte sich. „Wir sind offen für alle Demokraten, die daran mitwirken, daß in Deutschland endlich wieder Recht und Gesetz auf der Straße durchgesetzt werden“.

    Durch das große Fenster des Hauptstadtstudios hörte man die Sirene eines Polizeifahrzeugs, das draußen vorbeiraste.

    Schloz und Zwieback, die sich beide Hoffnungen auf die Regierungsbeteiligung machen konnten, setzten staatsmännische Mienen auf. Sie kamen als nächstes dran und taten so, als ob ihnen das Wohlergehen der Bürger am Herzen läge und daß es ohne sie in der Regierung nicht ginge.

    Malz hörte gar nicht hin. Ihm lag noch das demütigende Telefongespräch im Magen, das er kurz vor der Sendung mit seinem Chef gehabt hatte. Larry Pink hatte ihn aus dem New Yorker Hauptquartier von Blackcock angerufen. Er war zwar offiziell nicht mehr Vertreter von Blackcock, aber die Firma war wie die Hundescheiße auf den Berliner Straßen. Man kriegte sie nie wieder von den Hacken.

    „Fritzchen“, hatte Pink gesagt, er sagte immer „Fritzchen“, fast wie dieser Sonnekorn. „Wir wissen alle, daß du zu dämlich für den Job des Kanzlers bist. Aber das macht nichts. Die anderen sind auch nicht besser, und du hast ja mich. Also hör gut zu, wir haben einen Plan …“

    Vor dem Studio raste ein Krankenwagen mit Sirene vorbei.

    Malz sah unauffällig auf das Display seines Smartphones. In New York war die Regierungsbildung schon vorentschieden worden. Er war hier kaum mehr als ein wandelnder Kleiderständer. Natürlich fand er die Entscheidung richtig. Die Demokratie bedurfte einer Auffrischung. Es ging nicht so weiter, daß die Leute bei Wahlen abstimmten wie sie wollten. So wie man es in Rumänien gemacht hatte, so war es richtig.

    Jetzt redete dieser Sonnekorn. Er erklärte sich bereit zur Regierungsbildung. „Ich strebe die Kanzlerschaft an und biete dem Herrn … ähm … Malz das Amt eines Sonderbeauftragten für öffentlichen Grünanlagen an. Ich bin sicher, daß das seinen Fähigkeiten und Wünschen entspricht.“

    Im Studio entstand Unruhe. Draußen raste ein Feuerwehrwagen vorbei. Der Moderator kruschtelte in seinen Unterlagen und sah irritiert zur Regie hinüber.

    Grünananlagen? War der jetzt völlig durchgeknallt? Es war wirklich Zeit, daß da durchgegriffen wurde. Malz sah hinüber zu der Feudel. Die wußte offenbar auch schon Bescheid. Kein Wunder, die hatte als Bankerin mit Sicherheit auch längst schon Fäden zu Blackcock geknüpft. War sie etwa schon vor ihm von Larry Pink ins Bild gesetzt worden? Malz traf diese plötzliche Erkenntnis wie ein Schlag. Plötzlich war er zutiefst verunsichert. War ihm hier etwa die Rolle zugewiesen, die mal dieser Hugenberg gespielt hatte?

    Draußen raste jetzt ein Feuerwehrwagen nach dem anderen vorbei.

    Ein Regieassistent reichte dem Moderator einen Zettel. „Meine Damen und Herren,“ sagte der, „ich erhalte soeben eine wichtige Nachricht.“ Der Moderator sah entsetzt in auf seinen Zettel.

    „Der Reichstag brennt!“

    Im Studio entstand nun ein Höllenspektakel. Schloz und Zwieback standen mit offenem Mund da. Es dämmerte ihnen, daß sie aus dem Spiel waren. Hier waren höhere Mächte am Werk.

    Der Moderator versuchte mit erhobener Stimme gegen den Lärm anzukommen: „… verwirrter Einzeltäter … Sicherheit der Bevölkerung jederzeit gewährleistet … Türen und Fenster schließen …“ und so weiter.

    Da kam das Signal auf das Smartphone von Malz. Er streckte sich und schaffte energisch Ruhe. „Das ist ohne Zweifel das Werk linksradikaler Kräfte im Auftrag des Kreml. Hier muß Remedur geschaffen werden. Ich werde am ersten Tag meiner Kanzlerschaft Verordnungen erlassen, die ein für alle Mal diesen Terroristen das Handwerk legen. Schon Morgen werde ich eine Regierung des nationalen Notstands bilden, mit der starken Mehrheit aller wahrhaft staatserhaltenden Kräfte“.

    Wie auf ein Kommando blickten alle zu der Feudel hinüber, die nun lächelnd aufstand und spöttisch zu Malz sagte: „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

  2. Ömpf. Was soll uns dieses Kunstwerk? Resignation? Rettung durch die wokgrüne Blase? Oder der Nachweis, daß die Deutschen für einen Umsturz zu dämlich sind? Siehe Lenin: Bevor der deutsche Revolutionär einen Bahnhof stürmt, kauft er sich eine Bahnsteigkarte…

  3. ENDE
    Hatte ich glatt übersehen.
    Sollte das nicht unter Kurzgeschichte laufen?
    Ist das für die Generation der Bologna-Akademiker schon ein Roman?

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