Die Verschwörung, Folge 10 — Der Planet der Jakobiner

Karte des Anschlages auf das WTC
Bild: privat

Es ist Januar 2002. Manuel hat die Feiertage bei seinen Eltern in Santa Barbara verbracht, wo ihm seine Ex-Freundin Amy ein paar Tricks übers Hacken beigebracht hat. Nun beobachtet ein neues Kampfflugzeug der US-Army über der Area 51 und kommuniziert mit seinem Chatroomfreund WarriorKahless. Der behauptet, die Boeings, die in die Twin Towers geflogen sind, seien ferngesteuert gewesen. Dewey Drillson hat zu einer Lagebesprechung ins Pentagon eingeladen, um den Irakkrieg vorzubereiten. Der Präsident ist nicht dabei, und der CIA-Chef kippt alkoholisiert um. Prince macht sich Sorgen, dass Saudi-Arabien beeinträchtigt wird. Danach trifft sich Harry Burton mit dem Vater des Präsidenten. Sie wollen Saddam Hussein, mit dem sie offenbar recht eng verbunden sind, noch vor dem Einmarsch herausholen.

 

Der schwarze Stahlvogel tauchte am Horizont auf, schoss mit wahnsinniger Geschwindigkeit quer über den blauen Himmel, drehte sich kurz um seine eigene Achse, dann in einer Serie von Loopings nach unten, bis er fast den roten Wüstenboden streifte, nur um mit aufheulendem Motor noch einmal durchzustarten und sich querzulegen. Dann wurde er unsichtbar. Er erschien erst wieder, als er mitten in der Luft eine Vollbremsung hinlegte und dann fast vertikal hinter dem Stacheldrahtzaun aufsetzte. Es war ein atemberaubendes Manöver.

Der Vogel war so schwarz, dass Emmanuel Goldstein nichts erkennen konnte: keine Flugzeugkennung, keine Typenbezeichnung, keine Fenster im Rumpf, rein gar nichts. Auch nicht mit seinem Fernglas. Dabei war es ein gutes Fernglas. Tony und Tim hatten es ihm besorgt. Aus Armeekreisen, wie sie behaupteten.

Es war der erste Tag des neuen Jahres, der nicht so bitterkalt war, dass Armadillos an der Wand seines Trailers campierten und Wüstenspringmäuse in seiner Küche herumlungerten (seine Katze hatte Angst vor Wüstenspringmäusen). Manuel lag in der Frühlingssonne auf einem Hang, der vom majestätischen schneebedeckten Tikaboo Peak überragt wurde. Erst blinzelte er wegen der Sonne, dann vor Erstaunen, als er den schwarzen Stahlvogel entdeckte und Zeuge dieses unglaublichen Manövers wurde.

Die Feiertage hatte Manuel bei seinen Eltern in Santa Barbara verbracht. Zwar feierten seine Eltern weder Chanukka noch Weihnachten, aber er war froh gewesen, mal wieder in der Zivilisation gewesen zu sein und aufzutanken. Eigentlich mehr als froh. Tagelang war er auf einer Wolke des Glücks geschwebt, was vielleicht auch an den mondförmigen Schokoladenplätzchen lag, die seine Mutter ihm aus der Bäckerei mitgebracht hatte. Erst als seine Mutter zu Silvester einen Truthahn servierte, der aus Tofuwürfeln und Sojasprossen bestand, ließ seine Begeisterung allmählich nach.

Dafür hatte er ein richtig gutes Männergespräch mit seinem Vater geführt. Seitdem er in Astrophysik promovierte – zumindest glaubte sein Vater, er promoviere in Astrophysik, da Manuel es nicht übers Herz gebracht hatte, ihm zu sagen, dass sein eigentliches Fachgebiet Kunstgeschichte war –, begegnete er ihm mit ganz neuem Respekt. Sein Vater hatte einen großen Roman über die Milchstraße als Metapher für den Wettstreit der Philosophien geschrieben. In dem Roman seines Vaters gab es einen Planeten der Hegelianer, einen der Marxisten, einen der Kantianer, den schwarzen Stern der Jakobiner und das Heideggersche Meteoritenfeld im Orionnebel. Der Roman hatte noch keinen Verlag gefunden, aber die Hanfbäckerei von Manuels Mutter lief glücklicherweise gut genug, um die ganze Familie zu ernähren.

»Dein Laboratorium ist doch in der Nähe der Area 51, oder?«, fragte sein Vater. »Stimmt es, dass die Regierung dort die Technologie versteckt hält, die benutzt wurde, um den Flug PanAm 800 über New York abzuschießen?«

»Was auch immer die dort versteckt halten«, sagte Manuel, »mich lassen sie es garantiert nicht wissen.«

Sein Vater nickte verständnisvoll. »Natürlich nicht«, antwortete er und sah ihn nachdenklich an. »Ich glaube, dass wir uns der Apokalypse nähern. Ist dir klar, dass der Anschlag auf die Zwillingstürme in New York die Wiederholung der Zerstörung des Turmes von Babel ist? In doppelter Form?« Erst vergangene Woche hatte wieder ein Verlag den Roman seines Vaters abgelehnt.

»Vielleicht«, sagte Manuel, »solltest du deinen Agenten wechseln.«

»Vielleicht«, sagte sein Vater. Manuel war sich jedoch nicht sicher, ob es im Großraum Santa Barbara noch Literaturagenten gab, die sein Vater noch nicht in Anspruch genommen hatte. Aber ein weiterer Versuch konnte wohl nicht schaden.

Kurz nach Neujahr hatte Manuel endlich Amy wiedergesehen. In einem dieser Strandcafés, die australischen Weißwein, französisches Weißbrot und koschere Austern servierten. Lange hatte er sich der Illusion hingegeben, alles sei noch so wie früher. Sie saßen auf der Veranda des Cafés unter Blütenranken. Das grüne Meer rollte an den hellen Sandstrand und die Infrarotstrahler in den Sonnenschirmen strahlten eine wohlige Wärme aus. Manuel verbrachte auch die Nacht bei Amy. Er hatte sich diese Nacht zuvor wochenlang ausgemalt.

Die Nacht verlief allerdings etwas anders als in seiner Vorstellung. Amy hatte festgestellt, dass er für den wichtigen und gefährlichen Aufklärungsjob, den er sich selbst aufgetragen hatte, nicht hinreichend gerüstet war. Deshalb hatte sie beschlossen, ihm das Hacken beizubringen. »Chomsky, Lenin, Marx, das ist von gestern«, sagte sie. »Du musst das System mit seinen eigenen Waffen schlagen. Kennst du die gängigen Verschlüsselungstechniken? Weißt du, was Internationale Data-Algorithmen sind? Oder wie du die Chiffrierungstechnologie des Pentagons unterläufst? Und kannst du mit einem Zufallsgenerator das Passwort einer Regierungs-Website knacken?«

Nach jeder ihrer Fragen, schüttelte er den Kopf, um keinen Raum für Missverständnisse zu lassen.

»Na, dann lass mich mal ans Keyboard«, sagte sie entschlossen und schob ihn weg. »Guck mir zu und lerne. Du wirst mir eines Tages noch dankbar sein.«

Nun war er wieder zurück in Rachel, Nevada. Manuel war fest entschlossen, Amy zu beweisen, dass er nicht der unreife Student war, für den sie ihn hielt. Obwohl er tief im Inneren wusste, dass er sich mehr um seine Doktorarbeit kümmern sollte, anstatt die tollkühnen Manöver schwarzer Stahlvögel zu beobachten und Verschwörungstheorien über das World Trade Center nachzugehen. Aber im Moment schien ihm das wichtiger. Als die Sonne im Zenit über dem Tikaboo Peak stand, gab er seinen gemütlichen Platz auf und ging wieder ins Haus, um seine E-Mails zu checken. WarriorKahless hatte ihm gemailt. Er wurde immer merkwürdiger, wie Manuel fand. WarriorKahless tat in letzter Zeit oft so, als wisse er etwas, was er nicht offen mitteilen konnte, von dem er aber hoffte, dass Manuel es irgendwie herausfinden würde. Manuel begann sich zu fragen, für wen WarriorKahless eigentlich arbeitete.

In seiner heutigen E-Mail wurde WarriorKahless endlich deutlicher. »LeiaOrgia«, schrieb er. »Ich habe einen Hinweis aus der Luftfahrtindustrie, der dir weiterhelfen wird. Die beiden Boeings können nicht per Handsteuerung ins World Trade Center geflogen sein. Die Entführer sind zu Entführten geworden. Es gibt ein geheimes Protokoll der Flugleitstelle in Boston, das in den Büros der CIA in Washington und New York zirkuliert. Darin heißt es, dass die Transponderkennung der Flugzeuge ein paar Sekunden lang abgeschaltet war. Als sie wieder eingeschaltet wurde, hatte sich die Kennung plötzlich geändert. Das kann nur bedeuten, dass eine Fernsteuerung von außen vorgenommen wurde.«

Ihm weiterhelfen? Wann genau hatte er WarriorKahless – wer auch immer sich hinter diesem Namen verbergen mochte – versprochen, den Anschlag auf das World Trade Center aufzuklären? Aber vielleicht war das ja wirklich ein wertvoller Hinweis. Nur, was zum Teufel war eine Transponderkennung?

»Eine Transponderkennung ist ein ständiges Funksignal. So etwas wie ein digitales Kennzeichen, mit der die Flugleitstelle den Kurs des Flugzeugs verfolgt«, erklärte WarriorKahless ungefragt. »Wenn sie sich ändert, hat ein zweiter Computer das Flugzeug übernommen, was wiederum nur per Fernsteuerung funktioniert. Ob ein Flugzeug über die Technologie zur Fernsteuerung verfügt, lässt sich übrigens an einer eher unauffälligen Markierung am Seitenleitwerk erkennen. Ein sehr dünner schwarzgrauer Streifen, in den die Buchstaben XXZ und eine Seriennummer eingeprägt sind.«

Manuel wurde schwindelig. Gegessen hatte er auch noch nichts. »Die beiden Boeings sind zerstört worden, wenn du dich erinnerst«, schrieb er an WarriorKahless. »Pulverisiert. Atomisiert. Die haben sich in zwei Feuerbälle verwandelt. Samt Seitenleitwerk. Woher willst du also wissen, ob sie eine entsprechende Markierung hatten?«

»Sie wurden nicht nur pulverisiert. Es ist auch unmöglich, ein scharfes Foto von einem der Flugzeuge in der Sekunde vor dem Anschlag zu bekommen«, mailte WarriorKahless prompt zurück. Auch diese Beweise wurden also vernichtet. Aber die wirklich interessante Frage ist doch: Von wo aus wurden die Flugzeuge ferngesteuert? Ich glaube, vom einzigen Hubschrauber, der pünktlich an der Unglücksstelle war. Einem Hubschrauber der Featurenews Universal Corporation.«

FUC! Denen traute Manuel in der Tat alles zu. »Es könnte auch Zufall sein, dass die als Erste vor Ort waren«, schrieb er zurück. »Aber dieses Protokoll der Flugleitstelle, das die CIA angeblich hat, kannst du mir das zumailen?« JEdgarH wäre bestimmt sehr zufrieden mit mir, dachte er. Ordentlich nachhaken und immer skeptisch bleiben. Traue niemandem!

»Diese Schwachköpfe von der CIA haben das Original ans Pentagon weitergereicht, ohne eine Kopie zu machen, und das Pentagon hält das Protokoll jetzt unter Verschluss«, mailte WarriorKahless zurück. »Aber es gibt Beweise in der Area 51. Du musst nur gucken, ob dort ein FUC-Hubschrauber steht. Vermutlich aber mit übermaltem Senderlogo.

Wenn’s weiter nichts ist, dachte Manuel. Am besten mietete er eine MIG und flog damit über die Area. Eine MIG, die mit russischer Spionagetechnologie ausgestattet war. Und vorher musste er die zum UFO umlackieren, damit sie nicht so auffiel.

Aber vielleicht hatte WarriorKahless ja recht. Mit diesem Gedanken ging er nach draußen, stieg in seinen alten VW, steuerte das Auto an den Fuß des Tikaboo Peak und stieg den Berg hoch. Nach einer guten halben Stunde, schon ein wenig außer Atem, hatte er den Steilhang erreicht, von dem aus er die Area 51 sehen konnte. So gut es ging, zoomte Manuel das Militärgelände mit seinem Fernglas heran. Er war nicht wirklich überrascht, dass auf den beiden schwarzen Hubschraubern hinter dem Maschendrahtzaun kein FUC-Logo zu sehen war. Aber dafür bemerkte er etwas anderes: eine blonde Frau, deren Gesicht er aus der Entfernung allerdings nicht erkennen konnte. Sie trug ein rosafarbenes Kostüm. Es war äußerst selten, dass Zivilistinnen die Area besuchten. Äußerst ungewöhnlich. Aber leider war sie nicht genau zu erkennen. Er setzte das Fernglas ab und überlegte, ob Tony und Tim ein Besseres für ihn hatten.

Eine Stunde später parkte Manuel seinen Käfer vor dem Spezialgeschäft für Extraterrestrisches. Tony stand hinter der Theke und Tim war gerade dabei, neue DVDs mit einem großen grünen X darauf in die Regale zu räumen. »Die verbotene Folge von Akte X«, erklärte er auf Manuels fragenden Blick hin. »Das ist die, in der die CIA und das Pentagon ein Flugzeug per Fernsteuerung in das World Trade Center fliegen lassen.«

In solchen Momenten fragte sich Manuel immer, ob er nicht in Wirklichkeit auf einem der Planeten im Roman seines Vaters lebte. Dem Planeten jener Philosophen, die glaubten, alles, was geschieht, spiele sich nur in der eigenen Einbildung ab.

Manuel erkundigte sich nach einem besseren Fernglas, worauf Tony und Tim sich ansahen. Tony kratzte sich am Kopf. »Also, Manu…«, setzte er an.

»Es ist so«, half ihm Tim. »Das hier ist ein Laden für Touristen. Du weißt schon, Spinner, die nach Nevada kommen, UFOs sehen wollen und sich einbilden, dass sie dazu all das Zeug, die Pillen, die Nachtsichtgeräte und so weiter brauchen. Und mit denen machen wir unser Geld. Aber du bist … na irgendwie gehörst du doch inzwischen zu uns.«

Worauf zum Teufel wollte Tim hinaus? »Was Tim sagen will«, erklärte Tony, »ist Folgendes: Das Fernglas, das wir dir damals angedreht haben, war billig eingekaufter Schrott. Heute würden wir dir aber ein richtig gutes Fernglas besorgen. Weil du es bist. Auf fünfzig Meilen scharf. Mit einem Zertifikat vom FBI. Aber das kostet. Und das dauert auch ein bisschen. Das kann man nicht einfach so bestellen.«

»Was würde es denn kosten?«, wollte Manuel wissen.

»Vierhundert Mäuse«, sagte Tony. »Cash.«

Manuel sog die Luft ein. Vierhundert Dollar, das war doppelt so viel, wie sein Käfer wert war. »Ich rufe euch an«, sagte er.

Er bestellte das Fernglas zwei Tage später. Kurz nachdem CNN den Tod dieses Journalisten gemeldet hatte. Ein Reporter, der vor sechs Wochen in Pakistan entführt worden war und dabei gewesen sein soll, Verbindungen zwischen Al-Quaida und den Geheimdiensten aufzudecken, die in Pakistan operierten. So berichtete es CNN. Doch während die Lebensgeschichte des Journalisten immer wieder lief, fand das Detail mit den Geheimdienstverbindungen in der Berichterstattung rasch keine Erwähnung mehr.

Lucius Prince grummelte, denn er stand nicht gerne so früh auf. Draußen war es noch dunkel. Und kalt. Aber Dewey Drillson hatte – ganz der Verteidigungsminister – den Militärrhythmus offenbar im Blut. Und er, Prince, wurde gebraucht, wie immer. Er sah sich im kleinen Sitzungssaal des Pentagon um. Alle sahen übernächtigt aus. Außer Drillson natürlich, dessen Runzeln so frisch wirkten wie Biogemüse. Doktor Henry Wolfstetter saß zerknittert in seinem Sessel. Er trug eine Krawatte mit wild gestreiftem Muster, die vermutlich seine Ex-Frau gekauft und dann nach der Scheidung vergessen hatte, mitzunehmen. Harold H. Burton, der seinen massigen Körper auf der Couch geparkt hatte, konnte nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. Albert Rave war in letzter Sekunde vom Weißen Haus hergeeilt, obwohl er eigentlich die morgendliche Pressekonferenz hatte vorbereiten wollen. In einer Ecke lehnte, schweigend, Orinoko Oil, wie immer im grauen Kostüm. Auch ein paar Generäle waren gekommen. Neben Harry Burton saß ein Mann mit dunklen Augen, tiefen Augenringen und einer Stirn, die so zerfurcht war wie die von Drillson. Und das, obwohl der Mann höchstens halb so alt sein konnte. Es war der Chef der CIA. Offenbar stand er auch nicht so gerne früh auf.

»Meine Herren, es ist so weit«, sagte Drillson in einem Ton, bei dem Burton versucht war, die Hacken zusammenzuschlagen, was er natürlich nicht tat. »Der Kriegsplan gegen den Irak ist ausgearbeitet.«

Wolfstetter nickte und sah dabei ein bisschen weniger besorgt aus als sonst. Prince warf ihm einen kurzen Blick zu und blätterte dann bemüht unauffällig in seinen Unterlagen. Nur Burton saß unbeweglich da, als interessiere ihn das alles nicht.

»Meine Herren«, sagte Drillson noch einmal und Prince begriff, dass er Wolfstetter meinte. Der kleine Professor stand auf, strich sein wirres Haar zurück, griff nach seinem Laserpointer und gab dem CIA-Chef einen Wink. Der drückte auf den Knopf des Projektors neben der Couch und ein Schaubild erschien an der Wand. Es war eine Karte des Irak. Auf der Karte waren giftgrüne Kreuze eingezeichnet, Blitze, kleine Totenköpfe und in der Mitte etwas, das aussah wie ein Piratenschiff. »Das ist die Atombombenfabrik von Bagdad«, erläuterte Wolfstetter. »Es ist nur eine Frage von Monaten, bis die Anlage operationsfähig ist.«

»Gutes Material«, sagte Rave. »Haben wir genügend von diesen Karten?«

»Aber sicher«, versicherte Wolfstetter. »Auf CD-Rom, online und in Print. Unsere Strategie ist die folgende: Wir bereiten zunächst einmal die Anklage gegen den Irak vor.«

»Gegen Saddam«, warf Rave ein. »Wir haben nichts gegen das irakische Volk.«

»Und nicht nur gegen den Irak«, sprach Wolfstetter weiter, als habe Rave nichts gesagt. »Wir haben eine Strategie für den gesamten Mittleren Osten entwickelt, die unseren Einfluss dort auf Jahrzehnte zementieren wird. Das nächste Schaubild …«

Das nächste Schaubild zeigte ganz Asien bis zur koreanischen Halbinsel und Japan. Ein schwarzes Dreieck war darauf eingezeichnet. Bagdad – Teheran – Pjöngjang. Prince nahm mit Erleichterung zur Kenntnis, dass Saudi-Arabien nicht dazugehörte.

»Das ist die Achse des Bösen.« Rave war wieder an der Reihe. »Das Dreieck, in dem sich die Feinde Amerikas zusammengerottet haben.«

Drillson grinste. »Die werden wir zerquetschen wie die Kakerlaken.«

Rave nickte. »Wir haben schon eine Rede für den Präsidenten vorbereitet. Für seine Staatsadresse«, sagte er. »Er lernt sie gerade auswendig. Das hoffe ich jedenfalls.«

Die Achse des Bösen umfasste ein recht großes Gebiet. Halb Asien gehörte dazu und auch ein Stück von Russland. Ein ziemlich großes Stück von China ebenfalls.

»Achse … Achse des Bösen?«, fragte der CIA-Chef.

»Klar«, antwortete Prince, der wusste, worauf Wolfstetter und Rave hinauswollten. »Achse, so wie damals die Achse Hitler, Mussolini und …wie hieß dieser Japse noch mal?«

»Kawasaki?«, meinte Drillson. »Yamaha? Mitsubishi?«

»Das reicht«, sagte Burton, der Drillson noch nie witzig fand. »Wissen Sie eigentlich, wie viele wertvolle Ölförderanlagen sich in diesem Dreieck befinden?«

»Wir wissen alles«, sagte Drillson und gab dem CIA-Chef ein Zeichen. Der stand schwankend auf, legte ein dickes Aktenbündel auf den Tisch und setzte sich dann gleich wieder.

»Das ist der Beweis«, sagte Wolfstetter. Und als er die fragenden Blicke der anderen bemerkte: »Der Beweis, dass Saddam Hussein seit Jahren mit Osama Bin Laden kooperiert. Das sind Überwachungsprotokolle, Zeugenaussagen, Videodokumentationen und Fotos, die in den Trainingscamps von Al-Qaeda im Irak aufgenommen wurden …«

Burton war erstaunt. »Nicht schlecht«, sagte er anerkennend. »Kommt das von der CIA?«

»Nicht direkt«, räumte Wolfstetter ein. »Das kommt vom Amt für Strategischen Einfluss. Eine ganz neue Behörde zur psychologischen Kriegsführung. Wir haben schon eine Kopie an die New York Times gegeben und eine an die Washington Post.«

»Unsere Defiant Foundation hat außerdem gerade ein Gutachten beauftragt«, sekundierte Prince. »Wir weisen darin nach, dass Saddam auch die Attacke von 1993 auf das World Trade Center in Auftrag gegeben hat. Wir berufen uns auf die CIA.«

Der CIA-Chef, der kurz eingenickt war, schreckte nun auf. Prince grinste. Wolfstetter lehnte sich zurück und sah für ein paar Minuten beinahe zufrieden aus. Nur Burton runzelte immer noch die Stirn und wirkte unzufrieden.

Orinoko warf ihm einen Blick zu und räusperte sich. »Ich sehe auch die Gefahr, dass wir die Ölindustrie der ganzen Region auf Monate lahmlegen«, sagte sie. »Was, wenn dieser Waffeneinsatz die Öllieferungen unterbricht? Oder wenn Pipelines beschädigt werden? Oder vielleicht sogar Raffinerien?«

»Keine Sorge«, sagte Drillson. »Wir wissen genau, was wir tun. Das wird ein Spaziergang. Wir sind denen haushoch überlegen.«

»Die Iraker werden unsere Soldaten mit Blumen und Bonbons empfangen«, warf Wolfstetter ein. »Und die Vereinten Nationen haben wir so gut wie im Griff.« Er holte Luft. »Das Hauptproblem – außer dem ewigen Genöle von Powder natürlich – ist, dass die Franzosen ein Vetorecht haben. Die Russen übrigens auch. Und beide haben Öl- und Waffenkontrakte mit dem Irak. Das Letzte, was die wollen, ist, dass wir uns da einmischen. Deshalb …«

»Keine Sorge! Die Froschfresser werden wie immer zu Kreuz kriechen«, unterbrach ihn ein ungehaltener Drillson. »Und die Russen kriegen wir schon in den Griff.«

»… deshalb haben wir einen Plan entwickelt, die Vereinten Nationen zu umspielen«, fuhr Wolfstetter unbeirrt fort. »Einen genialen Plan. Die Vereinten Nationen werden Druck auf den Irak ausüben und ihn zur Abrüstung zwingen. So wie damals nach Kuwait, mit Inspektoren. Das wird ein paar Monate dauern und diese Zeit benötigen wir ohnehin. Und sobald der Irak seine restlichen Waffen abgeliefert hat, marschieren wir ein. Gefahrlos. Was folgt, ist ein sicherer Sieg nach einem Blitzkrieg. Und die Laberköpfe am East River werden das Gefühl haben, dabei gewesen zu sein. Wenn auch nicht ganz bis zum Ende.«

Burton nickte beeindruckt. Vielleicht war der ganze Plan doch nicht so wahnsinnig, wie er sich anhörte. »Und sobald wir das Land besetzt haben, installieren wir Militärbasen hier, hier und hier«, ergänzte Wolfstetter, wobei sein Laserpointer auf verschiedene Städte des Irak zeigte. »Das ist die Hauptverbindungsstraße zum Iran, dort ist die Grenze nach Jordanien und hier ist der Landweg nach Saudi-Arabien.«

Prince zuckte beim Stichwort Saudi-Arabien zusammen. »Können wir sicher sein, dass diese Pläne im Königreich keine Unruhe verursachen, die uns langfristig schadet?«, fragte er und sah den CIA-Chef an. »Wenn das saudische Herrscherhaus gestürzt würde, würde das dem Terrorismus neuen Auftrieb geben.«

Der CIA-Chef brauchte ein paar Sekunden, bis er merkte, dass er gemeint war. »Voll… vollkommen sicher«, sagte er. Irgendwie klang er seltsam.

»Und hier ist die Grenzverbindungsstraße in die Türkei«, Wolfstetter war mit dem Dozieren noch nicht fertig. »Wir haben hunderttausende von Truppen in der ganzen Region stationiert, fünfzig Kriegsschiffe sind im Golf, drei neue Satelliten wurden gestern mit dem Space Shuttle ins All gebracht. Wir haben alles unter Kontrolle.«

Drillson stand auf und hakte die Daumen in seinem Hosenbund unter, so als imitiere er einen alternden Cowboy. »Denen werden wir den Marsch blasen«, sagte er ein bisschen zu selbstzufrieden. Dann wandte er sich wieder an den CIA-Chef. »Und wie wahrscheinlich ist es, dass es Widerstand in der Golfregion gibt?«

»Voll… vollkommen unwahrscheinlich«, sagte der CIA-Chef. »Wir haben … wir haben …« Plötzlich kippte er um.

»Geben Sie dem Mann einen Schnaps«, sagte Drillson zu Wolfstetter. Er sah nicht sonderlich überrascht aus.

»Sherry?«, fragte der Vater des Präsidenten und schenkte sich zuerst selbst ein Glas ein. Seine Frau war nicht da. Das musste er feiern.

»Ja, gerne«, antwortete Harry Burton. Orinoko Oil nickte ebenfalls. Nur Drillson zögerte. »Ein Whiskey wäre mir lieber«, sagte er dann.

Wilbur griff zu einer der bunten Flaschen in der verspiegelten Hausbar. »Chivas?«, fragte er und schenkte Drillson ein halbes Wasserglas ein, ohne die Antwort abzuwarten. Immerhin kannte er ihn wirklich lange genug. »Und?«, fragte er dann. »Stehen die Einmarschpläne? Wie sieht der Zeitplan aus?«

»Voraussichtlich kurz nach Winteranfang, vielleicht ein paar Wochen später«, sagte Drillson. »Vor dem Sommer kriegen wir das nicht mehr hin, weil wir noch ein bisschen Vorbereitungszeit brauchen. Und ab Mai wird es zu heiß.«

»Ist das wirklich klug?«, fragte Wilbur.

Drillson nickte. »Saddam läuft überhaupt nicht mehr rund«, sagte er. »Er hat inzwischen tägliche Aussetzer. Und ich traue ihm schon lange nicht mehr. Wir sind sowieso sehr spät dran, und wenn wir den Laden nicht bald übernehmen, dann tun es die Iraner. Oder die Saudis. Wir tun ihm einen Gefallen, wirklich.«

»Ich finde«, sagte Orinoko, »wir sollten Saddam vorher rausholen. Das sind wir ihm schuldig. Vielleicht können wir ihn auch noch einmal gebrauchen.«

»Ich weiß nicht so recht«, sagte Drillson. »Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Den brauchen wir nicht mehr.«

Orinoko warf ihm einen verärgerten Blick zu. Mohrenwitze konnte sie gar nicht leiden.

»Heißt das nicht, der Afro-Amerikaner hat seine Schuldigkeit getan?«, scherzte Wilbur.

Burton war der Einzige, der ernst blieb. Er schüttelte den Kopf. »Das ist langfristig keine gute Strategie, um Freunde zu gewinnen«, erklärte er. »Außerdem weiß Saddam zu viel.«

»Erst recht ein Grund, ihn zu beseitigen«, gab Drillson zurück.

»Vielleicht läuft das nicht so glatt«, sagte Burton. »Vielleicht kriegen wir ihn nicht sofort zu fassen und er hat irgendwo noch Unterlagen versteckt, die irgendwer finden könnte. Irgendwelche Dokumente, Kontoauszüge, Schecks, aus denen hervorgeht …«

»Das ihm nicht nur die CIA, sondern auch ihre Ölfirma ein Gehalt zahlt?«, warf Orinoko trocken ein.

»Unentgeltlich arbeiten Sie auch nicht gerade«, gab Burton zurück. »Im Mittleren Osten können Sie kein Öl fördern, ohne irgendwelche Araber zu bestechen. Ohne Bakschisch kriegen Sie da keinen halben Liter aus dem Boden gefördert. In Texas übrigens auch nicht.«

»Harry hat recht«, sagte Drillson. Es klang allerdings, als bedauere er es. »Wir müssen Saddam da rechtzeitig rausholen. Außerdem muss er uns vor dem Einmarsch Zutritt zum Präsidentenpalast gewähren, damit wir alles, was unschön aussieht, vorher wegschaffen können. Und vor allem brauchen wir sein Schuldgeständnis, was das World Trade Center angeht. In welche Länder könnten wir ihn denn verfrachten?«

»Saudi-Arabien«, sagte Burton. »Libyen. Die Schweiz, Costa Rica. Oder Israel. Wobei Israel schwierig ist. Da müssten wir ihm ein paar kosmetische Operationen verpassen, bevor ihn irgendein übereifriger Journalist wiedererkennt. Aber ansonsten hätte er eine große Karriere beim Likud vor sich. Georgien …«

»Georgien?«, fragte Orinoko.

»Er könnte am Nationaltheater von Tiflis Väterchen Stalin spielen«, sagte Burton. »Die suchen jemanden, der überzeugend wirkt und ein paar Spielzeiten bleibt.«

Orinoko kam aus dem Staunen nicht heraus. »Kann er denn russisch?«, fragte sie.

»Aber sicher«, sagte Wilbur stolz. »Unsere Ausbildung. Noch aus der Zeit, als die CIA noch was auf dem Kasten hatte und noch nicht von Alkoholikern geleitet wurde. Saddam kann Russisch, Englisch, Spanisch, Hebräisch …«

»Wie wäre es mit Graceland«, schlug Wilbur vor. Dann wurde er wieder ernst. »Nein, ich weiß, was wir mit ihm machen«, sagte er. »Er wird …«

Ein Krachen unterbrach ihn. Drillson hatte mit dem Ellbogen die Whiskeyflasche heruntergefegt. Alle sahen ihn an. »Tschuldigung«, brummte er. Er sah plötzlich uralt aus.

Danny Patrick Rose

Danny Patrick Rose schreibt unter anderem Namen für die US-Fernsehshows Real Time und die Daily Show. Er begann als Stand-up-Comedian in seiner Heimatstadt Salt Lake City, studierte Civic Disobedience am City College in New York und arbeitete dann als Coach für das Baseballteam Boston Red Sox, Pizzalieferant für Tupac Shakur und Faktenchecker beim Council of Foreign Relations. Danach eröffnete er eine Stripbar in New Orleans. Als ihn das FBI als Person of Interest suchte, tauchte er in New Mexico unter, wo er bewusstseinserweiternde Kekse mit Kakteen kreuzte. Nach einem Burnout reiste er nach Indien, die Mongolei und Liechtenstein und verbrachte ein Jahr in London als Liebhaber der Duchess of York. Zurück in den USA, konzipierte er Sitcoms unter dem Pseudonym Tucker Carlson. Heute lebt der Autor des Politfachblatts The Onion und Hobbyveganer im Brooklyner Stadtteil Crown Heights mit seiner dreibeinigen Katze Petunia und zwei Piranhas. Die Verschwörung ist sein erster Roman. Er beruht auf einer wahren Geschichte.
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5 Kommentare

  1. Probieren wir’s aus.
    „studierte Civic Disobedience am City College in New York“ – ein solches Provinzstädtchen hat natürlich nur ein College und das ist dann das City College – für weniger Belichtete einfach zu erfassen. Die stille Zustimmung des Lesers lässt ihn auch zur nächsten Folge greifen.
    Ich hab ja auch Civic Disobedience studiert, aber mehr so praktisch, am Objekt, könnte man sagen. Sie schickten den Castor durch’s Wendland und wir hatten unsern Spaß. Abenteuer-Urlaub, wie ihn kein Reiseveranstalter je im Programm haben wird – und ein College auch nicht.

  2. Ich hatte eben versucht, einen Beitrag zu den Jakobinern während der französischen Revolution, Robbespiere und dem Fallbeil als Ausdruck exzessiven, exekutiven Machtanspruches einzubringen als meinen Beitrag zum Thema Jakobiner und der Liquidierung der Bourgeoisie mithilfe technischer Errungenschaften und deren Auswirkungen auf die Oktoberrevolution und den Maoismus aber dann war er (der Beitrag) plötzlich weg.

    1. Hab dabei überlegt ob er vielleicht Jakobiten meint,oder andere Gruppen die mit mit Jakob anfingen…

      Ein Roman ist Frei, er beschäftigtigt sich schon sehr tief oberflächlich, Wie: Der Arzt sitzt mit mit der Krankenschwester auf der Orangenkiste auf dem sonst tristen Raum, so entsteht Liebe.
      Es ist kein Sachbuch, kein Fachbuch, es ist ein politisch gefärbter Roman, der alles auf die Schippe nehmen möchte.
      Dabei ist er machmal so anstrengend wie Tiny Toons oder Grizzy und die Lemminge, Regt aber zum Selber Denken an.

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