»Wer Faschist war, das bestimmten die Kommunisten selbst«

Giovannino Guareschi
Autor/-in unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Cancel Culture ist kein neues Phänomen: Schon Giovannino Guareschi und andere Konservativen wurden in der Nachkriegszeit ausgegrenzt. Ein Interview über Ideologie, Macht – und das Recht, gegen den Strom zu stehen.

Roberto De Lapuente hat mit Marco Gallina gesprochen, der ein Buch über Guareschi, den Vater von Don Camillo und Peppone, geschrieben hat.

 

De Lapuente: Herr Gallina, Sie haben dem Erfinder von Don Camillo und Peppone, Giovannino Guareschi, ein literarisches Denkmal gesetzt. Sie nennen den Italiener »Don Camillos rebellischen Vater«. Er war Katholik – wollen Sie behaupten, dass katholisch zu sein schon nach dem Zweiten Weltkrieg ein Akt der Rebellion war?

Gallina: Rebellion und Katholizismus sind auf den ersten Blick ein Widerspruch: Der Katholik sieht ja in erster Linie die göttliche Ordnung als Ziel an. Rebellion – da ist es bis zur Revolution nicht weit, und damit auch zum Erzrevoluzzer, der gegen Gott rebellierte. Guareschi steht nicht in dieser »revolutionären« Traditionslinie – ich bezeichne ihn daher immer mal wieder gerne als »Athanasius unserer Zeit«. Athanasius gehörte bekanntlich zu den wenigen Bischöfen, die sich für die Dreifaltigkeit aussprachen, während die meisten seiner Zeitgenossen dem Arianismus huldigten. Es gibt diesen schönen Spruch, dass man Athanasius davor warnte, dass er sich mit der ganzen Welt anlege. Athanasius soll darauf geantwortet haben: »Wenn die Welt gegen die Wahrheit ist, dann bin ich gegen die Welt.« Das bringt das Lebensgefühl Guareschis sehr gut auf den Punkt – und ist auch der Grund, warum er sich mit so vielen verschiedenen Gruppen anlegte. Dazu gehörten zuletzt nicht nur die Kommunisten und Christdemokraten, sondern auch die progressiven Zirkel der katholischen Kirche. Ich denke, dass es zu Beginn der 1950ern noch kein Akt der Rebellion war, Katholik zu sein, trotz der »getauften Heiden«, wie Ratzinger richtig analysiert hat. Spätestens in den 1960er-Jahren war das aber angesichts der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen definitiv der Fall. Es gibt dann wie zu Athanasius Zeiten die beiden Möglichkeiten, sich mit der Welt gemein zu machen oder sich gegen sie zu stemmen.

»Italien hängt aus »progressiver Sicht« zurück«

Eine ganz besondere Leseempfehlung des Overton Magazins!

De Lapuente: Ihnen gelingt in lobenswerter Art und Weise, die Lebenszeit Guareschis – er lebte von 1908 bis 1968 – mit der Geschichte Italiens zu jener Zeit zu verbinden. Gleichzeitig merkt man auch, dass in dem Buch viel vom Jahr 2026 drinsteckt, ohne dass Sie per se über die Gegenwart schreiben. Das liegt daran, dass Italien – mehr als andere europäische Länder – den Kulturkampf zwischen links und rechts, die weltanschauliche Spaltung also, schon sehr lange kennt. Sind die Italiener uns denn heute voraus, was Kulturkampf betrifft, weil er sie schon lange begleitet und weil er schon gleich nach dem Krieg seinen Lauf nahm?

Gallina: Der Begriff der kulturellen Hegemonie hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine Renaissance erfahren – bekanntlich ein Grundkonzept zum Verständnis der aktuellen ideologischen Auseinandersetzung, nicht nur in Deutschland. Wie Sie wissen, ist der Urheber dieser Theorie der italienische Kommunist Antonio Gramsci. Insofern hat sie in den italienischen Denkschulen – links wie rechts – schon früher Fuß gefasst. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Italien einige Entwicklungen vorweggenommen hat, die ebenso für einige andere westliche Länder gelten. Die Gründe für den Kollaps des italienischen Parteiensystems sind zwar sehr spezifisch, aber gewisse Symptome »reimen« sich. Die Aushöhlung der Christdemokratie durch Giulio Andreotti zum reinen Machterhalt erinnert frappierend an die Kanzlerschaft von Angela Merkel. Silvio Berlusconi war in vielen Belangen der bessere Donald Trump. Zudem gab es jahrelang Ministerpräsidenten, die der EU sehr nahestanden und Brüssel entgegenarbeiteten – Technokraten, wie Frankreich heute mit Emmanuel Macron an der Staatsspitze.

De Lapuente: Wie stark ist der Kulturkampf denn im heutigen Italien ausgeprägt?

Gallina: Im gesellschaftlichen Bereich gibt es tatsächlich eine sehr interessante Entwicklung. Während Italien politische Modelle vorweggenommen hat, hängt es – aus »progressiver« Sicht – bei Themen des modernen Kulturkampfs zurück. So gibt es bisher keine »Ehe für alle« und Leihmutterschaften sind verboten – sogar für Italiener, die im Ausland leben. Das kann man auf die katholische Kultur zurückführen. Man kann aber auch anführen, dass die italienische Linke, zumindest das Fußvolk, schon immer eher »national« denn »kosmopolitisch« gesinnt war. Zu Guareschis Zeiten hat die italienische Linke noch mit dem »roten« Garibaldi geworben. Auch in den linken Parteispitzen und Universitätsstädten hat sich etwas im linken Weltbild getan. Doch viele »alte Genossen« haben in der Causa Vorbehalte – so verhinderten linke Abgeordnete vor wenigen Jahren eine dem deutschen Selbstbestimmungsgesetz ähnliche Regelung. Das ist also nicht nur Don Camillos Erbe, sondern auch Peppones Pragmatismus, der immer noch aufflackert.

De Lapuente: Man wundert sich heute sehr, dass man nun über Generationen den Nationalsozialismus als rechte Bewegung begreift. Wenn man vom Nationalsozialismus spricht, sollte man zurückgehen auf den Faschismus, der Ursprungsidee aus Italien. Mussolini verstand sich als Mittler zwischen Norden und Mezzogiorno, zwischen agrarischem und industrialisiertem Regionen, zwischen Kirchen und Liberalen, zwischen Stadt und Land – der Faschismus sollte ein durchaus autoritärer Mittler sein, damit ein dritter Weg zwischen den Rechten und der Linken. In Ihrem Buch beschreiben Sie die »Aufräumarbeiten« der Kommunisten in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie brachten auch Geistliche um, die im Widerstand gegen den Faschismus standen. Ist das eine Art Grundelement des Mythos, wonach die Faschisten die Rechten sein sollen?

Gallina: Die Frage ist ja nicht neu. Aktuell ist sie sogar wieder sehr aktuell: Götz Aly fragt nicht zu Unrecht wie »links« die Nationalsozialisten waren. Joachim Fest hat das schon deutlich früher getan. Dass Mussolini zuerst ein sozialistischer Journalist war, ist bekannt. Mussolinis Vater war eindeutig dem »profanen« Italien zuzurechnen: er verehrte die »linken« Nationalisten Garibaldi und Mazzini – beide anti-klerikal und anti-monarchistisch eingestellt – und rezipierte Marx und Bakunin. Seinen Sohn benannte er nach dem mexikanischen Präsidenten Benito Juárez, ein radikaler Liberaler, der die Klöster aufhob. Mussolinis Hang zum Imperium Romanum war übrigens auch eine traditionell säkular-progressive Idee, denn Italiens Konservative idealisierten das Mittelalter – das war übrigens ganz ähnlich zum revolutionären Frankreich, wo römisch-hellenische Modestile, Frisuren und Architektur wieder »chic« waren.

»Die italienische Linke hat früh den Versuch unternommen, alles, was ihr nicht passte, als »faschistisch« zu bezeichnen«

De Lapuente: Der Begriff »rechts« stammt ebenfalls aus den Zeiten der Französischen Revolution …

Gallina: Richtig – »rechts« saßen die Monarchisten, die Reaktionäre, die Traditionalisten, die Gegner der Revolution. Links saßen die Jakobiner. Rein ideengeschichtlich betrachtet hätten Mussolini und seine Faschisten wohl kaum bei den »Rechten« gesessen. Es wäre aber auch nicht völlig richtig, sie komplett den Jakobinern oder den »Linken« beizuordnen. Wie Sie richtig sagen, es handelt sich um eine Sammlungsbewegung. Richtig wäre daher wohl, auf Napoleon zu verweisen, der ja beide Lager einte, indem er einerseits die Kirche wieder rehabilitierte und das Kaiserreich gründete, aber viele »liberale Errungenschaften« übernahm. Faschismus wie Bonapartismus sind also ein Antwortversuch, der weniger die politisch-ideologische Frage bedient, als den Staat des Staates willen erhält. Mehrfach wurde und wird versucht, diesen Autoritarismus als »rechte« Angelegenheit einzuordnen. Aber bliebe man bei diesen Parametern, dann müsste man auch Stalins Sowjetunion als »rechtsextrem« bezeichnen. Das sollte bereits vor Augen führen, wie problematisch dieses »Framing« ist. Dennoch hat auch die italienische Linke sehr früh den Versuch unternommen – nicht ohne Erfolg – alles, was ihr nicht passte, als reaktionär oder eben »faschistisch« zu bezeichnen. Im Nachhinein ist das umso erstaunlicher, weil die Kommunisten in derselben Zeit, als sie den italienischen König als Wurzel des faschistischen Übels verfemten, ohne Probleme Stalin und Mao verteidigen konnten. Diese Diskrepanz war schon für Guareschi ein wunderbarer Anlass für zahlreiche Karikaturen.

De Lapuente: Das scheint »links« eine Konstante zu sein. Bis heute ruft brandmarkt man Andersdenkende sehr schnell als »Faschisten« oder »Nazis« …

Gallina: Diese Ausgangslage ist nicht unbedeutend, denn die Kommunisten als eigentliche Erben des französischen Jakobinismus gehen vor wie schon bei der Revolution in Frankreich oder Russland. Was der Revolution im Wege steht, das ist von vornherein verdächtig. In diesem Weltbild sind Reaktionäre, Traditionalisten, Monarchisten und selbst Christdemokraten nur Spielarten der Konterrevolution, sie sind »softe« Faschisten. Erschwerend kam hinzu, dass zahlreiche italienische »Rote« selbst eine faschistische Biografie hatten, und ihre »Läuterung« nicht durch Reue, sondern durch Bekenntnis zum neuen kommunistischen Glauben unter Beweis stellen wollten. In diesem Sinne konnte auch ein minderjähriger Seminarist wie Rolando Rivi zum Ziel werden. In dieser perversen Logik musste der 14-jährige Priesterkandidat schuldig sein. Wer Faschist war, das bestimmten die Kommunisten selbst; er hatte damit seine Menschenwürde und somit sein Lebensrecht verwirkt. Dieses Freund-Feind-Denken prägt die heutige »Neue Linke« – bis zur Ermordung von Charlie Kirk.

De Lapuente: Guareschi war Literat und Satiriker, er malte auch – und er war Katholik, wie schon eingangs erwähnt. Als dann die Democrazia Cristiana (DC), die italienischen Christdemokraten, das Land nach dem Weltkrieg übernahmen, war Guareschi ziemlich kritisch mit der DC. Was warf er ihr vor?

Gallina: Guareschi hielt Alcide De Gasperi nach dem Krieg für den einzigen Mann, der das Land gegen die Kommunisten einen und stabilisieren konnte, hatte aber große Vorbehalte gegenüber der Parteienherrschaft. In »Don Camillo und Peppone« sagt die Lehrerin Cristina einen wichtigen Satz: »Einen König kann man nicht abwählen.« Das ist nicht nur ein Bekenntnis zur Monarchie, sondern auch zu einer staatlichen Verfassung, die eine überparteiliche Position über dem Geschacher von Berufspolitikern kennt. Selbst im Faschismus fungierte der König als zweite Kraft neben Mussolini – Vittorio Emmanuele III. ließ den »Duce« auch im Sommer 1943 verhaften. Ähnliches forderte Guareschi von De Gasperi: Nach der Wahl sollte er das Parteibuch ruhen lassen, und sich nicht Koalitionen, sondern dem Wohl Italiens verpflichten. Das kann man als eine Form von Populismus im Sinne eines »Italy First« interpretieren, aber Guareschi war als volksnaher Journalist, der dem Land und dem kleinen Mann verbunden war, im besten Sinne ein Populist – übrigens wie der englische Schriftsteller G.K. Chesterton, der sehr ähnliche Vorbehalte gegenüber der Parteipolitik hatte.

»Das Land immer mehr von demselben Materialismus und Konsumismus erdrückt«

De Lapuente: Wir wissen heute, dass es anders kam …

Gallina: So ist es. Bekanntlich hat De Gasperi nach der Wahl im Sinne der christdemokratischen Partei agiert. Es gab keine dezidiert christlich-konservative italienische Republik, sondern eine, in der Vetternwirtschaft, Postenverteilung und Korruption bereits in den 1950ern das öffentliche Bild prägten – das ging in Sizilien sogar so weit, dass man mit der Mafia kooperierte, um die Kommunisten rauszuhalten. Für den Patrioten Guareschi war außerdem unerträglich, dass Italien keine eigene Rolle mehr in der Welt spielen wollte, sondern sich vor den Karren der USA spannen ließ. Statt Italiens Geschichte und Werte zu verteidigen, wurde das Land immer mehr von demselben Materialismus und Konsumismus erdrückt, der sich im gesamten Westen verbreitete. Und das alles unter einer Partei, die sich »christlich« nannte.

De Lapuente: Seine Eltern folgten verschiedenen Auffassungen. Sie nennen ihn daher auch ein »Kind zweier Italien«. Auch, weil die Bassa, der Landstrich, aus dem er kam, ein Territorium voller historischer Brüche ist. Sein Vater war Sozialist, seine Mutter gläubige Katholikin. Guareschi kannte also beide Seiten und das spürte man auch, wie er als Katholik mit »der anderen Seite« umging. Er sah immer den Menschen, machte den Feind nie zu einem entmenschlichten Etwas. Für seine Feinde war er »der Faschist«. Das sind Vorgänge, wie man sie aus der heutigen Debattenunkultur kennt. Gecancelt wurde Guareschi auch schon. Wenn wir uns heute über die Unsittlichkeit im öffentlichen Diskurs beklagen, vergessen wir dann, dass es zu bestimmten Zeiten – eben im Italien der Nachkriegszeit – bereits genau so ablief?

Gallina: Ja, exakt da kommen wir zu diesem wichtigen Punkt der Menschenwürde, die für den Christen unveräußerlich ist, für den Revolutionär aber dagegen jederzeit aberkannt werden kann, wenn es der Sache dient. Wissen Sie, eigentlich ist Peppone in den Geschichten viel wichtiger, weil er zeigt, dass man im richtigen Moment seinem Gewissen folgen muss – nicht dem Druck der Kader oder auch der »Genossen«. Ganz ähnlich ist auch Don Camillo kein »Klerikaler«, sondern ganz Mensch, der im Sinne Gottes und der Lehre der Katholischen Kirche handelt, aber seine Schäfchen auch nicht zwingt oder große moralische Belehrungsreden schwingt. Das ist der große Wert des christlichen Gewissens und der christlichen Freiheit. Aber für Peppone ist das in seiner Position eine viel größere Überwindung!

De Lapuente: Wie meinen Sie das?

Gallina: Peppone könnte es sich einfach machen. Er ist nicht an die katholische Lehre gebunden wie Don Camillo. Er könnte nach der Machtfrage operieren: Das ist die kommunistische Doktrin, hier bin ich mit meinen Genossen, und wir haben das immer so gemacht. Tatsächlich gibt es eine schöne Stelle in der »Großen Schlacht des Don Camillo«, wo die Kommunisten paradoxerweise einen Bauern seiner ihm zustehenden Pacht berauben, weil sonst rauskommt, dass die Kommunisten dort einen Panzer verstecken. Hier regiert Peppone tyrannisch: »Das Volk bin ich!« Aber später arbeiten Don Camillo und Peppone bekanntlich zusammen, um den Panzer loszuwerden. Interessant ist auch die Szene aus dem ersten Film mit Signora Cristina, die sich eine Beerdigung mit der alten Königsflagge wünscht. Nicht nur die Kommunisten, auch die Christdemokraten sind dagegen. Hier setzt Peppone seine »tyrannische« Macht »gerecht« ein – Signora Cristina bekommt die Flagge, die sie sich gewünscht hat, und wer was anderes sagt, den wirft er zum Fenster raus. Auch das ist fast schon wieder Chesterton: Der Wille der Toten ist zu respektieren. Statt sich wie so viele Mitläufer in der Masse zu verstecken, sich auf Befehle, Ideologie oder die Machtfrage zu berufen, löst sich Peppone immer wieder wie ein Pflasterstein aus der Straße und bleibt Individuum. Freilich braucht er dafür immer mal wieder einen »Nachschlag« von Don Camillo.

»Es gab eine politische wie intellektuelle Brandmauer schon zu dieser Zeit«

De Lapuente: Was ist es, das Guareschi so aktuell macht?

Gallina: Guareschi ist sogar doppelt aktuell: Denn gestern wie heute leben wir in gewissenlosen Zeiten. Immer weniger Menschen machen sich über ihr Handeln eigene Gedanken. Sie übernehmen lediglich eine Meinung, die als moralisch richtig gewertet wird. Cancel Culture ist deswegen möglich, weil das Individuum dem Druck der Masse ausgesetzt wird. Die »Masse« und der »Apparat« waren für Guareschi bereits Schreckgespenster, weil er den Totalitarismus in mehreren Spielarten kennengelernt hatte. Und immer wieder läuft es darauf hinaus, dass das Individuum vernichtet werden soll. Guareschis Lebensweg ist daher ein Menetekel. Er ist bis heute eine der wenigen italienischen Journalisten, der nach dem Krieg inhaftiert wurde, und er wurde zeitlebens von der kommunistisch dominierten Kulturszene verachtet oder ganz ignoriert. An den Universitäten ist sein Werk erst seit dem Kollaps des alten Parteiensystems rezipiert worden. Nach seinem Tod wurde er fast anderthalb Jahrzehnte gar nicht rezipiert. Dabei war und ist er der erfolgreichste italienische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – vor Eco oder Calvino.

De Lapuente: Wenn man das im historischen Kontext betrachtet: Handelte es sich dabei um eine spezifische Situation der Nachkriegszeit – oder sehen Sie darin eher ein wiederkehrendes Muster im Umgang mit unliebsamen Positionen?

Gallina: Es gab in den späten 1940er-Jahren und frühen 1950ern eine aufstrebende, rechtsintellektuelle Szene in Italien, zu der insbesondere Leo Longanesi gehörte, die aber angesichts des kommunistischen Übergewichts ab den 1960ern nur noch ein Nischendasein fristete. Wichtig ist, dass auch die Christdemokraten versuchten, ihr Lager zu »monopolisieren«, heißt, es gab eine politische wie intellektuelle Brandmauer schon zu dieser Zeit. Auch damals ging es gegen echte und vermeintliche Faschisten. In dem Sinne: Nichts Neues unter der Sonne. In der Rückschau muss man jedoch feststellen, dass sich dieser Weg der Vielparteienkoalition gegen die Rechten nicht bewährt hat. Die aktuelle Regierung speist sich historisch nahezu nur aus diesem »gecancelten« Lager. Das gilt nicht nur für Giorgia Melonis Fratelli d’Italia, sondern auch die Lega von Matteo Salvini, die eine ganz eigene Geschichte hat. Selbst Außenminister Antonio Tajani, der Silvio Berlusconis Forza Italia angehört, hat eine sehr eigene Biografie: er gehörte der Fronte giovanile monarchico an, der Jugendorganisation der Monarchisten. Guareschis Geist lebt also über dunkle Wege fort. Auf das christdemokratische Erbe will sich heute dagegen in Italien keine »rechte« Partei mehr berufen.

De Lapuente: Wie erklären Sie sich das?

Gallina: Guareschi hatte mit seiner prophetischen Einordnung der Christdemokratie Recht: Über ihr hing das Damokles-Schwert, an ihren Skandalen zugrunde zu gehen. Sie hatte sich nicht nur damit unmöglich gemacht, sondern auch mit der Aushöhlung ihrer Positionen zugunsten des Machterhalts. Wer braucht so eine Partei? Die Preisgabe ihrer Werte hat dazu geführt, dass es letztlich kein »geistiges« Erbe gibt, das die neue politische Generation antreten will – oder kann. Es gab nach dem Zusammenbruch Anfang der 1990er mehrere Parteien, bei denen »alte Christdemokraten« unterkamen. Das italienische Wahlvolk hat sie aber eher misstrauisch betrachtet. Mehrere dieser Epigonen träumten von einer Neuvereinigung nach dem Vorbild der deutschen CDU. Es ist nie dazu gekommen. Während ihrer Regierungszeit hatte die Democrazia Cristiana de facto so regiert, als würde ihr das Land gehören – und als hätte sie einen Blankoscheck auf das Amt des Ministerpräsidenten. Sie fühlte sich alternativlos. Am Ende hat der Wähler sie eines Besseren belehrt: jeder ist ersetzbar.

 

Marco Fausto Gallina, geboren 1986 in Gavardo (Brescia), ist bilingual zwischen der deutschen und der italienischen Kultur aufgewachsen und wurde im Rheinland sozialisiert. Er studierte Geschichtswissenschaften in Bonn und war von 2017 bis 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. Danach war er Redakteur bei Tichys Einblick. Seit 2025 arbeitet er für die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), die sich für verfolgte Christen einsetzt. Er publiziert Beiträge für zahlreiche unabhängige Medien zur deutschen und italienischen Politik sowie zu feuilletonistischen Themen.

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Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
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23 Kommentare

  1. Ein äußerst aufschlussreicher, des weiteren Nachdenkens werter Beitrag. Zunächst vermittelt er Eines: Nicht in der Gegenwart stehenbleiben, es gibt unendlich viele Lehren der Geschichte, die es zu bedenken gilt. Aber genau das wird in Deutschland krampfhaft vermieden. Deswegen vielen Dank für dieses Interview. Bitte weiter so.

  2. Oje, die „Kommunisten“ bestimmten, wer Faschist ist und wer nicht.
    Hach.
    Wer soll denn sonst festlegen, wer Faschist ist und wer nicht?
    Die Faschisten selber?
    Oder ihre Bürgertumsfreunde, die sie ja erst an die Macht gebracht haben, um die Kommunisten ins KZ zu stecken?

    Lach.
    Was dabei rauskommt, konnte man im Adenauerstaat der Nachkriegszeit ja wunderbar studieren.

    1. Kanonier: Deine Kanone schleudert ungesichert über das Deck, binde sie fest, damit die Besatzung nicht gefährdet wird.
      Und achte auf die passende Munition, sonst folgen Rohrkrepierer.

      1. Oder auch nicht. Denn schließlich geht es darum Machtunterworfene in die Irre zu führen. Darum nannten sie sich in Deutschland ja auch „Nationalsozialisten.“ Anbei:

        Antifaschismus war nach der Schreckensherrschaft der Nazis gerade in Deutschland die einzig folgerichtige Antwort. Ob ein Staat einen verordneten, instrumentalisierten, verlogenen oder wahrhaftigen Antifaschismus zur Grundlage hat, dafür gibt es letztlich nur ein Kriterium – welche Politik er macht. Vergleichbare nazifreundliche Verordnungen und Handlungen, wie von bundesdeutschen Institutionen oben beschrieben, hat es in der DDR nicht gegeben.
        Antifaschismus steht für: nie wieder! Und damit damit ist er völlig ausgelastet. Mit Ursachenforschung, Präzisierung der Geschichtsschreibung, Synthese aus ökonomisierender Faschismus- und psychologisierender Totalitarismustheorie, mit Gedenken und Sprachkritik.
        Schon der Begriff Nationalsozialismus ist ein Propagandabegriff. Ernst Bloch sprach von «sogenanntem Nationalsozialismus», auch andere Autoren lehnten es ab, sich diesen demagogischen Begriff der deutschen Faschisten aufzwängen zu lassen. Die Verkürzungen Nazismus, Nazi oder NS haben sich allerdings so neutralisiert und alternativlos durchgesetzt, dass ich nicht umhinkomme, sie zu benutzen. Das Beharren auf der Fragwürdigkeit des Begriffes sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben.
        Das in der DDR vermittelte Wissen über die Klassenkräfte, die hinter dem deutschen Faschismus standen, möchte ich nicht missen. Der hiesige Hitler-Hype verstellt die Sicht darauf, dass es schon vor dem Anstreicher aus Braunau organisierten Faschismus gab. Der Alldeutsche Verband, 1891 von dem Kolonialpionier Carl Peters gegründet, vertrat nationalextremistische Positionen, zu denen die «planmäßige rassische Höherentwicklung des deutschen Volkes» und die «Bekämpfung der jüdischen Vorherrschaft» genauso gehörten wie der Ausbau einer imperialen Kolonialpolitik, die Aufrüstung der deutschen Flotte und Armee und im 1. Weltkrieg weitreichende Annexionspläne in Europa, Asien und im nahen Osten. Der Verband wurde dominiert von reaktionären Kreisen des Besitzbürgertums, von Großindustriellen, Adligen, Großgrundbesitzern und Militärs. Sein späterer Vorsitzender, der Jurist Heinrich Claß, hatte es in frühen Schriften abgelehnt, den «verkommenen oder halbtierischen russischen Bauern, den schwarzen aus Ostafrika oder den unerträglichen Juden Galiziens» als «zur Menschheit gehörig zu lieben». Anfang der 1920er Jahre, als die Nazipartei noch nach wenigen 100 zählte, hatte der Alldeutsche Verband 52 000 Mitglieder. Claß nannte den Nationalsozialismus «ein Kind des Alldeutschen Verbandes» und gehörte 1933 folgerichtig als Gast zur Fraktion der NSDAP im Reichstag.
        Die Eigentumsstrukturen der NS-Wirtschaft hatten mit Sozialismus rein gar nichts zu tun. Aber auch die von der Gesellschaft mehrheitlich verinnerlichten Werte, die Akzeptanz von Terror, Rassismus und nationalem Größenwahn, verbieten sich in jedem nicht deformierten Sozialismus. Sein oberstes Kriterium ist Internationalismus. Nicht Herrenrasse sondern Solidarität. Nicht: Proletarier aller Länder bekriegt und unterwerft, sondern vereinigt euch. Ein nationaler Sozialismus ist keiner, erst recht kein völkermordender und kriegsverheerender. Nationalsozialismus – ein Hohnwort, das auch nach dem Krieg und dann wieder verstärkt nach der Wende dazu taugte, sozialistische Ansätze zu diskreditieren.
        ( Daniela Dahn, Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute / Die Einheit – eine Abrechnung, S. 173/174)

              1. Abschrift ist der Begriff den du suchst. Im Internet findet man so detailliert erläuternde Buchauszüge eher weniger. Ich finde das in Sachen Herstellung eines Verständnis ausgesprochen nützlich, also nehm ich mir die Zeit.

    2. Niemand soll das festlegen, weil „Faschist“ heutzutage ein Totschlagargument ist und auch genauso eingesetzt wird.

      Oder ihre Bürgertumsfreunde, die sie ja erst an die Macht gebracht haben, um die Kommunisten ins KZ zu stecken?

      Du weißt sehr genau, wie das in Wahlokratien funktioniert: du kannst nur das kleinere Übel (bzw. was du zu dem Zeitpunkt dafür hältst) wählen. Für die Exzesse kann die normale Bevölkerung normalerweise nichts (im schlechtesten Fall wird sie vorher mit Propaganda weichgekocht).

      Davon abgesehen waren die Nazis selber Linke, nur eben nationale, mit einer gewissen wirtschaftlichen Bodenständigkeit, keine Kommunisten halt. Das Thema hatten wir schon mehrmals, aber der typische Linke kann diese Tatsache nicht ertragen, egal wie viele Belege man anschleppt, da schnappt automatisch die antrainierte Immunisierung ein „Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ließen sie unangetastet.“
      https://www.rosalux.de/news/id/53535/was-ist-eigentlich-faschismus

      Was historisch schlicht nicht haltbar ist, aber aus Sicht von Kommunisten natürlich gerechtfertigt, denn für die ist niemand links, der nicht alles Eigentum abschaffen will und die Produktionsmittel verstaatlichen, alles darunter ist für die nur eine kaum wahrnehmbare nebensächliche Nuance.

      1. Schon der Rüdiger Lenz, auch so ein U-Boot damals bei KenFM, meinte Hitler sei links gewesen. Hat auch viel geredet ohne etwas zu sagen. Den Krall beworben und gerne jeden MArktradikalen eingeladen. Hin und wieder gab es ein Feigenblatt zur Aufrechterhaltung der Illusion eines unabhängigen Berichterstatters. Es ging ihm wie auch dir garnicht um eine Definition des Begriffes oder seine Inhalts, sondern auch nur um Fehlettiketiierung und damit um Unsichtbarmachung was der Begriff tatsächlich bedeutet.

        Jetzt meinte deine Vorsitzende doch Hitler sei Kommunist gewesen, also ich meine die Dame die in Deutschland den Startschuß für den Great Reset gab.

        Ist wahrscheinlich auch egal was ihr gestern, heute, morgen oder übermorgen erzählt, in der Hoffnung, daß sich alle die zuhören irgendwann ergeben und euch trotzdem nachlaufen.

        Aber damit jemand beurteilen kann was die Faschisten damals wie heute waren und sind:

        Die Links-Rechts-Demagogie. Ein Interview mit Rainer Mausfeld.
        05. August 2016

        Die NachDenkSeiten beschäftigen sich von Beginn an mit dem Thema Manipulation und mit der Frage, wie man sich davor schützen kann. Ein großer Experte dafür ist auch Professor Mausfeld. Ihn hatten wir im vergangenen Sommer mit den NachDenkSeiten-Leserinnen und Lesern bekannt gemacht. Jens Wernicke hat ihn jetzt aus aktuellem Anlass ein zweites Mal für die NachDenkSeiten interviewt.
        (…)
        Links und rechts sind ja nicht lediglich – in ihrem Bezug auf die Sitzordnung in der verfassunggebenden französischen Nationalversammlung von 1789 – historische Einteilungen entlang einer eindimensionalen Eigenschaft. Als solche wären sie in der Tat nicht nur historisch überholt, sondern auch hoffnungslos unterkomplex. Links steht vielmehr für die normativen moralischen und politischen Leitvorstellungen, die über den Menschen und über die Möglichkeiten seiner gesellschaftlichen Organisation in einem langen und mühsamen historischen Prozeß gewonnen wurden und die in der Aufklärung besonders prägnant formuliert wurden. Den Kern dieser Leitvorstellungen bildet ein universeller Humanismus, also die Anerkennung einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen.

        Bereits aus dieser Leitvorstellung ergeben sich schwerwiegende und weitreichende Folgerungen. Beispielsweise schließt ein universeller Humanismus Positionen aus, die auf der Überzeugung einer prinzipiellen Vorrangstellung der eigenen biologischen, sozialen, kulturellen, religiösen oder nationalen Gruppe beruhen; er schließt also Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus oder Exzeptionalismus aus. Zudem beinhaltet er, dass alle Machtstrukturen ihre Existenzberechtigung nachzuweisen und sich der Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen haben, sonst sind sie illegitim und somit zu beseitigen.

        Aus dem universellen Humanismus ergibt sich also das spezifische Leitideal einer radikal-demokratischen Form einer Gesellschaft, in der ein jeder einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen hat, die die eigene ökonomische und gesellschaftliche Situation betreffen; er schließt also Gesellschaftsformen aus, die auf einer Elitenherrschaft oder auf einem Führerprinzip beruhen. Diese in der Aufklärung erstmals klar formulierten Leitideale sind seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und verfeinert worden und stellen den Identitätskern des linken Projektes dar.

        Da diese Leitideale gewaltige politische Konsequenzen haben, wurden sie seit je auf das schärfste bekämpft; historisch war das der Kern der sogenannten Gegenaufklärung, der es wesentlich um die Wahrung des jeweiligen Status quo ging. Die Behauptung, eine Links-Rechts-Unterscheidung hätte sich historisch überlebt, würde also letztlich beinhalten, dass sich die Leitideen einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen und einer ernsthaften demokratischen Gesellschaftsorganisation überholt hätten – eine These, die natürlich gerne von denen vertreten wird, deren Macht gerade auf rassistischen, chauvinistischen, nationalistischen oder exzeptionalistischen Ideologien basiert.
        (…)
        Es ist nämlich konstitutiv für die rechte Perspektive, dass sie das normative Ideal einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen mit all seinen Implikationen rigoros zurückweist und eine radikal nationalistische, chauvinistische und rassistische Haltung – ihr Rassismus tarnt sich nur dürftig durch ihr Konzept des „Ethnopluralismus“ – vertritt. Ihr Gesellschaftsideal ist das einer kulturell homogenen und hierarchisch-elitär organisierten Volksgemeinschaft, in die sich der Einzelne einzufügen und der er sich unterzuordnen habe. Ihr Hauptgegner ist folglich gerade die „Humanitätsideologie“ der Aufklärung und damit alles linke Gedankengut, das zu einer „weltanschaulichen Entwurzelung“ und zu einer Schwächung der „gewachsenen Ordnung der ethnischen Volksgemeinschaft“ und somit der „nationalen Identität“ geführt habe. Es kann also weder in den Zielen noch in den Mitteln Gemeinsamkeiten zwischen dem linken und dem rechten Projekt geben.

        https://www.nachdenkseiten.de/?p=34504

        Und da waren sie, deine „linken“ Nazis.

  3. Danke, gutes Interview!

    Don Camillo und Peppone habe ich selbst gelesen, es hatte eine gewisse Popularität (zumindest in der christlichen Opposition) in der DDR (im Nachhinein wundert mich, dass man das kaufen konnte oder habe ich das erst in den 90igern gelesen?), die Filme kamen vermutlich gelegentlich im „Westfernsehen“.

    Tatsächlich sind die Geschichten lustig und gleichzeitig versöhnlich-bodenständig (das was den Deutschen irgendwie zu fehlen scheint) und das obwohl sie die kommunistischen Absurditäten und Glaubenssätze persiflieren und auch die Kirche mitunter etwas albern erscheinen lassen.

  4. > »Wer Faschist war, das bestimmten die Kommunisten selbst«

    Da ist was dran. Auf der anderen Seite sind die Katholiken natürlich auch in ihrer Geschichte ausgrenzend. Selbst die nur leicht andersdenkenden evangelischen Christen wurden mal mit Waffengewalt bekämpft und umgebracht. Wer ohne Sünde ist werfe den ersten Stein, oder wie war das. 😉

    Ein anderes Niveau sehe ich allerdings wenn Staaten anfangen Andersdenkende als Faschisten auszugrenzen. Dann sind die Bürgerrechte bedroht, oben nur die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

    1. Die Protestanten waren Separatisten und schossen sich zum Schmalkaldischen Bund zusammen und riefen beim daraus resultierenden Krieg mit dem Kaiser die Franzosen zu Hilfe und traten dafür Reichsgebiete ab. Im Dreißigjährigen Krieg ließen sie sich vor Franzosen, Dänen und Schweden unterstützen. Als sie merkten, wie falsch das war, einigten sie sich im Prager Frieden mit dem Kaiser und beschlossen eine Verfassung, die das Kaisertum sogar stärkte, um die Schweden zu vertreiben, aber es war zu spät. In den 150 Jahren nach dem Westfälischen Frieden zerfiel das Heilige Römische Reich, wobei die Bürgerkriege, die Friedrich „der Große“ führte, die Hauptrolle bei der Zerstörung des HRR spielten.

  5. Diktatorisch sind nicht nur die Faschisten sondern auch die Kommunisten mit ihrer Kaderpartei und der Diktatur des Proletariats oder sowas ähnlichem. Da es im Augenblick keine wirtschaftliche Alternative zum Kapitalismus gibt, ist die Alternative nicht mehr Kommunismus oder Kapitalismus, sondern Diktatur oder Demokratie. Diktatorisch sind Faschisten und Kommunisten und „Repräsentanten“. Wie wenig sich die repräsentative Demokratie, in der die Bürger alle paar Jahre ihre Rechte an die Repräsentanten abgeben müssen, vom Faschismus unterscheidet, zeigt sich gerade jetzt, wo ihr Wesen zur Erscheinung kommt, indem Menschen sanktioniert oder in „Untersuchungshaft“ gesperrt werden, und nach Herzenslust zensiert und abgestraft wird, und wieder Krieg gegen Russland geführt wird und dafür der Sozialstaat abgebaut wird. Der Mensch als Rudeltier neigt von Natur aus zur Unterwerfung, weshalb Menschen auf einer niedrigen Kulturstufen, wie die Deutschen, nicht das geringste Verständnis für Direkte Demokratie haben, die ohne weiteres als „rechts“ diffamiert werden kann, bei Gebildeten unter dem Vorwand, dass Hitler fünf „Volksabstimmungen“ abhielt, wobei die zur „Wiedervereinigung“ Österreichs mit dem Deutschen Reich im Nachhinein stattfand.

    1. Der Torwächter(!), produziert sich mal wieder als Nebenkerze. Ein wahrer Braunstreicher, der Begriffe schmeist ohne ihren Sinn zu hinterfragen.
      Ich geb dir mal anbei wer etwas aufrichtiger mit dem Demokratiebegriff war:

      Gleichwohl gibt sich Rosa Luxemburg nicht damit zufrieden, andere einfach nur zu kritisieren, sondern arbeitet in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Russischen Revolution am eigenen Revolutionsverständnis, denn „[s]chließlich muß man sich sagen, daß es keinen Sinn hat, alles zu kritisieren, über alles zu brummen, ohne es selbst besser zu machen.“ So Rosa Luxemburg in einem Brief an ihren Gefährten Leo Jogiches vom 22. Januar 1899.1
      (…)
      Wie Rosa Luxemburg hervorhebt, hätte es an ein Wunder gegrenzt, wäre die Russische Revolution in einer derart schwierigen Situation, inmitten eines Weltkrieges und angesichts eines internationalen Proletariats, das vollkommen versagte, ohne jeglichen Makel verlaufen. „In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden, es kann nur international gelöst werden. Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem ´Bolschewismus´“.3 Mit diesen Worten schließt sie ihre Schrift über die Russische Revolution. Die russische Revolution hat die Grundlehre jeder großen Revolution bestätigt. „Der „goldene Mittelweg“ läßt sich eben in keiner Revolution aufrechterhalten.“4 Es ist notwendig, in Bewegung zu bleiben, sich neue Ziele zu setzen und nicht zögerlich zu sein, will man der Konterrevolution nicht zum Opfer fallen. Die Alternative im Jahre 1917 lautete nicht: bürgerliche Demokratie
      oder Diktatur des Proletariats, sondern Sieg der Konterrevolution oder Diktatur des Proletariats, die für Luxemburg gleichbedeutend mit sozialistischer Demokratie war. Auch wenn Rosa Luxemburg der revolutionären Tatkraft der Bolschewiki Tribut zollte, war sie mit deren Politik über weite Strecken alles andere als einverstanden.

      Drei Dinge kritisierte sie an den Bolschewiki. Erstens kritisierte sie die Bolschewiki für die Lösung der Bodenfrage, dafür, daß sie die Ergreifung und Aufteilung des Grund und Bodens durch die Bauern begrüßten. Sie verstand sehr wohl, daß dies kurzfristig eine schlaue Taktik war, mit der die Bauern an die Revolution gebunden wurden. Allerdings war sie skeptisch, was die Verbundenheit der Bauern mit der Revolution betraf. Langfristig würde die Schaffung neuen bäuerlichen Eigentums zu
      unüberwindlichen Problemen beim Übergang zu einer sozialisitschen Landwirtschaft führen.

      Zweitens kritisierte Rosa Luxemburg die Bolschewiki dafür, daß sie für das Recht auf nationale Selbstbestimmung eintraten, war dies für sie doch gleichbedeutend mit dem staatlichen Zerfall Rußlands. Die Randstaaaten des Reiches gingen eigene Wege und trugen so dazu bei, die konterrevolutionären Kräfte zu stärken. Laut Luxemburg bleibt unter den Bedingungen bürgerlicher Klassenherschaft das Recht auf nationale Selbstbestimmung eine Illusion, da verschiedene Klassen verschiedene Wege der Selbstbestimmung beschreiten wollten. Die Abtrennung der Randstaaten von Rußland stärkte die Konterrevolution, konnte doch die Bourgeoisie in jedem einzelnem Staat die einheimische Arbeiterklasse leichter in den Griff bekommen. Die Doktrin der nationalen Selbstbestimmung würde sich daher als mächtiges Bumerang für die Russische Revolution erweisen.

      Schließlich und endlich kritisierte die Luxemburg die Bolschewiki für ihre mangelhafte demokratische Praxis. Doch es war nicht nur mangelhafte Praxis, die sie monierte. Auch warf sie den Bolschewiki vor, ein falsches theoretisches Verständnis davon zu haben, was Demokratie beinhalte. Dieses fehlende Demokratieverständnis hat nicht nur ernsthafte Konsequenzen für die Demokratie, sondern auch für die Revolution als solche. Schließlich ist eine lebendige sozialistische Demokratie eine
      wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Revolution. Luxemburg: „Lenin sagt: Der bürgerliche Staat sei ein Werkzeug zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, der sozialistische – zur Unterdrückung der Bourgeoisie. Es sei bloß gewissermaßen der auf den Kopf gestellte kapitalistische Staat.“5 Für Rosa Luxemburg zeugt dies von einem falschen Verständnis, ignoriert es doch die Tatsache, daß der sozialistische Staat der politischen Erziehung der Massen und ihrer auf der Suche nach guten Lösungen gemachten Erfahrungen bedarf. Indem sie das öffentliche politische Leben behinderten und den Massen verwehrten, politische Erfahrung zu machen, haben die Bolschewiki die Möglichkeit weiterer revolutionärer Entwicklung
      vereitelt.

      Aus:
      Vorgetragen auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin, 16./17.01.2009
      Rosa Luxemburgs Demokratievorstellungen und
      ihr Manuskript zur russischen Revolution
      Tanja Storløkken

      „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ Viele kennen diese Worte aus Rosa Luxemburgs berühmtester Schrift Die Russische Revolution. Nicht allen, die diese Aussage zitieren, ist bewußt, daß sie in einem revolutionären Zusammenhang und mit unmißverständlicher Zielsetzung formuliert wurde. Auf den Punkt gebracht, lautet sie: Freiheit und sozialistische Demokratie sind notwendige und wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche revolutionäre Entwicklung.

      https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/dokumentationen/090116_RL-Konferenz/beitraege/Tanja_Storlokken.pdf

    2. Es gibt sehr wohl Alternativen zum Kapitalismus, die sind allerdings natürlich etwas mühsamer umzusetzen in einer kapitalistischen Gesellschaft. Unter dem Begriff „solidarische Ökonomie“ gibt es eine Vielzahl an verschiedenen Modellen, die in Nischen durchaus funktionieren! Insbesondere in Form von Genossenschaften!

  6. Ist ein langer, ausführlicher und fundierter Artikel. Also ziemlich jenseits was sonst hier vorliegt:

    Zur Debatte: ein Vorstoß in das zentrale Nervensystem der bürgerlichen Gesellschaft
    Eine kurze Geschichte des gewöhnlichen Faschismus
    Von Günter Rexilius

    Vorangestellt sei ein Passus vom Ende des in vielerlei Hinsicht in die Tiefe gehenden Artikels von Günter Rexilius. Er lautet: „Mitte, liberal, sozialdemokratisch, christlich-demokratisch, grün – diese selbstgewählten Etiketten mögen der selbstgerechten Ignoranz gegenüber den Beweggründen und den Folgen des eigenen Handelns genügen, das Grauen, das Elend, die Gewalt, das Leiden dahinter, also die dem bürgerlich-demokratischen System immanenten ‚Schadstoffe‘, verbergen sie vor sich selbst, nicht vor der historischen Wahrheit und nicht vor ihren Opfern… Die Triebkräfte der europäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte sind auch die der deutschen Nachkriegsgesellschaft, bis in die aktuelle Gegenwart hinein. In ihnen lebt und wirkt der gewöhnliche Faschismus.“ Belegt werden – so lesen wir gleich zu Beginn – soll die These: „Die ‚anderen‘ Faschisten sind gar nicht so anders, sondern nur der qualitative Sprung des gewöhnlichen Faschismus, der nicht erst seit einigen Monaten oder Jahren, sondern seit Jahrhunderten in Europa seine Heimat hat, der Grundlage der Existenz und des Funktionierens der bürgerlichen Gesellschaft ist.“ Es geht um deren „zentrales Nervensystem“. Es ist bei weitem nicht nur das rechts, was aktuell als solches deklariert wird. Nun aber der Artikel von Günter Rexilius in Gänze.
    (…)
    1789 – Die Revolution

    Die Französische Revolution gilt für viele Historiker und im Allgemeinen nicht nur als europäische, sondern als menschheitsgeschichtliche Zäsur: Das Ende der Barbarei war eingeläutet. Die revolutionäre Selbstvergewisserung der aufständischen Bürger, die sich der Bevormundung durch die Monarchen und der geistigen und ökonomischen Einengung durch den Adel und den Klerus entledigten, orientierte sich an den englischen „Bill of Rights“ von 1689 und dem gleichnamigen Bürgerrechtskatalog der Vereinigten Staaten von Amerika von 1787, ihr Emanzipationsanspruch war universell: Die „Allgemeine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ sollte alle Menschen einschließen, allgemeingültig und ohne Ansehen der Person.

    Zu diesem Anspruch passte allerdings nicht so recht, dass sich in die – bis heute für sogenannte demokratische Gemeinwesen als beispielhaft und in ihrem Duktus verbindlich geltende – Erklärung exklusive Wendungen eingeschlichen hatten, die sonderbarerweise weder bei Historikern noch bei selbsternannten Demokraten, die sich gerne auf das Fanal der bürgerlichen Revolution berufen, kaum jemals auf großes Interesse gestoßen sind: Der erste – „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten. Soziale Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein“ – und der letzte, der 17. Artikel – „Da das Eigentum ein unverletzliches und heiliges Recht ist, kann es niemandem genommen werden, wenn es nicht die gesetzlich festgelegte, öffentliche Notwendigkeit augenscheinlich erfordert und unter der Bedingung einer gerechten und vorherigen Entschädigung“ – bilden einen seltsam relativierenden Rahmen für die allgemeine Gültigkeit der so fundamentalen Rechte. Als das nationalversammelte Bürgertum verabschiedete, was der Marquis de La Fayette zu Papier gebracht hatte, waren die Zäune zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzenden jedenfalls nicht niedergerissen, sondern unüberwindbar geworden: Die explizite Rechtfertigung des Privateigentums erklärte Zweifel an ihm und seiner Rechtmäßigkeit zum Sakrileg. Die naheliegenden Fragen wurden nicht gestellt, obwohl die Spaltung im bürgerlich-demokratischen Gesellschaftsgefüge im Laufe der Zeit immer aufdringlicher und damit unübersehbarer wurde: Wie sind die sozialen Unterschiede in der bürgerlichen Gesellschaft zu begründen? Wie sind sie mit den wichtigsten Antriebsmodulen für den revolutionären Befreiungsschlag der Bürger gegen König und Adel, mit Freiheit und Gleichheit und Geschwisterlichkeit, zu vereinbaren?

    Sie hängen zweifellos mit der Festschreibung des Privateigentums zusammen, das den besitzenden Bürgern schon mit der Institutionalisierung der menschenrechtlichen Grundlagen ihres Gesellschaftskonzepts heilig geworden zu sein scheint, wie den Hindus ihre Kühe. Die Gewichtigkeit und Unantastbarkeit des Eigentums verlangten nach seinem Schutz vor den Nicht-Eigentümern, der zur impliziten Staatsräson wurde. Die bürgerliche Demokratie mit ihren ab- und ausgrenzenden Gesetzen und Verfahrensregeln, normativen Inszenierungen und, wenn nötig, auch gewaltförmigen Interventionen, die zum staatlichen Gewaltmonopol erklärt wurden, schuf optimale Bedingungen für das akkumulierende Streben (4).
    (…)
    etc.

    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29314

    1. Französische Revolution: “ Das Ende der Barberei war eingeläutet“. Das grenzt entweder an groben Unfug, oder an mangelnder Geschichtskenntnis. Mit der Erstürmung der Bastille wurde die Barbarei der Revolution eingeläutet, Massenköpfungen, Folterungen, Denunziationen, das ganze Programm der Robbespierres und Co. Veblüffend auch die Vita der Revolutionäre, die führenden Leute hatten eine ähnliche Karriere hinter sich, wie heute Teile der führenden Köpfe der Grünen: vorbestrafte Nichtsnutze, Berufsversager, Betrüger, Diebe. Mirabeau stzte allem noch die Krone auf, er betrieb Inzest mit seiner Schwester, klaute wie ein Rabe und steckte obendrein Weibsvolk mit Syphilis an. Der Begriff “ Konterrevolutionäre“ wurde schon damals kreiert und auf die Bewohner der Vendee angewandt. Das Ergebnis waren ca. 200 000 Tote in diesem Landstrich, alles zum Wohle der Revolution. Massenerschießungen, Ertränkungen, Verbrennungen und Verhungern lassen, das haben 1917 die Schaffer des neuen Sowjetmenschen 1:1 übernommen. “ Parasiten, Bakterien, Ratten, Abschaum, Kakerlaken, Faschisten , Hooligans, Abfall, kann vernichtet werden“, laut Stalin. Er konnte sich dabei auf sein Brüder im Geiste von 1789 berufen.

  7. Wer sich nicht – wie viele „Linke“ es tun – Augen und Ohren wie verrückt zuhält, sieht, dass heute das was angeblich „rechts“ sei von „Linken“ (insbesondere Aktivisten und Propagandisten) PLUS Konzern-Medienmacht und reichweitenstarkem Politikergewäsch definiert wird.

    Die „Linke“ war noch nie so eng im Bett mit Ausbeutern und Bedrückern und deren Bütteln und Speicherleckern als heute.

    Wer sich heute noch als „links“ definiert, verrät sich selbst und alte Ideale, denn er stellt sich damit hinter diese Volksverräter.

    Ja, es tut weh von alten Ritualen, liebgewonnenen Bräuchen und falschen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Aber wer es nicht endlich tut, ist armselig.

    Das gilt alles natürlich nicht für marxistische „Linke“. Die stehen schon immer auf der anderen Seite: auf der Seite der Bedrücker und Menschenzurechtbieger, auf der Seite der Prokrustesbett-Bereiter. Marxismus will einen künstlichen Menschen zurechtformen. Genau so wie unsere heutigen Transhumanisten und Technokraten ebenso. Die sind sich in allem einig. Bis hin zum Antispirituellen Materialismus. Nur bei der Auswahl des Bedrückungspersonal sind sie verschiedener Meinungen. Die Supermilliardäre wollen ihre eigenen Büttel, die Marxisten sich selbst in der Rolle sehen.

  8. Ob die Nationalsozialisten nicht eigentlich links waren? Mal zur Klärung:

    nach der Oktoberrevolution in der Sowjetunion schien ein vergleichbarer Umsturz im Westen naheliegend. Dies zu verhindern, war Aufgabe der Faschisten. Eher putzig in Italien. Die unteren Klassen sollten den oberen zujubeln. Welche, hiervon gerührt. einen Centimo mehrt Lohn bezahlen würden.
    Deutschland strebte Autarkie an und die Devisen wurden bewirtschaftet. Die Betriebe konnten nicht ausweichen und daher konnte man ihnen saftige Steuern auferlegen. Wovon die eine oder andere Sozialleistung bezahlt wurde, die keineswegs immer nur mickrig ausfiel. Ist ja wahr. Das waren huldvoll gewährte Wohltaten, um den Preis der vollständigen Entmachtung der Arbeiter. Gewerkschaften waren verboten und natürlich haben die Unternehmer das sofort zur Lohndrückung benutzt. Insgesamt war der Tausch ein schlechter. Nein, das waren keine Linken. Ganz und gar nicht.

    Und dann natürlich die Behauptung, Inflatiion und Börsencrashs seien nicht dem Kapitalismus inhärent, sondern von der jüdischen Weltregierung verursacht. Eine vollständige Exkulpierung des kapitalistischen Systems. Der Kapitalist hörte es gern.

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