
Was verändert sich mit dem Alter – und was bleibt? Der ehemalige Berufssoldat Jürgen Hübschen spricht über Gelassenheit und schwindende Zuversicht, Kriegstüchtigkeit und Diplomatie sowie über eine Politik, die seiner Ansicht nach vergessen hat, was Krieg für Menschen bedeutet.
Jürgen Hübschen blickt auf acht Jahrzehnte zurück – und tut das mit einer Mischung aus Gelassenheit, Humor und wachsender Sorge. Der frühere Berufssoldat hat dabei einen besonderen Blick auf eine Gegenwart, in der vieles zurückzukehren scheint, was längst überwunden schien. Ein Gespräch über Erfahrungen, die man erst im Laufe eines langen Lebens sammelt – und über Erkenntnisse, die eine Gesellschaft offenbar auch wieder verlieren kann.
De Lapuente: Herr Hübschen, Sie sind 1945 geboren, also in dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg endete. Heute erleben Sie – wir alle – wieder eine Zeit, in der ganz selbstverständlich über Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung und militärische Stärke gesprochen wird. Was geht einem 80-Jährigen dabei durch den Kopf?
Hübschen: Zunächst einmal stelle ich fest, dass es für die Forderung nach einsatzbereiten Streitkräften keiner konkreten Bedrohung durch irgendein Land bedarf. Verteidigungsfähigkeit ist nicht auf einen konkreten Gegner auszurichten, sondern eine grundsätzliche Fähigkeit, die Bevölkerung zu schützen und die Existenz des Staates sicherzustellen. Deshalb wäre dieser ganze Aktivismus völlig überflüssig, wenn man im Zusammenhang mit dem Krieg in Afghanistan die Landesverteidigung nicht als im Grundgesetz verankerte Aufgabe der Streitkräfte zu Gunsten einer »Armee im Einsatz« vernachlässigt hätte. Hinzu kommt die politische Fehlentscheidung, die Wehrpflicht auszusetzen. Diese Faselei über Kriegstüchtigkeit ist für mich unerträglich. Wenn man verteidigungsfähig wäre, wie es das Grundgesetz fordert, wäre man automatisch auch »kriegstüchtig«. Wir brauchen übrigens nicht nur Verteidigungsfähigkeit, sondern auch Verteidigungswillen und ob der in unserer Gesellschaft verankert ist, wage ich zu bezweifeln, weil damit gegebenenfalls auch persönliche Einschränkungen bzw. Pflichten verbunden sein könnten.
De Lapuente: Wie prägend war die Nachkriegserfahrung für Ihr weiteres Leben?
Hübschen: Die wichtigste Erkenntnis war, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein – und dass Frieden in Freiheit das höchste Gut für uns Menschen ist.
»Eigentlich wollen alle Menschen nur ein kleines persönliches Glück«

De Lapuente: Sie waren Soldat und haben viele Länder gesehen. Hat Sie diese Erfahrung im Laufe Ihres Lebens skeptischer gegenüber militärischen Lösungen gemacht?
Hübschen: Ich habe ein Jahr in den USA, drei Jahre im Irak und fünf Jahre in Lettland gelebt und gearbeitet. Meine Frau war immer dabei und auch unsere vier Kinder viele Jahre davon. Dabei lernt man, dass überall Menschen leben, von denen die meisten nett, aber auch einige Idioten sind. Das hängt weder vom Alter, noch vom Geschlecht, auch nicht von der Hautfarbe oder vom Glauben ab. Eigentlich wollen alle Menschen nur ein kleines persönliches Glück. Um dieses zu erhalten, kann der Einsatz militärischer Mittel im Rahmen einer gesamtpolitischen Strategie erforderlich sein, nachdem alle diplomatischen Versuche fehlgeschlagen sind. Es gilt der Grundsatz: Wer Krieg führt, muss wissen, wie der Frieden danach aussehen soll. Militärische Lösung für sich genommen, gibt es nicht.
De Lapuente: Wenn Sie den jungen Soldaten Jürgen Hübschen von damals mit dem 80-jährigen Jürgen Hübschen von heute vergleichen: Worüber würden sich die beiden beim Thema Sicherheit und Frieden streiten?
Hübschen: Meine Einstellung zu Frieden und Sicherheit hat sich nicht geändert, und deswegen gibt es da nichts, worüber wir streiten könnten. Es gäbe allerdings einen Aspekt, den ich als junger Soldat 1965 nicht kennen und erst nach etwa 25 Jahren, also 1990/91 erleben konnte. Die Sowjetunion war zusammengebrochen, und auch der Warschauer Pakt existierte nicht mehr. Dadurch war die NATO, die für mich als Soldaten 25 Jahre der Garant unserer Sicherheit und unseres Friedens war, eigentlich ohne Auftrag, um es einmal salopp zu formulieren. Deshalb hatte Gorbatschow Recht mit seinem Vorschlag, an Stelle des Warschauer Paktes und der NATO eine neue europäische Sicherheitsordnung zu schaffen, zu der auch Russland und andere osteuropäische Staaten gehören sollten. Nukleus dieser neuen gesamteuropäischen Sicherheitsstruktur hätte die NATO sein können. Leider wurde dieser Vorschlag, nicht zuletzt wegen Bedenken der USA, nicht aufgegriffen. Das ist – aus meiner Sicht – der wesentlichste Grund für die aktuelle instabile Sicherheitslage in Europa. Die strittige NATO-Osterweiterung hätte es nicht gegeben, zu der Helmut Schmidt, der ehemalige deutsche Bundeskanzler, im August 1993 gesagt hatte: »Wenn ich ein sowjetischer Marschall wäre oder ein Oberst, würde ich die Ausdehnung der NATO-Grenzen, erst von der Elbe bis an die Oder und dann über die Weichsel hinaus bis an die polnische Ostgrenze, für eine Provokation und eine Bedrohung des Heiligen Russlands halten, Und dagegen würde ich mich wehren. Und wenn ich mich heute nicht wehren kann, werde ich mir vornehmen, diese morgen zu Fall zu bringen.«
De Lapuente: Ihre Generation hat Kalten Krieg, Kuba-Krise, Mauerbau, Entspannungspolitik, Wiedervereinigung und schließlich eine lange Phase erlebt, in der ein großer Krieg in Europa kaum noch vorstellbar schien. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Erfahrungen, die einmal mühsam gewonnen wurden, gerade wieder verloren gehen?
Hübschen: Das ist für mich nicht nur ein Gefühl, sondern ich bin davon überzeugt. Wir haben in Deutschland gegenüber dem Militär einen Primat der Politik – und das ist gut und richtig. Das Problem ist allerdings, dass unsere Politiker nicht mehr fähig sind, diesen Primat sachgerecht auszuüben. Dafür gibt es für mich zwei wesentliche Gründe: Sie wissen nicht, was für eine Sch… Krieg ist und haben keine Ahnung, was es für Menschen bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Deshalb könnte ich heute auch keinem jungen Menschen empfehlen, als Zeit- oder Berufssoldat in der Bundeswehr zu dienen. Etwas Anderes wäre es, im Rahmen eines leider noch nicht vorhandenen Pflichtjahres als eine mögliche Alternative für zwölf Monate in der Bundeswehr für unser Land zu dienen
De Lapuente: Sie schreiben durchaus humorvoll über die körperlichen Zumutungen des Alters. Gleichzeitig machen Sie sich erkennbar Gedanken darüber, welche Welt Ihre Generation hinterlässt. Bereitet Ihnen die eigene Zukunft mit 80 eigentlich weniger Sorgen als die Zukunft Ihrer Kinder und Enkel?
Hübschen: Na klar, ist ja kein Wunder, wenn die eigene Vergangenheit deutlich länger ist als die noch zu erwartende Zukunft. Richtig Sorgen mache ich mir eigentlich um die Welt, in der unsere neun Enkelkinder in 50 Jahren leben werden. Das betrifft unsere vier Kinder dann auch nicht mehr.
»Diese außenpolitischen Irrwege müssen gestoppt werden«
De Lapuente: In Ihrem Buch fällt auf, dass Sie über das Alter nicht klagen wollen. Im Gegenteil: Vieles betrachten Sie mit einer gehörigen Portion Humor. Sie strahlen auch im persönlichen Umgang eine gewisse Gelassenheit aus. Ist das das Produkt der Lebenserfahrung? Und wie schwer fällt Ihnen die Betrachtung der Weltereignisse, bei denen Gelassenheit nun wahrlich kaum zum Vorschein kommt?
Hübschen: Ganz schön weise diese Frage … Lebenserfahrung ist ja immer Plus und Minus. Plus ist, dass sich häufig vieles wieder zum Guten wendet, wenn man schon nicht mehr damit gerechnet hat. Ich denke, in der Politik war es die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes, aber auch im privaten Bereich hat sich die Sichtweise bewährt, eine Tasse immer als halbvoll zu betrachten und nicht als halb leer. Aktuell fällt mir dieses Prinzip im Zusammenhang mit der Weltlage allerdings zunehmend schwerer, also ein Minus, wenn man so will.
De Lapuente: Was sind die Gründe des Schwindens Ihrer Zuversicht?
Hübschen: Dafür nur drei Begründungen. Erstens: Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ein Mann wie Donald Trump Präsident der USA werden würde und dass die Politiker »des Westens« so wenig Selbstbewusstsein und vor allen Dingen auch keine Ideen haben, darauf angemessen zu reagieren. Zweitens: Ich hätte auch nicht geglaubt, dass deutsche Politiker noch 80 Jahre nach dem Holocaust nicht den politischen Mut haben, gegenüber den Verbrechen israelischer Politiker klare Kante zu zeigen, obwohl das mit Antisemitismus nichts zu tun hat. Drittens: Ich hätte auch nicht geglaubt, dass deutsche Politiker, Völkerrechtsbrüchen mit einer solchen Doppelmoral begegnen und ihre Position davon abhängig machen, ob es sich um befreundete Staaten handelt oder nicht. Dazu kommt die Kurzsichtigkeit, eigentlich sogar die unvorstellbare Dummheit, mit einem Politiker, in diesem Fall dem russischen Präsidenten, überhaupt nicht mehr zu reden und damit jede diplomatische Beendigung eines Kriegs auszuschließen.
De Lapuente: Sie gehören einer Generation an, die ein zerstörtes Land übernommen und schließlich ein vergleichsweise wohlhabendes und friedliches Land an ihre Kinder weitergegeben hat. Wie sehr schmerzt es Sie, dass diese Hinterlassene so leichtfertig gefährdet wird?
Hübschen: Eine konkrete Gefahr sehe ich noch nicht …
De Lapuente: Die Außenpolitik ist die Gefahr, die ich meine …
Hübschen: Ja, diese außenpolitischen Irrwege müssen gestoppt werden. Und innenpolitisch muss viel mehr gemacht werden, damit sich die deutsche Bevölkerung die Aussage des ermordeten amerikanischen Präsidenten Kennedy zu eigen macht: »Frag nicht, was Dein Land für Dich tun soll, sondern was Du für Dein Land machen kannst.«
»Eine Militäroperation ohne Diplomatie ist letztlich wie ein Orchester ohne Instrumente«
De Lapuente: Was meinen Sie damit?
Hübschen: Das ist eigentlich die Umkehr einer Feststellung des Alten Fritz, der mal gesagt hat: »Diplomatie ohne Waffen ist wie ein Orchester ohne Instrumente.« Er hat damit gemeint, dass man für den Fall der Fälle über militärische Mittel verfügen muss, um der Diplomatie Nachdruck zu verleihen. Militärische Gewalt und Diplomatie sind zwei Seiten derselben Münze. Eine Lösung wird letztlich immer am Verhandlungstisch gefunden.
De Lapuente: Auffällig ist, dass sich heute etliche ehemalige – auch hochrangige – Soldaten besonders nachdrücklich für Diplomatie und Verhandlungen einsetzen. Ist das Zufall – oder sieht jemand, der das Militär von innen kennt, die Grenzen militärischer Macht klarer als andere?
Hübschen: Das ist sicherlich ein Grund. Ein weiterer ist, dass Soldaten wissen, wie bereits gesagt, was Krieg für eine Sch… ist. Zusätzlich haben Soldaten immer die Sorge – und zwar aus schlechter Erfahrung –, dass die Politik häufig überhaupt keine Strategie entwickelt hat, wie der Krieg beendet werden kann oder – besser ausgedrückt- wie der Frieden danach aussehen soll. Aktuellstes Beispiel für mich ist der amerikanische Krieg gegen den Irak in 2003, der ein zerstörtes und politisch instabiles Land zurückgelassen hat, aus dem erst jetzt nach 23 Jahren die letzten US-Soldaten abgezogen wurden.
De Lapuente: Wenn ehemalige Militärs vor einer Eskalation warnen, wird ihnen gelegentlich vorgehalten, sie argumentierten mit einem überholten Verständnis von Abschreckung und Sicherheit. Hat sich die Logik des Krieges tatsächlich verändert – oder werden heute lediglich alte Erkenntnisse über seine Grenzen verdrängt?
Hübschen: Nein die Logik des Krieges hat sich nicht geändert. Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der Kriege entstehen können. Umfangreiche Aufmärsche von Bodentruppen sind nicht mehr erforderlich, um eine militärische Operation zu beginnen. Auch Flugzeuge müssen vorher nicht mehr startklar gemacht oder Abschussrampen für Raketen bestückt werden. Drohnen und »Cyber War« sind die neuen »Kriegsauslöser« in Echtzeit, so dass es einer Eskalation gar nicht mehr unbedingt bedarf.
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seit ich mich auf die Musterung vorbereitete bin ich Pazifist und habe das
nie ernsthaft in Frage gestellt, wobei ich aber tatsächlich oft zur Axt hätte
greifen können – Gott sei dank war da dann nie eine.
Aber das ist bei mir auch eine ziemlich starrsinnige Anlage des Characters,
die andere Menschen nicht besitzen, Herr Hübschen aber sehr wohl.
Er kämpft wohl für Werte die ich nicht für schützenswert halte.