Die Folgen eines kollektiven Wahnsinns zu prognostizieren, ist kaum möglich

Bild: Hieronymus Bosch, gemeinfrei

Ein Interview mit Rainer Mausfeld

Lieber Herr Mausfeld, in Gesprächen von Anfang dieses Jahres sagten Sie für die zweite Jahreshälfte – vor allem aufgrund wirtschaftlicher Verwerfungen, im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Sanktionspolitik – Proteste der Bevölkerung hierzulande voraus. Diese sieht man derzeit zwar schon, allerdings eher in homöopathischen Größenordnungen. Denken Sie, dass es zu größeren und bundesweiten Aktionen im voranschreitenden Herbst kommen wird?

Rainer Mausfeld: Die Folgen eines kollektiven Wahnsinns zu prognostizieren ist naturgemäß kaum möglich. Nur dass er zumeist in eine zivilisatorische Katastrophe mündet. Keine besonderen prognostischen Qualitäten benötigt man jedoch für eine Vorhersage der Folgen der von den USA angeordneten und vom Westen verhängten Sanktionen gegen Russland – die umfangreichsten, die je in der Geschichte verhängt worden sind: nämlich einen wirtschaftlichen Absturz der europäischen Länder. Es liegt ja seit langem im geostrategischen Interesse der USA, zum Nutzen ihrer Wirtschaft und zur Festigung ihres globalen hegemonialen Anspruchs gleichermaßen Russland wie Europa wirtschaftlich und politisch zu schwächen. Dazu gibt es eine reiche Fachliteratur. Auch im Internet lassen sich leicht Belege dazu finden. Von Anfang an war allen beteiligten Akteuren auch bekannt, dass eine solche Sanktionspolitik gegen Russland als dem rohstoffreichsten Land der Welt Deutschland mit seiner extrem energieintensiven Wirtschaft besonders treffen würde. Insofern läuft bisher für die USA alles nach Plan.

Für die USA sicherlich, aber läuft es auch für die Bevölkerung, der täglich massenmedial suggeriert wird, dass kein Opfer groß genug sein kann, wenn es um die Verteidigung „westlicher Werte“ geht, nach Plan?

Rainer Mausfeld: Nein, im Gegenteil – wobei die Folgen, in ihrem ganzen Ausmaß, der Mehrheit wohl nur langsam bewusstwerden. Keine der nun verhängten Maßnahmen – sei es die hundertmilliardenschwere Aufrüstung, seien es die Sanktionen – wäre auf demokratischem Wege durchsetzbar gewesen. Doch haben sich die politischen Repräsentanten der westlichen Länder entschieden, den demokratischen Willen und das Wohl ihrer Länder den geostrategischen Ansprüchen der USA auf eine Zerstörung Russlands unterzuordnen und dabei einen unbedingten Willen zur militärischen Konfrontation und Eskalation zu zeigen. Konkret wird die US-geleitete Selbstverstümmelung der deutschen Wirtschaft zu einer erheblichen Deindustrialisierung führen, zu einem Steigen der Arbeitslosigkeit, zu wachsender Inflation und zu einem Sinken des allgemeinen Lebensstandards – für einen nicht geringen Teil bis zur Existenzgefährdung. Längerfristig ist damit zu rechnen, dass sich der bereits strukturell erzeugte Welthunger massiv vergrößert, mit allen daraus resultierenden sozialen Verwerfungen.

Diese Folgen werden durch die extremen Vernetzungen der globalen Wirtschaft erst mit Verzögerung voll sichtbar werden, vermutlich erst nach dem kommenden Winter. Solange sie nicht in vollem Umfang in der Lebenswelt der Bevölkerung spürbar sind, werden sich auch Proteste in Grenzen halten, denn die Bevölkerung ist durch einen rigorosen Kampagnenjournalismus und eine zur Perfektion entwickelte Narrativkontrolle in einer so tiefgehenden und umfassenden Weise indoktriniert, wie dies wohl nie zuvor in der Geschichte des Medienwesens der Fall war. Die Bevölkerung ist der Möglichkeit einer eigenständigen Urteilsbildung weitestgehend beraubt und schart sich hochemotionalisiert, teils verängstigt und apathisch, teils fanatisch und im Russenhass vereint, um ihre Führer. Da zudem gegenwärtig jede Form von Dissens sofort aggressiv geächtet, diffamiert und repressiv bekämpft wird, wird es vermutlich noch längere Zeit gelingen, aufkeimenden Protest durch Diffamierungskampagnen zu spalten und zu neutralisieren.

Insofern sehe ich wenig Hoffnung, dass sich noch in diesem Jahr ein größerer bundesweit organisierter Protest, und damit der Keim einer außerparlamentarischen linken Opposition, bilden könnte. Nach dem historischen Versagen linker Parteien in Europa fällt es im Moment schwer, auf eine kraftvolle und glaubwürdige emanzipatorische Oppositionsbewegung zu hoffen. Es muss vermutlich alles erst viel schlimmer werden, damit es wieder besser werden kann. Nur dass es diesmal um sehr viel mehr geht als bei früheren zivilisatorischen Regressen, nämlich um das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen.

Wie funktioniert Tiefenindoktranation?

In Ihren Büchern, vor allem in „Warum schweigen die Lämmer?“ sprechen Sie oft von „Tiefenindoktrination“. Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept? Wo setzt diese Tiefenindoktrination an, wie funktioniert sie?

Rainer Mausfeld: Meinungen und Einstellungen lassen sich nicht so einfach fakten- oder vernunftwidrig manipulieren, weil wir normalerweise über ein natürliches psychisches Immunsystem gegen Manipulation verfügen. Wir bemerken also, dass man uns manipulieren will, und wenden uns von dem vergifteten Vermittlungsmedium ab. Wenn aber unser natürliches Immunsystem gegen Manipulation unterlaufen oder in seiner Funktionsweise beeinträchtigt wird, sind wird einer Manipulation schutzlos ausgeliefert. Genau darauf zielen, wie ich ja an anderer Stelle ausführlicher aufzeige, moderne Indoktrinationstechniken.

Dafür gibt es im Prinzip zwei Wege. Der eine Weg ist struktureller, der andere psychologischer Natur. Der strukturelle Weg besteht darin, durch eine Medienkonzentration in den Händen mächtiger politischer und wirtschaftlicher Eliten eine Art Informationsmonopol zu schaffen. Auf diese Weise werden die Massenmedien, wie dies ja gegenwärtig in beängstigender Weise erkennbar wird, in ihrem Meinungsspektrum extrem homogenisiert, und der öffentliche Debattenraum wird auf die politisch gewünschten Meinungen verkürzt. Damit wird natürlich der Demokratie überhaupt die Grundlage entzogen.

Hier nun kommt ein wichtiger psychologischer Effekt ins Spiel: Psychologische Experimente haben gezeigt, dass einer Behauptung subjektiv ein höherer Wahrheitswert zugeschrieben wird, je häufiger man sie präsentiert. Dieser Effekt zeigt sich selbst dann, wenn diese Behauptung zuvor als eindeutig falsch markiert wurde. Allein durch dauernde Wiederholung steigt tendenziell der gefühlte Wahrheitsgehalt.[1] Das ist schlicht eine Eigenschaft der Funktionsweise unseres Geistes. Man kann sich, wenn überhaupt, vor ihren nachteiligen Folgen nur durch bewusstes Nachdenken schützen. Wenn also eine fakten- oder vernunftwidrige Behauptung von allen großen Medien verbreitet wird, so dass ein politisch interessierter Bürger sie in SZ, SPIEGEL, FAZ, taz oder Tagesschau wiederfindet, so erlebt er sie tendenziell auch dann als richtig, wenn sie nachweislich falsch ist. Dieser Effekt funktioniert so zuverlässig wie die optischen Täuschungen in der Wahrnehmung.

Wenn nun derartige Wiederholungen sich durch alle meinungsbildenden Instanzen, wie Schulen, Universitäten und kulturellen Bereiche ziehen, werden sie zu gefühlten Wahrheiten, die als kaum hinterfragbare Selbstverständlichkeiten empfunden werden. Genau darauf zielt der zweite, psychologische Weg einer Tiefenindoktrination. Das längerfristig angelegte Ziel einer Tiefenindoktrination ist die stabile Formung politischer und gesellschaftlicher Weltbilder und Wertesysteme. Diese Weltbilder oder „Narrative“ werden kognitiv und affektiv so tief verankert, dass sie uns gar nicht mehr als ideologische Weltbilder bewusst sind, sondern uns als Selbstverständlichkeit erscheinen. Sie sind uns so selbstverständlich wie dem Fisch das Wasser.

In dem Maße, wie uns ein ideologisches Weltbild nicht mehr als solches bewusst ist, sind wir auch unfähig gemacht worden, überhaupt noch einen Außenstandpunkt zu ihm einzunehmen. Wir reagieren im Gegenteil ausgesprochen aggressiv auf jeden, der die behauptete Selbstverständlichkeit der vorherrschenden politischen Rahmenerzählung infrage stellt. Eine Tiefenindoktrination hat also für die Mächtigen den Vorteil, dass die von ihnen vermittelte Rahmenerzählung sehr stabil und weitgehend gegen Fakten und Kritik immun ist.

Mit einer Tiefenindoktrination können also nicht nur störende Fakten kognitiv und affektiv unsichtbar gemacht werden, sondern gleich ganze Denkräume und Denkmöglichkeiten. Das alles wird von der Psychologie und den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten intensiv untersucht und in sogenannten Think Tanks und Stiftungen für die politische Praxis aufbereitet – auch die NATO betreibt eigene Think Tanks mit dem ausdrücklichen Ziel einer „Narrativkontrolle“. Dieser Anspruch auf eine vollständige Narrativkontrolle ist Teil des US-Anspruchs auf eine globale „full spectrum dominance“, also auf eine globale Dominanz, militärisch wie wirtschaftlich, des Landes, der See, der Luft und des Weltraums und aller begleitenden Ressourcen, des Cyberspace, des Bereichs der öffentlichen Meinung und aller relevanten Bereiche der Wissensproduktion – ein Anspruch, der den Kern der Doktrin einer US-basierten „regelgeleiteten Weltordnung“ bildet. Erinnert sei auch an die Kampagne „Integrity Initiative“ des britischen Think Tanks „Institute for Statecraft“ sowie an all die Initiativen, die sich gegenwärtig dem „Kampf gegen Propaganda, Desinformation und Fake News“ widmen, natürlich stets auf der Basis der stillschweigenden Prämisse, dass die Massenmedien der westlichen Länder engagiert einer objektiven und neutralen Informationsvermittlung verpflichtet seien.

Dass diese Prämisse trotz ihrer groben Faktenwidrigkeit von vielen dennoch als kaum hinterfragbar erscheint und dass die Massenmedien immer noch als weitgehend vertrauenswürdige Informationsquellen genutzt werden, ist ein Effekt jahrzehntelanger Tiefenindoktrination. Denn die Bereitschaft zu einer Akzeptanz fakten- und vernunftwidriger Behauptungen lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen. Die menschliche Vernunft ist eigentlich recht robust und findet auch unter ungünstigen Bedingungen immer wieder Wege zur Wahrheit, also Risse im Indoktrinationsgefüge.

Bitte illustrieren Sie anhand einiger Beispiele, was man sich unter vernunft- oder faktenwidrigen Aussagen vorzustellen hat.

Rainer Mausfeld: Für konkrete Einzelfälle ist dies vergleichsweise leicht aufzuzeigen. Nehmen wir die Sprengung von Nord Stream 2. Sie ist ein eindeutiger Fall eines terroristischen Aktes von großer grundsätzlicher Bedeutung, weil es sich um einen Anschlag auf die internationale Versorgungsinfrastruktur handelt, die bislang selbst in Kriegszeiten international als tabu galt. Die Frage, wer die Täter waren, ist also für die internationale Rechtsordnung von entscheidender Bedeutung.

Nun erklärt die Bundesregierung, die in Gemeinschaft mit befreundeten Staaten wie Schweden über geheimdienstliche Ermittlungsergebnisse verfügt, dass diese der Öffentlichkeit und auch ausgewählten Abgeordneten nicht zur Kenntnis gegeben werden dürfen, weil dies das Staatswohl gefährde. Wer also die Frage nach der verfügbaren Faktenbasis zu der Täterschaft dieses terroristischen Aktes stellt, gefährdet das Staatswohl und muss folglich als Staatsfeind angesehen und bekämpft werden. Ein jeder halbwegs nüchterne Beobachter kann daraus wohl nur einen vernunftkonformen Schluss ziehen, den jedoch kaum jemand auch nur zu denken wagt: Dann muss wohl die Bundesregierung, wie indirekt auch immer, ein Komplize dieses Terroraktes sein. Gleichzeitig aber suggerieren die Bundesregierung und alle großen Medien unisono, dass es nur einen Täter geben könne, nämlich Russland. Jedem nicht vollständig indoktrinierten Leser müsste eigentlich sofort auffallen, dass Regierung und Medien hier bei einem Thema von großer Bedeutung einen abgestimmten massiven Manipulationsversuch unternehmen – was wieder auf das Problem einer Tiefenindoktrination führt.

„Kriegsbegeisterung ist Friedensbegeisterung!“

Wie kann man Menschen an fakten- und vernunftwidrige Aussagen so gewöhnen, dass ihnen solche Widersprüche nicht mehr auffallen? Es muss ja wohl psychologisch etwas sehr viel Tieferes dahinterliegen, was Menschen so blind für offenkundige Widersprüche macht.

Rainer Mausfeld: Eigentlich ist das auf Dauer nicht möglich, denn wir haben eine natürliche Abneigung dagegen, manipuliert zu werden, und verfügen von Natur aus über ein reiches psychisches Instrumentarium, um uns gegen Manipulation zu wehren. Es kann jedoch einer Elitengruppierung trotzdem gelingen, wenn sie über ein passendes psychologisches Wissen über ‚Schwachstellen‘ unseres Geistes verfügt und zudem über einen großen und gut synchronisierten Indoktrinationsapparat, beispielsweise im totalitären Extremfall der Art, wie George Orwell ihn in seinem Roman 1984 beschrieben hat. Bereits Orwell hatte ja den psychologischen Witz erfasst: Man muss komplett alle grundlegenden Begriffe des politischen Erlebens so umdefinieren, dass sie gerade das Gegenteil von dem bedeuten, was sie ursprünglich bedeuteten. „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ Man könnte heute ergänzen: „Kriegsbegeisterung ist Friedensbegeisterung!“ Auf der Skala orwellscher vernunftwidriger Zumutungen scheint es in den Medien keine obere Schranke mehr zu geben.

Dies sind nur ein paar beliebige Beispiele für offenkundig vernunftwidrige Behauptungen. Man kann Menschen an sie gewöhnen, wenn man es schafft, das gesamte Fundament und die Grundpfeiler ihres Denkens in geeigneter Weise auf den Kopf zu stellen. Wenn erst Elitenherrschaft erfolgreich als Demokratie umdefiniert wird und terroristische Akte, mit denen ganze Länder in Schutt und Asche bombardiert werden, als „Kampf gegen den Terrorismus“, ist das gesamte Denk- und Wertesystem auf den Kopf gestellt. Dies kann mittlerweile sehr viel leichter erreicht werden, weil die Techniken der Indoktrination enorm verfeinert und optimiert wurden – dazu hat besonders die Psychologie entscheidende Beiträge geleistet. Wenn Menschen erst einmal daran gewöhnt sind, vernunftwidrige Behauptungen zu akzeptieren, ist, wie aus psychologischen Studien bekannt ist, insgesamt ihre Befähigung beeinträchtigt, überhaupt noch in rationaler Weise Überzeugungen ausbilden zu können – was für die Machtausübenden natürlich ein gewaltiger Vorteil ist.

Heute ist die massive Indoktrination für die Menschen, die ihr ausgesetzt sind, nahezu unsichtbar gemacht worden. Zwar ist, wie schon Joseph Goebbels wusste, seit jeher bekannt, dass Indoktrination nur wirken kann, wenn sie nicht als solche bemerkt wird. Denn damit ist unser natürliches Immunsystem gegen Manipulation weitgehend ausgehebelt. Die Wirksamkeit moderner Formen der Indoktrination übersteigt, was der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, bei weitem die aller traditionellen Formen von Propaganda. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung zutiefst überzeugt ist, in einer Gesellschaft zu leben, die im Großen und Ganzen frei von Indoktrination ist – einer der spektakulärsten Erfolge der Propaganda überhaupt. Die Lüge hat sich also, in Günther Anders Worten, längst wahrgelogen.

Erst kürzlich bekam Serhij Zhadan den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Der Friedenspreis ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen, die hierzulande vergeben werden. In dem „ausgezeichneten“ Buch ist – laut ZEIT – zu lesen, dass Russen als „Horde“, „Verbrecher“, „Tiere“ und „Unrat“ bezeichnet werden – und der Satz: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine“. Ich frage mich: wo ist die taz, die FR, Kultursendungen im ÖRR, wo die „Omis gegen Rechts“ und die Antifa? Warum wird hier das Offensichtliche ausgeblendet? Das ist doch ein Moment, von dem an es nur noch ein kleiner Schritt ist, bis Menschen, die man als Unrat bezeichnet, Beteiligte oder Unbeteiligte, gejagt und umgebracht werden. Warum zieht man die Verantwortlichen nicht zur Rechenschafft und fragt, was sie sich dabei gedacht haben? Zutiefst Inhumanes und Abstoßendes findet sich vieles auf der Welt, aber muss man in Deutschland, dem Land, das aus der Geschichte lernen wollte, jemanden mit diesen Ansichten auszeichnen?

Rainer Mausfeld: Eigentlich kann und muss man dies als Skandal empfinden. Jedenfalls wenn man ein moralisches Empfinden voraussetzt, das nicht bereits von Hass und Ausrottungswillen vergiftet ist. Doch der als „Zeitenwende“ verbrämte zivilisatorische Regress hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Er hat die übelsten Formen von Ressentiments verstärkt und damit auch die Neigung zu einer Dehumanisierung derjenigen, die als Feinde betrachtet werden. Nun wird wieder etwas an die Oberfläche gespült, das immer schon latent im europäischen Denken vorhanden war. Zum kulturellen kolonialistischen Erbe des europäischen Denkens gehört nämlich der Rassismus, der gegenwärtig in Verbindung mit dem nationalsozialistischen Erbe des Russenhasses zu einer neuen Blüte gelangt.

Im April hatte eine Politologin, ohne öffentlichen Widerspruch, bei „Markus Lanz“ verkündet, dass die Russen, auch wenn sie europäisch aussähen, in Wirklichkeit keine Europäer seien und hatte dann noch rasch nachgeschoben: „jetzt im kulturellen Sinne“. Hier wird ein historisch vorhandener kulturrassistischer Bodensatz kollektiver Ressentiments gezielt aktiviert und für geopolitische Ziele hegemonialer Dominanzbestrebungen nutzbar gemacht. Sicherlich – Stichwort: China – wird der Antirussismus nicht das letzte Beispiel dieser Art sein. Ohnehin ist der Russenhass in den deutschen Medien seit jeher tief verwurzelt. Schon 2009 stellte Michail Gorbatschow hinsichtlich der Russland-Berichterstattung im Deutschlandfunk fest: „Die deutsche Presse ist die bösartigste überhaupt.“

Der diesjährige Friedenspreis ist also keineswegs ein Ausrutscher, sondern nur ein Symptom für etwas, das sehr viel tiefer liegt. Die von Ihnen genannten Ausdrücke würden wohl in jedem anderen Fall einer Beschreibung von Menschengruppen als schlimmste dehumanisierende Entgleisung bewertet werden, die überhaupt denkbar ist. Warum versagen in diesem Fall sowohl ein elementares moralisches Empfinden wie auch zentrale Bewertungskategorien unseres kulturellen Gedächtnisses? Diese Frage richtet sich an uns alle, weil sie unser zivilisatorisches Selbstverständnis betrifft. Sie geht also weit über die Frage hinaus, warum niemand die für diesen Preis Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht. Das dafür nötige Bewertungssystem selbst ist offensichtlich abhandengekommen.

Die Verantwortlichen haben genau so gedacht, wie es der politische Zeitgeist der sogenannten „Zeitenwende“ von ihnen erwartet. Sie haben das aus dieser Perspektive Selbstverständliche gedacht und getan. Insofern sie den herrschenden Zeitgeist in vorauseilendem Opportunismus lediglich zu seinem konsequenten Ende gedacht haben, stellt sich für sie die Frage einer Verantwortlichkeit gar nicht. Denn dies würde die Möglichkeit voraussetzen, überhaupt noch einen Außenstandpunkt einnehmen zu können. Genau das ist aber gar nicht mehr möglich.

Hier ist also auf eine tiefe und folgenschwere Weise der gesamte Rahmen der gesellschaftlichen Weltwahrnehmung verrückt. Wenn aber das gesamte Fundament und die Grundpfeiler des Denkens und des moralischen Bewertens auf dem Kopf stehen, können auch die übelsten Ressentiments nicht mehr als das empfunden werden, was sie wirklich sind, nämlich als wahnhafte Phantasien. Sie werden vielmehr als zutreffende Beschreibungen der Realität angesehen.

Auch Phantasie- und Wahngebilde können intern konsistent wirken, aber dennoch gänzlich ohne Kontakt zur Realität sein. Das Bild von der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Wirklichkeit, das sich unsere politischen Entscheidungsträger und die meinungsbildenden Medien in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen haben, hat sich in sich selbst so stark verfestigt, dass die politischen Eliten den von ihnen erschaffenen Phantasiewelten nun selbst zum Opfer fallen. Ursprünglich dienten diese Phantasiewelten überwiegend dazu, die öffentliche Meinung in eine Richtung zu manipulieren, die für die geopolitischen Ziele mächtiger Akteure von Nutzen ist. Doch können natürlich auch die politischen Eliten dem schon genannten psychologischen Effekt nicht entkommen, dass der subjektive Wahrheitsgehalt einer Behauptung mit der Anzahl der Wiederholungen steigt. Sie glauben wirklich die täglich auf allen Kanälen wiederholten ideologischen Behauptungen. Sie haben selbst jede Möglichkeit für einen Außenstandpunkt und damit auch für eine Reflektion ihres Tuns verloren und sind damit in den von ihnen geschaffenen Phantasiewelten gefangen.

Die Folgen eines solchen kollektiven Wahns sind aus der Geschichte bekannt. In einer Phantasiewelt, in der das gesamte Fundament des Denkens und Bewertens auf den Kopf gestellt ist, ist es kaum überraschend, wenn ein Friedenspreis offenkundig nach dem orwellschen Motto vergeben wird: „Völkerhass ist Friedensliebe“ – ein wahrlich orwellscher Friedenspreis also, der auch als Allegorie für das dienen kann, was euphemistisch als „Zeitenwende“ bezeichnet wird.

Kollektiver Wahn

Sie sagen, dass die Möglichkeiten zur Manipulation bis aufs Letzte erforscht seien – oder jedenfalls, sehr, sehr umfassend –, und nun spielt man gnadenlos auf dieser Klaviatur. Gibt es denn dann überhaupt einen Weg dem zu entkommen?

Rainer Mausfeld: Diese Frage kann ich nicht, zumindest nicht in befriedigender Weise, beantworten. Und ich wüsste auch nicht, wer sie in seriöser Weise beantworten könnte. Zugleich ist es aber die wichtigste und drängendste Frage, vor der wir stehen. Unzählige Menschen in aller Welt suchen mit großem Engagement nach Antworten und nach Auswegen aus dem Indoktrinationsgewölbe.

Auch bei gesellschaftlichen Problemen gilt ja: Vor einer Therapie muss eine nüchterne Diagnose stehen. Damit stellt sich die Frage: Haben wir wirklich eine angemessene Diagnose der wesentlichen Ursachen, die zur gegenwärtigen Situation geführt haben? Haben wir wirklich ein angemessenes Bild von den Zielen und von den verfügbaren Methoden der Indoktrination und Repression derjenigen, die ihre Macht stetig zu Lasten der gesellschaftlichen Basis zu erweitern suchen? Haben wir wirklich ein zutreffendes Bild von den Möglichkeiten, von den Stärken und von den Schwächen emanzipatorischer Bewegungen, von den Gründen ihrer Erfolge und von den Gründen ihres Scheiterns in der Vergangenheit?

Die Erfolge emanzipatorischer Bewegungen in den vergangenen drei Jahrzehnten muss man wohl bei nüchterner Betrachtung als dürftig einschätzen. Zumindest im Vergleich zu den Erfolgen der Machtausübenden bei der Erweiterung ihrer Macht und beim Abbau mühsam gewonnenen demokratischen Substrats. Selbst die anfangs so hoffnungsvoll begonnene und zeitweise weltumspannende Occupy-Bewegung konnte, als sie den Mächtigen zu bedrohlich wurde, in kürzester Zeit gespalten und zersetzt werden. Was haben wir daraus strategisch gelernt? Wie können aus begriffslosen und somit instabilen und flüchtigen Empörungsbewegungen politisch wirksame emanzipatorische Bewegungen werden?

Wie immer die Antworten auf diese Fragen aussehen mögen, so können wir doch zwei grundsätzliche Punkte als sicher betrachten: Erstens: Jede Veränderung kann nur in kollektiver solidarischer Weise erfolgen. Alle emanzipatorischen Erfolge der Zivilisationsgeschichte konnten nur auf diese Weise erreicht werden. Die Macht der Wenigen über die Vielen kann nur durch eine solidarische Gegenmacht eingehegt und begrenzt werden. Noch nie haben die Mächtigen freiwillig ihre Macht zugunsten der gesellschaftlichen Basis begrenzt. Emanzipatorischer Fortschritt musste ihnen immer in langen Kämpfen abgerungen werden. Das ist eine klare und durchgängige Lehre aus der Geschichte. Hinzu kommt, dass eine soziale Atomisierung der Gesellschaft, wie sie in den letzten Jahrzehnten ein nie zuvor gekanntes Ausmaß erreicht hat, den Tod aller emanzipatorischen Bewegungen bedeutet. Ebenso, all die sozialen Spaltungen in der Gesellschaft, wie sie heute in immer wirksamerer Weise systematisch hergestellt werden können.

Zweitens: Den historischen Kulminationspunkt emanzipatorischer Bewegungen bildet die zivilisatorische Leitidee der Demokratie. Wobei man heute ergänzen muss: der Demokratie in einem ernsthaften Sinne einer konsequenten Einhegung von Macht und einer vollständigen Rechenschaftspflicht gegenüber der gesellschaftlichen Basis.

Nur am Rande eine kurze Bemerkung zur Rolle von Wahlen in der Demokratie, weil hierzu gezielt und beharrlich von den Machtausübenden ein Missverständnis erzeugt und gepflegt wird: dass nämlich Wahlen den Kern von Demokratie ausmachten. Wahlen spielen jedoch bei der Leitidee von Demokratie nur eine vergleichsweise nebensächliche Rolle. Das lässt sich schon daran erkennen, dass formal freie Wahlen in dem Maße politisch folgenlos bleiben müssen, wie die Prozesse der Meinungsbildung selbst nicht psychologisch frei sind. Genau das führt uns dann zum Thema der Medien. Wenn die Medien ihre normative Funktion nicht erfüllen, ein unverzerrtes und zuverlässiges Bild der gesellschaftlichen Realität bereitzustellen, weil sie sich selbst in den Dienst bestehender Machtstrukturen stellen, so kann es keine psychologisch freie Meinungsbildung geben und der Demokratie ist ein für alle Mal die Grundlage entzogen. Formal freie Wahlen sind in diesem Fall politisch irrelevant, weil die psychologischen Prozesse der Meinungsbildung bereits von den Machtausübenden kontrolliert werden und damit diejenigen, die eigentlich kontrolliert werden sollen, letztlich die Kontrollierenden sind.

Dieser Teufelskreis kann also durch Wahlen allein nicht durchbrochen werden, die Änderungen müssen sehr viel tiefer ansetzen. Dazu fehlt es aber gegenwärtig – gerade wegen des Einflusses der Massenmedien – an breiterer Bereitschaft. Die Geschichte – von den zivilisatorischen Anfängen, über das antike Griechenland, über den Feudalismus bis heute – zeigt, dass die Veränderungsbereitschaft erst wieder wächst, wenn die destruktiven Folgen von Elitenversagen und Elitenverkommenheit von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung als unerträglich wahrgenommen werden.

Von einer solchen Wahrnehmung sind wir aber noch weit entfernt, trotz wachsender Empörung in zunehmend größer werdenden Teilen der Bevölkerung. Die Status-quo-Beharrung, die politische Apathie und die moralische Gleichgültigkeit haben durch Konsumismus, Unterhaltungsindustrie, Überflutung mit Nichtigkeiten durch Medien und durch eine tiefgreifende soziale Atomisierung einzigartige Ausmaße erreicht.

Zugleich zeigt die Geschichte, dass immer wieder über kurz oder lang geeignete Formen von Gegenmacht der gesellschaftlichen Basis entstanden sind. Der Grund liegt darin, dass wir als Menschen ein natürliches Bedürfnis haben, nicht dem Willen anderer unterworfen zu werden. Und dass wir über eine natürliche Befähigung zur Moralität verfügen. Dazu gehören Abscheu gegen Ungerechtigkeit und Unrecht, und Mitleid mit denen, die Leid und Unrecht erfahren. Diese natürlichen Befähigungen gehören zur Beschaffenheit des Menschen. Sie sind die psychologischen Quellen allen emanzipatorischen Fortschritts. Auf diesem Fundament können wir unsere Hoffnung gründen. Doch bleibt die Frage, welche zivilisatorischen Regresse wir hinzunehmen bereit sind, bis wir endlich wieder die nötige Veränderungsenergie für eine Verteidigung und für eine Weiterführung emanzipatorischer Fortschnitte aufbringen. Ihre Frage können und müssen wir also gemeinsam beantworten.

Die Geschichte zeigt, dass immer wieder Formen von Gegenmacht der gesellschaftlichen Basis entstanden sind

Dass wir Menschen quasi eingebaute psychologische Mechanismen in uns haben, die Ungerechtigkeit, extreme Ungerechtigkeit zumal, aber auch Unmenschlichkeit etc. nicht nur erkennen, dass diese Mechanismen ab einem gewissen Punkt auch dazu führen aufzustehen und füreinander einzutreten, auch unter Hinnahme von Brutalität, Gewalt und Repression, ist ein tröstlicher Gedanke. Das führt mich zu einer letzten Frage: Ist absehbar, dass in den immer stärker aufkommenden Tendenzen, den Menschen als Träger von Technologie zu sehen, Stichwort „Transhumanismus“, auch Möglichkeiten liegen, diese tiefsten Tiefen unserer Psyche zu beeinflussen? So, dass auch die oben genannten Mechanismen eventuell manipuliert und sogar ausgeschaltet werden können? Der Mensch als Maschine? Willfährig, ergeben, leistungsfähig? Zugegeben, ein gruseliges Szenario. Können wir das ausschließen?

Rainer Mausfeld: Das wäre wohl die finale Dystopie. Ob sie als technologische totalitäre Herrschaft in stabiler Weise möglich wäre, bezweifle ich. Eine solche Herrschaft würde auf die Auslöschung des Menschlichen im Menschen zielen. Im Einzelfall ist dies, wie das Beispiel der Folter zeigt, zu bewerkstelligen. Die Zerstörung des Selbst und des Willens eines Menschen kommt jedoch seiner Vernichtung gleich. Auch ist der Mensch seiner Natur nach ein soziales, also ein auf soziale Beziehungen angewiesenes Lebewesen. Eine solche Dystopie würde also bereits den Keim der Selbstzerstörung in sich tragen.

Ausschließen lässt sich leider dennoch nichts. Denn zur Funktionslogik der Macht gehört es, dass Macht immer nach mehr Macht, nach grenzenloser Macht strebt. Grenzenlose Macht ist der Traum aller Machteliten. Diesem Traum sind sie heute wohl näher gekommen als je zuvor. Totalisierende Entwicklungen einer Zerstörung demokratischer Substanz, einer umfassenden Kontrolle der Machtunterworfenen und einer Entfesselung von Macht lassen sich schon seit vielen Jahren ausmachen. Mit der Corona-Krise und mit dem Krieg in der Ukraine haben sie noch einmal massiv an Fahrt aufgenommen. Wir werden also mit weiteren Entwicklungen in eine solche Richtung zu rechnen haben. Die grundsätzlichen Wege dahin haben Georg Orwell und Aldous Huxley aufgezeigt: brutale Repression und „Gedankenpolizei“ sowie Konsumismus, Infantilisierung und glückliche Unmündigkeit. Dafür sollten wir sensibilisiert sein.

 Sie sprechen von einer natürlichen Befähigung zur Moralität, einem natürlichen Sinn für Unrecht. Sie sehen also Quellen eines Widerstandes gegen totalitäre Entwicklungen in der Beschaffenheit unseres Geistes. Aber können wir da wirklich so sicher sein? Müsste man dafür nicht ein übermäßig positives Menschbild zugrunde legen, also die Annahme, dass der Mensch im Grunde gut sei?

Rainer Mausfeld: Ja, die Gefahr ist groß, Teilaspekte des Menschen zu generalisieren und darauf ein Gesellschaftsmodell zu gründen. Wir müssen also von einem realistischen Menschenbild starten. Ein gesichertes Fundament dabei ist die Einsicht, dass der Mensch als einziges Lebewesen über ein geradezu unerschöpfliches kreatives Potential verfügt – und zwar sowohl im Destruktiven wie im Konstruktiven. Kognitionswissenschaftlich sind dies zwei Seiten derselben Medaille, nämlich unserer kreativen Kapazitäten. In unserem Selbstverständnis als Menschen stellen wir natürlich gerne die einzigartigen schöpferischen Leistungen des Menschen in den Vordergrund – ob Literatur, bildende und darstellende Kunst oder Musik. Weniger gerne blicken wir auf die Kehrseite des Menschlichen, auf die dunklen Seiten des Menschen und auf seine Befähigung zu einer offensichtlich grenzenlosen Aggressivität und Destruktivität. Wir nennen die Taten der Verantwortlichen ‚unmenschlich‘ und verleugnen damit, dass auch sie etwas geradezu Humanspezifisches sind. Die Taten eines Folterers sind ebenso einzigartig menschlich wie ein Choral von Bach – einzigartig darin, dass sie einzig dem Menschen möglich sind. Der Mensch ist also weder von Natur aus gut noch von Natur aus böse. Er schafft diese Unterscheidung überhaupt erst durch seine Befähigung zur Moralität. Und er verfügt über ein einzigartiges Potential zu beidem.

Wenn aber all diese Möglichkeiten im Menschen angelegt sind, wie können wir uns dann davor schützen, dass die dunklen Seiten des Menschen die Organisation unserer Gesellschaft prägen?

Rainer Mausfeld: Das kann nur auf dem Wege kollektiver Erfahrungen und der Entwicklung kultureller Werte und Normen erfolgen. Und zwar auf der Grundlage unserer natürlichen Befähigung zur Moralität. Daher durchzieht das Bemühen, zivilisatorische Sicherheitsbalken gegen die dunklen Seiten des Menschen zu errichten, die gesamte Zivilisationsgeschichte. Die grenzenlose Begierde nach Macht und Reichtum wurde seit Beginn der Zivilisationsgeschichte zu den folgenschwersten destruktiven Seiten des Menschen gezählt. Schon früheste Jäger- und Sammlergesellschaften hatten einen reichen Instrumentenkasten entwickelt, um die Entstehung von Macht- und Besitzeliten zu verhindern.

In den ersten Staaten, die sich in Mesopotamien, Ägypten oder China, herausbildeten, versagten diese Instrumente angesichts neuer Formen staatlicher Gewalt. Doch selbst in diesen Staaten durfte ein Herrscher, der ansonsten in seiner Macht nahezu unbeschränkt war, elementare Gerechtigkeitsvorstellungen nicht verletzen. Sie waren so tief in der Kultur verankert, dass sie als für das menschliche Zusammenleben unverzichtbare ewige Werte und Normen in den Götterhimmel verlegt worden waren. In der griechischen Antike wurden diese Gerechtigkeitsvorstellungen vom Götterhimmel wieder herabgeholt und in die Verantwortung der Menschen gelegt. Die antike Leitidee von Demokratie war ausdrücklich als Reaktion auf damalige Formen der Elitenverkommenheit entstanden und diente dazu, einen zivilisatorischen Schutzbalken gegen alle Formen von Macht zu errichten, die nicht durch die gesellschaftliche Basis legitimiert sind.

Dies zeigt uns, wie tief in allen Kulturen Gerechtigkeitsvorstellungen – und mehr noch Vorstellungen über Ungerechtigkeit – verankert sind. Sie haben ihre Wurzeln in der Beschaffenheit unseres Geistes. Kognitionswissenschaftliche Experimente mit nur wenige Wochen oder Monate alten Säuglingen belegen, dass sie bereits negativ auf Szenarien menschlicher Interaktionen reagieren, wenn diese Interaktionen elementare Gerechtigkeitsvorstellungen verletzen. Diese moralischen Sensitivitäten sind grundlegend für alles menschliche Zusammenleben. In der weiteren Lebensentwicklung werden sie weiter ausdifferenziert und mit spezifischen kulturellen Inhalten gefüllt. Unsere natürlichen moralischen und sozialen Kapazitäten stellen also, von totalitären Extremfällen abgesehen, eine verlässliche Basis für eine gute Organisation unseres gesellschaftlichen Lebens dar. Sie sind die Quellen, aus denen die Organisation von Gegenmacht gegen Machtexzesse, Elitenverkommenheit und demokratisch nicht legitimierte Macht entspringt. Welches Fundament für einen emanzipatorischen Fortschritt könnte fester sein als eines, das im Menschen selbst liegt?

 

[1] Dieser Effekt ist seit langem bekannt und wird seit vielen Jahrzehnten in der Psychologie systematisch untersucht. Hier nur drei Beispiele aus der jüngeren Literatur:

Dechêne, Alice, Christoph Stahl, Jochim Hansen & Michaela Wänke (2010). The truth about the truth: A meta-analytic review of the truth effect. Personality and Social Psychology Review, 14, 238-257.

Henkel, Linda A. & Mark E. Mattson. (2011). Reading is believing: The truth effect and source credibility. Consciousness and Cognition, 20, 1705-1721.

Unkelbach, Christian, et al. (2019). Truth by repetition: Explanations and implications. Current Directions in Psychological Science, 28, 247-253.

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Mausfeld_Hybris_und_Nemisis
Coverbild: Hybris und Nemesis

NEU: Hybris und Nemesis. Wie Elitenverkommenheit in den zivilisatorischen Abgrund führt (erscheint im Herbst 2023).

Weitere Bücher von Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer?. Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören (2018), Angst und Macht. Herrschaftstechniken und Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien (2019), Tabu und Tamtam. Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung (mit Daniela Dahn) (2020).

Alle erhältlich unter buchkomplizen.de oder direkt im Westend Shop.

 

 

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

75 Kommentare

  1. Im anderen Artikel wird dem Leser durch eine Umfrage etwas suggeriert, das nicht mit diesem Artikel übereinstimmt. Ja, toll das der Mensch lesen kann und sich seine eigene Meinung über Informationen bilden kann?
    Zerstört euch selbst, um zu erfahren wo man steht…

  2. Der Wahnsinn, den ich wahr nehme, erlebe, kennen lerne, hat mit einer Ausnahme keinerlei „kollektive“ Merkmale, es ist ein Phänomen, das so individuell ist, wie es das nur geben kann …
    … übrigens, was soll das eigentlich sein, ein Individuum, wenn man anders von ihm spricht, als, beispielsweise, von einem Vogel, einem Schaf, einer Kuh, einem Hund oder gar einer Katze? …
    und deshalb ist es überwiegend ein echt pathologisches Phänomen, es wird dort, wo das noch nicht der Fall ist, zu mehr oder minder schweren Hirnschäden, zu kognitiven Verlusten führen.
    Die Ausnahme sind die Mitglieder der politischen Klassen und da, wie könnte es anders sein, hat die Kollektivität keine andere Folge, als daß die Hirnschäden so unausweichlich werden, und so unauslöschlich für Leute, die nicht /aussteigen/, wie das von extremistischen Sektenformationen bekannt ist, also in gewisser Weise „noch individueller, als individuell“, *grins*.

    Was ich mit dieser Polemik unterstrichen haben wollte: Die Weise, wie Mausfeld etc.pp von „kollektiv“ reden, ist schon ein Anzeiger und Merker, daß sie von *sich* reden, nämlich von sich ALS realen oder selbstgeweihten Mitgliedern der Elite(n).
    Meine Nachbarn und (ehemaligen) Arbeitskollegen hingegen sind nicht verrückter, als sie es in den letzten 25 Jahren immer schon gewesen und geworden sind.

    Sie denken und handeln, ganz grundsätzlich genommen, so, wie Denis Diderot den Diener Jacques hat denken und handeln lassen, fatalistisch
    https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus
    Freilich auf drastisch niedrigerem und befangeneren Niveau, als Diderot das für seinen Jacques gestaltet. Das tat-sächliche Niveau ist seit dieser Zeit, denke ich, in den generationenlangen Runden der Entmächtigung und Verhausschweinung des bürgerlichen Individuums, nicht weniger dramatisch gesunken. Es gilt halt, daß „die da oben sowieso tun, was sie wollen“, wogegen man nichts machen könne, weil „doch jede Sau zusieht, wo sein Brot gebuttert ist, oder etwa nicht!?“ Letzteres ist schon der Übergang zu der Konsequenz, die Verluste, die „man“ erleidet, an real oder tatsächlich schwächere Nebenschweine weiter zu geben bzw. an ihnen ab- und auszulassen.
    Und das abstrakte Menschenbild, das diesem Fatalismus theoretisch und praktisch einbegriffen ist, taugt bei Bedarf auch wieder zum *Anschluß* an die herrschenden Ideologien und Rechtfertigungen, besonders dann, wenn elitäre Feindbilder gegen Nebenschweine mobilisiert werden, die darob unweigerlich in die Defensive und Minderheitenrolle geraten – die perfekt gestellten Opfer.

    So läuft das nun mal, pi mal Daumen seit den Tagen Roms, und sich darüber derart gründlich und „wissenschaftlich“ zu täuschen und zu belügen, wie das Mausfeld & Co tun, erfordert eine *Lebensleistung*.
    Aber klar, TomGard ist selbstredend des Wahnsinns fette Beute, wißt ihr doch :-), also never mind.

    1. „TomGard ist selbstredend des Wahnsinns fette Beute, wißt ihr doch :-), also never mind.“
      Nö, er redet nur völlig kopfgeborenen Blödsinn.
      „Der Wahnsinn, den ich wahr nehme…hat … keinerlei „kollektive“ Merkmale, es ist … so individuell … wie es das nur geben kann … …Vogel, ..Schaf, ..Kuh, …Hund …Katze? …
      deshalb ist es überwiegend ein echt pathologisches Phänomen, es wird …zu… Hirnschäden, zu kognitiven Verlusten führen.“
      Nee, mein Freund, es ist NATÜRLICH ein „kollektiver Wahnsinn“ (wenngleich von oben verordnet) und DER könnte stattdessen zum Verlust von Allem führen, was Du Dein Eigentum (materiell oder mental) nennst.
      Wenn du Mausfelds klare Argumentation nicht verstehst, oder verstehen willst, dann lies einfach etwas Anderes.

      1. Daß ich, TomGard, den Wahnsinn nicht teile, den Mausfeld diagnosiziert, daß er mich folglich allenfalls passiv beträfe; obgleich es sich um etwas handelte, das korrekterweis einen allgemeinen Namen (wie „Wahnsinn“ einer ist) trägt, weil er angemessen verallgemeinert wäre, dann ist dieser Umstand schon die zureichende Widerlegung des Attributs „kollektiv“. Dann ist „kollektiv“ nur ein Kampfname für „VIEL ZU VIELE“, und zwar ein ständischer Kampfname, der ein „diesseits“ und „jenseits“ des Wahns aushebt.

        Ich sage, das ist „der Wahn“ in KULTUR – und zwar in einer Reinkultur, hoast mi.

        1. @TomGard: „Dann ist „kollektiv“ nur ein Kampfname für „VIEL ZU VIELE“, und zwar ein ständischer Kampfname, der ein „diesseits“ und „jenseits“ des Wahns aushebt.“
          Klar ist „kollektiv“ ein Abgrenzungsbegriff, zwischen einem „diesem“ und einem „anderen“ Kollektiv oder jenen außerhalb eines kollektivs.
          Wäre es anders, hätte es schon den Status der vom Hinkefuss so angestrebten und angebeteten vollständigen Gleichschaltung erreicht, zum Glück sind wir davon noch ein Stück entfernt. Mausfeld schreibt ja über und hofft ja sehr auf die intrinsischen Widerstandskräfte gegen Indoktrination. Kann aber sein, daß die dann eben nicht zum Durchbrechen führen, sondern nur zu psychischen Erkrankungen wegen ständiger kognitiver Dissonanz.

          Was ich ein wenig als akademisch überhöhten Diskurs empfinde, ist, daß Prof. Mausfeld den Ausdruck „Gleichschaltung“ so schön vermeidet, indem er über „strukturelle Tiefenindoktrination“ schreibt. Sollen da historische Parallelen bewusst vermieden werden? Oder ist die heutige Gleichschaltung strukturell noch anders beschaffen als die Goebbels’sche?

          1. Klar ist die anders beschaffen, noname, und ich habe die Gründe ganz unten ausführlich darzustellen versucht. In Bezug auf Deinen Vergleich: Die „Gleichschaltung“ im Naziregime – ein Euphemismus für militärpolizeiliches Öffentlichkeitsmanagement – zielte auf die Mobilisierung eines „Volkskörpers“ für den Kriegseinsatz. Die unterhalb der militärischen Ebene angesiedelte Gleichschaltung der NATO-Öffentlichkeit zielt auf Duldung der Kriegslasten einerseits, auf Demoralisierung jeden Widerstandes aus den Reihen der Funktionseliten andererseits.
            „Manipulation“ im sozialpsychologischen Sinn ist da nicht im Spiel, sondern Mobilisierung aller im Kapitalismus wirksam werdenden privaten Kalküle für die Akzeptanz des NATO-Krieges.
            Freilich können die Akteure im Öffentlichkeitsmanagement es anders sehen, und das tun sie erkennbar in der überwiegenden Anzahl ihrer Produkte. Sie wähnen sich in Tross und Etappe einer Art Kreuzzuges, in dem es gilt, ihre soziale und ideelle Identität als geistige Produzenten gegen Übergriffe aus dem „Dschungel“ zu verteidigen. Da ist wirklich „Kollektivität“ im Spiel, aber keine geistige, sondern ständische.

            1. Die öffentliche Kriegsagitation sucht, wie du sagst, nicht auf der militärischen Ebene nach Zustimmung (dort herrscht das Prinzip Befehl und Gehorsam) sondern spricht den Staatsbürger in seiner Haltung zu politischen Maßnahmen (seiner Obrigkeit) an. Die ist entschlossen, mit einem unfügsamen Gegner aufzuräumen und liefert dafür die bekannten Narrative in der Absicht, das staatliche Engagement im Ukraine-Krieg zu rechtfertigen, sprich dem staatlich-kriegerischen Vorgehen die moralische Wucht zu verleihen, die es braucht, damit auch ein zögerlicher Deutsche merkt, hier geht es um höchste Werte, die vom Feind in so rücksichtsloser Form verletzt wurden. Freiheit versus Autokratie wie Sleepy Joe es so schön auf den Punkt gebracht hat. Dazu sehen sich die hiesigen Amtsinhaber samt Beraterstab veranlasst, weil das Niederringen der Russen kein Sonntagsspaziergang sondern ein gewalttätiges Vorgehen erfordert, das auch einem patriotisch gestimmten Volk einiges an Einschränkungen und Opfern abverlangt. Diese unangenehme Seite, die sich schlicht daraus ergibt, dass der Gegner zwangsläufig zu Gegenmaßnahmen greift und als nuklear bewaffnete Großmacht nicht gerade zur Leichtgewichtsklasse in der Staatenwelt gehört, wird durch die sehr effiziente Öffentlichkeitsarbeit mit all den im Mausfeld-Interview treffend benannten Begleiterscheinungen unters Volk gebracht. Ich stimme TomGard zu, dass es da nicht um Tiefenindoktrination im psychologischen Sinne geht. Aus meiner Sicht werden da nationale Überzeugungen mobilisiert angefangen von der Bedrohung der Volksgemeinschaft, die der hiesige Staat durch sein Engagement entschärfen will bis zur Verteidigung des Rechtsstaats vor russischem Zugriff. Dass da einiges den Bach runtergeht sind Kollateralschäden, die man einkalkulieren muss, denn, wie gesagt, es steht die Freiheit auf dem Spiel. Leuchtet doch ein oder nicht?

  3. „…/…dass die politischen Eliten den von ihnen erschaffenen Phantasiewelten nun selbst zum Opfer fallen.“

    „Elitenverkommenheit“

    An einigen Stellen im Text ploppt bei mir immer der Steinmeier auf.
    Warum immer nur Steinmeier, nicht Baerbock, Habeck, Scholz, Lindner ?

    Vermutlich weil sich der Steinmeier
    besonders auffällig, selbst kaum über den Weg traut, wenn er in den Modus des Staatsmannes schaltet.

    1. Steinmeier ist in deiner Liste der einizige Polit-Profi mit streckenweise auch positiver Entwicklung. Die anderen sind grün hinter den Ohren, oder dienen nur sich selbst.

      1. Steinmeier ist einer von Schröders Agenda-Schmieden, wie Scholz, Klingbeil und andere Seeheimer und Scharfmacher.

        Der Klassenfeind
        durchläuft nie eine positive Entwicklung !

  4. Für Folgen und Begleiterscheinungen dessen, was Mausfeld & Co. völlig daneben „kollektiven Wahnsinn“ titulieren, braucht es keine Glaskugel, dafür ein Beispiel, das ich soeben der Tagesschau entnommen habe:

    („Letzte Generation“): „Wir wussten, dass uns einiges entgegenschlagen wird. Wir wussten, dass wir uns viele Feinde machen würden“, heißt es weiter. „Dass ein ganzes Mediensystem sich gegen uns wenden würde, damit haben wir nicht gerechnet.“ (…)
    Die (!) öffentliche Kritik verschärfte sich(!!) nach einem Unfall in Berlin, bei dem eine Radfahrerin von einem Betonmischer überfahren und schwer verletzt wurde. (…) Am Donnerstagmittag war die Frau für hirntot erklärt worden. Der Rettungseinsatz war möglicherweise (!!!) durch Klimablockaden behindert worden. Ein Spezialfahrzeug, das helfen sollte, die Verletzte unter dem Lastwagen zu befreien, stand nach Angaben der Feuerwehr in einem Stau, der durch eine Aktion der Gruppe ausgelöst worden sein soll. (…)
    Die Polizei ermittelt inzwischen gegen zwei 63 und 59 Jahre alte Klimaaktivisten wegen unterlassener (!) Hilfeleistung beziehungsweise der Behinderung hilfeleistender (!!) Personen. Es müsse – auch mit Sachverständigen (??!) – der(!!) Zusammenhang zu den Blockaden geprüft (!!!) werden. (…)
    Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte gestern mit Blick auf die Ereignisse ein entschiedenes Vorgehen gefordert: „Wenn Straftaten begangen werden und andere Menschen gefährdet werden, ist jede Grenze legitimen Protests überschritten“, sagte die SPD-Politikerin. „All das hat mit einer demokratischen Auseinandersetzung überhaupt nichts zu tun.“ DIE STRAFTÄTER müssten schnell und konsequent verfolgt werden. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte, ein Verbot der „Letzten Generation“ zu prüfen.

    Geht MEHR Wahnsinn? Echt?! Na, dann zeigt doch mal her, will ich sehn :-))
    Wieso?
    Na, die Jungens und Mädels stante pede auf die Straße zerren zu lassen, damit ein Volksgericht sie zu 20 Stockhieben verurteile und die Strafe an Ort und Stelle vollstreckt werde, wäre weniger wahnsinnig – oder etwa nicht?

    1. Klar würde ich es besser finden, wenn die Leute da ansetzen würden, wo direkt Fakten geschaffen werden könnten, z.B. ankleben an den Dienstwagen ihrer politischen Vertretung, vor deren Büros im Bundestag etc. Es geht denen aber um mediale Aufmerksamkeit…und das sage ich nicht, zu deren Verteidigung…Aber es ist extrem wohlfeil, jetzt, in diesem Fall das bashing zu starten, während tagtäglich Menschen aufgrund von Rasern, in zweiter Reihe Parkern, den Fahrradwege mitbenutzenden oder zu-parkenden Arschlöchern, zu Schaden kommen. Siehe dazu auch das von Telepolis abgedruckte Interview von einem Rettungssanitäter.
      Und der Vergleich mit den 20 Stockhieben ist nicht zufällig gewählt, nicht wahr…?

  5. Vielen Dank für dieses gute Interview!

    Gerade den Aspekt der Tiefenindoktrination finde ich sehr wichtig.
    Ich denke, „wir“ Andersdenkenden müssen uns bewusst machen, dass sie direkt auf die Gefühle abzielt und zu einer werte-westlichen Selbstidentifikation führt, auf die stolz zu sein von klein auf erlernt wird.
    Dieser Stolz, die dadurch entwickelte Überheblichkeit und Selbstüberhöhung sollten berücksichtigt werden, denn wenn dieses eigentlich hohle Selbstwertgefühl durch Sachargumente in Frage gestellt wird, reagieren Menschen eben nicht sachlich, sondern mit emotionaler Abwehr.
    Unbewusst fühlen sie sich in ihrer Selbstachtung bedroht und wehren sich natürlich dagegen.
    Folglich empfinden sie Sachargumente als „feindlich“ und glauben z. B. gern, es könne sich nur um „russische Desinformation“ handeln.

    Dagegen hilft nur Geduld und Verständnis – anstelle der ideologischen Brechstange, mit der hiesige „Friedensfreunde“ oft vorgehen und sich dann darüber wundern, dass sie auf Abwehr stoßen.

    Besonders traurig finde ich es, wenn „Friedensfreunde“ sich spiegelbildlich zum Mainstream ebenfalls selbst überhöhen und unsere Mitmenschen pauschal als die „Dummen“ bezeichnen.
    So kann man nichts erreichen, sondern so endet man in einer selbstgenügsamen Echokammer.

    Und wenn man Kritik nicht aushalten kann, sondern darauf mit dem (aus den K-Sekten der 70er altbekannten) Vorwurf „Nebenkriegsschauplatz“ reagiert, ist die Filterblase perfekt.

    PS zu „von klein auf“:
    Nach dem 24.2.22 gab es hierzulande an Grundschulen Aktionen, bei denen die Kinder ihre Solidarität mit der armen Ukraine gegen den bösen Putin durch Selbstgemaltes mit entsprechender Beschriftung darstellten und natürlich stolz darauf sind, dass ihre Werke vor der Schule aufgehängt wurden.

    1. Alles, was du hier schreibst, Sabine, sollte man als Grundsatz immer beherzigen, wenn man mit anderen Menschen über die aktuell strittigen Themen redet. Ohne das kann man wirklich nichts bewirken, jedenfalls nichts Positives. Und man kann es nicht oft genug betonen.

    2. Es kommt wohl schon ein bißchen darauf an mit wem man es zu tun hat. Den Papst vom Marxismus zu überzeugen ist keine gute Idee ebenso den strammen Nationalisten davon abzubringen im Staat seinen obersten Dienstherrn zu sehen, dem zu folgen erste Bürgerpflicht ist. Eine „Tiefenindoktrination“ bedarf natürlich eines Empfängers, der schon einen Standpunkt hat der sich im Prinzip mit den Narrativen in Übereinstimmung sieht für sich aber die Freiheit behält, das ein oder andere Gedankengut zu einer individuellen Sichtweise auszubauen. Die Skala reicht dabei von kritischem Untertan bis unzufriedenem Staatsbürger. Man muss schon ein Liebhaber des richtigen Gedankens sein, um darauf zu kommen, dass gängige Grundüberzeugungen eher die Folge eines intensiven Sozialkundeunterrichts (vom Bildermalen bis zur bürgerlichen Staatsableitung aus der Wolfsnatur jedes Menschen) als schlüssige Aussagen über die hiesige Wirklichkeit sind. Irgendwie muss man auch merken, dass die öfffentliche Meinungsbildung immer wieder zu denselben affirmativen Botschaften tendiert und letztlich Behauptungen lanciert, die so einfach nicht stimmen können oder Wesentliches einfach weglässt. Es sind die Widesprüche, Gemeinheiten, Beschuldigungen und willkürlichen Abstraktionen in den Aussagen, die parteiliches Denken auszeichnen. Dass da auch viel dummes Zeug zustandekommt, ist mE kein abwegiger Gedanke.

      1. Zu „Man muss schon ein Liebhaber des richtigen Gedankens sein, um darauf zu kommen, dass gängige Grundüberzeugungen eher die Folge eines intensiven Sozialkundeunterrichts (vom Bildermalen bis zur bürgerlichen Staatsableitung aus der Wolfsnatur jedes Menschen) als schlüssige Aussagen über die hiesige Wirklichkeit sind.“

        Sorry, ich habe versucht, auf die psychologische Wirkung der westlichen Indoktrination hinzuweisen, weil sie schon im Kindesalter implantiert wird.
        Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie bald nach WKII in Westdeutschland z. B. das Russland-Feindbild gepaart mit „die lieben Amerikaner sind unsere Freunde“ auf Kinder wirkte. Damals war für uns alles, was aus den USA kam, supertoll.
        Die Identifikation mit der US-Kultur wurde bei Jugendlichen in Westdeutschland durchgängig implementiert.

        Man sollte nicht unterschätzen, wie tief Kindheits- und Jugendidentifikationen sitzen.
        Wenn heute Grundschulkinder lernen, die Ukraine sei nur lieb und Russland sei nur böse, dann hat das Folgen.

        1. Die Frage ist doch: Wenn ich als Jugendlicher US-Rockbands richtig toll fand, einfach weil die gute Musik machen, reicht dieser Eindruck soweit auch die Bombardierung von Vietnam oder Watergate oder Raketenstationierungen in Europa für gut zu halten? Ist Richard Nixon plötzlich ein Vorbild und Held oder sowas?
          Dasselbe heute: Ja die Kinder kriegen da was vorerzählt mit Putin ist böse. Reicht das, für eine unerschütterliche Russenfeindschaft vor allem wenn es Leute gibt, die auch anderes vertreten?
          Ich will nicht die psychologische Wirkung von Indoktrination/Propaganda verharmlosen, aber die Möglichkeit solche „Weltdeutungen“ zu verstehen und zu kritisieren sind vorhanden (jedenfalls noch nicht verboten). Das aber ist mE kein „natürliches Immunsystem“ wie im Interview behauptet, sondern einfach durch den Gebrauch des Verstands, das Wissen um was es geht und eine analytische Befassung mit dem ganzen Zeugs zustandekommende Einsicht in Zusammenhänge.

          1. Zu „Ich will nicht die psychologische Wirkung von Indoktrination/Propaganda verharmlosen, aber die Möglichkeit solche „Weltdeutungen“ zu verstehen und zu kritisieren sind vorhanden (jedenfalls noch nicht verboten).“

            Wenn die Grundannahmen der eigenen Weltdeutung und die dazugehörigen Denkverbote unbewusst verankert sind und die gesamte Peergroup einen zum Außenseiter machen würde, falls man es wagen würde, sich mal alternativ zu informieren, dann ist es für den Einzelnen nicht so einfach.
            Für viele – auch in der Friedensbewegung – ist es doch schon „bäh“, z. B. im Overton-Forum zu lesen.

            Es ist besser, die Menschen zu verstehen anstatt sich über sie zu empören.

            1. „Es ist besser, die Menschen zu verstehen anstatt sich über sie zu empören.“

              Klar muss man erst verstehen, was jemand sagt sonst redet man aneinander vorbei. Aber „die Menschen“ finde ich doch eine sehr abstrakte Spezies, die in Wirklichkeit als Konkurrenzbürger, Haut-drauf-Typen, Kriegstreiber, Russenhasser, Edeldemokraten, Pastoren und Steuerzahler rumlaufen. Auch Reiche und Arme, Frustrierte und Erfolgreiche, Psychologen und Politiker, darunter jede Menge Charaktermasken, die von Haus aus erzählen, was ankommt, was gerne gehört wird oder berufsmäßig öffentliche Meinungsbildung betreiben. Im Mausfeld-Interview kommt eigentlich gut rüber, wie staatlich gewünschte Sichtweisen zum selbstverständlichen Denken der Leute gerinnt und dann in den Köpfen festsitzt, wie erstarrter Beton. Nein, ich plädiere nicht für einen Empörungs-Modus, der bringt tatsächlich nix. Verständnis für all den Trash, der sich im Selbstbewußtsein der hiesigen Volksgemeinschaft ansammelt, allerdings hilft mE auch nicht weiter. Weiss auch nicht, wie man aus diesem Dilemma rauskommt …

        2. Nun ja, da kommt es aber eben sehr auf das familiäre Umfeld an – bei uns war NIE eine Bewunderung der USA „implantiert“. Aber es kommt eben darauf an, mit welchen „Bildungs-NARRativen man aufgewachsen ist.

          Wer bereits dank eines historisch weit – und tiefblickenden Elternhauses mit einem festen Fundament aufgewachsen ist, lässt sich auch in der Jugend nicht verblenden. Und daran liegt es leider eben: Den meisten Eltern, fehlt es heute an fundiertem und objektivem Geschichtsverständnis, die Schulen und Unis, erinnern heute erschreckend an „Napola 2.0“, und die ideologische Ausrichtung, wird heute mehr denn je spürbar.

          Und ja, obwohl einer meiner antikommunisitschen Großonkeln, von den Sowiets entführt wurde – und nie mehr zurückgekommen ist, hat uns das nie dazu bewogen, eine generell „antirussische“ Einstellung einzunehmen. Und nach dem der Kommunismus untergegangen war, wir durchaus wieder Besitzungen in Rumänien und Mähren „beanspruchen“ hätten können, wurde beschlossen, dies nicht zu tun.

          Das Problem ist ja, dass man „Geschichte“ nicht nur aus der eigenen persönlichen Perspektive betrachten, sondern als GANZES sehen sollte.

          Und es ist niemandem verboten, eigenständig zu denken, fernab, vorgegebener Dogmen.

          1. Hi Rebane,

            „Und es ist niemandem verboten, eigenständig zu denken, fernab, vorgegebener Dogmen.“

            Absolut richtig. Das Schulsystem und der Lehrplan als staatlicher Akteur ist nicht der einzigste Faktor, wie systemkonform ein Mensch sich verhält bzw. wieviel er hinterfragt. Die Menschen sind viel vielschichtiger, als dass die Meinungsbeeinflussung so einfach wäre.

            1. Servus oskar,

              der unreflektierte Wahnsinn, Dinge einfach zu „akzeptieren“, nun ja, das hat auch mit dem vielzitierten gesundem Menschenverstand zu tun. Siehe „Colin Powel – und die Anthrax-Phiole“. Als ich das im Fernsehen gesehen habe, hätte ich fast aufgeschrien: Wäre wirklich „Anthrax“ drin gewesen, so wäre das ein fataler Fehler gewesen, ihn damit in die Öffentlichkeit zu lassen. Folglich war klar: So blöd, sind nicht einmal die Amerikaner – also eine plumpe Lüge!!! Und die heutigen NARRative, sind ebenso Mißgeburten krankhafter Gehirne, die aber sehr geschmeidig, sich in den Ganglien einnisten.

              Und ja, ich halte den Großteil der Menscheit nicht für fähig, klar zu analysieren. Ist ja auch bequemer, eine „Convenience-Meinung“ zu schlucken, als sich selber zu fragen: „Kann das wirklich sein?“

              1. Hallo Rebane,

                „Convenience-Meinung“ ist oftmals alternativlos, wenn man etwas in dieser Gesellschaft erreichen will und sein Mindestziel die letzte Stufe des „Petersprinzips“ zu erklimmen. Durch den Aufbau von Netzwerken, geistige Skrupellosigkeit, eine 110 prozentige Bereitschaft Vorgaben seiner Förderer zu bedienen, kann es besonders prinzipienlosen Personen gelingen, das „Peterprinzip“ auszusetzen und seine persönliche Wunschposition erklimmen.
                Prominente aktuelle Beispiel: Baebock, Habeck, Lang,….
                Ergänzungen können gerne zugefügt werden.

                Aber Überhöhung seines „ich`s“ ist ein weitverbreitetes Phänomen in dieser Gesellschaft, die den Individualismus als Götze huldigt.

    3. „Kinder ihre Solidarität mit der armen Ukraine gegen den bösen Putin durch Selbstgemaltes mit entsprechender Beschriftung darstellten und natürlich stolz darauf sind“
      Absolut gruselige Indoktrination, bei den Eltern begonnen und – logisch – bei den Kindern fortgesetzt.
      Hatte vor einem halben Jahr eine Unterrichtseinheit „Machtergreifung der Nazis“ in einer 9. Klasse live gehört. Die identische Blaupause fand parallel live draußen statt: mit der verordneten – alternativlosen – offiziellen Meinung zu Russland / Ukrainekrieg.
      Und in 20 Jahren wird es ihnen WIEDER peinlich sein.

    4. Hi Sabine,

      manche deiner Sichtweisen zeugen von einem sehr überhöhten Blick herab und versprühen genau diese westliche Überheblichkeit, welche du anderen Zeitgenossen mitunter vorwirfst. Statt uns als gegenseitige Ergänzung zu verstehen und unsere geringe Zahl in der Gemeinsamkeit zu stärken, beginnst du eine Disskusion zur Förderung deines Egos? Anders kann ich dies kaum in seiner Überflüssigkeit verstehen.
      Du musst dich schon selbst hinterfragen, warum die Ressonanz auf eine von dir mit angestossene Zusammenarbeit in diesem Forum so gering ausfiel.

      Der Vorwurf der Verwendung von Wikepedia an meine Adresse widerspricht deiner eigenen Linie. Wenn du als Untermauerung von Argumenten entgegen dem westlichen Narrativ die Verwendung von Mainstreammedien forderst, weil diese von diesem Personenkreis Anerkennung finden, aber bei mir die Verwendung von Wikepedia als das MSM schlecht hin ablehnst, so ist das ein gewaltiger Widerspruch in sich.
      Hinzu kommt, dass meine verwendeten Auszüge aus dem deutschen Wikepedia sich nicht inhaltlich von der Übersetzung der original Quelle unterscheiden. Das du dir nicht vorstellen kannst, dass nicht allen Menschen so einfach das Finden, Erkennen und Verstehen von original Quellen in engliche Sprache möglich ist wie dir auf Grund deiner Sozialisierung in der westlichen Gesellschaft, kann ich dir auf Grund dieser Sozialisierung nicht wirklich vorwerfen.

      Inhaltlich interessante Beiträge von dir werde ich in Zukunft trotzdem gerne zur Kennntnis nehmen, denn die sind deine Stärken und darauf würde ich mich vor allem konzentrieren.

      1. Zu „Hi Sabine, manche deiner Sichtweisen zeugen von einem sehr überhöhten Blick herab und versprühen genau diese westliche Überheblichkeit, welche du anderen Zeitgenossen mitunter vorwirfst.“:

        Ausgerechnet mir „westliche Überheblichkeit“ vorzuwerfen, ist originell – aber eben typisch Overton-Forum.
        Nicht nur zu meinen Forumsbeiträgen dazu, sondern auch im echten Leben habe ich ständig Rückmeldungen nicht-westlicher Mitmenschen wie „Noch nie habe ich gehört, dass eine Deutsche das zugibt, was du sagst“, „dass eine Weiße das so sieht, habe ich noch nie erlebt“ usw.
        Im Treppenhaus tauschen meine türkische Nachbarin und ich gern lautstark ironische Bemerkungen aus wie „Auch dahinter muss Putin stecken!!!“ (wenn es einen kurzen Internet-Ausfall gab, die Papiermülltonnen mal wieder überfüllt sind, usw.)

        Zu „Statt uns als gegenseitige Ergänzung zu verstehen und unsere geringe Zahl in der Gemeinsamkeit zu stärken, beginnst du eine Disskusion zur Förderung deines Egos? Anders kann ich dies kaum in seiner Überflüssigkeit verstehen.“
        Indem Sie der Kritik an Ihren Einlassungen „Überflüssigkeit“ zuschreiben, bestätigen Sie leider schon wieder meine Befürchtung, dass das Overton-Forum zu einer Filterblase wird.

        Was „Förderung des Egos“ angeht: Wer hat denn das Overton-Forum im Sommer plötzlich rund um die Uhr mit so vielen und langen Kommentaren geflutet, dass andere, die teilweise sehr informative Beiträge machten, seitdem weggeblieben sind?

        Ansonsten: Ich habe hier jüngst immer wieder zu Mut für konkrete Aktivität aufgerufen und zu diesem Zweck wiederholt betont, dass ich mich mit meiner Pieps-Stimme, Schüchternheit und Unerfahrenheit dazu überwinden muss, mich z. B. in einer Diskussionsveranstaltung vor einem Russland-feindlichen Publikum energisch zu äußern. (Hat aber prima funktioniert!)

        Zu „Du musst dich schon selbst hinterfragen, warum die Ressonanz auf eine von dir mit angestossene Zusammenarbeit in diesem Forum so gering ausfiel.“
        Da kann ich Sie beruhigen: Als ein xyz dieses Kollektiv vorschlug, habe ich das zwar spontan begrüßt, aber seitdem keinerlei Beteiligung daran und xyz inzwischen mitgeteilt, dass ich damit nichts mehr zu tun haben möchte.
        Folglich konnten und können Sie sich dort völlig frei von meiner „Überflüssigkeit“ einbringen.
        Ich wünsche Euch viel Erfolg mit eurem Vorhaben!

    5. Ich habe Ihren Kommentar jetzt nicht bis ins kleinste zerlegt, finde ihn aber dennoch wirklich wichtig!

      Wir (die, die denken die strukturelle „Wahrheit“ hinter all der Propaganda zu erkennen) müssen aufpassen nicht mit der gleichen Ignoranz/Arroganz den Andersdenkenden gegenüber zu treten

      Das mag ein strategischer Nachteil sein, aber letztlich ändern wir die Welt nur über kontinuierliche Arbeit und Überzeugung!
      Ich gebe zu, es fällt mir schwer ruhig zu bleiben, wenn mir Freunde ernsthaft darlegen, dass uns die „Russen“ das Gas gesperrt haben … Das ist dann zumeist noch nicht mal der „Russe“, sondern „Putin“

      Da sage ich auch gelegentlich, dass es wohl keine Gesprächsgrundlage mehr gibt

      Ganz rational: wir müssen trotzdem reden! und ich bin dankbar über jeden Ansatz ein Gespräch zu führen
      Jeder noch so kleine „Link“ auf eine Strategie der Kommunikation hilft.

      LG eku

  6. Man kann Herrn Mausfeld nur zustimmen – wenn man seine Aussagen auf das russische oder chinesische Gesellschaftsmodell der Gegenwart bezieht.
    In einem Punkt bedauert er, dass die zur wirklichen Beurteilung erforderliche Außenperspektive wegen der westlichen Totalindoktrination nicht zur Verfügung steht. Diesbezüglich lassen sich seine Augen öffnen: Diese Perspektive besteht sehr wohl! Sie wird eingenommen von den Flüchtlingen, die in großer Zahl in westliche Länder strömen, weil sie sich dort Freiheit erhoffen. Gibt es Flüchtlingsströme nach Russland, nach China?
    Sie wird eingenommen von den Russen selber, die, wenn sie es sich leisten können, in den Westen streben, ihre Kinder auf westliche Schulen schicken, hier ihre Wohnungen und Häuser kaufen, ihren Urlaub verbringen, sich ihren EU Pass erschleichen.
    Woran liegt es wohl, Herr Mausfeld, dass in der Gegenrichtung kein Verkehr ist?
    Mit ihren Büchern und Meinungsbeiträgen betreiben Sie in purer Form genau das, was Sie dem Westen, seinen Medien und Eliten vorwerfen.
    Oder noch konkreter: Wollen Sie, Herr Mausfeld, lieber in Russland oder China leben, Ihre Kinder aufziehen, ihre Freizeit verbringen, sich politisch betätigen?

    1. Was ist das denn für eine merkwürdige Verquickung seiner Argumente? Mausfeld argumentiert an psychologischen Grundprinzipien des Menschen entlang.
      Nur weil er diese Prinzipien anhand unserer westlichen Gesellschaft aufzeigt, verneint er doch nicht, dass solche Prozesse in allen Gesellschaften ablaufen oder ablaufen können.
      Wahrscheinlich bezieht er sich nicht auf Russland oder China, weil er schlichtweg keinen ausreichenden Einblick in diese Gesellschaften, deren Eliten und natürlich auch Medien hat.

      Darüber hinaus interessiert zumindest mich eher der Kram, der vor meiner Haustür passiert als das, was auf der anderen Seite der Welt abgeht, denn HIER betrifft es mich nunmal ganz konkret massiv selbst.

    2. Dann-geh-doch-nach-drüben-Argumente sind einer sachlichen Diskussion nicht förderlich. Wir haben keine Wahlfreiheit über den Ort unserer Geburt, wir sind Geworfene. Wenn uns am Ort unseres Daseins etwas Kritikwürdiges auffällt, dürfen wir dieses an dem Ort kritisieren, wo es uns auffällt. Wir müssen zur Legitimation von Gesellschaftskritik nicht zuvor aus dem kritisierten Land ausreisen, um zu prüfen, ob es nicht anderenorts schlimmer ist, sonst dürfte nur noch die Hölle kritisiert werden – und selbst dort gäbe es vermutlich noch Widerspruch vom Führungspersonal. Die Validität einer Systemkritik ist folglich vom Ort ihrer Äußerung unabhängig.

      Die Richtung von Flüchtlingsströmen möge man als Qualitätsmerkmal von Staaten betrachten, wenn man so will. In keiner Weise aber kann aus deren Richtung abgeleitet werden, in welchem Staat Kritik zulässig ist und in welchem nicht. Wenn Einreisevorgänge in ein Land stattfinden, macht es dieses nicht automatisch zur besten aller möglichen Welten, in der sich Kritik, von Einheimischen geäußert, verbietet. Ein geringeres Übel ist immer noch ein Übel.

      Wenn ein Russe sagt, »Ich gehe nach drüben!«, bevor er sich auf den Weg nach Deutschland macht, dann weiß er vielleicht nicht, dass hier Friedenspreise an Autoren verliehen werden, die ihn als „Tier“ und „Unrat“ bezeichnen dürfen, ohne dass die Preisverleiher befürchten müssen, dafür in den Medien Kritik zu ernten. Vielleicht ist es ihm auch egal – und überhaupt, hier geht es ja nicht um Flüchtlingsbewegungen.

      Irgendwie auch Thema verfehlt. Im Interview geht es weniger um moralische Bewertung und darum, was Gut ist und was Böse, sondern eher um die Meta-Ebene, nämlich darum, wie solche Bewertungen zustande kommen.

    3. „Sie wird eingenommen von den Flüchtlingen, die in großer Zahl in westliche Länder strömen, weil sie sich dort Freiheit erhoffen. Gibt es Flüchtlingsströme nach Russland, nach China?“

      Ach so, die armen Leute aus dem Süden wollen also in die reichen Länder, nicht weil diese sich erfolgreich an den armen Ländern bereichert haben und gedenken, dies auch in Zukunft zu tun, sondern weil sie „Freiheit erhoffen“.

      Daran glaube ich nicht. Ich sehe das Interview auch nicht als Schöngerede von Russland oder China oder USA.

  7. Sehr gutes Interview, intelligente und scharfsinnige Betrachtung. Vielen Dank an Herrn Mausfeld und das Overton Magazin, es besteht noch Hoffnung.

  8. Als ich rhetorisches Material für eine schnippische Bemerkung zu Klaus Feldmann checken wollte, Thema „Geh doch nach drüben!“, stieß ich auf einen Artikel von Tom Appleton, „…beim nächsten Mal als Farce“. https://www.heise.de/tp/features/beim-naechsten-Mal-als-Farce-3839785.html
    Appleton hält gegen den Wald- und -Wiesen -Spruch:
    „Ich selber denke, dass es wohl eher umgekehrt sein müsste. Was beim ersten Mal quasi als Witz anfing, tritt in der Wiederholung gern als blutige Katastrophe auf.“
    Das trifft die Sache wenigstens halb, denn „Geh doch nach ‚drüben!“ war in den späteren 60ern bereits eine *Parodie*, eine Reminiszenz an die seit einer Generation vergangenen Auseinandersetzungen um die deutsche Teilung. Die Adressaten sollten von dem Kakao trinken gemacht werden, durch den sie gezogen waren, als ein ganzer Komplex von Urteilen und Überlegungen der Elterngenerationen militärisch kriminalisiert und „unhintergehbar“ gemacht worden waren.
    Jetzt also die dritte Wiederholung – gewissermaßen.
    Die „blutigen Katastrophen“ allerdings, die haben die Deutschen längst hinter sich. Da wäre eine mögliche militärische Steigerung allenfalls ein ästhetisches Phänomen – wenn überhaupt möglich.
    Was für mich selbst nur ein abermaliger Hinweis ist, daß, wenn es einen „kollektiven Wahn“ der Deutschen gibt – und viele Geschehnisse legen diese Annahme verführerisch nahe – dann dauert er rund seit 1848 an. Zeit, darauf zu scheissen, und das ist, wenn überhaupt Option, eine Generationenfrage.
    Sorry für das Geschwätz, aber mir ist nach Urlaub zumut‘.

  9. „Der Mensch ist also weder von Natur aus gut noch von Natur aus böse. Er schafft diese Unterscheidung überhaupt erst durch seine Befähigung zur Moralität. Und er verfügt über ein einzigartiges Potential zu beidem.“
    Davon bin ich schon sehr lange überzeugt, aber mit christlicher, wohl generell monotheistischer Hintergrundsozialisierung, die auch bei völliger Glaubensferne nicht leicht zu erkennen und abzustreifen ist, ist das ein fast unakzeptabler Gedanke.

    Die Manipulationsmacht der herrschenden Klasse war gewiss noch nie so gross wie heute, aber – the proof is in eating the pudding, wie die Angelsachsen es ausdrücken. Und der jetzt gereichte Pudding schmeckt scheusslich. Oder weniger metaphorisch, der katastrophale Misserfolg der heutigen westlichen Politik wird das Manipulationspotential schliesslich ruinieren. Die kapitalistische Grosskrise, längst unvermeidbar, wird nun einem Feind in die Schuhe geschoben, um die Reaktionen auf sie gegen aussen abzulenken. Statt das Problem zu lösen, generiert man sich ein zusätzliches – die schliessliche militärische Niederlage oder gar allgemeine Katastrophe. Gleichzeitig nimmt das ökologische Debakel, gleichsam unbeaufsichtigt, seinen Gang. Noch kann gegen bereits Verzweifelte und ihre harmlosen Interventionen erfolgreich gehetzt werden, die Meisten wenden viel Energie auf, um all das Ungemach, das auf sie zurollt nicht zu spüren. Aber nicht mehr lange.

  10. „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.“ — Adolf Hitler.
    Da hat sich nicht viel daran verändert-vieles deutet darauf hin, dass a) einige Leute nichts aus der Vergangenheit gelernt haben und/oder b) dass die Methoden der Manipulation mittlerweile perfektioniert wurden.
    Es ist für mich ein grosses Trauerspiel, wie vernünftige Zeitgenossen auf einmal eingleisig denken und aberwitzige Behauptungen von sich geben („Waffen schaffen Frieden“, oder „die Russen sind nicht Europäer“, oder die Reihung „Hitler, Stalin, Mao, Putin“).
    Je länger dieser Ungeist anhält, um so undurchdringlicher werden die Fronten und ich ertappe mich manchmal schon dabei, alle Ukrainer zum Teufel zu wünschen.

    1. ich ertappe mich manchmal schon dabei, alle Ukrainer zum Teufel zu wünschen.
      Ich habe neulich beim kollektiven Selenskyj-Beklatschen meine Handflächen verfehlt. Peinlich.

  11. Die Tiefenindoktrination ist eine alte Methode der Werbung.
    Mit dem Waschpulver das weißer als weiß wäscht, kauft man Anerkennung. Mit dem Auto, dass einsam im Werbefilm die Wueste quert, wird Freiheit gekauft. Der Kuehlschrank von Bosch stand einst fuer Sicherheit. Der Verkauf von Markenkleidung und Marken ueberhaupt, stuetzt sich auf Tiefenindoktrination. Marke steht fuer Qualitaet. Alles Unsinn, funktioniert aber.
    Windige „Kommunkationswissenschaftler“ haben das Prinzip auf die Politik uebertragen.

  12. Angesichts des triefenden Moralismus der Annalena und ihrer grünen Gefolgschaft erscheint es mir doch sehr fragwürdig, auf eine „natürlichen Befähigung zur Moralität“ zu setzen. Klar, man ist moralisch empört, wenn man Tod und Leid per Bild und Ton serviert bekommt. Freilich, immer vor einem Narrativ, das untergründig mitgeliefert wird, wo die „Guten“ und die „Bösen“ klar geschieden und personifiziert wird: Wolodymyr vs. Wladimir.

    Insofern setze ich eher auf die sehr unschönen und für sehr viele massiv spürbaren materiellen Auswirkungen der katastrophalen Sanktionspolitik unserer Regierenden, in DE und in der EU. Nur, die Reaktionen der „Massen“ werden zu spät kommen, und wer weiß, auf welche Mühlen geleitet werden.

    Noch was zur verfestigten Propaganda und zum Neusprech und Neudenk. Einmal wieder wurde ein Beitrag von mir auf „heise.de“ gesperrt. Diesmal auf der IT-„newsticker“-Seite. Zuvor kam das öfter mal bei „Telepolis“ im Corona-Kontext vor. Ich schrieb heute einen kurzen Kommentar zum Artikel über die Verleihung des „Friedenspreises“ der Ukraine(!) an Apple. Mein Post ging so:
    „Ach, unser Orwellsches Zeitalter.Der
    Nach den seltsamen „Friedenspreisen“ hierzulande schließt sich Selenskyi nahtlos an. „Krieg ist Frieden!““

    Das genügte, um diese Meinung als nicht der „Sachdiskussion“ dienend zu werten UND sie folglich als Beitrag zu sperren. Soviel auch zum geistigen Zustand unserer Republik.

      1. Schalte alles weg, was deine Filter überlasten könnte, Fernsehen, Werbung, Radio-Musikkanäle, RadioWort/ Feature selektiv, Fernsehreportagen selektiv YT u.a.
        Kino selektiv, Serien -> Mülltonne

        Den ganzen Schrott wegfiltern

        War heute in einer städt. Bib….drei „Putin-das-Monster-Bücher“ lagen unter den Topp in der Auslage……Habe keinen Ausweis beantragt…Bin gegangen….

        Schrott wegfiltern digital und analog

        1. Medien im Ausland nutzen. Die sind in der Draufsich oft objektiver.

          Eine kurze Übersicht:

          Consortium News, Robert Parry, Max Blumenthal Grayzone, Mint Press News, Media Les, Declassified UK, Alborada, Electronic Intifada, WSWS, ZNet, ICH, Counter Punch, Independent Australia, Chris Hedges, Patrick Lawrence, Jonathan Cook, Diana Johnstone, Caitlin Johnstone,
          Daviv Barsamian, Democracy Now, Fairness & Accuracy in Reporting, Alternative Radio, Verso, Haymarket, Monthly Review, City Lights, The New Press, Jacobin, The Nation, The Progressive, In These Times, TomDispatch, The Intercept, ScheerPost, Radio KGNU, WMNF, KPFK

    1. Auch wenn ich die Worte, die vorangehenden Worte, nicht zu 100 Prozent verstanden habe,
      Friedenspreis an Apple? Hab ich was verpasst? Ich will es nicht ausschließen.
      Was die Worte in ihrer Bedeutung betrifft, wie auch immer ich sie verstanden habe, sind sie eine KATASTROPHE.
      „Krieg ist Frieden“ zu sperren, geht nicht. Ist eine, und ich sage es nochmal: eine Katastrophe!!!!!!!
      Hilflose Grüße,
      k.

    2. Hallo Zaphod. Ich kann Dich verstehen. Ich war 20 Jahre bei Heise unterwegs und fand des immer als einen Hort der Redefreiheit und des kritischen Austausches und hatte nie Probleme dort, auch nicht bei kritischen Beiträgen. In den letzten 10 Jahren allerdings häufen sich dort die gesperrten Beiträge, seit 2017 (Netzwerkdurchsetzungsgesetz) ist es dort richtig schlimm geworden. Alles, was nicht in die Meinung der Forenadministration passt, wird sofort wegzensiert, selbst wenn es auf eigene Heise-Artikel referenziert. Und auch meine Beiträge wurde dort schon mehrfach gesperrt, schließlich der ganze Account gesperrt.
      Ich habe dann meine Zeitschriften-Abos dort gekündigt und unterstütze mit dem Geld jetzt Blogs, die noch kritische Stimmen zulassen.

  13. Auch wenn ich die Worte, die vorangehenden Worte, nicht zu 100 Prozent verstanden habe,
    Friedenspreis an Apple? Hab ich was verpasst? Ich will es nicht ausschließen.
    Was die Worte in ihrer Bedeutung betrifft, wie auch immer ich sie verstanden habe, sind sie eine KATASTROPHE.
    „Krieg ist Frieden“ zu sperren, geht nicht. Ist eine, und ich sage es nochmal: eine Katastrophe!!!!!!!
    Hilflose Grüße,
    k.

  14. Auch wenn ich die Worte, die vorangehenden Worte, nicht zu 100 Prozent verstanden habe,
    Friedenspreis an Apple? Hab ich was verpasst? Ich will es nicht ausschließen.
    Was die Worte in ihrer Bedeutung betrifft, wie auch immer ich sie verstanden habe, sind sie eine KATASTROPHE.
    „Krieg ist Frieden“ zu sperren, geht nicht. Ist eine, und ich sage es nochmal: eine Katastrophe!!!!!!!
    Hilflose Grüße,
    k.

  15. Klare Worte:
    „US-geleitete Selbstverstümmelung der deutschen Wirtschaft … erhebliche… Deindustrialisierung“
    plus
    „Doch haben sich die politischen Repräsentanten der westlichen Länder entschieden, den demokratischen Willen und das Wohl ihrer Länder den geostrategischen Ansprüchen der USA auf eine Zerstörung Russlands unterzuordnen und dabei einen unbedingten Willen zur militärischen Konfrontation und Eskalation zu zeigen.“
    Ist Kritik daran nicht schon Verharmlosung eines Angriffskrieges? Allerdings wird die Menge der Juristen bald ohnehin nicht mehr ausreichen, und die Kohle für Verfahren gegen die eigene Intelligenz ist in 6 Monaten auch nicht mehr da. 🙂

    Kleine Kurzsichtigkeit:
    Mausfeld sieht „wenig Hoffnung, dass sich noch in diesem Jahr ein größerer bundesweit organisierter Protest, …Keim einer außerparlamentarischen linken Opposition, bilden könnte. Nach dem historischen Versagen linker Parteien in Europa fällt es …schwer, auf eine …emanzipatorische Oppositionsbewegung zu hoffen“
    In diesem Jahr wird definitiv noch gar nichts passieren, das denke ich auch. Aber die AFD hat er nicht auf dem Schirm, denn die wollen die Wirtschaft definitiv nicht Putin opfern… 🙂 (Klingt – so formuliert – komisch, ist aber Fakt: „Putin ist böse und viele frieren gerne seinetwegen.“ Wer bekommt da etwas, und wem wird etwas genommen..?)

    „Wie funktioniert Tiefenindoktranation?“ Cool und unmißverständlich erklärt.
    Ich empfehle dazu den Film „Sie leben!“ (Science Fiction-Film aus dem Jahr 1988 von John Carpenter, welcher irgendwie nicht in der „heavy rotation“ unserer Puddingpulver-Sender-Wiederholungen läuft, obwohl er immer aktuell ist.)
    Dass Besserverdiener praktisch alle systemkonform fühlen, hat Mausfeld noch nicht thematisiert. (Ist ihm wohl zu simpel 🙂 )
    Die Themen Göttlichkeit und Satanismus ignoriert er ebenfalls noch völlig. Nur der „Teufelskreis“ kommt bereits vor.
    „Der Mensch ist … weder von Natur aus gut noch von Natur aus böse. Er schafft diese Unterscheidung überhaupt erst durch seine Befähigung zur Moralität. Und er verfügt über ein einzigartiges Potential zu beidem.“
    Jeder Mensch ist ein Sohn seines Gottes, und hat auch tatsächlich einen Teil von Gottes Fähigkeiten „geerbt“.
    Aber für eine solche Diskussion fehlt besonders den Linken noch die mentale Öffnung.

