Genug gebückt, Herr Poschardt?

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Deutschland steckt in einem politischen Kulturkampf. Links und rechts scheinen längst keine klaren politischen Koordinaten mehr zu sein. Stattdessen bestimmen moralische Selbstgewissheit, Anpassungsdruck und ideologische Grabenkämpfe die Debatten. Ulf Poschardt spricht vom „Bückbürgertum“ und stellt die Frage, ob der Liberalismus und der Konservatismus ihre eigentliche Kraft verloren haben.

Roberto De Lapuente spricht mit Ulf Poschardt über die Krise politischer Begriffe, das Selbstverständnis der bürgerlichen Gesellschaft und die Frage, warum ausgerechnet jene, die Freiheit und Fortschritt für sich reklamieren, immer häufiger auf Konformität setzen. Ein Gespräch über politische Identität, Meinungsfreiheit, das Ende alter Gewissheiten und die Zukunft des Konservatismus.

Ulf Poschardt ist Journalist, Publizist und Autor. Er war Chefredakteur der WELT und zählt zu den streitbaren Stimmen des liberal-konservativen Spektrums. In seinen Büchern und Kommentaren beschäftigt er sich mit gesellschaftlicher Anpassung, bürgerlicher Freiheit und den Widersprüchen der politischen Gegenwart.

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Die Redaktion unseres Magazins: Florian Rötzer und Roberto De Lapuente.
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15 Kommentare

  1. Vorab, bevor ich mir das „Gespräch“ anhöre, eine Bemerkung zur Einleitung.

    Die von allen öffentlich Beteiligten völlig unterbelichtete Genderndebatte und die von beiden Seiten unterbestimmte Israel-Palästina-Debatte zeigen in aller Schärfe, was dabei herauskommt, wenn der Links-Rechts-Kompass für gestrig, überkommen und untauglich gehalten wird, weil angeblich die Unterscheidung in linke und rechte Positionen die Debattenlage und damit letztlich immer noch die Klassenkonflikte nicht mehr treffend beschreiben und analysieren könne. Das Geschwisterkind der verfehlten Annahme, links und rechts habe sich aufgelöst, ist dementsprechend die ebenso vernebelnde Behauptung, es gebe keine sozialen Klassen mehr, sondern angeblich nur noch frei flottierende Meinungsgruppen, zeigt noch deutlicher, worum es solchen Nebelwerfer-Behauptungen geht: Die Multikrise der Herrschaftsverhältnisse soll völlig unkenntlich gemacht werden, indem jede linke Kritik als falsch abgestempelt wird und damit freie Fahrt für rechte Politik geschaffen werden soll. Nachzuzeichnen, auf welche Weise dieser Rechtsruck vonstatten ging, würde den Rahmen eines Forums sprengen. Es muss reichen die Protagonisten der Verhinderung von linker Kritik an bürgerlichem Kapital und bürgerlichem Staat zu benennen.
    Es waren und sind in diesem Prozess, der spätestens in den 1970er Jahren Fahrt aufnahm, auf Politikebene die Sozialdemokraten, die Liberalen, die Grünen, die Rechtskonservativen, selbstredend die Nazis usw. sowie auf „wissenschaftlicher“ Ebene die Theoretiker der sozialen Marktwirtschaft, die Betriebs- und Volkswirtschaftler, die Schichttheoretiker, die Milieutheoretiker und schließlich die Meinungsgruppentheoretiker und nicht zu vergessen erhebliche Mengen von Linken auf beiden Ebenen, die sich in diesen Verschleierungsdiskurs integrierten, sodass sukzessive als links galt, was längst nicht mehr links war. Aktuell dafür können als besonders unangenehme Beispiele trotz noch vorhandener Unterschiede das BSW und die Linkspartei gelten.
    Vorläufig (!) hat die Rechte gewonnen, weil linke Kritik in wenige kleine Diskurszirkel abgedrängt worden ist.

    1. Was ist denn für Sie die »Die Multikrise der Herrschaftsverhältnisse«? Könnten Sie das in Stichpunken erläutern, bitte?

      Ansonsten: Verdammt, dieses Video werde ich wohl der Fairness halber mal ansehen müssen…

      1. Vielleicht auch ganz allgemein eine (System-)Krise des Kapitalismus/der Marktwirtschaft, nicht überall, eher in den (dauerhaft) abgehängt erscheinenden Regionen – sei es, dass es dort schon länger sehr wenig Wachstum bzw. Teilhabe daran gibt oder auch erst in letzter Zeit in ‚entwickelteren‘ Weltgegenden die Hoffnungslosigkeit verstärkt um sich greift, weil das ganze Zeugs, was man halt zum Leben so braucht, übelst teuer geworden ist, womit die Einkommensentwicklung schlicht nicht Schritt hält.
        Das ist die Krise und die autoritären Antworten auf den Verlust des (Aber-)Glaubens in die Erzählung „sozialer Aufstieg durch Bildung/Leistung“ liegen ja auch schon bereit, Unterdrückung und Überwachung von Leuten, die sich das nicht so einfach bieten lassen und auch keine Lust haben, sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen.

        Herr De Lapuente hat manchmal gute Analysen zu bieten, scheint dann aber wieder zu meinen, „die Nation“ o.ä. sei mindestens ein wichtiger Teil der Lösung von Problemen unserer Zeit. Und auch wenn er das Folgende selber so nie geäußert hat, ist das für mich halt das Denken, was die deutsche Empörung und den Widerstand gegen die Übernahme der Commerzbank durch Unicredit erklärt oder das Getue um Nike/Adidas und wer DFB-Sponsor ist. Klar, wo steht die Konzernzentrale, was hat der CEO für einen Pass und wo ist rheinischer Kapitalismus (wesentlich gerechter, solide, ehrlich) und wo der globale (raubtierhaft, „nur auf Gewinn aus“, schlimmschlimm)?

        Von Herrn Poschardt hinwiederum habe ich eigentlich NOCH NIE etwas gelesen oder gehört, was mir irgendwie vernünftig und erfrischend, erhellend oder erneuernd erschienen wäre, nur Ressentiments, die von vielen (eher Privilegierten) geteilt werden und dann noch absurderweise im rebellischen Tabubrecherstil rausgehauen werden. Ja klar, „man darf“ viel sagen, aber es soll ruhig auch Sinn machen! Was „Bückbürger“ sein sollen und warum der Herr etwas gegen Funktionsjacken(träger) hat, erschließt sich mir einfach nicht, auch nicht nach längerem Überlegen.

        Das Video mit dem Gespräch der beiden habe ich jetzt gar nicht geschaut, lástima Margarito…

    2. Nicht besonders gut.
      Thema Israel – da gibts im „rechten“ Lager was auch immer das ist, sowohl Befürworter als auch Gegner.
      Es ist generell so das zu unterschiedlichen Themen unterschiedliche Meinungen existieren.
      Es gibt nicht DIE linke Meinung genausowenig wie DIE rechte.
      Die SPD kann Soziales abbauen genauso wie die CDU.

      „Vorläufig (!) hat die Rechte gewonnen, weil linke Kritik in wenige kleine Diskurszirkel abgedrängt worden ist.“

      Die Linke hat sich in Wokismus verloren. Bis vor 20 Jahren wurde aus Protest Links gewählt, nach deren Versagen, wird jetzt rechts gewählt. Thats all. Das heißt aber nicht das damals alle Links waren und heute alle rechts. Ist so ein grundsätzliches Mißverständnis. Die meisten Bürger sind eigentlich neutral und wählen den der aktuell am besten passt.
      Wer sich errinnert, hat die Linke damals die Wohnungen mit privatisiert, wo sie heute den Kämpfer des kleinen Mannes gibt. Dank der Linken verschulden wir uns jetzt jedes Jahr weiter mit 200 Mrd. Das führt dazu das in den nächsten Jahren imemr weniger Geld für Soziales da sein wird. Mit Diskurszirkel hat das nichts zu tun, das ist schlicht Versagen.

  2. Poschardt hat die Springer Denkweise 1:1 aufgesogen. Siehe auch WP unter Positionen. Er denkt er hat eine eigene Meinung aber die hat er nicht. Er sagt ja selbst er war mal links (wohl bis er zu Springer kam). Da kann ich auch gleich die Bild Zeitung lesen. (nicht persönlich gemeint) Shitbürger ist für mich auch so ein typischer Bild Zeitungs Sprech.

    1. Springer. Millionen Fliegen können sich nicht irren!

      (Die Friede hat ja dem Mathias erst 2020 ’ne Milliarde geschenkt, die sie entbehren konnte. Diese Leute haben „die Menschen“ verstanden!)

    2. @Patient 0 Sicherlich hat auch Herr Poschardt eine eigene Meinung. Meinungen sind Werturteile. 2+2=4, das ist ein Sachurteil. Auch die Aussage: Es regnet, wenn es aus der Sicht eines neutralen und objektiven Dritten tatsächlich regnet, ist ein Sachurteil.

      Aber die Aussage: Ich finde es in Ordnung, wenn es immer mehr Obdachlose gibt und Reiche/Superreiche immer reicher und reicher werden, ist ein Werturteil und eine Meinung. Wenn man alle Arbeitslosen als „dumm“ und „faul“ diffamiert, dann ist das eine Meinung.

      Mit Meinungen macht man Stimmung und daraus wird dann in der Demokratie Politik. Für seine neoliberale Meinung wird Herr Poschardt von den Besserverdienern, den Reichen und Superreichen fürstlich bezahlt, um Stimmung zu machen für die ökonomischen Interessen der Besserverdiener, der Reichen und Superreichen und gegen die Interessen der Mehrheit und der Allgemeinheit. Die Frage in der realen Demokratie ist eben: Welche Meinungen und welche Stimmung sich politisch durchsetzen. Bei Bild gab es sogar einmal Werbeplakate mit „Bild dir deine Meinung“.

      Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele vor allem junge Bürger „links“. Ein linker Bundeskanzler von der SPD wollte 1970 sogar „mehr Demokratie wagen.“ 2026 haben wir einen rechten Bundeskanzler, der vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben hat mit dem Titel: „Mehr Kapitalismus wagen“, den Kapitalismus als „gerecht“ bezeichnet, und wir haben eine „alternative“ blaue Partei, die alles als „links“ framt, was nicht rechts von ihr steht.

      Wer heute „Wohlstand für Alle“ fordert wie der erste Bundeswirtschaftsminister nach dem Zweiten Weltkrieg, Ludwig Erhard von der „konservativen“ CDU, und fragt, warum milliardenschwere „Superreiche“ immer noch reicher werden müssen, der ist heute links, obwohl Ludwig Erhard bislang noch nicht als „links“ bezeichnet worden ist.

  3. Du hast offensichtlich keine Antwort auf meinen Beitrag geschrieben.
    Ich habe explizit diejenigen, die du für links hältst, als Nicht-Linke bezeichnet. Die Partei, die sich selbst „Die Linke“ nennt, ist nicht links, sondern wird nur im völlig verdrehten (rechten) Diskurs als Linke tituliert. Genau das ist Folge des von mir beschriebenen Prozesses der Rechtsverschiebung der politischen Rechten (unter dem Deckmantel der Behauptung, es gebe kein links und rechts mehr.
    Mir aber hältst du die Privatisierungspolitik der angeblich Linken vor.
    Antwort verfehlt.

  4. Hier geht es nicht um „Liberalismus“❗Hier geht es um Wirtschaftsliberalismus. Herr Poschardt ist kein Liberaler, er ist ein Wirtschaftsliberaler.

    Der Liberalismus will einen starken Staat, der die Bürger vor einer übergriffigen Regierung schützt und alle Bürger ökonomisch und sozial frei macht. Wirtschaftsliberale wollen, dass die Oligarchen, Plutokraten und milliardenschweren „Superreichen“ noch reicher und freier werden und alle anderen bekommen „Brot und Spiele“ wie im alten Rom. Das nennt man heute „Junkfood“ und „We love to entertain you!“. Das klingt moderner als „Brot und Spiele“.

    Es waren die Wirtschaftsliberalen und Konservativen, die jahrzehntelang einen gesetzlichen Mindestlohn abgelehnt und verhindert haben. Die blaue Alice und die anderen Rechten von der AfD waren nicht nur gegen die Einführung, sie lehnen jede Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes für die Geringverdiener um 30 oder 40 Cent pro Stunde ab. Wer jeden Tag hart arbeitet und am Monatsende trotzdem Angst vor der nächtsten Mieterhöhung hat, der ist nicht frei, aber das geht Herrn Poschardt am wirtschaftliberalen Popo vorbei. (Rainer Reimer sagt: Das reimt sich sogar! Ist das nicht schön!?)

    Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politikerinnen wie die blaue Alice nämlich damit, dass Multimillionäre und vor allem Multimilliardäre immer reicher und reicher werden. Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politiker mit Immobilienspekulanten und Vermietern, die den eigenen Hals nicht voll kriegen. Kein Problem haben Wirtschaftsliberale, Konservative und AfD-Politiker mit Reichen und sogenannten „Superreichen“, die die Allgemeinheit cum ex um Milliarden betrügen. Da braucht man in Deutschland erst ein höchstrichterliches Urteil, das feststellt, dass es illegal und kriminell ist, sich Steuern erstatten zu lassen, die man nie gezahlt hat. Das ist so, als ob man für 80 Euro Benzin tanken würde, mit einem 100 Euro-Schein bezahlt und einen 50 Euro-Schein zurückbekommt. Allerdings ging es bei Cum Ex nicht um 30 Euro, sondern um Milliarden.

    Aber Bürger, die in diesem „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ (siehe Art. 20 Grundgesetz) kein Geld für das Bahnticket haben und auch kein Geld, die Strafe zu bezahlen, wenn sie dabei erwischt werden, wandern ruckzuck in den Knast. In deutschen Gefängnissen sitzen derzeit zwischen 2.000 und 3.000 dieser sogenannten „Schwarzfahrer“ und verbüßen ein „Ersatzfreiheitsstrafe“.

    Der schwarzbraune „liberale“ Witz kommt aber noch: Herr Poschard hat vor ein paar Jahren den „Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik“ bekommen. Nur zur Erinnerung: Ludig Erhard war der erste Bundeswirtschaftsminster der Bundesrepublik Deutschland, der nach den Ende des Zweiten Weltkrieges „Wohlstand für Alle“ (Bürger) schaffen wollte, weil er den ökonomischen und sozialen Niedergang der demokratischen Weimarer Republik und den Aufstieg der NSDAP persönlich miterlebt hat.

    Mit einer Politik, die Wohlstand für alle Bürger schafft, hat die neoliberale Politik seit der „geistig-moralischen Wende“ des konservativen CDU-Politikers Helmut Kohl in den 1980er Jahren nichts mehr zu tun. Seitdem geht es nur darum, wie die Reichen und Superreichen noch reicher und freier werden.

    Liberalismus bedeutet Freiheit für alle,
    der Wirtschaftsliberalismus ist eine verlogene Falle.
    Wer reich ist, kann sich Freiheit kaufen,
    wer arm ist, muss seine Freiheit verkaufen.

    (Rainer Reimer, Reimstadt am Rhein, Reimland 2026)

  5. Eigentlich kannte ich den Herrn Poschardt bisher eher wenig. Sein Büchlein „Shitbürger“ habe ich allerdings gelesen. Inhaltlich kam da zwar kaum etwas Neues, aber es ist nett geschrieben und er rückt darin die trübe Gegenwart mit spitzer und angebrachter Polemik ins richtige Licht.
    —

    Im Interview fällt auf, dass Poschardts Redeanteil sehr hoch ist und dass es Herrn De Lapuente hier weniger als sonst gelingt, mit dem Gast in ein ein echtes Gespräch zu kommen. Auffallend ist auch, wie selten Poschardt seinen Gesprächspartner direkt anblickt. Viel Selbstdarstellung. Eigentlich sogar nur Selbstdarstellung und fast nichts anderes. Ja, das trifft es vielleicht am besten. Es ist kein Gedankenaustausch und es ist noch nicht mal die Erörterung eines Themas.
    —

    Seine familiäre Vergangenheit schildert er für meine Begriffe etwas zu sehr bemüht um „Arbeiterherkunft“ und Bratwurstduft. Immerhin war sein Vater ja ungeachtet seiner Herkunft ein verbeamteter Lehrer, und wer um 1975 im eigenen Reihenhaus wohnte, der war schon kleinbürgerlich.

    Etwas Geschmäckle hat es natürlich, dass Poschardt selbst jahrelang mit Inbrunst genau zu dem „Shitbürger“-Milieu gehörte, dass er heute so kritisiert … Er ist Fleisch von deren Fleisch.
    Dass er dafür eintritt, dass man sich im Hinblick auf sein politisches Weltbild weiterentwickelt und nicht bei alten Überzeugungen stehen bleibt, klingt natürlich vernünftig und vielleicht hat er ja wirklich hinzugelernt. Andererseits ist so etwas aber im Grunde bloß eine Banalität und nur eher beschränkte Geister sind im Alter noch stolz darauf, wenn sie mit 60 oder 70 Jahren noch dieselben Ansichten und den denselben Musikgeschmack haben wie 40 oder 50 Jahre zuvor.

    Insgesamt weiß ich nicht recht, was ich von ihm halten soll?
    Die schnoddrige Art, in der er redet, wirkt zumindest auf mich irgendwie unangenehm, auch herablassend und ein bisschen selbstgefällig. Stets bemüht, sich selbst in ein bestimmtes Licht zu setzen. Es scheint ihm ziemlich wichtig zu sein, dass andere Leute über ihn das denken, was er möchte, dass sie über ihn denken.
    —

    Von anderer Seite wird Poschards neue Positionierung nicht recht ernst genommen. Susanne Dagen von der national-konservativen Buchmesse „SeitenWechsel“ nennt ihn einen „Wendehals“ …
    https://www.berliner-zeitung.de/article/susanne-dagen-ueber-ulf-poschardt-fuer-mich-ist-er-ein-typischer-wendehals-10543456

    Daraus zitiert:
    „Für mich ist er ein typischer Wendehals, der jetzt auf diesen Zug aufspringen möchte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie er mit Matthias Matussek umgegangen ist, der mit seinen Erkenntnissen einfach früher dran war. Das ist das Schicksal der Kassandra-Rufer:
    Sie schlagen eine Schneise, aber später stehen andere in den Geschichtsbüchern – diejenigen, die mit dem Rückenwind der Veränderung nachrücken.“

    Mag sein, dass Herr Poschardt mit wachem Gespür erkannt, dass der politisch-kulturelle Wind wirklich dabei ist, sich zu drehen, dass eine schon fast 30 jährige Vorherrschaft rot-grünen Denkens nun auch in Deutschland endlich an ihr Ende zu kommen scheint. Zumindest, dass ein rotgrünes Weiter-so herzlich unwahrscheinlich geworden ist, und dass die politische Zukunft anders aussehen dürfte als es sich z.B. die „Omas gegen Rechts“ wünschen … ?!

    Poschardt möchte dann nicht bei den Abgehalfterten und den Ehemaligen stehen, die man in 20 Jahren dann auf eine neue andere Art auch als ewiggestrig bezeichnen dürfte.

    Und er dürfte spüren – gerade als jemand mit einer feinen Nase für rebellische Töne – dass die klügeren und mutigeren Vorstöße heute eben längst nicht mehr von der etablierten linken oder liberalen Seite kommen, sondern von dem Lager, das seine ehemalige Freunde als „rechts“ bezeichnen. So, wie es auch 1970 cool war, links zu sein. Anders gesagt, auch mit inzwischen 59 Jahren möchte er noch einmal lieber bei den „coolen Typen“ stehen und nicht bei den langweiligen.

    Insofern hat Dagen mit ihrer scharfen Kritik vielleicht recht. Zumindest reicht das Bisherige noch nicht aus, um Herrn Poschardt sicher einschätzen zu können. Und was heißt heute schon „liberal-konservativ“? Das ist doch die Verbindung zweier Gegensätze! Man ist ENTWEDER konservativ ODER liberal, beides zugleich geht nicht wirklich.

    Poschardt will es sich anscheinend auch mit seinen früheren Genossen nicht wirklich verderben und eben das dürfte ihn sehr von anderen ehemaligen Linken unterscheiden, die als Renegaten wirklich ins konservative Lager gewechselt sind – nicht nur der eher dubios-unklare Elsässer, sondern auch so seriöse Leute wie Sieferle, Böckelmann, Maschke oder Kleine-Hartlage.

    Auch Poschardts ungepflegte Sprechweise und seine zeitgeistig-modische Wortwahl unterscheiden ihn massiv(!) und auch negativ von der ungleich ernsthafteren und kultivierten Ausdrucksweise, die ansonsten im sog. „neurechten“ Lager z.B. von Kubitschek gepflegt wird. Kultur ist woanders.

    Das Overton-Interview mit ihm war für mich insofern sehr lehrreich.

    1. Es „bestimmen moralische Selbstgewissheit, Anpassungsdruck und ideologische Grabenkämpfe die Debatten“
      Was denn sonst.
      Und der Besserbürger Poschardt demonstriert hier entlang selektiver Marken seiner eigenen Biographie, dass er genau nichts Anderes quatscht und treibt, wie all die anderen seines Gleichen. OK, in Sachen Eitelkeit und Selbstdarstellung machen ihn nur noch wenige etwas vor.
      Aber auch Groß- und Vorbildbürger Poschardt wurde durch nix und niemanden gezwungen, sich „anzupassen“.
      Der wollte das so.

  6. Wirtschaftsliberalismus will halt den armen Kapitalströmen helfen, alle Grenzen zu überwinden, die ihm hinterhältige Saboteure in den Weg gelegt haben. Klar, sollen doch gerade die ärmeren Staaten mal schön ihre Zollschranken abbauen, wohingegen sie umgekehrt mit ihren (weniger vorhandenen) Stärken längst nicht so gut auf den Märkten der „1. Welt“ punkten können…

    Recht rabiat GEGEN MENSCHEN verteidigte Grenzen findet diese Art von ‚Freiheitsliebenden‘ durchaus gut, wobei natürlich auch der Nachschub an schmal bezahlten und gefügigen Arbeitskräften nicht stocken darf, weswegen Donald Trump zum Beispiel trotz fiesester (plakativer) ICE-Aktionen auch genau weiß, dass er da nicht umfassend durchgreifen darf, denn die Arbeitskraft von sich illegal im Land aufhaltenden Leuten ist ja offensichtlich unverzichtbar. Diese in noch mehr Angst und Schrecken zu versetzen, drückt nochmal die Hungerlöhne und erhöht bei den so Ausgebeuteten die Bereitschaft, sich noch kleiner und unsichtbarer im Alltag zu machen.
    Und so läuft das dann auch, klar, Rassismus und Gewalt gegen Einwanderer, damit der verroht(est)e Teil seiner Anhänger zufrieden ist, gleichzeitig aber natürlich auch wieder das Zugeständnis an wichtige Sektoren wie z.B. die Landwirtschaft, win-win, würde ich sagen (etwas sarkastisch vielleicht).

  7. Kurze Glosse zum Video und zur ewigen Party des Künstlers Ulf Poschardt:

    »Unterschiedliche Meinungen sind ok.«
    Oder: Meinung ist wichtiger als Handlung und Veränderung.

    »Ich bin durch meine familiäre „Generations-Kontaktschuld“ gesegnet.«
    Oder an der falschen Stelle imprägniert.

    Manche Menschen sind des Verrats unfähig, sie haben niemals etwas wirklich vertreten, sondern sich des Credos anderer bedient. Auch das muss es geben. U.P. findet sein neues Credo bald im »jesuitischen Katholizismus«. Doch das ist auch nur entliehen, beim fin de siecle Autoren Karl-Joris Huysmans („À rebours“ – Gegen den Strich).

    Die Faszination für U.P. ist nachvollziehbar, das macht es nicht besser.

  8. Es „bestimmen moralische Selbstgewissheit, Anpassungsdruck und ideologische Grabenkämpfe die Debatten“
    Was denn sonst. Und der Besserbürger Poschardt demonstriert hier entlang selektiver Marken seiner eigenen Biographie, dass er genau nichts Anderes quatscht und treibt, wie all die anderen seines Gleichen. OK, in Sachen Eitelkeit und Selbstdarstellung machen ihn nur noch wenige etwas vor.
    Aber auch Groß- und Vorbildbürger Poschardt wurde durch nix und niemanden gezwungen, sich „anzupassen“.
    Der wollte das wie alle anderen so.

    1. „Besserbürger Poschardt“

      Müsste das nicht „Qualitätsbürger“ heißen?

      (Und wo bleibt eigentlich mein Kommentar zum Thema „Bücken“, Herr RdL?)

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