Harte Zeiten, Folge 35 — Briefe und Bewunderung

Harte Zeiten, Kuppel des Reichstages
Quelle: Pixabay

Philipp ist im Gefängnis und schreibt Felix einen Brief. Sybille bewundert ihren Mann – und Jan-Friedrich sagt sich von der Bewegung um den Baron von Lichten los.

 

Philipp wird bald aus der Haft entlassen werden. Ein Entgegenkommen der Justiz auf Grund der Kooperationsbereitschaft während der Befreiungsaktion. Und wegen guter Führung während seiner Zeit in Gefängnis.

Er würde gerne mit Felix in Kontakt treten. Nicht nur, um sich zu entschuldigen. Sondern auch, um zu sehen, wie es ihm geht. Er hat ihm einen Brief geschrieben. Ihm darin zu erklären, wie es dazu kam, wie sehr es ihm leidtut und dass er hofft, dass er ihm eines Tages verzeihen kann.

Aber er hat den Brief nicht abgeschickt. Weil er die Kontaktaufnahme aufdringlich findet. Vielleicht später einmal.

Sein Vater ist schon länger aus der U-Haft entlassen worden. Er kommt ihn jeden Tag besuchen.

Philipp hat ihn letzte Woche gefragt, ob er ihm das mal mit der Reichstagssache und den „Freunden für Freiheit und Recht in Deutschland“ erklären kann. Die Ideen, die die Leute da haben. Und wofür sie bereit gewesen waren, zu kämpfen. Aber Karl-Friedrich hat mit dem Kopf geschüttelt.

Gestern hat Philipp ihm gesagt, dass er ihn liebt. Jule wird eine Zeitlang im Gefängnis bleiben. Auch ihr hat er einen Brief geschrieben. Alles hat er in diesen Brief geschrieben.

Wie er sie bewundert hat. Wie sie ihn enttäuscht hat. Wie abscheulich er das findet, was sie Felix angetan hat. Irgendwo hat er gelesen, dass sie psychiatrische Therapie erhält. Was auch immer. Er erwartet keine Antwort von ihr. Er ist es, der es sich von der Seele schreiben will.

Er muss oft an das denken, was Karl-Friedrich zu Jule gesagt hat. Dass sie alle miteinander verbunden sind.

Vielleicht sind wir das wirklich, denkt Philipp. Lauter kleine Monaden, die mal nebeneinander herleben, mal miteinander verschmelzen, sich wieder trennen und doch irgendwie zusammenbleiben in diesem seltsamen Kosmos.

Sybille hat den Brief von ihrem Sohn an die Entführerin in der Hand. „Jule Braunschweig“ steht da. Sybille lehnt es ab, sie als Jule Braunschweig zu bezeichnen. Oder als „Ex Freundin meines Sohnes“. Für Sybille ist sie „die Entführerin“. Fertig.

In den Zeitungen schrieb man, dass sie als Kind missbraucht worden ist. Und dass sie jetzt alles bereut. Als ob das ihre Tat erklären könne. Aber die Medien brauchen immer ein Opfer.

Trotzdem wird sie den Brief abschicken. Sie hat es Philipp versprochen. Karl-Friedrich ist schon seit vier Wochen aus seiner Haft entlassen worden. Nach wenigen Tagen zu Hause, sind sie gemeinsam nach Neapel gefahren.

In der düsteren Stadt haben sie sich bei den Händen gehalten und sind durch die engen dunklen Gassen gelaufen. Die Gassen Neapels sehen immer noch genauso aus wie in den alten Filmen mit Sophia Loren, wo sie mit Marktweibern am Straßenrand steht und Gemüse verkauft. Das Italien des Südens widersteht der Modernisierung, es widersteht einem Leben, das man nur lebt, um Geld zu verdienen. In Italien lebt und stirbt man für die Familie, das erzählen die dunklen Gassen hier, in denen Sybille jetzt mit Karl Friedrich entlang geht. Auch sie fühlt sich jetzt als eine italienische Mama, eine Frau, die nur für ihre Familie da ist, weil es das einzige ist, das dem Leben einen Sinn ergibt, die Familie zu lieben und zusammenzuhalten, das hat sie in diesem Moment gespürt, in dem sie zur Tigerin geworden ist in der Scheune und ihre Familie verteidigt hatte.

Was mit Chris passiert ist, weiß sie nicht.

Karl-Friedrich hat ihr erzählt, dass er in eine neue Stadt gezogen ist. Was ihr nur recht ist. Sie würde es nicht wollen, dass Karl-Friedrich von ihrer Affäre erfährt. Auch nicht von einer, die nicht einmal eine richtige gewesen ist.

Es tut ihr leid, Karl-Friedrich betrogen zu haben. Untreue ist kein moralisches Vergehen. Es bedeutet den Bruch eines Versprechens. Das man sich gegeben hat, um sich miteinander zu verbinden. Und diese Verbundenheit an etwas festgemacht hat. Sie will Karl Friedrich treu sein, weil es dieses Opfer ist, dass ihre Ehe zusammenhalten wird. Auch Karl-Friedrich war bereit gewesen, sich für zu opfern. Er war nach vorne getreten, bereit sein Leben zu lassen. Für Chris, für den Jungen, aber vor allem für Philipp und sie. Und das würde sie ihm nie vergessen.

 

Karl-Friedrich weiß, dass er zu einer absterbenden Art gehört, der des alten weißen Mannes. Natürlich wird es noch Männer geben, auch weiße Männer, die auch alt werden. Doch sie werden anders sein. Sie werden nicht die Zivilisation auf ihren Schultern tragen. Sie werden sie den Frauen überlassen. Das hat er jetzt begriffen, Er hat es in dem Moment begriffen, in dem das Mädchen sich das Gewehr genommen hat. Und Sybille sich auf sie gestürzt hat. In diesem Moment hat er begriffen, dass der Lauf der Dinge unter Frauen entschieden werden wird.

Karl-Friedrich hat beschlossen, nicht mehr dagegen anzukämpfen.

Weder er, noch der Baron, der immer noch im Gefängnis sitzt, noch die Rechten werden diese Entwicklung aufhalten. Das Patriarchat wird durch das Matriarchat ersetzt werden, so wie vor 300 Jahren der Feudalismus durch den Kapitalismus abgelöst wurde. Ob die Welt dann eine bessere werden wird, werden die zukünftigen Generationen entscheiden.

Fortschritt ist ohnehin überbewertet. Alles, was es gibt, sind bessere und mal schlechtere Momente in der Geschichte.

Karl-Friedrich hat beschlossen, nicht mehr gegen den Lauf der Welt anzukämpfen. Weil solche Kämpfe immer zu zu viel Leid führen. Er hätte fast seinen Sohn verloren. Was, wenn diese Verrückte ihn erschossen hätte? Ihn oder auch Sybille?

Er musste erst 63 Jahre alt werden, um das zu verstehen.

Ähnliche Beiträge:

8 Kommentare

  1. Tja, so schnell kann’s gehen. Und wer kennt es nicht? Ein paar Tage nicht reingeschaut und schon ist die Handlung vier, fünf Staffeln weiter… Oder?

    Breaking Schloz – Episode 47: Unter Wasser und Stahl

    Die Wellen schlagen hoch und grollend gegen das unheimliche graue Gebilde, das sich unter den drei Gestrandeten aus der düsteren Tiefe des Ozeans erhebt. Das Licht der untergehenden Abendsonne blendet ihre Augen. Blutrot taucht das Gestirn am Horizont unter und sendet seine letzten Streifen über den Himmel. Brooklynne Aronal rappelt sich als Erste auf und lässt ihren Blick über die glänzende, metallene Oberfläche schweifen, welche sie kalt und bedrohlich unter ihren Füßen spürt. Ihr dunkles, windgepeitsches Haar weht ihr ins Gesicht, doch sie wischt es entschlossen beiseite. Ihre Augen, grün und wachsam wie der Blick einer Raubkatze, suchen die Linien des Etwas ab, das sie für ein Seeungeheuer gehalten hatten – doch es ist keine Bestie, kein Dinosaurier. Sondern ein Monster aus Stahl.

    „Das ist kein Tier“, murmelt sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen, aber die Worte sind wie ein Befehl in der Luft. Der Wind trägt ihre Stimme davon, doch sie hört sie klar in ihrem eigenen Kopf, als wäre sie selbst von der Schockwelle der Erkenntnis erfasst. Trotz ihrer 21 Jahre ist sie eine erfahrene Journalistin. Seit Jahrzehnten im Business, gewandt in der Kunst, Geschichten zu entwirren, selbst wenn sie in den gefährlichsten Ecken der Welt und im abseitigsten aller Foren verborgen sind. Doch dieses Ding hier – es ist kein gewöhnliches Abenteuer.

    „Hoffentlich ist es nicht das, was ich denke“, murmelt der treue Campact mit seiner rauen, sanften Stimme, die fast immer einen Hauch von Bedacht enthält. Der Kameramann begibt sich an Brooklynnes Seite, groß und mit markanten Gesichtszügen, die ihm ein joviales und sehr vertrautes Aussehen verleihen. Seine Augen, von einem blassen Blau, sind scharf wie die Linse seiner Kamera, die er jetzt instinktiv aus der Tasche zieht. Man würde ihn leicht für einen Krieger halten – ein Mann, der in den dunklen Ecken der Welt gelebte Geschichten in bewegte Bilder fängt. Seine kräftigen Arme, die stets bereit sind, sich in die Situation zu stürzen, beginnen zu schwingen, als er Brooklynne bei ihrem nächsten Schritt folgt.

    „Das Ding ist tot“, murmelt er, als er die glänzende Oberfläche abtastet und den Finger auf das glänzende Metall legt, das sich unter dem Wasser ausbreitet.

    „Nicht tot, Campact, nur tief unter Wasser begraben“, sagt Justin Time. Mit einem wissenden Grinsen begibt er sich an die Seite von Brooklynne und ihres Kameramanns. In seiner breiten Brust, unter dem massiven grauen Bart, schlägt ein Herz, das genauso schroff ist wie seine Erscheinung. Der Expolitiker aus Kanada trägt den Widerstand in seinen Augen, ein Relikt aus seiner Zeit im politischen Sturm. Aber es gibt auch etwas anderes – etwas, das die Welt ihm nicht nehmen konnte. Einen Humor, der selbst in den düstersten Stunden nicht ganz verflogen ist. „Aber wenn es nach mir ginge, könnte es ruhig tot sein.“

    Plötzlich zucken alle drei zusammen, denn ein tiefes Grollen erschallt vom Boden unter ihren Füßen wie das Brüllen eines längst vergessenen Ungeheuers. Derselbe Laut, den sie an Bord der „Joseph Biden“ gehört hatten, kurz bevor das stählerne Wesen die Fregatte angegriffen hatte. Bevor die drei Gestrandeten über Bord gerissen worden waren. Brooklynne schaut sich um. Es fühlt sich jetzt an, als ob der Stahl unten ihn lebt, als ob er sich von innen heraus bewegt.

    „Was war das?“ fragt Campact und schwenkt die Kamera in jede Richtung.

    „Halt die Augen offen“, sagt Brooklynne, ihre Stimme fest und sicher, aber ihr Blick ein wenig besorgt. Sie spürt es, die Gefahr, die langsam auf sie zukommt. Diese Sache, dieses verdammte Ding aus Stahl… es ist lebendig, in einem Sinne, den sie nicht wirklich erfassen kann.

    Ein erneutes Grollen. Diesmal lauter. Die Oberfläche des Schiffs vibriert, als wäre sie ein pulsierendes Herz, das nur darauf wartet, denjenigen zu zerschmettern, der ihm zu nah kommt. Und dann – wie aus dem Nichts – öffnet sich plötzlich eine Art Luke. Eisenklappen schwenken rumpelnd auf, und kaltes, gespenstisches Licht strahlt heraus, wie das Licht aus den tiefsten Eingeweiden eines Raumschiffs.

    Drei Männer treten heraus. Ihre Gesichter sind maskiert, die Körper in schwere, schwarze Uniformen gehüllt, die nichts preisgeben. Sie wirken wie Schatten, direkt aus der Dunkelheit des tiefsten Meeres emporgestiegen. Ihre Bewegungen sind glatt, geübt, ohne eine Spur des Zögerns, und ihr Blick ist fest auf die drei Fremden gerichtet, als hätten sie genau gewusst, dass dieser Moment kommen würde.

    „Mitkommen“, bellt einer der Männer, seine Stimme leise und mechanisch, als würde sie durch ein Metallrohr übertragen.

    „Und wenn wir nicht wollen?“, entgegnet Justin keck. Sein Grinsen ist nicht verschwunden, aber er ahnt was kommt.

    Der Mann zuckt mit den Schultern und in der gleichen Sekunde springt er zur Seite. Die beiden anderen stürzen sich auf die Gruppe, packen Campact, Justin und Brooklynne an Armen und Haaren und ziehen sie unbarmherzig in das Innere des Etwas. Für Brooklynne fühlt sich an, als würde der Raum um sie herum enger, kälter und dunkler werden, als ob das Metall selbst ihren Widerstand in der Luft ersticken würde.

    „Was ist das für ein Ort?“ fragt sie ängstlich, als die drei plötzlich in eine Zelle gestoßen werden. Ihre Stimme hallt schrill von den Wänden wider.

    „Der Ort, an dem eure Fragen enden“, erwidert der erste Mann seelenruhig. Dann schließt sich das Portal hinter ihnen, und das dumpfe Rauschen eines Generators wird zur einzigen Musik, die sie für lange Zeit hören.

    Im Dämmerlicht der Zelle stehen sie jetzt zusammen, alles in ihnen in Frage gestellt. Ihr Blick streift über die Wände – Metall, so unnahbar wie der Ozean selbst, so kalt wie der Tod. Und sie wissen jetzt: Die Jagd hat begonnen.

    ***

    Die Zelle ist ein einziger Ausdruck der Bedrückung. Ihre Wände atmen kein Leben, der unaufhörliche Brummen des Generators bleibt das einzige Geräusch, das sich durch die dichte Luft zieht. Es ist als ob der Raum selbst darauf wartet, dass etwas passiert. Eine Neonröhre, die hoch oben an der Decke befestigt ist, flackert hin und wieder. Ihr kaltes Licht fällt auf die gesichtslosen Wände und den einzig wirklichen Gegenstand in der Kammer – einen kunstvollen Perserteppich, der wie eine gespenstische Erinnerung an eine bessere Welt wirkt. Die Motive darauf – Wellen, Fische und fremdartige Pflanzen – scheinen sich zu bewegen, als ob sie die Spannung derer widerspiegeln, die darauf hocken.

    Brooklynne, Campact und Justin kauern auf Sisalschlafsäcken. Ihre Blicke sind leer, ihre Gedanken wirr. Das monotone Brummen dringt immer tiefer in ihren Geist und längst wissen sie nicht mehr wie viel Zeit vergangen ist. Stunden? Tage? Sie wissen nur, dass das Gefühl der Isolation sich mit jeder Minute verstärkt. Vorhin wurde ihnen ein Tablett mit drei Tellern gebracht, die jeweils einen schleimigen, grünen Haufen enthielten – ein gesundes Essen auf Algenbasis, das in seiner Geschmackslosigkeit ihr Verlangen nach Freiheit jedoch nur noch mehr schürt. Später wird ihnen auch ein Eimer hingestellt – ein Tauschgeschäft zwischen dem Sklaven der Nahrungsaufnahme und den Wünschen der Zelle.

    „Was ist das für ein Ort?“ fragt Brooklynne immer wieder, ihre Stimme ein flaches Echo der Angst und Zweifel in ihrem Inntern. Sie schiebt ihren Schlafsack beiseite und steht auf. Ihre Augen blitzen, als sie den Raum abschätzt, als wollte sie mit dem Blick den ungreifbaren Feind finden, der sich in den Schatten dieser Kammer verbirgt.

    „Ein U-Boot, denke ich“, murmelt Justin, der immer noch in einer Ecke sitzt und mit verschränkten Armen überlegt. Er kaut nachdenklich an einem Stück Alge und sieht zu Brooklynne. „Was anderes kann es nicht sein. Diese Wände… das ist Stahl, keine Frage.“

    „Du meinst, wir sind tief unter Wasser?“ fragt Campact. Aufregung und Angst blitzen in seinen Augen. Der Gedanke hat etwas Beunruhigendes an sich, das sich in der dichten Stille ihrer Zelle ausbreitet. Seine Kamera haben sie ihm nicht abgenommen, doch er hat sie längst beiseitegelegt – ihre Funktion scheint in dieser Trostlosigkeit bedeutungslos geworden zu sein.

    „Genau da sind wir, Campact“, sagt Justin, und jeder hört den bitteren Unterton in seiner Stimme. „Und wenn wir hier herauskommen, werde ich mir deine Kamera schnappen, um all die Bilder zu machen, die nötig sind, um diese Hölle ans Licht zu bringen.“

    Doch ihre Gespräche bringen keine Antworten. Sie ziehen sich immer wieder in sich selbst zurück, harren aus, bis der Raum ihre Gedanken verschlingt. Manchmal nickt Brooklynne ein, doch ihr Schlaf wird von der drückenden Enge und dem ständigen Geräusch des Generators zerrüttet. Schlaf hat hier keinen Platz und auch nicht die Zeit. Es gibt nur den Moment – die flimmernde Neonröhre und die dreifache Präsenz einer stillen Gefangenschaft.

    Dann – wie ein greller Blitz in der Dunkelheit – öffnet sich wieder die Tür. Es geschieht ohne Vorwarnung, ohne Geräusch. Das Metall geht auf und kaltes Licht strömt in den Raum. Die Luft wird plötzlich scharf und kühl. Brooklynne fährt auf, und ihre Augen weiten sich. In der Tür stehen wieder zwei der Männer in schwarzen Anzügen, ihre Gesichter maskiert, ihre Augen nicht zu erkennen und die Hände in Lederhandschuhen.

    „Mitkommen.“, sagt der eine Typ und seine Stimme klingt so leer, wie das glatte Metall der Wände um sie herum. Ohne ein weiteres Wort packen sie die drei an den Armen und zerren sie hinaus, als ob sie Puppen wären, die von unsichtbaren Fäden gezogen werden.

    Es dauert nicht lange, bis sie in einen langen Gang geführt werden, der mit ebenso glänzendem Metall ausgekleidet ist. Der Boden gibt ein gedämpftes, unheimliches Echo von sich, als ihre Schritte darauf widerhallen. Jeder Schritt von ihnen fühlt sich wie der Gang zu ihrem Urteil an, und Brooklynne spürt den Kloß in ihrer Kehle immer größer werden. Wo wird man sie hinbringen?

    Schließlich öffnet sich ein weiteres Portal und sie treten in einen Raum, der völlig anders ist als die sterilen Gänge, die sie hinter sich gelassen haben. Es ist ein Salon. Weit und hoch, mit riesigen Fenstern, durch die das Geschehen der Unterwasserwelt hereinbricht. Unzählige Fische schwimmen draußen vorbei, als würden sie nur in einem Gedankengang existieren. Dieser Raum hat etwas vom Relikt einer anderen Epoche. Er erinnert an die prunkvollen Speisesäle der großen Ozeanriesen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – an den salbungsvollen Luxus des „Imperator“ der HAPAG. Ein Schiff, das das neue Jahrhundert mit einem glanzvollen Gefühl der Erhabenheit und des Stolzes begrüßte. Auch hier fühlt sich die Zeit irgendwie aufgehoben an, als ob sie zwischen den Schattierungen des Ozeans und der goldenen Ornamente eingefroren wäre.

    Andere Wände des Salons sind mit schweren, Goldfäden durchzogenen Tapeten bespannt, die in sanften, eleganten Mustern ein Netz aus stilisierten Wellen und Tiefseemotiven zeigen. Auf den Tischen stehen Kristallvasen, deren Inhalt in silbernem Schein das Licht reflektiert, wie winzige Sterne vom Firmament. Von der Decke ragt ein gewaltiger, kunstvoller Lüster aus Bernsteinglas, dessen Leuchten wie Tropfen aus flüssigem Licht wirken. Er ist das Zentrum des Raumes, ein massives Werk, das die Aura versprüht, die für die damaligen Ozeanriesen so typisch war. Der Boden darunter ist aus poliertem Mahagoni, so glatt, dass man fast Gefahr läuft, darauf auszurutschen. Überall stehen ausladende Möbel: prunkvolle Sofas aus braunem Leder, Polstersessel in dunklen Rottönen, deren Stoff sich fast wie ein warmer Mantel anfühlt, und massive Tische, deren Oberflächen mit feinen, goldenen Intarsien verziert sind. Das gesamte Design strahlt eine fast unerträgliche Eleganz aus – das Gefühl, dass hier nur Reiche und Mächtige ein und aus gingen. Doch alles ist still, zu still, wie der Raum sei selbst in eine Zeit des Stillstands getaucht worden.

    Brooklynne, Campact und Justin haben sich auf den Polstern längst niedergelassen und warten. Sie wissen nicht auf wen oder was, aber sie haben auch sonst nichts zu tun. Ihr Blick fällt immer wieder auf die Fenster, doch die Fische sind nur eine Ablenkung von der wartenden Bedrohung. Was kommt auf sie zu? Was für ein Spiel wird hier gespielt? Brooklynne fühlt sich wie in einem Albtraum, in dem die Zeit sich immer weiter dehnt und das Vergehen des Moments mit einer unerträglichen Langsamkeit schmerzt. Sie sieht Campact und Justin, die ebenfalls wieder in stummer Resignation warten. Der Kameramann ist einfach nur noch platt und dreht sein Gerät manisch in Händen, als könnte er durch den Blick in die Linse Antworten finden, die der Raum ihnen verweigert. Justin, immer der Stoiker, hat die Arme vor der Brust verschränkt und starrt mit festem Blick auf die Unterwasserwelt draußen, als könnten die Fische ihm die Antworten liefern. Aber auch seine Miene verrät eine Spur der Besorgnis, die in jedem Atemzug mitschwingt. Keiner von ihnen sagt etwas. Es gibt auch nichts zu sagen.

    Dann, plötzlich – ein leises Zischen, das die Stille durchbricht. Ein weiteres Portal öffnet sich in der Wand, und der Raum, der bisher von der See draußen in bläulichen Glanz getaucht wurde, wird von scharfem, klarem Licht durchflutet. Die Tür schwingt weit auf und der Mann, der darin erscheint, ist von einer seltsamen, unwirklichen Präsenz. Er ist klein, mit Halbglatze und hat einen stechenden, berechnenden Blick. Auch er trägt eine schwarze Uniform, ganz wie die Wächter. Doch ist seine so reich wie opulent verziert. Ihre Schnallen glänzen silbern, die Knöpfe strahlen in einem kühlen, fast stählernen Glanz. Und dann ist da etwas Ungewöhnliches an ihm, das die Luft fast zum Vibrieren bringt. Der Mann tritt in den Raum, galant wie ein Fuchs und sein Blick scheint kalt und durchdringend, als er die Gruppe mustert. Kein Lächeln. Kein Funken von Freundlichkeit. Ein Mann, der von nichts und niemandem beirrt wird.

    „Ahoi und willkommen an Bord, meine Dame. Meine Herren.“, sagt er in einem Ton, der nicht wie eine Begrüßung klingt, sondern eine Mischung aus Selbstverständlichkeit und unbestimmbarer Bedrohung enthält. Die Worte scheinen in der Luft zu zersplittern, während er sie spricht.

    Brooklynne starrt ihn an. Sie muss blinzeln und dann passiert es. Etwas in ihrem Kopf macht Klick. Ein Moment, in dem die Realität sich in ihrer Wahrnehmung zu verschieben scheint. Ein Schock – wie eine Welle, die sie erfasst und zurückwirft. Ein furchtbarer Verdacht, der wie ein leiser Blitz vom Himmel saust. Sie springt auf, ihr Herz schlägt jetzt in ihrem Hals.

    „Oh, mein Gott!“, flüstert sie, ihre Stimme erschüttert und klar. „Ich weiß… ich weiß wer Sie sind. Sie sind… Sie sind Olaf Schloz!“

    Der Raum scheint für einen Moment zu erstarren. Ein eisiger Wind weht durch die Gedanken der drei.

    Olaf Schloz!

    Der ehemalige Kanzler der Republik!

    Der Mann, den so viele so lange in der Dunkelheit der Geschichte und des Vergessens verloren geglaubt hatten. Ein Mann, der ein ganzes Land regiert hat und nach seinem Sturz von heute auf morgen verschwunden war. Der mit Drogen gehandelt und hunderte Leute auf dem Gewissen haben soll. Niemand hatte je erfahren, was wirklich mit ihm geschehen war. Alle Spekulationen, die Gerüchte und Theorien, die auf den Straßen kursierten, waren irgendwann erloschen. Erloschen worden. Ein Lächeln kräuselt sich nun auf seinen Lippen. Das kalte, berechnende Lächeln eines Fuchses, das keine Antwort gibt, nur den Beginn eines Spiels verkündet.

    Doch hier – hier stand er, leibhaftig vor ihren Augen, als Kapitän eines geheimnisvollen U-Bootes, als Mann, der das Ruder eines unbekannten Schicksals in Händen hielt. Und das Lächeln, das Schloz nun aufsetzt, ist noch kälter als das vorherige. Noch kalkulierter. Die grinsende Grimasse eines Mannes, der keine roten Linien mehr kennt, aber alle Karten in Händen hält und weiß, dass er nie verlieren wird. Nie verlieren kann. Es ist ein Lächeln, das all die Rätsel, all die Verwirrung, all die Brooklynnes und den ganzen Rest der Welt einstürzen lässt.

    „Sie haben mich also erkannt“, sagt er schließlich, seine Stimme wie Eis, das auf die Haut der drei Abenteurer tropft. „Und was nun?“

    1. „Seit Jahrzehnten im Business, gewandt in der Kunst, Geschichten zu entwirren, selbst wenn sie in den gefährlichsten Ecken der Welt und im abseitigsten aller Foren verborgen sind“
      Yes, ich hab’s geahnt, nach dem Wahlsieg baut Deutschland das endgültige U-Boot mit Kraft durch Freude Antrieb und Holzmanschild Generator. Es wird dieses Mal nicht nur die Welt-Gerettet sondern auch die Möglichkeiten den Zeitraum zu beherrschen in Betracht gezogen.

      Auch kleine Details wie die Dinkel-vegeanische Lederausstattung der U Boot Fahrer*Innen sind erwähnt!

      Chapeau! Altlandrebell

      1. Merci für die 💐! Aber danken Sie lieber meinem Nachbarn und seinem „Gronk“ oder wie das heißt. 😂 Ich schloze die Texte nur zusammen und editiere hier und da ein Veilchen. 🤣

    2. „Ja, wie geht es nun weiter,“ dachte Schloz, als er aus dem kurzen Traum erwachte. Wie lange hatte er geschlafen? Er fühlte sich tatsächlich erfrischt. „Merkwürdig in dieser Lage“, dachte er, „normalerweise ist das ja ganz nett, aber gerade jetzt nützt es mir doch nichts“. Er fröstelte und zog die rauhe Decke über sich.

      Das Fenster hoch über dem Kopf des Bettes war undicht. Durch die Scheiben zog es eiskalt herein. So ein Loch! Hier war wohl seit Jahrzehnten kein Kitt mehr an die Fenster gekommen. Gestern hatte er versucht, mit den Fischstäbchen, die es hier immer gab, die Ritzen abzudichten. Fischstäbchen, das war doch was für Bürgergeld-Bezieher, die sich beim Discounter versorgen mußten. Aber doch nicht für ihn. Man hatte doch Ansprüche! Auf den Alsterterassen hatte er immer exquisit gespeist und die Domestiken waren um ihn, den Sozialdemokraten, herumgewieselt. So sollte es sein!

      Das war ein komischer Traum. Er als Kommandant eines U-Bootes? Ja, die hatte er oft gesehen, auf der Werft in Hamburg. Da hätte er bleiben sollen. Nach seiner Zeit als Bürgermeister hätte er in die Wirtschaft gehen können. An jedem Finger hätte er zehn Angebote gehabt mit seinen Verbindungen und seinen Kenntnissen in der Finanzverwaltung. Und jetzt das.

      Er dachte an seinen Prozeß zurück. Daß sich gerade dieser Kerl von der Warstein-Bank gegen ihn gestellt hatte, dieser Olfaktorius. Dabei hatte er sich seinerzeit so für ihn eingesetzt. Eine Hand wäscht die andere hatte, er gesagt. Schloz wickelte sich tiefer in seine Decke. Der Olfaktorius mit seinem Tagebuch! Warum hatte er alle Treffen mit ihm protokolliert? Wer macht denn sowas. Wollte der das etwa seinen Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen?

      Draußen vor der Tür tobte jemand. Wahrscheinlich der Malz, dieses arrogante Arschloch.

      Dabei hätte alles so schön gehen können. Alle haben ihm gesagt, daß man den Russen bei den Eiern hätte. „Dekolonisierung Russlands“, hatten die Experten in den Talkshows geflötet. Wenn es geklappt hätte, wäre er als zweiter Bismarck in den Medien gefeiert worden. Mit Blut und Eisen und so. Denkmäler wären aufgestellt worden mit ihm oben drauf, wie er mit ausgestrecken Arm gen Osten weist. Bodenschätze und Energie. Enrichissez-vous! Und jetzt tun sie alle so, als ob sie schon immer was gegen ihn gehabt hätten. Alle wollen sie plötzlich im Widerstand gewesen sein.

      Die Bärlauch auch, diese unerträgliche Ziege. Man hatte sie aus einem Uhrenkasten im Amt gezogen, wo sie sich versteckt hatte. Es war nicht zu fassen. Die war überhaupt nie erwachsen geworden. Und jetzt erzählte sie, sie habe nur mitgemacht, „um Schlimmeres zu verhindern“.

      Auf dem Hof vor dem zugigen Fenster klapperte etwas und dann gab es ein kurzes häßliches Knirschen. Die Raben auf der Dachrinne krächzten höhnisch.

      Und der Zwieback dieser aufgeblasene grüne Frosch war im Flugzeug getürmt und ist über Kiew abgesprungen. „Um über den Frieden zu verhandeln“, hatte er noch aus dem Flugzeug gemeldet, die Denkerstirn in Falten gelegt. Dabei war der doch zu gar nichts zu gebrauchen. Und wie sich zeigte, hat er nicht mal seinen eigenen Fallschirm aufgekriegt. In einem Bombentrichter haben sie ihn gefunden. Die Medien haben es aus Pietät nicht berichtet, sondern haben nur gesagt, man habe einen „Fehlzünder“ ausgegraben.

      Als die Panzerspitzen der Russen den Außenring um Berlin erreicht hatten, war ihm klar, dass er fliehen mußte. Natürlich hatte er vorgesorgt. Das halbe Kabinett hatte schon die „Green Card“ in der Tasche. „Eigenvorsorge“ nannte man so etwas, und wer kein Penthouse in Dubai oder in Florida sein eigen nennen konnte, der war selber schuld.

      Ihm war es egal, was mit dem Land geschehen würde. Soll niemand sagen, sie hätten nicht gewußt, worauf sie sich eingelassen hatten. Sie waren doch alle einverstanden. Sie haben ja auch den Malz gewählt, diesen Bumskopp mit seinen Raketen. Der Russenhaß war schon seit dem Ersten Weltkrieg sozialdemokratische Tradition und bei den Konservativen und ihren Wählern sowieso. Die haben ihr Schicksal verdient, das ihnen bevorsteht, dachte er.

      Leider haben sie ihn auf der Flucht geschnappt, als er zusammen mit dem Käseritter über die Weser gehen wollte. Der Käseritter, der auch immer Bomben auf den Kreml setzen wollte und der im neuen Kabinett Kriegsminister geworden war. Und dann haben sie alle hierher nach Nürnberg gebracht in dieses zugige Loch. Da steckte bestimmt der alte Lafargue aus dem Saarland dahinter, zusammen mit seiner unerträglichen Frau. Denen war so eine Art von Humor zuzutrauen.

      Schloz fröstelt es in seinem dünnen, weißen Hemd. Bei seinen Wahlkampfauftritten hat er immer Wert darauf gelegt, in einem blütenweißen Hemd aufzutreten. Es sollte Tatkraft ausstrahlen. So als ob er die Ärmel aufkrempeln wollte, daß er einer aus dem arbeitenden Volk wäre, ein Kumpel wie sie. Natürlich hätten sich die Leute auf den Marktplätzen so ein maßgeschneidertes Hemd nie leisten können.

      Gestern abend haben sie ihm den Kragen abgeschnitten von dem Hemd. Was für eine Sauerei.

      Schloz hört, wie ein Schlüssel in das Schloß seiner Tür fährt. Er ist hellwach. Der kurze Schlaf hat ihn erfrischt. Obwohl es ihm jetzt gar nichts nützt.

      Die Raben auf der Dachrinne krächzen höhnisch.

      1. Ey, ich fasse es nicht – spoilern Sie hier etwas aus der achten Staffel? Was sind denn Sie für einer?!

        Scherz beiseite – hübsche Fortsetzung! 👍👏

        Die haben Sie zudem selbst formuliert, oder? Die KI schreibt beispielsweise Wörter wie „muss“ nicht mit „ß“. Oder war das eine Vintage-Veredelung? 😂

        Danke für’s Teilen und Gruß

    3. „DAS Brummen des Generators“, lieber Altlandrebell. DAS.

      Oder nur ein eingebauter Hauch eines Hinweis‘ auf Nichtredigiertes anderer Schreiber?

      Auch von mir (aber ehrlich): Chapeau! An Sie und die KI.

      Obwohl, kann KI wirklich solch farbenfrohe, blumig-mäandernde Literatur – in einer so brutalen, grau-metallischen Ära? Und analogieenreich noch dazu: „… Geschichten zu entwirren, selbst wenn sie in den gefährlichsten Ecken der Welt und im abseitigsten aller Foren verborgen sind.“ Das mit dem Forum kommt nicht von der KI, richtig?

      1. Oder nur ein eingebauter Hauch eines Hinweis‘ auf Nichtredigiertes anderer Schreiber?

        Auch.

        Aber Sie glauben gar nicht, was das Programm alles für Klöpper produziert. Mit „mich“ und „mir“ hat es definitiv seine Probleme und die deutsche Kommasetzung ist sicher ebenfalls noch in der Beta-Phase. 🤣 Und dann will es einem solch Neologismen wie „Metallrohrschlauchnut“ andrehen. Das habe ich mal in „Metallrohr“ gekürzt…

        Obwohl, kann KI wirklich solch farbenfrohe, blumig-mäandernde Literatur – in einer so brutalen, grau-metallischen Ära?

        Doch. Das ist möglich, zumal wenn man bestimmte Befehle eingibt wie „Schreibe im Stil von…“. Manche Stile scheinen auch einprogrammiert. Analogien und Witze kann die KI auch – wobei die Witze dann meistens eher Antiwitze sind. 🤣

        Das mit dem Forum kommt nicht von der KI, richtig?

        Ne, da stand ursprünglich: „und in der abseitigsten aller Nischen verborgen sind.“ Aber das Forum hier ist ja auch so etwas wie eine Nische… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert