
Philipp ist im Gefängnis und schreibt Felix einen Brief. Sybille bewundert ihren Mann – und Jan-Friedrich sagt sich von der Bewegung um den Baron von Lichten los.
Philipp wird bald aus der Haft entlassen werden. Ein Entgegenkommen der Justiz auf Grund der Kooperationsbereitschaft während der Befreiungsaktion. Und wegen guter Führung während seiner Zeit in Gefängnis.
Er würde gerne mit Felix in Kontakt treten. Nicht nur, um sich zu entschuldigen. Sondern auch, um zu sehen, wie es ihm geht. Er hat ihm einen Brief geschrieben. Ihm darin zu erklären, wie es dazu kam, wie sehr es ihm leidtut und dass er hofft, dass er ihm eines Tages verzeihen kann.
Aber er hat den Brief nicht abgeschickt. Weil er die Kontaktaufnahme aufdringlich findet. Vielleicht später einmal.
Sein Vater ist schon länger aus der U-Haft entlassen worden. Er kommt ihn jeden Tag besuchen.
Philipp hat ihn letzte Woche gefragt, ob er ihm das mal mit der Reichstagssache und den „Freunden für Freiheit und Recht in Deutschland“ erklären kann. Die Ideen, die die Leute da haben. Und wofür sie bereit gewesen waren, zu kämpfen. Aber Karl-Friedrich hat mit dem Kopf geschüttelt.
Gestern hat Philipp ihm gesagt, dass er ihn liebt. Jule wird eine Zeitlang im Gefängnis bleiben. Auch ihr hat er einen Brief geschrieben. Alles hat er in diesen Brief geschrieben.
Wie er sie bewundert hat. Wie sie ihn enttäuscht hat. Wie abscheulich er das findet, was sie Felix angetan hat. Irgendwo hat er gelesen, dass sie psychiatrische Therapie erhält. Was auch immer. Er erwartet keine Antwort von ihr. Er ist es, der es sich von der Seele schreiben will.
Er muss oft an das denken, was Karl-Friedrich zu Jule gesagt hat. Dass sie alle miteinander verbunden sind.
Vielleicht sind wir das wirklich, denkt Philipp. Lauter kleine Monaden, die mal nebeneinander herleben, mal miteinander verschmelzen, sich wieder trennen und doch irgendwie zusammenbleiben in diesem seltsamen Kosmos.
Sybille hat den Brief von ihrem Sohn an die Entführerin in der Hand. „Jule Braunschweig“ steht da. Sybille lehnt es ab, sie als Jule Braunschweig zu bezeichnen. Oder als „Ex Freundin meines Sohnes“. Für Sybille ist sie „die Entführerin“. Fertig.
In den Zeitungen schrieb man, dass sie als Kind missbraucht worden ist. Und dass sie jetzt alles bereut. Als ob das ihre Tat erklären könne. Aber die Medien brauchen immer ein Opfer.
Trotzdem wird sie den Brief abschicken. Sie hat es Philipp versprochen. Karl-Friedrich ist schon seit vier Wochen aus seiner Haft entlassen worden. Nach wenigen Tagen zu Hause, sind sie gemeinsam nach Neapel gefahren.
In der düsteren Stadt haben sie sich bei den Händen gehalten und sind durch die engen dunklen Gassen gelaufen. Die Gassen Neapels sehen immer noch genauso aus wie in den alten Filmen mit Sophia Loren, wo sie mit Marktweibern am Straßenrand steht und Gemüse verkauft. Das Italien des Südens widersteht der Modernisierung, es widersteht einem Leben, das man nur lebt, um Geld zu verdienen. In Italien lebt und stirbt man für die Familie, das erzählen die dunklen Gassen hier, in denen Sybille jetzt mit Karl Friedrich entlang geht. Auch sie fühlt sich jetzt als eine italienische Mama, eine Frau, die nur für ihre Familie da ist, weil es das einzige ist, das dem Leben einen Sinn ergibt, die Familie zu lieben und zusammenzuhalten, das hat sie in diesem Moment gespürt, in dem sie zur Tigerin geworden ist in der Scheune und ihre Familie verteidigt hatte.
Was mit Chris passiert ist, weiß sie nicht.
Karl-Friedrich hat ihr erzählt, dass er in eine neue Stadt gezogen ist. Was ihr nur recht ist. Sie würde es nicht wollen, dass Karl-Friedrich von ihrer Affäre erfährt. Auch nicht von einer, die nicht einmal eine richtige gewesen ist.
Es tut ihr leid, Karl-Friedrich betrogen zu haben. Untreue ist kein moralisches Vergehen. Es bedeutet den Bruch eines Versprechens. Das man sich gegeben hat, um sich miteinander zu verbinden. Und diese Verbundenheit an etwas festgemacht hat. Sie will Karl Friedrich treu sein, weil es dieses Opfer ist, dass ihre Ehe zusammenhalten wird. Auch Karl-Friedrich war bereit gewesen, sich für zu opfern. Er war nach vorne getreten, bereit sein Leben zu lassen. Für Chris, für den Jungen, aber vor allem für Philipp und sie. Und das würde sie ihm nie vergessen.
Karl-Friedrich weiß, dass er zu einer absterbenden Art gehört, der des alten weißen Mannes. Natürlich wird es noch Männer geben, auch weiße Männer, die auch alt werden. Doch sie werden anders sein. Sie werden nicht die Zivilisation auf ihren Schultern tragen. Sie werden sie den Frauen überlassen. Das hat er jetzt begriffen, Er hat es in dem Moment begriffen, in dem das Mädchen sich das Gewehr genommen hat. Und Sybille sich auf sie gestürzt hat. In diesem Moment hat er begriffen, dass der Lauf der Dinge unter Frauen entschieden werden wird.
Karl-Friedrich hat beschlossen, nicht mehr dagegen anzukämpfen.
Weder er, noch der Baron, der immer noch im Gefängnis sitzt, noch die Rechten werden diese Entwicklung aufhalten. Das Patriarchat wird durch das Matriarchat ersetzt werden, so wie vor 300 Jahren der Feudalismus durch den Kapitalismus abgelöst wurde. Ob die Welt dann eine bessere werden wird, werden die zukünftigen Generationen entscheiden.
Fortschritt ist ohnehin überbewertet. Alles, was es gibt, sind bessere und mal schlechtere Momente in der Geschichte.
Karl-Friedrich hat beschlossen, nicht mehr gegen den Lauf der Welt anzukämpfen. Weil solche Kämpfe immer zu zu viel Leid führen. Er hätte fast seinen Sohn verloren. Was, wenn diese Verrückte ihn erschossen hätte? Ihn oder auch Sybille?
Er musste erst 63 Jahre alt werden, um das zu verstehen.
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„Seit Jahrzehnten im Business, gewandt in der Kunst, Geschichten zu entwirren, selbst wenn sie in den gefährlichsten Ecken der Welt und im abseitigsten aller Foren verborgen sind“
Yes, ich hab’s geahnt, nach dem Wahlsieg baut Deutschland das endgültige U-Boot mit Kraft durch Freude Antrieb und Holzmanschild Generator. Es wird dieses Mal nicht nur die Welt-Gerettet sondern auch die Möglichkeiten den Zeitraum zu beherrschen in Betracht gezogen.
Auch kleine Details wie die Dinkel-vegeanische Lederausstattung der U Boot Fahrer*Innen sind erwähnt!
Chapeau! Altlandrebell
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„Ja, wie geht es nun weiter,“ dachte Schloz, als er aus dem kurzen Traum erwachte. Wie lange hatte er geschlafen? Er fühlte sich tatsächlich erfrischt. „Merkwürdig in dieser Lage“, dachte er, „normalerweise ist das ja ganz nett, aber gerade jetzt nützt es mir doch nichts“. Er fröstelte und zog die rauhe Decke über sich.
Das Fenster hoch über dem Kopf des Bettes war undicht. Durch die Scheiben zog es eiskalt herein. So ein Loch! Hier war wohl seit Jahrzehnten kein Kitt mehr an die Fenster gekommen. Gestern hatte er versucht, mit den Fischstäbchen, die es hier immer gab, die Ritzen abzudichten. Fischstäbchen, das war doch was für Bürgergeld-Bezieher, die sich beim Discounter versorgen mußten. Aber doch nicht für ihn. Man hatte doch Ansprüche! Auf den Alsterterassen hatte er immer exquisit gespeist und die Domestiken waren um ihn, den Sozialdemokraten, herumgewieselt. So sollte es sein!
Das war ein komischer Traum. Er als Kommandant eines U-Bootes? Ja, die hatte er oft gesehen, auf der Werft in Hamburg. Da hätte er bleiben sollen. Nach seiner Zeit als Bürgermeister hätte er in die Wirtschaft gehen können. An jedem Finger hätte er zehn Angebote gehabt mit seinen Verbindungen und seinen Kenntnissen in der Finanzverwaltung. Und jetzt das.
Er dachte an seinen Prozeß zurück. Daß sich gerade dieser Kerl von der Warstein-Bank gegen ihn gestellt hatte, dieser Olfaktorius. Dabei hatte er sich seinerzeit so für ihn eingesetzt. Eine Hand wäscht die andere hatte, er gesagt. Schloz wickelte sich tiefer in seine Decke. Der Olfaktorius mit seinem Tagebuch! Warum hatte er alle Treffen mit ihm protokolliert? Wer macht denn sowas. Wollte der das etwa seinen Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen?
Draußen vor der Tür tobte jemand. Wahrscheinlich der Malz, dieses arrogante Arschloch.
Dabei hätte alles so schön gehen können. Alle haben ihm gesagt, daß man den Russen bei den Eiern hätte. „Dekolonisierung Russlands“, hatten die Experten in den Talkshows geflötet. Wenn es geklappt hätte, wäre er als zweiter Bismarck in den Medien gefeiert worden. Mit Blut und Eisen und so. Denkmäler wären aufgestellt worden mit ihm oben drauf, wie er mit ausgestrecken Arm gen Osten weist. Bodenschätze und Energie. Enrichissez-vous! Und jetzt tun sie alle so, als ob sie schon immer was gegen ihn gehabt hätten. Alle wollen sie plötzlich im Widerstand gewesen sein.
Die Bärlauch auch, diese unerträgliche Ziege. Man hatte sie aus einem Uhrenkasten im Amt gezogen, wo sie sich versteckt hatte. Es war nicht zu fassen. Die war überhaupt nie erwachsen geworden. Und jetzt erzählte sie, sie habe nur mitgemacht, „um Schlimmeres zu verhindern“.
Auf dem Hof vor dem zugigen Fenster klapperte etwas und dann gab es ein kurzes häßliches Knirschen. Die Raben auf der Dachrinne krächzten höhnisch.
Und der Zwieback dieser aufgeblasene grüne Frosch war im Flugzeug getürmt und ist über Kiew abgesprungen. „Um über den Frieden zu verhandeln“, hatte er noch aus dem Flugzeug gemeldet, die Denkerstirn in Falten gelegt. Dabei war der doch zu gar nichts zu gebrauchen. Und wie sich zeigte, hat er nicht mal seinen eigenen Fallschirm aufgekriegt. In einem Bombentrichter haben sie ihn gefunden. Die Medien haben es aus Pietät nicht berichtet, sondern haben nur gesagt, man habe einen „Fehlzünder“ ausgegraben.
Als die Panzerspitzen der Russen den Außenring um Berlin erreicht hatten, war ihm klar, dass er fliehen mußte. Natürlich hatte er vorgesorgt. Das halbe Kabinett hatte schon die „Green Card“ in der Tasche. „Eigenvorsorge“ nannte man so etwas, und wer kein Penthouse in Dubai oder in Florida sein eigen nennen konnte, der war selber schuld.
Ihm war es egal, was mit dem Land geschehen würde. Soll niemand sagen, sie hätten nicht gewußt, worauf sie sich eingelassen hatten. Sie waren doch alle einverstanden. Sie haben ja auch den Malz gewählt, diesen Bumskopp mit seinen Raketen. Der Russenhaß war schon seit dem Ersten Weltkrieg sozialdemokratische Tradition und bei den Konservativen und ihren Wählern sowieso. Die haben ihr Schicksal verdient, das ihnen bevorsteht, dachte er.
Leider haben sie ihn auf der Flucht geschnappt, als er zusammen mit dem Käseritter über die Weser gehen wollte. Der Käseritter, der auch immer Bomben auf den Kreml setzen wollte und der im neuen Kabinett Kriegsminister geworden war. Und dann haben sie alle hierher nach Nürnberg gebracht in dieses zugige Loch. Da steckte bestimmt der alte Lafargue aus dem Saarland dahinter, zusammen mit seiner unerträglichen Frau. Denen war so eine Art von Humor zuzutrauen.
Schloz fröstelt es in seinem dünnen, weißen Hemd. Bei seinen Wahlkampfauftritten hat er immer Wert darauf gelegt, in einem blütenweißen Hemd aufzutreten. Es sollte Tatkraft ausstrahlen. So als ob er die Ärmel aufkrempeln wollte, daß er einer aus dem arbeitenden Volk wäre, ein Kumpel wie sie. Natürlich hätten sich die Leute auf den Marktplätzen so ein maßgeschneidertes Hemd nie leisten können.
Gestern abend haben sie ihm den Kragen abgeschnitten von dem Hemd. Was für eine Sauerei.
Schloz hört, wie ein Schlüssel in das Schloß seiner Tür fährt. Er ist hellwach. Der kurze Schlaf hat ihn erfrischt. Obwohl es ihm jetzt gar nichts nützt.
Die Raben auf der Dachrinne krächzen höhnisch.
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@Altlandrebell. Vielen Dank für den Gruß. Ich habe mich darüber gefreut.
„DAS Brummen des Generators“, lieber Altlandrebell. DAS.
Oder nur ein eingebauter Hauch eines Hinweis‘ auf Nichtredigiertes anderer Schreiber?
Auch von mir (aber ehrlich): Chapeau! An Sie und die KI.
Obwohl, kann KI wirklich solch farbenfrohe, blumig-mäandernde Literatur – in einer so brutalen, grau-metallischen Ära? Und analogieenreich noch dazu: „… Geschichten zu entwirren, selbst wenn sie in den gefährlichsten Ecken der Welt und im abseitigsten aller Foren verborgen sind.“ Das mit dem Forum kommt nicht von der KI, richtig?
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