
Vom Materialisten zum Grenzgänger zwischen Physik und Metaphysik: Gerd Ganteför wagt den Bruch mit dem naturwissenschaftlichen Zeitgeist.
Im Gespräch mit Roberto De Lapuente über sein neues Buch spricht er über die Rolle von Information im Universum, die Unsicherheiten der modernen Physik – und die überraschenden Schnittmengen zwischen Wissenschaft und Religion.
De Lapuente: Herr Ganteför, für einen Physiker vernimmt man von Ihnen dieser Tage erstaunliche Aussagen. Sie seien nicht mehr atheistisch, wie Sie es einst waren, sondern sehen heute eine Synthese aus Religion und Naturwissenschaften für notwendig an. Wie nimmt denn Ihre Disziplin auf, dass da einer der Ihren einen Gott vermutet?
Ganteför: Herr Lapuente, für den Nicht-Physiker mögen meine Aussagen erstaunlich klingen, weil Menschen, die nur über die deutschsprachigen Medien etwas von Physik oder den Naturwissenschaften insgesamt gehört haben, denken, dass das Weltbild der Physik ein rein materialistisches ist. Es sind die Maschinisten unserer Kultur, die die Leitmedien betreiben. Hinzu kommt, dass Physiklehrer und -lehrerinnen den Schülern nur das, was in den Lehrbüchern steht, beibringen dürfen. Das ist aber nur die Oberfläche und nicht der wirkliche Kern der Physik. Ähnlich wie beim Klima wird auch hier die Naturwissenschaft von einer politischen Ideologie missbraucht. Diese Ideologie hält Religion für das Opium des Volkes. Dazu gehört alles, was auch nur entfernt an Metaphysik erinnert. Daher ist die breite Mehrheit in Deutschland der Meinung, das Universum sei eine riesige Dampfmaschine, die im Urknall zündetet und seither dem Kältetod entgegentorkelt. Leben kann es in einer Maschinenwelt nicht geben. Dass es Leben auf der Erde gibt, muss nach diesem Weltbild also ein extrem unwahrscheinlicher Zufall sein. Wenn jemand etwas Anderes behauptet, wird er als Spinner abgetan. Kollegen und Kolleginnen aus der Physik stehen dabei unter besonderer Aufsicht.
De Lapuente: Sprich: Dieses Weltbild ist lebensfeindlich und geistlos?
Ganteför: Tatsächlich ist das, was ich in meinem neuen Buch sage, eine moderne Version der kosmischen Religiosität von Albert Einstein. Modern deshalb, weil wir neue experimentelle Ergebnisse haben, die zumindest in meiner Interpretation den Ansatz von Albert Einstein unterstützen. Unser Universum ist nicht geistlos. Nur die Ideologie des deutschsprachigen Mainstreams ist geistlos.
»Die Physik folgt in breiter Front immerzu dem Mainstream«

De Lapuente: Sie erklären, ich vereinfache jetzt mal, dass die Naturwissenschaftler im Laufe der Zeit vieles entdeckt hätten, nie aber einen Beleg für die Existenz Gottes vorlegen konnten, weswegen für sie klar war, dass es eine solch absolutes Wesen nicht geben könne. Ist denn alles, was die moderne Physik heute annimmt, immer auch belegbar? Anders gefragt: Steckt nicht auch in der Physik ein Stück weit die Bereitschaft, das zu glauben, was das Fach als gegeben annimmt?
Ganteför: Auch die Physik wird vom Zeitgeist beeinflusst. Es ist fast unmöglich, sich von dem, was der Mainstream als gegeben annimmt, zu lösen. Auch muss man, wenn man neue Thesen aufstellt, die dem Mainstream widersprechend, im Job als Wissenschaftler große Nachteile in Kauf nehmen. Mir ging es so, als ich mein erstes Buch »Klima. Der Weltuntergang findet nicht statt« veröffentlichte. Es ist das Ergebnis meiner umfangreichen Vorlesung Energie und Klima. Meine These ist, dass durch zwei oder vielleicht drei Grad Erwärmung die Menschheit natürlich nicht aussterben wird. Wir haben ein Problem aber es ist nicht existenziell. Das erschien mir selbstverständlich. Es hat mich dann vollkommen verblüfft, mit was für einer emotionalen Ablehnung ich von innerhalb und außerhalb der akademischen Welt konfrontiert wurde. Jetzt habe ich ein Buch geschrieben, indem ich vorsichtig andeute, dass etwas im materialistischen Weltbild vielleicht nicht richtig ist.
De Lapuente: Auch in Ihrem neuen Buch widersprechen sie dem Zeitgeist …
Ganteför: Ja, und prompt gibt es im vornehmlich atheistischen deutschsprachigen Raum wieder einen Grund zur Aufregung. Ich verstehe das nicht. Sind wird jetzt aufgeklärt oder folgen wir noch immer Dogmen wie im Mittelalter? Jedenfalls haben Sie mit Ihrer Frage Recht: Die Physik folgt in breiter Front immerzu dem Mainstream und lehnt genauso wie jede andere Gruppe in der Gesellschaft alles ab, was den althergebrachten Dogmen widerspricht. Aber Innovation kommt immer von den Querdenkern. Und »Querdenker« ist heute in Schimpfwort in Deutschland. Die Folge ist, dass Europa und allen voran Deutschland in Forschung und Entwicklung kaum noch mithalten können. Besonders deutlich wird es bei der KI. Dort sind uns die USA und China meilenweit voraus. Mich stimmt das traurig.
De Lapuente: Sie erteilen dem rein materialistischen Weltbild eine Abfuhr. Waren Sie einst bekennender Materialist? Und falls ja, was hat Sie umdenken lassen?
Ganteför: Oh ja, ich war bekennender Materialist! Ich habe Vorträge darüber gehalten, dass unser Gehirn nach den materialistischen Naturgesetzen funktioniert. Unser Bewusstsein sei nicht anders als ein energiesparender sehr langsamer Prozessor. Die Vorträge kamen nicht gut an, obwohl ich alles belegen konnte. Aber ich hatte damals längst nicht so viel Ahnung von Physik. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, wie viel es ist, was die Physiker nicht erklären können. Und ich habe noch länger gebraucht, um wenigstens die Grundzüge der Quantenphysik zu »begreifen«. Verstehen sie mich recht: den mathematischen Apparat musste ich schon ganz zu Beginn meiner Zeit als Universitätsprofessor in den Vorlesungen den Studierenden nahebringen. Aber die Formeln sind vergleichsweise einfach: Man muss nur die Regeln kennen. Dass heißt aber nicht, die Quantenphysik wirklich zu verstehen. Wie kann ein Teilchen sowohl ein Teilchen als auch eine Welle sein? Was sind Materiewellen? Und was bedeutet Verschränkung?
»Ich glaube inzwischen, dass es eine geistige Komponente im Universum gibt«
De Lapuente: Ich bin da ratlos, Herr Ganteför …
Ganteför: Nach langem, langem Nachdenken habe ich verstanden, dass das alles mit Information zu tun hat. Information sollte es aber nur in der belebten Natur geben – dachte ich zumindest. In der Quantenphysik spielt sie aber eine entscheidende Rolle in der unbelebten Natur. Das passte überhaupt nicht zu meiner Vorstellung, was Information ist. Information braucht einen Sender und einen Empfänger. Und beide sollten die Information »verstehen«. Wie kann es also Information in der unbelebten Natur geben? Es gibt sie aber und sie ist sogar von fundamentaler Bedeutung. Information ist so etwas wie Geist und da fing ich an, am materialistischen Weltbild zu zweifeln. Es gibt irgend etwas in unserem Universum, dass mir regelrecht unheimlich vorkommt. Was es ist, kann ich nicht sagen. Aber es ist immateriell und jenseits von allem, was wir auch nur ansatzweise verstehen können. Wir sind wie ein Hund, der ein Buch entdeckt und partout nicht versteht, was es mit den schwarzen Klecksen auf den weißen Seiten auf sich hat.
De Lapuente: Die Altvorderen Ihres Faches, nehmen wir nur mal Isaac Newton, Werner Heisenberg oder Max Planck, waren durchaus gläubige Leute. Würden Sie sagen, diese Herren waren intellektuell weiter als jene, die nach ihnen kamen und vollauf im Materialismus aufgingen?
Ganteför: Geniale Forscher wie Isaac Newton, Werner Heisenberg oder Max Planck haben die Physik in gewaltigen Sprüngen weitergebracht. Ihre Bedeutung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Newton wird die Aussage zugeschrieben: »Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.« Die Physiker und Physikerinnen sind heute in der großen Mehrheit stromlinienförmig an den Zeitgeist angepasst. Wären sie es nicht, bekämen sie keine Forschungsmittel oder jedenfalls sehr viel weniger. Auch die großen Vordenker wie Albert Einstein hatte mit ihren neuen Ideen zu ihrer Zeit große Probleme bis hin zu Androhung von Gefängnis oder Schlimmeren. Im Mittelalter drohte sogar der Scheiterhaufen. Ob die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heute intellektuell weiter sind als damals, kann ich nicht sagen. Aber jedenfalls waren und sind die Vordenker sehr mutig – zu jeder Zeit. Fast bin ich versucht zu sagen: und ganz besonders in Deutschland.
De Lapuente: Wie beschreibt der Physiker Gott?
Ganteför: Wie ein Physiker Gott beschreibt, kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt allerhand gläubige Kollegen und Kolleginnen, es gibt Buddhisten und es gibt überzeugte Atheisten unter uns. Dann gibt es noch Variationen, die ich nicht so richtig einsortieren kann: Agnostiker, Pantheisten usw. Ich kann nur für mich sprechen: Ich glaube inzwischen, dass es eine geistige Komponente im Universum gibt, die allumfassend ist und von deren wahrer Natur wir keine Ahnung haben. Entweder wissen wir noch nicht genug über unsere Welt und können uns mit der Zeit dem Verständnis dieser geistigen Ebene unserer Wirklichkeit etwas mehr annähern. Oder diese Komponente wird für immer unserem Geist verschlossen bleiben, weil sie zu fremdartig ist, jenseits der Zeit existiert und möglicherweise sogar höherdimensional ist. Diese Wesenheit oder Entität ist dafür verantwortlich, dass es unser Universum gibt, denn ohne sie gäbe es unsere Naturgesetze und Naturkonstanten nicht. Ohne sie gäbe es auch keine Zeit.
»Die christliche Ethik ist die Grundlage unserer europäischen Gesellschaft«
De Lapuente: Wie zeigt sich Ihnen diese Entität?
Ganteför: Ich habe sie in meinem Buch »Informationsfeld« genannt, und möglicherweise ist dieses Informationsfeld sogar identisch mit dem Universum selbst. Materie, Energie und Zeit sind nur Ausformungen dieses Feldes. Es gibt von John Wheeler den Ausspruch »It from Bit«. Er bedeutet, dass Information möglicherweise die Basis allen Seins ist. Diese Vorstellung bedeutet auch, dass ich diesen Gott der Physik nicht ansprechen kann. Er greift auch nicht in unser Leben. Es ist kein Übervater, denn der alte Gottesbegriff ist nur allzu menschlich. Das eine, was ich gelernt habe, ist, dass es eine allumfassende Wesenheit gibt, die uns total fremd ist. Aber es gibt auch etwas Positives: Wenn diese Wesenheit Information ist, dann ist unser Bewusstsein, das die höchste Konzentration von Information im unser bekannten Teil des Universums darstellt, auch Teil dieser Wesenheit und in gewisser Weise unsterblich. Denn es gibt einen Informationserhaltungssatz.
De Lapuente: Wie sieht für Sie die schon angesprochene Synthese aus Religion und Naturwissenschaften aus?
Ganteför: Ich denke, beide Lager, die Naturwissenschaft und die Religion, müssen sich zunächst von ihren Dogmen lösen. Die Naturwissenschaft muss Metaphysik zulassen und erkennen, dass ihre auch Weltsicht von Zeitgeist geprägt ist, der im Augenblick einer materialistischen Ideologie folgt. Es ist eine Ideologie und keineswegs die »Wahrheit«. Die Religion – und hier kann ich nur für die christliche Religion sprechen – muss ebenfalls von ihren Dogmen abrücken. Die Texte in der Bibel sind menschengemacht. Es sind Gleichnisse und Erzählungen, die keineswegs etwas beschreiben, was wirklich geschehen ist. Wir brauchen eine moderne Form eines säkularisierten Christentums. Es muss eine Trennung zwischen dem christlichen Glauben und der christlichen Ethik erfolgen. Dem Glauben, wie er in der Bibel niedergeschrieben ist, kann man anhängen oder nicht, aber die christliche Ethik ist noch immer die Grundlage unserer Gesellschaft. Stichworte sind zum Beispiel die Nächstenliebe und das Verzeihen. Nur mit dieser christlichen Ethik haben wir eine Chance, den nächsten Weltkrieg, der Europa auslöschen wird, zu verhindern. Die christliche Ethik ist die Grundlage unserer europäischen Gesellschaft und ohne diese Grundlage wird unsere Kultur verschwinden. Mit oder ohne Krieg. Die eigentliche Synthese geschieht dann durch eine Reduktion beider Weltanschauungen auf ihre abstrakten Grundlagen. Diese sind sich tatsächlich verblüffend ähnlich. Ich habe diese Reduktion auf einige wenigen Aussagen versuchsweise für beide Weltanschauungen durchgeführt. Für die abstrakten Grundaussagen des Christentums gilt: Es gibt ein höheres Wesen, das die Welt erschaffen hat. Gott ist allumfassend und ewig. Die wahre Natur Gottes entzieht sich unserem Verständnis. Wir haben eine Seele. Sie ist etwas Göttliches und ewig. Gegenübergestellt die abstrakten Grundaussagen der Physik: Es gibt eine immaterielle Komponente und sie erzeugt unsere Wirklichkeit. Sie ist allumfassend und ewig. Ihre wahre Natur liegt jenseits unseres Verständnisses. Unser Bewusstsein ist Teil dieser immateriellen Komponente.
De Lapuente: Warum ist Ihnen diese Verquickung von Religion und Wissenschaft so wichtig, Herr Ganteför?
Ganteför: Eine Gesellschaft braucht einen Kitt, der sie zusammenhält. Über die letzten 2.000 Jahre war dies in Europa das Christentum. Heute sind die Europäischen Gesellschaften und allen voran Deutschland dabei, von innen zu zerfallen. Man nennt diesen Prozess Tribalisierung: Die Gesellschaft spaltet sich in verfeindete Gruppen und fällt zurück in den Zustand einer steinzeitlichen Stammesgesellschaft. Symptome des Zerfalls sind ein überbordender Egoismus, die Zunahme von Lügen und die Ausgrenzung ganzer Teile der Bevölkerung. Es sind Symptome des Niedergangs. Mein Vorschlag, die Naturwissenschaft mit der christlichen Religion zu versöhnen, ist ein Versuch, diesen Zerfall aufzuhalten.
Prof. Dr. Gerd Ganteför, geboren am 3. November 1956, studierte von 1977 bis 1984 Physik an der Universität Münster und promovierte 1989 an der Universität Bielefeld im Bereich Nanotechnologie. Diesem Gebiet blieb er sowohl als Postdoktorand in den USA als auch während seiner Habilitation am Forschungszentrum Jülich treu. 1997 wurde er an die Universität Konstanz berufen, an der er bis zum Ende seiner Dienstzeit 2022 forschte und lehrte. Seither widmet er sich der Leitung seiner Consulting-GmbH mit Sitz in Kreuzlingen im Thurgau.
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Schöner Kategorienfehler. Es ist gar nicht Aufgabe eine Physikers lebende Systeme zu beschreiben. Da hätte er sich was anderes suchen sollen. Das selbe gilt übrigens für Mathematiker die ihren Kram komme was wolle auif die reale welt übertragen wollen und sich dann darüber wundern, dass dort ihre Modell ständig scheitern. Jetzt soll der Ausweg Religion sein und Hegel applaudiert aus seinem Grab. Naja, noch eine Generation, dann sind wir sowieso in Idiocrazy angekommen.
Seit mindestens 1 Mio Jahre erkennen Geister in Gestalt des homo erectus (sapiensis) sich selbst in den Stoffen wieder, von denen sie sich nähren, mit denen sie umgehen, die sie bearbeiten, aus denen sie bestehen.
Und nun, da diese Informationen zu den Formen fortgeschritten sind, die sie in den energetischen Phasenräumen und Zustandsgleichungen der Quantenphysik angenommen haben, wird solcher Geist für Herrn Ganteför zum … unbekannten Wesen. Ob er eine Frau hat? Sorry, could not resist.
Und ja, Legolas Assoziation stimmt: Das ist eine farcenhafte Wiederkehr desjenigen mystizistischen Zuges, welches das System der hegelschen Philosophie auszeichnet. „Information“ wird für Ganteför zum „absoluten Wissen“ – aber nicht länger als ein wissenschaftliches, sondern spirituelles IDEAL.
Ein ca 36000 Jahre altes Paradebeispiel gibt es in Frankreich zu bewundern:
https://www.m100.archaeologie42.de/tv-filme/a/auf-den-spuren-praehistorischer-kuenstler-die-chauvet-hoehle/Filmszene-aus-Auf-den-Spuren-praehistorischer-Kuenstler-Die-Chauvet-Hoehle-p09-g.jpg