    1. „Die AFD hat er nicht auf dem Schirm, denn die wollen die Wirtschaft definitiv nicht Putin opfern…“

      Die AfD sind neoliberale Arschlöcher wie alle anderen auch. Establishment macht auf Understatement und fängt, wie der rechte Multimilliardär Trump seine Wahlratten in den deutschen rust belts .

  16. „Die Folgen eines kollektiven Wahnsinns zu prognostizieren ist naturgemäß kaum möglich.“
    Daraus folgt ebenso naturgemäß u.a. die Geschwindigkeit, wie sich der kollektive Wahnsinn verbreitet, unvorhersehbar ist. Seine Fächerung, seine Intensität kommen gleichauf.
    Nicht nur im Volksmund nennt man das schlicht Mob. Mobbing ist laut Gesetz verboten. Und nun? Jetzt ist es Staatsphilosophie, wenn die Richtung stimmt. Der Faschismus in Deutschland hat sich ausserordentlich gleichauf entwickelt.

  17. OT

    90 Panzer ( Angriffswaffen ) für die Ukraine.
    Lieferant(en) noch immer keine Kriegspartei(en) ?

    „Die USA stellen der Ukraine nach Angaben des Verteidigungsministeriums weitere Militärhilfen im Wert von 400 Millionen Dollar zur Verfügung. Zu den erneuten Lieferungen gehören demnach 45 generalüberholte T-72-Kampfpanzer sowjetischer Bauart aus Tschechien. Zudem würden weitere 45 Panzer dieses Typs über die Niederlande bereitgestellt.“ ( ZON / 04.11.22)

    1. „Lieferant(en) noch immer keine Kriegspartei(en) ?“

      Nein noch immer keine Kriegspartei!

      Die Unterstützung von angegriffenen Ländern ist ausdrücklich legal.
      Das galt schon gestern, gilt heute und das gilt auch 2023. Musst also nicht nochmal nachfragen.

      1. Nun sind nach Kriegsvölkerrecht, die Waffenlieferungen des Westens legale Angriffsziele für Russland, vom Abfertigungsbahnhof bis Zielbahnhof ( Bahnlieferung beispielhaft ).

        Was ist, wenn die Russen das Recht wie die Amerikaner auslegen ?

          1. Kommt ja immer darauf an, was geliefert wird.

            Soll ja damals auf Kuba ziemlich eng geworden sein.

            Und du hältst dich tatsächlich für einen kritischen Geist, nä ?

            1. Die Kubablockade fand in internationalen Gewässern statt, nicht in Mitteleuropa. Ein kleiner aber feiner Unterschied, der selbst unkritischen Geistern auffällt.

  18. Sehr gutes Interview von Herrn Mausfeld. Seine öffentlichen Äußerungen sind es immer wert, beachtet zu werden.

    „Die Wirksamkeit moderner Formen der Indoktrination übersteigt, was der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, bei weitem die aller traditionellen Formen von Propaganda. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung zutiefst überzeugt ist, in einer Gesellschaft zu leben, die im Großen und Ganzen frei von Indoktrination ist – einer der spektakulärsten Erfolge der Propaganda überhaupt.“

    Das dies in der heutigen Zeit gelungen ist, macht es einer Gegenöffentlichkeit sehr schwer, überhaupt Gehör bzw. Zugang zu den Menschen zu finden, welche das westliche Narrativ als einzig wahr ansehen. Diesen Menschen verstärken sich durch ihr gleiches Umfeld. Ein wichtiger Punkt ist also, in was für ein Umfeld man lebt und wie dieses Umfeld kritisches Denken zu allen Themen fördert und dann auch kritische Meinungen zu läßt. Wenn man in einer Position ist, wo dieses kritische Denkweise über westliche Politik zu einem Karriereknick führen könnte, kann es passieren, dass diese Person diese progressiven Gedanken selbst mit allen Mitteln auch aus Selbstschutz unterdrückt oder nur in begrenzten Maße zu läßt.

  19. Zu „Doch können natürlich auch die politischen Eliten dem schon genannten psychologischen Effekt nicht entkommen, dass der subjektive Wahrheitsgehalt einer Behauptung mit der Anzahl der Wiederholungen steigt. Sie glauben wirklich die täglich auf allen Kanälen wiederholten ideologischen Behauptungen.(…)“:

    Diese Einschätzung halte ich für nicht ganz richtig. Man sollte seine Gegner besser nicht unterschätzen, schon gar nicht, wenn sie übermächtig sind.
    Zunächst einmal gibt es nicht „die politischen Eliten“ als Einheit, sondern da gibt es verschiedene Elitenkreise mit wirtschaftlichen Interessengegensätzen untereinander (z. B. Energiebedarf vs. Verflochtenheit mit USA usw.)
    Ihre tatsächlichen Sichtweisen teilen sie der breiten Öffentlichkeit natürlich nicht mit, sondern äußern sich öffentlich entsprechend dem jeweiligen Narrativ, dessen Verbreitung ihnen gerade wichtig ist.
    Genauso, wie Eltern, die ihren Kindern ein Narrativ über eine Zahnfee erzählen, nicht unbedingt an die Zahnfee glauben müssen.

    Wenn westliche Eliten momentan größenwahnsinnige Siegeszuversicht gegenüber Russland, China und dem Rest der Welt zur Schau tragen, kann dahinter auch stecken, dass sie ihre Felle immer schneller schwimmen sehen und – bewusst in einer Art Kamikaze – retten wollen, was für sie noch zu retten ist. Dass die westliche Welthegemonie und damit das westliche Geschäftsmodell seit Jahren angezählt ist und zunehmend mit dem Rücken zur Wand steht, weiß man in Washington und Brüssel genau. (Was z. B. Biden davon weiß, ist eine andere Frage.)

    Als Beleg möchte ich nochmals Josep Borrells Einweisung der EU-Botschafter am 10.10. nennen, die in bemerkenswertem Gegensatz zu seinen Äußerungen gegenüber der breiten Öffentlichkeit steht.
    Den EU-Botschaftern schärfte Borrell einerseits das Wording für ihre Propaganda an ihren Auslandseinsatzorten („democracy“, „identity“,…) ein, aber betonte andererseits dazu:
    „Ukraine, but not only Ukraine. I want to insist on this. (…) First, a messy multipolarity. (…) And this will coexist with a broader “democracies vs. authoritarians“, a big divide. I would not insist a lot on it because on our side, there are a lot of authoritarian regimes. We cannot say “we are the democracies”, and the ones which follow us are also democracies – that is not true. That is not true.“
    „I mention them again: Turkey, India, Brazil, South Africa, Mexico, Indonesia – are players and poles. This creates this messy multipolarity. These people – and there are a lot of people inside – are there, and not always following us.“
    „And in the middle of that, we have the Global South. These people do not want to be forced to take sides in this geopolitical competition. (…) – it is clear that they are not there following us because they blame us, rightly or not.“
    „But what would happen tomorrow if the United States, with a new President, decided not to be so friendly with the Europeans? Why not? You can imagine the situation in which our critical dependency from LNG coming from the United States could also be in crisis. Or that, tomorrow we do not have the cobalt, we do not have the rare materials that [come from] the DRC, South America, Afghanistan – they are [as] critical for us as oil and gas.“

    https://www.eeas.europa.eu/eeas/eu-ambassadors-annual-conference-2022-opening-speech-high-representative-josep-borrell_en

    1. „Diese Einschätzung halte ich für nicht ganz richtig.“

      Wo hast du Mausfeld widerlegt ?

      Warum glaubst du dies zu können ?

      Die induzierte wahnhafte Störung ( ICD 10 / F 24 ) existiert als anerkanntes Krankheitsbild. Sie kann durch einzelne Personen, oder durch das Parteiumfeld und andere Gruppenprozesse ausgelöst werden.

      1. Zu „Wo hast du Mausfeld widerlegt ? Warum glaubst du dies zu können ? Die induzierte wahnhafte Störung ( ICD 10 / F 24 ) existiert als anerkanntes Krankheitsbild. Sie kann durch einzelne Personen, oder durch das Parteiumfeld und andere Gruppenprozesse ausgelöst werden.“:

        Was ich glaube ist, dass das Demokratieverständnis z. B. eines Professors Mausfelds impliziert, dass auch ich graue Maus meine Meinung zu einer seiner Thesen sagen darf.
        Wenn dies im Overton-Forum als „wahnhafte Störung“ ferndiagnostiziert wird, dann ……..

        Meine Güte, es ist wirklich traurig, wozu sich das Overton-Forum entwickelt hat.

        1. Hast du meine Frage nicht verstanden ?

          Wenn du Mausfeld unterstellst, Mist zu erzählen, solltest du ihn widerlegen können.

          Selbstmitleid und falsche Unterstellungen mir gegenüber sind dabei nicht hilfreich.

  20. Wenn Reiner Mausfeld einen gelehrnte Psychologe ist, sollte er fähig sein, sich selbts Diagnose zu stellen.

    Weil die Stellungsnahme „Ich allein weiß die wahre Wahrheit und alle andere (Mehrheit) sind wahnsinnig “ ist keine Seltenheit genau für Psychologie-Patienten.

  21. „Die Folgen eines kollektiven Wahnsinns zu prognostizieren ist naturgemäß kaum möglich.“

    Aber was der Sprecher vom PCK Schwedt Ralf Schairer hier durch die Blume als mögliches Schreckensszenario ankündigt, dass ab nächstes Jahr bei 50% Auslastung im Osten die Belieferung von Tankstellen knapp werden könnte, war schon prognostizierbar. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen das auch für die Regionen im Osten haben kann, muss man bestimmt diesen Lesern hier auch nicht in jedem Detail erläutern.

    „Mit Beginn des Embargos gegen russisches Öl ab Januar 2023 bleibt für die PCK-Ölraffinerie in Schwedt ein „Restrisiko“ für den Betrieb. Dies erklärte der Sprecher der PCK-Geschäftsführung, Ralf Schairer, am Donnerstag. Wenn ab dem 1. Januar kein Öl mehr durch die Druschba-Pipeline fließe, lasse sich über die Pipeline von Rostock eine Kapazität von 50 Prozent für die Raffinerie erreichen. Die Raffinerie bereits sich zudem darauf vor, alternatives Rohöl zu verarbeiten. Sollte kein weiteres Öl kommen, sei dies der „wort case“.

    Seit geraumer Zeit stellt dich die Frage nach der Zukunft der Raffinerie, da bei dieser durch das Embargo gegen russisches Öl eine zu geringe Auslastung erwartet wird. Neben Tankeröl aus dem Hafen Rostock will die Bundesregierung Mengen über den polnischen Hafen Danzig beziehen. Aus Kreisen des Wirtschaftsministeriums heißt es, dass es um zwei bis drei Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr gehen soll. Schairer erklärte:

    „Wir optimieren so weit es geht. Es wird ein Restrisiko bleiben. Diese stabile und robuste Versorgung über die Druschba, die wir viele Jahrzehnten gewohnt waren, die ist weg.“

    Der Betrieb der Raffinerie sei daher verwundbar:

    „Ich gehe schon davon aus, dass es mal rumpelt und wir mal eine Betriebsunterbrechung haben, das will ich nicht ausschließen.“

    Er rechne aber nicht damit, dass dann großflächig Tankstellen nicht beliefert werden könnten. In rund zwei Monaten will die Bundesregierung auf russisches Öl verzichten. Die Zukunft der PCK-Raffinerie mit ihren 1.200 Beschäftigten ist daher ungewiss, da die Anlage bislang vor allem über die Druschba-Pipeline mit russischem Öl beliefert wird. Bund und Land wollen eine Neuausrichtung am Standort Schwedt voranbringen.

    Zu diesem Zweck tagte am Donnerstag ebenfalls eine Taskforce des Landes Brandenburg in Potsdam. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der die Taskforce einberief, nachdem die Bundesregierung Mitte September ein Zukunftskonzept zur Sicherung des Raffinerie-Standorts vorgestellt hatte, drängte auf den schnellen Umbau am Raffinerie-Standort Schwedt. Konkret gehe es darum, darum, andere Lieferwege für Öl zu erschließen und die Transformation hin zu alternativen Energien wie Wasserstoff. Der Druck auf die Taskforce dürfte weiterhin hoch bleiben: Erst am Samstag hatten rund 500 Handwerker, Unternehmer und auch CDU-Politiker wie Landrätin Karina Dörk gefordert, die antirussichen Sanktionen zu überdenken und sich für ein Ende des Ölembargos stark gemacht.“

    Wir im Osten Deutschlands werden es nächstes Jahr erleben, dass es die Politik mal wie gewohnt verkackt! Aber was will man von einem Kinderbuchautor, der die Faszination eines Blackouts in einem seiner Kinderbücher beschrieben hat (1), auch erwarten?

    (1) https://christlichesforum.info/habecks-kinderbuch-und-die-energiekrise/

  22. Gabriele Krone-Schmalz erläutert im ausführlichen „artour“-Interview bereits am 13.03.2015, was in der öffentlichen Debatte über Russland und in der Russlandpolitik schiefläuft. Bereits damals wurde sie als „Putinversteherin“ diffamiert. Sie wagte damals schon klar anzusprechen, dass die Krim ein Selektion war und eine Bezeichnung der Annektion durch den Westen nicht korrekt ist. Sie fordert bereits damals Russland mit in die europäische Sicherheitsstruktur einzubeziehen.

    Im aktuellen Video der Woche „Wagenknechts Wochenschau“ (2) spricht Sarah Wagenknecht über das Problem der Wahrheitsfindung in Zeiten der Kriegspropaganda, über die zunehmende Verengung des noch „zulässigen“ Meinungskorridors und wie auch und gerade von vermeintlichen „Linksliberalen“ ein gefährlicher Konformitätsdruck erzeugt wird, der unvereinbar ist mit der im Grundgesetz verbrieften Meinungsfreiheit, was zu einer Cancel Culture und die Aushöhlung unserer Grundrechte wie mögliche Berufsverbote führen kann. Das dabei auch in unserer Gesellschaft, wo sonst Minderheitenrechte und Frauenschutz großgeschrieben wird, auf diese ganz schnell verzichtet, wenn man die falsche Meinung öffentlich vertritt, zeigen die öffentlichen Diffamierungen gegen Alice Schwarzer, Ulrike Guérot und Gabriele Krone-Schmalz. Steht man aber auf der „guten Seite“ beklatscht dieses Woke Publikum aus politischen und öffentliche Elithen, die sich doch sonst so sprachsensibel geben, ganz hässlichen Rassismus, Russophobie und Aufruf zu Vernichtung, wie geschehen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den ukrainischen Ultranationalisten Serhij Zhadan. Dabei werden diese wohlwollend begleitet von der Presse.

