
Hausdurchsuchung, Anklage, Gerichtsverfahren – Sozialwissenschaftler und Künstler Rudolph Bauer hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie aus politischer Kunst ein Strafverfahren werden kann.
Auslöser des Verfahrens waren mehrere Bildmontagen, in denen Rudolph Bauer Motive der Corona-Politik mit Symbolen und Bildwelten des Nationalsozialismus kombinierte. Die Justiz wertete Teile dieser Arbeiten als Volksverhetzung, Bauer sieht darin von der Kunstfreiheit geschützte politische Kunst.
Im Interview mit Roberto De Lapuente blickt er auf die Geschehnisse zurück und erläutert seine Position.
De Lapuente: Erlauben Sie mir zu Beginn die persönliche Frage, wie es Ihnen im Augenblick – nach all den juristischen Strapazen – geht, Herr Bauer?
Bauer: Auf Fragen nach dem persönlichen Befinden, antworte ich meistens: Ich kann nicht klagen. Wobei die Betonung auf dem »können« liegt. Also eine kleine ironische Untertreibung. Aber im Ernst: Es geht mir leidlich gut. Die juristischen Strapazen freilich, das nervt. Vor allem nervt mich, dass ich in einem Film mitmitspielen muss, für den ich mich nicht als Schauspieler beworben habe. Ich komme mir manchmal vor wie eine Nonne, die sich in einem Porno nackt machen soll.
De Lapuente: Sie waren jahrzehntelang Wissenschaftler und Hochschullehrer, haben in Ihrer künstlerischen Arbeit vor den Irrwegen unserer Vorfahren gewarnt. Nun gelten Sie als jemand, der den Nationalsozialismus gewissermaßen verherrlicht. Wie bitter das für Sie sein muss, kann ich nachempfinden. Wie geht aber Ihr Umfeld mit dieser seltsamen Entwicklung um Ihre Person um?
Bauer: Dass ich den Nationalsozialismus verherrliche, davon geht niemand in meinem Umfeld aus. Wer mich kennt, wer meine Schriften kennt, wer mein politisches Denken und Handeln kennt, der kommt niemals auf diese obskure Idee. Bitter ist jedoch, dass in meinem Umfeld viele Menschen meiner Generation, die mich seit Jahrzehnten kennen, schon gestorben sind. Oder sie sind pflegebedürftig, Heimbewohner, krank, können nicht mehr aktiv sein. Ferner sind während Corona zusätzlich manche Kontakte weggebrochen. Bei vielen verfingen die »Wir«-Parolen und der falsche Solidaritätsappell. Ich hatte hingegen gute Gründe, das Seuchen- und Volksgesundheits-Narrativ aus sozial- und politikwissenschaftlicher Sicht, auch aus historischer Sicht zu hinterfragen.
»Kunst darf im Prinzip alles, auch vergleichen – sogar gleichsetzen«
De Lapuente: Bereuen Sie es mittlerweile, dass Sie damals mit den berüchtigten Collagen den Vergleich des Corona-Notstandes mit gewissen Phänomenen des Nationalsozialismus gleichgesetzt haben?
Bauer: Diese Frage ist verständlich, aber falsch. Verständlich wäre sie, wenn mir ein Fehltritt anzulasten wäre. Etwa nach dem Motto: Bauer hat einen Vergleich angestellt. Das war ein Fehler. Jetzt soll er Reue zeigen. Falsch! Denn Kunst funktioniert so nicht. Kunst darf im Prinzip alles, auch vergleichen. Kunst darf sogar gleichsetzen. Man beachte den »kleinen Unterschied« von vergleichen und gleichsetzen. Kurz: Kunst ist frei. Kategorisch frei! Die Ausübung von Kunst unterliegt keinen Einschränkungen. Das unterscheidet die freie Kunst in der Demokratie von der Kunst in Diktaturen. Kunst darf Zusammenhänge aufzeigen, sie darf auf Parallelen hinweisen, sie darf verfremden. Sie darf interpiktoriale Bezüge, Bild-Bild-Bezüge, herstellen. Auch Bezüge zu NS-Symbolen wie dem Hakenkreuz und dem Reichsadler oder einem Hitler-Kopf. Wer das verbietet, der missachtet die Kunstfreiheit, wie sie im Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3, Satz 1 verankert ist: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.«
De Lapuente: Kritiker monieren, so ein Vergleich sei weit überzogen und überschreite die Grenzen des guten Geschmackes. Können Sie diesen Einwand nachvollziehen?
Bauer: Dieser Einwand benutzt ein Vokabular, das die Bücherverbrennung rechtfertigen sollte und dem Nazi-Verdikt von der »entarteten Kunst« sehr nahekommt. Das zum einen. Andererseits ist es jedermann unbenommen, Geschmacksurteile zu äußern. Wir sollten streng unterscheiden zwischen den Reaktionen des Publikums, das mit einem unterschiedlichen Kunstverständnis ausgestattet ist, und den Urteilen einflussreicher Kritiker im Feuilleton oder – in meinem Fall – der Herren und Damen bei Gericht.
De Lapuente: Darf Kunst im Prinzip wirklich alles, wie Sie eben sagten?
Bauer: Kunst ist frei. Dieser Grundsatz ist im Geltungsbereich der bundesdeutschen Verfassung unumstößlich. Das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte. Die totalitäre Peversion zeigt sich heute nicht zuletzt darin, dass es wieder Bildverbote gibt – wie unter den Nazis, jetzt aber mit der Begründung, auf diese Weise gegen deren Wiederkehr »wehrhaft« zu sein. Pervers, absurd! Es gibt jedoch weltweit andere Verfassungen, andere Kulturen, Länder mit bestimmten religiösen Geboten und moralischen Imperativen. Dort sind der Kunst Grenzen gesetzt. Die Frage, darf Kunst alles, muss daher kulturspezifisch beantwortet werden. In einem Land mit demokratischer Verfassung jedoch, also in der Bundesrepublik, darf Kunst grundsätzlich alles. Der Künstler ist bei seinen Gestaltungsmöglichkeiten, bei seinen Sujets und bei der Entscheidung frei, ob er sich politisch einmischt oder nicht. Das hat Vorbildcharakter für die Menschen in Ländern, wo Kunst nicht frei ist.
»Wo der Staat geschützt wird, ist höchste Vorsicht geboten«
De Lapuente: Einigen wir uns auf die Aussagen, dass Ihre Arbeiten bewusst provokant gehalten sind. Was möchten Sie bei den Betrachtern auslösen?
Bauer: Diese Frage, was ich beim Betrachter auslösen möchte, lockt mich auf die schiefe Bahn der Meinungsäußerung. Das Verfassungsrecht der Meinungsfreiheit findet, wie es in Artikel 5, Absatz 2 Grundgesetz heißt, seine »Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre«. Die Meinungsfreiheit hat – gemäß Grundgesetz, leider – Grenzen, die im Strafgesetzbuch StGB festgezurrt sind. Unlängst, beim Bremer Landgericht, musste ich die traurige und empörende Erfahrung machen, dass die Richterin mich durch die Fragen nach meinen Motiven in die Falle der Meinungsäußerung lockte. Meine Bildmontagen wurden dann bei der Urteilsbegründung nicht als künstlerische Arbeiten gewertet, sondern als Meinungsäußerung. Zwar will ich nicht verhehlen, dass meine Bildmontagen politisch motiviert sind – wie übrigens auch die Collagen von Bildkünstlern wie John Heartfield und George Grosz. In deren Tradition bewege ich mich. Und das heißt sehr wohl: meine Bildmontagen können und sollten provozieren. Sie legen die Finger in die Wunden des politischen Geschehens. Sie mahnen und warnen, sie klären auf. Das ist vom Staatsschutz nicht gewollt. Das soll bestraft und unterdrückt werden.
De Lapuente: Ein Staat, der Sie – einen Mahner vor totalitären Verhältnissen – nun in die Nähe totalitärer Sympathien rückt: Sehen Sie den noch als Heimat an? Oder muss man sich den heutigen Rudolph Bauer als Heimatlosen vorstellen?
Bauer: Ein Staat, wie er in der Idee der Staatsräson zur Geltung kommt, ist 19. Jahrhundert, ist Absolutismus. Wenn Frau Merkel das Wort Staatsräson gebraucht, lässt sie erkennen, wo sie politisch sozialisiert wurde: in der DDR. Der allmächtige Staat, das ist Diktatur. Nicht ohne Grund wurde 1933 die »Verordnung zum Schutz von Volk und Staat« erlassen, um die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft zu setzen. 1934 folgten das »Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr« und das »Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen«. Wo der Staat geschützt wird – Stichwort: Staatsschutz –, ist höchste Vorsicht geboten. Im Grundgesetz ist die Rede vom sozialen Rechtsstaat mit demokratischen Strukturen. Nicht von einem Polizeistaat, nicht von einem Gesundheitsstaat, nicht von einem Militärstaat. Der Staat ist keine Heimat. Kein Staat ist eine Heimat freier Bürger. Demokratie, wenn man so formulieren will, ist unsere Heimat. Für diese Heimat, sie wiederzugewinnen, sie zu erhalten und weiterzuentwickeln, dafür setze ich mich ein.
De Lapuente: Sie haben sich wissenschaftlich und politisch viele Jahre mit Macht, Herrschaft und Gesellschaft beschäftigt. Dürfen wir Ihre Kunst als eine Fortsetzung Ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit anderen Mitteln verstehen?
Bauer: Die Bildmontagen sind keine Fortsetzung meiner wissenschaftlichen Arbeit mit anderen Mitteln. Sie sind ein anderes Feld, eine andere Art, eine andere Methode, sich mit Macht, Herrschaft und Gesellschaft auseinander zu setzen. Kunst und Wissenschaft können sich zwar ergänzen. Ein und dieselbe Person kann Künstler und Wissenschaftler sein. Aber Kunst ist keine Fortsetzung der Wissenschaft. Wissenschaft folgt strengen Regeln – jedenfalls sollte sie das tun. Kunst aber sprengt Regeln. Sie verändert Sehgewohnheiten. Sie öffnet Gedankengefängnisse. Sie rückt Gewohntes in ein anderes, ein neues Licht. Sie muss provozieren.
»Nicht grundlos war ich im Winter 2024/25 schwer krank«
De Lapuente: Ihre provokante Kunst hat, so könnte man unter aktionskünstlerischen Gesichtspunkten anmerken, die Justiz auf den Plan gerufen, womit diese ein Stück weit zum Teil Ihrer künstlerischen Absichten wurde, indem sie bestätigte, dass der totalitäre Furor in der Tat real ist in dieser Bundesrepublik. Anders gefragt: Bestätigt die Justiz Ihre These, wonach sich Deutschland zu einem totalitären System entwickelt hat?
Bauer: Ja.
De Lapuente: Haben Sie seit Beginn der juristischen Händel darüber nachgedacht, Ihre künstlerische Bildarbeit einzustellen?
Bauer: Seit dieser albernen, wenngleich schockierend verbrecherischen Wohnungsdurchsuchung im Jahr 2023 sind im pad-Verlag insgesamt sechs Bände mit meinen Bildmontagen veröffentlicht worden. Außerdem habe ich ein »Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus« verfasst und veröffentlicht. Auch ein Band »Neue politische Lyrik« wurde unter dem Titel »Von Covid-19 zu Putin-22« veröffentlicht. Weiterhin bin ich also aktiv und engagiere mich, so gut ich es kann. Trotz alledem.
De Lapuente: Sie zeigen sich kämpferisch. Wie präsent ist diese Causa in Ihrem Alltag? Können Sie sie von den normalen Verrichtungen eines Lebens trennen oder schwebt sie dauernd über Ihnen?
Bauer: Sowohl als auch. Natürlich hinterlässt dieser brutale Schwachsinn Spuren. Die kolossale Verdrehung, die entwürdigende Pervertierung und Vergewaltigung meines Wirkens und meiner Person vom Demokraten zum faschistischen Volksverhetzer, vom Heiler zum Hexer, vom Gärtner zum Bock, vom Künstler zum Nazi – das geht gewaltig unter die Haut. Nicht grundlos war ich im Winter 2024/25 schwer krank. Erst Lungenentzündung, dann Herzprobleme. Aber, forget it; das Leben geht weiter. Andere Kämpfer sitzen langdauernd in Haft oder Untersuchungshaft. Über tausend Ärzte wurden verurteilt. Spahn? Merkel? Drosten? Fauci? Die Epstein-Freunde? Alles kein Thema der Medien und der Justiz. Soweit meine Kräfte es zulassen, werde ich weiterhin kämpferisch bleiben. Nicht zuletzt in Sachen Kunstfreiheit. Aber nicht nur. Besonders herausfordernd sind derzeit die irrationale Feindbild- und Kriegshetze, der zur Scheinrealität gewordene Kriegsertüchtigungswahnsinn. Bedrückend ist die Tatsache, dass ein widersinniger Weltkrieg vorbereitet wird, damit die Aktienkurse steigen. Größenwahnsinnig sind sie wieder einmal, »die Deutschen«. Ich meine nicht das Volk. Sondern die Politiker, die etablierten Medien, das Leitungspersonal in Kirchen und Gewerkschaften, in Teilen des Wissenschaftsbetriebs, bei Stiftungen und in Think Tanks, bei den denunziatorischen Meldestellen. Warum wohl? Aus denselben Gründen, derentwegen meine Bildmontagen angeblich das Volk verhetzen. Aus denselben Gründen, weswegen das Zeigen von Nazi-Symbolen angeblich den Totalitarismus glorifiziert.
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Wenn Merkel von der Staatsraison schwadroniert, ist die DDR schuld.
Was für ein Bullshit.
Als ob der Adenauersche Ranzstaat nicht selbst im Kern autoritär wäre.
Das eine schließt doch das andere nicht aus. Außerdem hat ein Nachfolger und Parteikollege Adenauers, ein gewisser Helmut Kohl von der CDU, die DDR 1990 für 100 Euro „Begrüßungsgeld“ gekauft.
Für die westlichen Banken, Versicherungen, Großkonzerne und ihre Aktionäre war das ein Bombengeschäft. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 gab es für wertewestliche Kapitalisten kein besseres Geschäft, um Profite zu kapitalisieren und Verluste auf die Allgemeinheit zu verteilen. Viele ehemalige DDR-Bürger haben bis heute nicht verstanden, wie der Kapitalismus funktioniert. Die meisten Bürger der BRD aber auch nicht.
Danke für das Interview.
Es tut sehr gut von Menschen zu lesen,
die die Dinge beim Namen nennen.
Der vorauseilende Gehorsam der Justiz,
das totalitäre Klima der Ausgrenzung
Andersdenkender bis in die Familien hinein,
die Einschüchterungen von Ärzte und Experten,
die bewusst einseitige, verzerrende und
somit lügenhafte Berichterstattung der Medien,
die mangelhafte Aufklärung über einen
gravierenden ärztlichen Eingriff als
millionenfacher Straftatbestand, die
ungesühnte Bereicherung und Manipulation
durch Politiker. Was fehlt?
Achso, und wenn auch noch
Überlegungen kommen, „Ungeimpfte“
mit gelben Stickern zu markieren (sic!)
und man sich dann an die NS Zeit erinnert fühlt,
das ist dann „Volksverhetzung“?
Und es geht genau in dem Stile weiter.
Ja. Covid-19, Putin-22. Exakt!
Mein tiefer Respekt gebührt Herrn Bauer.
Für den Rest kann man nur Mitleid empfinden,
weil Verachtung noch zu schade scheint.
Diesem Mann ist vom Staate her unrecht getan worden. Die Hausdurchsuchung, die martialisch auftrtenden Polizisten. Unser Staat schiesst hier zu unrecht mit Kanonen auf einen Spatz. Aber unrecht hat er schon, wenn er sagt: „Kunst ist frei. Dieser Grundsatz ist im Geltungsbereich der bundesdeutschen Verfassung unumstößlich“ Man kann nicht verbotene Symbole nutzen und sich mit der Kunstfreiheit rechtfertigen. Es ist sinnvoll das manche Sybole verboten sind. Vielleicht wird auch dabei etwas übertrieben, aber am grundsätzlichen Verbot mancher Sybole ist nichts auszusetzen, ich halte solche Verbote sogar für nötig. Ich möchte auch nicht das auf Demonstrationen Fahnen von Terrororganisationen gezeigt werden, oder eben per sozialen Medien. Auch dabei könnte man sich auf die Kunstfreiheit berufen, aber das funktioniert zurecht nicht. Trotzdem ist darüber zu sprechen warum unser Staat einen so recht harmlosen Menschen in dieser Weise behandelt. Auch das ist grundfalsch. Wofür eine Hausdurchsuchung? Der Ermittlungsrichter der diese Hausdurchsuchung angeordnet hat sollte sich dafür rechtfertigen müssen, was er damit eigentlich bezweckt hat, und wenn die absolut unschlüssig ist eben auch wegen Schikane belangt werden.