Steigende Preise, sinkende Kaufkraft und wachsende Ungleichheit: Viele Menschen haben das Gefühl, dass soziale Gerechtigkeit in Deutschland immer mehr verloren geht. Und was geschah mit der Linkspartei? Hat das BSW eine Zukunft?
Journalist Roberto De Lapuente spricht mit Klaus Ernst vom BSW über soziale Gerechtigkeit und die Frage, wie die Linke im Lande nur so den Anschluss verlieren konnte.
Klaus Ernst ist deutscher Politiker und Gewerkschafter. Er engagiert sich seit vielen Jahren für Arbeitnehmerrechte, soziale Gerechtigkeit und eine stärkere Orientierung der Politik an den Interessen der Beschäftigten. Seit 2025 ist er im BSW. Vorher war er bei der SPD, dem WASG und der Linken.
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Hätte nicht der Porsche von Klaus Ernst einen besseren Rahmen für dieses Video abgegeben?
Da hätten seine Worte doch viel mehr Gewicht.
@Murg
Sind neidisch auf einen alten Porsche?
Wir haben auch einen älteren Porsche, zwar nur als Trecker aber immerhin -)
Das Interview mit Klaus Ernst war sehr aufschlußreich. Gut das er die „Linke“ verlassen hat und zum BSW gegangen ist.
Auf Veranstaltungen ist Ernst einer der nicht so dröge ist und das zeichnet ihn wirklich aus.
Danke OT für dieses Interview
Was bitteschön wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?
Dass man obdachlos sein muss, um die Interessen von Obdachlosen vertreten zu können? Dass man arbeitslos sein muss, um die Interessen von Arbeitslosen vertreten zu können? Dass man Geringverdiener sein muss, um für die Interessen von Geringverdienern zu kämpfen?
Man kann doch Porsche fahren und trotzdem dafür sein, dass mehr Radwege gebaut werden, der öffentliche Nahverkehr für alle bezahlbar bleibt und die Züge pünktlich ankommen und abfahren oder etwa nicht?
Da fällt mir dieser Spruch ein: Wer mit 20 kein Sozialist wäre, der hätte kein Herz, und wer mit 40 immer noch Sozialist wäre, der hätte keinen Verstand. Warum ist das ein dummer Spruch? Weil er von vornherein ausschließt, dass man beides haben kann, HERZ UND VERSTAND, und zwar vollkommen unabhängig vom Alter, ob man 20, 40, 60, 80, 100 oder 120 Jahre alt ist. Soll heißen: Man kann Porsche fahren und trotzdem für soziale Gerechtigkeit eintreten, für bezahlbare Mieten und Kindergartenpätze, für anständige Löhne, für armutsfeste Renten und dieses andere soziale „Gedöns“, wie das der Totengräber der SPD, ein gewisser Gerhard aka „Gerd“ Schröder einmal formulierte. Oder etwa nicht?
Man kann aber auch Porsche fahren und Politik für miiliardenschwere „Superreiche“ machen, damit diese „Superreichen“, die in einem einzigen Jahr 622 Millionen Euro Dividende kassieren und sich jeden Tag einen neuen Ferrari für eine Million Euro kaufen könnten (und dann würden trotzdem noch ein „paar“ Euro übrigbleiben), noch reicher und die Armen, die sich nicht mal einen 10 Jahre alten Opel Astra leisten können, noch zahlreicher werden oder?
Porschefahrer ist eben nicht gleich Porschefahrer! Es gibt Porschefahrer, die fahren ein roten Porsche und es gibt Porschefahrer, die fahren einen schwarzen oder gelben Porsche. Porschefahrer, die einen grünen Porsche fahren, sind sehr selten, diese ehemaligen Pazifisten fahren heute vorzugsweise nato-olivgrüne Panzer (fängt auch mit „P“ an, kleiner Scherz). Blaue Porsche sind auch extrem selten, Sozialdarwinisten fahren lieber einen fetten braunen SUV der G-Klasse von Mercedes. Damit kann man die Fahrer mit dem rosafarbenen Opel Astra viel leichter von der Straße drängen.
@DOS
Inhaltlich Argumentativ haben Sie völlig recht. Symbolisch betrachtet (also verkürzt, was alle Menschen machen und die Majorität leider mit ihrem Verstehen dort stehen bleibt) ist ein Porsche – auch mit einem H-Kennzeichen – ist für den Sozialdarwinismus-Kritiker immer eine miserable Wahl. Der schmierige PR-Fuzzi empfiehlt aus seinem Eames Lounge Chair einen Opel Manta in braun-metallic, das simmuliert Authentizität.
Oh Mann, habe ich schlecht geschlafen, drei Fehler in den ersten beiden Sätzen.
Man reiche mir den ersten Kaffee und man gebe mir meine 20 min. Korrekturmöglichkeit zurück!
@El-G:
@Fatto! hat Ihnen beim Thema DSA einen Vorschlag gemacht, was halten Sie davon – Sie haben hier ja noch einen Beitrag, um zu antworten?
Zum Porsche des Herrn Ernst: Ich konnte früher eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen, bei der Bemerkung von @murg oben bekam ich einen Würgereiz – wie hängt das zusammen?
Klar ist der Porsche ein Symbol: Für Lebensfreude, Kraft, sexuelle Freiheit, Wohlbefinden. Dass diese schönen Dinge an Geld und Eigentum gebunden sind, auch. Somit provoziert ein Gewerkschaftler doppelt: Seht, wir wollen einiges vom Kuchen abhaben und nach der anderen Seite: Seid nicht so bescheiden, Leute. Ganz schlimm, so was!
Tja, Der Porsche. Die Attributionen »Für Lebensfreude, Kraft, sexuelle Freiheit, Wohlbefinden« als unter-der-Hand oder Flüster- bzw. Subliminial-Marketing kann für jeden besser motorisierten Sportwagen hergenommen werden. Der Porsche hingegen steht seit den 1980ern in Deutschland für Elite und vor allem für eine schamfreie Zurschaustellung der Zugehörigkeit zu dieser. Ob ein Porsche-Besitzer das auch so annimmt und von sich denkt, sei mal dahingestellt (wie gesagt, @DOS hat es schon ausdifferenziert und auf den Punkt gebracht, vielleicht besitzt er auch einen 😉).
Ich kannte mal zwei Freunde (Automechaniker & Maschinenbaustudent), die haben sich zwei schrottreife Porsche besorgt und diese über Monate repariert, restauriert und aufgebaut. Es waren 924 („Putzfrauen-Porsche“), die zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr als Porsche galten und völlig obsolet bis peinlich waren, was die beiden höchstens als Herausvorderung interessierte. Das war sehr sympathisch und für mich sehr lehrreich, was den Umgang mit und vor allem die künstliche Bedeutung von Brands angeht.
@Routard & @Fatto!,
danke für die Einladung, klingt interessant, allerdings auch etwas vage, was Themen und Modus Operandi angeht. Aber ich würde sagen, wenn Sie oder sonstige einen Hut haben, soll er in die Runde geworfen werden. Werde ich auch, wenn es sich ergibt. Von daher schlage ich mal den Bezeichner #Diskussionsbaum vor, auch um die Sachen später wieder zu finden.
Gruß!
Einverstanden mit #Diskussionsbaum, wusste gar nicht, dass die Suchfunktion solches hergibt. Ich bin von Barthes und seiner Theorie des Mythos beeinflusst. Es sind Symbole, die mit Ideologie aufgeladen unwiderlegbar sind, zum Mythos werden: der Besitzer hat es geschafft, er kann sich maximalen Speed, Kraft und die anderen schönen Dinge zu nutze machen.
War das der Fehler von Ernst – schließlich gehört er nicht dazu. Profanation des „Heiligen“?
Schade, @El-G kann nicht mehr antworten, wegen Max3. Ich merke hier nur noch Janis Joplin an: Oh lord, oh buy me…
passt gut zur Mythos-theorie, aber auch zu @El-G. Auf bald!
Zeigen Sie auch auf den Jet von „Uns Fritze“ oder die obszönen Besitztümer der neoliberalen Ausbeuter? Oder rutscht ihnen ihr „kaltes Herz“ dabei in die Hose?
Wo ist die soziale Frage hin?? Das frage ich mich bei dieser asozialen Dreckspolitik, die hier mittlerweile dominiert, ständig.
Die Empfehlungen von Youtube neben dem Video zeigen einen wunderbaren Eindruck von der Zielgruppe auf.
Welch ein Eigentor.
Die beziehen sich nämlich auf die persönlichen Vorlieben desjenigen, der yt aufruft. Der Algorithmus weiß, was vorausgehend angewählt wurde und richtet sich darauf ein. Ein hornaltes Ding.
„Bauknecht weiß, was Frauen wünschen.“
Nur die für die das Internet noch Neuland ist geben sich gegenüber Youtube zu erkennen.
Aber man gerne weiter in der Opfer-Rolle verharren, ist ja viel bequemer.
Eine der erfreulichsten Personen in Deutschland. Danke für das Interview.
Da ist er etwas ungenau in der Zeit nach 2002. Die Unternehmer wollten ein gewerkschaftsfreies Deutschland nach britischem und amerikanischem Vorbild. Wozu die INSM als Propagandaplattform gegründet wurde. Mit einr Flut von bezahlten Schreibern griff sie die Gewerkschaften von beiden Sreiten an. Das sei ja Sozisalismus, die einen, die Gewerkschaften seien Weicheier. Die Schröder-SPD tat rein gar nichts zu ihrer Verteidigung, wohl aber die Linkspartei. Diese hat die Gewerkschaft wohl gerettet. Wofür ich mich bei ERrnst und anderen bedanke. Ihr könnt euch ja mal in gewerkschaftsfreien Unternehmen umsehen. Ich kenne mich aus, wir haben einen US-Konkurrenten übernommen. Wer ein klein wenig Ahnung hat, ist den deutschen Gewerkschaften dankbar, dass sie das verhindern.
Dann natürlich der Ukrainekonflikt. Dazu allerdings hat das BSW auch keine klar erkennbare Linie. Hier könnte man punkten.
Bezüglich der Energiewende ist das BSW eine AfD-light. Mehr oder weniger Ausbremsung, dem Mainstream folgend. Ganz schwach, das linke Lager will Erneuerbare.
Richtig natürlich die Ausrichtung auf das Soziale. Hier klare Kante gegen die AfD, denn diese steht für Manchesterkapitalismus. Wofür sie von niemand angegriffen wird, wegen Brandmauer. Eine Lüvke für das BSW.
Dann meint das BSW, es brächte Stimmen, wenn man die Propaganda von Hamas, Hisbollah und Mullahs im O-Ton wiedergibt. In keiner Weise, wie man an den Wahlen sieht.
Ein solches „linkes Lager“ ist verblödet. Es gibt keine erneuerbaren Energien, sogar die Sonne verzehrt sich selber.
Tatsächlich braucht es keine Gewerkschaften, wenn die Beschäftigten ihr Unternehmen selbst verwalten können.
Funktionäre sind Apparatschiks und solange die damit Porsche fahren können, stimmt grundsätzlich etwas nicht!
Und genau da ist das Problem zu finden, warum das BSW keinen Erfolg bei den Arbeitern hat.
Die heutigen Gewerkschaften sind für viele Arbeitnehmer längst keine echte Interessenvertretung mehr, sondern riesige Funktionärsapparate, die sich von ihrer Basis entfernt haben. Seit Jahrzehnten kassieren sie hunderte Millionen Euro an Mitgliedsbeiträgen. Allein die IG Metall zuletzt über 640 Millionen Euro pro Jahr und das trotz sinkender Mitgliederzahlen. Genau das sagt eigentlich alles aus. Immer weniger Arbeitnehmer glauben noch an diesen Apparat, während die Einnahmen durch steigende Löhne und Beiträge trotzdem weiter wachsen.
Statt sich endlich mit voller Härte für ein gerechtes Rentensystem, weniger Abgaben und die Interessen normaler Arbeitnehmer einzusetzen, beschränken sich die Gewerkschaften seit Jahren auf die immer gleiche Ritualpolitik aus Warnstreiks und Tarifrunden. Am Ende bleibt den Beschäftigten wegen Inflation, Steuern und Sozialabgaben oft kaum etwas übrig. Bei den wirklich großen Problemen dieses Landes haben die Gewerkschaften komplett versagt und viele ihrer früheren Mitglieder merken das inzwischen ebenfalls.
Die schmierige Brühe der Korruption hat diesen Staat komplett überzogen und das was viele als Unruhe empfinden, ist nur die beginnende Verdauung dieses Staates.
Es gibt hier zwar etwas was als Recht bezeichnet wird, aber die dahinterstehende politische Unterschichtenjustiz, die sich dazu auch noch mitten im Korruptionsdschungel der Parteisoldaten befindet, macht diese Justiz nur zur Peitsche des jeweiligen Regimes.
Also, das mit dem Recht und Gesetz kann man schon mal vergessen, den größten Teil der Medien sowohl die Konzern- als auch die Parteisoldatenmedien des vielfach gebrochenen Rechts natürlich auch und die zu Aussenstellen der SPD mutierten Einheitsgewerkschaften haben mit Arbeitnehmervertretungen nur noch sehr wenig zu tun.
Kurz gesagt dieser auf politische Korruption Aufbauende Staat BRD ist am Ende seines weges angekommen, weshalb die Kleptokratie auch zielgerichtet auf einen Krieg mit Russland zusteuert. Die herrschenden Kleptokraten wissen zwar dass sie diesen Krieg nicht gewinnen werden, er soll auch nur die Erklärung für all das verschwundene Staatsvermögen darstellen.
Dementsprechen raffen die Kleptokraten gerade alles zusammen was nicht niet und nagelfest ist. Siehe die 100 Milliarden Extraschulden für die Aufrüstung, da konnten die Vertreter des Regimes ja nicht einmal sagen wo das Geld geblieben ist.
Grundgesetz und Verfassung sind in dieser Kleptokratie doch nur Toilettenpapier. Kurz gesagt dieser Staat ist schon tot, weigert sich nur noch umzufallen. Und das alles nzr weil es für die große große Mehrheit keine Rolle spielt ob sich ihre Vorgesetzten nun an Recht und Gesetz halten oder nicht. Sie stehen nur loyal zu der Person, alles andere ist ihnen egal, da müsste man ja denken, oder schlimner noch, selbst Entscheidungen treffen. Das geht für den einfachen Befehlsempfänger, welcher ja das Ideal dieser Gesellschaft darstellt, absolut garnicht. No way, das würde doch die Grundfesten dieses Landes in Frage stellen die da sind Zucht und Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit, aber nicht das Selbstständige Denken.
Analysiert man das Interview (es ist mehr ein Monolog), fällt auf, wie wenig Klaus Ernst über das BSW redet.
Da werden die goldenen 1970er-Jahre der SPD beschworen, als Willy Brandt mehr Demokratie wagte und im gleichen Atemzug den sog. Radikalenerlass durchpeitschte. Spätestens da hätte Klaus Ernst sein SPD-Parteibuch zurückgeben müssen. Für die vielen Jahre in der Gewerkschaft muss sich der Mann selbst fragen, ob sich der Aufwand gelohnt hat und er etwas für die Malocher am Fließband herausholen konnte, aber allzu selbstkritisch wird seine Reflexion nicht ausfallen, wie ich ihn einschätze.
Über den Zustand und die Zukunft des BSW gibt es nur beredtes Schweigen, das Interview ist eine vertane Chance, auch DeLapuente hält sich mit Nachfragen zurück.
Kurzum: Kann man den Ernst ernst nehmen? Ich denke nicht.
Auf jeden Fall hat sich sein Aufwand als langjährig verdienter Sozialpartner im Aufsichtsrat „seines“ Unternehmens gelohnt: für Porsche, seine Aktionäre und selbstverständlich auch für ihn.
Dass sollte man Ernst nehmen.
Genau. Letztlich ist Klaus Ernst ein typischer Vertreter des sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsmanagers, der schon längst mit der Kapitalseite seinen Frieden geschlossen hat, und dem jetzt sein „Burgfrieden“ um die Ohren fliegt.
Das alles der Linken in die Schuhe zu schieben, ist dann ein weiterer Tiefpunkt seiner Argumentation.
“ fällt auf, wie wenig Klaus Ernst über das BSW redet.“
Als alter Haudegen im Politik-Geschäft weis er natürlich, immer wo es brenzlig wird mit dem Kontakt zwischen eigener Erzählung und Realität, am Besten nicht drüber reden. Mache ja die Medien auch so, BSW scheint denen als Prügelknabe nicht so geeignet wie AfD, also lieber totschweigen.
Klaus Ernst denkt immer zuerst an Klaus Ernst. Er ist für die autoritären Tendenzen im BSW-Bayern verantwortlich, aber das führt jetzt zu weit.
Als er während des Corona-Wahnsinns in das Rentenalter kam wollte er die gängige Praxis umgehen und wollte sich neben seinen Abgeordnetenbezügen nicht mit der halben Rente zufrieden geben und klagte auf die ganze Rente. Ein Gericht musste das untersagen. Sozial gegenüber der Rentenversicherung geht anders.
Die getarnten AFD Propagndisten und Nius Agenten sind heute aber wieder sehr aktiv hier.
Kümmert euch lieber um Weidel, Höcke und Co, seht nach von wem die gesponsert werden bevor ihr euch über einen alten Porsche von Ernst aufregt.
Wo ist die soziale Frage hin, Herr Ernst? Ganz einfach. Sie ist nicht weg. Sie hat sich nur abgemeldet wie ein frustrierter Spieler aus einem Pay-to-Win-Server, in dem die VIPs auf Lebenszeit unbesiegbar sind und der Patch zur Behebung der Spielbalance seit zwanzig Jahren in der Entwicklung steckt.
Wir leben in einer hochglanzpolierten Welt, in der jeder ein Smartphone besitzt und deswegen offiziell beschlossen wurde, dass die Armut gelöst sei. Die Tatsache, dass dasselbe Smartphone in 60 Monatsraten finanziert wird und nebenbei das letzte Sparbuch leersaugt, gilt als statistisch nicht relevant. Klaus Ernst wundert sich im Interview völlig zu Recht, warum bei dieser Lage niemand mehr auf die Straße geht. Die Antwort ist banal. Die Leute streiken längst. Sie streiken nur intelligent, nämlich am Arbeitsplatz, im Hamsterrad und in der Lohnsteuererklärung. Dienst nach Vorschrift ist die neue Demonstration, nur ohne Trillerpfeife und mit deutlich besserer Work-Life-Balance.
Die soziale Frage lässt sich übrigens auch nicht mit einem zusätzlichen Wohngeldgutschein beantworten. Wer das glaubt, hat nicht verstanden, dass die USA und China mit völlig gegensätzlichen Antworten auf dieselbe Frage jahrzehntelang funktioniert haben. Die soziale Frage ist im Kern keine Verteilungsfrage, sondern eine Anreizfrage. Sie lautet: Deckt sich das, was ich als Mensch intrinsisch will, also ein gutes, sicheres, sinnvolles Leben, mit dem, was die Gesellschaft extrinsisch belohnt? In Deutschland war die Antwort darauf vor zwanzig Jahren ein zaghaftes Nein, vor zehn Jahren ein höfliches Lachen und heute ein offenes Schenkelklopfen.
Und hier sollten unsere Politiker dringend mal die Computerspielebranche konsultieren. Jeder mittelmäßige Game-Designer weiß, dass man ein Spiel nicht durch noch mehr Daily Quests, noch höhere Strafen und noch dichtere Bürokratie am Leben hält. Wenn der intrinsische Explorationsgedanke fehlt, wenn die Spielwelt also kein echtes Versprechen auf Wachstum, Abenteuer und Aufstieg mehr macht, dann hilft auch der härteste extrinsische Druck nichts. Die Spieler loggen sich aus. Genau das tut die deutsche Mittelschicht gerade in Zeitlupe. Man kann ein totes Pferd nicht durch lautere Peitschen reiten, man kann ein kaputtes Spiel nicht durch mehr Sanktionen retten, und man kann eine Leistungsgesellschaft nicht aufrechterhalten, indem man die Belohnung abschafft und stattdessen die Bestrafung erhöht.
Das eigentlich Komische ist die Diskussionsrichtung. Ständig wird über die soziale Hängematte gesprochen, in der angeblich Millionen träger Bürger liegen. Aber wo bitteschön sind die Abstiegschancen der Eliten? Über die spricht komischerweise nie jemand. Eine echte Leistungsgesellschaft braucht Symmetrie. Wer unten leistet, muss aufsteigen. Wer oben versagt, muss absteigen. In unserer Realität ist die Leiter nach unten kerzengerade aufgestellt, während nach oben das Sicherheitsnetz so dicht geknüpft ist, dass dort selbst Totalversager mit goldenen Fallschirmen weich landen. Das nennt man dann Bankenrettung, Bonuszahlung oder Erbschaft, je nachdem ob es schiefging, sehr schiefging oder gar nicht erst angefangen wurde. Die Eliten haben sich schlicht ein eigenes Rentensystem gebaut, eine Dividendenrente, in der das Geld arbeitet, während sie selbst sich um die wirklich wichtigen Fragen kümmern, etwa welcher Caterer auf der nächsten Wirtschaftskonferenz das beste Carpaccio liefert.
Und während oben niemand mehr fallen kann, kann unten niemand mehr aufsteigen, weil derselbe Habitus, der in Politik und Wissenschaft über Karrieren entscheidet, nirgendwo in einer Stellenausschreibung auftaucht. Wer den richtigen Stallgeruch mitbringt, kommt rein. Wer ihn nicht hat, darf sich beim Bewerbungsgespräch erklären, warum sein Notendurchschnitt seine Herkunft nicht kompensiert. Die Leistung war nie der Eintrittspreis. Sie war immer nur das Werbeplakat vor der Tür.
Was wir gerade erleben, ist also kein soziales Problem mehr. Es ist ein sozialer Kalter Krieg. Die Eliten sagen: Unser Geld ist zu teuer für die da unten. Die da unten sagen: Unsere Lebenszeit ist absolut unbezahlbar. Beide Seiten haben sich gegenseitig das Vertrauen gekündigt und sitzen jetzt mit verschränkten Armen da. Der eine wartet auf billigere Arbeitskräfte, der andere auf bezahlbare Mieten. Es ist die ökonomische Variante eines mexikanischen Standoffs, nur ohne Pistolen und mit deutlich mehr Excel-Tabellen.
Hier schließt sich der Kreis zu Ray Dalio und seiner Theorie der großen Zyklen. Wir befinden uns in der Endphase eines Systems, das so erstarrt ist, dass nur noch der saubere Bruch hilft. Daraus folgt eine paradoxe, aber knallharte Logik: Weniger Leistung heute ist die einzig rationale Strategie für mehr Aufstiegschancen morgen. Wer sich kaputtarbeitet, hält das kaputte System künstlich am Leben und finanziert die Dividendenrente derer, die ihn aussortiert haben. Wer Dienst nach Vorschrift macht, beschleunigt den notwendigen Reset. Wirtschaftswunder gibt es historisch nämlich immer erst dann, wenn das alte System ordentlich zu Bruch gegangen ist und die Karten zwangsweise neu gemischt werden. Vor dem Reset passiert gar nichts. Nach dem Reset passiert alles.
Bleibt nur eine letzte Frage offen, und die wird in Talkshows merkwürdigerweise nie gestellt. Wer sitzt am längeren Hebel? Die Eliten haben das Kapital, die Netzwerke und unfassbar viel Sitzfleisch. Aber die Basis hat etwas, was sich nicht mit Aktienpaketen kompensieren lässt: die Hände, die den Laden tatsächlich am Laufen halten. Und genau diese Hände bewegen sich gerade auffallend langsam.
Klaus Ernst sucht den lauten Aufschrei auf der Straße. Den wird er nicht finden. Der Aufschrei passiert längst, in Form eines kollektiven Achselzuckens, eines höflichen Lächelns beim Bürgergeldantrag und eines feierabendlichen Login-outs um Punkt 17 Uhr. Es ist der leiseste und gleichzeitig lauteste Protest, den dieses Land je hervorgebracht hat. Und das Beste daran: Er kostet keinen einzigen Demonstrationsschein.
das haben Sie aber wirklich gut geschrieben. was will dann aber die AFD? Das Rad zurückdrehen? Oder wird sie von denen gewählt, die beim Sitzstreik ein schlechtes Gewissen haben?
Vermutlich ist Herr Ernst selbst so sehr Teil der Blase, daß er nicht mitbekommen hat, WESHALB die klassischen BSW-Wähler, die sich (wie ich!) wirklich gefreut hatten, das BSW nicht mehr wählen: Wegen des unsäglichen Schlingerkurses, Teil des parteipolitischen Establishments sein zu wollen und gleichzeitig NICHT Teil dieses Establishments sein zu wollen. So viel Ambivalenz und Schizophrenie ist fast nicht auszuhalten.
Kein BSW-Wähler hätte etwas dagegen gehabt, wenn das BSW mit der AfD gemeinsam die Oppositionsbänke gedrückt hätte. Oder wenn das BSW, dort, wo es mit den eigenen Positionen übereinstimmt, mit der AfD in Sachfragen gemeinsam abgestimmt hätte. Die Opposition von links hat nämlich teilweise dieselben Probleme wie die Opposition von rechts – wenn auch aus ganz anderen Gründen – und das kann man kommunizieren. Und auch trotzig dazu stehen: Klar sind wir – genauso wie die AfD – gegen Masseneinwanderungen. Aber nicht aus Angst vor Überfremdung und Kriminalität, sondern weil die BRD a) durch Kriege und Ausbeutung der 3. Welt die Bedingungen für Flucht schafft und b) nicht bereit ist, die Menschen, die flüchten, anständig zu integrieren und c) wir auch nicht den Brain Drain aus der 3. Welt unterstützen wollen. Die AfD ist wenigstens klar und steht zu sich – das BSW dagegen eiert rum, will „wählbar“ bleiben und bei den 0/8/15-Parteien bloß nicht anecken – es könnten ja zukünftige Koalitionspartner sein. Und gibt den Eiertanz aber bis heute nicht zu. Beispielsweise machte das BSW beim Brandmauertheater mit, anstatt zuzuhören, was die Bürger im Land wollen und brauchen: Keine transatlantische EU-Kriegs-Konzern-Politik, keine Koalition mit den 0/8/15-Parteien. Und die größte Sünde von allen: Anstatt erst mal gute Oppositionsarbeit zu machen, gierte das BSW von Anfang an nach Ministerposten – und machte damit deutlich, daß es genauso ein Karriere-Narzissten-Verein ist, wie all die anderen 0/8/15-Parteien auch, über die sich Frau Wagenknecht in ihrer BSW-Antrittsrede so sehr mokiert hatte. Es ist mir völlig unverständlich, wie die langgedienten BSW-Mitglieder in diese Falle laufen konnten!
Mit diesem Kardinalfehler hat das BSW sich selbst von 12% Zustimmung auf unter 5% demontiert – da brauchte es kein Bombardement der Mainstreammedien mehr. Und solange das BSW da nicht hinschaut, ist es – trotz der einzelnen wirklich guten, integren Leute – für die Menschen im Lande, die auf eine echte linke Partei gehofft hatten, die sich nicht nur um ein paar sexuell verirrte Jugendliche kümmert, mausetot. Radikale Ehrlichkeit und Selbstreflexion wäre das Einzige, was das BSW retten könnte – aber die ist in weiter Ferne. Also schlaft einfach weiter den Schlaf der Gerechten. Die wichtigsten Leute im BSW (Herrn Ernst eingeschlossen) wird es eh kaum interessieren: Die haben ja durch langjährige Bundestagsmandate oder Ministerpöstchen ihre Rente sicher – da kann man sich ruhig noch ein paar nette Geschichten über die dummen, undankbaren Wähler erzählen, denen man doch so gerne Frieden und soziale Gerechtigkeit bringen würde, während man in der Landtagskantine seinen Cappuccino schlürft. Und eben diese potentiellen BSW-Wähler bleiben bei der nächsten Wahl einfach zu Hause, weil das Problem nicht die falschen Parteien sind, sondern die Parteiendemokratie als solche. 😉