    (1) https://www.youtube.com/watch?v=yzLiwWVZCOk
    (2) https://www.youtube.com/watch?v=Lwflj8_vmgI

    Diese beiden Videoempfehlungen von mir sind eine feministische Ergänzung in Zeiten einer feministischen Außenpolitik. Dieses sprachliche Framing kritisiert und karrikiert im Interview Rainer Mausfeld großartig. Wenn Herr Mausfeld beschreibt, wie unsere politischen Elithen und Journalisten im Mainstream sich als Kolporteure beweisen und ihrem Wahlvolk „Kriegsbegeisterung ist Friedensbegeisterung!“ als neue Wahrheit versuchen zu erklären, ist dies eine wichtige Lektion an die Bevölkerung, diese neuen Narrative als das zu erkennen und zu benennen, was sie sind: schlimmste Propaganda und Indoktrination. Diese poentierte beschreibung schafft Herr Mausfeld an einigen Stellen, wie hier “ …für offenkundig vernunftwidrige Behauptungen. Man kann Menschen an sie gewöhnen, wenn man es schafft, das gesamte Fundament und die Grundpfeiler ihres Denkens in geeigneter Weise auf den Kopf zu stellen.“ oder etwas später „Wenn erst Elitenherrschaft erfolgreich als Demokratie umdefiniert wird, …“, was das Lesens dieses Interview zu einem Spaßerlebnis werden läßt, trotz des sehr bedenklichen Hintergrundes.

    Danke an overton-magazin für die Veröffentlichung des Gespräches mit Herrn Mausfeld!

  23. Gegendarstellung @Mengel
    Manchmal ist es nützlich, eine Stimme unter unseren „amerikanischen Freunden“ zur Kenntnis zu nehmen.
    Jeffrey D. Sachs in
    „Wir brauchen einen Wechsel in der US-Außenpolitik“
    https://www.heise.de/tp/features/Wir-brauchen-einen-Wechsel-in-der-US-Aussenpolitik-7329300.html
    argumentiert „als Amerikaner“, „für die USA“, also aus einem nationalistischen Blickwinkel.
    Schaut man aber genauer hin, kann man bemerken, daß dieser gewollte Anschein ein wenig trügt. Argumentativ bezieht Sachs einen Standort, den sich nur ein amerikanischer Nationalist höchsten Ranges gewissermaßen „leisten“ kann, den eines („echten“) Kosmopolitien. Ich paraphrasiere diesen Standort mal mit meinen Worten:

    „Wir Amerikaner sind zwar nicht (mehr) der ‚Nabel der Welt‘, der Krieg Russlands beweist das, ABER wenn „wir“ die richtigen Entscheidungen getroffen hätten, und ab jetzt wieder träfen, dann könnten wir es immerhin ideell wieder sein (werden), und das wäre gut für alle.“

    Dieser Standort erlaubt Sachs eine glasklare Diagnose des russischen Krieges, die keinerlei moralischer Schmutzwäsche und Epizyklen bedarf:
    „Sie, die Russen, haben „uns“ gesagt, eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, ob formell oder auch informell, werden wir nicht dulden, werden wir unterbinden. „Wir“ haben gesagt, wir dulden nicht, daß ihr die Ukraine von der NATO ausschließen wollt, haben die russische Drohung ernst genommen, aber die Ukraine weiter bewaffnet und ihre Streitkräfte in die NATO integriert. Dann sind sie einmarschiert.“

    Zu diesem Standpunkt, der üblicherweise als ein Bekenntnis zu „Wir haben den russischen Krieg provoziert“ beurteilt werden wird, hat man als unbefangener Beobachter zu sagen, daß er Bullshit ist. Was Sachs buchstäblich sagt, stimmt, aber was er mit dem, was er sagt und wie er es sagt, unterstellen will, stimmt *nicht*.

    1) Sachs Diagnose ist gemäß militärischer Maßstäbe Bullshit. Der russische Krieg rückt Russland im Erfolgsfalle unter hohen Verlusten weiter an die NATO-Standorte heran, und so bestünde der „Erfolg“ in einem zusätzlichen Schaden, nämlich in der Verlängerung der NATO-Grenze Russlands, der Erweiterung des künftigen russischen „Schutzraumes“ gegen sie, und der Tausch eines nationalen Feindes an der russischen Grenze, der von zweifelhaftem Wert für die NATO ist, nämlich der Herrschaft von NATO-gestützten, faschistischen Putschisten in der Ukraine, gegen die politisch und ideologisch wesentlich gefestigteren NATO-Herrschaften über Polen und Rumänien. Putin bekennt denn auch rauf und runter, daß er einen politischen Krieg führt, daß, mit anderen Worten, die militärische Zweckbestimmung des Ukrainekrieges ungenügend ist, wenn sie nicht in politische Zwecksetzungen integriert wird, die weit über das strittige ukrainische Territorium hinaus greifen. Einen derartigen Beschluß zum Krieg kann kein Herr der Welt „provozieren“, in dem Sinne, wie das Wort politisch verstanden werden soll, er kann einen Gegner höchstens zu seltsamen Beschlüssen dieser Art reizen. Und das ist exakt, was getan wurde, womit ich beim Bullshit No2 bin:

    2) „Provozieren“, „reizen“, whatever, die USA haben das sowieso nicht tun können. Sowohl für’s provozieren – das, ich wiederhole, nicht statt hatte, aber die Russen können das natürlich anders sehen und sich auf ihre Sicht berufen – wie für’s Reizen brauchte es erstens die NATO. Damit meine ich jetzt die NATO-Bürokratie, die nicht „amerikanisch“ ist, inklusive der Generalität, die man für „amerikanisch dominiert“ halten mag, aber halt nicht amerikanisch ist. Der militärische Oberbefehlshaber ist derzeit ein Niederländischer Admiral.
    Es brauchte zweitens die politische Führung der NATO, den NATO-Rat, in Friedenszeiten bestehend aus den Außenministern der NATO-Mitgliedsstaaten, die im NATO-Rat üblicherweise um Einfluß ihrer jeweiligen Regierungen und Länder auf kollektive NATO-Beschlüsse ringen. Die traditionellen Partnerschaften des US-Personals mit dem UK, Polen, Dänemark und den baltischen Staaten ist hier von Gewicht, reicht aber nicht aus.
    Es brauchte in zugespitzten Lagen, wie Sachs eine diagnostiziert, drittens die Regierungen der NATO-Mitglieder, namentlich die deutsche und die französische Regierung, die 2009 schon einmal einen Präzedenzfall schufen, indem sie einen von den o.a. üblichen Verdächtigen geforderten präemtiven Beschluß zur Aufnahme der Ukraine in die NATO mit einem Veto unterbunden haben.

    Womit ich jetzt von den Voraussetzungen meiner Argumentation zu dem hier vorliegenden Thema hier endlich zum Thema selbst komme.
    Die außen- und militärpolitische Nomenklatura der USA und des UK haben gewiß getan, was in ihrer Macht stand, den Kreml zum Angriff zu reizen, und das Weiße Haus hat, aus welchen Gründen oder Motiven immer (Trump oder Obama hätten höchst wahrscheinlich ihre Macht dagegen gesetzt), auf diese Zuspitzung gewettet, aber vom russischen Standpunkt aus betrachtet, mußte das Zünglein an der Waage das Verhalten der Regierungen Deutschlands und Frankreichs sein. Hätten beide sich klar gegen die Nato positioniert, wie sie das 2009 schon einmal getan haben, dann hätte die Entscheidung zum Angriff zumindest in der vorliegenden Form in keiner Weise „Sinn“ gemacht. Allenfalls wäre die mächtige Luftoperation, die den Angriff eingeleitet hat, auf die um die „Volksrepubliken“ massierten Angriffskräfte der NATO zu konzentrieren gewesen – höchstens ergänzt um den Vormarsch der russischen Bereitschaftstruppe auf das strittige Territorium, statt darüber hinaus, wenn man den R2P-Titel unbedingt bemühen wollte (bzw. wenn ihr ihn bemühen wollt).

    Folglich: Nach den in nationalen Eliten des Globus geltend gemachten, überwiegend in ihnen auch durchgesetzten, und von den Bevölkerungen geteilten moralischen, „rechtlichen“ und politischen Maßstäben, gibt es im „Westen“ genau einen „Schuldigen“, „Verantwortlichen“ am Russischen Ukrainekrieg, und das ist die deutsche Regierung. Man kann darüber streiten, ob die deutsche Regierung sich ohne die franzöische Regierung der Wette des WH und der NATO-Bürokratie hätte entgegenstellen können, ohne darüber zu fallen, aber umgekehrt konnte sich die französische Regierung nicht gegen die Wette stellen, ohne die deutsche Regierung, denn im Zweifel hätte man sie vor die Wahl gestellt: Entweder ihr macht mit, oder ihr geht raus. So hätte sie auch noch die Illusion aufgeben müssen, auf die Geschehnisse einwirken zu können.
    (warum das so ist? Ganz einfach: Die Nuklearstreitkräfte Frankreichs sind nicht in die NATO integriert, Frankreich ist deshalb nur de jure ein Vollmitglied, de facto ist es „Halbmitglied“)

    Es ist sehr wurscht, wie das in den Kreisen der Elite gedacht wird, ob deutsche „Schuld“, oder „Mitschuld“, „Mitverantwortung“; wurscht, ob man die deutsche Entscheidung rechtfertigt, ob man sie rühmt, oder von ihr zu Lasten der USA und des UK freizusprechen sucht, die entscheidende Rolle der deutschen Regierung ist ein FAKT, hinter den keine Ideologie vollständig zurück treten kann.

    Wenn das aber so ist, dann hat man anzuerkennen, daß der Kriegspropaganda namentlich in Deutschland, aber auch allen anderen NATO-Staaten, die Aufgabe zukommt – wie bewußt oder unwillkürlich sie von den Propagandisten auch angenommen und zur Zielstellung gemacht wird – in den Eliten der NATO-Staaten den Standpunkt aufrecht zu halten und zu befestigen, daß die NATO und die Mitgliedschaft in ihr SAKROSANKT ist.
    HEILIG.

    Und eben das ist, was geschieht. Niemand außerhalb eines „Pöbels der Abgehängten“, stellt die NATO-Mitgliedschaft in Frage, weil das offenkundig schlicht verboten ist. Alle weichen auf mehr oder minder ideelle Debatten und Maßstäbe aus, die gleichsam „darunter“ oder „darüber“ angesiedelt sind, voran Mausfeld auf seinem speziellen Feld. Niemand gibt die Parole aus, „RAUS AUS DER NATO“ – auch Wagenknecht nicht, oder irre ich mich da?
    Selbst wenn, wäre das die Ausnahme, die die Regel und damit die Analyse bestätigt.

    1. „Raus aus der NATO“
      Sahra Wagenknecht im Gespräch mit sputniknews.de am 05.07.2016

      „Deutschland raus aus der NATO“ – das fordert die LINKE und will am Donnerstag einen entsprechenden Antrag in den Bundestag einbringen –vor dem kommenden NATO-Gipfel in Warschau ein Vorstoß mit Signalwirkung. „Es gibt eine Reihe von Menschen, die sich Sorgen machen“, sagt LINKE-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und fordert ein massives Umdenken.

      Ich wüßte nicht, dass Frau Wagenknecht und ihr Flügel von dieser Forderung „Raus aus der NATO!“ Abstand genommen hat.

        1. Obwohl nicht alle Teile der PdL heute wirklich noch diesen Slogan „Raus aus der NATO!“ vertreten, zeigt doch auch dieses Fraktionspapier, dass diese verklausulierte Meinung noch Parteilinie ist („und die NATO ersetzen kann.“). Leider ist die PdL bereit, mit ihrer Anbiederung an andere Parteien um an der Regierung mit beteidigt zu werden, wichtige Grundsätze über Bord zu werfen.

  24. Ergänzung:
    Habe gerade gesehen, daß Harald Neuber den oben dargestellten Zusammenhang wenigstens an einem isolierten Beispiel bemerkt hat, nämlich der CeMAS- Umfrage, an der Florian Rötzer hier bei Overton gewissermaßen scheiterte, indem er sie gewissenswürmerisch als Frage von „Recht“ oder „Unrecht“ behandelt hat. Zitat Neuber:

    „Die Nato hat Russland so lange provoziert, dass Russland in den Krieg ziehen musste“, heißt es da gleich zu Beginn – und was soll man mit so einer Frage anfangen? Nein, natürlich hatte „Russland“, gemeint ist die Regierung Putin, eine andere Wahl. Also mit Nein antworten und der Nato en passant die Absolution erteilen? Also „Weiß nicht“ antworten! Doch halt, wie werden die Autoren das bewerten? Dazu gleich der zweite Satz der Studie.

    Im Vergleich zu den Umfrageergebnissen (…) aus April 2022 stiegen sowohl alle Zustimmungswerte als auch alle Werte der teils-teils-Antworten im Hinblick auf die Haltung zu pro-russischen Verschwörungserzählungen in der deutschen Bevölkerung signifikant an.
    Aus der Studie, Schreibweise wie im Original

    Eine der drei möglichen Antworten ist also natofreundlich und parteiergreifend. Mit den anderen beiden landet man in der Putin-Ecke – und wer will da schon hin? (Zitat Ende)

    Neuber ringt sich freilich nicht durch, zu bemerken, daß dies das Prinzip der NATO-Propaganda kennzeichnet, besonders auch derjenigen Abteilungen, welche die Figur „Putin“ ins Zentrum der Hetze stellen. Just for the record.

  25. @Fredi @oskarwagenrecht u.v.a.

    Im obigen Interview sagt Rainer Mausfeld: „Den historischen Kulminationspunkt emanzipatorischer Bewegungen bildet die zivilisatorische Leitidee der Demokratie.“
    Dieser hält er die faktische Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Postdemokratie mit „extrem homogenisiertem Meinungsspektrum“ entgegen.

    Umso schlimmer finde ich, dass ihr hier im Leserforum spiegelbildlich das Gleiche wie der Mainstream tut, indem ihr Meinungsäußerungen, die euch nicht passen, mit Unterstellungen ad personam diffamiert.
    Es als „wahnhafte Störung“ zu bezeichnen, dass ich es gewagt habe, zu einem einzigen Punkt in Herrn Mausfelds umfangreichen Erörterungen eine andere Meinung zu äußern – das hat was…..

    Einem Rainer Mausfeld bei allen seinen politischen Einschätzungen generelle Unfehlbarkeit zuzuschreiben und dem einzelnen Menschen das Recht abzusprechen, dazu eine eigene Meinung zu entwickeln und zu äußern, zeugt von einem Autoritätsdenken, das sicherlich nicht in Mausfelds Sinne ist.
    Da es schnell zu Sektenbildung führen kann, möchte ich nochmals davor warnen.

    PS:
    Zur Behauptung, ich hätte Mausfeld „unterstellt, Mist zu erzählen“:
    Ich habe vor Rainer Mausfeld seit seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer“ sehr große Hochachtung. Wenn ich glauben würde, er erzähle Mist, hätte ich meiner Tochter damals nicht empfohlen, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse für ihre BA-Arbeit zu nutzen, was sie auch tat.
    Und obwohl ich selbst viel, viel weniger Bildung genossen habe als die meisten hier (die Unterstellungen von oskarwagenrecht zu meiner „Sozialisierung“ sind völlig unzutreffend), werde ich mir weiterhin meine eigene Meinung bilden, anstatt mir das Denken verbieten zu lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert