
Der Bologna-Prozess sollte Europas Hochschulen zusammenführen. Ein Vierteljahrhundert später zieht der Theologe und frühere Hochschulrektor Wolfgang Klausnitzer eine ernüchternde Bilanz: Die Universität habe ihr eigentliches Wesen aus den Augen verloren.
Prof. Wolfgang Klausnitzer betont, dass er kein Erziehungswissenschaftler oder Hochschulpolitiker sei. Doch als Theologe, Vertrauensdozent, Dekan und Hochschulrektor hat er die Folgen des Bologna-Prozesses jedoch über viele Jahre praktisch erlebt. Im Gespräch erklärt er, warum die Reform aus seiner Sicht gescheitert ist – und was die Universität dabei verloren hat.
De Lapuente: Herr Professor Klausnitzer, Sie sind der Ansicht, der Bologna-Prozess sei »dramatisch gescheitert«. Woran machen Sie dieses Scheitern in erster Linie fest?
Klausnitzer: Als Ziele des Bologna-Prozesses wurden uns am Anfang ein unproblematischer Wechsel des Studienortes und die unkomplizierte gegenseitige Anrechnung der Studienleistungen der europäischen Universitäten genannt. Im Hintergrund stand vielleicht die ursprünglich schon im Mittelalter existierende Wirklichkeit eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes. Thomas von Aquin (1224/25 – 1274) zum Beispiel studierte in Neapel und Köln und dozierte in Paris und Neapel. Keines dieser Ziele ist erreicht worden.
De Lapuente: Die ursprüngliche Idee halten Sie durchaus für vernünftig: Studenten sollten leichter zwischen europäischen Hochschulen wechseln können. Heute sagen Sie, ein Hochschulwechsel sei teilweise sogar schwieriger geworden. Wie erklären Sie sich, dass die Reform das Gegenteil von dem geschaffen hat, das sie eigentlich erleichtern wollte?
Klausnitzer: Es ist offensichtlich nicht gelungen, die Universitäten und Hochschulen Europas zu einem gemeinsamen Vorgehen etwa in der Ausgestaltung und Organisation der sogenannten Studienmodule zu motivieren. Weil vielfach die Vergleichbarkeit kaum besteht, ist die Anrechnung schwieriger geworden.
»Schmalspurlernen ist fast zur Regel geworden«
De Lapuente: Sie kritisieren besonders die Modulprüfungen. Studenten würden teilweise ganze Fachbereiche nur noch „schmalspurig“ lernen. Hat der Bologna-Prozess aus Ihrer Sicht das intellektuelle Niveau gesenkt?
Klausnitzer: Auch früher schon wurden beispielsweise in den Geisteswissenschaften und konkret in der Theologie zuweilen von den Professoren ganze Traktate eher so nebenbei angeboten. Durch die Modulprüfungen, in denen ein Professor (oder ggfs. nur zwei Kollegen) fachfremd Stoffgebiete abprüfen für die er eigentlich keine Expertise besitzt, ist ein »Schmalspurlernen« (man lernt gründlich nur das Fachgebiet des Prüfers) fast zur Regel geworden.
De Lapuente: Besonders grundsätzlich wird Ihre Kritik, wenn Sie sagen, man habe das »Wesen einer Universität aus dem Blick verloren«. Vermutlich wissen viele heute gar nicht sicher, was dieses Wesen ausmacht. Wie würden Sie es erklären?
Klausnitzer: Als katholischer Theologe bin ich natürlich beeinflusst von dem Buch des englischen Theologen John Henry Newman »The Idea of a University« (3. Auflage 1873). Für ihn vermittelt die Universität vorrangig nicht eine Berufsausbildung, sondern eröffnet dem Studenten durch die Vielzahl wissenschaftlicher Angebote und das Gespräch und Zusammenleben von Professoren und Studenten im gemeinsamen »Kosmos der Wissenschaften« eine Allgemeinbildung und eine Weite des Denkens (»habit of mind«), etwa durch den Besuch von Vorlesungen anderer Disziplinen über das eigene Fach hinaus. Diese ganzheitliche Erziehung in den Künsten und Wissenschaften war auch das universitäre Bildungsideal von Wilhelm von Humboldt.
De Lapuente: Ein Studium soll heute möglichst schnell und zuverlässig für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Ist diese Ökonomisierung ein Grund für die Wesensentkernung der Hochschulen?
Klausnitzer: Die Bachelor-Studiengänge (nach ca. sechs Semestern) sollen, heißt es, für einen Beruf qualifizieren. Ich halte das für sehr schwierig und sehr sportlich.
»Kritisches Nachfragen im Sinne früherer Studentengenerationen kommt seltener vor«
De Lapuente: Früher konnten Professoren Spezialvorlesungen anbieten und Studenten Veranstaltungen anderer Fakultäten besuchen. Dafür fehle heute häufig schlicht die Zeit. Was geht einer Gesellschaft verloren, wenn Universität immer stärker auf Effizienz und Verwertbarkeit ausgerichtet wird?
Klausnitzer: Eine Universität soll keine Schule sein. Zur Universität und ihrer akademischen Freiheit passen wenig die Kontrolle von Anwesenheiten und eng getaktete Lehrveranstaltungen ausschließlich für bestimmte Studiengänge. Es fehlen auch persönliche Begegnungen, wenn zunehmend Online-Veranstaltungen, unter Umständen sogar berufsbegleitend angeboten werden.
De Lapuente: Hat der Prozess die Studenten ein Stück weit weniger selbstständig gemacht, sie quasi zum Abarbeiten vorgegebener Leistungen verpflichtet, wo sie vorher freier studieren konnten?
Klausnitzer: Ob der Bologna-Prozess dafür verantwortlich ist, kann ich nicht beurteilen. Kritisches Nachfragen im Sinne früherer Studentengenerationen scheint mir eher seltener vorzukommen.
De Lapuente: Bologna läuft inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Sie sagen, Ihnen sei in Ihrem gesamten Universitätsleben kein Professor begegnet, der die Reform für eine Erfolgsgeschichte halte. Warum gibt es denn so wenig Widerstand gegen diese Form der Hochschulbildung?
Klausnitzer: Vielleicht ist es schlicht Gewöhnung.
De Lapuente: Sie glauben dennoch nicht, dass man einfach zum alten System zurückkehren kann. Warum?
Klausnitzer: Inzwischen sind viel zu viel Zeit, Organisationsmühen und Geld in den Bologna-Prozess investiert worden. Vielleicht ist der Traum von der »alten« (und auch mittelalterlichen) Universität tatsächlich obsolet. Aber die Gedanken sind ja frei.
Wolfgang Klausnitzer ist katholischer Priester und Theologe. Er lehrte unter anderem an den Universitäten Bamberg und Würzburg und ist seit 1987 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz tätig. Dort leitete er das Institut für Dogmatik und Fundamentaltheologie, war Forschungsdekan und ist seit 2023 Rektor der Hochschule. Klausnitzer wurde 1986 an der Universität Innsbruck habilitiert.
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Und wieder ist schon der erste Satz falsch. Aber er beleuchtet das eigentliche Dilemma des westlichen Bildungsbürgertums. Dieses hat nämlich nicht mitbekommen, dass sich der Wind gedreht hat und die Herrschenden kein Interesse mehr an einem gebildeten Volk haben. Sie haben sogar panische Angst davor. Also schafft man ein politisches Projekt, wie schon so viele andere, welches scheinbar ein positives Ziel verfolgt, aber in der Realität genau das Gegenteil bewirkt. Die Liste dieser Projekt ist lang. Es beginnt mit den ständigen Bildungsreformen seit 1990, gefolgt vom Bologna Prozess und geht über die Energiewende 2001 weiter. Auch S21 und die Elbphilharmonie gehören hier rein.
Man kann den Bologna-Prozess doch nur verstehen, wenn man die Finanzierung der Hochschulen anschaut und daraus folgend die Präkarisierung der Angestellten und Studenten.
Der Bachelor war dann noch die Idee, dass man ja auch bei der Menge des Stoffes kürzen könnte – wieder mit dem Gedanken die Finanzierung zu kürzen.
Im Zuge dessen hat man dann die Privatisierung von Forschung (die berühmten Drittmittel).
Die Mitarbeiter der Hochschulen können sich oft Familie gar nicht leisten. Verträge werden nur befristet ausgestellt, Lohn ist sowieso scheiße. Und das sind dann Doktoren, die so leben müssen – kein Witz.
Das Märchen, dass das gut für die Studenten sei (die viel schneller rausgeprüft werden), ist dann doch nur die PR auf einer gigantischen Sparmaßnahme. So macht Politik das eben, siehe Renten, Gesundheitssystem usw.
Es ist ja seltsam mit der Frage zu beginnen, ob das stimmt, was Staatsvertreter so sagen, wenn man empirisch belegen kann, dass das nie stimmt. Es sollte einen eher überraschen, wenn Berufslügner ihr Handwerk verpfuschen. Dafür haben die auch schon eine Bezeichnung, „Vermittlungsproblem“