
Deutschland erinnert sich wie kaum ein anderes Land an die eigene Vergangenheit – und rüstet sich zugleich wieder für den Krieg. Der Schriftsteller und Publizist Stanislaw Strasburger erklärt, warum unsere Erinnerungskultur versagt hat.
Erinnern gilt hierzulande als moralische Pflicht: Denkmäler, Gedenkstätten und ritualisierte Jahrestage sollen verhindern, dass sich die Verbrechen der Vergangenheit wiederholen. Doch Stanislaw Strasburger hat auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán eine ganz andere Erinnerungskultur kennengelernt – eine, die weniger auf Stein und staatliche Vorgaben als auf mündliche Überlieferung setzt. Im Gespräch mit Roberto De Lapuente erklärt er nun, warum er die deutsche Erinnerungskultur für dysfunktional hält, weshalb sie ausgerechnet angesichts neuer Kriegstüchtigkeit versagt und warum zu einer lebendigen Kultur des Erinnerns womöglich auch das Vergessen gehört.
De Lapuente: Sie haben in einem beachteten Artikel in der Weltbühne über die Erinnerungskultur der Maya berichtet. In Mexiko gebe es hierzu keine Denk- oder Mahnmäler, keine aus Mörtel und Stein errichtete Gedenkkultur. Dennoch ist das Erbe der Maya dort präsent – und zwar über mündliche Überlieferung. Wie erklären Sie sich, dass es dort offenbar nicht Antrieb gibt, die Erinnerung materiell auszustatten?
Strasburger: Zunächst möchte ich festhalten, dass ich kein Maya- oder Mexiko-Experte bin. Zugegeben, ich spreche Spanisch, reise immer wieder nach Mexiko, auch in den Süden des Landes, und das seit Anfang der 2000er-Jahre. Das ist einer der Orte auf der Welt, die mich inspirieren. Ich verstehe mich als jemand, der in Gesprächen mit Menschen und durch eigene Mobilität inspiriert wird – als Romanautor und Publizist. Insofern möchte ich nicht über Wesenseigenschaften anderer Kulturen oder Gemeinschaften sprechen. Es sind die Begegnungen, denen ich mich aussetze, und die etwas mit mir (und auch mit ihnen) machen. Ich lese Spuren. Und das ist dann auch mein Thema. Doch zu Ihrer Frage. Zuletzt bin ich der Spur nachgegangen, dass es auf der Yucatán-Halbinsel, im Gebiet der Maya, offenbar nur wenig materielle Erinnerungen gibt. Es gibt also kaum Denkmäler, Gedenktafeln, Erinnerungsorte, Stolpersteine usw. Obwohl es über die Jahrhunderte reichlich Gewalt gab und man gut von Helden, Opfern und Tätern sprechen könnte. Meine Gesprächspartner haben mich auf verschiedene Umstände hingewiesen, die das kontextualisieren. Beispielsweise ist Erinnerung dynamisch, Steine hingegen nicht. Das heißt, mit materieller Erinnerung fährt man gewissermaßen ein für alle Mal eine bestimmte Auslegung der Vergangenheit fest. Oder dass es viele Menschen gibt, die nicht visuell orientiert sind. Für sie wirkt materielle Erinnerung oft verstörend. Es hilft ihnen nicht, sich zu erinnern, sondern es wird zu einer Art Übergriff. Das führte zu der allgemeineren Frage: Wozu dient eigentlich Erinnerungskultur? Viele Menschen dort haben mir dazu wiederholt geantwortet: An erster Stelle solle die Erinnerungskultur dabei helfen, Wunden zu heilen und eine bessere Zukunft gemeinsam zu gestalten. Es ist fraglich, ob eine versteinerte Erinnerung das tut.
»Es gibt Hinweise auf ein Totalversagen der Erinnerungskultur in Deutschland«

De Lapuente: Sie schreiben sinngemäß, dass Erinnerungen konstruiert und politisch instrumentalisiert werden können. Ist das bei der mündlichen Form der Erinnerungsbewahrung eher ausgeschlossen?
Strasburger: Es gibt kaum eine menschliche Aktivität, die nicht politisch vereinnahmt, konstruiert, in einer bestimmten Form gefördert und in einer anderen unterdrückt werden kann. Die Frage ist jedoch, in welchem Umfang dies geschieht. Ein Denkmal oder eine Gedenkstätte muss von jemandem mit viel Geld errichtet werden. Und dieses Geld will man dann auch sinnvoll investiert sehen. Das heißt, die intendierte Botschaft soll verbreitet werden. Sie soll »unter die Menschen«. Da merkt man es schon: Es handelt sich um eine hierarchisierte Kommunikation. Dabei ist Erinnerung etwas sehr Persönliches. Ich habe meine Zweifel, ob der Staat sich da zu viel einmischen sollte. Besser wäre es, wenn er Kommunikationsräume fördert, in denen Menschen ihre Erinnerungen aussprechen und anhören können. Geschützt, respektvoll und aufmerksam. Ohne sie gleich auf einen Nenner bringen zu müssen. Dass man Differenzen und Ambiguitäten in der Erinnerung aushält. Dafür ist eine mündliche Erinnerung viel besser geeignet, weil sie elastischer und direkter ist und von Veränderungen und einem Austausch im Miteinander lebt. Das heißt auch, dass sie sich verändert.
De Lapuente: Man könnte die westliche Art der Erinnerungskultur, die sich in Denkmälern zeigt, als eine Art Ersatzhandlung betrachten. Würden Sie sagen, dass mit dem Errichten einer Stätte der aktive Vorgang des Rückblickens ausgelagert und damit abgehakt werden kann?
Strasburger: Ja, in der Tat, ich glaube, hier findet eine Auslagerung statt. Einerseits wird die Verantwortung ausgelagert. Der Staat meistert die Erinnerungen schon für mich. Am besten gleich auch mit der Heilung und der Versöhnung. Andererseits kann jeder ein kleines Experiment machen: Ich gehe an einen beliebigen Gedenkort, sei es in Deutschland oder in Polen. Ich schaue mir die festgehaltene Erinnerung an und frage mich: Sehe ich mich hier vertreten? Wird die Erinnerung meiner Familie hier widergespiegelt? Hat sie einen würdigen Platz hier? Ich wette, die meisten von uns würden rausgehen und sagen, dass dies nicht der Fall ist. Für mich ist das ein Hinweis, dass hier massiv etwas schiefgelaufen ist.
De Lapuente: Es gibt hierzulande fast an jeder Ecke Denkmäler, die an den Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnern wollen. Dennoch marschieren wir blind und naiv in einen Waffengang mit Russland. Man fragt sich, was das Gedenken gebracht hat. Halten Sie Europas Form des Gedenkens inzwischen vielleicht sogar für dysfunktional?
Strasburger: Ja, leider, und ohne das Wörtchen »vielleicht« zu gebrauchen. Im Jahr 2025 habe ich einige Gedenkstätten im Raum Frankfurt am Main besucht. Es ging insbesondere um Zwangsarbeit, KZs und das Bewusstsein für die Verbrechen des NS-Regimes an Menschen, die damals als Gefangene nach Deutschland verschleppt wurden. Sie lebten in den lokalen Gemeinschaften, jeder konnte sie sehen. Ihr Leiden, die Ungerechtigkeit und das Verbrechen waren allgegenwärtig. Auf den Straßen, in den Arbeitsstätten, an Schulen, in der Freizeit. Und ich habe immer wieder folgende Frage gestellt, mal jemandem aus der Leitung, mal einem Mitarbeiter: Nun will sich Deutschland für einen neuen Krieg aufstellen. Dann wird es auch Gefangene geben. Es gibt mittlerweile nicht nur bei der Bundeswehr, sondern auch beispielsweise bei den Kirchen Arbeitspapiere, in denen konkret dafür geplant wird. Und dann werden sicherlich auch die eigenen Soldaten als fehlende Arbeitskräfte »ersetzt«. Angesichts all dieser Erkenntnisse, die Sie an Ihren Gedenkstätten dokumentiert haben, wie versuchen Sie heute, einer möglichen Wiederholung im Kontext eines immer wahrscheinlicher werdenden Krieges zwischen der NATO und Russland zu begegnen? Und immer wieder bekam ich eine ähnliche Antwort: »Nun ja, das ist ein zu kompliziertes Thema, damit können wir uns hier nicht beschäftigen.« Aus meiner Sicht ist das ein Hinweis auf ein Totalversagen der Erinnerungskultur in Deutschland. Auch eine tiefe Empathieunfähigkeit und radikale Technisierung. Eine Art Versteinerung also, gegenüber der meine Maya-Gesprächspartner so skeptisch waren. Aus dem »nie wieder« ist plötzlich so etwas wie »wir können das nochmal machen« geworden. Schockierende und Tragische dabei ist: Diese Entwicklung läuft in Deutschland, Polen und Russland sehr ähnlich ab.
»Emotionen einzudämmen ist ein riskantes Unterfangen«
De Lapuente: Einer Ihrer Gesprächspartner sagt, die eigentlichen Denkmäler sollten in den Herzen der Menschen entstehen. Das staatlich finanzierte, von Erinnerungsaktivisten empfohlene – und verordnete – Gedenken: Kann das Herzen erreichen – oder ist das nur eine Art von Fließbandgedenkkultur, die von der Stange weg erinnern möchte?
Strasburger: Jeder hat ja sein eigenes Herz. Und das ist bekanntlich ziemlich individuell beschaffen. Aus der Perspektive eines Staates oder einer Gemeinschaft stellt sich die Frage, auf welchen gemeinsamen Fundamenten wir unser Gemeinwohl gründen, wenn wir all diese individuellen Herzen, Seelen und Körper betrachten. Ich persönlich habe kein Vertrauen darin, dass staatlich verwaltete Erinnerung gut geeignet ist, um Gemeinwohl zu stiften. Auch meine neuesten Erfahrungen aus Yucatán lassen mich vermuten, dass institutionalisierte Erinnerung immer zu viele Menschen außen vorlässt. Wie gesagt, ich glaube vielmehr, dass wir Räume brauchen, in denen individuelle Erinnerungen ausgesprochen und gehört werden. Das hilft sehr wohl, Wunden zu heilen. Und es hilft, bei den Bedürfnissen des Jetzt und den Träumen für eine bessere Zukunft zu bleiben. Ich glaube, dass das Sprechen über Bedürfnisse und Träume im Sinne des Gemeinwohls eine vielversprechendere Grundlage für ein gutes Miteinander ist. Das nenne ich eutopische Kommunikation.
De Lapuente: Eutopisch? Eutopie?
Strasburger: Der Begriff Eutopie leitet sich vom Griechischen eu-topos ab und bedeutet »guter Ort«. Eutopie greift ein vergessenes Element der drei Schlüsselbegriffe des modernen politischen Denkens wieder auf: Dystopie, Utopie und Eutopie. Diese werden jeweils als gescheiterter Ort, unmöglicher Ort und guter, möglicher Ort verstanden. Die Forderung nach Eutopie zielt also darauf ab, das Stigma der »Unmöglichkeit« von Entwürfen guter Politik aufzuheben und einen unbelasteten Begriff zu etablieren. Denn Wünsche und Träume von einer lebenswerten Welt sollten stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte und der institutionellen Politik rücken. In einem eutopischen Kommunikationsraum werden wir ermutigt, den Krisenmanagementmodus für einen Moment zu verlassen und uns ein paar einfache Fragen zu stellen: Was ist genau passiert? Wohin würde ich persönlich am liebsten gehen? Welche Wege führen zu einem guten Ziel – für mich und für das Gemeinwohl? Als sanft moderierter Sprachraum nimmt die Eutopie immer nur in Gesprächen konkrete Gestalt an. Und doch zielt eutopisches Sprechen gerade wegen seiner Unaufdringlichkeit darauf ab, die Herausforderungen der heutigen Welt konkret anzugehen. Beispielsweise, indem es Kommunikation fördert, die nicht auf Gegensätzen basiert, die nicht Entweder-Oder ist, sondern nach Gemeinsamkeiten sucht, die kreatives Handeln motivieren. Es fördert Bindungen jenseits der Kriegsfronten für ein gutes Miteinander. Zum Thema Eutopie erscheint im Februar 2027 mein Buch beim Westend Verlag. Darin wird man alles genau nachlesen und sich inspirieren lassen können.
De Lapuente: Man liest bei Ihnen, dass Erinnerung auch Hass konservieren könne. In unserer standardisierten Art an Vergangenes zu erinnern, kommt der Hass nicht vor. Im Gegenteil, im tiefsten Kern wollen wir ja glauben, dass intensives Erinnern den Hass eindämmen kann. Sollte die westliche Art des Erinnerns dem Hass mehr Raum geben?
Strasburger: Emotionen einzudämmen ist ein riskantes Unterfangen. Das Risiko dabei ist, dass die eingedämmten Emotionen an anderer Stelle wieder aufkommen. Je mehr sie eingedämmt werden, desto größer ist, so sehe ich das, die Gefahr, dass ihr Wiederaufkommen verschlüsselt, verstörend und potenziell zerstörerisch wirken wird. Ohne jetzt gleich existenzphilosophisch zu werden und zu überlegen, ob Hass Teil der menschlichen Natur ist (was auch immer die menschliche Natur sein mag), neige ich zu der Ansicht, dass der Staat, sein Rechtssystem und die entsprechenden kulturellen Rahmenbedingungen tendenziell entweder das Gute oder das Böse in den Menschen fördern können. Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Staaten und Gesellschaften möglichst so ausrichten würden, dass sie das Gute in den Menschen fördern.
»Wenn das Erinnern politisch ist, dann sollte es das Vergessen auch sein«
De Lapuente: Sie zitieren einen Maya-Historiker, der fragt, warum man sich über 500 Jahre alte Verbrechen empören solle, während heutige Ungerechtigkeiten kaum Beachtung finden. Sind wir in unseren Gefilden Ewiggestrige?
Strasburger: Logischerweise kann man die Vergangenheit nicht verändern. Derweil beobachte ich auf der Yucatán-Halbinsel sowie in meiner Geburtsstadt Warschau ähnliche Phänomene. Bestimmte gewalttätige und verbrecherische Ereignisse aus der Vergangenheit werden mit den Jahren nicht aus der kollektiven Erinnerung verabschiedet, sondern vielmehr gefördert. So etwas passiert nicht ohne politische oder gar ideologische Absichten. Diese Absichten können ja meinetwegen auch nachvollziehbar sein. Doch manchmal möchte ich es auch auf eine simple Ressourcenfrage reduzieren: Wie viel emotionales Engagement kann ein Mensch tragen? Eine Gesellschaft? Wenn das emotionale Engagement zu sehr in die Vergangenheit gerichtet ist, bleibt schlichtweg nicht genug Energie, um das Jetzt und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Das ist für Gesellschaften gefährlich, denn am Ende muss das jemand übernehmen. Aber wenn die Bürger bereits erschöpft sind, verselbstständigen sich Machtstrukturen und entscheiden für uns, ohne uns …
De Lapuente: Sie stellen implizit die Frage, ob Erinnern immer auf Bewahrung zielen muss oder ob auch Vergessen eine kulturelle Leistung sein kann. Das Christentum hat das Vergessen ein Stück weit als Voraussetzung für Versöhnung institutionalisiert. Wer heute vom Vergessen spricht, den zeiht man schnell des Geschichtsrevisionismus. Halten Sie diesen Vorwurf für statthaft?
Strasburger: Genau in diesem christlichen Kontext, also zu Weihnachten 2025, habe ich in einem meiner offenen Briefe an Kanzler Merz Folgendes gefragt: »Wie vergesslich sind Sie, Herr Merz?« Die Gedanken aus diesem Brief wurden auch auf Polnisch und Spanisch als Essays veröffentlicht und haben einige Aufmerksamkeit erregt. Darin habe ich nahegelegt, dass, wenn das Erinnern schon politisch ist, dann sollte es das Vergessen eben auch sein. Wenn es Erinnerungsorte gibt, dann muss es auch Orte des Vergessens geben! Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Sonst fehlt das Flow und, um das etwas bildlich zu sagen, es kommt zu einer Verstopfung …
De Lapuente: Menschen haben im Laufe ihrer Evolution die mentale oder psychologische Fähigkeit entwickelt, unliebsame Erlebnisse so zu verdrängen, dass sie sie wirklich vergessen – die Tiefenpsychologie ging vor etwa 150 Jahren daran, diese tief verborgenen Erinnerungen ans Tageslicht zu befördern. Muss man der Art, wie wir uns heute kollektiv erinnern sollen, auch ein Stück weit die »psychologische Wende« anheften, wonach nichts mehr Vergessen, aber alles aufgearbeitet werden soll?
Strasburger: Grundsätzlich vertraue ich den Menschen. Viel mehr sogar als Staaten. Letztere sind schließlich nur ein historisches Gebilde und zudem relativ jung. Können Menschen nur in Staaten gut leben? Das glaube ich nicht. Staaten in ihrer heutigen Form sind durchaus problematische Strukturen. Das ist ein weites Thema. Für mich bedeutet Vertrauen in Menschen auch, dass eine schwere, gewalttätige Vergangenheit aufgearbeitet werden kann – vorerst ohne staatliche Beihilfe. Das Tempo mag individuell unterschiedlich sein, manchmal passiert viel im Stillen, manchmal im Gespräch mit anderen Menschen. Nochmals: Ich plädiere dafür, geschützte Räume zu schaffen, in denen das geschehen kann. Ohne es jedoch konkret zu forcieren oder bestimmte inhaltliche Vorgaben zu machen. Es braucht mehr Tools für gute Kommunikation und weniger Geschichtsauslegung.
»Die Frage ist: Welchen Zugang haben wir heute zur Geschichte?«
De Lapuente: Im Artikel klingt an, dass Identität nicht aus einer dauerhaften Opfererzählung bestehen sollte. Damit stehen Sie sehr gegen den Zeitgeist, der alles und jeden als Opfer erachtet – manche Gruppen mehr als andere. Macht Viktimisierung handlungsunfähig und damit auch unfähig, sich »produktiv erinnern« zu können?
Strasburger: Ich habe einen Bewohner von Maní einmal gefragt, warum es in seinem Ort kein Denkmal für die Opfer des brutalen Autodafés aus dem Jahr 1562 gibt. Die Kirche steht noch, samt Vorplatz, wo unzählige Menschen gequält und viel kulturelles Erbe der Maya zerstört wurde. Es gibt auch keine Gedenktafel oder einen Erinnerungsort. Er erwiderte ganz einfach: »Wir haben uns nicht auf dieses Ereignis reduzieren lassen. Wir sind keine Opfer geworden. Unsere Kultur wurde nicht vernichtet. Wir leben.« Er sagte noch etwas anderes: »Auch dieses Ereignis ist ein Teil von uns geworden. Es ist mitverantwortlich dafür, wer wir heute sind. Man kann sich zwar bei Gelegenheit daran erinnern, aber man soll es nicht verteufeln.«
De Lapuente: In Deutschland wird häufig davor gewarnt, einen »Schlussstrich« unter die deutsche Geschichte zu ziehen. Ist zu viel Vergangenheitsbewältigung nicht gleichzeitig auch immer Zukunftsvereitelung?
Strasburger: Einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen, ist nicht möglich. Die Geschichte bleibt unveränderbar. Die Frage ist: Welchen Zugang haben wir heute zu ihr? Als Gesellschaft? Als Individuen? Sind wir aufmerksam genug, um zu erkennen, wie sich der Zugang verändert? Mir fällt dazu eine Analogie zu romantischen Beziehungen ein: Es gibt Menschen, die sagen, dass man nach so vielen Jahren in einer Beziehung gelangweilt ist, weil man die andere Person ja schon so gut kennt. Ich frage mich, was man da genau kennt. Wenn ich mich vor 10 oder 15 Jahren in jemanden verliebt habe, ist diese Person heute dieselbe? Oder bin ich selbst einfach an dem Bild von damals hängen geblieben? Ich glaube, man sollte in diesem Sinne achtsam bleiben. Man sollte nicht voraussetzen und so leben, als hätte man etwas oder jemanden ein für alle Mal kennengelernt. Die andere Person ist eine andere geworden und auch wir haben uns verändert. Man muss das nur sehen wollen. Zugegebenermaßen muss man das oft auch erst lernen, denn unsere Erinnerungssozialisierung ist eben nicht auf Flexibilität und Fluidität ausgelegt. Die Vergangenheit besteht natürlich aus Fakten, die sich ereignet haben und sich nicht verändern. Aber welcher Fakten wir uns erinnern, welchen Zugang wir zu ihnen haben, wie sie uns prägen und was wir darin sehen, all das ist sehr dynamisch. Ich plädiere dafür, sich das vor Augen zu führen. Und wie schon gesagt, sollte man auch mal die eigenen emotionalen und intellektuellen Ressourcen schonen, um sie auf andere Dinge zu richten.
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Interessant und wichtig. Tatsächlich liegt es der Tiefenpsychologie nicht nur daran, Vergangenes hervor zu holen und aufzudecken, sondern dieses zu verarbeiten, zu verinnerlichen/zu integrieren, sich selbst und anderen zu vergeben und wieder in eine gewisse Versenkung gleiten zu lassen. Anders als es beispielsweise in Israel geschieht, dessen Jugendliche mit ihren Reisen nach Auschwitz und der Reinszenierung der Verfolgung immer neu traumatisiert werden sollen.
Bei den Völkern der ehemaligen Sowjetunion ist das offensichtlich anders, denn aus eigenem Erleben und Berichten ist bekannt, wie unglaublich vergebungsbereit und offen die Menschen sind bzw. angesichts der jetzigen Situation WAREN.
Von anderen südamerikanischen Indigenen, den Kogi, habe ich mal gehört, dass sie bei einem Besuch in einem KZ zutiefst bewegt, aber eben auch ebenso entsetzt waren über diese Art der Erinnerungskultur, die ihrem spirituellen Weltbild nach eher das Fortbestehen dieses Wahnsinns befördert als ihn zu verhindern. Und wie man an Israel/Palästina und im speziellen D und Russland sieht, genau so ist es.
Ich denke bei dem, was Strasburger sagt, auch an die verdienstvolle Arbeit von Dan Bar-On, dem israelischen Psychologen deutscher Herkunft, der Nachkommen aus Täterfamilien mit denen von Opferfamilien in Gesprächsgruppen zusammenbrachte, was sehr heilsam für beide Seiten war und in Israel auch solche Gruppen von jüdisch-israelischen Studenten mit palästinensischen Studenten gründete, was aber offenbar doch schwieriger war wegen des andauernden Zustands absoluter Asymmetrie zwischen beiden Gruppen.
Ergänzendes Resumee: Ja, zum Erinnern /also innerlich machen als Teil der Persönlichkeit gehört unbedingt das Vergessen.
Noch eine Ergänzung: Vielleicht liegt diese im weitesten Sinne ‚russische‘ Bereitschaft zu vergeben tatsächlich auch an der trotz Sowjetkommunismus unterirdisch sehr verbreiteten tiefen Spiritualität.
Erinnerungskultur reduziert zu einem selbstversicherndes Ritual. Und Rituale sind Beschäftigungen, die des Denkens nicht bedürfen und irgendwann nur noch Mummenschanz produzieren.
Weiterhin ist Erinnerung wohl kein Muskel, der stärker wird, je öfter er kontrahieren wird. Wie auch das ganze Hirn nicht, denn es kommt nicht nur darauf an, etwas (wieder) zu (er) kennen, es sollte auch gewusst werden, wie etwas anzuwenden ist. Doch wer das ausgeübte Ritual als bereits Anwendung bezeichnet, ist irgendwo angekommen, doch nicht in der Gegenwart, nicht in der Zukunft, aber hierzulande in einem Krieg – und bemerkt es nicht.
Von daher ist es absolut richtig zu konstatieren, dass es nicht nur Hinweise auf ein
gibt, sonder dass dies eine Tatsache ist. (Ist das auch ein Preis der Konkurrenzgesellschaft? Wo es „Erfolg“ gibt, muss es auch „Versagen“ geben?)
Zur »Eutopie«:
Schönes Konzept, doch wie soll das funktionieren, wenn die Menschen derart zugeneigt sind, dass sich nicht einmal über die Frage »Was ist genau passiert?« geeinigt werden kann, weil jedes hergezeigte allwissende Endgerät etwas anderes „weiß“ bzw. „sagt“?
Sehr gut gefallen hat mir das hier, wenn ein Maya-Nachkommen sagt:
Gerade aus dem Wissen heraus, dass das Wissen über die Geschichte sich verändert, weil immer etwas hinzukommt, dass vorher unberücksichtigt oder unbekannt war, erscheint mir das irgendwie gesund, weil ungezwungen.
Bemerkenswertes Interview, soweit.
PS: Als Wiederholung, denn es wurde schon öfter erwähnt, dass Kognitionswissenschaftler das Vergessen als die größte Leistung des Gehirns ansehen. Freilich ist hier eine andere Größenordnung gemeint.
PS2: Wahrscheinlich unnötig, aber es sei gesagt, dass „Vergessen“ und „verändernde Geschichte“ nichts mit Geschichtsklitterung zu tun hat.
Die deutsche Erinnerungskultur wäre „dysfunktional“ ?
Bittschen, was ist im heutigen Deutsch land nicht dysfunktional ? ? Sogar das Volksbad von und zu Lilienthal vor der Volksbühne in Berlin musste wegen ka-putter Duschen gesperrt werden.
Das einzige, was Deutsche können, ist mit dem Finger auf andere zu zeigen. So lief und läuft dann auch die „Vergangenheitsbewältigung“ ab:
Solange es noch echte Nazis gab, war davon nämlich nicht viel zu sehen.
Man hätte ja möglicher Weise sich selbst anklagen müssen.
Dafür nimmt die Aufarbeitung immer mehr Fahrt auf, je länger die Nazizeit zurückliegt.
Man kann ja wieder so schön auf Andere zeigen, diesmal auf „Oma“ und „Opa“. Oder den „Nazionkel“.
Die sind ja alle schon tot.
Das gleiche Spielchen läuft übrigens mit der „Aufarbeitung“ der Schwulenverfolgung im Adenauerstaat ab.
Da leben dummerweise viele Staatsverbrecher noch, weil das bis in die 1990er lief.
Deshalb: Anklagen gegen Polizisten, Staatsanwälte oder Richter, die Schwule verfolgt haben: Fehlanzeige.
Wartet aber mal noch 40 Jahre…