»Wir sind nicht reißerisch – wir nehmen die Mächtigen in den Blick«

Created with GIMP

Ist NIUS einseitig – oder schließt es eine Lücke im Mediensystem? Pauline Voss verteidigt im Gespräch die Linie ihrer Redaktion und geht auf Kritik aus Politik und Medien ein.

Roberto De Lapuente sprach mit Pauline Voss, der stellvertretenden Chefredakteurin von NIUS.

 

De Lapuente: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther hat mit seinen Aussagen bei Lanz vor einigen Wochen hohe Wellen geschlagen – etliche prominente Menschen solidarisierten sich mit Günther und monierten wie er, dass NIUS gewissermaßen keinen Journalismus betreibe. Frau Voss, wie würden sich die journalistische Herangehensweise von Ihnen – und Ihren Kollegen – beschreiben?

Voss: Da möchte ich gern das Motto meines Kollegen Ralf Schuler zitieren: Sein Interview-Format trägt den Titel »Fragen, was ist« – eine Abwandlung des berühmten Augstein-Diktums »Sagen, was ist«. Genau das ist unser erster Antrieb: die Neugierde darauf, was los ist in der Welt. Herauszufinden, was die Mächtigen verschweigen wollen, das treibt uns an. Zuerst muss also recherchiert, angefragt, konfrontiert werden. Erst dann kann man die Faktenlage zusammentragen – und im dritten Schritt auch urteilen.

»Viele Journalisten gerieren sich heute als Regierungssprecher in spe«

De Lapuente: Einseitigkeit ist ein Vorwurf, den man NIUS oft macht Was entgegnen Sie den Vorwürfen, wonach Ihr Medium einseitig Themenschwerpunkte setzt?

Voss: Natürlich trifft man durch die Themensetzung immer auch eine journalistische Entscheidung. Und natürlich füllen wir mit unserer Berichterstattung eine Lücke, die andere Medien lassen. Kritische Berichte über Migrationspolitik, woke Ideologie und die politisch herbeigeführte Deindustrialisierung sind Themen, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und bei vielen linksliberalen Medien kaum bis gar nicht vorkommen. Wir brechen dieses Tabu und sind damit immer wieder Agenda-Setter: Andere Medien springen auf unsere Themen auf, weil sie sie dank uns nicht mehr ignorieren können. Aber klar ist auch, dass wir allein schon aufgrund der Größe unserer Redaktion nicht so breit berichten können wie zum Beispiel Print-Medien, in denen hunderte Redakteure arbeiten. Wir fokussieren uns auf das, was das Land wirklich bewegt.

De Lapuente: Sie sagen, NIUS brechen ein Tabu. Es ist doch nicht die Aufgabe von Medien, Tabus zu brechen …

Voss: Es ist die Aufgabe von Medien, politische Fehlentwicklungen zu thematisieren. Dass man damit mittlerweile Tabus bricht, liegt nicht an uns, sondern an der medialen Dynamik. Viele Journalisten gerieren sich heute als Regierungssprecher in spe und haben so Machtkritik zum Tabu gemacht.

De Lapuente: Kommen wir zurück zur Redaktionsarbeit: Werden Berichte und schon vorher Recherchen gegengecheckt und auf Richtigkeit geprüft?

Voss: Natürlich. Das ist fester Bestandteil unserer Arbeit, weshalb auch keineswegs alles erscheint, was wir recherchieren. Immer wieder stellen sich Spuren als Holzweg heraus, scheinbare Kleinigkeiten hingegen entpuppen sich als große Geschichte.

De Lapuente: Ihre Kritiker merken ja durchaus an, dass erst NIUS gewisse Kleinigkeiten groß macht. Ein häufiger Vorwurf an Sie lautet daher, dass NIUS ziemlich reißerisch aufmacht. Diesen Vorwurf können Sie nachvollziehen?

Voss: Wir spitzen zu, optisch und inhaltlich. Wir klingen und sehen anders aus als das Feuilleton der FAZ. Ich halte es allerdings schon immer für die größte journalistische Kunst, das Komplizierte einfach zu erklären – im Gegensatz zu manchen vermeintlichen Feingeistern, die am liebsten das Einfältige mit unverständlichen Wortgirlanden verkomplizieren. Und auch im FAZ-Feuilleton sind die besten Texte diejenigen, die den Leser mit einer zugespitzten Zeile neugierig machen und dann kluge Gedanken offenbaren.

De Lapuente: Sie machen keine Unterschiede zwischen Zuspitzung und reißerischer Aufmachung?

Voss: Ich halte unseren Journalismus nicht für reißerisch. Reißerisch bedeutet für mich, gegen Schwache zu wettern. Wir nehmen die Mächtigen in den Blick.

»Die woke Gender-Studies-Doktorandin wird sich eher nicht bei uns bewerben«

De Lapuente: Ein anderer Vorwurf ist, dass NIUS eine Agenda hätte, also einer gewissen Linie folge. Nun kennt man das auch von anderen Medien, man las die eben schon erwähnte FAZ, wenn man es konservativer mochte und die Frankfurter Rundschau, wenn man sich progressiv wähnte. Welchen Werten fühlt sich NIUS verpflichtet?

Voss: Zuallererst fühlen wir uns der Realität verpflichtet. Wir wollen Politik an der Realität messen und Politiker an ihren eigenen Versprechen. Außerdem sind uns die klassischen westlichen Werte wie Individualismus, Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung wichtig.

De Lapuente: Das hätte jetzt auch jemand von der FAZ sagen können …

Voss: Stimmt. Einige unserer Texte könnten ja auch im FAZ-Feuilleton erscheinen.

De Lapuente: Thema Finanzierung – auch das monieren die Kritiker immer wieder. Diese sprechen dann vom Einfluss Ihres Finanziers Frank Gotthardt auf die journalistische Arbeit. Trifft das denn zu?

Voss: Wir sind in unserer journalistischen Arbeit komplett frei. Es ist natürlich klar, dass sich die woke Gender-Studies-Doktorandin – um mal im Klischee zu sprechen – eher nicht bei uns bewerben würde. Wir teilen als Redaktion gewisse Werte, wie eben erwähnt. Zugleich haben wir eine ausgeprägte Diskussionskultur, die auch immer wieder auf unserer Website abgebildet ist, wenn wir zu einem Thema unterschiedliche Sichtweisen zu Wort kommen lassen.

De Lapuente: Dann frage ich anders, Frau Voss. Würde die Chefetage denn dazwischengehen, wenn Ihnen beispielsweise ein Artikel durchrutscht, in dem ein Loblied auf das Gendern angestimmt wird?

Voss: Das würde uns nicht durchrutschen, wir haben vielmehr ganz bewusst zu vielen Themen unterschiedliche Kommentierungen. Nehmen Sie als Beispiel den Iran-Krieg. Dazu haben wir ein breites Spektrum an Meinungen aus der Redaktion veröffentlicht. Ein Loblied aufs Gendern hat aber tatsächlich noch niemand in der Konferenz vorgeschlagen.

»Es ist das linksliberale Lager, das Angst vor der Debatte hat«

De Lapuente: Waren Sie letztlich eigentlich überrascht, so einen Gegenwind erfahren zu haben, nachdem Günther bei Lanz saß und das Thema NIUS so aufwühlte?

Voss: Er hat ja selbst auch ziemlich viel Gegenwind bekommen. Insgesamt entwickelt sich die öffentliche Debatte meinem Eindruck nach eher in unserem Sinne. Natürlich dominiert vielerorts noch das linksautoritäre Denken, aber immer mehr Deutsche, und besonders die Jungen, pochen auf ihre Meinungsfreiheit. Noch ein paar Jahre, dann wird der Vibeshift auch bei uns angekommen sein.

De Lapuente: Hatte die Causa Günther Konsequenzen für die Leitkultur bei NIUS?

Voss: Wir haben Günther den Ehrentitel des »Mitarbeiter des Monats« verliehen. Für uns sind solche autoritären Anwandlungen von Politikern eher Ansporn, noch kritischer nachzuhaken und das Recht auf freie Rede zu verteidigen.

De Lapuente: Ich dachte eher daran, ob sich NIUS nun vielleicht verstärkt bemüht, auch mal einen Grünen zu Schuler einzuladen oder einen Linken auf dem berühmten Sofa ein Plätzchen zu reservieren …

Voss: Dafür sind wir immer offen und fragen regelmäßig konkret an. Es ist das linksliberale Lager, das Angst vor der Debatte hat, nicht wir.

De Lapuente: Zum Abschluss, Frau Voss: Herr Günther bezichtigte News, »Feinde der Demokratie« zu sein. Ein Verfahren ist – so liest man – anhängig. Hat sie so ein Vorwurf auch persönlich getroffen?

Voss: Nein, persönlich trifft mich solche Kritik nicht. Wer in der Öffentlichkeit steht, sollte ein dickes Fell haben. Was mich stört, ist nicht die persönliche, sondern die politische Komponente dieser Aussage: dass ein Ministerpräsident die Öffentlichkeit einer Fernsehsendung nutzt, um unliebsame Medien als Feinde zu markieren – für mich ein klarer Missbrauch seines Amtes. Wie die Gerichte schlussendlich darüber urteilen, wird sich zeigen.

Redaktion

Redaktion
Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
Mehr Beiträge von Redaktion →

Ähnliche Beiträge:

15 Kommentare

  1. Mal ehrlich: Ich will ja Nius nicht verbieten, da sei Satan vor. Aber nur weil ich Scheisse nicht verbieten will, muss ich mich nicht drin suhlen. Genauso wird Nius bei mir das Klo runtergespült, zusammen mit Achgut, Anne Burger und Konsorten.

    1. Hier wird überhaupt niemand im Klo runtergespült, schon gar keine Menschen. Ich weise nochmals ausdrücklich auf die Kommentarregeln hin. Personen mit Fäkalien gleichzusetzen, wird nicht geduldet.

  2. Warum schießt das Medium des notgeilen Reichelts eigentlich nicht gegen unsere derzeitige Wirtschaftsministerin?

    Geht es vielleicht doch nur Kohle indem man die Zielgruppe mit genehmen Inhalten bespielt?

  3. NIUS ist nur ein weiteres Boulevardmedium im Newsrauschen und ebenso wenig glaubwürdig wie der Rest der deutschen „Qualitätsmedien“.

    1. @notabene
      NIUS braucht kein Mensch, einfach nicht lesen und muss es schon gar nicht auf youtube liken.
      Wozu also die Aufregung, würde nur zur Aufwertung beitragen.
      Einfach RECHTS liegenlassen!

  4. Ein Interview mit einer rechtsextremen und menschenverachteneden Nachttischlampe. Overton entwickelt sich mit tatkräftiger Unterstützung L. zum rechtsextremen Medium .Auch ein Herr Lapuente träumt von den Geldern, die da zu holen sind, will ein Stück vom Kuchen. Aus materiellen Gründen kann ich sein Handeln nachvollziehen, aus menschlichen Gründen verachte ich ihn dafür.
    Schade – eine Zeit lang sah ich overton als Alternative bzw. Ergänzung zu anderen Medien, nun ist es nur noch ein rechtes Schwurbelblatt ohne joruanalist. Anspruch.

    1. „Menschenverachtend!“ – ob oh oh, wer mit denen redet, gehört brandgemauert, gelle? Oder vom Geheimdienst erfasst, jawoll!
      Was Sie unter rechts, gar rechtsextrem verstehen, muss man gesichert ins Gegenteil übersetzen. Hier ganz für Sie einige rechtsextreme Kernforderungen:
      – Krieg in der Ukraine beenden, kein dt. Steuergeld an Ukros
      – Krieg gegen d. Iran beenden, kein dt. Steuergeld f. Smodrich & co
      – für demokratische Selbstbestimmung wofür die
      – nationale Souveränität Voraussetzung ist
      – Keine Waffen in Kriegsgebiete liefern!
      – Stoppt die Zuwanderung illegaler Flüchtlinge.

  5. RDLs Fehler besteht schon darin, die redaktösende Zionistenvoss vom milliardärsgeschwängerten Hasbara-Deutschlandfunk Nius als Kollegin angesprochen zu haben.

    Deshalb mal umgekehrt gefragt: Was sagt das über die journalistische Arbeit und Qualität von OT?

    Dass die deutsche Satanjahu-Filiale mit halb alternativmedialer Fassade in ihrer Arbeit „komplett frei“ von Gotthardt sein soll, ist eine wahre Lüge.
    Denn Reichelts und Zionistenvoss‘ Sugardaddy braucht denen gar nicht direkt ins Geschmiere zu diktieren, so lange er mithilfe anderer Stellschrauben fürs richtige Betriebsklima sorgt.

    Und dümmer als der bundesdeutsche Beamtenapparat ist schließlich auch der Iron Dome von Nius nicht – auch dort hat die Belegschaft ganz von selbst im Urin, was ihre Betriebsführer in Reichstag und Knesset jeweils einrühren.

  6. »Wir sind nicht reißerisch – wir nehmen die Mächtigen in den Blick«

    Soso. Und ganz besonders die mächtigen Israeliten. ;-(

  7. Da musste ich mich ja gleich aufregen. „Sagen, was ist“ stammt nicht von Rudolf Augstein, sondern war viel früher die Maxime von SPD-Gründer August Bebel. Sagen was ist sei die eigentlich revolutionäre Tat, betonte nochmals bekräftigend Rosa Luxemburg. Die junge SPD tat genau das und dafür wurde sie gewählt. Eine unmittelbare Besserung ihrer Lebensbedingungen haben die Werktätigen gar nicht erwartet. Aber wenigstens im Elend nicht auch noch verdummt zu werden, das sollte die SPD leisten. Jetzt kackt seine SPD ab, eben weil sie nicht sagt, was ist.
    Da haben die Rechtendem linken Lager in der Tat den Rang abgelaufen. Bedauerlich aber wahr.

    Nun blieb aber der Elefant im Raum unerwähnt. Eins weiter oben war schon von der „redaktösenden Zionistenvoss“ die Rede. Tatsächlich lehnt sich Nius hier weit aus dem Fenster. Nius hat sich ganz klar auf israelischer Seite positioniert. Frau Voss hat wohl erwartet, darauf angesprochen zu werden, aber unser Roberto hat das offenbar nicht mitbekommen. Hätte er aber müssen.
    Beispielsweise kürt Nius den „Antisemit der Woche“. Hier seine Würdigung der Preisträgerin Sophie von der Tann:

    https://nius.de/gesellschaft/antisemit-der-woche-sophie-von-der-tann-erklaert-von-israel-freigelassene-palaestinensische-haeftlinge-zu-opfern

    Das war nun überfällig, dass jemand die Naziblase bloßstellt, die uns da über den Nahostkrieg informiert. Gefällt mir. Beifall!
    Indes rate ich dann doch nicht zu einem Nius-Abo. Denn natürlich gehört das Blatt zu den wie Pilze aus dem Boden schießenden Gazetten, die mit dem Geld der Fossil- und Atomindustrie gesponsort werden. Bitte nicht. Da bin ich auf der Gegenseite.

  8. Wir fokussieren uns auf das, was das Land wirklich bewegt.

    Toll, wenn man so eine klare Mission für Schland hat und natürlich noch einen selbstlosen Sponsor. Lustig ist auch, dass unser fliegender, federleichter Superkolumnist sich so sehr für Meinungsfreiheit in die Bresche geworfen hat, dass er die liebe Alternativ-Kollegin, wie auch Kubicki oder Poschert, nicht auf deren Israel-Berichterstattung ansprach. Da war ja auch nichts mit Wolf Wetzel. Das muss dieses Overton Window sein auf das sich dieses Medienprojekt bezieht.

  9. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Autor de Lapuente bewundern, oder bemitleiden soll. Seine in der Regel gehaltvollen Texte muß man inhaltlich nicht vollständig teilen. Die Reaktionen bestimmter Foristen sind allerdings nichts anderes als eine Abfolge von Unterstellungen, üblen Beleidigungen und basteln von Verschwörungstheorien. Hinzu kommen noch die, die auf einen Text der Autoren mit seitenlanger Prosa antworten, die, würden sie ausgedruckt, zu Papierknappheit führen würden. Man kann darauf zurecht nur mit Sarkasmus und Ironie reagieren, der allerdings von den Betroffenen ohnehin nicht erkannt wird, oder wiederum mit Beleidigungen belegt wird. Der Autor muß wohl leider damit leben, dass er hier oftmals nur Perlen vor die Säue wirft, schade eigentlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert